Untot in Dallas - Charlaine Harris - E-Book

Untot in Dallas E-Book

Charlaine Harris

4,6

Beschreibung

Die Kellnerin Sookie Stackhouse hat eine Pechsträhne. Zuerst wird einer ihrer Kollegen ermordet, und es gibt keinerlei Hinweise auf den Täter. Kurz darauf steht sie einer Bestie gegenüber, die ihr mit giftigen Krallen schmerzhafte Wunden zufügt. Dann: Auftritt der Vampire, die ihr nicht ganz uneigennützig das Gift aus den Adern saugen ... und das ist erst der Anfang. Die Geschichten, in die Sookie und ihr Geliebter Bill im Fortgang der Reihe verwickelt werden, sind eine wundervolle Mischung aus Mystery und Phantastik, in der auch mit spannenden Krimianteilen und einem guten Schuss Erotik nicht gespart wird. Seit 2004 sind die ersten drei Bände der Sookie-Stackhouse-Reihe "Vorübergehend tot", "Untot in Dallas" und "Club Dead" ein Dauerbrenner im Programm bei Feder & Schwert und erfreuen sich bei den Fans und Lesern allergrößter Beliebtheit! Anders als die Biss-Romane von Stephanie Meyer richten sich die Romane von Charlaine Harris eher an ein erwachsenes Publikum.

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Seitenzahl: 495

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Autor: Charlaine Harris

Deutsch von: Dorothee Danzmann

Lektorat: Oliver Hoffmann

Korrektorat: Mirko Schmittinger und Thomas Russow

Umschlaggestaltung und Satz: Oliver Graute

© Charlaine Harris Schulz 2002

© der deutschen Übersetzung Feder&Schwert 2004

E-Book-Ausgabe 2013

Originaltitel: Living dead in Dallas

ISBN 978-3-86762-172-4

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-86762-056-7

Untot in Dallas ist ein Produkt von Feder&Schwert unter Lizenz von Charlaine Harris Schulz 2003. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung

liegen bei Charlaine Harris Schulz.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken

nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

Ich widme dieses Buch allen, denen Vorübergehend tot gut gefallen hat und die mir dies auch mitgeteilt haben. Das war für mich eine große Ermutigung, für die ich mich herzlich bedanke.

Mein Dank geht zudem an Patsy Asher von Remember the Alibi in San Antonio, Texas, Chloe Green aus Dallas sowie all die hilfsbereiten Freunde im Cyberspace, die ich über DorothyL kennenlernte und die alle meine Fragen prompt und begeistert beantwortet haben.

Mein Beruf ist der Schönste der Welt.

Kapitel 1

Andy Bellefleur war sturzbetrunken. Das passiert Andy wirklich nicht oft. Ich muß es wissen – ich kenne die Schluckspechte von Bon Temps. Meine Arbeit im Lokal Sam Merlottes, der ich jetzt bereits seit ein paar Jahren nachgehe, hat mich mit so gut wie allen von ihnen bekanntgemacht. Andy Bellefleur, Sohn dieser Stadt und Ermittler in der kleinen Polizeitruppe, die wir unser eigen nennen, hatte sich jedenfalls noch nie zuvor im Merlottes betrunken, und ich hätte natürlich nur zu gern gewußt, warum der heutige Abend da eine Ausnahme bildete.

Man kann Andy und mich wahrlich nicht als enge Freunde bezeichnen, ich konnte ihn also unmöglich direkt fragen. Aber mir stehen andere Mittel und Wege zur Verfügung, und ich beschloß, mich ihrer zu bedienen. Ich versuche wirklich, mich meiner Behinderung – oder meiner Gabe, je nachdem, wie Sie es sehen wollen – nur eingeschränkt zu bedienen und mein Talent nur einzusetzen, wenn es gilt, Dinge herauszufinden, die mich oder die Meinen in irgendeiner Weise betreffen könnten. Aber manchmal siegt auch ganz einfach die Neugier über alle guten Vorsätze.

Ich schob also mein geistiges Visier hoch und las Andys Gedanken. Gleich darauf tat es mir auch schon leid.

Andy hatte einen Mann wegen Kindesentführung verhaften müssen. Dieser Mann hatte ein zehnjähriges Mädchen aus seiner Nachbarschaft in den Wald gelockt und vergewaltigt. Das Mädchen lag im Krankenhaus, und der Mann saß im Gefängnis, aber der Schaden war angerichtet und ließ sich nicht wiedergutmachen. Ich war den Tränen nahe. Dieses Verbrechen erinnerte mich allzusehr an Geschehnisse aus meiner eigenen Vergangenheit. Andy gefiel mir gleich etwas besser, weil die Sache ihn so sehr deprimierte.

„Gib mir deine Autoschlüssel, Andy“, befahl ich streng, woraufhin er mir ein wenig verständnislos dreinschauend sein breites Gesicht zuwandte. Es folgte ein langes Schweigen, aber dann waren meine Worte und deren Bedeutung endlich wohl doch bis in Andys vernebelte Hirnwindungen gedrungen. Umständlich durchwühlte der Detective die Taschen seiner Jeans und überreichte mir schließlich einen schweren Schlüsselbund. Ich stellte ihm daraufhin einen weiteren Bourbon mit Cola hin. „Der geht auf mich“, sagte ich und ging hinüber zum Telefon am anderen Tresenende, um Portia, Andys Schwester, anzurufen. Die Geschwister Bellefleur bewohnten gemeinsam ein etwas heruntergekommenes, riesiges, zweistöckiges Haus aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Das Haus hatte schon bessere Tage gesehen und war einst prachtvoll gewesen. Es lag in einer der hübschesten Straßen im schönsten Teil Bon Temps’. Hier, in der Magnolia Creek Road, lagen die Häuser allesamt zu einem Streifen Parkland hin, durch den sich ein kleiner Fluß schlängelte. Hier und da querten anmutige Fußgängerbrücken diesen Fluß, und zu beiden Seiten des Parks verlief eine Straße. An der Magnolia Creek Road befand sich noch eine Reihe weiterer alter Anwesen, die sich aber in einem weit besseren Zustand befanden als Belle Rive, das Haus der Bellefleurs. Weder Portia als Anwältin noch Andy als Polizist verdienten genug, um Belle Rive so instand zu halten, wie es hätte getan werden müssen, und das Geld, das man eigentlich braucht, um ein solches Haus und das dazugehörige Anwesen angemessen zu unterhalten, war längst fort. Caroline, die Großmutter der beiden, weigerte sich jedoch stur und standhaft zu verkaufen.

