Unter Toten 2 - D.J. Molles - E-Book

Unter Toten 2 E-Book

D.J. Molles

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Beschreibung

Überleben unter Untoten

Captain Harden, der einzige Überlebende seiner Spezialeinheit, sieht sich menschenfressenden Zombiehorden gegenüber. Sein Befehl: Nach Überlebenden suchen und wenn möglich eine neue Zivilgesellschaft aufbauen. Doch auch unter den wenigen noch lebenden Menschen ist das Überleben eine Herausforderung. Misstrauen, Gewalt und Verzweiflung setzen seiner kleinen Schar zu, aber noch hat Harden die Hoffnung nicht aufgegeben …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 525

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Das Buch

Im Kampf gegen die Horden von menschenfressenden Infizierten konnte sich Captain Lee Harden gerade noch in eins der letzten Camps retten. Camp Ryden ist jedoch nicht der sichere Hort, den er für sich und seine Begleiter erhofft hatte – das Lager der Überlebenden hat so gut wie gar keine Nahrungsmittel mehr. Und die Menschen sind Neuankömmlingen sehr misstrauisch gegenüber. Harden lässt sich auf einen Deal ein: Er besorgt aus seinem Bunker Vorräte und Waffen, und die Bewohner von Camp Ryden nehmen ihn auf. Doch es gibt noch ein Problem: Zwischen ihm und dem Bunker lauert eine Bander skrupelloser Verbrecher. Und eine Horde von Tausenden Zombies …

Der Autor

D. J. Molles hat mit seiner Romanserie Unter Toten einen internationalen Überraschungserfolg gelandet und schreibt bereits an weiteren Romanen. Er ist verheiratet und lebt im Südosten der USA.

www.twitter.com/HeyneFantasySF

D. J. MOLLES

UNTERTOTEN2

Roman

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der Originalausgabe

Aftermath – The Remaining Book 2

Deutsche Übersetzung von Wally Anker

Deutsche Erstausgabe 4/2015

Redaktion: Sven-Eric Wehmeyer

Copyright © 2012 by D. J. Molles

Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Animagic, Bielefeld

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-11441-1

Für meine wundervolle Frau – den besten Menschen,

den ich kenne. Und für Chris Adkins,

einen wahren Weiganden-Dichter. Vielen Dank für alles.

1

Camp Ryder

Wer sind die wahren Opfer?

Die Infizierten oder die Überlebenden?

Schüsse perforierten die Dunkelheit von Lees Träumen und rissen ihn jäh aus dem Schlaf.

Er setzte sich in seinem Bett auf. Um ihn herum herrschte beinahe undurchdringliche Finsternis. Seine schlafblinden Augen kämpften darum, Konturen in den verschwommenen Bildern seiner Umgebung auszumachen. Im Halbschlaf beschwor er die letzte von Schüssen und tiefem Dunkel geprägte Erinnerung herauf. Das Treppenhaus der Petersons. Die Luft von Schießpulvernebel geschwängert. Der Gestank der Infizierten.

Ihm stockte der Atem. Das Grauen hämmerte unaufhörlich in seinem Hinterkopf. Etwas Fürchterliches war im Haus der Petersons geschehen. Etwas Entsetzliches, Unumkehrbares …

Jack war gebissen worden!

Nein. Das ergab keinen Sinn.

War Jack nicht schon längst tot?

Er schüttelte den Kopf, um die Bilder des Treppenhauses der Petersons aus seinem Kopf zu kriegen, wollte sich nicht mehr daran erinnern, wie Jack voller Blut im Schlafzimmer lag. Er wusste, dass er sich jetzt nicht im Haus der Petersons befand. Nein, er war … irgendwo anders. Irgendwo, wo es sicher ist, dachte er. Aber vielleicht doch nicht mehr so sicher, denn draußen höre ich Schreie und Schüsse.

Eine weitere Feuersalve hallte durch die Nacht. Es klang sehr nah.

Adrenalin schoss durch seine Adern, und sein Herz begann heftig zu pochen.

Immer mit der Ruhe. Schätze erst mal die Lage ein. Versuche dich zu erinnern.

Versuche dich zu erinnern, was zum Teufel du hier verloren hast.

Er besann sich, blickte sich um und verarbeitete das Gesehene.

Um ihn herum herrschte nicht die völlige Dunkelheit, von der er anfangs ausgegangen war. Ein Windlicht leuchtete schwach in einer Ecke und erhellte die gewellten Wände aus Stahl. Er war splitterfasernackt, lediglich ein weißes Laken bedeckte ihn von den Füßen bis zur Hüfte. Er lag auf einer Pritsche in einer Art Container. Die Schmerzen in seinem Rücken trieben ihn fast in den Wahnsinn, aber er konnte sich nicht mehr erinnern, wie er sie sich zugefügt hatte. Seine Zunge fühlte sich dick und teigig an. Und er war unbewaffnet.

Wo zum Teufel ist meine Knarre?

Von draußen drang das Heulen von Tango an Lees Ohren.

Tango!, dachte er und sprang beinahe vom Bett auf, hielt aber inne, als das Geräusch nachhallte. Da stimmt etwas nicht. Das hört sich gar nicht wie Tango an. Das Heulen verstummte und machte einem kehligen Knurren Platz, das allerdings nicht so klang, als ob es von einem Hund stammte. Nein, das war ein Mensch.

Auf jeden Fall nicht Tango.

Denn auch er war tot.

Plötzlich fiel ihm alles wieder ein. Die Erinnerungen überfluteten ihn wie ein Tsunami. Tango war tot. Jack war tot. Er hatte seine Waffe in Timber Creek verloren. Jemand namens Milo hatte sie überfallen. Lee war durch ein mit Brettern verschlagenes Fenster gekrochen, und die Nägel hatten seinen Rücken aufgerissen. Die beiden Typen mit den Kopftüchern hatten ihm, Angela, Abby und Sam mit ihren Molotowcocktails das Leben gerettet, und zusammen hatten sie es gerade noch bis zum Camp Ryder geschafft …

Die Überlebenden. Camp Ryder. Gab es nicht einen drei Meter hohen Zaun um das ganze Gelände? Wie verdammt nochmal sind die Infizierten überhaupt hier reingekommen? Das eben war eine der Kreaturen gewesen, dessen war er sich sicher. Und wer schoss auf sie? Die Fragen überstürzten sich in seinem Kopf.

Ich kann hier nicht einfach rumliegen, dachte er. Ich muss mich zusammenreißen.

Er zog sich das weiße Laken vom Körper, stand auf und stolperte unsicher durch die Gegend, bis ein Schwindelanfall ihn einholte. Die Fragen schossen ihm noch immer durch den Kopf, aber er fand im Augenblick einfach keinerlei Antworten. Seine Gedanken bildeten ein wirres Knäuel. Nichtsdestotrotz gab es zwei Dinge, die sich langsam aber sicher in den Vordergrund drängten: Er brauchte eine Waffe – alles war besser als seine bloßen Hände –, und er musste unbedingt aus diesem Container raus. Jetzt trieb ihn sein Instinkt an, und die beiden Gedanken verwandelten sich in absolute Notwendigkeiten, ohne die er nicht weiterzuleben vermochte. Sie waren für ihn genauso vonnöten wie die Luft zum Atmen.

Dann wieder ein Heulen, aber diesmal ertönte es nur wenige Meter vom Container entfernt.

Aus einem Jagdgewehr explodierte ein Schuss, und der Schrot prallte gegen die stählerne Containerwand.

