Until We Fall In Love - Sabrina Betz - E-Book
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Until We Fall In Love E-Book

Sabrina Betz

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  • Herausgeber: Carlsen
  • Sprache: Deutsch
Beschreibung

**Ich will mich nicht in dich verlieben** Nachdem Nora in ihrer Beziehung betrogen wurde, nimmt sie sich für das Studium einen Neustart ohne Männer vor. Doch bei der Anmeldung für das Wohnheim läuft etwas schief und sie landet in einem Apartment mit ausschließlich männlichen Mitbewohnern. Einer davon ist Elias – und sein Blick geht ihr so tief unter die Haut, dass Nora kurz davorsteht, ihre Vorsätze aufzugeben. Die Verbindung zwischen ihnen ist intensiv, prickelnd, leidenschaftlich und trotzdem scheint er sich vor ihr zu verschließen. Damit ist er so ganz anders als der charismatische Julius, Noras Tutor, der sein Interesse an ihr offen bekundet. Mit ihm könnte es so einfach sein, doch Elias lässt sie einfach nicht los … Eine knisternde Slow Burn Romance voll greifbarer Spannung und tiefer Emotionen. »Until We Fall In Love" ist eine wunderschöne, realitätsnahe Wohlfühlgeschichte, die mir während dem Lesen immer wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat. Nora, Elias und Julius kann man mit ihren liebenswerten Eigenschaften nur ins Herz schließen. Ganz große Liebe für dieses Buch!« @lenisworldofbooks //»Until We Fall In Love« ist ein in sich abgeschlossener Einzelband.//

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impress

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Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.

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Sabrina Betz

Until We Fall In Love

**Ich will mich nicht in dich verlieben**Nachdem Nora in ihrer Beziehung betrogen wurde, nimmt sie sich für das Studium einen Neustart ohne Männer vor. Doch bei der Anmeldung für das Wohnheim läuft etwas schief und sie landet in einem Apartment mit ausschließlich männlichen Mitbewohnern. Einer davon ist Elias – und sein Blick geht ihr so tief unter die Haut, dass Nora kurz davorsteht, ihre Vorsätze aufzugeben. Die Verbindung zwischen ihnen ist intensiv, prickelnd, leidenschaftlich und trotzdem scheint er sich vor ihr zu verschließen. Damit ist er so ganz anders als der charismatische Julius, Noras Tutor, der sein Interesse an ihr offen bekundet. Mit ihm könnte es so einfach sein, doch Elias lässt sie einfach nicht los …

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Vita

Danksagung

© privat

Sabrina Betz wurde 1996 geboren und wohnt mit ihrem Freund und ihrem Hamster Rosie am Bodensee. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit einem guten Buch auf dem Balkon, schmachtend vor dem Bücherregal oder auf Instagram, wo sie unter dem Namen @buecher_wuermchen_ ihre Liebe zu Büchern mit anderen Buchbegeisterten teilt. Wenn es mal nicht um Bücher gehen soll, ist sie gerne draußen in der Natur oder genießt das Leben mit gutem Essen!

Für YannicWeil du auch dann an mich glaubst, wenn ich es selbst nicht mehr tue.

Kapitel 1

Nora

»Der Nächste!« Die kratzige Stimme der mittelalten Frau schallt durch das Studienbüro, in dem ich nun schon seit fünfzehn Minuten ungeduldig warte. Geduld ist leider so gar nicht meine Stärke.

Die Reihe der Wartenden setzt sich in Bewegung, während die vorderste Person der unangenehmen Stimme folgt. Unruhig lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen und beende meine Visite wieder am Hinterkopf meines Vordermanns. Erleichtert stelle ich fest, dass dieser Hinterkopf als Nächstes an der Reihe ist.

Nur noch eine Person trennt mich von der Information, mit wem und in welchem Wohnheim ich die nächsten sechs Monate untergebracht sein werde. Und mit jedem kleinen Schritt, den ich dieser Auskunft näher komme, steigt meine Aufregung. Ich kenne an der Uni zwar niemanden, aber ich bin trotzdem gespannt, mit wem ich zusammenleben werde. Ich schicke ein Stoßgebet gen Himmel, mit der Bitte nach netten Mädels, die nicht jeden Abend Partys machen und ein paar Gemeinsamkeiten mit mir haben. Das dürfte doch eigentlich nicht zu viel verlangt sein, oder? Und wenn es das Schicksal ganz gut mit mir meint, habe ich vielleicht sogar eine begabte Köchin als Mitbewohnerin, die mir etwas über die Runden helfen kann.

Ich kann zwar ein wenig kochen, aber die Auswahl an Gerichten, die ich zubereiten kann, hält sich dann leider doch in Grenzen. Obwohl ich im Gegensatz zu meinem Bruder Ben wahrscheinloch als Fünf-Sterne-Köchin durchgehen könnte. Sein Talent in der Küche beschränkt sich darauf, Nudeln zu kochen, eine Pizza in den Ofen zu schieben oder sich ein Toast zu belegen.

Für einen kurzen Moment erlaube ich mir, das Hier und Jetzt zu verlassen und einfach nur an Ben zu denken. Obwohl ich ihn meistens absolut nervtötend finde, muss ich mir doch eingestehen, dass ich ihn vermisse. Es ist einfach komisch, wenn man jahrelang Tür an Tür lebt und dann erwachsen wird und seine eigenen Wege geht.

Plötzlich nehme ich wie durch dicken Nebel erst leise, dann immer lauter diese unangenehme und irgendwie viel zu aufdringliche Stimme wahr, bei der sich mir sofort meine Nackenhaare aufstellen: »Der Nächste!«

Vor mir steht niemand mehr und ich frage mich, wie lange ich gerade mit den Gedanken woanders war, doch der ungeduldige Blick der Frau sagt mir, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt zum Nachdenken, sondern zum Handeln ist. Etwas unsicher gehe ich also vor und reiche ihr mein Formular mit Namen und weiteren Informationen, damit sie mir meine Wohnungsnummer mitteilen kann. Die Frau – ihrem Namensschild zufolge heißt sie Frau Mai – tippt meine Daten quälend langsam in ihr Programm ein, bevor sie mich nachdenklich mustert. »Sie haben offensichtlich keinen Wohnheimplatz. Haben Sie etwa vergessen, sich rechtzeitig anzumelden?« In ihrer Stimme schwingt jetzt eine gehörige Portion Gereiztheit und deutliche Ungeduld mit.

In mir spiegeln sich allerdings ganz ähnliche Gefühle wider, denn das läuft jetzt so gar nicht nach Plan. »Doch, ich habe mich angemeldet und auch eine Bestätigung bekommen.« Meine sonst so klare Stimme gleicht eher einem leisen Murmeln, während ich mein Handy rauskrame und die Bestätigungsmail suche. Meine Finger zittern vor lauter Aufregung leicht, aber eigentlich kann das alles nur ein Missverständnis sein. Kurze Zeit später habe ich die Mail trotz zitternder Finger gefunden, atme erleichtert auf und halte Frau Mai mein Handy zum Beweis unter die Nase.

Kein Wohnheimplatz – wäre ja noch schöner.

»Geben Sie mal her.« Ohne auf meine Reaktion zu warten, beugt sie sich vor und schon hat sie mir mein Handy unsanft abgenommen. Sie hält es sich noch etwas näher vors Gesicht und scrollt ungeschickt nach unten, bis sie gefunden hat, wonach sie sucht – was auch immer das sein mag. »Soo, da haben wir sie ja – mit dieser Nummer müssten wir Ihre Zuteilung auch rausfinden können«, erklärt sie mir und macht sich wieder wenig enthusiastisch an ihrer Tastatur zu schaffen.