Portia ging nach dem zweiten Klingeln an den Apparat.

„Portia, hier spricht Sookie Stackhouse“, sagte ich, wobei ich die Stimme erheben mußte, um den Kneipenlärm zu übertönen.

„Du bist wohl arbeiten?“

„Ja. Andy ist hier. Angeschickert und ziemlich durch den Wind. Ich habe ihm die Autoschlüssel abgenommen. Kannst du ihn abholen kommen?“

„Andy ist betrunken? Das kommt ja wirklich selten vor. Klar, ich bin in zehn Minuten da“, versprach Portia und legte auf.

„Sookie, du bist lieb“, verkündete Andy plötzlich.

Die Cola-Bourbon-Mischung, die ich ihm eingeschenkt hatte, hatte er bereits ausgetrunken. Ich nahm ihm hastig das Glas weg, damit er nicht nach einem weiteren Drink fragen konnte. „Vielen Dank für die Blumen, Andy“, sagte ich. „Du bist auch ziemlich okay.“

„Wo issen ... der Liebste?“

„Direkt hinter Ihnen“, ertönte eine kühle Stimme, und unmittelbar hinter Andys Rücken tauchte Bill Compton auf. Über Andys Kopf hinweg, der dem Polizisten immer wieder auf die Brust zu sinken drohte, nickte ich meinem Freund zu. Bill war ungefähr einen Meter neunzig groß, mit dunkelbraunem Haar und ebensolchen Augen. Er besaß die breiten Schultern und harten, muskulösen Arme eines Mannes, der jahrelang körperliche Arbeit hat leisten müssen. Bill hatte zusammen mit seinem Vater den elterlichen Hof bewirtschaftet, nach dem Tod des Vaters dann allein, bis er Soldat geworden und in den Krieg gezogen war. In den Bürgerkrieg.

„Hallo, VB!“ rief Charlsie Tootens Mann Micah. Bill hob beiläufig die Hand, um den Gruß zu erwidern, und mein Bruder Jason sagte: „Guten Abend, Vampirbill“, und zwar vollendet höflich und freundlich. Jason, der Bill anfangs nicht gerade mit offenen Armen in unserem kleinen Familienkreis aufgenommen hatte, hatte nunmehr in seinem Verhalten meinem Freund gegenüber eine völlig neue Seite aufgeschlagen. Wobei ich allerdings in dieser Frage noch immer sozusagen im Geiste die Luft anhielt, denn ich wußte nicht, wie lange dieses neue Benehmen andauern würde.

„Für einen Blutsauger sind Sie eigentlich ganz in Ordnung, Bill“, sagte Andy Bellefleur plötzlich laut und vernehmlich, während er sich auf seinem Barhocker so umdrehte, daß er Bill direkt ansehen konnte. Ich überprüfte meine Einschätzung von Andys Betrunkenheitsgrad und korrigierte die Werte nach oben; Andy hatte bisher noch keine große Begeisterung an den Tag gelegt, was die Integration von Vampiren in den amerikanischen Alltag betraf. „Danke“, erwiderte Bill. „Sie sind auch nicht übel – für einen Bellefleur.“ Dann beugte er sich über den Tresen, um mir einen Kuß zu geben. Bills Lippen waren ebenso kühl wie seine Stimme. Daran hatte ich mich erst gewöhnen müssen – genau wie an die Tatsache, daß ich keinen Herzschlag hörte, wenn ich meinen Kopf auf seine Brust legte. „Guten Abend, Schatz“, sagte Bills sanfte, leise Stimme. Ich schob ihm ein Glas mit dem synthetischen Blut zu, das die Japaner entwickelt hatten, Blutgruppe B Negativ, und er leerte es in einem Zug. Dann leckte er sich die Lippen. Fast umgehend sah er etwas rosiger aus als zuvor.

„Wie war dein Treffen, Schatz?“ wollte ich wissen, denn Bill hatte den Großteil der Nacht in Shreveport verbracht.

„Das erzähle ich dir später.“

Ich hoffte inständig, Bill möge bei seiner Arbeit keine ebenso herzzerreißende Geschichte erlebt haben wie Andy. „Gut“, sagte ich. „Ich wäre dir dankbar, wenn du Portia helfen könntest, Andy ins Auto zu hieven, wenn sie kommt. Da ist sie ja schon.“ Ich wies mit dem Kinn auf die Tür.

In der Regel trug Portia die Berufskleidung ihrer Zunft: Rock, Bluse, Jackett, Nylons und Pumps mit flachen Absätzen, aber an diesem Abend hatte sie sich Jeans und ein leicht verschlissenes Sophie Newcombe-T-Shirt übergezogen. Portia war ebenso stämmig gebaut wie ihr Bruder, aber sie hatte wunderschönes langes, dickes, kastanienbraunes Haar, das sie sorgfältig pflegte – das einzige Anzeichen dafür, daß sie noch nicht aufgegeben hatte. Zielstrebig bahnte sie sich einen Weg durch die lärmende Menge im Lokal, ohne nach rechts oder links zu sehen.

