Unsere Spuren im Netz - DIE ZEIT - E-Book
Beschreibung

Unser Leben verwandelt sich zunehmend in einen Datensatz: Wir lesen und telefonieren digital, treffen Freunde im Netz, gehen online einkaufen. Jede dieser Aktivitäten erzeugt einen digitalen Abdruck, der von Firmen und Behörden analysiert und gespeichert wird. Der vor kurzem aufgedeckte NSA-Skandal zeigt, dass unser Recht auf Privatsphäre und Datenschutz dabei häufig nicht respektiert wird. In diesem E-Book erklären DIE ZEIT-Autoren, wie das Datensammeln im Netz funktioniert, was sich hinter dem Begriff Big Data verbirgt und welche praktikablen Alternativen es zu Google & Co. heute gibt. Inklusive der ZEIT-Serie »Denn sie wissen, was du tust« vom Oktober 2013 und vielen weiteren aktuellen Artikeln zum Thema Datensicherheit im Netz.

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Einleitung

Unser Leben verwandelt sich zunehmend in einen Datensatz: Wir lesen und telefonieren digital, treffen Freunde im Netz, gehen online einkaufen. Jede dieser Aktivitäten erzeugt einen digitalen Abdruck, der von Firmen und Behörden analysiert und gespeichert wird. Der vor kurzem aufgedeckte NSA-Skandal zeigt, dass unser Recht auf Privatsphäre und Datenschutz dabei häufig nicht respektiert wird.

In diesem E-Book erklären die ZEIT-Autoren, wie das Datensammeln im Netz funktioniert, was sich hinter dem Begriff Big Data verbirgt und welche praktikablen Alternativen es zu Google & Co. heute gibt. Inklusive der ZEIT-Serie »Denn sie wissen, was du tust« vom Oktober 2013 und vielen weiteren aktuellen Artikeln zum Thema Datensicherheit im Netz.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

ZEIT-Serie »Denn sie wissen, was du tust«: Das Recht auf Vergessen Der EU-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht kämpft für mehr Datenschutz in Europa. Erika Mann, Lobbyistin von Facebook, will ihn daran hindern. In dem harten Machtspiel geht es um die Frage: Wem gehören die Spuren, die wir im Internet hinterlassen?

Soziale Netzwerke: Vertrauen ist besser Wer kontrolliert den Datenschutz bei Facebook und Co.? Eine kleine Behörde in Irland. Warum gerade dort? Eine Erkundung

ZEIT-Serie »Denn sie wissen, was du tust«: »Ihr habt diese verrückten Gesetze« Der Hacker Harper Reed verhalf Barack Obama 2012 mit Wähleranalysen zum Sieg und findet die Deutschen beim Datenschutz hysterisch

ZEIT-Serie »Denn sie wissen, was du tust«: Aufnahme läuft Welche Forschungsvorhaben zur Überwachung fördert die EU? Was bedeuten diese Projekte für unsere Privatsphäre? Ein Blick ins Panoptikum

Geheimdienste: Jäger im Datendschungel Viele haben jetzt Angst vor der totalen Überwachung. Doch was wissen die Geheimdienste wirklich?

Überwachung: Die Profiteure Amerikanische Geheimdienste haben die Spionage privatisiert – eine ganze Industrie verdient an der Überwachung und Ausforschung

ZEIT-Serie »Denn sie wissen, was du tust«: Die Tasche, der Trichter und ich Mit ausgefeilten Methoden sammeln Internetfirmen Daten über uns. Ein Selbstversuch

Big Data: Wer hebt das Datengold? Motorenhersteller, Supermärkte, Gebrauchtwagenhändler: Wie es Unternehmen inzwischen gelingt, aus der Informationsflut im Netz großen Profit zu schlagen

Kaufverhalten: Oma will kein Megapack Die britische Supermarktkette Tesco wertet massenhaft Daten über die Verbrauchsgewohnheiten ihrer Kunden aus – um sie besser zu bedienen und seltener zu nerven

Kundendaten: Die Besserwisser Acxiom hortet Informationen über 300 Millionen Amerikaner und bereits 44 Millionen Deutsche. Aber was genau macht das Unternehmen damit?

