Unverhofft Du & Ich - Katharina Jäckle - E-Book
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Unverhofft Du & Ich E-Book

Katharina Jäckle

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Beschreibung

Gibst du dem ersten Eindruck eine zweite Chance? Julia dachte immer, sie hätte ihr Leben unter Kontrolle: aus gutem Hause, hübsch und mit einem begehrten Studienplatz in Medizin. Doch als sie im ersten Jahr durchfällt, bröckelt ihr perfektes Leben. Als ob das nicht genug wäre, zieht ihre einzige Freundin für ein Austauschsemester nach London – und hinterlässt Julia mit einem neuen Mitbewohner: Ben. Julia kann den nerdigen, besserwisserischen Hipster auf den ersten Blick nicht ausstehen und Ben hält Julia für eine eingebildete Eiskönigin. Spannungen im Haus sind unausweichlich und zwischen den zweien fliegen die Fetzen. Aber während Julia immer mehr den Boden unter den Füssen verliert, ist es ausgerechnet Ben, der ihr hilft, wieder festen Halt zu finden. Zwischen bissigen Wortgefechten, unerwarteten Nachhilfestunden und gemeinsamen Abenteuern beginnt Julia, nicht nur Ben in einem neuen Licht zu sehen – sondern auch sich selbst. Kann aus Feindschaft Freundschaft werden? Und vielleicht sogar mehr? Humorvoller New Adult Liebesroman für Fans von Enemies-to-lovers, Slow Burn und College Liebesgeschichten.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über das Buch
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Epilog
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Über die Autorin
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Glossar

 

 

 

 

 

Impressum

1. Auflage 2022

Copyright © 2022 Katharina Jäckle, alle Rechte vorbehalten

 

Katharina Jäckle

c/o sulytics

Lägernstrasse 27

CH-8037 Zürich

www.katharinajaeckle.ch

E-Mail: [email protected]

© Umschlaggestaltung: Emily Bähr, www.emilybaehr.de

Lektorat und Korrektorat: Susanne Jauss, jauss-lektorat.de

 

Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Real existierende Orte, an denen die Geschichte spielt, entsprechen nicht den reellen Gegebenheiten und wurden für die Geschichte frei angepasst.

Über das Buch

Gibst du dem ersten Eindruck eine zweite Chance?

 

Julia dachte immer, sie hätte ihr Leben unter Kontrolle: aus gutem Hause, hübsch und mit einem begehrten Studienplatz in Medizin. Doch als sie im ersten Jahr durchfällt, bröckelt ihr perfektes Leben. Als ob das nicht genug wäre, zieht ihre einzige Freundin für ein Austauschsemester nach London – und hinterlässt Julia mit einem neuen Mitbewohner: Ben. Julia kann den nerdigen, besserwisserischen Hipster auf den ersten Blick nicht ausstehen und Ben hält Julia für eine eingebildete Eiskönigin. Spannungen im Haus sind unausweichlich und zwischen den zweien fliegen die Fetzen. Aber während Julia immer mehr den Boden unter den Füssen verliert, ist es ausgerechnet Ben, der ihr hilft, wieder festen Halt zu finden. Zwischen bissigen Wortgefechten, unerwarteten Nachhilfestunden und gemeinsamen Abenteuern beginnt Julia, nicht nur Ben in einem neuen Licht zu sehen – sondern auch sich selbst.

 

Kann aus Feindschaft Freundschaft werden? Und vielleicht sogar mehr?

 

 

 

 

 

 

 

 

Da die Geschichte von Julia und Ben in der Stadt Zürich in der Schweiz spielt, enthält sie eine Handvoll Helvetismen. Für Nicht-Deutschschweizer Leser*innen findet sich im Anhang ein kleines Glossar schweizerischer Ausdrucksweisen.

Playlist

2Raumwohnung

Sexy Girl

Biffy Clyro

Machines

Kings of Leon

Use Somebody

Ich + Ich

Stark

Marvin Gaye, Tammi Terrel

Ain’t No Mountain High Enough

Ed Sheeran

Shivers

Coldplay

Yellow

Zaz

La vie en rose

Agape

Bear’s Down

Weezer

Photograph

The Lumineers

Ho Hey

Züri West

Fingt Ds Glück Eim?

 

1

 

»So wird das nichts!« Frustriert lasse ich mich auf unser Sofa plumpsen, während Anna – meine beste Freundin und Noch-Mitbewohnerin – die Tür hinter der letzten Kandidatin schließt, die sich das frei werdende WG-Zimmer angesehen hat.

»Nicht mit dieser Einstellung«, tadelt Anna und schmeißt sich in die Kissen neben mich. »Du gibst dir auch wirklich keine Mühe.«

Ich schnaube durch die Nasenlöcher. »Warum sollte ich?«

Sie schenkt mir einen ihrer alles sagenden Blicke – ohne auch nur ein Wort von sich zu geben, das hat sie echt drauf.

»Ich will einfach nicht, dass du gehst«, sage ich trotzig, aber ehrlich. Ist doch wahr, wieso lässt sie mich auch im Stich?

Anna legt den Kopf auf meine Schulter und drückt mich von der Seite. Noch immer sagt sie kein Wort. Was soll sie auch antworten, schließlich freut sie sich auf ihr Austauschsemester an der Uni in London. Vor allem, seit sie weiß, dass ihr Freund Oliver auch mitgeht.

Ich seufze. »Warum habe ich dich auch dazu ermutigt? Ich hätte dir davon abraten sollen.«

»Weil du eben die beste Freundin bist, die es gibt, und du an mich statt an dich selbst gedacht hast.«

Ich brumme vor mich hin, lege aber den Kopf auf ihren. Sie ist meine beste Freundin, der wichtigste Mensch in meinem Leben, für sie würde ich alles tun. Deswegen bin ich trotzdem nicht begeistert, dass sie schon in wenigen Wochen nach London zieht, um da ein halbes Jahr zu studieren. »Ich verstehe einfach nicht, warum ihr schon im August fahren müsst, der Unterricht an deiner neuen Uni startet doch erst im Oktober. Wir hätten zusammen den Sommer in Zürich genießen können.«

»Weil wir Tante Maggie versprochen haben, ihr B&B zu hüten, damit sie mit ihrem Freund auch ein paar Tage Urlaub machen kann. Und weil wir noch etwas vom Land sehen wollen, bevor das Semester losgeht«, antwortet Anna sanft.

Natürlich weiß ich das alles bereits, und ich freue mich auch für sie, keine Frage. Aber nach dieser letzten Besichtigungstour bin ich ultraschlecht gelaunt. Ich habe absolut keine Lust, mit einer dieser Zicken, die sich uns gerade präsentiert haben, zusammenzuwohnen.

Als wüsste Anna, in welche Richtung meine Gedanken gegangen sind, meint sie vorsichtig: »Die Braunhaarige mit der Brille war doch ganz nett.«

Ich pfeife durch die Zähne. Ja, sie war nett – bis sie realisierte, dass ich die Mitbewohnerin wäre und nicht Anna.

Als ich dazustieß, unterhielt sie sich mit Anna angeregt über irgendeinen Buchladen in unserem Stadtviertel. Anna unterbrach das Gespräch, um mich ihr vorzustellen: »Fabienne, das ist also Julia. Sie ist echt eine super Mitbewohnerin, sie braut den köstlichsten Kaffee, den es gibt.«

Ich lächelte Fabienne zu, denn sie schien im Gegensatz zu den anderen anwesenden Interessentinnen relativ normal zu sein.

Sie jedoch starrte mich aus großen Augen an, bevor sie sichtlich verwirrt – okay, entgeistert trifft es wohl eher – von mir zu Anna und wieder zurück blickte. »Du bist die Mitbewohnerin?«, wollte sie dann unverblümt wissen.

Da sie nun mal auf diese Tour kam, konnte ich nicht anders: Ich richtete mich auf – wodurch ich sie um mehr als einen Kopf überragte –, streckte meine Brüste nach vorne und strich mir die hellblonden Haare glatt. Hey, zu meiner Verteidigung: Ich habe schon lange gelernt, dass es um einiges amüsanter für mich ist, die Klischees im Gehirn meines Gegenübers zu bestätigen, statt dagegen anzukämpfen.

»Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn hier ab und zu eine Party steigt. Das Studium ist schließlich dazu da, um zu feiern und Spaß zu haben. Findest du nicht?« Verschwörerisch lehnte ich mich zu ihr rüber, wobei ich Annas zusammengekniffene Augen geflissentlich ignorierte. »Und falls es mal zu laut in meinem Zimmer werden sollte, kommst du einfach dazu«, raunte ich, während ich Fabienne anzüglich von Kopf bis Fuß taxierte. »Ich hätte jedenfalls nichts dagegen.«

Erst klappte ihr die Kinnlade runter, und sie starrte mich eine geschlagene Minute fassungslos an. Dann rückte sie ihre Brille zurecht, reckte die Nase in die Luft, bedachte mich mit einem abschätzigen Blick, den ich ihr nicht zugetraut hätte, und stolzierte ohne ein weiteres Wort zur Tür hinaus.

So machte die Suche nach einer neuen Mitbewohnerin doch Spaß! Als ich jedoch Annas funkelnde Augen sah, schluckte ich das Kichern hinunter, das in mir aufkeimen wollte. Sie warf die Hände in die Luft, ehe sie schnurstracks auf die nächste potenzielle Mitbewohnerin zumarschierte, die gerade unseren Balkon inspizierte. Das hätte sie sich sparen können, denn ich sah aus zehn Metern Entfernung, dass auch daraus nichts werden würde.