„Der ist ja wirklich ziemlich hinüber“, stellte sie mit einem abschätzenden Blick auf ihren Bruder fest, wobei sie sich bemühte, Bills Anwesenheit gar nicht wahrzunehmen. Mein Vampir verunsicherte sie sehr. „Oft passiert das ja nicht, aber wenn mein Bruder schon mal beschließt, sich einen hinter die Binde zu kippen, macht er keine halben Sachen.“

„Laß Bill Andy zum Auto tragen, Portia“, schlug ich vor. Andy war größer als seine Schwester und untersetzt, er war eindeutig zu schwer für sie.

„Danke, ich glaube, das schaffe ich allein“, erwiderte sie fest, wobei sie Bill, der mich fragend ansah und eine Braue hochgezogen hatte, immer noch keines Blickes würdigte.

Also sah ich zu, wie Portia ihrem Bruder den Arm um die Taille legte und versuchte, den Betrunkenen vom Barhocker zu bekommen. Andy jedoch ließ sich nicht bewegen. Daraufhin sah Portia sich suchend um. Offenbar hatte sie gehofft, Sam um Hilfe bitten zu können, denn Sam wirkt zwar klein und zäh, ist aber ziemlich stark. „Sam arbeitet heute im Country Club“, erklärte ich ihr. „Er betreut die Bar bei einer Geburtstagsfeier. Es wäre wirklich am besten, wenn Bill dir hilft.“

„Also gut“, erwiderte die Anwältin daraufhin steif, wobei sie den Blick unverwandt auf das blankgeputzte Holz des Tresens gerichtet hielt. „Danke.“

Blitzschnell hatte Bill Andy gepackt und brachte ihn zur Tür, wobei er ihn wirklich mehr oder weniger tragen mußte, denn Andys Beine waren wie Wackelpudding. Micah sprang auf, um die Tür zu öffnen. So konnte Bill Andy mit Schwung auf den Kundenparkplatz befördern.

„Danke“, sagte Portia. „Hat er bezahlt?“

Ich nickte.

„Gut!“ Portia schlug mit der flachen Hand auf den Tresen, womit sie mir zu verstehen gab, daß sie sich nun wieder auf den Weg machen würde. Dann eilte sie Bill nach, wobei sie sich auf dem Weg zur Tür noch einen ganzen Haufen gutgemeinter Ratschläge anhören mußte.

So kam es, daß der alte Buick von Detective Andy Bellefleur die ganze Nacht und noch einen Gutteil des nächsten Morgens auf dem Parkplatz des Merlottes stand. Der Buick war leer gewesen, als Andy ihn abgestellt hatte, um die Kneipe aufzusuchen. Das würde der Detective später beschwören. Er würde weiterhin aussagen, am fraglichen Abend hätten ihn die aufwühlenden Erlebnisse seines Arbeitstages so sehr beschäftigt, daß er vergaß, die Autotüren abzuschließen.

Irgendwann zwischen zwanzig Uhr, als Andy auf dem Parkplatz des Merlottes angekommen war und zehn Uhr am nächsten Morgen, als ich dort eintraf, um beim Herrichten des Lokals für den nächsten Tag behilflich zu sein, bekam Andys Auto einen Insassen.

Einen Insassen, dessen Auftauchen für den Polizisten ziemlich peinlich werden würde.

Denn dieser Insasse war tot.

***

Eigentlich hätte ich an diesem Morgen gar nicht dort sein sollen. Ich hatte die Nacht zuvor die Spätschicht gearbeitet, und dasselbe hätte ich eigentlich auch an diesem Tag tun sollen. Aber Bill hatte mich gebeten, mit einer meiner Kolleginnen zu tauschen, denn er wollte, daß ich mit ihm nach Shreveport fuhr. Sam hatte nichts dagegen gehabt, und so hatte ich meine Freundin Arlene gebeten, meine Spätschicht zu übernehmen. Arlene hätte an diesem Tag eigentlich frei haben sollen, aber ihr war viel an den Trinkgeldern gelegen, die wir nachts kassierten und die viel besser waren als die tagsüber. So hatte sie sich gern bereit erklärt, an diesem Tag um siebzehn Uhr zur Arbeit zu erscheinen.

Andy hatte vorgehabt, gleich am Morgen sein Auto abzuholen. Ihn hatte jedoch ein übler Kater geplagt, weswegen er es nicht über sich gebracht hatte, Portia dazu zu bewegen, ihn rasch vor der Arbeit beim Merlottes vorbeizubringen. Unser Lokal liegt etwas außerhalb – ganz und gar nicht auf Andys Arbeitsweg. Portia wollte ihren Bruder lieber in der Mittagspause abholen und mit ihm zum Mittagessen zu uns herausfahren, wobei er dann gleich seinen Wagen wieder mit in die Stadt würde nehmen können.

So wartete der Buick samt seinem stummen Insassen weit länger darauf abgeholt zu werden, als er eigentlich hätte warten sollen.

Ich hatte in dieser Nacht sechs Stunden geschlafen und fühlte mich von daher ziemlich gut. Wenn man wie ich ein Tagmensch ist, dann kann einen die Beziehung zu einem Vampir ganz schön aus dem Biorhythmus bringen. Wir hatten das Lokal gegen eins geschlossen. Dann war ich mit Bill zusammen nach Hause gefahren – in sein Haus. Wir waren in seinen Whirlpool gestiegen und hatten danach noch ein paar andere nette Dinge getan. Ich war kurz nach zwei Uhr morgens ins Bett gekommen, und als ich aufstand, war es bereits neun Uhr und Bill natürlich schon lange über alle Berge.

