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Ein kleines Buch über das Unterwegs Sein. Keine atemberaubende Landschaften und malerische Schilderungen von Sehenswürdigkeiten diesmal, keine amüsante Reiseberichte und postkartenreife touristische Attraktionen, nur Sehnsucht. Sehnsucht nach dem Glück und Erfolg, die, wenn man Gerüchten glaubt, niemals zu Hause, sondern weit, weit weg, über sieben Berge zu finden sind. Aber auch Sehnsucht nach der verlassenen Heimat und allem was zu ihr gehört. Ganz wie die Protagonistin Mascha Rodina, die junge Frau aus der tiefsten russischen Provinz, die in Berlin Fuß zu fassen versucht, so auch das Buch selbst befindet sich stets in Bewegung. Von Tagebuch über Liebesroman und Krimi bis hin zur sozialkritischen Anti-Utopie, zu eine ausgeklügelten Fiktion... Alles dabei, oder?...
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
UNTERWEGS
Impressum
Die mochte ich gleich von Anfang an nicht. Diese gezierte, hochnäsige, wie einem Promikatalog entsprungene Diva. Ganz in Markenhauch und Lederglanz. Ihre Brüste zu einer modischen Schärfe gespitzt. Ihre Haare, weich und luftig wie frisch gerührtes Kartoffelpüree. Ihre Lippen, voll, kurvig und muskulös. Einfach widerlich.
Was habe ich mit solchen aufgedonnerten Gestalten zu tun? Was haben sie in meinem Leben zu suchen? Was haben sie dort verloren? Wir treffen uns ja sonst nie. Wir leben auf zwei grundverschiedenen Planeten. Dachte ich.
Hätte mir jemand schon damals gesagt, dass ich allein wegen dieser Dame bald zu einer wahrhaftigen Kriminellen wachsen und dabei so ziemlich alles riskieren würde... Ja, wirklich alles, darunter auch das Wichtigste und das Wertvollste, was ich in meinem Leben bisher erreicht hatte. Meine Sicherheit, meinen zwar kleinen und unbedeutenden, aber doch ehrlichen Namen, meine mit so viel Mühe erworbene Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis in einem so bequemen und in jeder Hinsicht passablen Land wie Deutschland... Alles Weg - wegen der da? Nun, dann hätte ich sicherlich bloß gelacht darüber.
„Soll das vielleicht ein Witz sein?!“, hätte ich dann sicherlich gesagt. „Ein Witz, der noch nicht mal gut ist…“
Und immerhin – wie meine zu Hause in Sibirien zurückgelassene Uroma Mussja, es zu sagen pflegt: „Man wird halt dazu geboren, um schlechte Witze zum Leben zu bringen.“
Also, ich lernte die Dame noch in Moskau kennen. Falls man das Scharmützel damals überhaupt als „Kennenlernen“ bezeichnen kann. Es war am Belarussischen Bahnhof passiert, wo wir gemeinsam den Zug nach Berlin stürmten. Diesen berühmt-berüchtigten Zug Nummer 13, dessen einzige Existenzaufgabe darin bestand, sich nach Sauberkeit auf den öffentlichen Plätzen sehnende postsowjetische Völker am effektivsten ins europäische Ausland zu befördern.
Ich kam als Erste in unser Abteil. Als Erste bewunderte ich das knusperfrisch gemachte Bett – diesen vorbildlichen hin und her pendelnden Exportartikel noch aus der dunklen Sowjetzeit. Auf den kalkweißen Bettlaken breitete ich die letzte Ausgabe unserer lokalen Zeitung „Mirny Kommersant“ aus. Darauf platzierte ich mein Gepäck, meine auf der drei Tage langen Strecke Irkutsk – Moskau reichlich verwilderten Siebensachen: Mutters unverwüstlichen Koffer, bereits mehrfach mit fleischfarbenen Klebebänder umarmt und bekreuzigt, dann die rot-weiß-blau gestreifte Riesenreisetasche des gängigen russischen Modells, „Okkupantentricolor“ genannt. Ja, und dazu noch die Provianttasche mit einem etwas verwelkten feierlichen Bild darauf und der Aufschrift „Unsere Diamantenstadt Mirny wird 50“. Eine schnuckelige Jakutin in fellbeschlagenen Dessous grinste verloren auf dem stark verschneiten Plastik. Ihr zerknitterter Robbenleder-BH glitzerte immer noch ein bisschen.
