Uptown Girl (Band 1) – Dein Lied unter meiner Haut - Jennifer Alice Jager - E-Book

Uptown Girl (Band 1) – Dein Lied unter meiner Haut E-Book

Jennifer Alice Jager

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Beschreibung

Wer bist du, wenn niemand hinschaut? Siena Lancaster lebt in einer Welt aus Glamour und Schein. Tochter einer einflussreichen Familie, Vorzeigestudentin, souverän vor jeder Kamera, der perfekte Fake-Freund an ihrer Seite. Doch hinter der makellosen Fassade regt sich in ihr die Frage nach ihrer wahren Identität – jenseits von Likes, Lob und Leistungsdruck. Als Ren in ihr Leben tritt, prallen zwei Welten aufeinander. Er entfacht ihre Liebe zur Musik neu, verstrickt sie aber auch in ein gefährliches Spiel aus Widerstand, Anziehung, Reibung und Misstrauen. Während zwischen Siena und Ren eine Verbindung entsteht, die sich nach mehr anfühlt, beginnt ein Unbekannter, Sienas Leben aus dem Schatten heraus zu manipulieren – und Ren weiß mehr, als er zugibt … - #enemies to lovers #secret identity #from different worlds #spice - Die erste Contemporary Romance von Erfolgsautorin Jennifer Alice Jager - Exklusiver Farbschnitt und Character Card in der ersten Auflage

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 383

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für alle,die funktionieren, weil sie es müssen.Die über sich hinauswachsen, während niemand hinsieht.Die lächeln, obwohl sie längst zerbrochen sind.Die jedes einzelne Mal wieder auf die Füße kommen –auch ohne eine helfende Hand, die ihnen gereicht wird.

Ihr seid nicht allein.

Dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte in Form von emotionalem Missbrauch, psychischer Belastung, Alkoholkonsum, sexuellen Handlungen, sexualisierter Gewalt (angedeutet, nicht explizit), toxischen Beziehungen und Identitätskonflikten. Geh bitte behutsam mit dir um, und sprich mit jemandem darüber, falls es dir während des Lesens nicht gut geht.

INHALT (PLAYLIST)

Kapitel 1Piano Man by Billy Joel

Kapitel 2Uptown Girl by Billy Joel

Kapitel 3Because the Night by Patti Smith

Kapitel 4Don’t Bring Me Down by Electric Light Orchestra

Kapitel 5Hit Me With Your Best Shot by Pat Benatar

Kapitel 6(I Just) Died in Your Arms by Cutting Crew

Kapitel 7More Than a Feeling by Boston

Kapitel 8You Keep Me Hangin’ On by Kim Wilde

Kapitel 9Bad Reputation by Joan Jett & The Blackhearts

Kapitel 10Don’t Stop Me Now by Queen

Kapitel 11What’s Up? by 4 Non Blondes

Kapitel 12These Boots Are Made for Walkin’ by Nancy Sinatra

Kapitel 13That’s All by Genesis

Kapitel 14Sweet Dreams (Are Made of This) by Eurythmics

Kapitel 15Nothing Compares to You by Sinéad O’Connor

Kapitel 16The Sound of Silence by Simon & Garfunkel

1PIANO MAN

Samstag, 22. November 2025: Bei all dem Gejubel, Gläserklirren und Gelächter um mich herum hätte man meinen können, ich säße in der Lounge eines gut besuchten Nachtclubs und nicht in einer Limousine.

»Halten Sie hier«, bat ich den Chauffeur, kam aber nicht gegen den Lärm an. »Leute, ich will –«

»Du verstehst das nicht!«, lallte Cheryl neben mir. Wie immer, wenn sie zu tief ins Glas geschaut hatte, war ihr Tonfall gleich mehrere Oktaven höher und so schrill, dass es mir in den Ohren klingelte.

Es wirkte, als wäre sie im Begriff, eine Rede vor einem Millionenpublikum zu halten, als sie sich ihr schickes Etuikleid zurechtrückte, um anschließend mit dem Thema des Abends fortzufahren: Colton. Ihr Ex. Sie untermalte ihre Ausführungen über seinen schlechten Charakter mit ausladenden Gesten, für die es selbst in einer so geräumigen Limousine zu beengt war.

Als sie schwungvoll die Arme ausbreitete, zog ich meinen Kopf gerade noch rechtzeitig ein, um ihrer Clutch auszuweichen. Die Tasche knallte unmittelbar über mir gegen den Sitz. Ein paar Zentimeter niedriger, und Cheryl hätte meiner Stirn einen Prada-Stempel verpasst.

»Dieser Abend verspricht denkwürdig zu werden«, sagte ich lachend. »Du musst mir aber nicht gleich eine dauerhafte Erinnerung in die Stirn einprägen.«

»Ich hätte dich schon nicht getroffen«, versicherte sie mir nuschelnd.

Neben ihr schüttelte sich Travis grölend vor Schadenfreude. »Das war filmreif!« Er deutete mit seinem Champagnerglas auf mich und bekleckerte dabei sein Hemd. »Shit, das ist Seide! Hat jemand ein Tuch?«

»Warte, warte!« June saß neben der Minibar und machte sich auf die Suche nach einer Serviette. In ihrem knapp geschnittenen Paillettenkleid, kombiniert mit Sonnenbrille und rettungsringgroßen, diamantbesetzten Ohrringen, sah sie an diesem Abend gar nicht nach der Vorzeigestudentin aus, als die sie bekannt war. So perfekt die Sonnenbrille auch zu ihrem Outfit passte, June konnte damit kaum etwas sehen und hatte schnell die halbe Bar abgeräumt. Als sie die Servietten zu fassen bekam, warf sie Travis den ganzen Stapel zu und sorgte für einen Papierregen, der uns alle zum Lachen brachte.

Ich rutschte auf dem Sitz nach vorn und tippte dem Chauffeur auf die Schulter. »Halten Sie bitte hier.«

»Wieso das denn?«, beschwerte sich Cheryl.