Ich trank zum Frühstück eine Menge Wasser und Orangensaft und nahm Vitamintabletten und ein Eisenpräparat. Das hatte ich mir angewöhnt, seit Bill in mein Leben getreten war und mit ihm außer Liebe, Abenteuern und vielen aufregenden Erlebnissen auch die ständige Bedrohung, irgendwann einmal anämisch zu werden. Gott sei Dank wurde es langsam kühler. Ich saß auf Bills Veranda und trug eine Strickjacke zur schwarzen Hose, die wir bei der Arbeit im Merlottes anhatten, wenn es für Shorts nicht mehr warm genug war. Mein weißes Polohemd zeigte über der linken Brust eingestickt den Namenszug des Merlottes.

Während ich die Morgenzeitung überflog, stellte ich halb unbewußt fest, daß das Gras eindeutig nicht mehr so schnell wuchs wie noch vor ein paar Wochen und daß ein paar der Blätter an den Bäumen aussahen, als wollten sie sich schon bald bunt färben. Vielleicht würden an diesem Freitag ja selbst die Temperaturen im Footballstadion der High School halbwegs erträglich sein.

In Louisiana tut sich der Sommer schwer mit dem Abschiednehmen. Das gilt selbst für den nördlichen Teil des Bundesstaates. Der Herbst hält recht halbherzig seinen Einzug, als könne er jederzeit wieder verschwinden und uns erneut der erstickenden Hitze überantworten, die hier im Juli herrscht. Er gibt sich ungern zu erkennen. Aber ich war auf der Hut an diesem Morgen, weshalb ich seine Spuren durchaus entdecken konnte. Herbst und Winter – das hieß längere Nächte, mehr Zeit mit Bill, mehr Stunden zum Schlafen.

Also war ich guter Laune, als ich zur Arbeit fuhr und beim Anblick des Buick, der einsam und allein dort auf dem großen Kundenparkplatz vor unserem Lokal stand, kam mir die Erinnerung an Andys überraschende Zechtour am Abend zuvor wieder in den Sinn. Ich muß gestehen, ich lächelte beim Gedanken daran, wie er sich an diesem Morgen wohl fühlen mochte. Gerade wollte ich vom Kundenparkplatz abbiegen und ums Haus herumfahren, um meinen Wagen dort hinten auf dem Parkplatz der Angestellten abzustellen, da bemerkte ich, daß die rechte hintere Tür von Andys Wagen ein wenig offenstand. Das hieß aber auch, daß die Innenbeleuchtung des Wagens brannte und daß sich die Batterie entlud. Das würde Andy gehörig ärgern. Er würde ins Lokal kommen und einen Abschleppwagen rufen oder jemanden bitten müssen, ihm Starthilfe zu geben. Also schaltete ich mein Auto in den Leerlauf und stieg aus, wobei ich den Motor laufen ließ. Wie sich herausstellte, war ich viel zu optimistisch gewesen. Ich hätte den Motor lieber abstellen sollen.

Ich wollte die hintere Tür von Andys Wagen schließen, aber das war nicht möglich, die Tür gab gerade mal zwei Zentimeter nach. Also warf ich mich mit dem ganzen Körper dagegen, denn ich dachte, so könnte ich das Schloß auf jeden Fall zum Einschnappen bringen und mich dann einfach rasch wieder davonmachen. Aber auch so ließ sich die Tür nicht schließen. Dann wehte ein Lufthauch über den Parkplatz, und ich bekam einen ganz schrecklichen Geruch in die Nase, der mir vor Entsetzen die Kehle zuschnürte. Der Geruch war mir nicht unbekannt. Ich hielt mir die Hand vor den Mund – was allerdings bei diesem Gestank wenig half – und warf einen vorsichtigen Blick auf den Rücksitz des Wagens.

„Oh Himmel!“ flüsterte ich dann entsetzt. „Scheiße.“ Irgend jemand hatte Lafayette, einen der Köche, die sich um die Küche im Merlottes kümmerten, auf den Rücksitz gezwängt. Er war nackt. Sein schmaler brauner Fuß mit den tiefrot lackierten Fußnägeln hatte verhindert, daß die Wagentür sich schließen ließ, und es war Lafayettes Leiche, die hier derart zum Himmel stank.

Ich stolperte zurück, kletterte wieder in meinen Wagen und fuhr um das Haus herum zum Angestelltenparkplatz, wobei ich die ganze Zeit ohne Unterlaß auf die Hupe drückte. Da kam auch schon Sam Merlotte aus dem Hintereingang gestürzt, eine Schürze um die Taille gebunden. Ich bremste, stellte den Motor ab und war so schnell aus dem Auto gesprungen, daß ich gar nicht recht mitbekam, ob und wie ich diese Dinge getan hatte. Dann klebte ich auch schon an Sam wie eine statisch aufgeladene Socke frisch aus dem Wäschetrockner.

„Was ist passiert?“ ertönte die Stimme meines Chefs dicht an meinem Ohr. Ich lehnte mich etwas zurück, um Sam anschauen zu können. Den Kopf brauchte ich dazu nicht zu recken, denn Sam war ein kleiner Mann. Sein rotgoldenes Haar glitzerte in der Sonne. Er hatte tiefblaue Augen, die weit aufgerissen und fragend auf mich gerichtet waren.