»Du hättest sie echt nicht so vergraulen müssen«, hält mir Anna nun vor, »jetzt fangen wir wieder bei null an.«

»Es hätte nicht gepasst, das weißt du genau.« Ich habe absolut keine Lust, mit jemandem zusammenzuwohnen, der mich und das, was ich tue und lasse, die ganze Zeit verurteilt. Nein danke, das kenne ich von zu Hause zur Genüge, das werde ich mir nicht freiwillig antun. »Vielleicht lasse ich es doch besser bleiben und lebe für die Zeit, in der du weg bist, alleine.«

»Kommt gar nicht infrage!«, widerspricht mir Anna sofort. »Ein bisschen Gesellschaft wird dir guttun.«

Sie möchte nicht, dass ich alleine wohne, während sie in England ist. Ich glaube, sie macht sich Sorgen, dass ich in der Zeit vereinsame oder so was. Nur um ihr Gewissen zu beruhigen, habe ich eingewilligt, mich nach einer Untermieterin für ihr Zimmer umzusehen.

Okay, vielleicht auch deshalb, weil mir ein bisschen Gesellschaft tatsächlich nicht schaden könnte. Im letzten Jahr habe ich mich voll und ganz in mein Medizinstudium geworfen und die sozialen Kontakte vernachlässigt – abgesehen von Anna und unserem Nachbarn Max, der einen Stock unter uns wohnt. Mein Studium ist mir wirklich wichtig, da will ich meine Zeit nicht mit Leuten verschwenden, die mir nichts bedeuten. Und die Liste von bedeutsamen Menschen in meinem Leben ist verdammt kurz, genau genommen stehen darauf nur Anna, Max und Annas Vater, Ich habe keine Zeit und Energie für dumme Leute. Das erste Studienjahr in Medizin fordert mich wegen der grässlichen naturwissenschaftlichen Grundlagenfächer ganz schön heraus. Und jetzt, wo ich zu meiner Schande den ersten Prüfungsblock nicht bestanden habe und ihn im Sommer wiederholen muss, damit ich im Herbst mit dem zweiten Jahr beginnen kann, fehlt mir jede Muße, mich mit einfältigen Menschen abzugeben. Meiner Erfahrung nach sind die meisten auf sich selbst bezogen. Warum also meine wertvolle Zeit mit Idioten verschwenden?

Wahrscheinlich ist genau diese Einstellung daran schuld, dass Anna mir um jeden Preis eine Mitbewohnerin suchen will. Sie kennt mich zu gut und befürchtet – nicht zu Unrecht –, dass ich mich vom Rest der Welt abkapseln werde.

»Max ist doch auch noch da«, versuche ich sie nicht zum ersten Mal zu beruhigen. »Ich werde also nicht traurig und allein in der Wohnung verenden, bis mich eines Tages eine Katze findet und mit ihrem Geheul die Nachbarn alarmiert.«

»In diesem Haus wohnt keine Katze«, entgegnet Anna klugscheißerisch, worauf ich sie in die Seite boxe.

Ich lehne mich auf der Couch zurück, ziehe die Knie an die Brust und schlinge die Arme um meine Beine. »Max wird schon dafür sorgen, dass ich von der ganzen Lernerei nicht tot umfalle.«

»Wenn er vom Powerknutschen mit David nicht selbst das Zeitliche segnet.«

Ich muss grinsen. Max ist seit zwei Wochen mit David zusammen, seither scheinen sie an den Lippen zusammengeschweißt zu sein. Es ist mir ein Rätsel, woher er überhaupt die Luft zum Atmen nimmt. Wir haben ihn seitdem kaum zu Gesicht bekommen, was Anna leider noch versessener darauf macht, mir eine Ersatz-Mitbewohnerin zu finden.

»Gegen ein bisschen Gesellschaft habe ich nichts einzuwenden«, lenke ich ein, »aber ich kann im Moment wirklich keine Zicke als Mitbewohnerin vertragen. Ich muss mich auf mein Studium konzentrieren und zu Hause entspannen können. Und du weißt selbst, dass ich mit den meisten Frauen einfach nicht klarkomme.«

Das war schon immer so – mit der großen Ausnahme von Anna. Mit ihr habe ich mich ab dem allerersten Kindergartentag auf Anhieb verstanden, es war Liebe auf den ersten Blick, Geschwisterliebe. Anna ist wie eine Schwester für mich, die Einzige, die immer auf meiner Seite steht, komme, was wolle. Sie kann mir mehr als das Wasser reichen und ist sich nicht zu schade, es mir auch mal über den Kopf zu schütten, wenn ich mich mal wieder unmöglich benehme. Was ich außerordentlich gut kann, wie der Vorfall mit der Studentin von eben deutlich beweist.

Aus Frauen werde ich einfach nicht schlau: Entweder versuchen sie, mit mir auf beste Freundin zu machen, nur um sich dann die ganze Zeit mit mir zu vergleichen und zu versuchen, mich zu übertrumpfen. Als wäre Freundschaft ein Wettbewerb. Oder sie stempeln mich schon beim ersten Blick als eingebildete, oberflächliche Tussi ab. Dieses Vorurteil bestätige ich nur allzu gerne, es macht mir sogar richtigen Spaß. Sollen sie doch denken, was sie wollen. Ich brauche sie nicht, ich habe ja Anna – nur nicht im kommenden halben Jahr.

Schließlich gebe ich mit einem Seufzen nach. »Also gut, wann kommen die Nächsten?«

Anna grinst schelmisch, als hätte sie nur darauf gewartet, dass ich das sage. Ich mustere sie mit gespitzten Lippen, offensichtlich führt sie etwas im Schilde. Betont lässig inspiziert sie ihre himbeerrot lackierten Fingernägel. »In der nächsten Runde sind auch ein paar Männer dabei.«

»Keine Männer! Das war so ausgemacht.« Vehement schüttle ich den Kopf.

Ich brauche niemanden, der mich in meinen eigenen vier Wänden anbaggert. Das klingt schrecklich eingebildet, aber das werden sie – garantiert. Wenn sie nicht schwul oder schon in einer Beziehung sind, werden sie versuchen, bei mir zu landen. Das ist einfach meine Erfahrung mit Männern. Und ich kann ja schlecht in der Ausschreibung angeben, dass ich einen schwulen oder bereits vergebenen Mann als Mitbewohner suche, das wäre diskriminierend. Oder könnte ich vielleicht doch?

So schnell gibt sich Anna jedoch nicht geschlagen. »Wie die letzten zwei Runden gezeigt haben, gibst du Frauen keine Chance.«

Gut möglich, dass bereits mehr als dreißig Studentinnen das Zimmer besichtigt haben, es hat einfach keine davon gepasst.

»Das liegt nicht an mir!«

Sie rollt mit den Augen, bevor sie mich in die Seite kneift. »Du mimst die Eiskönigin, sodass die Sympathischen unter ihnen eingeschüchtert sind oder nicht mit einer oberflächlichen Tussi zusammenwohnen wollen.«

»Hey!«, verteidige ich mich.

»Du weißt genau, dass ich das nicht so sehe. Aber du strengst dich wirklich an, dass es alle anderen denken.« Ich zucke mit den Schultern, worauf Anna seufzt. »Und diejenigen, die sich davon nicht abschrecken lassen, sondern dich als Konkurrentin sehen, die es zu bewundern, nachzuahmen, ja auszustechen gilt, kann ich nicht ausstehen. Ich werde mein Zimmer keiner aufgetakelten Zicke überlassen.«

Mein Plan scheint aufzugehen. Doch ich habe mich zu früh gefreut.

»Du brauchst gar nicht so zu grinsen«, kommt es prompt von Anna. »So schnell gebe ich nicht auf! Wenn du Frauen keine Chance gibst, probieren wir es eben mit Männern.«

Als ob das was werden würde. Ich kann es nicht lassen, erneut durch die Nasenlöcher zu schnauben.

Anna fährt jetzt ein anderes Geschütz auf. Mit ihren großen grünen Augen schaut sie mich bittend an. »Gib ihnen wenigstens eine Chance – mir zuliebe.«

Ich bin chancenlos, ich kann Anna genauso wenig eine Bitte abschlagen wie sie mir. »Meinetwegen. Aber nur ein Versuch.«

 

 

Eine halbe Stunde später trudeln die nächsten Studenten ein. Fünfzehn Frauen und Männer tapsen durch unsere Wohnung, um zu entscheiden, ob sie Annas Zimmer für ein halbes Jahr mieten möchten. Dabei ist eines zu sagen: Die Wohnung ist der Hammer. Wir wohnen mitten im szenigen Stadtteil Wiedikon, unweit hipper Bars und Cafés und nur einen Katzensprung von der Langstrasse, der Ausgehmeile Zürichs, entfernt. Auch zur Uni braucht man mit dem Tram nur knapp fünfzehn Minuten. Die gemütliche Dreizimmer-Altbauwohnung liegt unter dem Dach, und vom Treppenhaus aus haben wir Zugang zu einer großzügigen Dachterrasse, die außer uns und Max kaum jemand nutzt. Besser geht’s nicht – und als Sahnehäubchen bekommt man mich zur Mitbewohnerin obendrauf.