Ich setzte mich hin. Die Bettwäsche knirschte unter mir wie frische Oblaten. Und schon holte sie mich ein, die Müdigkeit. Die lange Reise von meiner Heimatstadt Mirny bis nach Moskau hatte mich drei Tage meines Lebens gekostet. Drei Mal musste ich unterwegs umsteigen – in Krasnojarsk, Irkutsk und Jekaterinburg, so groß ist das Land, dem ich nun endlich den Rücken kehrte, und so arm an ordentlichen Eisenbahnverbindungen.
Zum richtigen Ausruhen war es jedoch noch zu früh. Denn kaum hatte ich die Augen geschlossen, da flog bereits die mit Stahlgriffen beschlagene Tür auf und das Abteil füllte sich auf einmal mit Taufrische. Beinahe musste ich niesen, so scharf, so beißend und jäh war sie, diese Frische. So ein kräftiger, intensiver, so ein aggressiver Frühlingsgeruch kann nur irgendwo in Europa normal sein, dachte ich mir, bei uns in Sibirien sind die Gräser und Blumen um einiges bescheidener. Sie stören einen nicht. Sie fangen erst dann an zu riechen, nachdem man sie berührt oder gar herausgerissen hat.
Und dann stand plötzlich diese Frau vor mir.
„Der Dreck muss weg!“, sagte sie, ihren Finger auf mein friedliches Gepäck richtend. „Das hier ist mein Platz!“
Mich selbst beachtete sie dabei nicht. Tat so, als hätte sie mich gar nicht bemerkt – mich mit all meinen 84 Kilo Lebendgewicht, die noch dazu von Glitzersteinen und Stickereien mehr als deutlich markiert wurden, vor allem auf der Brust.
Meine Brust ist übrigens auch alles andere als eine bescheidene Ausgabe im Taschenformat. Größe 95, mit ausgeprägter Tendenz zum Weiterwachsen. Mein BH konnte ruhig als Tandem-Mützchen für unzertrennliche Zwillinge dienen. Und sie da, sie bemerkte mich einfach nicht. Wollte mich einfach partout nicht sehen.
Nun, dass man mich trotz meiner monumentalen Statur immer wieder doch irgendwie nicht wahrnimmt, daran war ich bereits mehr oder weniger gewöhnt. Vor allem Männer pflegen mich nicht zu bemerken. Mit bisher einer einzigen Ausnahme fliegt das Geschlecht von Brad Pitt, Gerhard Schröder, Wladimir Putin jedes Mal hartnäckig an mir vorbei, ohne mich dabei auch nur mit einem flüchtigen Vogelblick zu beachten. In ihren Augen existiere ich nicht. Ich bin ihnen zu groß. Wie der berüchtigte Eisberg für die „Titanic“.
Nun… Meine ebenfalls nicht gerade mit einem Juwelierhämmerchen gebaute Freundin Galka Dubowa hatte sich zu diesem Thema bereits geäußert. „Die Männer von heute, die suchen sich halt andere Ziele“, meinte sie. „Ziele, die zierlich, schmal und blütenleicht sind und die am ehesten als Scharfschützentrophäen gelten können. Ein halb durchsichtiges Frauenbild, kaum spürbarer als die Spucke eines Vegetariers, wird von ihnen haargenau getroffen, auch wenn es weit weg an der anderen Straßenecke hängt. Eine wohlbeleibte Braut bleibt dagegen für sie wie von dichten Nebelwolken umhüllt, uninteressant und unsichtbar. Solch ätzende Augen haben sie, die Männer, eine echt schweinische Netzhaut.“
So viel über Männer, die mich nicht sehen wollen.