„Lafayette!“ sagte ich, und dann fing ich an zu weinen, was zwar lächerlich und albern war und nun wirklich niemandem nutzte, was ich aber nicht verhindern konnte. „Er ist tot. In Andy Bellefleurs Auto.“

Sam legte den Arm fester um meinen Rücken und zog mich ganz dicht zu sich heran. „Arme Sookie!“ sagte er liebevoll. „Es tut mir so leid, daß du das sehen mußtest. Ich rufe die Polizei. Der arme Lafayette!“

Man braucht keine außergewöhnlichen kulinarischen Vorkenntnisse, wenn man im Merlottes kochen will, und die Köche wechseln recht häufig. Sams Speisekarte bietet eigentlich nur Fritten und Sandwiches. Lafayette hatte zu meiner Verwunderung länger bei uns ausgeharrt als die meisten anderen. Lafayette war schwul gewesen, schillernd schwul, strahlend schwul, ein Schwuler mit Make-up und irrsinnig langen Nägeln. Im nördlichen Louisiana sind die Menschen weniger tolerant als in New Orleans, und Lafayette wird es doppelt so schwer gehabt haben wie andere, denn er war noch dazu schwarz. Trotz seiner Probleme – oder vielleicht gerade deswegen – war mein Kollege immer fröhlich gewesen, auf sehr unterhaltsame Art zu Späßen und Schabernack aufgelegt, klug und noch dazu ein wirklich fähiger Koch. Er hatte eine Spezialsauce kreiert, in die er seine Hamburger vor dem Braten kurz eintauchte, und viele unserer Kunden verlangten stets ausdrücklich nach einem Lafayette-Burger.

„Hatte er Verwandte hier in der Gegend?“ wollte ich von Sam wissen, nachdem wir uns, beide ein wenig peinlich berührt, voneinander gelöst hatten, um uns auf den Weg zum Telefon in Sams Büro zu machen.

„Er hatte hier einen Vetter“, erwiderte Sam und tippte rasch die Notrufnummer 911 in sein Telefon. „Bitte kommen Sie sofort ins Merlottes in der Hummingbird Road“, bat er, als der Fahrdienstleiter den Anruf entgegengenommen hatte. „Hier liegt ein toter Mann in einem abgestellten Fahrzeug. Auf dem Parkplatz vor der Gaststätte. Sie sollten vielleicht auch Andy Bellefleur Bescheid sagen. Bei dem abgestellten Fahrzeug handelt es sich nämlich um sein Auto.“

Das überraschte Quietschen am anderen Ende der Leitung konnte selbst ich noch hören, obwohl ich in der Bürotür stehengeblieben war.

Gerade traten Holly Cleary und Danielle Grey lachend durch die Hintertür, die beiden Kellnerinnen, die außer mir noch in der Tagschicht arbeiten sollten. Beide Frauen waren Mitte zwanzig und geschieden. Sie waren ihr ganzes Leben lang miteinander befreundet gewesen, und ihnen schien keine Arbeit etwas auszumachen, solange sie sie gemeinsam verrichten konnten. Holly hatte einen fünfjährigen Sohn, der in die Vorschule ging, Danielle eine siebenjährige Tochter und einen Sohn, der noch zu klein für die Schule war und daher bei Danielles Mutter blieb, wenn Danielle arbeiten ging. Auch wenn die beiden in meinem Alter waren, war ich nie richtig warm mit ihnen geworden. Das lag daran, daß beide sehr darauf bedacht waren, einander genug zu sein.

„Was ist denn los?“ fragte Danielle, als sie meinen Gesichtsausdruck sah, und sofort verzog sich auch ihr Gesicht – schmal und sommersprossenübersät – besorgt.

„Warum steht Andys Wagen da vorn auf dem Parkplatz?“ wollte Holly wissen, wobei mir einfiel, daß sie einmal eine Weile mit Andy zusammengewesen war. Holly war eine Frau mit kurzem blonden Haar, das ihr wie verwelkte Narzissen in die Stirn hing und mit der hübschesten Haut, die ich je zu Gesicht bekommen hatte. „Er hat die Nacht darin verbracht?“

„Nein“, sagte ich, „aber jemand anderes.“

„Wer denn?“

„Lafayette liegt in Andys Auto.“

„Andy hat einer schwarzen Schwuchtel gestattet, in seinem Auto zu übernachten?“ Das kam von Holly, die die direktere der beiden war.

„Was ist mit Lafayette?“ wollte Danielle wissen, denn sie ist die gescheitere der beiden.

„Das wissen wir nicht“, erwiderte Sam. „Die Polizei ist auf dem Weg.“

Danielle sah ihn nachdenklich an. „Damit willst du uns wohl zu verstehen geben“, sagte sie ganz langsam, „daß Lafayette tot ist?“

„Ja“, sagte ich. „Genau das meinen wir.“

„Nun, wir sollen in einer Stunde den Laden hier aufmachen.“ Holly stemmte die Hände in die Hüften. „Was wollen wir diesbezüglich tun? Wenn die Polizei erlaubt, daß wir aufmachen, wer soll dann hier kochen? So oder so werden Kunden kommen, und die werden zu Mittag essen wollen.“

„Wir sollten alles wie gewohnt vorbereiten“, sagte Sam. „Für den Fall der Fälle. Auch wenn ich persönlich ja glaube, daß wir frühestens heute nachmittag werden öffnen können.“ Mit diesen Worten ging er zurück in sein Büro, um einen unserer Aushilfsköche zu bewegen, diese Schicht zu übernehmen.

Es war unheimlich, die ganze Routine ablaufen zu lassen, die erforderlich ist, um unser Lokal für Gäste herzurichten – als könne jeden Moment Lafayette hereingestöckelt kommen, auf den Lippen eine haarsträubende Geschichte über eine Party, auf der er unlängst gewesen war, ganz so, wie er noch vor ein paar Tagen hereingekommen war. Dann näherten sich mit heulenden Sirenen auf der Landstraße, die am Merlottes vorbeiführt, verschiedene Polizeifahrzeuge und fuhren kurz darauf knirschend auf Sams kiesbestreutem Kundenparkplatz vor. Als wir die Stühle von den Tischen geholt, die Tische selbst zurechtgerückt, Besteck in Servietten gerollt und Teller bereitgestellt hatten, kam die Polizei zu uns ins Lokal.