Während ich hoffe und bange, dass sich jetzt alles aufklärt, lässt die Geräuschkulisse darauf schließen, dass die Wartenden hinter mir immer unruhiger werden, und ich kann es ihnen nicht mal verübeln. Ich drehe mich um, lächle entschuldigend und sehe etwas weiter hinten sogar einen Jungen, der wie ein unruhiges Pferd mit dem Fuß über den Boden scharrt.

Das Mädchen direkt hinter mir grinst mich allerdings breit an, ihr ist mein Unbehagen offensichtlich aufgefallen. »Mach dir nichts draus, vielleicht dauert es ja so lange, dass wir die Einführungsveranstaltung verpassen.« Ihre Stimme hat einen scherzhaften Unterton und sie wirkt so locker und entspannt, dass sie mir damit sofort ein wenig meiner Anspannung nehmen kann. Wahrscheinlich hätte sie sagen können, was sie will, mich beruhigt es gerade einfach schon, dass sich jemand mit mir unterhält, der nicht von meiner bloßen Existenz genervt ist.

»Ich bin übrigens Maja. Und wie heißt du?« Sie strahlt mich an und streckt mir zum Gruß die Hand hin. Unsicher greife ich danach, in der Hoffnung, dass sie nicht merkt, wie feucht meine Hände vor lauter Aufregung sind. Sie ist mir sympathisch und ich hoffe augenblicklich, dass sie eine meiner künftigen Mitbewohnerinnen wird.

»Schön dich kennenzulernen, Maja. Ich bin Nora.« Als Frau Mai mit einem demonstrativen Räuspern auf sich aufmerksam macht, hebe ich entschuldigend die Schultern und wende mich wieder von Maja ab.

Mit ziemlich mürrischem Gesichtsausdruck teilt die Sekretärin mir mit, was sie herausgefunden hat. »So Fredericke, da haben wir wohl ein Problem.« Ich frage mich noch, ob Maja mitbekommen hat, dass Frau Mai mich eben mit einem anderen Namen angesprochen hat, widme mich jetzt aber erst mal meinem sogenannten »Problem«.

Bevor ich mich weiter danach erkundigen kann, rückt Frau Mai allerdings von selbst mit der Sprache raus. »Sie haben Ihr Bewerbungsformular von Hand ausgefüllt. Die Formulare werden dann eingescannt und die Zuteilung erfolgt automatisch. Allerdings hat der Scanner Sie wohl als Mann – Frederick – zugeordnet. Deswegen sind Sie momentan mit drei Herren in einem Appartement. Ich werde nach einer Lösung suchen, aber das wird bis nach der Einführungsveranstaltung dauern, also kommen Sie doch bitte danach einfach noch mal hier vorbei.« Sie gibt mir mein Formular in die Hand und bevor ich die Möglichkeit habe, noch irgendwas zu fragen oder Einwände zu erheben, schallt ihre viel zu laute Stimme wieder durch den Raum. »Der Nächste!« Das Gespräch ist für sie offensichtlich beendet, also nicke ich und gehe stumm aus dem Raum. Das hatte ich mir definitiv anders vorgestellt. Draußen tue ich, was ich in solchen Situationen immer tue, ich texte Lilly und Paul.

Nora: SOS – der erste Tag ohne euch läuft schon richtig katastrophal. Ich hab kein Zimmer im Wohnheim bekommen. Und wer ist dran schuld? Richtig, Oma Ricke natürlich. Warum mussten meine Eltern mich nur mit diesem Namen strafen?

Ich lehne mich gegen die Wand vor dem Studienbüro und krame in meiner Tasche auf der Suche nach der Informationsbroschüre, um herauszufinden, wo die Einführungsveranstaltung stattfindet. Da meine Hände allerdings immer noch leicht zittrig sind, stellt sich das als komplizierter heraus als gedacht. Irgendwann bekomme ich sie allerdings zwischen meinem Block und meinem E-Book-Reader zu fassen und ziehe sie schwungvoll aus der Tasche. Doch bevor ich mir die Broschüre näher anschauen kann, vibriert mein Handy. Ein Blick auf das Display verrät das Übliche: Paul hat sofort geantwortet. Bei Lilly dauert das aktuell immer etwas länger. Während Paul in der Heimat geblieben ist und eine Ausbildung begonnen hat, ist Lilly vor zwei Wochen auf und davon nach Asien. Ich vermisse sie jetzt schon so unglaublich, schließlich haben wir bis vor drei Monaten jeden Schultag gemeinsam durchlitten, jedes Problem zusammen gelöst und alle Freuden geteilt. Uns gab s nur im Doppelpack – Lilly und Nora, Nora und Lilly. Doch seit sie in Asien ist, ist sie leider auch schwerer zu erreichen und so muss ich vorerst mit Paul vorliebnehmen.

Paul: Tja, es hat wohl seine Gründe, dass du dich seit Jahren nur noch Nora nennst ;) Aber wie hat die gute Frau Oma dir denn jetzt wieder Probleme bereitet?

Nora: Darf ich vorstellen? Frederick, 19 Jahre alt und MÄNNLICH – der Scheißscanner hat das »e« bei Fredericke offensichtlich übersehen. Muss nachher noch mal kommen und werde dann hoffentlich irgendeinem Zimmer zugeteilt. Und sonst darfst du mich künftig auf der Straße besuchen kommen ;)

Ich lasse das Handy in meine Tasche gleiten und will mich gerade wieder der Broschüre widmen, als ich sehe, dass Maja vor mir steht und mich amüsiert betrachtet. »Also das ist mir tatsächlich noch nie passiert. Dass ich Jungs in Clubs falsche Namen oder eine falsche Handynummer sage, ist ja die eine Sache. Aber dass man mir einen falschen Namen sagt und das so offensichtlich und ohne rot zu werden, das, liebe Fredericke – ist mir tatsächlich noch nie passiert.« Meinen Namen spricht sie dabei betont deutlich aus und versucht entrüstet zu schauen, doch an ihren strahlenden Augen erkenne ich, dass sie nur einen Spaß macht und mir nicht wirklich böse ist.

»Lass uns zusammen den Raum für die Einführungsveranstaltung suchen und auf dem Weg dorthin erkläre ich es dir.« Während ich ihr meinen Vorschlag unterbreite, wedle ich demonstrativ mit meiner Broschüre vor ihrer Nase herum.

»Na dann bin ich aber mal gespannt! Und was die Einführungsveranstaltung angeht – folge mir, ich wohne hier in der Nähe und habe mich letzte Woche vorsichtshalber schon mal umgesehen, Fredericke.« Die Betonung liegt dabei wieder merklich auf meinem Namen. Es wird eindeutig Zeit, sie »einzuweihen«, damit sie endlich aufhört, mich beim Namen meiner Oma zu nennen. Dass es auch mein Name ist, lasse ich immer gerne unter den Tisch fallen. Während mir die Erleichterung ins Gesicht geschrieben zu sein scheint, läuft Maja los und ich folge ihr.

»Also erst mal nenn mich bitte nicht mehr Fredericke. So heiße ich nicht. Also doch, so heiße ich schon, aber ich verdränge es die meiste Zeit. Deshalb nenne ich mich schon seit Längerem Nora, das ist nämlich mein Zweitname. Fredericke ist der Name meiner Oma, die ich zwar über alles liebe, aber deren Name ich nicht gerade sonderlich mag.«

»Normal nimmt man den Namen der Großeltern doch höchstens mal als Zweitnamen oder so, aber deine Eltern scheinen es echt nicht gut mit dir gemeint zu haben.« Als wir um eine Ecke biegen, sehe ich ein Toilettenschild und versuche mir wenigstens das einzuprägen.