Der Fahrer lenkte den Wagen zur Seite und holperte ungeschickt über den Bordstein. Wir wurden durchgeschüttelt, Travis rettete sein Hemd nur mit Mühe vor dem nächsten Champagnerschwall, June quiekte erschrocken auf, und ich wäre beinahe im Fußraum gelandet.

Cheryl zog mich zurück auf den Sitz. »Wir wollten doch zu den Chicks«, erinnerte sie mich.

Bei den Chicks handelte es sich um eine Studentenverbindung der University of Chicago, die für ihre skandalösen Partys bekannt war. Cheryl hatte schon oft versucht, mich zu einer dieser Veranstaltungen zu schleppen. Da ich weder verhaftet werden noch am Morgen danach mit Gedächtnislücken in einem Gebüsch aufwachen wollte und mein Vater sicher auch nicht begeistert wäre, von den Partyexzessen seiner Tochter in irgendeinem Boulevardblatt zu lesen, hatte ich mich bisher davor gedrückt.

Leider waren mir nach Cheryls tränenreicher Trennung von Colton die Ausreden ausgegangen. Sie brauchte es, sich mal richtig gehen zu lassen und zu amüsieren, ich hatte ihr einen legendären Abend versprochen, und für sie gehörte dazu eine Chicks-Party.

Travis öffnete die Tür und fiel mehr aus der Limousine, als dass er ausstieg. Schwankend kam er auf die Füße. Ich folgte ihm und bot Cheryl meine Hand an.

»Keine Sorge, wir gehen noch zu dieser Party«, versicherte ich ihr. »Ich will mir dort hinten nur etwas anschauen.«

Ich deutete mit einem Nicken in die Richtung, aus der wir gekommen waren, und rieb mir die frierenden Arme. Dank der zwei Flaschen Champagner, die wir bereits geleert hatten, war mir zwar nicht so kalt, wie es mir in Minirock und Jeansjacke hätte sein sollen. Gegen einen Schal hätte ich dennoch nichts einzuwenden gehabt.

Es herrschte das typische Chicagoer Novemberwetter. Trocken, eine Nachttemperatur knapp über dem Gefrierpunkt, und seit Tagen lag der Duft nach Schnee in der Luft. Ich liebte es, wenn der Winter sich früh ankündigte und man jeden Morgen beim Blick aus dem Fenster auf Schnee hoffen konnte. Lange ließen die ersten Flocken bestimmt nicht mehr auf sich warten.

Ich hob den Blick zum nachtschwarzen Himmel, nahm einen tiefen Atemzug in der klirrend kalten Luft und fühlte mich gleich wacher und klarer im Kopf. Ein paar Meter zu Fuß würden uns allen sicher guttun.

Cheryl schielte die Straße entlang. »Da ist nichts.«

»Gleich um die Ecke.« Ich hakte mich bei ihr ein und zog sie mit mir.

Nachdem June den Chauffeur angewiesen hatte zu warten, folgte sie uns. Leichtfüßig sprang sie uns von hinten an und schob sich in unsere Mitte. »Warum finden solche Irrfahrten quer durch die Stadt eigentlich immer in meiner Limo statt?«

Travis stieß ein vielsagendes Lachen aus. »Warum? Du bist die Einzige von uns, die eine eigene Limousine hat. Unsereins müsste sich die Familienkutsche leihen oder zum Mietservice gehen. Wer kann sich das heutzutage schon leisten?«

»Und das von dem Typen mit dem brandneuen Ferrari in der Garage, der fünf Minuten vom Strand entfernt wohnt und sich trotzdem einen zweiten Pool bauen lässt«, höhnte Cheryl.

»Zum einen ist mein Ferrari ein Zweisitzer ohne eingebaute Minibar, und wäre das Meer beheizt, bräuchte ich keinen Indoorpool.« Travis setzte eine gespielt snobistische Miene auf, konnte sich ein Schmunzeln aber nicht verkneifen. Wir brachen wieder in Gelächter aus.

Ich hatte mich schon lange nicht mehr so unbeschwert gefühlt. Was gab es Besseres als diese zwanglosen Abende, an denen wir tun und lassen konnten, was wir wollten? Einfach von Club zu Club touren, ohne Termine und ohne Druck – ohne einen Gedanken an den nächsten Morgen zu verschwenden. Das konnten wir uns zwischen Unistress und familiären Pflichten viel zu selten erlauben.

Zugegeben, keiner von uns hatte es schlecht getroffen.

Das Pharmaunternehmen von Cheryls Großvater heimste Milliardenbeträge ein, Travis’ Mütter leiteten eine erfolgreiche Softwarefirma, Junes Eltern besaßen Luxushotels rund um die Welt, und dank der Holdinggesellschaft meiner Familie zählten auch wir Lancasters zu den oberen Zehntausend. Daher dachte ich ganz bestimmt nicht daran, mich zu beschweren.

Wir bogen um die Ecke, und ich sah, was mir vorhin im Vorbeifahren ins Auge gesprungen war. Bis eben hatte ich noch geglaubt, es mir eingebildet zu haben. Aber es war echt. Ein Rauschen setzte in meinen Ohren ein und ließ alles um mich herum in die Ferne rücken. Wie angewurzelt blieb ich stehen, löste mich von Cheryl und June und starrte auf eine Leuchttafel, die es gar nicht mehr geben dürfte. Sie hing über einer unscheinbaren Bar, war mit blinkenden Glühbirnen besetzt und zeigte den grünen, geschwungenen Schriftzug Green Mill Lounge.

Alles sah genau wie auf dem vergilbten Foto aus, das ich vor wenigen Tagen in der Hand gehabt hatte. Wie konnte das sein? Wie konnte ich vor mir sehen, was mindestens fünfzig Jahre in der Vergangenheit liegen müsste?

»Dein Ernst?«, fragte Cheryl stutzig. »Eine Cocktailbar?«

»Nicht irgendeine«, ergriff Travis das Wort und mimte den Uniprofessor. »Das dürfte eine der ältesten und ersten Jazz-Bars überhaupt sein, wenn ich mich nicht irre. Ich glaube, der Name ist ans Moulin Rouge angelehnt.«

»Oh, ich liebe den Film!«, schwärmte June.

