Unter Zucker - Achim Schnitz - E-Book

Unter Zucker E-Book

Achim Schnitz

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Beschreibung

Zu diesem Buch Kurz vor dem Jahreswechsel liefert sich der Ich-Erzähler selbst in ein Krankenhaus ein. Dort lernt er Bernhard Sattler, Jürgen Ramoni und vor allem sich selbst kennen. Die Krankheit, an der alle drei leiden, wird sein Leben verändern. Sie ist zugleich eine der größten Herausforderungen für nachfolgende Generationen.

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Seitenzahl: 50

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

I

Die Schwester drängte sich ungeduldig an mir vorbei. Sie musste uns beiden den Weg durch die Menschen bahnen, die wir hinter der Tür versammelt fanden, als ich nach zögerlichem Klopfen das Zimmer 206 betreten wollte. Der Patient in dem Bett, das der Tür am nächsten stand, war umringt von einer Menschentraube und er hatte nicht nur an diesem Tag so zahlreichen Besuch, wie ich noch erleben sollte.

Es war früher Nachmittag und im Unterschied zu den früheren Zeiten, in denen ich zuletzt in einem Krankenhaus gelegen hatte, hatten die Patienten inzwischen zu jeder Tageszeit die Geduld dafür auf zubringen, dass sich jemand aus dem Freundeskreis, der Verwandtschaft oder der Nachbarschaft nach ihrem Wohlbefinden erkundigt.

Mein Bett sollte das dritte in diesem kleinen Zimmer sein, das hinterste am Fenster, und so konnte ich im Vorbeigehen auch einen ersten Blick auf meinen zweiten Mitbewohner werfen. Er saß auf der Kante des mittleren Bettes, mit dem Rücken zur Tür, und blickte teilnahmslos an meinem noch unberührten Bett vorbei aus dem Fenster. Sein fülliger Körper, dem man ansah, dass er bis vor kurzem noch erheblich umfangreicher gewesen sein musste, steckte in bemerkenswert großer und doch viel zu eng sitzender Unterwäsche aus Feinripp. Als sie ihm angezogen wurde, war sie sicher blütenweiß. Jetzt aber befleckten Essensreste und Körperausscheidungen die Hose und auch das Hemd, aus welchem unten schlaff einige Falten des Bauches heraushingen. Die fleischigen nackten Beine, blutunter laufen, mit Krampfadern überzogen und mit großen schwarzen Flecken unter der Haut, reichten nicht bis zum Boden, so dass die geschwollenen Füße in dicken grauen Socken neben dem unterhalb der Matratze am Bettgestell hängenden Urinbeutel in der Luft baumelten.

Der Mann hieß Bernhard Sattler. Er befand sich schon seit über sechs Monaten in der Klinik, weil seine Nieren ihre Arbeit eingestellt hatten. In Zimmer 206 fühlte er sich inzwischen fast wie zu Hause. Er sah seine Mitpatienten ein- und ausziehen, und alle auf der Station, vor allem jede Schwester und jeder Pfleger, kannten ihn längst bestens. Die Ärzte hatten mehrere Wochen gebraucht, um Herrn Sattler zu einer Dialysebehandlung zu überreden: Kommenden Montag sollte sie beginnen.

Im Bett an der Tür lag Jürgen Ramoni, umringt von Bekannten, die sich noch immer angeregt mit ihm und miteinander unterhielten. Durch die häufigen Besuche und die zahlreichen Telefongespräche, die er führte, war Herr Sattler (und wurde auch ich in den kommenden Tagen) gründlich über Herrn Ramonis Leben und seinen Gesundheitszustand in formiert. Zum Zeitpunkt meines Einzugs hatte er schon mehrere Tage hier verbracht, stand kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag und war damit von uns dreien der Älteste.

Herr Sattler war ebenfalls älter als ich und hatte sechs Wochen zuvor, am 14. November, hier im Krankenhaus, in diesem überheizten Zimmer mit seinen vom Winter beschlagenen Fensterscheiben, seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert. Morgen sollten wir drei nun gemeinsam den Jahreswechsel erleben, doch zunächst war ich einfach nur müde, legte mich ohne ein weiteres Wort auf das mir von der Schwester zugewiesene Bett und schlief über dem Stimmengewirr der Besucher ein.