Einige Interessenten stehen um Anna herum, um sie mit Fragen zu löchern und sich bei ihr einzuschleimen. Auch sie scheinen davon auszugehen, dass es Anna ist, die hier die Entscheidung trifft, aber da haben sie sich gewaltig geschnitten. Die Handvoll Frauen ignoriert mich, während ich von den Männern unverhohlen abgecheckt werde – ich habe ja nichts anderes erwartet. Womit ich weniger gerechnet habe, sind die paar Grünschnäbel, die durch unsere Wohnung schleichen und mir durch ihre Brille unsichere Blicke zuwerfen. Sie sehen aus wie ETH-Erstsemestler 1.0. Wo hat Anna die nur aufgetrieben? Bei nerds.ch? Nein danke, ich habe keine Lust, für diese Typen die Ersatzmami zu spielen.

Dann vielleicht doch lieber einer der Aufreißer? Schließlich habe ich Anna versprochen, dieser Aktion eine Chance zu geben, und ich halte meine Versprechen. Also setze ich ein strahlendes Lächeln auf, womit ich prompt einen der geschniegelteren Typen ermutige, denn er nimmt mit einem selbstgefälligen Grinsen Kurs auf mich. Seine dunklen Haare sind zur Seite gegelt, und er trägt ein eng anliegendes Poloshirt gepaart mit Marken-Chinos – zu gestylt für meinen Geschmack. Irgendwie passt er auch gar nicht in die ganze Szenerie. Warum sucht jemand wie er ein WG-Zimmer? Mit seinen teuren Klamotten sieht er aus, als könnte er sich eine ganze Wohnung leisten – und zwar am teuren Zürichberg.

»Hey, kennen wir uns nicht von irgendwoher?«, fragt er, während er betont lässig gegen die Wand im Flur lehnt und seinen Blick nicht gerade unauffällig über meinen Körper gleiten lässt.

Innerlich verdrehe ich die Augen bei dieser originellen Anmache. Nach außen lasse ich ein süffisantes Lächeln meine Lippen umspielen. »Ich glaube nicht«, schnurre ich mit einem lasziven Augenaufschlag, »aber das lässt sich ja ändern.«

Er plustert sich auf wie ein Gockel und startet gerade zum Angriff, da fange ich einen Blick von Anna auf, die mit zusammengekniffenen Augen zu mir rüberschielt. Was machst du da? Ziehst du deine übliche Nummer ab?, scheint sie mich zu tadeln. Mit einer beinah unmerklichen Kopfbewegung bedeutet sie mir, zu ihr zu kommen.

»Sorry«, sage ich fast schon erleichtert zu dem Kerl, der mich noch immer siegesgewiss fixiert. »Ich habe meine Meinung geändert.«

Sein fassungsloses Schnauben lässt mich kalt. Ich wende mich ab und steuere auf Anna zu, die sich scheinbar angeregt mit einem Typen unterhält, der mit dem Rücken zu mir steht. Er muss reingekommen sein, als ich mit Poloshirt geflirtet habe, denn ihn habe ich noch nicht gesehen. Er wäre mir aufgefallen, da er weder in die Grünschnabel- noch in die Gockelschublade passt. Er ist groß, trägt locker geschnittene, gut sitzende Levi’s, ein weites, verwaschenes T-Shirt und abgewetzt aussehende Sneakers. Seine dunklen Locken sind zu einem – von mir verachteten – Man Bun gebunden. Ein Hipster wahrscheinlich, womit er zu der Gattung Mann gehört, die nicht auf dem gleichen Planeten lebt wie ich. Will heißen: der mir normalerweise keine Beachtung schenkt – und umgekehrt genauso.

Anna lächelt ihm jedoch verzückt zu. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich glatt denken, sie macht ihm schöne Augen. Aber sie ist total ihrem Freund Oliver verfallen. Dieser Kerl muss ihrer Meinung nach also als potenzieller Mitbewohner infrage kommen. Obwohl ich mehr als skeptisch bin, setze ich ein aufrichtiges Lächeln auf, als ich zu den beiden herantrete. Schließlich habe ich es Anna versprochen.

»Hey, ihr zwei, ich bin Julia«, sage ich zu dem Typen, während ich unauffällig sein Gesicht studiere. Hmm, nicht schlecht, wenn man auf schokobraune Augen, markante Gesichtszüge, volle Lippen und Dreitagebart steht.

Der Typ schaut überrascht zu mir rüber und zieht eine Augenbraue hoch, als würde ihn die Unterbrechung schon leicht nerven.

Ooookaay. Ich drehe mich mit gespitzten Lippen zu Anna, um ihr zu signalisieren: Hey, ich hab’s zumindest versucht.

Anna tritt mir gegen das Schienbein, bevor sie dann zu dem Kerl sagt: »Ben, das ist also Julia, die Mitbewohnerin.«

Bens Gesichtszüge fallen nach unten, einen Moment lang mustert er mich unverhohlen. Als seine Schokoaugen auf meine stahlblauen treffen, gebe ich mir Mühe, von oben herab zurückzustarren. Darin habe ich Übung. Einen kurzen, aufwühlenden Herzschlag lang habe ich jedoch das Gefühl, dass er die Fassade durchschaut und bis auf den Grund meines kühlen Bergsees blickt, dahin, wo sich mein Innerstes versteckt und nicht gefunden werden will.

Dann zuckt er mit den Schultern und wendet seinen Blick von mir ab. Er schenkt Anna ein schiefes Lächeln, während er mich völlig ignoriert. »Also, eigentlich habe ich angenommen, du wärst die Mitbewohnerin.«

Wie frech ist das denn! Ich stehe gleich hier!

Annas Wangen färben sich rosa, was mich noch weiter erregt. Ich schnaube. »Sie hat einen Freund. Einen, der sie fürs nächste halbe Jahr nach London begleitet.«

Bens Augenbrauen zucken nach oben, ehe er zurück zu mir sieht.

Ja, hallo, ich stehe noch da!

Für einen Moment starren wir einander fast schon feindselig an. Was bildet der sich eigentlich ein?

Anna hüstelt gekünstelt, womit sie unser Blickduell unterbricht. »… und der mich gerade anruft.« Sie hält ihr Handy in die Luft, bevor sie sich blitzschnell auf unseren kleinen Balkon verdünnisiert. Ich wette hundert Stutz, dass ihr Telefon nicht geklingelt hat.

Als ich wieder Ben ansehe, hebt dieser abwehrend die Hände vor die Brust, während er mit einem jungenhaften Grinsen meint: »Hey, du kannst es mir nicht verübeln, deine Freundin ist echt süß.«

Das stimmt mich versöhnlicher, denn Anna ist verdammt süß ‒ und Bens Lächeln fast schon charmant. Vielleicht ist er ja doch gar nicht so übel?

»Tja also, ich muss langsam«, sagt Ben in dem Moment und winkt zum Abschied mit der Hand. »Richte Anna bitte aus, dass es mich gefreut hat, sie kennenzulernen.«

Hä, wie bitte?

Verdattert schaue ich dabei zu, wie er sich von mir wegdreht und auf unsere Wohnungstür zusteuert. »Interessierst du dich denn nicht für das Zimmer?«, rutscht es mir heraus.

Ben blickt über die Schulter noch einmal zu mir zurück, um mich durchdringend von Kopf bis Fuß zu taxieren. Warum mein Herz in diesem Moment schneller schlägt als sonst, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären.

Er legt den Kopf schief und meint schulterzuckend: »Ich denke nicht, dass es passt.«

Obwohl ich eigentlich seiner Meinung bin – hallo, Man Bun –, lasse ich das nicht auf mir sitzen. Herausfordernd recke ich mein Kinn in die Luft. »Und warum nicht, wenn ich fragen darf?«

Nun dreht er sich vollständig zu mir um. »Ich will mich auf mein Studium konzentrieren. Ich kann es nicht gebrauchen, wenn jeden Abend Party ist. Das habe ich bei meinem aktuellen Mitbewohner gerade auch schon, und ich muss da raus.«

»Wer sagt denn, dass hier jeden Abend Party herrscht?«

Ben erwidert nichts darauf, sein Blick ist dafür umso mitteilungsfreudiger: Na ja, so wie du aussiehst …

Ich weiß nicht, ob ich beleidigt oder fasziniert sein soll. Auf jeden Fall ist es irgendwie erfrischend, neben Anna einmal die zweite Geige zu spielen, statt das Flirtobjekt zu sein. Auch scheint er kein schüchterner Nerd zu sein, sondern kann mir mehr als kontern.

»Ah gut, ihr habt euch schon angefreundet«, unterbricht Anna unseren noch immer anhaltenden Staring-Contest.

Ich kann ein Schnauben nicht unterdrücken, und Bens Mundwinkel zucken. Humor scheint er zu haben, das muss man ihm lassen.

Für einen Moment blickt Anna zwischen Ben und mir hin und her. Ich kann förmlich sehen, wie ihr Hirn auf Hochtouren läuft. Dass Ben offensichtlich auf dem Weg zur Tür war, ignoriert sie gekonnt. Sie tritt zu ihm heran, während sie lächelt. »Neben der entzückenden Mitbewohnerin ist auch noch eine Dachterrasse im Deal inbegriffen. Hast du die schon gesehen?«

 

»Das hätten wir«, lässt Anna verlauten, als sie eine Viertelstunde später die Wohnungstür hinter den letzten Studenten ins Schloss drückt.