Alternativdienste: Das neue Internet Kommt man ohne Google, Facebook und YouTube klar? Kein Problem: Wer seine Daten den umstrittenen Internet-Giganten nicht aushändigen will, findet inzwischen Alternativen – ohne Sicherheitsrisiko.

Künstliche Intelligenz: Die dummen Diener

ZEIT-Serie: Denn sie wissen, was du tust

Das Recht auf Vergessen

Der EU-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht kämpft für mehr Datenschutz in Europa. Erika Mann, Lobbyistin von Facebook, will ihn daran hindern. In dem harten Machtspiel geht es um die Frage: Wem gehören die Spuren, die wir im Internet hinterlassen?

VON MARTIN KOTYNEK UND ROBERT LEVINE DIE ZEIT, 02.10.2013 Nr. 41

Während über Brüssel die Sommersonne scheint, hängt Jan Philipp Albrecht müde auf dem Sofa in der Ecke seines Büros im achten Stock des Europaparlaments. Vor ihm liegt sein Gesetz, zerteilt in viele Stapel Papier. Es ist eines der wichtigsten politischen Vorhaben der Europäischen Union. Und jetzt, Anfang Juni 2013, fürchtet Jan Philipp Albrecht, es könnte scheitern.

Seit anderthalb Jahren arbeitet der Grünen-Abgeordnete an dem Gesetz, das im juristischen Sinne eine Verordnung ist, die Europäische Datenschutzverordnung. Das Parlament hatte ihn beauftragt, den Text dafür mit allen Fraktionen auszuhandeln, Wort für Wort. Eine einflussreiche Position, theoretisch.

Albrecht wollte verhindern, dass Algorithmen die Macht über unser Leben erlangen. Er wollte das beste Datenschutzgesetz der Welt schreiben. Aber jetzt beugt er sich über die Papierstapel und schimpft über »Scheißformulierungen«, die er in den Text schreiben muss. Diese ganzen Kompromisse werden sein Gesetz verwässern.

Albrecht ist in einem Zwiespalt: Er muss über die Parteigrenzen hinweg möglichst viele Abgeordnete des Europaparlaments überzeugen, für die Verordnung zu stimmen. Doch das schafft er nur, wenn er ihre Änderungswünsche berücksichtigt. Sie haben sehr viele Wünsche.

Vor allem einen Abschnitt soll er umschreiben: Artikel 17, das »Recht auf Vergessenwerden«. Es geht um die Frage, ob jeder Bürger selbst entscheiden kann, was im Internet über ihn gespeichert ist. Albrecht will das Recht der Europäer stärken, Daten, die Unternehmen von ihnen gesammelt haben, löschen zu lassen: Adressen, Telefonnummern, Informationen darüber, was jemand in eine Suchmaschine getippt oder bei einem Onlinehändler gekauft hat, wie er kommuniziert, reist – lebt. Jeder Mensch soll selbst über seine virtuelle Existenz bestimmen, nicht eine fremde Firma. Das ist Albrechts Ziel.

Abgeordnete aller Parteien haben den Artikel 17 jedoch mit mehr als hundert Änderungswünschen bedacht.

Der 30-jährige Albrecht ist der jüngste deutsche Europaabgeordnete, ein schmaler Mann mit Fusselbart. Er steht im Zentrum eines Machtkampfes, wie es ihn in dieser Härte in der Europäischen Union selten gegeben hat.

Seit dem Frühjahr verbringt Albrecht viel Zeit mit seinen Kollegen im Innenausschuss des Parlaments. Er muss mit einer britischen Liberalen, einem griechischen Sozialisten, einem britischen und einem deutschen Konservativen sowie einer deutschen Linkspolitikerin aushandeln, welche der Änderungswünsche sich am Ende in dem Text wiederfinden werden. Mehr als vierzig Treffen hatten sie bisher, aber sie haben sich noch immer nicht geeinigt.

Schon zweimal sollte das Europäische Parlament über einen Entwurf des neuen Regelwerks abstimmen. Zweimal musste der Termin verschoben werden. Wenn es nicht bald einen neuen gibt, wird es eng bis zur Europawahl im Mai 2014. Denn nachdem sich das Parlament auf einen Text festgelegt hat, muss es sich auch noch mit dem Ministerrat einigen, in dem die einzelnen Staaten vertreten sind. Erst dann kann die neue Verordnung in Kraft treten. Albrecht läuft die Zeit davon.