Die Person, die mich in diesem Augenblick ignorierte, war allerdings kein Mann. Ganz im Gegenteil: Sie war eindeutig eine Frau – und zwar eine von der Sorte, die man viel öfter in den Zeitschriften oder im Fernsehen sieht als in einem öffentlich zugänglichen Personenbeförderungsmittel. Wie bereits erwähnt: ihre Haut – glatt und glänzend wie auf einem Werbeprospekt für kosmetische Markenprodukte. Ihr Körper – schlank und entfettet bis zum Geht-nicht-mehr. Alles perfekt. Alles nicht so wie bei mir… Nur ihr Gesicht verriet etwas. Obwohl vorbildlich falten- und krähenfüßefrei, ließ es bei ihr ein Alter vermuten, das sie automatisch neben meine recht früh ergraute Mutter stellte – rein von den Zahlen her, versteht sich.
Meine Mutter hatte mich ja bereits mit 17 Jahren bekommen, was sie später dazu brachte, schon mit 40 fast in die nächste Generation zu wechseln, zuerst mal rein theoretisch.
Ich war zu diesem Punkt nämlich dreiundzwanzig. Diese Zahl war entscheidend. Wäre ich bereits vierundzwanzig gewesen, hätte man mich nach Deutschland ja gar nicht mehr reingelassen. Laut Vorschriften der Agentur, die mir die Stelle vermittelte, dürfen Au-pair-Mädchen nämlich keineswegs älter sein.
„Ja, und jetzt? Wie lange muss ich noch hier stehen und warten?“
Das mit Diamanten bespritzte Kreuz, das zwischen den scharfen Brüsten der Tante steckte, blitzte mich scharf an; meine Augen schmerzten fast. Mit dem Kreuz könnte man einen Menschen erschlagen, dachte ich plötzlich, von seiner schweren Pracht geblendet. Und auch wegen dieses Kreuzes könnte man einen Menschen erschlagen…
„Der Dreck muss weg!“, sagte die Frau wieder. „Das hier ist mein Platz!“
Immer noch sah sie mich nicht an. Jetzt blickte sie durchs Fenster hinaus, dorthin, wo der menschenüberfüllte Bahnsteig gerade dabei war, sich langsam von unserem Zug zu lösen.
„Sonst noch was?“, hörte ich daraufhin meine eigene Stimme quietschen. „Ich denke gar nicht daran!“
„Mit Menschen, die dich ignorieren und mit dir nichts zu tun haben wollen, gibt es nur eine einzige Verhandlungspolitik“, hatte mich meine Uroma Mussja schon immer gelehrt, selbst als ich beim Essen noch ein Babylätzchen trug. „Und diese Politik lautet: Schnauze schärfen – und los! Losbeißen! So! So! Und noch ein Löffelchen! Ja! So! Gut!“
Diesmal beschloss ich also, Uroma Mussjas praxisnaher Lebensweisheit zu folgen.
„Und was soll das bitte schön heißen?“, hörte ich wieder meine Stimme eklig trillern. „Das hier ist kein Dreck, Dame! Das hier ist mein Ge… De… Pe…“
Das erst frisch gelernte deutsche Wort schikanierte mich, wollte sich nicht richtig aussprechen lassen. „Pä … Gä … Kä… Gäck…“
„Ihr Gepäck brauche ich nicht, Gnädigste!“, unterbrach mich die Frau, die Worte in einer unmöglichen Moskauer Art in die Länge und in die Breite ziehend. „Was ich brauche, ist mein Liegeplatz, den Sie gerade besetzt haben!“
„Das hier soll Ihr Liegeplatz sein?“, rief ich. „Dass ich nicht lache!“
Die Frau spielte ein wenig mit dem goldenen Reißverschluss ihrer schnuckeligen Tasche und holte ihre Fahrkarte heraus.