Nachdem sie mit Ben auf die Dachterrasse verschwunden war, ließ sie sich hier unten nicht mehr blicken, bis sie vor drei Minuten wieder in die Wohnung spazierte und lautstark verkündete: »Das war’s, Leute, wir haben uns entschieden. Danke, dass ihr vorbeigeschaut habt.« Die verbliebenen Studenten zuckten kaum mit den Schultern, bevor sie abhauten.

Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen hopst Anna jetzt auf unser Sofa. Ich jedoch stemme eine Hand in die Hüfte und taxiere sie mit einem erwartungsvollen Blick.

»Hm?«, fragt sie scheinheilig.

»Wir haben uns entschieden?«

Sie grinst über beide Backen. »Ja, das haben wir.«

»Wieso weiß ich davon nichts?«

»Ich habe dir die Entscheidung abgenommen. Gern geschehen.«

»Anna!«

»Ich glaube, das mit dir und Ben passt super.«

Echt jetzt? »Du hast ihm zugesagt?!«

»Mmhmm«, ist ihre einzige Antwort.

»Anna«, presse ich noch einmal zwischen meinen Lippen hervor.

Sie schaut auf, mir geradewegs ins Gesicht. »Du wolltest dich vor einer Entscheidung drücken, gib es zu! Also habe ich das übernommen. Wir hätten noch tausend Studis einladen können, es hätte sich nichts geändert.«

Vielleicht.

»Aber wieso Ben? Es war ja wohl nicht zu übersehen, dass wir nicht auf derselben Wellenlänge liegen.«

»Und das ist gut so.«

»Wie bitte?«

»Alle anderen Typen waren entweder von dir eingeschüchtert oder haben hemmungslos mit dir geflirtet. So was kannst du zu Hause nicht brauchen, und über die Frauen müssen wir nicht noch einmal diskutieren. Aber Ben … tja, Ben war nicht sonderlich von dir beeindruckt, glaube ich.« Sie kichert. »Ich musste ihm regelrecht von dir vorschwärmen: was für eine rücksichtsvolle Mitbewohnerin du bist, wie viel du für die Uni lernst, wie köstlich dein Kaffee schmeckt.«

»Oh Gott, du hast mich wie eine Langweilerin aussehen lassen.« Dass die Beschreibung passt, spielt keine Rolle.

»Aber genau das sucht er! Er wohnt im Moment mit einem Typen zusammen, der die ganze Zeit Party macht und Frauen aufreißt. Daher will er sein Glück mit einer weiblichen Mitbewohnerin versuchen.«

»Vielleicht sollte er besser alleine wohnen.«

»Sei nicht so fies, nicht jeder kann sich eine eigene Wohnung leisten.« Dass ich es mir leisten könnte und auf Ben nicht angewiesen bin, klammert sie wissentlich aus.

»Er hat gesagt, er will das Zimmer?« Nach unserem Schlagabtausch überrascht mich das. Er war genauso wenig von mir angetan wie ich von ihm.

Anna nickt begeistert. »Er meinte – ich zitiere: ›Es ist einen Versuch wert.‹«

Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Einstellung teile.

»Du schreibst ihm jetzt, dass er das Zimmer haben kann«, fügt sie hinzu, nachdem ich nichts von mir gegeben habe.

»Bossy.«

Anna schickt mir einen Luftkuss. »Nur bei dir.« Sie schnappt sich ihr Telefon und drückt kurz darauf herum, woraufhin meines vibriert. Die Kontaktdaten von einem Ben Moser leuchten auf meinem Display auf. Unschlüssig beiße ich auf meiner Unterlippe herum. Von all den Studenten, die heute durch unsere Wohnung geschlurft sind, hätte ich mich zuallerletzt für Ben entschieden. Es war nicht zu übersehen, dass wir nichts gemeinsam haben. Aber vielleicht hat Anna recht, und es könnte genau deswegen funktionieren? Er wird weder mit mir flirten noch mich anhimmeln und hat bereits bewiesen, dass er mir Paroli bieten kann. Könnte es tatsächlich einen Versuch wert sein?

Ein Blick in Annas grüne Rehaugen, und ich gebe mich geschlagen. »Also gut.« Ich schicke ihm eine knappe Nachricht, bevor ich es mir anders überlegen kann.

Anna jauchzt und umarmt mich stürmisch. Ich drücke sie an mich.

Falls er mir auf die Nerven geht, schmeiß ich ihn einfach raus, kein Problem.

 

2

 

Ich steige aus dem überfüllten 32er Bus, als mein Handy vibriert. Im Gehen ziehe ich es aus meiner Hosentasche.

 

 

Diese Frau ist unmöglich. Kopfschüttelnd stecke ich mein Telefon wieder ein und gehe die paar Meter von der Bushaltestelle bis zur Eingangstür unseres Wohnhauses. Nachdem ich aufgeschlossen habe, drücke ich die schwere Tür auf. Ein Seufzen entfährt mir, denn bereits im Treppenhaus wummert mir der Bass laut aufgedrehter Musik entgegen. Missmutig stapfe ich die zwei Stockwerke zu meiner Wohnung hoch – oder genauer gesagt zu der Bleibe, die ich zu meinem Leidwesen mit Francesco teile. Mit jedem Schritt vibriert der Bass stärker in meinen Knochen.

Eigentlich wäre die Wohnung erstaunlich ruhig, dafür, dass sie sich an der Ausgehmeile befindet. Als mir der Vormieter das Zimmer zeigte, war alles still, und die Altbauwohnung mit den hohen Decken und dem Fischgrätparkett gefiel mir sofort. Aber da waren die Fenster geschlossen und der Mitbewohner nicht da. Was dachte ich mir nur dabei, mit einem Barkeeper zusammenzuwohnen? Tagsüber ist er ständig zu Hause, und gegen Abend schmeißt er vor seiner Schicht in der In-Bar um die Ecke oft eine kleine Vorparty – mit oder ohne Gesellschaft. Zwar trinkt er vor der Arbeit keinen Alkohol, dafür dreht er die Musik umso lauter auf. So oder so ist er zu jeder Tageszeit außergewöhnlich extrovertiert. Bei uns in der WG ist es nur ruhig, wenn er schläft – was er leider dann tut, wenn ich sowieso an der ETH bin – oder wenn er auf der Arbeit ist.

Kaum trete ich über die Türschwelle in unsere Wohnung, dröhnt mir die volle Ladung Musik in die Ohren, dabei sollte ich heute echt noch was für mein Studium tun. Ohne meinen Mitbewohner zu begrüßen, verkrieche ich mich direkt in mein Zimmer und greife zu den Ohropax, die ihren festen Platz auf dem Fenstersims – und in meinen Ohrmuscheln – haben. Während ich sie in die Ohren drücke, krame ich mein Handy aus der Hosentasche, um Julias knappe Nachricht noch einmal zu lesen. Wäre es besser, mit einer eingebildeten Tussi zusammenzuwohnen als mit einem von Tinnitus geplagten Partyanimal? Das ist auf jeden Fall seine Erklärung dafür, warum hier nonstop Musik in voller Lautstärke läuft. Stille kann er nicht ab, da er dann das Pfeifen in seinen Ohren hört.

Anna hat mir versichert, dass Julia ihr Studium ernst nimmt und abends oft lernt. Da hätten wir tatsächlich etwas gemeinsam. Es war süß, wie Anna von ihrer Freundin schwärmte. Mit ihr zusammenzuwohnen, hätte ich mir gut vorstellen können, sie war wirklich sympathisch. Julia dagegen scheint mir nicht gerade pflegeleicht und absolut von sich überzeugt zu sein. Von der Sorte Frau wollte ich mich eigentlich fernhalten, aber ich muss sie ja nicht daten. Wahrscheinlich ist es sogar ratsam, mit einer Frau zusammenzuleben, mit der man nichts anfangen möchte, statt mit einer, die einem gefallen könnte. So wie Julia mich angefeindet hat, besteht auch nicht die Gefahr, dass sie sich für mich interessiert. Was mir ja durchaus gelegen kommt.

Unschlüssig starre ich auf ihre Nachricht. Sie formuliert es so, als würde sie mir einen Gefallen tun. Gut, es ist nicht einfach, sich in Zürich ein erschwingliches WG-Zimmer unter den Nagel zu reißen, von einer eigenen Wohnung ganz zu schweigen. Die Wohnung ist für die Lage und Größe ein Schnäppchen, und ich muss die Ausgaben im Auge behalten, wenn ich nicht bei meinen Eltern wieder die Hand aufhalten will. Was ich mit allen Mitteln zu verhindern versuche.

Francescos Freunde poltern durch die Wohnungstür, und damit entscheide ich: Ich muss definitiv hier raus. Aber ich werde mich davor hüten, vor Julia den roten Teppich auszurollen. So wie sie aussieht, ist sie nichts anderes gewohnt.

Grinsend tippe ich eine Antwort.

 

 

Ein Lachen rutscht mir aus der Kehle. Touché. Sie will bis dahin nichts von mir hören. Mir soll’s recht sein. Julia und ich werden eine Wohnung teilen und uns dabei so gut wie möglich aus dem Weg gehen. Das passt mir ebenfalls in den Kram.

Zufrieden mit meiner Entscheidung speichere ich ihre Nummer unter dem Namen Hausdrache ins Handy, bevor ich meine Unterlagen zusammenpacke. Bei dem Lärm hier kann ich genauso gut in einem Café lernen.