»Euch ist schon klar, dass wir eigentlich auf dem Weg zur Party des Jahres sind?«, erinnerte uns Cheryl.

Travis verdrehte die Augen. »Das vielleicht nicht unbedingt.«

»Ich ziehe Cocktails schalem Bier aus Pappbechern vor«, meinte June.

Cheryl drehte der Lounge den Rücken zu und breitete die Arme vor uns aus. »Eine Chicks-Party! Dort wollen wir hin! Cocktails schlürfen in Uptown können wir an jedem anderen Abend.«

»Es dauert nicht lange«, versprach ich und trat an ihr vorbei auf die Lounge zu. Was Travis gesagt hatte, erklärte einiges. Dieser Ort wirkte nicht zufällig wie ein Überbleibsel aus der Vergangenheit. Er war mit Absicht so erhalten worden. »Ich habe ein Foto von meiner Grandma, auf dem sie in meinem Alter genau vor diesem Schild steht.«

Mir war, als könnte ich sie vor mir sehen, ihr Lachen hören und ihre Freude spüren, wie sie Arm in Arm mit ein paar jungen Männern in Nadelstreifenanzügen vor dieser Bar in die Kamera gestrahlt hatte. In einem schulterfreien Cocktailkleid, mit kirschroten Lippen und Blumenschmuck im Haar. Kein anderes Foto von ihr zeigte sie in einer solchen Aufmachung – keines zeigte sie so unbeschwert.

Das war einer der Gründe, wieso sich dieses Foto in mein Gedächtnis gebrannt hatte. Es war mir wie ein Rätsel vorgekommen, das nur darauf wartete, gelöst zu werden. Wer waren diese Männer? Was hatte Peggy Lancaster damals an diesen Ort verschlagen?

Viele Jahrzehnte waren seit der Aufnahme vergangen, viel hatte sich verändert – war verschwunden, neu entstanden, in Vergessenheit geraten. Aber diese Bar war wie in der Zeit eingefroren. Sogar die Musik, die dumpf aus dem Inneren drang, passte perfekt zu dem alten Foto. Schwungvoller Jazz. Zeitlos und doch wie ein Tor in die Vergangenheit. Wie hätte ich nicht glauben können, dass mich dieses Tor direkt zur Lösung des Rätsels führte, das mir meine Grandma hinterlassen hatte?

Jemand berührte meine Schulter und riss mich aus den Gedanken. Cheryl war an mich herangetreten, schaute mich aus glasigen Augen an und kam mir so nah, als wollte sie meine Poren zählen.

»Also gut, dann lass uns auf einen Cocktail reingehen.« Sie hob mahnend den Zeigefinger. »Aber wirklich nur einer.« Ihre Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen.

»Versprochen.« Ich erwiderte ihr Grinsen und hakte mich wieder bei ihr ein, um sie stützen zu können, falls sie das Gleichgewicht verlor.

»Dann nichts wie rein!« Travis öffnete die Tür, schlug auf überzogene Weise die Hacken zusammen, verbeugte sich tief und deutete ins Innere.

»Ein wahrer Gentleman«, lobte ihn June und ging an ihm vorbei.

Der große Andrang machte es uns schwer, bis zur Bar zu kommen. Der Geräuschpegel war hoch, das Licht schummrig und die Stimmung ausgelassen. Auf der Bühne, kaum mehr als ein niedriges Podest am anderen Ende des Raumes, wurden Saxofon, Klavier, Schlagzeug und Bass gespielt. Auf der Freifläche davor tanzten Pärchen in Kleidung, die perfekt zum Foto meiner Grandma passte. Schwingende Röcke, Haarbänder, Filzhüte und Hosenträger fielen mir ins Auge.

»Findet hier ein Kostümwettbewerb statt, oder warum tragen die Leute so alberne Klamotten aus den Fünfzigern?«, brüllte uns Cheryl über den Lärm hinweg zu.

»Der Vintage-Style passt doch super zum Ambiente«, meinte Travis. »Wenn ich unsere Reiseroute für heute im Vorhinein gekannt hätte, wäre ich hier auch in einem unwiderstehlichen Rockabilly-Kostüm aufgeschlagen. Meint ihr, mir würden Koteletten stehen?«

»Eher nicht«, sagte ich lachend.

War ein Kostümfest die Lösung des Rätsels? Passte das Foto deswegen nicht zu Peggy Lancaster, der knallharten Geschäftsfrau im Hosenanzug, weil sie lediglich in eine Rolle geschlüpft war? Wenn dem so war, hatte sie diese Rolle mehr als überzeugend gespielt, denn auf keinem ihrer anderen Fotos wirkte sie so echt, so lebendig und ganz wie sie selbst. Nein, es musste mehr als ein Kostüm dahinterstecken. Da war ich mir ganz sicher.

June winkte den Barkeeper zu sich. »Ein Manhattan«, bestellte sie. »Was wollt ihr?«

»Dirty Martini«, rief ich und schaute gleich wieder zur Tanzfläche und Bühne. Das Lied ging gerade in ein Klaviersolo über, das seinesgleichen suchte. Die Finger des Pianisten flogen schneller über die Tasten, als die Tanzpaare über das Parkett wirbeln konnten. Die Melodie überschlug sich geradezu, wurde eindringlicher, emotionaler und löste dabei eine Begeisterung in mir aus, die ich nicht in Worte fassen konnte. Dieser Pianist war unbeschreiblich gut. Sein Talent fesselte mich so sehr, dass ich auf die Zehenspitzen ging, ohne es zu merken. Erst als mir Cheryl etwas zurief, hörte ich damit auf.

»Was hast du gesagt?«, fragte ich.

Sie deutete zur Bühne. »Ob du dich in den Klavierspieler verguckt hast!?«

Mal abgesehen davon, dass ich nicht der Typ für Liebe auf den ersten Blick war, hätte ich ihn dazu erst mal richtig sehen müssen. Obwohl ich mich hochgereckt hatte und auf Cheryl wie ein Groupie gewirkt haben musste, war es mir nicht gelungen, mehr als einen dichten, dunklen Haaransatz, ein schwarzes Hemd und das Aufblitzen einer blassweißen Hand zu erkennen.