Taschenlampen warfen ihre Lichtkegel gegen die Wand und ließen den zittrigen Schatten eines Mannes auf den Boden fallen, der direkt auf Lee zustürmte. Die Bewegungen waren unverkennbar wild und animalisch.

Eine kleingewachsene, aber kräftige Gestalt erschien hinter einer Ecke des Containers, um kurz darauf von einer weiteren Ladung Schrot aus der Flinte getroffen zu werden. Ihre Beine gaben nach, als ob man ihr den Teppich unter den Füßen weggezogen hätte. Der Infizierte schlug hart mit dem Rücken auf den Boden und versuchte trotz seiner Verletzungen, wieder aufzustehen. Seine weit aufgerissenen Augen glänzten fiebrig in den Strahlen der Taschenlampen, während sein zerfetztes rechtes Bein, von den verletzten Muskeln angetrieben, unkontrolliert in verschiedene Richtungen zuckte. Das Ding fiel erneut, zischte laut auf, schob sich dann den Boden entlang auf Lee zu und hinterließ auf der Erde eine breite Spur aus Blut.

Wie ein Auto mit kaputtem Getriebe schaffte Lee es endlich, einen Gang einzulegen. Er stürzte sich auf den Tisch voller medizinischer Gerätschaften. Er war sich zwar nicht sicher, was genau er dort vorfinden würde, aber wenn ihm irgendetwas in diesem Container als Waffe dienen könnte, dann lag es auf diesem Tisch. Er wischte mit der Hand über die Oberfläche wie ein Blinder, stieß dabei ein Metalltablett mitsamt Skalpells und in Alkohol desinfizierten Pinzetten zu Boden. Das Tablett schepperte, und die Gerätschaften verteilten sich in alle Himmelsrichtungen. Er wollte sich schon ein Skalpell schnappen, aber ein Schnitt würde nicht sonderlich tief ins Fleisch eindringen, und in Anbetracht der Tatsache, dass die Infizierten Fleischwunden kaum registrierten, entschied er sich, dass er eine Waffe mit mehr Durchschlagskraft benötigte.

Lee entschied sich für das Schwerste, das er in den Händen halten konnte – ein großes Mikroskop, das sich anfühlte, als wäre es aus Eisen gegossen. Er drehte sich rasch in Richtung des Infizierten um und sah, dass dieser bereits in den Container gerobbt war und gerade nach Lees Beinen griff. Lee schrie vor Überraschung laut auf, wich zurück, nahm das Mikroskop am Okular und schlug es mit aller ihm zur Verfügung stehenden Wucht auf den Kopf seines Angreifers. Der schwere Sockel traf auf den Schädel und verursachte ein feuchtes Geräusch, als er den Knochen eindrückte.

Der Wahnsinnige lag auf dem Boden und rang laut keuchend nach Luft. Er verdrehte die Augen gen Himmel und begann krampfhaft zu zucken. Der Anblick drehte Lee augenblicklich den Magen um. Er blieb für einige hektische Herzschläge lang wie angewurzelt stehen und starrte auf die Kreatur zu seinen Füßen, ehe er erneut ausholte. Der Schlag traf seinen Angreifer an der Schläfe. Seine Augäpfel traten hervor, und die Schädeldecke wurde zu einer merkwürdigen, trichterartigen Form zerdrückt.

Lee schluckte den Gallensaft wieder hinunter, der ihm in den Rachen stieg, ließ das Mikroskop fallen und trat zögernd einen Schritt zurück. Er versuchte Luft zu schöpfen, während sein Puls zu rasen begann. Der Schmerz in seinem Rücken war zumindest für wenige Sekunden vollkommen zweitrangig gewesen, kehrte jetzt aber in einer Welle aus explodierendem Kerosin zurück.

Er taumelte Richtung Bett, schaffte es aber nicht, verlor den Halt, fiel auf die Knie und stützte sich mit den Händen ab. Er spürte, wie sein Magen gegen alles rebellierte, was sich in ihm befand. Plötzlich liefen warme Brocken seine Arme hinab. Lee ließ den Kopf hängen, keuchte nach Luft und übergab sich erneut.

Hinter ihm ertönten laute Schritte.

Obwohl es Lee extrem dreckig ging, war er noch immer in Alarmbereitschaft. Blitzschnell drehte er sich um und schwang beide Fäuste in Richtung des sich nähernden Geräuschs.

»Hey! Whoa!«

Lee richtete die Augen auf das Gesicht, das sich zu ihm hinabbeugte.

Ein breites Gesicht mit einem dichten Bart. Ein Mann. In der einen Hand hielt er einen Colt 1911, mit der anderen ergriff er Lees Schulter und schüttelte ihn sanft. »Können Sie aufstehen?«

Lee wischte sich das Erbrochene von den Lippen und versuchte sich an den Namen des Mannes zu erinnern. »Äh … Bus?«

»Ja.«

Plötzlich wurde Lee bewusst, dass er noch immer nackt war. Er stand schwankend auf. Bus griff ihm sofort unter die Arme. »Kann ich eine Hose kriegen?«

Der große Mann deutete auf das Fußende von Lees Bett, auf dem ein Stapel fein säuberlich zusammengelegter Kleidung lag. Auf dem Boden standen Lees alte Bates-M6-Stiefel. »Mehr haben wir auf die Schnelle nicht zusammengebracht.«

Lee nickte, ging zum Bett, wobei er vorsichtig die Pfütze seines Erbrochenen mied – Reis und Bohnen. Plötzlich konnte er sich wieder erinnern. Auf dem Bett lagen eine kurze Turnhose und ein grünes T-Shirt mit einem gelben Smiley auf der Brust. Das war zwar nicht zu vergleichen mit seiner vertrauten Tarnhose und dem dazugehörigen T-Shirt, aber zumindest hatte er seine Stiefel wieder. Die raue Realität der letzten vier Tage hatte ihn in seiner Meinung bestärkt, dass es keine besseren Stiefel auf der Welt gab.

Als er sie anziehen wollte, merkte er, dass jemand seinen GPS-Empfänger in einen der Schäfte gesteckt hatte. Ehe Doc und Jenny seinen Rücken wieder zusammenflickten, hatten sie versucht, ihm den Empfänger abzunehmen, was Lee natürlich nicht zuließ. Entweder hatte er ihn fallenlassen, und sie waren freundlich genug gewesen, ihn ihm wiederzugeben, oder sie hatten ihn ihm im Schlaf entwendet. Wie auch immer, die Tatsache, dass er jetzt wohl geborgen in seinem Stiefelschaft lag, diente nur dazu, sein Vertrauen in diese Fremden weiter aufzubauen. Er hatte einen einfachen Wunsch geäußert, und sie hatten ihn sich zu Herzen genommen.

Ein junger Mann mit einer großen Flinte in der Hand erschien im Eingang zum Container. Er war zwar spindeldürr, besaß aber ein rundes, jungenhaftes Gesicht und einen blonden Schopf, der seinen Kopf gleich einem Heiligenschein umgab. Trotz seines Milchgesichts schätzte Lee ihn auf zwanzig Jahre. Als er hereintrat, blickte er erst Lee an und dann Bus, ehe er die Überreste dessen, was einst ein Mensch war, auf dem Boden bemerkte.