„Bitte, sehen Sie selbst, Werteste!“, sagte sie. „Da steht es klar und deutlich geschrieben. Und für solche wie Sie sogar in Blockschrift! Lesen können Sie doch, oder? Ja? Na, sehen Sie! Zug Nummer 13, Platz 13!“
Unglückszahl im Doppelpack also …
Jetzt, mittlerweile Jahre später, frage ich mich immer noch: Wieso? Wieso ließ ich es nicht sein, das mit diesem verdammten Liegeplatz Nummer 13? Hätte ich doch lieber einfach meine Sachen geschnappt und wäre ohne Widerstand verschwunden! Bloß weg! Wenn nicht gleich aus dem Zug, dann zumindest aus diesem Abteil, wo es so stark nach gestelltem, aggressivem Frühling roch – und nach Pech! Hätte ich mich doch lieber irgendwo auf dem Gang versteckt oder im Vorraum oder – noch besser – auf dem Klo, wie ich es bereits auf der Strecke Irkutsk – Jekaterinburg getan hatte. Der Weg zwischen Moskau und Berlin ist doch nur in Zeiten eines Weltkrieges lang. Ansonsten sind es bloß lausige 2000 Kilometer und eineinhalb Tage Fahrt – für eine gebürtige Sibirjakin wie mich eine lachhafte Entfernung! Eine Straßenbahnstrecke, mehr nicht!
Ich weiß nicht, warum mich mein sonst so vorsichtiger Schutzengel gerade in diesem Augenblick im Stich lassen musste. Vielleicht, weil mein Stolz ihn kurz abgelenkt hatte? Mein Stolz, der mit einem scharfen, blutrot gefärbten Fingernagel verletzt war…
„Ihr Moskowiter, ihr denkt wohl, wir in Sibirien seien alles Analphabeten, was?“, hörte ich meinen gekränkten Stolz aus mir in einem harschen, schlecht gestimmten Ton herausströmen. „Nicht mal die Zahlen sollen wir kennen?! So was!“
Es war wie eine ehrenvolle Mission, die große russische Provinz angesichts dieser uralten großstädtischen Arroganz zu verteidigen. Immerhin war Sibirien die größte Provinz der Welt – und noch dazu meine Heimat! Mir brannte die Kehle vor ungehemmter Wut.
„Und überhaupt!“, röchelte ich. „Um das nötige Geld für diesen Platz in diesem Zug zusammenzukratzen, habe ich ein halbes Jahr geschuftet – ohne Feiertage, ohne nix! Nur damit ich ihn dann einfach einer dahergelaufenen Person schenke?! Nein! Das geht nicht!“
Die Dame hob leicht ihre Augenbrauen. Erst jetzt kam sie langsam dazu, mich eines Blickes zu würdigen. Erst jetzt sah ich ihr in die Augen – und musste schweigen. So unmöglich diese Frau auch war, eines musste man ihr schon lassen: Ihre Augen waren wundervoll! Groß und rein, dazu weder schwarz noch blau, grün oder grau, sondern von jener farbigen Vielfalt, die man allein mit unserem sibirischen Naturwunder namens „Nordlicht“ vergleichen konnte. Richtige Designeraugen halt …
„Wissen Sie, meine Gnädigste“, sagte die Besitzerin all dieser optischen Pracht, „womit genau Sie sich diese Reise nach Deutschland erwirtschaftet haben, interessiert mich kaum. Mich interessiert zurzeit allein mein eigener Liegeplatz, den Sie mit einer Rücksichtslosigkeit, die für Individuen Ihres barbarischen Stammes so typisch ist, okkupiert und vereinnahmt haben! Punkt!“
Darauf streckte sie ihre schlanke, in zarte lila Seide gehüllte Hand aus, bereit meine Reisetasche von der Liege herunterwerfen.
„Pfoten weg!“, schrie ich. „Es reicht wohl nicht, dass Moskau uns unsere jakutischen Diamanten raubt, da kommst du noch und klaust mir meinen Platz!“
Die Frau ließ auf ihren kurvigen Lippen ein spöttisches Lächeln erscheinen. Das schamlose Kreuz zwischen ihren Titten glänzte noch fröhlicher. „Ihr Platz, Gnädigste“, sagte sie, „ist dort…“
Ihr blutrot gefärbter Fingernagel traf die fotogene Jakutin auf meiner Provianttasche direkt in das nach japanischer Art geschminkte Auge. Prompt bekam das bejahrte Plastik an dieser Stelle einen Riss, der immer größer und breiter wurde.