Es befanden sich zu viele Gäste und nicht zuletzt das Klavier selbst zwischen mir und diesem Virtuosen, der nicht nur mich begeistert hatte. Als das Solo endete, applaudierte das Publikum überschwänglich. Die Leute jubelten, brüllten und rissen die Arme hoch, sodass ich den Pianisten selbst dann nicht erkennen konnte, als er sich erhob und die Bühne verließ.

»Hier spielen nur die Besten der Besten!«, rief uns ein Gast zu. Meine Begeisterung war wohl nicht nur Cheryl ins Auge gefallen.

Ein neues Lied setzte ein, und eine Sängerin ergriff das Mikrofon. Ihr schwungvolles Lied, begleitet vom Schnipsen der Band, Bass und Saxofon, tauchte die Lounge umgehend in eine komplett andere Stimmung.

Es musste sich unglaublich anfühlen, dort oben auf der Bühne zu stehen, ganz auf sich allein gestellt, nur mit der eigenen Stimme bewaffnet – und zu wissen, wie diese Waffe einzusetzen war, um den ganzen Raum für sich zu gewinnen. Ich hätte das nicht gekonnt.

Ich nippte an meinem Martini und genoss die Musik. Vielleicht lag es an der Wirkung des Songs, vielleicht aber auch daran, dass ich mich meiner Grandma nah fühlte, aber in diesem Moment war ich so zufrieden und ruhte in mir wie schon lange nicht mehr. Bei dem Gedanken lächelte ich.

Auch June war begeistert von der Sängerin. Live-Musik war eben etwas anderes als die übliche Club- und Partybeschallung aus Boxen. Sie sprang von ihrem Barhocker.

»Lass uns tanzen!«, forderte sie Travis auf und zog ihn mit sich.

Cheryl bekam davon nichts mit. Obwohl sie hoch und heilig versprochen hatte, ihr Handy zumindest für diesen einen Abend ausgeschaltet zu lassen, hing sie wie hypnotisiert daran.

»Hätte ich es dir wegnehmen sollen?«, fragte ich im Scherz und deckte es mit meiner Hand ab.

»Du verstehst das nicht!« Wütend entzog sie mir ihr Handy und überflog gehetzt eine Nachricht.

Das bestätigte mir, was ich befürchtet hatte. »Ist er es?«

Cheryl riss erschrocken den Blick hoch. Sie sah so überrumpelt und schuldbewusst aus wie eine Grundschülerin, die von ihrem Lehrer mit einem Spickzettel erwischt worden war. »Nein es … es ist was ganz anderes! Ich muss darauf antworten.«

»Du hast dir geschworen, dass es diesmal vorbei ist«, erinnerte ich sie. »Er tut dir nur wieder weh.«

»Ich sage doch, er ist es nicht!«, warf sie mir entgegen. »Kümmere du dich um deinen eigenen Kram.«

»Cheryl!«, ließ ich nicht locker.

Wir veranstalteten diesen ganzen Abend nur, um sie von Colton abzulenken. Sie hatte uns angebettelt, auf sie aufzupassen, nicht zuzulassen, dass sie sich wieder von ihm um den Finger wickeln ließ, und jetzt sollte ich mich um meinen Kram kümmern? Ich dachte nicht daran.

Sie hielt mir ihren Schweigefinger hin und wollte eine Sprachnachricht abhören. Dafür war es an der Bar allerdings zu laut, weswegen sie kurzerhand aufsprang und sich in Richtung Ausgang durch die Menge schlängelte.

Ich seufzte schwer. Die anderen waren zu weit weg und bekamen nicht mit, dass ich versuchte, sie herbeizuwinken, also folgte ich ihr allein. Als ich mich endlich nach draußen gekämpft hatte, war sie allerdings schon verschwunden.

Es war noch kälter geworden. Ich blies mir warme Luft in die Hände, umschlang meinen Körper mit den Armen und sprang von einem Fuß auf den anderen. Viel lieber hätte ich drinnen im Warmen gesessen und die Musik auf mich wirken lassen. Ich hatte Cheryl aber nun mal versprochen, sie zur Not auch gegen ihren Willen von Colton fernzuhalten, und ich gehörte nicht zu den Leuten, die ihre Versprechen brachen. Selbst dann nicht, wenn es sich wie ein Kampf gegen Windmühlen anfühlte. Es war nicht das erste Mal, dass ich für Cheryl in die Rolle des Don Quijote schlüpfte.

Ich suchte nach ihr und entdeckte sie auf dem Parkplatz einer Autowerkstatt gegenüber der Bar. Sie irrte dort etwas abseits im Schatten der Fahrzeuge umher und hielt immer wieder ihr Handy in die Höhe. Ein mulmiges Gefühl ergriff mich. Ich schaute mich flüchtig um und überquerte die Straße.

»Cheryl, was treibst du da?«, rief ich ihr zu.

»Ich kriege kein Netz!«, beschwerte sie sich bei mir, als wäre das ganz allein meine Schuld.

»Das brauchst du doch auch nicht.« Ich legte noch einmal meine Hand auf ihr Handy und drückte es sanft nach unten. »Weißt du noch, was ich dir versprechen sollte?«

»Ach, vergiss das!« Sie stolperte von mir weg. »Es geht dir doch nur darum, mich zu kontrollieren.«

»Ich soll dich kontrollieren?«, fragte ich verwirrt.

Sie hob ihr Handy wieder hoch und schwenkte es von links nach rechts. »Tu nicht so unschuldig! Erst bringst du mich dazu, Colton den Laufpass zu geben, dann versprichst du mir einen unvergesslichen Abend, an dem sich alles um mich dreht. Aber am Ende geht es wieder nur um dich.«

»Colton hat sich von dir getrennt«, widersprach ich.