Internetkonzerne dringen immer tiefer in die Privatsphäre der Menschen ein. Sie beuten einen Rohstoff aus, mit dem sich Milliarden verdienen lassen: Daten. Wer im Netz unterwegs ist, hinterlässt digitale Spuren, egal, ob er mit seiner Kreditkarte einen Flug bucht, sich in einem Sozialen Netzwerk über Kindererziehung austauscht oder nach Informationen zum Thema Homöopathie sucht.

Unternehmen wie Google, Amazon und Facebook sammeln solche Daten und verarbeiten sie zu Wissen über die Menschen, von denen sie stammen. Dieses Wissen lässt sich verkaufen – für Werbung im Internet, die auf einzelne Personen zugeschnitten ist.

Wer sich etwa im Netz über Hotels in Miami informiert, wird bald Anzeigen für Reisen nach Florida auf den Schirm gespielt bekommen. Und das ist die simple Variante. Was das Geschäft mit persönlichen Daten zu einem Milliardenmarkt macht, ist die Möglichkeit, Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenzusetzen – zu einem plastischen Abbild der Wirklichkeit.

Ist eine Frau schwanger, schaut sie sich vielleicht im Netz nach Kinderkrippen um. Kombiniert mit Daten aus Melderegistern und den Beiträgen der werdenden Mutter in einem Sozialen Netzwerk, ergibt sich das Profil einer künftigen Kleinfamilie. Soziale Stellung? Geschlecht des Babys? Der Geburtstermin? Manche Firmen, die mit digitalen Daten handeln, wissen das alles.

»Statt das ungewollte Verbreiten meiner Daten zu verhindern, verkauft Facebook sie zu Werbezwecken« Jan Philipp Albrecht, Europaabgeordneter der Grünen

Je mehr die Menschen ihnen verraten, desto besser für Konzerne wie Facebook oder Google. Ihr ganzes Geschäftsmodell ist auf personalisierter Werbung aufgebaut.

Facebook vermarktet Plätze für Anzeigen, die nur zu sehen bekommt, wer häufig Frühstücksflocken für seine Kinder kauft oder sich wahrscheinlich demnächst einen Kleinwagen anschaffen wird.

Google verfügt über Programme, die die Nachrichten aller 425 Millionen Kunden des E-Mail-Dienstes Gmail auf die Konsuminteressen des Schreibers hin durchsuchen. Auch wer in der Google-Suchmaske nach einem Stichwort sucht, bleibt dabei nicht unbeobachtet. Inzwischen arbeiten die Experten des Unternehmens angeblich an einer Art Überwachungsprogramm, das jedem Nutzer eine Nummer zuweist und seinen Weg durch das Netz verfolgt. Egal, ob per Smartphone, Laptop oder Tablet-Computer, Google wüsste dann immer, wer was gerade sucht.

Unter den Datenschürfern herrscht eine Stimmung wie zur Zeit des Goldrausches. Der Umsatz des weltweiten Internetanzeigenmarkts stieg 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 16,2 Prozent auf 99 Milliarden Dollar. In den USA verdient Google inzwischen mehr mit Werbung als sämtliche gedruckten Zeitungen und Zeitschriften zusammen.

Die Utopie mancher Datensammler ist es, ihren Rohstoff nicht nur für Marketing zu nutzen. Wenn etwa jemand im Netz nach Kliniken für die Behandlung schwerer Depressionen sucht – wäre das nicht eine interessante Information für Anbieter von Berufsunfähigkeitsversicherungen? In den USA werden bereits Verzeichnisse gehandelt, auf denen die Namen von Menschen stehen, die offenbar an einer bestimmten Krankheit leiden, zu 26 US-Cent pro Einzelschicksal. In Deutschland wollte im vergangenen Jahr die Wirtschaftsauskunftei Schufa auf Profile von Facebook und Twitter zugreifen, um die Kreditwürdigkeit der Bundesbürger besser beurteilen zu können. Erst nach Protesten rückte sie davon ab.