»Verdammte Scheiße …«

Lee schlüpfte in die Turnhose und wandte sich dann an Bus: »Wie sind sie reingekommen?«

»Nehme an, dass sie ein Loch im Zaun gefunden haben. Oder vielleicht haben sie selbst eins hineingeschnitten; das sind die beiden Möglichkeiten, die mir in den Kopf kommen.« Dann drehte er sich zu dem jungen Mann und meinte: »Josh, gib Captain Harden deine Pistole.«

Josh zog eine Ruger LCP aus seiner Gesäßtasche und reichte sie Lee. Es handelte sich um eine winzige Taschenpistole, die locker in Lees Handfläche passte. Für alles, was sich weiter als sechs Meter entfernt bewegte, war sie so gut wie wertlos. Gerade als Lee sie entgegennehmen wollte, zog Josh die Hand zurück und musterte ihn argwöhnisch – ein Ausdruck, der nicht zu seinen Gesichtszügen passte. »Die bekomme ich aber wieder zurück, oder?«

Lee hatte keine Ahnung und warf Bus einen fragenden Blick zu.

Bus zuckte mit den Achseln. »Ich werde Ihnen bald etwas Besseres besorgen. Aber erst einmal müssen Sie damit vorliebnehmen.«

»Dann gehe ich davon aus, dass ich sie nicht behalten werde«, sagte Lee zu Josh, der ihm jetzt die Pistole überreichte. Lee warf das Magazin aus und zählte die .380-Kaliber-Patronen. Es waren noch vier. Dazu kam eine im Lauf. Diese Waffe war nur im Nahkampf effektiv – aber immerhin war sie handlicher als das Mikroskop. Er schob das Magazin wieder in den Griff und stieg in seine Stiefel, nachdem er den GPS-Empfänger in der Tasche seiner Turnhose hatte verschwinden lassen.

»Ich glaube, wir haben sämtliche Infizierte ausgelöscht«, sagte Josh und vollführte eine ausladende Geste Richtung Camp Ryder.

Bus schüttelte den Kopf. »Dessen können wir uns nicht sicher sein. Sag allen Bescheid, dass sie zum Platz kommen sollen.«

»Wird gemacht«, erwiderte Josh, drehte sich um und verschwand im Dunkeln.

Bus musterte Lee. »Alles klar mit Ihnen? Sie wurden nicht gebissen?«

Lee untersuchte sich rasch, ehe er antwortete. »Nein. Mir ist nichts passiert.«

»Dann mal los.«

Lee folgte dem Riesen im Laufschritt aus dem Container. »Was ist dieser ›Platz‹, und warum sollen die Leute sich versammeln?«

»Das ist nicht das erste Mal, dass wir angegriffen werden«, entgegnete Bus kryptisch.

Lee wusste darauf keine Antwort und akzeptierte Bus’ Worte einfach, wie man unsinnige Fakten in wilden Träumen mangels Alternativen als Tatsachen akzeptierte. Außerdem hatte Lee das Gefühl, dass er den Sinn hinter diesem Satz schon bald herausfinden würde. Er freute sich bereits auf den bevorstehenden Schnellkurs über Camp Ryders Verteidigungsmaßnahmen.

Merkwürdigerweise verspürte Lee keinerlei Unbehagen bei dem Umstand, Befehle von anderen entgegenzunehmen. Während der letzten vier Tage ging es nicht nur um sein Überleben, sondern um das seiner kleinen Gruppe: Angela, Abby und Sam und bis vor Kurzem noch Jack und Tango. Sie alle hatten auf ihn gezählt, sich auf ihn verlassen. Jetzt aber war Bus das Alphatier, der Mann mit einem Plan, und die fehlende Verantwortung kam Lee vor, als ob er einen fünfzig Kilo schweren Rucksack abgeworfen hatte. Er kannte Bus nicht gut genug, um dem Mann hundertprozentig zu vertrauen, aber immerhin hatte er sich bisher Lee gegenüber einwandfrei verhalten. Zudem besaß er etwas Hartes, Unverwüstliches – beides waren Eigenschaften, die Lee sehr schätzte.

Kaum war er aus dem Container getreten, konnte er den »Platz« schon ausmachen – eine Ebene aus Kies und Erde in der Mitte von Camp Ryder. Er erinnerte ihn an die Hauptstraße in einem alten Western, war aber viel schmaler. An seinen Seiten hatten die Bewohner aus allen erdenklichen Materialien Unterschlüpfe für sich und ihre Familien gebaut. Der Anblick, der sich Lee bot, glich dem von Barackenstädten, wie er sie aus Dritte-Welt-Ländern kannte.

Ich sollte mir nichts vormachen, dachte Lee benommen. Das ist eine Bretterbudenstadt. Und die Vereinigten Staaten sind jetzt ein Dritte-Welt-Land.

Langsam begann der Platz zum Leben zu erwachen – wie ein Ameisenhaufen, nachdem man mit dem Fuß die obere Schicht abgestreift hatte. Menschen in abgetragener Kleidung kamen aus alten Autos, Bretterbuden und Zelten hervor. Jeder hatte eine Taschenlampe oder eine Laterne in der einen Hand und eine Waffe in der anderen. Nur wenige besaßen Pistolen oder Gewehre, die meisten trugen Äxte, Schaufeln, Brechstangen oder Baseballschläger. Lee musste an einen Lynchmob denken. Vor seinem inneren Auge erschien die Meute, die sich aufmachte, um Frankensteins Monster zu jagen.

Sie rannten an Lee und Bus vorbei auf die Mitte von Camp Ryder zu, in der sie eine mit Steinen befestigte Grube ausgehoben hatten. Vielleicht eine Feuerstelle? Lee glaubte, Asche in ihrer Mitte zu sehen. Lee nahm an, dass das der »Platz« sein musste.

Plötzlich sprang ihm ein Gedanke in den Kopf. Er hielt an, reckte den Hals und suchte etwas in der Menge von Menschen, die sich in der Finsternis versammelt hatten. Als er es nicht fand, wandte er sich an Bus: »Wo sind Angela und die Kinder?«

Bus gab ihm mit einer Geste zu verstehen, weiterzugehen. »Josh hat allen gesagt, sich auf dem Platz zu sammeln. Die müssen also auch da sein.«

Auf dem Weg schnappte sich Bus einen Axtstiel, der gegen ein Zelt gelehnt war. Das Griffende war schmaler als der Kopf, an dem der metallene Kopf fehlte – eine nahezu perfekte Keule.

»Harris!«, rief Bus.

Ein Mann in der Menschenmenge blickte sich um.

»Captain Harden leiht sich für heute Abend deinen Axtstiel aus.«

Der Mann nickte und streckte einen Daumen in die Höhe.

Bus reichte Lee den Knüppel. Zu seinem Verwundern las er das Wort Hirntöter darauf.

Niedlich.

Lee zog den Bund der Turnhose fest und schob die Ruger LCP hinein. Bus stellte sich vor die versammelten Leute. Es sah aus, als ob er sie hastig zählte. Lee schätzte, dass ungefähr fünfzig versammelt waren – so viele, wie Bus am vorigen Abend erwähnt hatte. Als er seinen Blick über die Meute schweifen ließ, erkannte er weit hinten einen blonden Schopf. Im flackernden Schein einer Lampe sah er Angelas von Sorgen gezeichnetes Gesicht. Neben ihr standen zwei Kinder.

Plötzlich löste sich etwas in ihm. Eine Angst verließ ihn, von der er nicht gewusst hatte, dass sie überhaupt existierte. Er wollte ihnen schon etwas zurufen, besann sich aber eines Besseren. Sie waren hier und befanden sich in relativer Sicherheit. Das musste vorerst reichen.