Ihre anderen Vorwürfe schrieb ich dem Alkohol zu und ging gar nicht erst darauf ein. Ich ersparte es uns auch, sie an den Grund der Trennung zu erinnern. Für Cheryl war Treue schon immer ein sehr dehnbarer Begriff gewesen. Früher oder später hatte Colton das herausfinden müssen. Und ja, ich war der Meinung gewesen, dass sie es beenden sollte, bevor er dahinterkam, aber das hatte sie nicht getan.

»Ach ja?«, brüllte sie wutentbrannt und so laut, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn in den umliegenden Gebäuden Lichter angegangen wären und genervte Anwohner mit der Polizei gedroht hätten. Doch es blieb dunkel und still um uns herum. Das ungute Gefühl, das schon vor dem Überqueren der Straße Besitz von mir ergriffen hatte, wallte noch einmal in mir auf. »Er hat nur Schluss gemacht, weil du mich gegen ihn aufgehetzt hast!«

»Du weißt, dass ich das nicht getan habe«, sagte ich in ruhigem Ton. Es brachte nichts, wenn wir beide laut wurden.

»Nein, natürlich nicht«, gab sie sarkastisch zurück und verdrehte die Augen. »Die ach so liebe und brave Siena will immer nur für jeden das Beste und denkt nie an sich. Und dass wir in so einer öden Jazz-Bar landen, weil die irgendwas mit deiner Oma zu tun hat, ist reiner Zufall, oder was?«

Sie machte es mir wirklich nicht leicht, ruhig zu bleiben. »Cheryl, ich wollte nicht –«

»Nein, das willst du nie!«, fiel sie mir ins Wort. »Und trotzdem heißt es immer nur Siena hier, Siena da. Als ob du der Nabel der Welt wärst. Merkst du nicht, wie egoistisch das ist?«

Ungläubig starrte ich sie an. Egoistisch? Ich? Ihretwegen zogen wir mitten in der Prüfungszeit von Club zu Club, waren sogar bereit gewesen, auf eine Chicks-Party zu gehen, wo ich mich nie freiwillig würde blicken lassen. Ich konnte schon gar nicht mehr zählen, wie oft Cheryl in Tränen aufgelöst zu mir gekommen war – egal, ob es um Colton, ihre Eltern oder die Uni ging. Ich war immer für sie da gewesen, hatte ihr zugehört, ihr Trost gespendet, stand ihretwegen nachts auf dem stockfinsteren Parkplatz einer Autowerkstatt und fror mir die Zehen ab. Es tat weh, mir nach alldem Egoismus vorwerfen zu lassen, auch wenn ich wusste, dass Alkohol und Liebeskummer aus ihr sprachen. Vorrangig weckte ihr Ausbruch aber den Wunsch in mir, auf dem Absatz kehrtzumachen und sie wortlos stehen zu lassen. Bloß mit meinem Gewissen hätte ich das nicht vereinbaren können.

»Lass uns zu dieser Party fahren, okay?«, schlug ich vor, um sie versöhnlich zu stimmen. »Vergiss das Green Mill und alles andere. Wir machen das, was du willst.«

»Ich will nur von Beatrice abgeholt werden!«

»Coltons Schwester?«, hakte ich nach. Dann hatte sie mit ihr geschrieben und doch nicht mit Colton?

Cheryl entfernte sich auf der Suche nach besserem Empfang weiter von mir. »Rate mal, wohin sie und ihre Freundinnen gerade unterwegs sind?«

»Zur Chicks-Party, wo sich garantiert auch Colton herumtreibt«, murmelte ich vor mich hin. Ich schaute zu Cheryl. »Du wusstest die ganze Zeit, dass er dort sein wird.«

»Jeder, der etwas auf sich hält, ist dort!« Sie drehte sich mit angehobenem Handy im Kreis. »Fuck!«

Ohne Netz kein Abholservice von Beatrice und ihrer Clique. »Wie lange hast du schon geplant, uns für Colton sitzen zu lassen? Seit dem Green Mill? Oder hast du das schon eingefädelt, als ich dich vor ein paar Stunden mit dem Handy erwischt habe?«

Sie warf mir einen abschätzigen Blick zu, der keinen Zweifel an ihrer Antwort ließ. Ich schüttelte enttäuscht den Kopf und wollte mich nun tatsächlich umdrehen und zur Bar zurückgehen. In dem Moment kam Cheryl auf die aberwitzige Idee, auf eines der Autos zu klettern, um ihr Handy höher halten zu können.

»Was tust du da?!« Ich war sofort bei ihr und mühte mich damit ab, sie von der Motorhaube zu ziehen.

»Lass mich los!« Sie schlug und trat um sich und traf dabei sowohl mich als auch das Auto.

»Hast du eine Ahnung, welchen Ärger du bekommst, wenn du hier Autos demolierst?« Ich wusste nicht, welche Strafe einem bei Sachbeschädigung dieser Art blühte. Ins Cook County Jail würde man sie wohl nicht gleich stecken, ich konnte mir aber auch nicht vorstellen, dass Cheryl in einem orangefarbenen Overall beim Müllsammeln am Straßenrand eine gute Figur machen würde.

Sie versuchte, sich aus meinem Griff zu befreien. »Das sind doch alles Schrottkarren, wen interessieren die?«

»Die Besitzer wahrscheinlich?«

»Jetzt lass mich!« Mit einem weiteren Ruck befreite sie sich endgültig von mir, sprang von der Motorhaube und brach sich dabei einen Absatz ab. »Verdammt, nein!«, schrie sie entsetzt. Sie stützte sich am demolierten Wagen ab und befreite ihren Fuß von dem ebenso demolierten Bootie, nur um damit drohend auf mich zu zeigen. »Das sind nagelneue Manolo Blahniks! Wieso musst du immer …? Wieso kannst du nicht …?«

»Weil wir nun mal Freundinnen sind«, sagte ich nicht nur zu ihr, sondern auch zu mir selbst, um mich bei meiner Wut über ihr Verhalten daran zu erinnern, wie viel sie mir bedeutete. »Du bist mir zu wichtig. Ich kann nicht zulassen, dass du solche Dummheiten machst.«

Cheryl öffnete den Mund, um mir eine schlagfertige Antwort ins Gesicht zu pfeffern, fand aber offenbar keine.