»Du sprichst mir aus der Seele, also belassen wir es bitte bei Nora und erwähnen den Namen, den wir nicht mehr aussprechen werden, sonst niemandem gegenüber.« Mein Ton ist leicht flehend und sie scheint zu verstehen, dass es mir ernst damit ist.

»Abgemacht, aber dafür schuldest du mir einen … mhmmm, einen Donut.« Sie dreht sich zu mir um, schenkt mir ein strahlendes Lächeln und zwinkert mir zu. Spätestens jetzt ist es um mich geschehen und ich weiß, dass man Maja einfach gernhaben muss. Während sie mich weiter durch die viel zu langen Gänge lotst, schaue ich sie mir etwas genauer an. Sie hat lange, gewellte orangene Haare und über das gesamte Gesicht und an den Armen Sommersprossen verteilt. Ihr breites Grinsen, das einfach nicht aus ihrem Gesicht weichen will, steht ihr super, genau wie die schwarze lange Latzhose, die sie mit einer eleganten weißen Bluse kombiniert hat. Während es an mir komplett falsch aussehen würde, steht es Maja hervorragend. Als ob sie bemerkt hätte, dass ich sie beobachte, schaut sie mich an.

»Na, woher kommst du eigentlich und kennst du schon jemanden hier?« Mit ihrer Frage bricht sie gekonnt das Schweigen zwischen uns.

»Ich bin nicht von hier, ich komme aus dem Allgäu. Und hier beim Studium kenne ich niemanden. Zumindest noch nicht. Und wie sieht’ s bei dir aus?« Ich spiele den Ball zurück, um das Gespräch am Laufen zu halten, aber auch, weil es mich ehrlich interessiert.

»Ich komme zwar aus Ludwigsburg, aber ich kenne niemanden, der hier studiert. Aber jetzt kenne ich ja dich und du kennst mich – wenn das kein Fortschritt ist.«

Mittlerweile sind wir bei einem Raum angekommen, in dem die Einführungsveranstaltung stattfindet. Wobei Raum etwas untertrieben ist, Saal trifft es wohl eher. Während ich noch absolut überwältigt bin, übernimmt Maja weiterhin die Führung und schiebt mich durch eine Stuhlreihe, bis wir relativ mittig sitzen und den ganzen Saal damit gut im Blick haben.

»Sag mal, was war vorhin eigentlich im Studienbüro los? Hat ja unglaublich lange gedauert, bis dir dein Zimmer zugeteilt wurde«, fragt Maja, während wir uns auf die Stühle fallen lassen.

»Schön wär’ s, mir wurde noch gar kein Zimmer zugeteilt. Die haben mich aus Versehen einem Jungs-Appartement zugeordnet. Ich muss nachher noch mal zu Frau Mai und bekomme dann hoffentlich meine Zimmerzuteilung. Und wie sieht’ s bei dir aus? Warum bist du in einem Studentenwohnheim, wenn deine Eltern sowieso in Ludwigsburg leben?« Erst nachdem mir die Frage rausgerutscht ist, fällt mir auf, dass sie vielleicht doch etwas persönlich ist, doch Maja scheint kein Problem damit zu haben.

»Ach weißt du, ich verstehe mich nicht so sonderlich gut mit meinem Stiefvater und ein bisschen Abstand schadet uns beiden nicht. Außerdem will ich das Studiumgesamtpaket, mit schlechtem Mensaessen, alten Betten und spontanen Studentenpartys. Verstehst du, was ich meine?« Ihre Stimme klingt unbekümmert, obwohl sie etwas angespannt wird, aber wir kennen uns eindeutig noch nicht lange genug, um sie darauf anzusprechen, also belasse ich es dabei.

Der Gedanke an meine Familie schiebt sich in meinen Kopf und sofort vermisse ich sie. Ich habe das, was man wohl weitläufig als Bilderbuchfamilie bezeichnen würde: Meine Eltern sind seit siebenundzwanzig Jahren verheiratet und nach wie vor verliebt wie zwei Teenager. Dass sie bereits zwei Kinder, die neunzehn und dreiundzwanzig Jahre alt sind, haben, hat ihrer Beziehung dabei offensichtlich nicht den geringsten Abbruch getan. Da mir Majas Frage wieder einfällt, nicke ich und beobachte dann fasziniert das bunte Treiben um uns herum. Der Saal füllt sich langsam und immer mehr Studenten treffen ein. Die meisten von ihnen sehen so aus, wie ich mich fühle: überwältigt und noch ziemlich verunsichert.

Als ich mich wieder Maja zuwende, grinst sie mich nur wieder an, irgendwas scheint sie zu amüsieren. »Noch mal zurück zu deiner Wohnsituation. Also ich weiß nicht, aber ich an deiner Stelle hätte kein Problem, mit drei Männern zusammenzuwohnen. Schau dich doch mal um, ein paar Schnuckelige sind da doch dabei!« Sie nickt in die Richtung eines Typen, der sich gerade zwei Reihen vor uns auf einen der Stühle fallen lässt und an dem sie scheinbar Gefallen gefunden hat. »Also den würde ich nicht von der Bettkante stoßen und langweilig wird es mit dem sicher auch nicht.« Maja raunt mir verführerisch zu und ich muss laut lachen. Genau diese Art von Humor habe ich jetzt gebraucht. Ich habe zwar nicht vor, in nächster Zeit etwas mit einem dieser Männer hier – oder mit irgendeinem anderen Mann überhaupt – anzufangen, aber Majas Worte und ihre lockere Art tun mir einfach gut. Mit meinem lauten plötzlichen Lachen habe ich allerdings die Aufmerksamkeit einiger Studenten auf uns gezogen, was mir so gar nicht recht ist, weil ich ungerne im Rampenlicht stehe. Maja hat damit offensichtlich deutlich weniger Probleme als ich. Während ich förmlich spüren kann, wie ich rot anlaufe, lächelt Maja nur seelenruhig vor sich hin, bevor sie ein Gespräch mit dem eben besagten Jungen beginnt, der sich ebenfalls zu uns umgedreht hat. »Meine liebe Freundin Nora und ich haben uns eben über die Vorteile des Zusammenlebens mit den männlichen Wesen hier unterhalten. Und wenn ich dich so anschaue, dann bin ich mir ganz sicher, dass es mit dir spannend wäre.« Ich starre mit offenem Mund zwischen Maja und dem Kerl hin und her. Diese Worte sind ihr ganz einfach über die Lippen gekommen, während sie ihm ein breites Lächeln schenkt. »Mein Name ist übrigens Maja, und du bist?«

Der Junge mit dem breiten Kreuz und den blonden Haaren grinst amüsiert, bevor er sich seinen Rucksack schnappt und lässig über die eine Stuhlreihe springt, die zwischen uns ist. Er sitzt jetzt genau vor uns. »Ich bin Louis. Schön, dich kennenzulernen, Maja. Und dich natürlich auch, Nora.« Er wirft mir einen kurzen Blick zu, doch seine Aufmerksamkeit fällt schnell auf Maja zurück. Kein Wunder, sie ist einfach wunderschön und strahlt solch eine Selbstsicherheit aus, dass ich mir dagegen wie ein richtiges Mauerblümchen vorkomme. Während die beiden sich weiter darüber unterhalten, woher sie kommen und in welchem Wohnheim sie untergebracht sind, lasse ich meinen Blick wieder durch den Raum schweifen. Fast alle Plätze sind inzwischen belegt.