Ein Messergriff kam zum Vorschein.
Das Messer selbst hatte einmal vor sehr, sehr langer Zeit meinem Urgroßvater Nikolai gehört. „Mit dieser Waffe hat dein Uropa in Europa den Faschismus besiegt! Dein armer Uropa!“, hatte mir Uroma Mussja gesagt, als sie mir in der allerletzten Minute vor meiner Abreise das brutale Ding in die Tasche steckte. „Der war doch auch mal in Berlin, weißt du, dein Uropa. Vor vielen, vielen Jahren.“
Und sie musste dabei schluchzen, meine Uroma Mussja. Das tat sie sonst nie. Die starke alte Frau in Garten Zwerg Größe.
„Das Messer soll dich in der Fremde vor bösen Menschen schützen!“
Mussja gab mir damit das Wertvollste, was ihr von ihrem früh gegangenen Mann geblieben war. Uropa Nikolai, kurz Kolja, selbst war ja bereits im Jahre 1948 verschwunden, als Stalin und seine Leute in unserem Land ihre vorletzte „Aufräumarbeit“ durchführten.
Eine wirklich alte Geschichte…
Stalin – der klingt für mich fast wie Karl der Große, Tschingis-Chan oder gar wie Tutanchamun. Für meine 88-jährige Uroma jedoch geschah die Verhaftung ihrer ersten und letzten Liebe erst gestern.
Während die NKWD-Leute ihre damals noch Leningrader Wohnung durchsuchten, nahm sie dieses Messer und versteckte es unter ihrer Brust. An die Brust selbst legte sie meine neugeborene Oma Viktorija. So – zu zweit – schafften sie es, das Beweisstück zu eliminieren. Der NKWD-Mann war einfach nicht auf die Idee gekommen, unter dem saugenden Baby zu suchen. Er war vielleicht ein Berufsanfänger oder übermüdet oder einfach auch ein Pfuscher wie die meisten Menschen, die ihre Arbeit nicht sonderlich mögen.
Uropa Nikolai wurde trotzdem mitgenommen. Die NKWD fand ja immer, was sie für eine Verhaftung brauchte – auch in einem leeren, mit dem Scheuermittel „Tschistol“ gewaschenen Glas schaffte sie das.
Uropa Nikolai ging, sein Messer blieb als ein ständig griffbereites Erinnerungsstück an der Brust seiner Frau liegen. Und sie verweilte dort, diese kaum benutzte Waffe, in ihrem körperwarmen ferkelrosa BH – für immer. Auch nachdem Nikolai Rodins Tochter Viktorija, seine Enkelin Evgenija und seine Urenkelin Mascha, das heißt ich, langsam erwachsen wurden.
„Ihr Platz, junge Dame, ist dort! Weit weg! In Sibirien“, meinte jetzt diese zurechtgestraffte Madam, immer noch auf meine feierlich bedruckte Provianttasche zeigend. „In dieser kleinen Arbeitersiedlung namens Mirny, die sich, wenn ich mich nicht täusche, irgendwo hinter dem Polarkreis befindet. Dort, wo man sich nur mit Hilfe von Elchen fortbewegen kann und von Hunden!“
„Selber Hündin!“, fauchte ich beinahe, biss mir aber rechtzeitig auf die Zunge.
„Hier bei uns in Europa wird es einfach zu eng!“, redete diese Frau weiter. „Für all die von jenseits des Uralgebirges hierher strömenden Mongolen und sonstigen Naturvölker ist einfach kein Platz mehr da! Verstehen Sie das denn nicht? Wieso bleiben diese wilden Leute nicht einfach da, wo Sie hingehören? Was haben die überhaupt bei uns im Westen verloren – all diese Jakuten, Tschuktschis und Samojedy und wie sie noch alle heißen?!“
Meine linke Hand zeigte sich langsam bereit, nach Mussjas Messer zu greifen.
„Aber, aber, meine Damen! Ich bitte Sie! Hören Sie doch auf damit!“
Gerade rechtzeitig erschien eine Schaffnerin vor unserem Abteil.