Josh gesellte sich zu ihnen und nutzte die Gelegenheit, um Luft zu holen. »Jetzt sind alle hier.«

»Das will ich hoffen«, murmelte Bus leise.

»Also …« Lee sah sich um und musterte die Menge, die sich vor ihnen versammelt hatte. Es fiel ihm auf, dass jeder mit dem Rücken zur Feuerstelle stand und seine Taschenlampe zu Boden richtete. Es war eine hell leuchtende, laute Gruppe von Menschen. Lee wollte sich gerade nach dem Plan erkundigen, als er von selbst kapierte, was ablief. Er drehte sich um, sodass er ebenfalls mit dem Rücken zur Feuergrube stand, und nahm seinen Prügel in die rechte Hand.

Er warf Bus einen Blick zu und schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht behaupten, dass ich diese Idee gutheiße.«

Bus aber zuckte nur mit den Achseln und wandte sich dann an die versammelte Truppe: »Alles klar, Leute. Ihr wisst, was zu tun ist!«

Lee sah eine ganze Reihe steinerner Gesichter, gezeichnet von grellem Licht und tiefen Schatten. Ängstliche Augen leuchteten und starrten in die Finsternis. Wettergegerbte Hände umklammerten die bunte Ansammlung behelfsmäßiger Waffen. Leute mit Schusswaffen standen in der ersten Reihe und zielten mit ihren Jagdgewehren und Flinten in die scheinbar ruhige Nacht.

Wieder wie im Western. Quasi eine Wagenburg.

Die Stille der Nacht schien trügerisch, aufgesetzt, als wenn man Luft holte und dann den Atem anhielt, um nicht gehört zu werden. Selbst die Vögel und zirpenden Zikaden glänzten durch Abwesenheit.

Lee reckte sich und versuchte, das auszumachen, was hinter dem Ring aus Taschenlampenlicht im Dunkel der Nacht lag.

Die Stille hielt unangenehm lange an.

Dann ertönte ein Flüstern. »Warum greifen sie nicht an?«

Dann die Antwort: »Das ist komisch.«

Eine weitere Stimme: »Seid ihr sicher, dass es noch mehr von ihnen gibt?«

Ein Hund begann zu bellen.

Dann rief jemand: »Da hat sich etwas bewegt! Ich habe es gesehen!«

Die ganze Gruppe schien auf einmal noch angespannter.

»Da! Bei den Müllcontainern!«

Alle Köpfe drehten sich wie fünfzig Simultanschwimmer. Alle außer Lees, denn er hatte keine Ahnung, wo die Müllcontainer standen. Als er ihrem Beispiel folgte, sah er eine Ansammlung alter stählerner Container wie der, in dem Doc seine Krankenstation betrieb. Allerdings fehlten diesen die Dächer, sodass sie gigantischen Sardinendosen glichen. Einige von ihnen waren bereits mit einer atemberaubenden Menge Müll vollgestopft – dem Unrat unzähliger Flüchtlinge, die auf kleinstem Raum zusammengepfercht miteinander auskommen mussten.

Lee versuchte, Anzeichen von Bewegung in den tiefen Schatten der Müllcontainer zu erkennen.

Einige der stärkeren Taschenlampen durchsuchten die Finsternis, blieben aber ohne Erfolg. Die Dunkelheit wirkte desorientierend. Lee wusste, dass er noch immer nicht klar denken konnte, nicht auf der Höhe war. Die Verletzungen und die Entbehrungen der letzten Tage, insbesondere was Essen und Trinken betraf, waren nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Erst jetzt schien er langsam auf dem Weg der Besserung zu sein. Wie ein Mantra wiederholte er leise die Worte: Es gibt Arbeit zu erledigen. Es gibt Arbeit zu erledigen. Das hatte er seiner Einheit damals auch immer vorgebetet, ehe sie sich auf eine Mission begeben mussten.

Es gibt Arbeit zu erledigen.

»Da!«, rief jemand.

Tatsächlich, eine Bewegung zwischen zwei Müllcontainern.

»Ich sehe es!« Ein Mann mit einem Jagdgewehr trat einen Schritt vor, zögerte dann aber. »Warum greifen sie uns nicht an?«

Plötzlich schien sich der Müll zu verschieben, und ein merkwürdiger, schauerlicher Schrei drang an die Ohren der Überlebenden. Lee konnte keine weiteren Details erkennen, aber die Gestalt rannte direkt auf sie zu. Als sie nur noch zwanzig Meter von ihnen entfernt war, änderte sie die Richtung und lief – wie ein Wolf, der eine Herde nach einer Schwachstelle absuchte – am Rand des Lichtkranzes entlang.

Die Überlebenden erstarrten und schienen verwirrt. Alle versuchten verdammt nochmal zu verstehen, was diese Kreatur vorhatte.

»Knall das Ding ab!«, rief Bus dem Mann mit dem Jagdgewehr zu.

Ein Schuss ertönte.

Lee sah, wie der Boden vor den Füßen des Infizierten explodierte. Weitere Schüsse folgten. Offenbar war die Anspannung für manche zu groß, um die Kontrolle über ihre Abzugsfinger zu wahren. Plötzlich war die Nacht in einen Kugelhagel aus Schrot, Gewehrmunition und kleinkalibrigen Pistolen getaucht. Zuerst wurden die Beine getroffen, dann bohrten sich die Patronen in Schulter und Brust, ehe der Schädel explodierte.

Erst als Lee die elende Kreatur zu Boden gehen sah, begann er eine leise, ihm bekannte Stimme in den Ohren zu hören. Sie löste den Nebel um sein Gehirn auf; plötzlich fühlte er sich nicht länger desorientiert. Er wusste wieder, wer er war, und erinnerte sich an sein Training.

Pass auf deine Schusslinie auf.

Als er lernte, als Teil eines Teams zu agieren, hatte jedes Mitglied eine festgelegte Schusslinie, die einzig und allein in dessen Verantwortung lag und die es ständig nach möglichen Feinden absuchen musste. Wenn man sich also ständig um die Schusslinie seines Kameraden kümmerte, kam die eigene zu kurz. In anderen Worten: Mach dir keine Sorgen über die anderen und tu das, wozu du angewiesen wurdest.

Einführungskurs in Gruppentaktik.

Pass auf deine Schusslinie auf.

Lee drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um zwei krallenartige Hände zu sehen, die sich in das Fleisch einer jungen Teenagerin vergruben und sie nach hinten zogen. Als sie zu Boden gerissen wurde, flogen ihre Haare wie in schwereloser Zeitlupe in die Luft. Sie starrte Lee an, und er erkannte eine verängstigte Empörung in ihren Augen, als ob sie dachte: So etwas sollte mir eigentlich nicht passieren.

Die Infizierte war eine ältere Frau. Sie beugte sich über die Teenagerin und schnappte nach ihrem Nacken. Das Mädchen stieß einen leisen Schrei aus, dann warf sie die Arme in die Luft, um sich vor dem Maul der Infizierten zu schützen, das sich ihrer Halsschlagader näherte. Die ältere Frau biss kräftig in das Handgelenk des Mädchens. Lee hörte, wie die Sehnen rissen.

»Hinter uns!«, schrie er und holte aus. Der Axtstiel traf die Infizierte genau hinter dem Ohr und hinterließ eine tiefe Delle im Schädel der älteren Frau.