»Ich bin in Gebäude B und wahrscheinlich mit zwei weiteren Jungs und einem Mädchen dort gelandet. Sollte es zwar eigentlich nicht geben, aber scheinbar ist etwas schiefgegangen. Die Frau vom Sekretariat hat mich gerade erst angerufen, um zu fragen, ob ich mit einer weiblichen Mitbewohnerin einverstanden sei. Sie sucht zwar noch händeringend nach einer anderen Lösung, aber ihr Vorhaben scheint nicht gerade von Erfolg gekrönt zu sein, so durcheinander, wie sie klang.«

Während mein Blick langsam zurück zu Maja und ihrer neuen Bekanntschaft Louis wandert, wird mir bewusst, was ich da gerade gehört habe. Das kann kein Zufall sein. Scheint so, als würde ich das nächste halbe Jahr mit drei Kerlen verbringen. Tschüss, begabte Kochmitbewohnerin. Tschüss, ruhige Lesestunden. Und vor allem tschüss, Stunden im Gammeloutfit, ungeschminkt und ohne Unterwäsche. Mit Männern als Mitbewohnern erscheint das alles ziemlich unmöglich. Während man meinem Gesicht ansehen muss, was in mir vorgeht, versucht Maja es mit einem aufmunternden Tonfall. »Wenn das so ist, Louis, darf ich dir wohl deine neue liebenswerte Mitbewohnerin Nora vorstellen. Und Nora, ist doch toll, oder? Jetzt kennst du immerhin schon mal deinen ersten und äußerst charmanten Mitbewohner.«

Auch Louis scheint bemerkt zu haben, dass ich mich sichtlich unwohl fühle. »Hey, keine Angst, ich bin ein ganz Lieber! Und als ich mein Gepäck vorhin schon mal in mein Zimmer gebracht habe, ist mir Elias begegnet. Er macht auf mich auch einen netten Eindruck.« Bevor ich darauf antworten kann, tritt ein älterer Herr vor das Rednerpult. Er wartet einige Momente, bis die meisten Studenten ihn erblickt haben und leise sind. Auch Louis wendet sich von uns ab und schenkt dem Mann seine Aufmerksamkeit.

»Meine sehr geehrten Damen und Herren. Ich begrüße Sie hiermit recht herzlich an unserer Hochschule für das Studium Recht und Steuern. Mein Name ist Herr Schwarz und ich bin der Direktor. Ich hoffe, Sie werden sich hier alle wohlfühlen und eine gute Zeit haben. Sollten Sie irgendwelche Probleme haben, dürfen Sie sich gerne an mich oder einen meiner Kollegen wenden. Bevor diese Ihnen nun aber einen kurzen Überblick über die einzelnen Lehrveranstaltungen und deren Inhalte sowie allgemeine Informationen geben, möchte ich Ihnen noch eins mit auf den Weg geben. Die meisten von Ihnen kommen direkt von der Schule und haben dort Ihr Abitur mit einem guten Abschluss beendet, andernfalls wären Sie nämlich gar nicht hier! Ich möchte aber gleich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass dieses Studium und der Zeitaufwand, den das Lernen erfordert, ein ganz anderes Kaliber sind, als Sie es von der Schule gewohnt sind. Ich möchte Ihnen damit keine Angst machen, sondern nur ans Herz legen, die Dinge nicht schweifen zu lassen. Bemühen Sie sich von Anfang an, lesen Sie nach, arbeiten Sie selbstständig und vergessen Sie nicht, wenn Sie dieses Studium beendet haben, werden Ihnen alle Türen offenstehen. Ihre Anstrengungen und Mühen werden sich nach den drei Jahren Studium gelohnt haben. Damit möchte ich mich von Ihnen verabschieden, wünsche Ihnen einen guten Start und gebe weiter an Herrn Schmidt.« Genau das, was ich hören wollte. Nicht. In amerikanischen Filmen steht das College immer für die beste Zeit des Lebens, jeder hat Spaß und keiner muss lernen. Aber offenbar hat meine Zukunft wenig mit diesen Filmen gemein.

Während der nächsten drei Stunden lasse ich mich von den Stimmen der Dozenten und Dozentinnen berieseln, die erzählen, womit ich mich die nächsten sechs Monate quälen werde. Neben Bilanz und öffentlichem Recht werde ich in Fächern wie Einkommensteuer und Umsatzsteuer unterrichtet.

Kurz frage ich mich, ob dieses Studium wirklich das richtige für mich ist, denn zu meinem Traumberuf führt es sicher nicht. Welches Kind träumt schon davon, Beamtin zu werden und mit Steuern zu tun zu haben? Ganz genau, kein einziges. Aber meine Mutter arbeitet beim Finanzamt und ist dort sehr zufrieden. Während andere Kinder oft in der Nachmittagsbetreuung waren, weil ihre Eltern arbeiten mussten, war ich zu Hause. Meine Mutter konnte ihre Arbeitszeit frei einteilen, sodass sie nachmittags viel Zeit mit uns verbracht und abends noch mal gearbeitet hat, während mein Vater mich und meinen Bruder im Auge hatte. Als Kind war es für mich das Größte, dass meine Mutter für uns da war und trotzdem noch einer Arbeit nachgegangen ist. Und da ich selber mal Kinder haben will und das Beamtentum sehr familienfreundlich und das Einkommen sicher ist, hielt ich es irgendwie für eine kluge Idee, meiner Mutter beruflich zu folgen. Und damit man beim Finanzamt arbeiten kann, muss man eben erst dieses dreijährige Studium hier absolvieren. Und wer weiß, vielleicht macht mir das Studium ja sogar Spaß. Mit Zahlen konnte ich schon immer gut umgehen.

***

»Nora, worauf wartest du denn noch? Du musst zum Studienbüro wegen der Zimmerzuteilung und deines Schlüssels. Und da ich nicht will, dass meine neue Freundin sich verirrt und ich bald wieder allein dastehe, werde ich dich begleiten.« Majas Worte reißen mich aus den Gedanken und erst jetzt merke ich, dass alle um uns herum bereits dabei sind, den Saal zu verlassen. Louis ist auch schon verschwunden, aber sollte er recht behalten und Frau Mai keine Lösung gefunden haben, werde ich ihn künftig sowieso sehr oft, also eigentlich jeden Tag, sehen. Während mein Blick dem von Maja begegnet, bin ich etwas traurig, denn sie wäre wohl die perfekte Mitbewohnerin gewesen.

»Ja, lass uns gehen und schauen, was die gute Frau Mai für mich tun kann.« Ich schnappe mir meine Tasche und wende mich wieder Maja zu. »Und vielleicht können wir dieses Mal ein klein wenig langsamer laufen. Meine Orientierung ist nicht gut und ich würde mir den Weg gerne etwas genauer einprägen.«

»Geht klar. Und jetzt komm endlich. Ich bin schon total gespannt, ob du tatsächlich mit Louis in einer Wohnung gelandet bist. Er wirkt total cool und hast du seine Augen gesehen?« Maja beginnt zu schwärmen und ich werde von meinen Gedanken zurück in die Vergangenheit katapultiert. Denn sie hat recht, Louis sieht gut aus, aber wirklich interessiert bin ich nicht. Mein erster Freund Max und ich haben uns vor fünf Monaten getrennt und ich habe kein Bedürfnis, so schnell nach Ersatz zu suchen, denn Max hat mich mehr als nur ein wenig verletzt und mein Vertrauen in die Männer dieser Welt ist fürs Erste erschüttert.