»Obwohl ich dich nicht wirklich erfolgreich davon abhalten konnte«, gab ich schmunzelnd zu und deutete auf das Auto.

Cheryls Streitsucht schien irgendwo zwischen meinem Hinweis auf unsere Freundschaft und dem Einräumen meines Versagens verpufft zu sein. Sie biss sich auf die Unterlippe, konnte damit aber kaum verhindern, mein Schmunzeln zu erwidern, und hielt schließlich ihren Schuh hoch. »Mit den ruinierten Booties kann ich die Chicks-Party sowieso vergessen.«

Erleichtert wollte ich etwas erwidern, als ein Geräusch an mein Ohr drang. Es war sehr leise, in der nun vorherrschenden Stille des Parkplatzes aber deutlich zu hören – das unverkennbare Knistern von Tabakglut bei einem tiefen Zug an einer Zigarette.

Wie vom Blitz getroffen, wirbelten wir herum, und ich sog erschrocken Luft ein. Der Gestank nach Motoröl, Schotter und Zigarettenqualm füllte meine Lunge.

Keine zwei Meter von uns entfernt hing ein Glutpunkt im konturlosen Schwarz der Schatten. Wer auch immer dort stand, musste uns bereits eine Weile beobachtet haben.

»Fuck, wer …?«, stieß Cheryl aus und packte meinen Arm.

Mir war der Schrecken genauso in die Glieder gefahren wie ihr, und ich schaute unwillkürlich zur Straße. In High Heels auf Schotter und mit Cheryls abgebrochenem Absatz konnten wir es vergessen zu fliehen. Vielleicht war der Gedanke an Flucht auch verfrüht, da wir noch nicht wussten, mit wem wir es zu tun hatten. Aber wer lauerte jungen Frauen nachts vor einer geschlossenen Autowerkstatt auf?

Mir schlug das Herz bis zum Hals. Trotzdem straffte ich meine Haltung. Wer auch immer die Person war, ich wollte nicht eingeschüchtert wirken, also hob ich zu sprechen an. Doch der Qualm, den ich vor Schreck tief eingeatmet hatte, machte mir einen Strich durch die Rechnung. Ich hustete, während der Fremde näher kam.

Als hätte er alle Zeit der Welt – als stünde nicht er, sondern Cheryl oder ich in einer Sackgasse mit dem Rücken zur Wand –, schlenderte er auf uns zu. Wahrscheinlich hatte er sich genau wie ich ausgerechnet, dass wir niemals schnell genug sein konnten, um ihm zu entkommen.

In der Dunkelheit erkannte ich nichts weiter von ihm als zerschlissene Jeans, einen schwarzen Hoodie mit hochgezogener Kapuze und die von der Zigarette beschienene Hand. Er nahm einen weiteren Zug. Das unstete Flackern der Glut erhellte ein scharf geschnittenes Kinn und hämisch gekräuselte Lippen. Das Licht reichte nicht bis zu seinen Augen, sodass ich neben seiner unteren Gesichtspartie nur noch ein Tattoo an seinem Hals erahnen konnte. Es zog sich von seinem Schlüsselbein hinauf bis hinter sein Ohr. Ob es Totenköpfe, nackte Frauen oder Gangsymbole zeigte, konnte ich nicht sagen. Ich war mir allerdings sicher, dass es sich nicht um Einhörner und Schmetterlinge handelte.

Der Fremde blieb breitbeinig stehen, stieß den Rauch durch die Nase aus und deutete mit dem Zigarettenstummel auf Cheryl.

»Um was wetten wir, dass die hübsche Designertasche in deiner Hand mehr wert ist als alle Schrottkarren auf diesem Parkplatz zusammen?« Die Verachtung, die im rauen Klang seiner Stimme lag, wurde nur noch von der Arroganz übertroffen, mit der er sich vor uns aufgebaut hatte.

»Nimm sie!«, stieß Cheryl aus und streckte ihm ihre Clutch entgegen.

Mir war zwar noch nie eine umständlichere Formulierung für Her mit den Wertsachen untergekommen, aber die Absicht des Fremden war klar. Ich hatte jedoch nicht vor, ihm irgendetwas von Wert zu geben, ihn dafür näher an uns heranzulassen und zu riskieren, dass er sich am Ende doch nicht mit einer Prada-Tasche und etwas Schmuck als Beute zufriedengab.

»Um was wetten wir, dass sogar der Elektroschocker in meiner Hand einen höheren Tauschwert hat als die meisten dieser Karren?«, gab ich herausfordernd zurück.

Falls er vorgehabt hatte, sich Cheryls Clutch nach ihrer Aufforderung zu schnappen, entschied er sich um. Er schaute von ihr zu mir, wirkte jedoch alles andere als eingeschüchtert und stieß ein hohles Lachen aus.

»Die Wette nehme ich nicht an«, sagte er spöttisch. »Eine wie du würde mit einem diamantbesetzten Taser rumlaufen und sich noch beschweren, dass er farblich nicht zu den Schuhen passt.«

Angst beherrschte mich. Ich umfasste den Lippenstift in meiner Hand fester und schluckte hart. Wenigstens hatte er mir abgekauft, dass es sich bei dem Teil um einen Elektroschocker handelte. Ich wollte nicht riskieren, dass sich etwas daran änderte, also verbarg ich ihn, so gut es ging, in meiner Faust. »Wenn du so ein Problem mit Leuten hast, die etwas aus sich gemacht haben, bist du hier in der Gegend falsch«, sagte ich. »In Uptown hat einer wie du nichts zu suchen, also verzieh dich, oder ich jage dir ein paar Tausend Volt durch den Körper.«

»Du spuckst große Töne, Uptown Girl«, raunte er. Meine Drohung war spurlos an ihm abgeperlt. Er trat einen Schritt auf mich zu und drückte sich meinen Lippenstift zwischen die Rippen. Mein Herz pochte heftig.