„Beruhigen Sie sich doch!“
Die Schaffnerin war rund, fröhlich und lustig wie eine für den Export gemachte Matrjoschka-Puppe. Und sie roch dezent nach Fischkonserven und Wodka.
„Es ist doch im Grunde gar nichts Schlimmes passiert!“, ratterte die joviale Zugbegleiterin weiter. „Man hat Ihnen in Ihren Reisebüros einfach doppelte Fahrkarten ausgestellt. Na und?“
„Eine gefragte Ware bleibt nie lange allein! Doppelverkauf ist nämlich eine sehr fruchtbare Geschäftsidee!“, lachte hinter ihrem prallen uniformierten Rücken der nächste Fahrgast, ein junger lustiger Mann, der auch eine gültige Fahrkarte mit einem Platz in unserem Abteil in seiner Hand hielt. „Nicht nur bei der Bahn passiert so etwas, das sag ich euch! Fahrkarten werden gefälscht, Geldscheine, Eintrittskarten, Markenartikel, Barbie-Puppen… Menschen …“
„Aber bei mir handelt es sich eindeutig um eine Originalfahrkarte!“, unterbrach ihn meine neu gebackene Feindin, lippenschürzend, „Ich habe sie in der Moskauer Zentralniederlassung der Russischen Bahn erworben.“
„Na und? Meine Fahrkarte habe ich auch nicht gerade in einem Copyshop besorgt!“, gab auch ich nicht nach. „Die ist ebenfalls ein Original, meine Fahrkarte!“
„He, ihr Hübschen! Wir leben in einer Zeit der Globalisierung, schon vergessen?“, lachte unser neuer Nachbar. „Und damit in einer Zeit der totalen Entoriginalisierung!... Jawohl! Und was bedeutet das?“
„Was?“, fragten wir drei Frauen im Einklang.
„Das bedeutet schlicht und einfach das Ende des Originals!“, verkündete der neue Fahrgast. "Klar?"
Beim Lachen blitzten seine dollargrünen Augen und sein breiter Mund zeigte mehr Zahnlücken als Zähne.
„Bald gibt es nichts mehr auf dieser Welt als Kopien, Nachdrucke, Klone und … und Blüten!“ meinte er, "Ja, bald kommt es! "
„Ah, wie köstlich!“, meinte meine frischgebackene Feindin nach einer kurzen gemeinsamen Nachdenkpause. „Die Welt der globalisierten Nachahmer und Originalfälscher von einem Kleinmobster angekündigt! Schön! Allerdings – bis es so weit ist, muss der Dreck von meinem Platz weg! Sofort!“
„Niemals!“, erwiderte ich. „Das ist mein Platz! Ich war als Erste da!“
„Mag sein, aber ich bin …“
„Aber bitte, bitte!“, flehte die Schaffnerin uns an, „Wir wollen uns doch jetzt keinen Dritten Weltkrieg anfangen! Wegen einem Liegeplatz! Zumindest bis Berlin bleiben wir schön friedlich, ja? Dort seid ihr frei! Könnt eure Auseinandersetzung ruhig fortsetzten. Euch die Augen auskratzen, wenn es euch danach ist. Nur bitte, bitte nicht hier, nicht in meinem Waggon streiten!“
Ich wollte ja auch nicht streiten. Ich wollte nur an meinen Platz. Und es ging nicht!
„Ihr seid doch noch gut dran, ihr beiden“, sagte der scheinbar recht amüsierte dritte Fahrgast, gerne zeigte er dabei seinen mit Zähnen nur spärlich bestückten Mund. „Was ist schön eine doppelt ausgestellte Fahrkarte? Ich kannte mal, noch bei uns in Rostov, einen relativ erfolgreichen Unternehmer, der es geschafft hat, die Wohnung seiner Schwiegermutter ganze vierundzwanzig Mal zu verkaufen."
"Vierundzwanzig Mal?!", staunte die Zugbegleiterin. Ihre münzrunden Augen gewannen dabei deutlich an Glanz und Größe. "Das kann nicht sein! Das nehm' ich dir doch niemals ab!"