Als wir vor dem Saal sind, richtet Maja das Wort erneut an mich: »Übrigens, wegen deiner Orientierung musst du dir keine Gedanken machen. In den Gängen und Treppenhäusern hängen überall Wegweiser und damit findet man sich eigentlich ganz gut zurecht.« Um ihre Aussage zu belegen, deutet sie hinter mich und tatsächlich, Wegweiser! »Und notfalls hast du ja noch mich, ich sorge schon dafür, dass du nicht verloren gehst. So, und jetzt versuch mal den Weg zum Studienbüro ohne meine Hilfe zu finden.«

Maja ist geduldig. Wirklich geduldig. Wir verlaufen uns zweimal, doch sie beschwert sich nicht und gibt mir die Chance, meine Fehler selbst zu bemerken. Nach einer Viertelstunde, die mir viel länger vorgekommen ist, stehen wir endlich vor dem Studienbüro und mich überkommt zumindest ein kleines Gefühl von Stolz.

»Kommst du mit rein oder gehst du schon zu den Wohnheimen?« Ich wende mich Maja zu und hoffe innerlich, dass sie hier wartet.

»Mich interessiert viel zu sehr, mit wem du deine Wohnung teilen musst, als dass ich jetzt so kurz vor dem Ziel einfach gehen würde.« Sie zwinkert mir zu und ich bin immer noch fasziniert von ihrem Zwinkern. Während so was bei mir aussieht, als hätte mein Gesicht Zuckungen, wirkt es an ihr so natürlich und authentisch, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Vielleicht kann sie mir das bei Gelegenheit ja mal beibringen.

»Also dann, auf geht’ s.« Mit einem letzten Blick zu Maja, die mich ermutigend anlächelt, wende ich mich der Tür zu und klopfe. Kurz darauf betrete erst ich und mit etwas Abstand auch Maja den Raum.

»Fredericke, da sind Sie ja. Setzen Sie sich doch. Wir müssen kurz ein paar Dinge besprechen.« Frau Mai begrüßt mich und bedenkt Maja mit einem kurzen Nicken. Dabei wirkt sie gar nicht mehr so unfreundlich wie heute Morgen. Selbst ihre Stimme empfinde ich plötzlich als viel weniger kratzig. Ich setze mich und auch Maja zieht sich einen Stuhl heran, um nichts Wichtiges zu verpassen.

»Es tut mir unglaublich leid. Wir konnten an der Zimmerzuteilung leider nichts mehr ändern. Wir vertreten hier eigentlich die strenge Ansicht, dass die Wohnungen nicht geschlechtergemischt sein sollten, aber in Ihrem Fall bleibt uns wohl nichts anderes übrig. Die Herren habe ich nach unserem Gespräch sicherheitshalber direkt angerufen, um mir ihr Einverständnis zu holen, und von deren Seite spricht nichts dagegen. Nun die Frage an Sie: Können Sie sich ein Zusammenwohnen mit ihnen ebenfalls vorstellen? Ansonsten werde ich sehen, ob eine andere Dame eventuell mit Ihnen tauschen würde.« Ihre Stimme hat einen milden Unterton und sie lächelt mich unerwartet mütterlich an.

Nach kurzem Zögern antworte ich. »Nein, das geht schon klar. Danke für Ihre Bemühungen.« Schließlich ist es nur ein halbes Jahr und vielleicht wird es ja wirklich ganz nett mit den Jungs.

Erleichtert atmet Frau Mai auf. Offensichtlich habe ich ihr damit einiges an Arbeit erspart. »Sehr schön. Sie sind in Block B untergebracht und die Wohnung ist im Erdgeschoss. Ihr Zimmer ist das mit der Nummer eins und Sie teilen sich einen Balkon mit dem Herrn aus Zimmer zwei, sein Name ist …« Sie blättert in den Unterlagen »Elias Müller. Hier sind die Schlüssel für die Haus- und die Wohnungstür. Nochmals zur Information: Die Zimmer sind jeweils Einzelzimmer, aber sie teilen sich zu viert die Küche, das Badezimmer und einen kleinen Gemeinschaftsraum.« Sie reicht mir die Schlüssel und ich schließe meine Hand um das kalte Metall, das mir endgültig bewusst macht, dass ich von nun an nicht mehr zu Hause wohne. Ich bedanke mich, stehe auf und reiche ihr die Hand zum Abschied.

»Gern geschehen. Ich wünsche Ihnen einen guten Start. Und sollten sich irgendwelche Probleme durch die Wohnsituation ergeben, scheuen Sie sich nicht, mit mir in Kontakt zu treten.« Ich bedanke mich noch mal und gemeinsam mit Maja verlasse ich das Studienbüro. Wir laufen zu den Wohnheimen und Maja bringt nochmals zum Ausdruck, wie sehr sie mich beneidet, mit Louis zusammenwohnen zu dürfen, und kündigt schon häufige Besuche an. Bei den Wohnheimen trennen sich unsere Wege allerdings, Maja ist nämlich in Block A untergebracht.

»Sollen wir morgen zusammen zu den Vorlesungen gehen?« fragt Maja.

»Klar, total gerne. Wann sollen wir uns denn treffen? Um acht gehen die Vorlesungen los, oder?« Ich bin beruhigt und unheimlich froh darüber, den ersten richtigen Vorlesungstag mit einem freundlichen Gesicht an meiner Seite beginnen zu können.

»Ja genau, dann gehen wir hier um zwanzig vor los? Damit wir gute Plätze nebeneinander bekommen.« Wir tauschen noch Handynummern aus und bevor wir in unsere jeweiligen Wohnheime gehen, umarmt sie mich kurz, aber herzlich. Scheint so, als hätte ich hier tatsächlich schon meine erste Freundin gefunden. Mit diesem Gedanken krame ich in meiner Tasche nach den Schlüsseln, um mein künftiges Zuhause in Augenschein zu nehmen.

Kapitel 2

Nora

Ich betrete die Wohnung, nachdem ich mehrmals geklopft habe, allerdings ohne eine Antwort erhalten zu haben. Eigentlich lächerlich, immerhin ist das jetzt auch mein Zuhause, zumindest für die nächsten sechs Monate. Aber ich dachte, dass ich – als einziges Mädchen – vielleicht ankündigen sollte, dass ich da bin. Scheint nur niemanden zu interessieren.

Ich schaue mich um und stehe in einem Raum, den ich für den Aufenthaltsraum halte. Er ist genau wie das gesamte Wohnheim schon etwas in die Jahre gekommen, sieht aber gemütlich aus. Neben einer Couch, einem Regal und einem kleinen Tischchen beinhaltet er einen Sessel, der farblich passend zur Couch ist. Vom Aufenthaltsraum sieht man direkt die erste Tür, auf der groß die Nummer 1 angebracht ist. Das ist dann wohl mein Zimmer.

Ich gehe auf die Tür zu und stecke den Schlüssel ins Schloss, das beim Aufschließen ein kleines bisschen klemmt. Voller Erwartung betrete ich mein künftiges Reich und versuche meine Enttäuschung zurückzuhalten. Die Möbel sind dunkel und alt, aber wenigstens ist das Zimmer relativ groß. Direkt gegenüber von der Tür steht vor dem Fenster ein großer Schreibtisch und rechts daneben an der Wand ein Regal. Links neben der Tür hängt ein Waschbecken mit einem kleinen Schränkchen und Spiegel und dahinter entdecke ich das Bett. An der Wand rechts vom Bett ist ein Kleiderschrank und das war’ s auch schon. Ich stelle meine Handtasche auf den Schreibtisch, schmeiße meine Jeansjacke daneben und öffne die Balkontür, um die letzten Sonnenstrahlen noch etwas zu genießen. Es ist immerhin schon Anfang Oktober und die Sonne wird von Tag zu Tag schwächer. Ich strecke mein Gesicht der Sonne entgegen und genieße das leichte Prickeln auf meiner Haut. In solchen Momenten habe ich das Gefühl, förmlich spüren zu können, wie meine Sommersprossen an Farbe und Größe gewinnen. Ich mag dieses Gefühl unheimlich gerne, denn ich liebe meine Sommersprossen und je mehr, umso besser. Als jedoch eine Wolke vor die Sonne zieht, wird es frisch und ich gehe wieder nach drinnen und drehe die Heizung vorsichtshalber schon mal hoch. In den Nächten kühlt es schon merklich runter und ich bin so gar kein Wintermensch. Soll heißen, ich friere schnell und werde richtig ungemütlich, wenn mir kalt ist.