Das Merlottes liegt außerhalb der Stadtgrenzen, also war der Sheriff des Landkreises, Bud Dearborn, zuständig. Bud war ein guter Freund meines Vaters gewesen; inzwischen hatte er graumeliertes Haar. Sein Gesicht wirkte leicht eingedrückt, wie das eines Pekinesen in Menschengestalt, und er hatte dunkelbraune Augen, in denen sich nur schwer etwas lesen ließ. Er trug schwere Stiefel und die Baseballkappe seines Lieblingsvereins, als er unser Lokal betrat, woraus ich schloß, daß man ihn von der Arbeit auf seinem Hof abberufen hatte. Zusammen mit Bud betrat Alcee Beck den Raum, der einzige afroamerikanische Detective, den die hiesige Kreispolizei vorweisen konnte. Alcee war so schwarz, daß sein blütenweißes Hemd im Kontrast dazu regelrecht leuchtete. Er trat in Schlips und Kragen auf, der Schlips anständig gebunden, der Anzug makellos. Alcees Schuhe waren auf Hochglanz poliert und man hätte sich darin spiegeln können.

Alcee und Bud sorgten dafür, daß unser Landkreis funktionierte – besser gesagt, daß all die wichtigen Elemente funktionierten, von denen dann abhing, daß der Landkreis funktionierte. Auch Mike Spencer, Beerdigungsunternehmer und amtlicher Leichenbeschauer, spielte in Kreisangelegenheiten eine wichtige Rolle. Auch er war ein guter Freund Buds. Ich hätte jede Wette gemacht, daß sich Mike Spencer bereits draußen auf dem Parkplatz befand, um den armen Lafayette offiziell für tot zu erklären.

Bud Dearborn fragte: „Wer hat die Leiche gefunden?“

„Ich“, verkündete ich, woraufhin die beiden leicht ihre Marschrichtung änderten und direkt auf mich zukamen.

„Können wir Ihr Büro benutzen, Sam?“ wollte Bud Dearborn wissen und wies mich, ohne Sams Antwort überhaupt abzuwarten, mit einer Kopfbewegung an, ihn dorthin zu begleiten.

„Klar, machen Sie nur“, erwiderte mein Chef trocken. „Sookie, geht es wieder?“

„Alles in Ordnung.“ Ob das der Wahrheit entsprach, hätte ich selbst nicht genau sagen können, aber alles, was Sam hätte tun können, um mir zu helfen, hätte ihn nur in Schwierigkeiten gebracht und doch letztlich nichts geändert. Bud nickte mir zu, ich solle mich setzen, aber ich schüttelte den Kopf. Ich wollte lieber stehen. Bud und Alcee machten es sich auf den Stühlen bequem, die in Sams Büro herumstanden: Bud setzte sich natürlich in Sams großen Schreibtischsessel, während Alcee sich mit der nächstbesten Sitzgelegenheit begnügte, ein Stuhl immerhin, dessen Sitz gepolstert war.

„Wann hast du Lafayette das letzte Mal lebend gesehen?“ wollte Bud wissen.

Darüber mußte ich erst nachdenken.

„Gestern abend hat er nicht gearbeitet“, sagte ich. „Gestern abend hat Anthony gearbeitet, Anthony Bolivar.“

„Wer ist das?“ Alcee legte seine breite Stirn in Falten. „Der Name kommt mir nicht bekannt vor.“

„Ein Freund Bills. Er war auf der Durchreise und brauchte einen Job. Er hat über Arbeitserfahrung verfügt.“ Anthony Bolivar hatte während der großen Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren als Koch in einem Schnellrestaurant gearbeitet.

„Soll das heißen, der Koch im Merlottes ist ein Vampir?“

„Na und?“ gab ich zurück, wobei ich spüren konnte, wie mein Gesicht sich verzog und ich eine sture Miene aufzusetzen begann. Auch meine Brauen zogen sich zusammen, und mein Gesicht insgesamt wurde immer wütender. Ich bemühte mich wirklich, den beiden Polizisten nicht beim Denken zuzuhören, tat mein Bestes, mich aus der ganzen Sache herauszuhalten, aber das war weiß Gott nicht einfach. Bud Dearborn war durchschnittlich, aber Alcees Gedanken leuchteten wie die Strahlen eines Leuchtturms, dessen Signale man einfach nicht übersehen kann. Im Moment strahlte er Ekel aus. Ekel und Angst.

Als ich Bill noch nicht kannte und noch nicht erfahren hatte, wie sehr dieser meine Behinderung – er nannte sie eine Gabe – zu schätzen wußte, hatte ich alles darangesetzt, mich und alle anderen glauben zu machen, ich könne nicht wirklich Gedanken ‚lesen’. Aber Bill war es gelungen, mich aus dem kleinen Gefängnis zu befreien, das ich mir selbst errichtet hatte, und durch ihn ermutigt hatte ich zu trainieren und zu experimentieren begonnen. Für ihn hatte ich gelernt, Dinge in Worte zu fassen, die ich seit Jahren spürte. Manche Menschen, wie jetzt gerade Alcee, sandten klare, deutliche Botschaften. Meist jedoch ließen sich die Gedanken anderer mal besser, mal schlechter lesen, wie bei Bud Dearborn. Das hing sehr davon ab, wie stark die jeweiligen Gefühle waren und wie klar die betreffenden Personen im Kopf waren; ja selbst das Wetter mochte, soweit ich das beurteilen konnte, eine gewisse Rolle spielen. Manche Leute waren einfach generell ziemlich wirr im Kopf, und es war fast unmöglich, mitzubekommen, was sie dachten. Bei solchen Menschen konnte ich unter Umständen Stimmungen ablesen, aber das war auch alles.