Entweder war ich mutiger, als ich es mir selbst zutraute, oder ich stand unter Schock. So oder so bewegte ich mich kein Stück, obwohl mir der Fremde so nah war, dass er den Kopf senken musste, um mich weiterhin direkt anschauen zu können. Er gab mir damit das Gefühl, mich unter sich zu begraben, was die Panik in mir weiter schürte. Aber ich durfte mir das nicht anmerken lassen und blickte unverwandt zu ihm auf, auch wenn es nur Dunkelheit war, in die ich mit weit offenen Augen starrte.

»Und du wünschst dir wohl eine Karriere als Grillhähnchen«, sagte ich so gefasst wie möglich und hoffte, dass ihm das Zittern in meiner Stimme entging.

Er beugte sich zu mir vor. Sein Atem streifte warm mein Ohr, flatterte über meine Haut und sorgte dafür, dass sich die feinen Härchen aufstellten. Ich hielt die Luft an, als er leise und doch mit aller Deutlichkeit raunte: »Das wären wenigstens ehrlich verdiente Dollar, meinst du nicht?«

Ich hatte vergessen zu atmen und war kaum in der Lage, seine Antwort zu erfassen, als er auch schon in einer fließenden Bewegung um mich herum und an Cheryl vorbei war. Ich sah zu, wie er noch ein paar Schritte rückwärtsging, sich erst dann der Straße zuwandte und vom Parkplatz schlenderte, als wäre er nicht gerade mit einem Stromstoß bedroht und um seine Diebesbeute gebracht worden.

»O mein Gott, ich kippe gleich um!«, stieß Cheryl aus. Sie schwankte, als stünde sie kurz vor einem Ohnmachtsanfall, und hielt sich an mir fest. »Was für ein Glück, dass du einen Taser dabeihattest.« Sie lachte erleichtert, die Anspannung fiel von ihr ab.

»Lippenstift«, gab ich zu und hielt unseren Retter hoch. Ich konnte kaum fassen, was gerade geschehen war. Ich hatte den Typen auf Abstand halten wollen und genau das Gegenteil erreicht. Der bedrohliche Klang seiner Stimme hallte in mir nach, ich spürte seinen Atem immer noch auf meiner Haut. Aber ich hatte ihn vertrieben und fühlte mich dadurch lebendiger denn je. Ich war wie berauscht. Das Adrenalin kochte in mir.

»Nicht dein Ernst!« Cheryl riss die Augen auf. »Den Trick muss ich mir für’s nächste Mal merken.«

»Hoffen wir, dass es kein nächstes Mal geben wird.« Ich schüttelte das seltsame Gefühl ab, das mich ergriffen hatte, und stützte Cheryl, als wir uns auf den Rückweg machten.

REN

Ren zog ein letztes Mal an seiner Zigarette, bevor er sie von sich schnipste. Es war Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Siena Lancaster an diesem Abend in der Green Mill Lounge aufgetaucht war. Lancaster. Allein der Name löste schon Ekel in ihm aus. Ein Blick auf Siena hatte genügt, um eine tief sitzende Abscheu in ihm aufkeimen zu lassen, gepaart mit dem erstickenden Gefühl der Machtlosigkeit. Wie sehr er es hasste, dem ausgesetzt zu sein. Es hatte ihn alles vergessen lassen und eine Kälte in ihm wachgerufen, die viel zu lange schon ein Teil von ihm war – tief verwurzelt in seinem Inneren lag, untrennbar von dem, was über all die Jahre aus ihm geworden war.

Er hatte gelernt, diese Kälte zu kontrollieren, sie für sich zu nutzen. Doch ein Wort aus Siena Lancasters Mund hatte gereicht, ihm jede Kontrolle zu entreißen.

»Alle warten auf dich«, sprach ihn jemand an.

Ren nickte knapp. »War nur eine rauchen.«

Er warf einen Blick zurück zum Parkplatz. Es hatte gutgetan, dieser verzogenen Prinzessin eine Lektion zu erteilen. Ein wenig zu gut, wenn er ehrlich war. Ein hämisches Grinsen huschte ihm übers Gesicht. Sie hatte ihn tatsächlich mit einem Lippenstift bedroht. Wie lächerlich. Und dumm. Aber auch mutig.

Er hatte diesen Mut in ihren Augen lesen können, als er ihr ganz nah gewesen war. Aber auch Angst. Angst, die ebenso tief in ihr verwurzelt lag wie die Kälte in ihm.

2UPTOWN GIRL

Sonntag, 23. November 2025: Es war viel zu früh am Morgen, um nach einer so ereignisreichen Nacht schon auf den Beinen zu sein. Mein Terminplan hatte mir allerdings keine andere Wahl gelassen. Ich verbarg meine Müdigkeit unter einer Schicht Make-up und einem Lächeln, zog den Kaschmirpullover an, den mir Dad letzten Monat geschenkt hatte, dazu passend einen Burberry Wollrock im klassischen Karomuster und gefütterte Overknees. Im Vorraum zu meinem Schlafzimmer fing mich Charlotte ab.

Sie hätte mir nicht deutlicher machen können, dass ich spät dran war, denn üblicherweise wartete sie nicht direkt vor meiner Tür, sondern im Korridor auf mich.

Im Businesslook – Midirock, Bluse und Pumps – stand sie, vertieft in ihr Tablet, da und schrak hoch, als sie mich wahrnahm. Ohne Umschweife redete sie auf mich ein und eilte mir hinterher. »Ihr Tennismatch mit der Vorsitzenden der CDAM-Vereinigung habe ich um eine Stunde verschieben können. Mrs. Cunnigham war nicht begeistert, hat aber Verständnis gezeigt. Im Anschluss habe ich einen Brunch mit Vertretern der ICM arrangiert. Alle nötigen Infos dazu habe ich Ihnen per E-Mail geschickt.«

»Das habe ich gesehen«, grätschte ich in der ersten Atempause, die sie sich gönnte, dazwischen.

»Außerdem gibt es eine Anfrage für eine Schirmherrschaft«, fuhr sie fort.

Vor dem Esszimmer blieb ich stehen. »Schirmherrschaft wofür?«

»Oh, das …« Panisch wischte sie über das Tablet.