3

 

Wie endlos lang kamen mir als Kind die fünf Wochen Sommerferien vor. Man hatte das Gefühl, das ganze Leben bestand nur aus Tagen in der Badi, Faulenzen in der Sonne und Draußenspielen mit Freunden. Heute weiß ich: Fünf Wochen sind verdammt kurz.

Schlecht gelaunt stehe ich neben Anna und Oliver vor der Ticketschleuse am Flughafen Zürich und kicke einen nicht vorhandenen Kieselstein vom blitzblanken Fliesenboden weg. Etwas wie Wut bahnt sich aus meinem Bauch einen Weg nach oben, als ich gegen die Tränen ankämpfe. Wie dämlich ist das denn?

Warum verschwindet Anna auch immer nach England? Das hat sie mir schon einmal angetan, als sie mit sechzehn mit ihren Eltern dort hinzog. Erst vor einem Jahr kam sie für ihr Studium zurück nach Zürich, doch jetzt haut sie wieder dorthin ab. Langsam beginne ich, das Land zu hassen.

Jaja, ich weiß, ich übertreibe. Aber Anna ist wie eine Familie für mich – nein, sie ist meine Familie. Meine eigene ist nicht zu gebrauchen. Ich schniefe verstohlen, da schlingen sich schon Annas Arme um mich. Oliver wendet sich diskret ab und tut so, als würde er zum wiederholten Male die Flugtickets checken.

»Du wirst mir total fehlen«, nuschelt Anna an meinem Ohr.

»Ja, klar«, entgegne ich missmutig.

»Wirst du.«

Ich schniefe noch mal. »Du mir auch.«

»Versprich mir, dass wir ganz oft skypen, ja? Und du hältst mich auf dem Laufenden?« Mit gesenkter Stimme ergänzt sie verschwörerisch: »Vor allem, was deinen heißen Mitbewohner betrifft.«

»Hey, das habe ich gehört«, meldet sich Oliver zu Wort und schickt einen warnenden Blick in Annas Richtung. Prompt erntet er einen Luftkuss von ihr, während sie mich noch immer an sich drückt. Ich verdrehe die Augen, die beiden sind einfach zu süß.

Nach einem tiefen Atemzug gebe ich Anna schweren Herzens frei. Sie drückt meine Hand ein letztes Mal, legt ihre dann in Olivers, und zusammen passieren sie die Ticketschleuse. Als sie Hand in Hand um die Ecke biegen, winken sie mir fröhlich zu, bevor sie aus meinem Blickfeld – und meinem Leben – verschwinden.

 

Eine Stunde und zwei Cappuccinos – gegen den Kummer – später sitze ich auf dem Fußboden in Annas leer geräumtem Zimmer und blase Trübsal. Im Nachhinein wäre es besser gewesen, wenn Anna gleich nach den letzten Prüfungen weggegangen wäre. Denn im vergangenen Monat habe ich mich daran gewöhnt, sie immer bei mir zu haben. Wir genossen die vorlesungs- und prüfungsfreie Zeit so richtig zusammen: die Tage in der Badi am See oder am Fluss, die Abende Drinks schlürfend und endlos quatschend in einer der hippen Bars oder auf unserer lauschigen Dachterrasse. Und bei schlechtem Wetter haben wir kuschelnd Serien gebinged. Ich nahm Anna in jeder freien Minute in Beschlag. Sie und Oliver ließen es zu, da sie wussten, dass er sie bald ganz für sich allein hat. Das war keine gute Idee, denn jetzt schmerzt mich ihr Weggang umso mehr. Während des Semesters hatten wir sowieso nicht so viel Zeit füreinander, da wir beide mit Studium und Arbeit eingespannt waren. Aber die letzten Wochen fühlten sich an wie früher an der Kanti, denn auch da ging es immer nach dem Motto: wir zwei gegen den Rest der Welt.

Jetzt ist sie weg, das neue Semester startet erst in einem Monat, und ich weiß nicht recht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll. Für die restlichen Wochen der Semesterferien doch noch eine Arbeit suchen? Kurz habe ich überlegt, Annas Job als Bedienung im Kafi dihei zu übernehmen, aber ich kann nicht von mir behaupten, die geborene Kellnerin zu sein. Dafür bin ich nicht zuvorkommend genug und den meist weiblichen Gästen gegenüber zu zickig. Wenn, dann müsste ich in einer Bar jobben, da könnte ich mein Flirttalent erfolgreich einsetzen, doch dafür ist mir mein Schlaf zu wichtig.

Ich lasse meinen Blick durch das verlassene Zimmer gleiten. Lange wird es nicht leer bleiben, denn morgen zieht Ben ein. Nach einem Monat absoluter Funkstille hat er sich letztes Wochenende mit einer knappen Textnachricht gemeldet: Steht der Deal noch?

Bei der Erinnerung daran verdrehe ich die Augen, das kann ja heiter werden. Es fühlt sich merkwürdig an, meine Privatsphäre bald mit einem Mann zu teilen, den ich nicht kenne, der mir noch nicht einmal sonderlich sympathisch ist. Aber wenn ich ehrlich zu mir bin, bin ich doch auch froh, die nächsten Monate nicht alleine hier wohnen zu müssen. Das war ich als Kind zu oft: allein. Praktisch meine ganze Kindheit verbrachte ich in einem leeren Haus, abgesehen von der Zeit, die ich bei Anna zu Hause war – was ziemlich oft der Fall war. Um die Gedanken an meine Eltern, die meistens durch Abwesenheit glänzten, abzuschütteln, stehe ich auf und klopfe mir die Jeans ab.

Es bleibt abzuwarten, ob ich mir in den kommenden Wochen die Einsamkeit noch zurückwünschen werde.

 

 

Am nächsten Nachmittag klingelt es kurz nach ein Uhr an der Wohnungstür. Das wird Ben sein. Da sich meine Hände plötzlich feucht anfühlen, streiche ich sie an meinem hautengen Jeansrock ab, bevor ich ihn reinbuzze. Um mich von meinem seltsam klopfenden Herzen abzulenken, gehe ich in die Küche und hole meinen geliebten Bialetti-Kaffeekocher hervor. Ich will nicht blöd im Flur rumstehen und den Anschein erwecken, ich würde auf ihn warten.

Während ich die Kaffeebohnen in der Handmühle mahle, die Anna mir geschenkt hat, klopft es an der angelehnten Wohnungstür. Kurz darauf steckt Ben seinen Kopf in die Küche.

»Hallo«, begrüßt er mich.

Ich drehe mich über die linke Schulter halb zu ihm, um ihm lässig zuzunicken. Das scheint er als Aufforderung zu deuten, denn er tritt nun zu mir in die Küche.

Mit hochgezogener, perfekt gezupfter Augenbraue taxiere ich ihn, als wollte ich sagen: Und, was willst du?

Ben mustert mich einen Moment, ehe er demonstrativ seufzt. »Ich bringe dann meine Sachen hoch.«

Ich beschließe, mich zusammenzureißen – schließlich werde ich mit dem Kerl die nächsten sechs Monate zusammenwohnen. Deshalb frage ich versöhnlich: »Brauchst du Hilfe?«

Bens linker Mundwinkel zieht sich schräg nach oben, während er keinen Hehl daraus macht, dass er meine eng anliegenden Klamotten und den kurzen Rock kritisch beäugt. Nein, ich bin gewiss nicht zum Kartonschleppen angezogen.

»Ach was, meine Kumpels sind unten«, sagt er. »Und ich will nicht riskieren, dass du dir womöglich noch einen Fingernagel abbrichst und mich auf der Stelle wieder rauswirfst.«

Mein Mundwinkel zuckt, aber ich vertusche das aufkeimende Grinsen, indem ich die Lippen spitze. »Auch gut, ich habe wirklich Besseres zu tun.« Ich wende mich ab, um mich in aller Hingebung demonstrativ dem Kaffeekochen zu widmen.

»Das sehe ich«, antwortet Ben. Es hört sich fast so an, als würde er sich über mich amüsieren. Dabei wollte ich ihn eigentlich anstacheln, hmm.

»Dein Schlüssel liegt in Annas Zimmer.«

»Du meinst, in meinem Zimmer.«

»Wie gesagt, in Annas Zimmer.«

Für einen Moment hört man nur die Bohnen knacken, während ich in aller Ruhe weiter an der Mühle kurble.

Dann macht Ben auf dem Absatz kehrt. Aus dem Augenwinkel sehe ich ihn aus der Küchentür schlüpfen, während er irgendetwas in seinen Bart murmelt, was sich verdächtig wie »Na dann, herzlich willkommen« anhört.

Höchst zufrieden mit mir selbst widme ich mich weiter meiner absolut wichtigen Tätigkeit.

 

Während der kommenden zwei Stunden beobachte ich Ben und seine drei Kumpel, die zugegeben recht sportlich aussehen, dabei, wie sie einen Karton nach dem anderen die fünf Stockwerke nach oben in unsere Wohnung schleppen. Ich muss sagen, ich fühle mich bestens unterhalten. Zuerst lümmele ich auf dem Sofa und tue so, als würde ich irgendeine Klatschzeitschrift verschlingen, die Annas Studienkollegin Lena bei uns liegen gelassen hat. In Wahrheit interessiere ich mich einen Dreck für solchen Schwachsinn. Irgendwann gebe ich die Scharade allerdings auf und beäuge unverhohlen die gut gebauten Typen, die gerade einen Bettrahmen durch unseren Flur hieven.