"An vierundreißig verschiedene Käufer, versteht sich," nickte der junge Mann, stolz, "So ein tüchtiger Geschäftsmann war er. Und es klappte sogar – eine Zeit lang... Bis..."
"Bis was?..." wollte die Schaffnerin wissen.
"Bis er mit dieser Masche auf meinen Boss stieß". - kam als Antwort, "Dem wollte er die besagte Wohnung auch verkaufen. Zum fünfunddreißigsten Mal. Der Arme …“
„Der Arme?“, flüsterte die Zugbegleiterin, ganz Neugier, „Was ist denn mit dieser Wohnung passiert? Musste sie etwa in fünfunddreißig Stücke geteilt werden?“
Eine Zeitlang war in unserem Abteil nur das rhythmische Schaukel Geräusch des Zuges zu hören. Unser neue Mitreisende wusste anscheinend, wie man dramatisch wirkende Pausen setzt.
„Na ja, nicht ganz …“ sagte er dann, und zuckte dabei, immer lächelnd mit den Schultern. „Es war eher mein Freund, der geteilt werden musste. Als seine sonst so tolle Geschäftsidee schließlich aufflog, wurde er selbst an seine Familie verkauft“, sagte er. „Und zwar stückweise – fünfunddreißig kleine Päckchen bekam seine Frau dann mit der Post zugeschickt.“
„Oh!“
Mein Gesichtsausdruck brachte diesen südrussischen Businessmann zu einem richtigen breitkehligen Lachen. Als er mit dem Lachen fertig war, studierte er eine Zeit lang die glitzernden Stickereien auf meiner Brust. Dann warf er seine Sporttasche auf das zweite Bett unten. Auf das Bett unter der neutral wirkenden Nummer 14.
„Reg dich doch ab, Fettklößchen!“, sagte er zu mir mit einem bedeutungsvollen Zwinkern. „Ich hab da noch etwas Geschäftliches zu erledigen. Im Nachbarwaggon. Bis zur Staatsgrenze werde ich bestimmt nicht zurück sein. Du kannst dich bis dahin in meine Koje schmeißen. Gönn dir halt eine Ruhepause. Und dann sehen wir weiter.“
Bevor er ging, drehte er sich noch einmal um und grinste meine Brüste an.
„Man nennt mich übrigens Witjok“, sagte er; „Nur damit du es weißt, Dickerchen.“
Was danach kam, kann ich nur bedingt als „Ruhepause“ bezeichnen.
Die letzten Stunden auf dem Boden meiner Riesenheimat verbrachte ich mit dem Gesicht zur blauen weich gepolsterten und doch ohrenbetäubend quietschenden Wand, mit wildem und wütigem Herumträumen beschäftigt. Nein, es war nicht das wunderbare, lange ersehnte deutsche Land, das meiner Fantasie schwungvolle Flügel verlieh, während die Diva hinter meinem Rücken ihren Koffer aus- und umpackte.
Dass man diesen Gegenstand überhaupt Koffer nennen konnte… Kein bisschen sah er wie ein Gepäckstück aus, eher wie ein goldener Käfig, mit Vertretern der exotischsten Paradiesfauna gefüllt: lauter gestickte Wellensittiche und Papageien glänzten auf dieser tragbaren Menagerie, Libellen, Eidechsen, Schmetterlinge. Ein ausgefallener Wirrwarr aus Leder, feiner Seide, schimmernden Fäden, Federn und bunten Glasperlen – mit meinem unansehnlich nüchternen Gepäckgut nicht zu vergleichen.
Ich lag also da und träumte. Zuckersüße Rachepläne, einer brutaler als der andere, wechselten sich in meinem aufgewühlten Kopf ab. Ich sah sie bereits, die kräftigen blonden Männer in eleganter, filmreifer Uniform, wie sie an der russisch-belorussischen Grenze in unserem Abteil erschienen. Ohne auch nur ein gängiges Wörtchen fallen zu lassen, würden sie meine Moskauer Rivalin verhaften. Die Handschellen würden direkt auf ihre eleganten Armbänder gelegt: Es müsste höllisch wehtun, wenn zwei Metallsorten – die eine edel, die andere einfach stark – auf den delikaten Knöcheln wetteiferten. Ihr entsetztes Gesicht bekäme endlich die ihm altersbedingt passenden Falten. Die Frau würde mit einem Mal betagt und hässlich werden – und als solche gnadenlos abgeführt. Erleichtert zöge ich dann auf den mir zustehenden Platz Nummer 13.