Zum Abendessen erwachte ich. Das war gegen siebzehn Uhr, zur Teestunde, wie man anderswo zu sagen pflegt, doch auf dem Gang der Station klapperte bereits das Geschirr für die letzte Mahlzeit des Tages in den Essenswagen. In dickbauchigen weißen Kannen, die drauf standen, wurde der Hagebuttentee kalt. Herrn Ramonis Besuch hatte sich zwar verabschiedet, aber der alte Mann, klein, dünn und drahtig, mit schütterem Haar, war trotzdem nicht eine Minute allein. Unentwegt wurde er an gerufen, auf dem vom Krankenhaus freigeschalteten Telefon ebenso wie auf seinem Handy. Und wenn beide Geräte längere Zeit stumm blieben, rief er selbst die Auskunft an und ließ sich mit Teilnehmern und vorwiegend mit Teilnehmerinnen in ganz Norddeutschland verbinden. Mit allen sprach er kurz über seine aktuelle gesundheitliche Situation und dann über gute alte Zeiten.

Auf diese Weise erfuhr ich, dass Herr Ramoni zeitlebens und noch bis vor kurzem als Alleinunterhalter durch das Land gereist war. Seit den frühen siebziger Jahren hatter er mit dem Synthesizer und einem Akkordeon auf Hochzeiten, Betriebsfeiern und ähnlichen Veranstaltungen aufgespielt. Wie er gern mit Fotos belegte, war er zwischenzeitlich sogar in Travestieshows als ›Madame Gigi‹ bewundert worden: mit blonder Perücke in Form einer Turmfrsiur, überlangen falschen Wimpern, blutrotem Lippenstift, Pumps und golddurchwirkten Abendkleidern – cherchez la femme. Er war, so könnte man es formulieren, ein drittklassiger Prominenter mit besten Kontakten in die konservativen Karnevalsgesellschaften verschiedener Städte. Und aus diesen Zeiten kannte er vor allem viele Frauen: Ursula, Margot, Elke, Charlotte, Bärbel, Gustl, Brigitte oder Monika – sie alle riefen bei ihm an oder kamen persönlich vorbei.

Diejenigen, die ich zu sehen bekam, waren zwischen Ende fünfzig und Ende sechzig Jahre alt. Wenn in den Gesprächen rund um sein Bett bisweilen Schweigen eintrat, war zu spüren, wie die jeweils Anwesenden darüber nachdachten, dass Patienten- und Besucherrolle schon bei der nächsten Begegnung mit ›Madame Gigi‹ vertauscht sein konnten und dass jedes Treffen womöglich das letzte ist. Nach solchen stillen Pausen verabschiedeten sich die Gäste meist rasch, um diese trüben Gedanken im Trubel ihres Alltags wieder zu verdrängen.

Von den wenigen Männern, die ihn besuchten, hinterließen die älteren bei mir den Eindruck, als ob sie dem Elferrat eines Karnevalsvereins angehörten, und die jüngeren, als seien sie der Vorabendserie eines Fernsehsenders entstiegen. Mit den Besuchern tauschte Herr Ramoni Erinnerungen über glanzvolle Tourneen oder lokale Festveranstaltungen aus. Nicht nur ›Madame Gigi‹, sondern auch der Nachname ›Ramoni‹ mochten Künstlernamen sein. Die Krankenschwestern der Station hatten im Internet sogar Fotos von divenhaften Auftritten während einer Kreuzfahrt gefunden.

Ungeschminkt sah man Ramoni alias ›Madame Gigi‹ die ganze Verzweiflung dar über ins Gesicht geschrieben, dass seine glorreichen Jahrzehnte unwiederbringlich vorüber waren. Wer für Selbstzufriedenheit im Leben so sehr auf seine äußere Erscheinung setzt, muss sich darauf einlassen, seine Lebensinhalte ab einem gewissen Zeitpunkt woanders zu finden. Ansonsten lösen die Versuche, auch im hohen Alter noch attraktiv oder gar erotisch auszusehen, bei Unbeteiligten Unbehagen oder bestenfalls mitleidiges Fremdschämen aus.