Bill gegenüber hatte ich auch eingestehen können, daß die Bilder klarer wurden, wenn ich die Menschen berührte, denen ich zuhören wollte. Das war, als hätte man endlich Kabelfernsehen bekommen, nachdem man vorher nur eine Zimmerantenne hatte. Weiter hatte ich festgestellt, daß ich durch die Gedanken anderer gleiten konnte wie ein Fisch durchs Wasser, wenn ich den Betreffenden vorher Bilder ‚geschickt’ hatte, bei denen sie sich hatten entspannen können.

Es gab nichts, was ich in diesem Augenblick weniger gern getan hätte, als durch die Gedanken Alcee Becks zu gleiten wie ein Fisch durchs Wasser. Aber es ließ sich nicht vermeiden, daß ich völlig unfreiwillig ein Bild von Alcees Reaktionen erhielt: Der Detective reagierte fast schon abergläubisch panisch auf die Mitteilung, in der Küche des Merlottes arbeite ein Vampir. Als ihm klar wurde, daß ich die Frau war, von der er schon so viel gehört hatte – die, die mit einem Vampir zusammen war –, ekelte er sich. Zudem war er der felsenfesten Überzeugung, Lafayette habe der schwarzen Gemeinde unserer Gegend geschadet und sei eine Schande für sie gewesen, weil er seine Homosexualität offen gelebt hatte. Außerdem ging Alcee davon aus, jemand müsse es wohl auf Andy Bellefleur abgesehen haben, denn warum hätte man dem Kollegen sonst die sterblichen Überreste eines schwulen schwarzen Mannes in sein Auto legen sollen? Alcee fragte sich, ob Lafayette AIDS gehabt haben mochte und ob dieser Virus nun irgendwie bis in die Sitze von Andys Auto gesickert war, um dort munter zu überleben. Wenn es sein Auto wäre, dachte Alcee, würde er es jedenfalls umgehend verkaufen.

Wenn ich Alcee berührt hätte, hätte ich auch noch seine Telefonnummer und die Körbchengröße seiner Ehefrau erfahren.

Bud sah mich mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen prüfend an. „Hatten Sie etwas gesagt?“ fragte ich.

„Ja. Ich hatte gefragt, ob du Lafayette im Laufe des vergangenen Abends hier im Lokal gesehen hast. Kam er in die Kneipe, um etwas zu trinken?“

„Ich habe ihn nie als Gast hier gesehen.“ Wenn ich es recht bedachte, hatte ich Lafayette auch nie trinken sehen. Zum ersten Mal wurde mir klar, daß wir hier zwar mittags ein gemischtes Publikum hatten, die Gäste, die abends und nachts bei uns tranken, jedoch fast ausschließlich Weiße waren.

„Wo hat Lafayette seine Freizeit verbracht?“

„Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen.“ Wenn Lafayette Geschichten erzählte, dann pflegte er den Beteiligten immer falsche Namen zu geben, um Unschuldige zu schützen. Na ja: eigentlich ja, um Schuldige zu schützen. „Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?“

„Tot, draußen im Auto.“

Bud schüttelte den Kopf. „Lebend, Sookie!“

„Hmmm. Ich glaube ... vor drei Tagen. Er war noch hier, als ich meinen Dienst antrat, und wir haben einander kurz begrüßt. Ach – und er erzählte mir von einer Party, bei der er gewesen war.“ Ich versuchte, mich genau an Lafayettes Worte zu erinnern. „Er sagte, er sei in einem Haus gewesen, in dem allerhand sexuelle Fisimatenten stattfanden.“

Die beiden starrten mich mit offenen Mündern an.

„Die Formulierung stammt von ihm! Ich weiß nicht, inwieweit das wirklich stimmte!“ Ich sah Lafayettes Gesicht förmlich vor mir, wie es ausgesehen hatte, als er mir die Geschichte erzählte, erinnerte mich an die gezierte Art, in der er immer wieder den Finger auf die Lippen gelegt hatte, um mir zu verstehen zu geben, daß er sich weder über Namen noch Orte genauer auslassen würde.

„Warst du nicht der Meinung, jemand sollte davon wissen?“ Bud wirkte völlig fassungslos.

„Die Rede war von einer privaten Party. Warum hätte ich irgend jemandem davon erzählen sollen?“

Aber es ging nicht an, daß solche Partys in den Grenzen ihrer Gemeinde stattfanden, und so funkelten mich beide Männer zornig an. Bud sagte mit zusammengekniffenen Lippen: „Hat Lafayette auch etwas von Drogen erwähnt, die bei diesen Zusammenkünften konsumiert wurden?“

„Von Drogen war, soweit ich mich erinnern kann, nicht die Rede.“

„Fand die Party im Haus eines Weißen oder eines Schwarzen statt?“

„Eines Weißen“, sagte ich und wünschte, ich hätte Nichtwissen vorgetäuscht. Lafayette war von dem Haus fasziniert gewesen – was aber nicht daran gelegen hatte, daß es besonders groß oder besonders protzig gewesen wäre. Was hatte ihn eigentlich so beeindruckt? Wobei ich nicht hätten sagen können, ob das Wort ‚beeindruckt’ es überhaupt traf und was es für Lafayette bedeutete. Lafayette war in armen Verhältnissen aufgewachsen und sein Leben lang arm geblieben. Ich war mir aber sicher, daß er im Zusammenhang mit der Party vom Haus eines Weißen gesprochen hatte, denn ich erinnerte mich, daß er gesagt hatte: „Und dann die ganzen Bilder da an der Wand, jeder einzelne Typ so weiß wie eine Lilie, und allesamt grinsen sie wie die Alligatoren.“ Diesen Kommentar ließ ich der Polizei gegenüber jedoch unerwähnt, und die beiden Beamten stellten mir keine weiteren Fragen.