Als mich einer von Bens Kumpel in seine Richtung glotzen sieht, wischt er sich theatralisch mit der Hand über die Stirn. »Mann, ist das heiß hier.« Schwups – schon landet sein T-Shirt auf dem Boden.

Der Tag wird immer besser. Ich stehe auf und schlängle mich verführerisch grinsend an ihm vorbei in die Küche. Kann sein, dass meine linke Hand dabei wie aus Versehen seine Bauchmuskeln streift.

Ben, der mit einer weiteren Kiste an der Türschwelle steht, wirft mir einen ungläubigen Blick zu. Ich grinse frech, ehe ich in der Küche verschwinde. Fehlt nur noch Popcorn!

Kurz darauf mache ich es mir mit einem Glas Eistee und einer Schüssel Popcorn erneut auf dem Sofa gemütlich. Wer braucht Game of Thrones, wenn eine solche Liveshow läuft? Ich hätte Ben gar nicht zugetraut, dass er so gut gebaute Freunde hat. Er selbst versteckt seinen Oberkörper auch heute wieder unter einem schlabbrigen, äußerst hässlichen Bandshirt. Aber sein Kumpel, ja, der braucht seinen Körper wirklich nicht zu verstecken.

Als sie einen Teil des Bettgestells an der offenen Wohnzimmertür vorbeischleppen, kann ich es nicht lassen, ihm hinterherzupfeifen. Der gut aussehende Typ drückt seine Brust noch weiter heraus, lässt seine Armmuskeln spielen und zwinkert zu mir rüber.

Ist ja klar, dass ich nun aufstehe, mit schwingenden Hüften zu ihm tänzle, bevor ich mich lässig an den Türrahmen lehne, streng darauf bedacht, eine möglichst vorteilhafte Position einzunehmen. »Wie wär’s, möchtest nicht du hier einziehen?« Ich lege meinen Kopf schief und schaue durch die Wimpern zu ihm auf. »Ich finde, wir würden viel besser zusammenpassen.«

Ben schnaubt, und ich blicke in seine funkelnden Augen. Mein Herz macht einen unerwarteten Hüpfer.

»Wenn du uns wegen deiner äußerst wichtigen Beschäftigungschon nicht hilfst, könntest du dann bitte meine Kumpels in Ruhe lassen, damit wir weiterarbeiten können? Ich muss den Miettransporter in einer Stunde zurückbringen.«

Ich zucke gleichgültig die Schultern, schenke aber seinem Freund einen weiteren süffisanten Blick. »Klar, kein Problem. Falls ihr eine Pause braucht, wisst ihr ja, wo ihr mich findet.« Damit drehe ich mich um, schlendere mit schwingenden Hüften zurück ins Wohnzimmer, während ich mir dabei mein Tanktop über den Kopf ziehe. »Ich sonne mich so lange auf dem Balkon.«

Ich spüre förmlich, wie Ben hinter meinem Rücken mit den Augen rollt. Sein Kumpel dagegen pfeift durch die Zähne, bevor er mir nachruft: »Falls in deinem Zimmer noch was frei ist, ziehe ich gerne zu dir.«

 

Etwas angenehm Duftendes patscht mir mitten ins Gesicht, sodass ich aufschrecke. Ich schiebe die Sonnenbrille von der Nase, um das übergroße Bandshirt in meinem Schoß zu mustern: Das kann nur von einem stammen. Ich hebe den Kopf und blicke direkt in Bens Schokoaugen.

»Die Jungs und ich haben Pizza bestellt. Zieh dir was über, falls du mit uns essen willst.« Damit macht er kehrt und verschwindet wieder.

Ich grinse, während ich gleichzeitig ein Gähnen unterdrücke, ich muss auf dem Liegestuhl weggedöst sein. Kein Wunder, denn ich konnte letzte Nacht vor Sorge um den heutigen Einzug von Ben kein Auge zumachen. Das hässliche Shirt lasse ich links liegen, stattdessen stolziere ich in nichts weiter als dem Jeansrock – der einem Minirock nahekommt – und meinem golden glitzernden Bikinioberteil in die Küche, wo die Jungs bereits am Küchentisch über vier Schachteln Pizza herfallen.

Ben mustert meine Aufmachung und zieht die Augenbrauen hoch, fragt jedoch trotzdem freundlich: »Möchtest du auch was?«

»Sorry, Jungs, aber ihr müsst auf meine Anwesenheit verzichten, ich habe noch was vor.«

Mein Flirtpartner von vorhin macht einen Schmollmund, der ihm allerdings ziemlich missglückt, während die anderen zwischen zwei Bissen ein »Schade« über die Lippen bringen.

Ich werfe der Männergruppe zum Abschied ein lächerliches Luftküsschen zu, ehe ich mich abwende. Dabei entgeht mir nicht, dass Ben über meinen Abgang erleichtert wirkt.

Das fängt ja gut an.

 

Eine Dreiviertelstunde später zwinkere ich meinem bombastisch aussehenden Spiegelbild zu. Ich bin in die Vollen gegangen: Die langen hellblonden Haare fallen mir glänzend über die Schultern, meine stahlblauen Augen wirken dank des silbernen Lidschattens noch strahlender, und meine Lippen schimmern in verführerischem Rot. Die schwarzen Hotpants und das cremefarbene Crop Top sind auch nicht zu verachten, denn sie setzen meine schmale Figur und die sanften Kurven eindrucksvoll in Szene.

Als ich in den Flur trete und mich strategisch nach den hochhackigen Sandalen bücke, fallen Bens Kumpeln, die dabei sind, ein Regal zusammenzubauen, fast die Augen aus dem Kopf. Bens Miene dagegen könnte gleichgültiger nicht sein. Sein Blick streift mich kurz, bevor er sich wieder hingebungsvoll einem Schraubenzieher widmet.

»Wartet nicht auf mich, Jungs. Könnte spät werden«, rufe ich ihnen zu und schnappe mir meine kleine Umhängetasche und einen Cardigan, bevor ich die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fallen lasse.

Grinsend stöckele ich eine Etage nach unten, um bei Max zu klingeln. In Wahrheit habe ich heute absolut keinen Bock darauf, auszugehen, aber das müssen die Männer in meiner Wohnung ja nicht wissen.

»Oh, là, là.« Max pfeift durch die Zähne, als er die Tür öffnet und mich von oben bis unten anerkennend mustert. »Mir tun die Kerle fast ein bisschen leid – aber nur fast.« Nachdem er mir einen Kuss auf die Wange gedrückt hat, macht er den Weg in seine Wohnung frei. »Was hast du heute Unanständiges vor?«

»Also, eigentlich wollte ich es mir bei dir gemütlich machen«, antworte ich kichernd.

Er zwinkert mir zu, ehe er in die Küche abbiegt. »Du siehst zwar wirklich zum Anbeißen aus, aber wie du weißt, kann mich dein Angebot nicht locken. Und überhaupt wollte ich später noch zu David.« Er strahlt über das ganze Gesicht, holt eine Flasche Prosecco aus dem Kühlschrank und dreht den Korken auf.

»Mit David läuft’s, hmm?«

Er hält inne, blinzelt verträumt. »Hach.«

Ich lege ihm einen Arm um die Schultern, um ihn kurz zu drücken. »Das freut mich für dich.«

»Danke. Ich schwebe gerade wirklich auf Wolke sieben.«

Als er für einen Moment selig vor sich hin lächelt, zieht sich mein Herz merkwürdig zusammen.

Da Max in seiner Träumerei nichts Produktives zustande bringt, ich aber plötzlich dringend einen Schluck Prosecco brauche, nehme ich ihm die Flasche ab und lasse den Korken knallen.

Ich schenke uns je ein Glas ein. Nachdem wir uns zugeprostet haben, fragt Max mit hochgezogener Augenbraue: »Also, wozu die sexy Aufmachung?«

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. »Na ja, Ben ist heute eingezogen …«

Jetzt springen beide Brauen in die Höhe. »Ich dachte, der Typ sei zum Kotzen?«

Ich zucke die Schultern. »Ist er auch. Aber das bedeutet nicht, dass es keinen Spaß macht, ihm eine Karotte unter die Nase zu halten.«

»Hat er denn angebissen?«

Meine selbstzufriedene Miene verrutscht für einen kurzen Moment. Nein, das hat er nicht, kein bisschen. Doch ich winke ab und bemerke stattdessen: »Seine Freunde konnten auf jeden Fall ihre Augen nicht von mir lassen.«

»Das war ja klar!«

Wir kichern, während wir unsere Gläser erneut aneinanderstoßen.

 

Max und ich verbringen einen feuchtfröhlichen Abend. Wir machen uns einen Spaß daraus, die Jungs, die von Zeit zu Zeit noch immer Sachen nach oben schleppen, durch das Guckloch auszuspionieren. Als Max realisiert, dass einer von Bens Kumpels ohne Shirt schuftet, ruft er kurzerhand seinen Freund David an, worauf sich dieser eine halbe Stunde später zu uns übereifrigen Spionen gesellt. Die Stimmung ist heiter, der Alkohol fließt, und ich lerne David besser kennen – und mögen.

Als die beiden die Finger nur noch mit großer Anstrengung voneinander lassen können, verabschiede ich mich mit einem Wangenkuss von ihnen und taumle gegen ein Uhr nachts ein Stockwerk nach oben. Meine hochhackigen Schuhe lasse ich an den Fingerspitzen baumeln, während ich leise durch die dunkle Wohnung an Annas – jetzt wohl Bens – Zimmer vorbei zu meinem eigenen tapse.