Dann erst entdeckte Lee einen zweiten Infizierten. Die Kreatur stürzte sich aus der Dunkelheit auf das Mädchen, ergriff sie und versuchte, sie weg von der Menge und zurück in die Finsternis zu schleppen. Die ganze Zeit zischte sie aggressiv und zerrte das Mädchen mit der einen Hand am Hemdkragen, während sie mit der anderen unentwegt auf das Gesicht der Teenagerin eindrosch. Bereits nach zwei oder drei Hieben hatte die Kleine das Bewusstsein verloren.

Lee sprang nach vorn und spannte seinen Körper, um dem Monster einen gewaltigen Hieb zu verpassen. Aber als er ausholte, ertönte ein Schuss direkt neben seinem Kopf. Der Hals des Infizierten detonierte, und er stürzte sich windend zu Boden. Lee sprang instinktiv zurück, schließlich hatte man direkt neben seinem Schädel eine Kanone abgefeuert. Als er die Zähne zusammenbiss, um gegen das Klingeln in seinen Ohren anzukämpfen, wurde er von Menschen umrundet, die das Mädchen zurückzogen und den Infizierten zu Tode prügelten.

Er blickte nach rechts in Richtung des Schusses und sah, wie ein Mann einen kleinen Revolver zu Boden warf. Sein Gesicht war kreidebleich. Dann eilte er an Lee vorbei auf das Mädchen zu und begann zu wimmern.

In der Versammlung brach Verwirrung aus.

Alle begannen zu schreien und drängten auf das Mädchen zu. Ein jüngerer Mann drehte sich um und starrte Lee anklagend an, als ob es sein Fehler gewesen war, dass sie angegriffen wurden. Verärgert überlegte Lee, ob er den Axtstiel nicht an ihm ausprobieren sollte. Aber im Hinterkopf dachte er: War es nicht mein Fehler? Hätte ich nicht aufpassen müssen? Schließlich bin ich der Profi hier …

Über all dem Lärm hörte er Bus’ Stimme. »Steve! Steve!«, und der Mann, der gerade noch den Revolver in der Hand gehalten hatte, schrie: »Oh Gott! Oh Scheiße! Los, Kleines! Wach auf! Baby, es tut mir so leid!«

Handelte es sich um den Vater des Mädchens?

Bus versuchte, sich durch die Menge an Lee vorbei zu ihnen vorzukämpfen. Lee war inzwischen wieder weitestgehend bei sich und überlegte, wie die Infizierten es schaffen konnten, sich vor ihnen zu verstecken und überraschend ihre Flanken anzugreifen. Womöglich lauerten in der Dunkelheit noch mehr von ihnen. Und wenn sie nicht bald herausfanden, wie sie ins Camp eingedrungen waren, würden garantiert noch mehr kommen. Er streckte den Arm aus, legte entschieden die Hand auf Bus’ Schulter und riss ihn zurück. »Gibt es noch mehr?«

Bus schien ihn zu ignorieren und reckte stattdessen den Hals nach dem auf dem Boden liegenden Mädchen. Erst dann merkte er, dass Lee ihn angesprochen hatte. »Was?«

Lee zog ihn näher an sich heran und sprach mit leiser Stimme eindringlich auf ihn ein. Er wollte keine Panik auslösen. »Gibt es noch mehr Infizierte?«

»Äh …« Er schlug den Lauf seines Colt 1911 gegen seinen Oberschenkel und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. »Verdammt. Woher soll ich das wissen?«

Die Gruppe begann bereits, sich aufzulösen. Doc und Jenny verschafften sich Platz, kämpften sich durch die Menge, und Docs dünne Stimme war nicht zu überhören, denn er rief unentwegt: »Aus dem verdammten Weg! So helft mir doch, sie in die Krankenstation zu tragen!«

Es meldeten sich mehr Menschen, als unbedingt nötig waren, um ein junges Mädchen zu tragen, das wahrscheinlich kaum fünfzig Kilo wog. Jeder überflüssige Helfer war eher ein Hindernis als alles andere. Der Vater des Mädchens hielt ihren Kopf in den Armen, während sie in die Krankenstation getragen wurde.

Bus starrte sie an, sodass Lee ihn sanft schütteln musste, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. »Trommeln Sie Ihre besten Leute zusammen. Wir müssen das verdammte Loch finden und flicken, durch das sie gekommen sind. Wir müssen den gesamten Zaun absuchen.«

2

Die Ermittlung

Bus schien endlich wieder zu Sinnen zu kommen. Als Josh an ihm vorbeieilte, um das gebissene Mädchen zur Krankenstation zu tragen, streckte er seinen kräftigen, mit dicken schwarzen Haaren bewachsenen Arm aus und schnappte sich den jungen Mann.

»Du kommst mit uns«, sagte er, und seine Stimme war wieder die alte – ruhig und bestimmend. »Wir müssen herausfinden, wo sie durch den Zaun geschlüpft sind.«

»Aber … was ist mit Kara?«, verlangte Josh mit vor Sorge weit aufgerissenen Augen zu wissen.

Bus blickte ihn an. »Die ist beim Doc gut aufgehoben. Du kannst nichts für sie tun. Wir müssen uns um andere Sachen kümmern. Also, auf geht’s.«

Josh fügte sich und nickte. Die beiden Männer blickten Lee an.

Der schaute sich kurz um und traf eine Entscheidung. »Wir brauchen noch jemanden, einen vierten Mann …« Dann sah er ein ihm bekanntes Gesicht. Miller, so hieß er doch, oder? Der Mann mit dem roten Kopftuch, der ihnen bei der Flucht aus Timber Creek mit den Molotowcocktails geholfen hatte. Lee winkte ihn zu sich. »Hey! Können wir dich kurz mal ausleihen?«

Miller erkannte Lee in der Finsternis zuerst nicht, aber nachdem er den Strahl seiner Taschenlampe auf ihn gerichtet hatte, kam er zu ihnen. Er hielt die Hand über das Holster, in dem seine .38er Special steckte, damit sie ihm nicht ständig gegen das Bein schlug. »Was denn?«

Er war ungefähr so alt wie Josh, aber größer und noch hagerer. Während Josh ein echtes Milchgesicht war und viel jünger schien, erweckte alles an Miller einen älteren Eindruck, vom leicht schielenden Blick bis zu seinem selbstbewussten Gang, der aber jegliche Arroganz vermissen ließ. Millers Kopfhaltung und sein markanter Unterkiefer zeigten, dass er für den Kampf geboren war.

Lee deutete auf das Stück Zaun hinter den Müllcontainern, das ihnen am nächsten war. »Wir fangen gleich dort an, eine Gruppe geht nach links, die andere nach rechts. Wir müssen das Loch finden, durch das die Infizierten hereinkommen. Sobald eine Gruppe es aufgespürt hat, sofort sichern, melden und warten, bis die andere Gruppe kommt.«

Drei Köpfe nickten schnell.

»Bus, Sie und ich gehen im Uhrzeigersinn. Ihr Jungs nehmt die andere Richtung.« Lee und Bus joggten zum Zaun und eilten ihn entlang, die Augen stets auf die Maschendrähte gerichtet.

Lee hatte Bus als Partner ausgewählt, weil er mit ihm sprechen wollte. Es gab ein oder zwei Sachen bezüglich der jüngsten Konfrontation, die ihn beunruhigten. Er wollte herausfinden, was Bus darüber dachte.