Die gesetzlichen Regeln für den Datenmarkt in Europa sind veraltet, sie stammen aus dem Jahr 1995 – einer Zeit, als man sich noch mit tutenden Modems ins Netz einwählte, als Google noch nicht existierte und der spätere Facebook-Gründer Mark Zuckerberg elf Jahre alt war. Unter Datenschutz verstand man damals den Schutz der Angestellten vor den Vorgesetzten und den der Bürger vor dem Staat.

Von Unternehmen und ihren Kunden war nicht die Rede. Es waren, rückblickend betrachtet, einfache Zeiten.

Jan Philipp Albrecht ist nur ein Jahr älter als Zuckerberg. Wie der trägt auch Albrecht bei der Arbeit gern T-Shirt, er verbirgt es jedoch unter einem abgenutzten Cordjackett.

In seiner Freizeit tourt Albrecht mit einem klapprigen VW-Bus aus dem Jahr 1969 durch Europa. Der Bus schafft nur 90 Kilometer pro Stunde. Das ist Absicht, Albrecht will sich selbst ausbremsen, damit ihn andere Fahrer überholen. Er will langsamer leben.

Was Albrecht nicht will, ist eine Zukunft, in der einzig das technisch Machbare die Geschwindigkeit vorgibt, ungebremst durch Regeln aus der analogen Welt. Er spricht von staatlichen Behörden, die schon heute Meldedaten zu Werbezwecken weitergäben, und von Internetfirmen, die Unsummen mit dem Missbrauch von Nutzerprofilen verdienten. »Fast jedes Unternehmen und fast jede Behörde bricht die Datenschutzgesetze.«

Ein starker Vorwurf. Ihn zu belegen ist nicht leicht, da die derzeit gültigen, veralteten Regeln so unklar sind, dass niemand genau sagen kann, was erlaubt ist und was nicht. Es gibt in Europa kein einheitliches Gesetz zum Datenschutz, nur jene Richtlinie von 1995, die jedes Land in eigenes Recht gegossen hat.

Viele amerikanische Konzerne nutzen das aus: Sie gründen ihre Tochterfirmen in jenen europäischen Staaten, die ihrem Geschäftsmodell wenig entgegensetzen. So kommt es, dass die Einträge eines Deutschen auf Facebook nicht den deutschen Regeln unterliegen. Sondern denen im Datenparadies Irland.

Dagegen kämpft Albrecht an. Er will, dass überall in Europa die gleichen, strengen Paragrafen gelten. »Auf der Straße gilt ja auch nicht das Recht des Stärkeren«, sagt er. Das Auto wurde erfunden, es setzte sich durch, dann wurden Vorschriften erlassen, Stoppschilder aufgestellt. So sollte es auch beim Datenverkehr sein, findet Albrecht.

Er hat nichts dagegen, Spuren im Netz zu hinterlassen, er ist sogar selbst auf Facebook. Albrecht nutzt das Soziale Netzwerk, um sich als Politiker darzustellen. Auf den Fotos, die er hochlädt, sieht man ihn bei Demonstrationen, auf Reisen im Ausland.

Aber ihm gefällt nicht, dass Internetkonzerne solche Daten verarbeiten oder weitergeben, zum Beispiel an Werbefirmen oder Versicherungen. Sie sollten ausdrücklich um Einverständnis bitten müssen, findet er. Nutzungsbedingungen, die heute fast jeder ungelesen akzeptiert, sollten verständlicher werden. Und jeder, der mal ein Foto von sich ins Netz gestellt hat, sollte es wieder löschen können, falls dieser Wunsch nicht die Meinungsfreiheit anderer Menschen berühre – etwa eines Bloggers, der das Bild verbreitet und darauf hinweist, dass es einen Politiker im Gespräch mit einem Lobbyisten zeigt.

Dies sind einige der wichtigsten Verkehrsregeln, mit denen Albrecht die Machtverhältnisse im Netz in die Balance bringen will. Firmen, die sich nicht daran halten, sollen zu Strafen von bis zu zwei Prozent ihres Jahresumsatzes verurteilt werden können.

Albrecht legt sich mit den Giganten des Internets an, mit Amazon, Google, Facebook.