Seine Tür steht einen Spaltbreit offen, so kann ich es nicht lassen, einen Blick hineinzuwerfen. In der Ecke spendet eine stylisch aussehende Vintage-Ständerlampe Licht, und ich kann ein schlichtes niedriges Holzbett ausmachen, dazu einen Schreibtisch, der aussieht, als stamme er aus einem Architekturbüro, ein eingesessenes Chesterfield-Ledersofa und ein noch leeres Teleskopregal.

Erstaunt schiebe ich den Kopf weiter zur Tür hinein, wodurch ich hinten an der Wand einen antik wirkenden Holzschrank entdecke. Das hier ist kein typisches Studi-IKEA-Brocki-Zimmer. Die Möbel sind zwar eingelebt, aber offensichtlich von hoher Qualität – und einem dementsprechend nicht gerade niedrigen Preis.

»Was machst du da?«

Ich zucke heftig zusammen und fahre ruckartig herum.

Ben steht in Boxershorts und einem schlichten schwarzen T-Shirt hinter mir im Flur. Ich fühle mich ertappt, denn inzwischen stehe ich mitten in seinem Zimmer, wo ich wirklich nichts verloren habe. Die stilvolle Einrichtung hat mich echt überrascht. Keine Sekunde habe ich daran verschwendet, mich zu fragen, wo Ben sein könnte. Mit der Hand noch immer auf der Brust, um mein heftig klopfendes Herz zu beruhigen, starre ich ihn einen Moment verdattert an. Ausnahmsweise lässt meine Schlagfertigkeit auf sich warten. Das muss an der späten Stunde liegen und hat bestimmt nichts mit Bens trainierten Beinen zu tun, die in den Boxershorts wirklich gut zur Geltung kommen. Ich zwinge meinen Blick nach oben, nur um dann in Bens Augen zu starren. Während ich weiter nach einer passenden Antwort suche, habe ich plötzlich das Gefühl, dass sein Blick weicher wird. Fasziniert lasse ich mich von diesem Strudel zart schmelzender Milchschokolade mitziehen und vergesse, dass ich antworten wollte. Hat er etwas gefragt?

Ben blinzelt, löst seinen Blick von meinem und betrachtet stattdessen meine mittlerweile ziemlich zerzauste Aufmachung. Als seine Augen kurz darauf wieder in meine schauen, ist die cremige Flüssigkeit seiner Iris zu einem harten Kakaobrocken erstarrt. Bääh, wer mag schon Schokolade mit hundert Prozent Kakaoanteil?

Mir ist absolut klar, wie ich aussehe: Als hätte ich mich stundenlang durch die Laken gewühlt – und das nicht allein. Ich drücke die Schultern nach hinten und schenke ihm einen meiner lasziven Blicke. »Ich wollte nur sichergehen, dass du nicht schon wieder abgehauen bist. Schließlich kann ich die Kohle gut gebrauchen.«

Ben verschränkt die Arme vor der Brust. »Keine Chance, die Wohnung ist echt der Hammer.«

»Na dann. Träum süß, Mitbewohner.« Ich hauche ihm ein lächerliches Luftküsschen zu und werfe die Haare über die Schulter zurück, ehe ich eine Tür weiter zu meinem eigenen Reich stolziere.

Bevor ich die Tür ins Schloss ziehe, höre ich Ben murmeln: »Schlaf schön, Queen Bee.«

4

 

Kopfschüttelnd schaue ich Julia nach, wie sie sich aus meinem Zimmer schlängelt und mit schwingenden Hüften in ihr eigenes zurückzieht. Als ich sie in ihrer knappen Aufmachung in meiner Tür – oder genauer in meinem Zimmer – herumlungern sah, hatte ich für einen kurzen Moment Schiss, sie wolle sich an mich ranmachen. Dann fuhr sie wie ertappt zusammen, und ich war erleichtert. Außerdem sah sie so aus, als wäre sie gerade erst von irgendwelchen Sexeskapaden zurückgekommen. Offensichtlich hat sie es nicht nötig, sich an jemanden wie mich heranzumachen. Und das beruhigt mich, denn ich habe mir nach dem ganzen Debakel von vor zwei Jahren fest vorgenommen, mich von Frauen wie ihr fernzuhalten: von Frauen, die nur am Schein interessiert sind. Ich sollte mir jedoch keine Sorgen machen. Mit meiner äußerlichen Verwandlung und der Änderung meines Lebensstils habe ich dafür gesorgt, dass sich dieser Typ Frau nicht zweimal nach mir umsieht.

Zufrieden lasse ich mich aufs Bett fallen, bevor ich mich in meinem neuen Zuhause umschaue. Mir gefällt es hier. Dank des hellen, alten Eichenparketts in Fischgrätoptik und der leichten Dachschräge ist mein Zimmer richtig gemütlich. Durch mein Fenster kann ich auf die Dächer der umliegenden Häuser blicken, ein bisschen wie bei Mary Poppins, das mir meine Großmutter vorgelesen hat, als ich klein war. Es ist toll, im obersten Stockwerk zu wohnen, denn von hier wirkt der Himmel weit, und man kriegt Luft zum Atmen. In meinem letzten Zimmer hatte ich Aussicht auf die Hauswand gegenüber, da fühlte ich mich eingepfercht.

Außerdem – und das ist das Wichtigste – ist es hier ruhig. Es ist Samstagnacht, trotzdem höre ich weder Musik noch laute Stimmen oder sonst irgendetwas. Es war die richtige Entscheidung, das Zimmer zu nehmen. Mit Julia werde ich schon klarkommen.

Beim Gedanken an meine neue Mitbewohnerin zieht sich mein Mundwinkel ohne Erlaubnis nach oben. Eins muss ich ihr lassen: Sie lässt sich nicht so leicht einschüchtern. Die geballte Ladung Testosteron heute Nachmittag konnte ihr nichts anhaben, obwohl mein bester Kumpel Ian in die Vollen ging, indem er sein T-Shirt auszog. Klar, als Sportstudent kann er seinen Body sehen lassen, aber auch wir anderen sind durch das Klettern gestählt und müssen unsere Körper nicht verstecken. Meiner Meinung nach braucht das jedoch nicht die ganze Frauenwelt zu wissen. Ian dagegen lässt seit der Trennung von seiner Jugendliebe nichts anbrennen und hat kein Problem, mit Frauen wie Julia seinen Spaß zu haben. Sosehr ich ihm das auch gönne, hoffe ich, dass er sich von ihr fernhält. Denn die Wohnung ist echt der Hammer! Da nehme ich auch eine Hüften schwingende, im Bikini tänzelnde Mitbewohnerin in Kauf.

Was man nicht alles für eine Bleibe in Zürich auf sich nimmt …

5

 

In den ersten Wochen nach seinem Einzug bekomme ich Ben kaum zu Gesicht. Wenn seine Möbel nicht in Annas Zimmer stünden und morgens nicht dieser männliche Duft im Bad hinge, könnte ich meinen, ich wohne alleine.

In der Regel ist er vor mir auf den Beinen, sodass ich ihn meistens nur noch mit einer Sporttasche über den Schultern durch die Tür verschwinden sehe. Dann kommt er stundenlang nicht zurück, während ich mich frage, wie viel Sport ein Mensch überhaupt machen kann. Ist es nur eine Farce, um Eindruck bei mir zu schinden, und er liegt in Wahrheit den ganzen Tag faul in der Sonne rum? Denn so sportlich sieht er nicht aus – wobei ich seinen Knackhintern echt nicht leugnen kann. Aber abgesehen von seiner Kehrseite, wenn er zur Tür raushuscht, habe ich noch nicht viel von ihm zu Gesicht bekommen. Denn wenn Mister Ich-bin-ja-so-beschäftigt sich irgendwann doch wieder blicken lässt, nickt er mir meist nur kurz zu, bevor er sich in sein Zimmer verdrückt. Während ich das Gefühl nicht loswerde, als würde ich zu Hause herumlungern und nur darauf warten, dass er zurückkommt. Das entspricht natürlich absolut nicht den Tatsachen, aber so muss es auf ihn wirken, oder nicht?

Heute allerdings scheint es, als ob ich es ausnahmsweise mal als Erste aus den Federn geschafft hätte. Denn auf dem Weg in die Küche, um mir meinen morgendlichen Kaffee zu gönnen, stolpere ich über seine Sporttasche, die im Gang herumliegt. Und wenn die Trainingssachen hier sind, ist Ben es auch. Es wundert mich schon, was es mit dieser Sporttasche auf sich hat und wohin er jeden Tag abhaut.

In der Küche greife ich nach der Handmühle und schütte frische Bohnen hinein. Sie knacken verheißungsvoll, als ich kurble und in Gedanken meinen Tag plane. Da ich nicht ständig zu Hause rumhocken wollte, während Ben die ganze Zeit unterwegs ist, um total wichtige Dinge zu erledigen, habe ich die letzten Tage am See, in der Badi oder auf der Dachterrasse verbracht. Mittlerweile bin ich so gebräunt, als hätte ich einen Karibikurlaub genossen.