Lee erhob das Wort: »Was passiert jetzt mit dem Mädchen?«

»Kara?«, murmelte Bus abwesend. »Doc wird amputieren und auf das Beste hoffen.«

Beinahe wäre Lee stehengeblieben. »Amputieren? Wollen Sie mich verarschen?«

Bus schüttelte mit dem Kopf und schien kurz verärgert. »Nein. Je schneller sie Karas Arm abtrennen, desto höher stehen die Chancen, dass sie sich FURY nicht einfängt. Doc meint, dass die Chancen fünfzig zu fünfzig stehen. Das ist immerhin besser als eine hundertprozentige Infektionswahrscheinlichkeit. Das einzige Problem ist, dass die meisten Amputationen sich entzünden und septisch werden. Oder die Patienten verlieren zu viel Blut.« Bus fluchte verbittert. »Unsere medizinischen Vorräte sind einfach nicht ausreichend. Manchmal komme ich mir vor wie in der verdammten Steinzeit oder wie im Bürgerkrieg, wo Gliedmaßen einfach abgehackt und danach die Daumen gedrückt wurden.«

Lee verschlug es die Sprache. Die Vorstellung, einen Arm zu amputieren, um die Infektion von einem Biss oder einer offenen Wunde zu verhindern, schien ein beinahe unverantwortliches medizinisches Vorgehen. Wenn man aber damit konfrontiert wurde, mit absoluter Sicherheit einer von denen zu werden, dann schien es die einzige, angemessen kalter Berechnung entsprechende Lösung.

Lee fuhr fort: »Ist Ihnen bei den Infizierten irgendetwas aufgefallen?«

Bus antwortete nicht sogleich, ging einfach weiter und beleuchtete mit seiner Taschenlampe den Zaun vor ihnen, ohne ein Loch oder eine kaputte Stelle zu finden. Als er endlich den Mund aufmachte, wählte er seine Worte mit Bedacht: »Ich kann mich noch daran erinnern, wie sie sich vor einem Monat verhielten.« Er blieb stehen und warf Lee einen Blick zu. »Sie waren völlig unkontrolliert und verwirrt. Quasi verloren. Wahnsinnig. Die haben sich mindestens genauso oft gegenseitig angegriffen, wie sie auf uns losgegangen sind. Ich habe keine Ahnung, was genau hier vor sich geht, aber die verändern sich. Sie lernen – und zwar schnell.«

Lee rief sich die dunkle Figur noch einmal ins Gedächtnis, die von den Müllcontainern auf sie zugekommen und außerhalb des Lichtkegels um sie herum geschlichen war, während sie auf ihrem Platz verharrt und die Waffen auf die Angreifer gerichtet hatten. Die kalten, blutverkrusteten Krallen, die die junge Frau niederrissen, während eine andere Gestalt versuchte, sie fortzuziehen.

»Wie ein Rudel Wölfe«, meinte Lee mehr zu sich selbst als zu Bus. »Sie passen sich an. Evolution in schier unfassbarer Geschwindigkeit. Das hat nichts mehr mit kopflosem Angreifen zu tun. Es scheint ganz so, als ob sie Jagd auf uns machen.«

Bus zögerte und blickte Lee in die Augen. »Schwachsinn«, sagte er schließlich.

Lee zuckte mit den Achseln. »Denken Sie einen Augenblick darüber nach. Das war das erste Mal, dass Sie von zwei Seiten auf einmal angegriffen wurden. Normalerweise bilden die Infizierten eine Gruppe und rennen dann auf einen zu. Das hier aber war anders. Zuerst schien es ganz so, als ob sie uns ablenken wollten, sodass die beiden anderen sich von hinten an uns heranschleichen konnten.«

Bus blieb ihm eine Antwort schuldig, ging einfach weiter und suchte den Zaun ab. Die Wahrheit, die in Lees Worten lag, schmeckte ihm überhaupt nicht. Das war kein »Aha-Moment« – eher ein »Ach-du-Scheiße-Moment«. Die Infizierten waren schon schlimm genug, wenn sie einfach nur eine wahnsinnige Herde bildeten. Der Gedanke, dass sie jetzt in kleinen Gruppen auf Jagd gingen, war eine bittere Pille für Bus, die er erst einmal schlucken musste.

Aber Lee wollte der Sache weiter nachgehen. Er konnte die neue Sachlage nicht einfach ignorieren.

»Das ist das erste Mal, dass wir sie so handeln erlebt haben.« Er folgte Bus und fuhr fort: »Wenn die Situation sich ändert, muss man seine Taktik ändern. Wenn sie auf einmal schlau genug sind, um den Zaun zu überwinden, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen, um sie uns vom Leib zu halten.«

Bus schüttelte entschlossen den Kopf. »Selbst ein Hund kann sich unter dem Zaun durchgraben. Das heißt nichts. Sie sind nichts als hirnlose Hüllen ehemaliger Menschen. Bei denen wurde einfach nur ein Autopilot eingeschaltet. Das hat nichts mit Evolution zu tun.«

Er klang verzweifelt, als ob er sich selbst von etwas überzeugen wollte. Ich weise deine Realität von mir und suche mir stattdessen meine eigene aus. Lee entschied sich, Bus nicht weiter zu bedrängen. Vielleicht hatte er im Augenblick andere Sorgen. Früher oder später würde Lee vernünftig mit ihm reden können.

Lee musste zugeben, dass die Infizierten tatsächlich schwer einzuschätzen waren. Manchmal schienen ihre Aktionen das Resultat logischer Überlegungen, dann wieder schienen sie von nichts anderem als purem Instinkt getrieben. Die meisten konnten mit einfachen Werkzeugen umgehen, auch wenn sie sie nicht vernünftig einzusetzen vermochten, sondern sie nur wild durch die Luft schwangen und auf alles einschlugen, was ihnen im Weg stand. Nur weil ein Affe mit einem Schraubenschlüssel in der Hand herumfuchtelte, hieß das noch lange nicht, dass er damit auch einen tropfenden Wasserhahn reparieren konnte. Sie schienen alle eine rudimentäre Intelligenz zu besitzen, die aber von Infiziertem zu Infiziertem variierte. Manche waren aggressiver, manche intelligenter als andere. Aber dann stellte sich die Frage: Handelte es sich tatsächlich um Intelligenz oder nur um Instinkt? Lee kehrte immer wieder zu der Vorstellung eines Wolfsrudels zurück. Wenn sie auf Jagd gingen, machten sie zunächst das schwächste Mitglied ihrer potenziellen Beute aus und flankierten es dann mit der Absicht, es zu reißen. War diese Vorgehensweise Resultat eines durchdachten Plans oder basierte sie auf animalischen Instinkten?

Plötzlich ertönte eine Stimme von der anderen Seite des Camps. »Bus!«

Bus und Lee drehten sich um und sahen, wie Miller keuchend auf sie zu rannte. »Wir haben etwas gefunden. Wir glauben, dass sie da durch sind.« Er schnappte nach Luft. Seine Augen suchten panisch die Gegend ab, ehe er die beiden vielsagend anblickte. »Das solltet ihr euch vielleicht selbst anschauen.«

Miller drehte sich auf der Stelle wieder um und joggte zurück. Sie folgten ihm. Die Lichtkegel ihrer Taschenlampen wippten auf und ab. Lee schenkte der versammelten Menge um Docs Krankenstation einen kurzen Blick. Sie wurde von einem Mann, den Lee nicht kannte, zurückgedrängt. Aus dem Container ertönten Schreie, schrill und erbärmlich. Doc hatte aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Amputation begonnen.

»Hier.« Miller hatte angehalten und deutete auf den Zaun.