Ungemütlich ist aber genau das richtige Stichwort. Obwohl ich keine Lust darauf habe, wird es Zeit, meine Koffer und Taschen zu holen und mich einzurichten. Ich könnte am Wochenende außerdem noch zu Ikea fahren und mir ein paar Duftkerzen und Pflanzen holen, dann wird es hier vielleicht etwas wohnlicher. Außerdem liebe ich Duftkerzen einfach, egal, ob Himbeere, Pfirsich, Zitrone oder was ganz anderes. Ich bin so in die Gedanken an Duftkerzen versunken, dass ich beim Verlassen meines Zimmers fast in Louis reinrenne, der gerade durch den Gang läuft.

»Oh, hey, sorry!«, bringe ich hervor.

»Ist doch kein Problem, ist ja nichts passiert.« Er wirft einen Blick in den Karton, den er gerade trägt, und fügt merklich beruhigt hinzu: »Und meine kleinen Lieblinge sind zum Glück auch noch heil. Hast du schon ausgepackt?«

Mich interessiert zwar brennend, was das für »Lieblinge« in seinem Karton sind, aber das kommt mir dann doch etwas privat vor, immerhin kennen wir uns ja gar nicht. Also versuche ich den Teil des Gesprächs auszublenden und konzentriere mich auf seine Frage. »Nein, ich bin erst seit fünf Minuten hier. Ich habe mir die Wohnung noch gar nicht angeschaut und meine ganzen Sachen sind auch noch im Auto. Leider.«

»Na dann lass dich von mir nicht abhalten. Und viel Spaß beim Wohnungserkunden. Das Zimmer schräg gegenüber gehört übrigens mir. Das Zimmer neben deinem, die Nummer zwei, gehört Elias und das neben meinem, die Nummer vier, gehört Nick. Wenn du willst, stelle ich euch kurz vor.« Er deutet dabei erst auf seine, dann auf Nicks Zimmertür.

»Klar, wieso nicht?«, entgegne ich.

»Ich bring noch kurz den Karton in mein Zimmer. Ist zum Glück der letzte. Komm doch kurz mit«, weist Louis mich an und ich folge ihm in sein Zimmer und stelle erneut fest, dass Maja absolut recht hatte. Er sieht wirklich richtig gut aus. Er ist einfach einer dieser Typen, denen man schon von hinten ansieht, dass einen vorne Gutes erwartet. Ein Blick in sein Zimmer zeigt, dass es meinem bis aufs kleinste Detail gleicht. Na ja, außer dass überall halb ausgeräumte Koffer und Kartons rumstehen. Als ich mich etwas genauer umsehe, fällt mir auf, dass in dem Regal neben dem Schreibtisch mehrere Weingläser stehen. Louis macht den Karton mit seinen »Lieblingen« auf und bringt eine Weinflasche zum Vorschein. Liebevoll legt er sie in das Regalfach unter den Gläsern, bevor er fünf weitere Flaschen aus dem Karton zieht und dazulegt.

»Schau mich nicht so vorwurfsvoll an. Das Regal ist groß genug, damit auch noch genug Platz für Studienzeug ist.« Er schmunzelt und ich muss lachen.

»Klar, verstehe ich. Man muss Prioritäten setzen und an etwas Wein gibt es ja auch nichts aussetzen.«

»Ach, Nora, ich glaube, wir beide werden uns wundervoll verstehen. Halte dich an mich und es wird dir nie an Wein fehlen.« Louis’ lockere Art führt dazu, dass ich mich in seiner Gegenwart sofort wohlfühle, und ich bin wirklich froh, ihn als Mitbewohner erwischt zu haben.

»Auf das Angebot mit dem Wein werde ich eventuell zurückkommen.« Während die Worte meinen Mund verlassen, sehe ich uns vor meinem inneren Auge schon im Sonnenschein mit Wein auf dem Balkon sitzen und quatschen.

»Ich will’ s hoffen, allein trinken macht einfach keinen Spaß. Und jetzt komm, dann stell ich dir die anderen vor.« Louis reißt mich mit seiner klaren Stimme aus meiner Tagträumerei. Ehe ich antworten kann, ist er schon aus seinem Zimmer gestürmt und ich höre bereits, wie er an eine Tür klopft. Als ich zu Louis in den Gang trete, unterhält er sich bereits mit einem anderen Jungen. »Ach übrigens, Nick, das ist Nora. Und Nora, das ist Nick.« Er deutet zuerst auf mich und dann auf Nick.

»Hey, schön, dich kennenzulernen.« Nick scheint freundlich, doch er meidet meinen Blick. Ich hoffe, es liegt nur daran, dass er schüchtern ist, und nicht an mir.

»Hey.« Mehr fällt mir in dem Moment aber auch nicht ein und so schütteln wir uns wortlos die Hände. Nick sieht nicht schlecht aus, fällt einem aber auch nicht direkt ins Auge. Er ist ungefähr so groß wie ich, hat braune Haare und eine Brille.

»So, genug Hände geschüttelt.« Dann wendet Louis sich Nick zu. »Ich werde Nora jetzt noch Elias vorstellen und ihr danach helfen, ihr Gepäck ins Zimmer zu tragen. Du darfst dich uns gerne anschließen.«

Wer hätte gedacht, dass ich so schnell Hilfe bei meinem Gepäck bekomme, und das auch noch, ohne fragen oder betteln zu müssen. So langsam finde ich wirklich Gefallen an meinen männlichen Mitbewohnern.

»Ja klar, ich kann euch mit dem Gepäck helfen«, sagt Nick sofort. »Aber bei Elias werdet ihr weniger Erfolg haben. Der musste vorhin noch mal los und meinte, es wird sicherlich später Abend, bis er wieder da ist.«

»Okay. Na dann, los geht’ s. Hol deine Autoschlüssel und dann bringen wir deine Sachen ins Zimmer.«

***

Eine halbe Stunde später stehen tatsächlich alle meine Sachen in meinem Zimmer und ich bin begeistert, wie schnell es mit ein bisschen Hilfe erledigt war. Ich nehme Louis und Nick zum Dank beide kurz in den Arm und während Louis meine Umarmung liebevoll erwidert, scheint Nick etwas überfordert von der Berührung zu sein. Dann verspreche ich ihnen, dass wir heute Abend Pizza auf meine Kosten bestellen, und die beiden schlagen voller Vorfreude auf das Essen miteinander ein und verlassen das Zimmer, damit ich in Ruhe auspacken kann.