Ich erklärte noch, wie es dazu gekommen war, daß sich Andy Bellefleurs Wagen überhaupt auf unserem Parkplatz befand und durfte dann Sams Büro verlassen. Ich verzog mich hinter den Tresen. Was auf dem Parkplatz geschah, wollte ich gar nicht sehen, und Gäste, die ich hätte bedienen können, gab es noch keine, denn die Polizei hatte beide Zufahrten zu unserem Grundstück abgesperrt.

Sam war dabei, alle Flaschen hinter dem Tresen neu anzuordnen und sie bei der Gelegenheit auch gleich abzustauben. Holly und Danielle hatten sich an einem der Rauchertische im Lokal niedergelassen, damit Danielle eine rauchen konnte.

„Wie ist es gelaufen?“ wollte Sam wissen.

„Keine große Sache. Daß Anthony hier arbeitet, hat ihnen nicht gefallen, und was ich ihnen über die Party erzählt habe, mit der Lafayette neulich so angegeben hatte, mochten sie auch nicht gern hören. Hast du das eigentlich mitbekommen? Die Sache mit der Orgie?“

„Mir hat er auch so etwas erzählt. Das muß ein ziemlich wichtiger Abend für ihn gewesen sein. Wenn die Party wirklich stattgefunden hat.“

„Meinst du, Lafayette hat sich das einfach ausgedacht?“

„Ich glaube nicht, daß in Bon Temps allzu viele bisexuelle Swinger-Partys stattfinden, bei der noch dazu Vertreter beider Rassen willkommen sind“, erwiderte Sam.

„Aber das denkst du doch nur, weil dich noch nie jemand zu einer eingeladen hat“, gab ich etwas spitz zu bedenken, wobei ich mich allerdings auch fragte, ob ich wirklich über alles Bescheid wußte, was in unserer kleinen Stadt so vor sich ging. Eigentlich hätte doch gerade ich eher als irgendwer sonst hier Bon Temps wie meine Westentasche kennen müssen, denn immerhin war mir – entschied ich mich dafür, danach Ausschau zu halten – jede Information mehr oder weniger frei zugänglich. „Ich gehe doch recht in der Annahme, daß dich noch nie jemand zu so was eingeladen hat?“ hakte ich nach.

„Ja“, sagte Sam und warf mir von der Seite her ein halbes Lächeln zu, während er gleichzeitig eine Whiskyflasche saubermachte.

„Ich glaube, auch meine Einladungen sind alle auf dem Postweg verlorengegangen“, meinte ich versöhnlich.

„Meinst du, Lafayette könnte gestern nacht noch einmal hergekommen sein, um uns mehr von dieser Party zu erzählen?“

Ich zuckte die Achseln. „Vielleicht hatte er sich auch nur mit irgendwem auf dem Parkplatz verabredet. Jeder weiß, wo das Merlottes ist. Hatte er eigentlich seinen Gehaltsscheck schon?“ Es war Wochenende, und am Ende einer Woche pflegte uns Sam unseren Lohn auszuhändigen.

„Nein. Möglich, daß er deswegen hier war. Aber ich hätte ihm den Scheck ja ohnehin am nächsten Tag gegeben – an seinem nächsten Arbeitstag. Heute also.“

„Ich frage mich, wer Lafayette zu dieser Party eingeladen hat.“

„Gute Frage.“

„Meinst du, er war so blöd, irgendwen erpressen zu wollen?“

Sam wischte mit dem Tuch über das Furnier des Tresens. Der Tresen war blitzblank, aber es fiel Sam schwer, die Hände ruhig zu halten. Das hatte ich auch schon früher an ihm beobachtet. „Ich glaube nicht“, sagte er nach einigem Nachdenken. „Nein, die Leute hatten nur ganz bestimmt die falsche Person eingeladen. Du weißt, wie indiskret Lafayette war. Nicht nur hat er uns erzählt, daß er an solch einer Party teilgenommen hat – wobei ich wetten könnte, daß er das nicht hätte tun dürfen –, er hätte aus der ganzen Sache vielleicht auch mehr machen wollen, als anderen, nun, anderen Teilnehmern angenehm war.“

„So etwas wie Kontakt halten zu anderen, die auch auf der Party waren, meinst du? Ihnen in der Öffentlichkeit zuzwinkern und so?“

„So was in der Art.“

„Ich schätze, wenn man mit jemandem Sex hat oder jemandem beim Sex zusieht, dann fühlt man sich hinterher wohl irgendwie gleichberechtigt“, sagte ich nachdenklich, wobei ich mir meiner Sache nicht sicher war, denn ich hatte auf diesem Gebiet wenig Erfahrung. Aber Sam nickte.

„Lafayette wollte akzeptiert werden als das, was er war. Das wollte er mehr als alles andere“, sagte er. Dem konnte ich nur zustimmen.

Kapitel 2

Um halb fünf konnten wir wieder aufmachen. Zu dem Zeitpunkt waren wir alle schon so gelangweilt, daß es nicht mehr feierlich war. Ich schämte mich dafür – immerhin war ein Mensch gestorben, den wir gut gekannt hatten –, aber es ließ sich nicht leugnen, wir waren einfach ziemlich erpicht darauf, endlich wieder einmal jemand anderen zu Gesicht zu bekommen als unser kleines Team. Den Tag über hatten wir das Lager aufgeräumt, Sams Büro gründlich entrümpelt und einige Runden Karten gespielt, wobei Sam fünf Dollar und noch einen Haufen Kleingeld gewonnen hatte – all das, was man eben so tut, wenn man der eigentlichen Arbeit nicht nachgehen kann. Als Terry Bellefleur, Andys Vetter, durch die Hintertür trat, ein Mann, der oft bei uns als Tresenbedienung oder Koch aushalf, waren wir alle froh, ihn zu sehen.

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