Sie kamen um die Ecke einer notdürftigen Hütte aus Aluminiumblechen und blauen Planen. Lee und Bus hielten die Augen offen, als sie langsamer wurden, und stellten sich dann kurz vor Miller auf. Ihre Mienen spiegelten ihren Gemütszustand wider. Zuerst schienen sie verwirrt, dann packte sie eine schier bodenlose, grausame Ungewissheit. Sie tauschten Blicke aus, ehe sie die Augen wieder auf den Zaun richteten.

Sie sahen ein Loch, aber nicht irgendein Loch. Ein Stück Zaun war von oben bis unten säuberlich demontiert. Der Maschendraht war wie eine alte Schriftrolle zu beiden Seiten hin aufgerollt – aber nicht nach innen, sondern nach außen gezogen und ordentlich befestigt, sodass ein Mensch ohne Probleme durchschlüpfen konnte. Dieser Anblick ließ keinen Raum für Zweifel, wer oder was es getan haben könnte.

Plötzlich hörten Bus und Lee eine leise heisere Stimme, die eine merkwürdige Geschichte zu erzählen anhob: »… aber nur langsam näherten sie sich dem Feind. Und als sie beinahe vor ihm waren, legte sich das Meer; schien einen Teppich über seine Wogen zu legen …«

»Was zum Teufel ist das?«, murmelte Bus und richtete seine Taschenlampe auf die Quelle der Unterbrechung. Der Lichtkegel schwirrte ein wenig in der Luft herum, ehe er auf die Ursache stieß. Auf dem mit Gras überwachsenen Boden an der Ecke der Hütte stand ein kleiner CD-Spieler. Er war rund und schwarz und glänzte wie ein Insektenkopf, während die beiden runden Lautsprecher sie wie Fliegenaugen anstarrten.

»… der atemlose Jäger lauerte seiner scheinbar unbekümmerten Beute auf, war so nah, dass der gesamte imposante Buckel deutlich zu sehen war …«

Bus ging auf den CD-Spieler zu, hob das Bein, als ob er ihn in Trümmer treten wollte, aber Lee streckte eine Hand aus und ergriff ihn am Arm. Er zog ihn zurück, und Bus schoss ihm einen Blick zu, der nichts Gutes verhieß. Kurz darauf entspannte er sich jedoch schon wieder, und Einsicht machte sich auf seiner Miene breit.

Lee nickte. »Wir sollten das Ding vielleicht erst einmal genau untersuchen, ehe wir es zerstören. Könnte auch eine Falle sein. Kommt ganz darauf an, wer es dorthin gestellt hat.«

Bus lächelte schwach. »Genau deswegen sind Sie hier.« Er gestikulierte in Richtung des CD-Spielers. »Ich gehe mal davon aus, dass Sie wesentlich mehr Erfahrung mit Fallen gesammelt haben als ich.«

Die Stimme fuhr völlig unbeirrt von den Geschehnissen um sich herum stumpf fort: »… die blauen Wasser vereinten sich mit dem sich bewegenden Tal seines steten Sogs …«

Lee grinste den großen Mann humorlos an und lehnte sich dann mit größter Vorsicht vor, leuchtete mit der Taschenlampe zuerst die Umgebung ab, dann seine Füße und untersuchte das lange Gras. Als er nichts bemerkte, was ihm bedrohlich erschien, trat er einen Schritt vor, musterte das Gras um den Spieler eindringlich und hielt mit der Taschenlampe aus allen erdenklichen Winkeln darauf.

»… die Jäger, entzückt und verlockt von der sie alles umgebenden Ruhe, schickten sich, ihre Beute anzugreifen, fanden jedoch die Stille verhängnisvollerweise …«

Lee atmete lang und tief aus und entspannte sich ein wenig. Dann kniete er sich hin und drückte einen Knopf auf der Oberseite des CD-Spielers. Die schwarze Klappe öffnete sich, und die körperlose Stimme verstummte augenblicklich. Eine weiße CD drehte sich anfangs noch wie wild, wurde dann aber langsamer und kam endlich zum Stillstand. Lee streckte die Hand danach aus, löste sie von der Arretierung und las den Titel vor: »Moby-Dick von Herman Melville. Ein Hörbuch.«

Bus verzog keine Miene. »Zum Totlachen.«

Lee schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass es sich um einen Scherz handelt.«

Miller meldete sich zu Wort und deutete auf die ordentlich durchgeschnittenen Maschen des Zauns. »Bin mir ziemlich sicher, dass jemand da einen Bolzenschneider benutzt hat.« Bus warf ihm einen zweifelnden Blick zu, woraufhin Miller mit gesenkter Stimme meinte: »Ich bin nicht immer der aufrechte Bürger gewesen, der ich jetzt bin.«

»Milo?«, warf Lee in die Runde.

Bus verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich wüsste nicht, wer sonst noch daran Interesse hätte, uns vor die Hunde gehen zu sehen. Und wenn man die jüngste Auseinandersetzung in Betracht zieht, glaube ich, dass Sie den Nagel auf den Kopf getroffen haben.«

»Und warum greift er uns nicht direkt an?«, wollte Josh wissen.

»Weil man sich gegen einen Angriff tagsüber zu leicht verteidigen kann. Zudem wissen sie, dass sie sich während der Nacht nicht im Wald aufhalten können, weil die Infizierten sich auf sie stürzen würden. Also benutzen sie diese Kreaturen, schneiden ein Loch in unseren Zaun und stellen einen CD-Spieler auf, der gerade laut genug ist, um sie anzulocken und von uns überhört zu werden«, gab Lee zu bedenken.

»Gar nicht dumm, wenn man darüber nachdenkt.« Bus starrte finster in den Wald hinter dem Camp. »Ein Hörbuch klingt, als ob nur ein Mensch redet. Musik wäre uns eher aufgefallen.«

Jeder der Überlebenden wusste genau, dass die Infizierten ein fast übermenschliches Gehör besaßen – insbesondere nachts, wenn sie richtig aktiv wurden. Lee glaubte, dass Camp Ryder aus diesem Grund eine Art Sperrstunde für Geräusche eingeführt hatte. Obwohl der CD-Spieler sehr leise eingestellt war, war er doch wohl das Lauteste, was aus Camp Ryder an die Außenwelt gelangte, und ein Passant hätte es entweder nicht gehört oder für eine leise Familienunterredung gehalten.

Lee richtete sich wieder auf und ging zu Bus hinüber. »Ich glaube, Sie sollten mir mehr über Milo erzählen.«

Bus nickte und deutete dann auf Miller und Josh. »Ihr beiden richtet das hier wieder. Ich will, dass immer nur einer arbeitet, während der andere aufpasst. Lasst bloß niemanden mehr hinein. Ich schicke euch noch jemanden als Verstärkung.« Dann wandte er sich an Lee: »Und Sie kommen mit mir.«

Die beiden Männer stapften durch die Finsternis. Ihre Taschenlampen schienen auf den Boden vor ihnen, und das matte Licht reichte kaum aus, um ihre müden Gesichter zu erhellen. Die meisten anderen befanden sich bereits wieder in ihren behelfsmäßigen Hütten, und nur gelegentlich trafen sie auf andere Menschen, die sich ebenfalls einen Weg durch die Dunkelheit bahnten. Im Gegensatz zu der Stille, die frühmorgens herrschte, raunte jetzt noch immer ein aufgeregtes Flüstern durch die Luft über dem Camp – leise Stimmen, die aus den Hütten an ihre Ohren drangen und sich unterhielten. Lee fragte sich, wie viele Infizierte sich wohl noch in der Nähe aufhielten und diese kaum hörbaren, unterdrückten Stimmen wahrnahmen.