Meine Klamotten und die Sachen für die Hochschule sind relativ schnell aufgeräumt und nachdem ich das Bett bezogen und meine Hygieneartikel zum Waschbecken gestellt habe, mache ich mich mit meinem Besteck und Geschirr auf die Suche nach der Küche. Nachdem ich erst an den Zimmern der Jungs vorbeigelaufen bin, dort aber nur ein Badezimmer gefunden habe, mache ich mich auf den Weg zurück zum Gemeinschaftraum. Und da entdecke ich sie. Die Küche ist direkt an den Gemeinschaftsraum angeschlossen, geht allerdings in die andere Richtung wie die Schlafzimmer. Sie ist relativ klein, bietet aber dennoch genug Platz für alles Notwendige. Neben dem Üblichen wie Kühlschrank, Herd, Ofen und einigen Schränken steht an der Wand ein Tisch mit vier Stühlen. Gemütlich ist allerdings was anderes. Ich räume meine Sachen in einen Schrank, in dem noch etwas Platz ist, als mein Handy vibriert. Neugierig, ob die Nachricht wohl von Paul oder Lilly stammt, hole ich mein Handy aus der Tasche. Noch bevor ich sehe, von wem die Nachricht ist, überkommt mich mein schlechtes Gewissen. Ich habe vergessen, meinen Eltern Bescheid zu geben, dass ich gut angekommen bin, also schreibe ich ihnen zuerst. Dann öffne ich die Nachricht, die zu meiner Überraschung von Maja ist.

Maja: Hey, Nora. Heute Abend steigt bereits die erste Studentenparty ein Wohnheim weiter. Ich habe gedacht, da könnten wir doch zusammen hingehen? Lust?

Eigentlich weiß ich, dass es keine gute Idee ist, zuzusagen. Ohne genügend Schlaf werde ich morgen in der Vorlesung nämlich unausstehlich und definitiv nicht aufnahmefähig sein. Aber ich habe mich gerade erst mit Maja angefreundet und will nicht gleich als Spaßbremse abgestempelt werden. Außerdem lebt man nur einmal und ein bisschen Spaß hat noch niemandem geschadet. Also sage ich Maja zu und bemerke beim Blick auf mein Handy, dass es bereits halb sieben ist. Und als ob mein Magen nur darauf gewartet hätte, knurrt er genau in diesem Moment wenig zurückhaltend los. Ich beschließe, Nick und Louis zu suchen, um nach ihrem Wunschbelag für die Pizza zu fragen. Da ich leider so gar keine Ahnung habe, welche Art von Kleidung für eine Studentenparty angebracht ist, schicke ich nochmals eine Nachricht an Maja, in der ich sie ebenfalls zum Pizzaessen einlade und ihr anbiete, dass wir uns dann gemeinsam bei mir für die Party herrichten können. Schnell setze ich noch einen Satz ans Ende meiner Nachricht, in dem ich mitteile, dass Louis beim Essen ebenfalls dabei sein wird. Nachdem ich nun auch diesen Joker ausgespielt habe, bin ich sicher, dass Maja zusagen wird. Noch während ich an Louis’ Tür klopfe, vibriert mein Handy und Maja kündigt an, in zehn Minuten da zu sein, und wünscht eine vegetarische Pizza.

Nach dem dritten Klopfen öffnet Louis endlich die Tür und schaut mich total verstrubbelt und aus ganz kleinen Augen an. »Sorry, ich bin wohl eingeschlafen.« Sein Anblick bringt mich zum Schmunzeln, weil er so verschlafen viel jünger und unschuldiger aussieht.

»Ich wollte die Pizza jetzt bestellen und fragen, was du gerne draufhaben willst.«

Sein Blick klärt sich sofort. »Das ist einfach. Einmal Salami und einmal Thunfisch. Nick und ich haben vorhin schon geklärt, dass wir halbe-halbe machen, damit wir beide Beläge haben.« Er wirkt stolz auf seine geniale Idee und bei dem Gedanken an Essen scheint er auch gleich viel wacher zu werden.

»Sehr gut, dann bestelle ich die Pizzen und du sorgst dafür, dass du und Nick dann in circa einer halben Stunde in der Küche seid. Übrigens, Maja kommt auch gleich, also zieh dir lieber was Normales an.« Grinsend schaue ich an ihm herunter, bis er meinem Blick folgt und peinlich berührt merkt, dass er nur Boxershorts und ein Shirt trägt, und zwar beides mit dem Batman-Logo drauf.

Um ihm weitere Erklärungen zu ersparen, gehe ich in mein Zimmer zurück und bestelle die vier Pizzen.

Ein Blick auf mein Handy zeigt, dass Paul mir geantwortet hat und sich nach der aktuellen Situation erkundigt, also teile ihm mit, dass ich das nächste halbe Jahr mit drei Jungs verbringen darf, sie aber bisher ganz nett wirken. Dann schmeiße ich das Handy auf mein Bett und widme mich meinem neuen – obwohl sehr alten – Kleiderschrank. Bis Maja kommt, möchte ich zumindest eine grobe Vorauswahl getroffen haben, was die Kleidung für heute Abend angeht. Immerhin geht es hier um einen ersten Eindruck und der sollte möglichst positiv sein. Wenn ich mit Lilly feiern war, habe ich oft zu kurzen Kleidern oder bauchfreien Shirts gegriffen. Doch irgendwie erscheint mir das hier nicht angemessen, weil ich all diese Leute, die mich heute Abend sehen werden, auch Tag für Tag in den Vorlesungen treffen werde.

Ein schrilles Geräusch, welches ich als Türklingel identifiziere, reißt mich aus meinen Gedanken und schon bin ich auf dem Weg, um Maja Einlass zu gewähren.

»Oh, hey, ich wollte eigentlich zu Nora, aber schön, dich zu sehen. Kommst du heute Abend mit zu der Party?« Ich höre Majas Stimme und als ich auf den Flur trete, sehe ich, dass Louis ihr die Tür geöffnet hat. Tja, da war wohl jemand schneller als ich. Hat er neben der Tür auf Maja gewartet? Oder wie hat er es geschafft, vor mir an der Tür zu sein, obwohl mein Zimmer näher am Eingang liegt?

Da entdeckt Maja mich auch schon, drängt sich an Louis vorbei und nimmt mich in den Arm. »Hallo, Süße, bereit für den besten Abend deines Studentenlebens?«

»Na ja, bereit noch nicht. Aber nach der Pizza und einer Kleiderberatung deinerseits sieht das bestimmt ganz anders aus.« Dann wende ich mich an Louis. »Und, kommst du mit?«

Der ist allerdings immer noch damit beschäftigt, Maja verträumt anzuschauen, und reagiert gar nicht.

Majas Stimme reißt ihn dann allerdings aus seiner Trance. »Erde an Louis. Kommst du nachher mit?«

Endlich reagiert er. »Klar, euch zwei Hübschen kann man doch nicht ohne Begleitung auf eine Party lassen. Wie wäre es damit: Ihr setzt euch schon mal in die Küche und ich hole währenddessen Nick und meinen kleinen Liebling aus dem Zimmer.« Er zwinkert mir zu und ich muss grinsend an die Weinflaschen denken, die in seinem Zimmer stehen, während Maja mich verwirrt ansieht.

Louis macht sich auf den Weg zu Nicks Zimmer und ich versichere Maja, dass sie den Spruch mit dem Liebling gleich verstehen wird. Gemeinsam holen wir die Musikboxen aus meinem Zimmer, bevor wir es uns in der Küche gemütlich machen, und ich meine Lieblingsplaylist abspiele. Maja nimmt am Tisch Platz, während ich mich auf die Küchenanrichte setze. Schon als kleines Kind war das mein liebster Platz in unserer Küche, wahrscheinlich sogar im ganzen Haus. Maja und ich unterhalten uns gerade über unsere Lieblingsmusik, als der Pizzabote klingelt. Nick und Louis kommen zum perfekten Zeitpunkt in die Küche und so verbringen wir das Abendessen gemeinsam mit guter Musik, noch besserem Wein und vielen Lachern.