»Wenn jemand Ihre Partyfotos woanders veröffentlicht – wie soll Facebook dafür sorgen, dass sie dort gelöscht werden?« Erika Mann, Chefin des Lobbybüros von Facebook in Brüssel

An einem Sonntagnachmittag im Juni, als sich bereits abzeichnet, dass Albrecht festhängt mit seinem Textentwurf, dass das Europaparlament also vor der Sommerpause nicht mehr über das neue Gesetz abstimmen wird, da besteigt Erika Mann gut gelaunt den Schnellzug von Brüssel nach Paris.

Am nächsten Tag muss sie bei einem Treffen der Internationalen Handelskammer sein, es geht um die weltweite Vergabe von Internetadressen. Auf dem Weg in die erste Klasse zieht sie ihr Rollköfferchen hinter sich her, unter ihrem Arm klemmt ein Stapel Papier. Erika Mann ist 62 Jahre alt und trotz ihres unauffälligen Hosenanzugs eine präsente Erscheinung. Das Zugpersonal hält ihr wie selbstverständlich die Abteiltüren auf.

Erika Mann ist Facebooks oberste Lobbyistin in Europa. Sie ist Mark Zuckerbergs Vertreterin in Brüssel. Dass Albrechts Gesetz immer noch nicht fertig ist, liegt auch an ihr.

Mann war 15 Jahre lang SPD-Abgeordnete im Europaparlament. Sie hat sich damals vor allem mit Telekommunikationsgesetzen und Technologiefragen beschäftigt sowie mit der Handelspolitik zwischen Europa und den USA – »Erika Miss America«, das war ihr Spitzname bei den Kollegen. Mann kennt sich aus in der Brüsseler Bürokratie. Auf ihrer Visitenkarte steht »politisches Tier«.

Am Abend nach der Zugfahrt sitzt Mann in einem Restaurant am Pariser Gare du Nord und spricht über ihre Lobbyarbeit und ihre positive Haltung zum Datensammeln. Sie weicht keiner Frage aus und antwortet ohne lange Pausen in druckreifen Sätzen, das Gespräch dauert mehrere Stunden.

»Die Menschen haben heute kein Problem damit, mehr von sich preiszugeben, sie sind offener.« Dieser Satz stammt nicht von Erika Mann, sondern von Mark Zuckerberg. Der Gründer von Facebook hält Privatheit für ein Auslaufmodell. Wenn es aber um Politik geht, setzt sein Unternehmen eher auf Verschlossenheit: Kaum etwas von dem, was Erika Mann im Gespräch sagt und die ZEIT veröffentlichen will, geben die Facebook-Presseleute später als Zitat frei.

Erika Mann arbeitet seit November 2011 für Zuckerberg. Facebook brauchte damals dringend eine Lobbyistin in Brüssel, es zeichnete sich bereits ab, dass Europa neue und einheitliche Regeln für den Datenschutz bekommen würde. Die komplizierte Brüsseler Maschinerie war angesprungen: Die Europäische Kommission diskutierte über ein Konzept für das neue Regelwerk. Auf Basis dieser Skizze würde sich dann das Parlament auf einen Gesetzestext einigen.

Als Erika Mann ihren ersten Arbeitstag bei Facebook hat, ist das Konzept der EU-Kommission schon in Arbeit. Rund zwei Monate später, am 25. Januar 2012, stellt es die Justizkommissarin Viviane Reding der Öffentlichkeit vor. Während Reding ans Mikrofon tritt, hinter sich die blaue Europafahne mit den zwölf gelben Sternen, sitzt Erika Mann in ihrem neuen Büro und verfolgt die Pressekonferenz der Kommissarin am Computerschirm.

»Ladies and Gentlemen«, sagt Reding, »we have done it.« Dann verkündet sie, dass der EU-Kommission eine umfassende Reform des Datenschutzes vorschwebe. 72 Prozent der Europäer, sagt Reding, fürchteten den Missbrauch und Weiterverkauf ihrer persönlichen Daten. »Die Bürger sind sehr besorgt.«

Die Hände der EU-Kommissarin ziehen an diesem Tag viele klare Linien durch die Luft. Reding spricht über das Recht auf Vergessenwerden, sie sagt: »Persönliche Daten gehören der Person.« Mehrere Male wiederholt sie diesen Satz. Es hört sich an, als sei alles sehr einfach.