An Max ist dies nicht unbemerkt vorbeigegangen, und so drückte er mir gestern Abend seinen Wohnungsschlüssel mit den Worten »Falls dir das Testosteron in deiner Wohnung mal zu viel wird und du Ruhe brauchst« in die Hand. Ausnahmsweise ließ er sich mal wieder blicken, auch er gehört mittlerweile zur Ich-bin-ja-so-beschäftigt-Spezies. Wenn ihn gerade nicht das Praktikum bei der Tageszeitung, das er für die Semesterferien ergattert hat, voll in Anspruch nimmt, ist er mit David unterwegs. Und ich habe keine Lust, das fünfte Rad am Wagen zu sein.

Max lag mit seiner Vermutung allerdings falsch: Das Problem ist nicht die fehlende Ruhe – davon habe ich mehr als genug. Aber ich will nicht immer diejenige sein, die zu Hause wartet, wenn Ben angetrottet kommt.

Ich fülle die Bialetti mit Wasser, gebe die herrlich duftenden, frisch gemahlenen Kaffeebohnen in den Einsatz und schalte die Herdplatte ein.

Vielleicht hätte ich mich doch um einen Praktikumsplatz für die Semesterferien bemühen sollen. Doch das Medizinstudium hatte mich im ersten Jahr so eingenommen, dass ich das Gefühl hatte, über den Sommer erst einmal Energie tanken zu müssen. Und eigentlich hätte ich ja für die Wiederholungsprüfung lernen müssen. Im letzten Moment entschied ich dann aber, das erste Jahr noch mal zu machen und die Prüfung erst im Winter zu schreiben. Mir bleibt eine einzige Chance ‒ wenn ich die verhaue, bin ich raus. Ich war einfach noch nicht bereit und will mich so gut wie nur irgend möglich darauf vorbereiten. Jetzt muss ich zwar das ganze erste Studienjahr wiederholen, dafür konnte ich die ersten Wochen der Semesterferien mit Anna richtig genießen, das hat soooo gutgetan.

Aber jetzt, wo Anna weg und Ben eingezogen ist, kommt es mir komisch vor, so viel Zeit mit Nichtstun zu verbringen. Ich kann es gar nicht richtig genießen, obwohl ich mich so darauf gefreut habe und weiß, dass ich mich erholen muss. Doch das dolce far niente gibt mir zu viel Zeit zum Nachdenken, zu viel Raum für Selbstzweifel, mit denen ich noch nie gut umgehen konnte.

Während ich in meinem kurzen, kuschligen Herzchenpyjama den Gedanken nachhänge und darauf warte, dass mein Kaffee köchelt, taucht plötzlich Ben in der Küchentür auf. Für einen Moment bin ich so perplex, dass ich ihn unverhohlen anstarre.

Auch er zögert bei meinem Anblick kurz. Sein Blick gleitet meine nackten Beine entlang, worauf sich mein Puls beschleunigt, bevor er mir wieder in die Augen sieht und mit einem »Guten Morgen« die Küche betritt, zum Ausziehschrank geht und seine Haferflocken herausholt.

So viel habe ich schon herausgefunden: Der Typ macht sich jeden Morgen ein grässliches, schleimiges Porridge zum Frühstück. Und das nicht nur für einen Instagram-Post, er isst es auch tatsächlich!

Ich greife an ihm vorbei und schnappe mir meine eigene Müslipackung, die neben seinen langweiligen Haferflocken im Schrank thront. Während er den Herd einschaltet, um die Flocken mit Milch aufzukochen, hole ich mir eine Schale aus dem Küchenschrank und leere eine ordentliche Portion meines mit Schokostücken gespickten Müslis hinein.

»Dir ist schon klar, dass dein Müsli mehr Zucker enthält als eine Cola?«, kommentiert Ben meine Frühstückswahl.

Mit der Müslischale in der Hand drehe ich mich zu ihm um, sperre den Mund auf und genehmige mir demonstrativ einen riesigen Löffel von meinem Zucker-Müsli. »Aber auch eine Menge Ballaststoffe«, antworte ich mampfend, während mir Milch aus dem Mundwinkel tropft.

»Das glaubst du doch nicht im Ernst.«

»Steht auf der Packung.« Mit meinen goldlackierten Fingernägeln tippe ich auf die Müslipackung. Ich weiß schon, dass es nicht das gesündeste Frühstück ist. Aber hey, immerhin ist es bio, das muss schon auch was gelten.

Statt etwas darauf zu erwidern, schüttelt Ben nur den Kopf.

Die Bialetti köchelt, also schnappe ich mir meine mit Wildblumen und Vögeln verzierte Lieblingstasse, die mir Annas Vater aus England mitgebracht hat, aus dem Schrank. Gierig atme ich den tröstenden Duft des frisch gebrühten Kaffees ein, während ich mir einschenke.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie auch Ben eine Nase voll nimmt. »Möchtest du auch?«, frage ich spontan.

Erstaunt schwingt sein Kopf zu mir herüber. Es trifft mich, dass ihn diese einfache Geste offensichtlich so sehr überrascht. So unmöglich bin ich auch wieder nicht.

»Gerne.«

Nachdem ich eine weitere Tasse aus dem Schrank geholt habe, gieße ich ihm ein.

Er bläst in die heiße Brühe, nimmt einen Schluck und schließt die Lider. Die langen, dunklen Wimpern legen sich auf seine Wangen, für einen kurzen Moment wirkt er entspannt. Dann öffnet er seine kaffeebraunen Augen und lächelt mich über den Rand der Tasse hinweg an. »Danke. Deine ehemalige Mitbewohnerin hatte recht, du kochst wirklich guten Kaffee.«

In meiner Brust breitet sich Wärme aus, weshalb ich die Stirn runzle. Meine Freude über dieses einfache Kompliment verwirrt mich. Um mich davon abzulenken, zeige ich ihm mein Geheimnis: teure, handgepflückte Biobohnen aus dem Fairtrade Laden.

Er studiert die Packung, bevor er anerkennend nickt. Doch dann schweifen seine Augen erneut zu meiner Müslipackung. Er hebt sie hoch und liest vor: »Im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung und eines gesunden Lebensstils genießen.« Er wirft mir einen vielsagenden Blick zu.

Ein Schlagabtausch ist mir lieber als Komplimente. Daher zucke ich grinsend mit den Schultern, setze mich an den kleinen Bistrotisch in unserer Küche und mampfe zufrieden mein Frühstück, das wirklich köstlich schmeckt, während ich schadenfroh sein schleimiges Porridge beäuge. Es hat fast schon etwas Gemütliches, zusammen in der Küche zu sitzen und sich über das Frühstück des anderen lustig zu machen.

Er verfeinert seinen Brei mit Mandelmus, Nüssen und Kernen, ehe er sich mir gegenüber an den runden Tisch setzt. Der alte Holzstuhl knarzt unter seinem Gewicht.

»Machst du eigentlich keinen Sport?«, fragt er scheinbar unvermittelt.

Ich schnaube abfällig, das sollte als Antwort genügen.

Er legt den Kopf schief und mustert mich. »Das würde dir vielleicht guttun.«

Wie bitte?

Ich lasse den übervollen Löffel sinken, während ich Ben entgeistert anstarre.

Seelenruhig schiebt er sich eine Ladung der Ekelmasse in den Mund. Das hat er gerade nicht gesagt, oder? Noch nie in meinem Leben habe ich zu hören bekommen, ich sei zu dick. Im Gegenteil, ich musste mir schon des Öfteren sagen lassen, ich sei zu dünn, würde zu wenig essen, bla, bla, bla. Ich war einfach schon immer schlank und kann essen, was ich will, ohne zuzunehmen. Das habe ich meinen Eltern zu verdanken, die ebenfalls beide groß und schlank sind – wenigstens etwas Brauchbares habe ich von ihnen abbekommen.

Der hat sie doch nicht mehr alle! Selbst wenn ich etwas zu viel auf den Hüften hätte, sagt man so was doch nicht!

Zusätzlich zum Koffein kickt mich nun auch noch ein Schub Adrenalin in die Gänge. Ich stemme die Hand in die Hüfte und sperre den Mund auf, um ihm so richtig meine Meinung zu verklickern.

Da hebt er abwehrend die Hände vor die Brust. »Ich habe nicht gesagt, dass du abnehmen sollst!« Er mustert mich von Kopf bis Fuß. »Ganz bestimmt nicht. Aber etwas Muskelmasse könnte dir nicht schaden.«

Wütende Hitze schießt mir in den Kopf. »Bist du jetzt mein Arzt, oder was?«

»Ich wollte nur helfen. Du hockst zu Hause rum und stopfst dieses Zeugs in dich rein.« Mit dem Kopf nickt er in Richtung Ausziehschrank, in dem ich einen ordentlichen Vorrat an Chips und Süßem angelegt habe. »Das ist doch nicht gesund.«

Was bildet er sich ein, wer er ist?

Der Stuhl quietscht schmerzvoll auf dem Küchenboden, als ich ihn mit Schwung zurückschiebe, und die Müslischale landet mit Geklirr im Spülbecken. Er hat mir tatsächlich den Appetit versaut! Kochend vor Wut drehe ich mich zu ihm zurück, reiße ihm die Kaffeetasse, die er gerade an seine Lippen ansetzen wollte, aus der Hand und leere den Inhalt den Abfluss runter. »Kaffee ist auch nicht gesund«, kontere ich gehässig.

Ben verfolgt das ganze Spektakel scheinbar amüsiert, was mein Blut noch mehr zum Kochen bringt.