Danach lassen Maja und ich die Jungs kurz allein, denn ich brauche ja noch ihren Rat bei der Kleiderwahl. Ich präsentiere meine Vorauswahl, bis ich mich mit Majas Hilfe für eine schwarze Hose und ein weißes Top entscheide. Nichts Besonderes, aber durch die richtigen Accessoires, wie meine dunkelrote Clutch und eine gold-schwarze Statementkette, sieht es trotzdem gut aus. Maja kommentiert das Ganze mit einem zufriedenen Nicken, bevor wir uns wieder zu den Jungs gesellen. Gemeinsam mit Louis und Nick, der sich kurzfristig entschieden hat, uns ebenfalls zu begleiten, machen wir uns auf den Weg.

Kapitel 3

Nora

Bei der Party angekommen fällt mir als Erstes auf, dass die Wohnung genau wie unsere aussieht. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass die Lichter gedimmt sind, in der Ecke eine riesige Musikanlage steht, aus der lautstarke Musik zu hören ist, und überall massenhaft Bierflaschen und rote Becher rumstehen. Allein wegen der roten Becher bin ich begeistert, weil es einfach meiner aus amerikanischen Teenie-Filmen hervorgehenden Vorstellung einer Party entspricht. Ob ich mich zu leicht von Kleinigkeiten beeinflussen lasse? Vielleicht, aber es gibt wirklich Schlimmeres.

Kurz werde ich wehmütig bei dem Gedanken, dass ich diesen Abend nicht mit Lilly verbringen kann, und es fühlt sich immer noch merkwürdig an, dass sie so weit weg ist. Doch als ich das Treiben um mich herum wahrnehme, muss ich wieder daran denken, dass ich hier bin, um zu studieren. Um einen Neustart zu wagen. Um einfach den Spaß eines Studentenlebens auszukosten.

Und genau das habe ich auch vor, also lasse ich mich von der Atmosphäre einnehmen, genieße die Musik und freue mich auf den Abend mit meinen neuen Bekanntschaften.

Ich bin jung. Ich bin auf einer Party. Ich werde diesen Abend genießen.

»Der Wahnsinn, oder?«, raunt mir Maja zu, die offensichtlich meinen begeisterten Gesichtsausdruck bemerkt hat.

»Absolut, ich liebe die Musik und die roten Becher sind einfach klasse.«

»Sie sind besonders klasse, wenn was Gutes drin ist.« Wie aus dem Nichts klinkt sich plötzlich Louis in das Gespräch ein und reicht uns zwei Becher, damit wir mit ihm und Nick anstoßen können. »Bacardi Razz! Ich hoffe, das ist den Damen recht.« Ohne unsere Reaktion abzuwarten, plappert er munter weiter. »Und nun lasst uns anstoßen. Auf unseren ersten Abend als Studenten und die tollste WG, die man sich wünschen kann.« Er prostet uns zu.

»Auf die tollste WG, die man sich wünschen kann.« Nick und ich stimmen mit ein und prosten uns ebenfalls zu, während Maja kritisch zwischen uns hin- und herblickt.

»Und den tollsten VIP-Gast, den man haben kann«, fügt Maja hinzu und stößt ebenfalls mit an.

Wir müssen alle lachen und mich beschleicht das Gefühl, dass Maja tatsächlich sehr viel Zeit bei uns verbringen wird. Und wenn ich ehrlich bin, kann ich mir nichts Schöneres vorstellen.

Ich trinke einen kleinen Schluck und bin begeistert. Ich liebe Bacardi Razz – das himbeerige Aroma und die Süße der Sprite passen perfekt zusammen. Hier schmeckt man allerdings auch den Alkohol deutlich durch und ich frage mich, ob ich das einfach nicht mehr so in Erinnerung hatte oder ob Louis ein anderes Mischverhältnis an den Tag legt als ich. Aber mit dem Wissen, dass ich nur fünf Minuten nach Hause laufen muss und von lieben Menschen umgeben bin, genieße ich einfach meinen Drink und lasse mich auf den Abend ein.

Als der Alkohol seine Wirkung zeigt und die anfängliche Schüchternheit überwunden ist, stürmen Maja und ich die Tanzfläche, dicht gefolgt von Louis, der sich einfach wunderbar bewegen kann und durchgängig dafür sorgt, dass unsere roten Becher immer schön gefüllt sind. Nick ist uns ebenfalls zur Tanzfläche gefolgt, ist aber nicht ganz so in seinem Element. Er scheint sich nicht wohlzufühlen und wippt mehr hin und her, als wirklich zu tanzen. Aber Maja und ich haben Spaß, singen jedes Lied laut mit und grinsen uns dabei breit an. Das ist eins dieser Phänomene, das ich immer wieder beim Feierngehen beobachte: Man findet irgendwie plötzlich jedes Lied toll und singt laut mit, selbst wenn man es sonst gar nicht leiden kann und sofort den Sender wechseln würde.

Und so ziehen die Stunden vorbei, in denen wir die Musik genießen und uns wünschen, dieser Abend würde nie zu Ende gehen.

***

Doch der Abend geht leider zu Ende, und zwar schneller als gedacht. In einem Moment haben wir noch glücklich singend bei gedimmtem Licht getanzt, im nächsten Moment habe ich das Gefühl zu erblinden, weil plötzlich alle Lichter an sind und meine Augen sich erst an die Helligkeit gewöhnen müssen. Kurze Zeit später erblicke ich den Grund für diese Veränderung – an der Tür steht der Hausmeister, der offensichtlich für Ruhe sorgen will. Das entnehme ich zumindest dem Gespräch einer Gruppe von Mädchen, die neben uns steht. Und wenn ich mir den Mann so anschaue, der gerade zielstrebig auf die Musikboxen zugeht, um den Stecker zu ziehen, sieht er genauso aus, wie man sich einen richtigen Hausmeister vorstellt: mittelgroß, etwas dicklich, rotes Karohemd und ein grimmiger Gesichtsausdruck.

Nachdem er das Kabel gezogen hat, erhebt er seine Stimme: »So, die meisten von euch hatten noch nicht das Vergnügen mit mir. Ich bin Herr Anders, der Hausmeister. Ich gebe euch jetzt genau fünf Minuten, dann möchte ich außer den Bewohnern dieser WG keinen mehr hier sehen.«

Ein unzufriedenes Murmeln geht durch die Menge.

»Und als kleine Randinformation für die, die noch am Grübeln sind, ob sie meiner Bitte Folge leisten sollen oder nicht – tut es lieber, denn Alkohol ist in diesen Wohnheimen ebenso verboten wie das Betreten anderer Wohnungen nach zweiundzwanzig Uhr. Wer also keinen Rausschmiss riskieren möchte, macht sich jetzt schleunigst auf den Weg ins Bett.«

Ich kann vernehmen, wie sich die Leute immer noch vereinzelt beschweren, doch die meisten scheinen doch zu verstehen, dass Herr Anders nicht zu Scherzen aufgelegt ist.

»Kommt, gehen wir lieber, ich habe keine Lust auf Ärger«, sage ich zu Maja und Louis.

Nick hat uns schon vor etwa einer Stunde verlassen und ist zurück in unsere Wohnung gegangen, sodass nur wir drei geblieben sind.

Maja hat allerdings offensichtlich mehr getrunken als ich oder verträgt weniger, denn so im Hellen betrachtet wirkt sie deutlich betrunkener als gerade noch. Während es mir beim Tanzen nicht aufgefallen ist, ist ihr Schwanken jetzt kaum zu übersehen. Sofort mache ich mir Sorgen, nicht genug auf sie achtgegeben zu haben.

Louis scheint offensichtlich denselben Gedanken zu haben. »Nora, geh schon mal vor in die Wohnung, ich kümmere mich darum, dass Maja sicher in ihrem Bett und nicht in irgendeinem Busch landet, und komme gleich nach.«