Nach etwa einer Stunde käme dann einer der hübschen Grenzpolizisten wieder zurück und nähme auch noch das Letzte mit, was mich an meine ätzende Nachbarin erinnern würde: ihren lächerlichen Koffer. Der junge Mann wäre gut gelaunt und zeigte sogar Bereitschaft, einer gewöhnlichen Ausreisenden wie mir den Grund seiner Freude zu offenbaren. Er würde sagen, dass heute ein ganz besonderer Tag sei – und zwar nicht nur für ihn und seine Kollegen, sondern auch für das gesamte russische Volk. Der russischen Grenzpolizei sei es gerade gelungen, eine besonders raffinierte Verbrecherin zu schnappen, und das nun buchstäblich in der allerletzten Minute, bevor es zu spät gewesen wäre. Beinahe wäre die Übeltäterin dem Gesetz entwischt und in den dunklen westeuropäischen Gewässern auf immer und ewig verschwunden – zusammen mit ihrer sagenhaften Beute, dem Diamantenset „Zariza Wostoka“, dem Kronstück aus der russischen Staatssammlung „Almaznyj Fond“. Die Diebin hätte nämlich die Diamanten auf ihrem Designerkoffer der Marke „Gucci“ befestigt, würde es heißen. Die Augen der Paradiesvögel, die darauf gestickt seien, wären nämlich keine gewöhnliche Glasperlen, sondern … sondern …
Bei einer anderen Auslegung meines Traums verlief die Besänftigung meines angebissenes Stolzes zwar etwas anders ab, jedoch immer noch vollkommen gerecht und köstlich. So würde sich plötzlich an der Grenze herausstellen, dass diese Person da, diese aufgemotzte Moskauerin, gar nicht nach Europa, geschweige nach Deutschland darf! Das Visum, das in ihrem Pass stand, wäre nicht mehr gültig. Das würden die Neueuropäer an der weißrussisch-polnischen Grenze entdecken. Nun müsste sie endgültig von ihrem gerade warm gewordenen 13. Liegelatz runter und raus, raus aus unserem Abteil, raus aus unserem Zug. Raus und runter! Mitten in der Nacht würde sie nicht mal die Chance bekommen, die Sehenswürdigkeiten des als heroisch so hoch gepriesenen Grenzstädtchens Brest zu bewundern. Alles, was ihr bleiben würde, wäre, auf dem ringsum bespuckten, mit Zigarettenkippen geschmückten Bahnsteig zu sitzen und – immer fröstelnd, in ihrem angeberischen hauptstädtischen Dialekt fluchend – auf den nächsten Zug zu warten. Auf den Zug, der sie zurück in die Heimat bringen würde. Das Einzige, was sie dabei doch noch trösten könnte: Für diesen Zug würde es bestimmt keine doppelt verkaufte Fahrkarten geben. Sie könnte dann ruhig auch meinen Platz Nummer 13 belegen. Von mir aus…
Das alles wünschte ich meiner neuen Widersacher in herbei. Aber ich schwöre, wenn ich auch nur vage geahnt hätte, was auf diese Frau in Deutschland nun tatsächlich zukommen sollte, dann hätte ich ganz gewiss auf meine Racheträume verzichtet. Ich bin doch schließlich keine Bestie, kein Ungeheuer, das man als brutal und blutrünstig bezeichnen würde. Im Grunde wünsche ich keinem Lebewesen, dass ihm etwas richtig Böses zustößt.
Wenn ich gewusst hätte, was meine mir gegenüber durchaus feindselig gestimmte Reisegefährtin in der nahen Zukunft erwartete, dann hätte ich ihr die Opferrolle in den von mir erträumten kleinen Tragödien erspart.