Lee blickte zum Himmel auf und sah im Osten bereits die ersten Anzeichen des neuen Tages. Oder er bildete es sich ein. Nur wenn man sich eine gewisse Zeit lang außerhalb der Zivilisation befand, die einem stetige Sicherheit vermittelte, wurde einem klar, warum unsere Ahnen Angst vor der Nacht gehabt hatten. Sie war lang, unangenehm und obendrein gefährlich. Die Morgendämmerung kündigte das Ende des finsteren Elends an, bereitete die Menschen auf die Rückkehr von Wärme und Sicherheit vor.

»Wissen Sie, wie spät es ist?«, wollte Lee von Bus wissen.

»Ungefähr vier Uhr morgens.«

Lee spürte, wie ihm das Herz in die Hose rutschte. Die Dämmerung im Osten war doch nur ein Produkt seiner Vorstellungskraft. Das erste Licht des neuen Tages würde noch mindestens zwei lange Stunden auf sich warten lassen, und nach dem Vorfall war an Schlaf nicht zu denken. Der Schmerz in Lees Rücken meldete sich erneut.

Eine dunkle Gestalt trat auf sie zu, als sie in der Mitte des Camps angekommen waren. Lee konnte nur ihre rechte Seite sehen, die von dem kalten Licht einer LED-Lampe angeschienen wurde. Als sie sich näherte, hob sie die Lampe auf Augenhöhe, und Lee erkannte die geschürzten Lippen und den Beginn einer Glatze. Das Antlitz des Mannes war von dem Licht wie ausgewaschen, und der Winkel des Lichtstrahls ließ ihn sehr finster und ernst dreinschauen.

Lee glaubte sich zu erinnern, dass Miller den Mann mit Bill angesprochen hatte.

Er war der Einzige gewesen, der sie nicht mit ins Camp hatte nehmen wollen, ehe Lee ihn mithilfe von Millers Betteln, ihnen eine Chance zu geben, überredet hatte. Er war weder groß noch klein und wahrscheinlich weder dick noch dünn gewesen, ehe er in diesen rauen Zeiten den Gürtel enger hatte schnallen müssen. Er war irgendwo zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, und ihm wuchs ein Ring drahtiger grauer Haare um den Schädel. Sein Gesamteindruck, die Körpersprache und seine Miene gaben Lee zu verstehen, dass er kein angenehmer Zeitgenosse war.

»Bus.« Er nickte seinem Vorgesetzten respektvoll zu und drehte sich dann abschätzig zu Lee. »Dürfen Sie überhaupt schon auf den Beinen sein? Ich dachte, Doc hätte Ihnen befohlen, sich zu erholen.«

Lee wollte schon antworten, als Bus ihm zuvorkam – eine Tatsache, für die Lee ihm dankbar war. Er war zu müde, um sich jetzt auch noch zu streiten. Mit einem abweisenden Winken seiner fleischigen Hand meinte Bus: »Harper, wir haben ein Problem. Captain Harden hier hilft mir kurz dabei, dann schicke ich ihn wieder ins Bett.«

Die kalte Stille, mit der der Mann antwortete, sagte mehr als tausend Worte.

Lee hob die Augenbrauen. »Heißen Sie nun Bill oder Harper?«

»Bill Harper«, murmelte er. »Miller ist der Einzige, der mich Bill nennt. Alle andere sagen Harper zu mir.«

Lee nickte. »Harper also.«

Bus führte die beiden zum Ryder-Gebäude, das über den notdürftigen Hütten wie ein Schloss über den Lehmhütten eines mittelalterlichen Dorfes thronte. Es handelte sich um einen zweistöckigen Bau aus Beton mit wenigen Fenstern. Ein Fabrikgebäude ohne jeglichen Schnickschnack, der die strengen Formen aufgehellt hätte. Lee konnte sich nicht sicher sein, welchem Zweck es gedient hatte, ehe seine heutigen Bewohner eingezogen waren, aber er begann es sogleich nach Schwachstellen abzusuchen und überlegte, wie man es als defensive Hochburg noch ausbauen konnte. Falls es zu einem Feuergefecht kommen sollte, würden die dünnen Wände der Hütten sehr wenig bis gar keinen Schutz bieten. Also blieb nur noch dieser Koloss übrig, um sich zu verschanzen.

Eigentlich war die Stellung nicht schlecht. Außer der Tatsache, dass sie kaum Fenster und Wände aus Beton besaß, konnte Lee nur einen einzigen Ein- beziehungsweise Ausgang ausmachen – zwei Stahltüren, die von zwei schmalen Glasstreifen seitlich eingerahmt waren, so schmal, dass niemand es schaffen würde, sich dort durchzuzwängen. Es sah so aus, als ob man relativ einfach auf das Dach gelangen konnte, und Lee sah vor seinem inneren Auge bereits ein paar Sandsäcke mitsamt Maschinengewehren darauf stationiert, um einen Kugelhagel herabregnen zu lassen, der jeden Angreifer einige Zeit beschäftigen würde.

Infiziert oder nicht.

Lee zeigte auf das Gebäude. »Wozu dient Ihnen dieses Monster?«

»Nachdem wir hier ankamen, haben wir zunächst alle da drin gewohnt«, erklärte Bus. »Sind kaum rausgegangen. Um den Zaun haben wir uns kaum gekümmert, denn da drin waren wir bombensicher. Wir haben die Verladetüren zugeschweißt, sodass wir uns lediglich um zwei Paar Stahltüren kümmern mussten – das eine Paar direkt vor uns und ein anderes auf der anderen Seite. Damals waren wir ungefähr zwanzig.«

Sie kamen zu den Türen, und Bus trat ein. Das Erste, was Lee wahrnahm, war der Geruch. Es roch genau wie im Flüchtlingslager al-Walid oder in der Notunterkunft für Obdachlose in Washington, D.C., die er mal besucht hatte. Es stank nach schwitzenden Körpern und dreckigen Klamotten. Die Mischung gewann durch die warme Luft an Intensität. Lee konnte sich kaum vorstellen, um wie viel schlimmer es tagsüber hier drin riechen mochte.

Hinter den Türen lag ein kleiner Vorraum, der in die Haupthalle des Gebäudes führte. Hier wurden früher die Ryder-Trucks gewartet. Aber anstatt Lastern, Werkzeugen und Hebebühnen sah Lee lediglich weitere behelfsmäßig zusammengeschusterte Hütten. Sie waren noch wackeliger als die draußen und dienten lediglich der Wahrung von zumindest etwas Privatsphäre. Lee zählte ungefähr fünfzehn von ihnen, und die meisten wurden von einer Lampe im Inneren beleuchtet. Das Licht drang zwischen den hölzernen Brettern hervor und warf ein schimmerndes Kaleidoskop an die Decke.

Bus ging voran, bog nach rechts und stieg dann eine metallene Treppe hinauf. »Nachdem die Kacke offiziell am Dampfen war und die Katastrophenschutzbehörde den Schwanz eingezogen und sich auf und davon gemacht hatte, kam ein stetiger Strom von Flüchtlingen bei uns an. Wir haben versucht, nur solche aufzunehmen, die uns etwas bieten konnten, aber …« Bus’ Stimme verstummte. »Es war hart. Das waren keine einfachen Entscheidungen, die wir damals treffen mussten.«

ENDE DER LESEPROBE