»Das hat bestimmt auch Zeit bis nach dem Frühstück.«

»Aber sicher«, bestätigte sie, auch wenn sie aussah, als wollte sie mir in Anbetracht des vollen Tagesplans das Frühstück ausreden.

»Guten Morgen übrigens.« Ich zwinkerte ihr zu.

Sie lächelte erleichtert und ein wenig verlegen. »Ja natürlich, guten Morgen, Miss Lancaster.«

»Siena«, erinnerte ich sie an unsere Abmachung, uns beim Vornamen anzusprechen, und betrat das Esszimmer. Charlotte blieb im Korridor zurück und versank wieder in ihr Tablet.

»Morgen«, grüßte ich Dad auf dem Weg zu meinem Platz am anderen Ende der langen Tafel.

Er las Zeitung und hatte seinen Kaffee kaum angerührt. Sein zugeknöpfter Anzug verriet mir, dass er ins Büro fahren würde. Er gehörte zwar zu der Art von Männern, die aussahen, als wären sie im akkurat sitzenden Dreiteiler zur Welt gekommen – er saß auch an freien Tagen nicht in Shirt und Jogginghose am Frühstückstisch und verzichtete höchstens im Golfclub auf einen maßgeschneiderten Designeranzug –, allerdings legte ihm unsere Haushälterin Martha nur Krawatte, Einstecktuch und Manschettenknöpfe heraus, wenn er vorhatte, das Haus zu verlassen. Nicht selten kam das auch am Wochenende vor.

»Wurde es gestern spät?« Er schaute nicht auf.

Ich nahm mir einen Sesambagel und setzte mich. »Gar nicht mal so spät. Wir waren in einer Jazz-Bar, wo ein Pianist gespielt hat, von dem ich total verzaubert war. Ich hätte ihm stundenlang zuhören können.«

Dad von der Begegnung auf dem Parkplatz zu erzählen, verbot ich mir. Es würde ihn nur aufregen. Martha schenkte mir Kaffee ein, wofür ich ihr dankbar lächelnd zunickte.

»Du weißt schon, dass in deinem Vorzimmer ein Flügel steht, an dem du unzählige Klavierstunden absolviert hast?«, erinnerte er mich. »Du könntest jeden Tag ein Klavierstück spielen, wenn du wolltest.«

Ich nippte an meinem Kaffee. »Oh, ich würde unheimlich gern jeden Tag mit einem Lied beginnen, mir fehlt nur leider das Talent dafür.«

Dad faltete seine Zeitung zusammen. »Können besteht zu neunundneunzig Prozent aus Übung und einem Prozent Talent, das sage ich dir immer wieder.«

»Und ich sage dir immer wieder, dass dieses eine Prozent entscheidend ist«, konterte ich.

Dad kam zu mir herüber und legte die Zeitung neben meinen Teller. »Dort warst du also nicht?«

Er deutete auf einen Artikel über die Chicks-Party, auf die wir zum Glück nicht mehr gegangen waren. Wie es aussah, hatte die Polizei sie aufgelöst. Ich überflog die Zeilen.

»Du weißt, dass solche Partys nichts für mich sind«, sagte ich abwinkend.

Er nickte zufrieden, tippte mit dem Zeigefinger aber mehrmals auf den Artikel. »So einen Skandal können wir nicht gebrauchen. Nicht so kurz vor dem Abschluss der Baybird-Übernahme.«

»Du meinst wohl feindliche Annektierung«, sagte ich trocken.

Ich wusste natürlich, was Dad meinte. Die Lancaster Corp hatte mit genug schlechter Presse zu kämpfen, da käme den Paparazzi ein weiterer Skandal wie gerufen. Ich war die Letzte, die dafür verantwortlich sein wollte, dass der Name unserer Familie öffentlich durch den Dreck gezogen wurde.

»Wir sind keine Piraten, Siena«, meinte er.

»Ich weiß, Dad«, sagte ich und seufzte schwer. »Das war nur ein Scherz. Wenn du das nicht mitbekommen hast, brauchst du dringend eine Pause. Du arbeitest zu viel.«

»Ich passe schon auf mich auf.« Er drückte mir einen Kuss auf die Stirn. »Genieß dein Frühstück, ich muss ins Büro.«

Er machte sich auf den Weg zur Tür.

»Du hast nicht einmal deinen Kaffee angerührt«, rief ich ihm nach.

»Kaffee gibt es auch im Büro.«

»Aber kein ausgewogenes Frühstück«, fügte ich hinzu. »Du weißt, was der Arzt gesagt hat.«

»Schöner Pullover übrigens«, lenkte er vom Thema ab und stieß beim Verlassen des Esszimmers beinahe mit Charlotte zusammen.

»Dad!«, rief ich ihm enttäuscht nach. Es war, als würde ich gegen eine Mauer reden. Nach Moms Tod und dem, was Grandma passiert war, hätte ich mir gewünscht, er würde mehr auf sich aufpassen.

Charlotte kam mit gezücktem Tablet zu mir.

»Willst du nicht mal ein paar Tage für Mr. Lancaster arbeiten und ihn daran erinnern, etwas Vernünftiges zu essen?«, fragte ich sie.

Sie schmunzelte. »Wenn man es genau nimmt, arbeite ich für Mr. Lancaster.«

»Wer tut das nicht …«, murmelte ich. Mir war klar, dass er es nur gut gemeint hatte, eine Assistentin für mich einzustellen. Seit Charlotte an meiner Seite war, fühlte sich das Tochtersein aber mehr und mehr wie ein Job an. Im Grunde war es das auch, zumindest in einer Familie wie meiner.

»Was die Schirmherrschaft angeht …«, begann Charlotte.

Mein Handy klingelte. Cheryl rief mich an. »Einen Moment«, bat ich und ging dran.

»Du musst mich abholen!«, plärrte sie mir ins Ohr.

Mein Blick fiel auf die Zeitung. »Sag bloß, du warst auf der Party.«

»Jetzt keine Standpauke! Wir sind abgehauen, als die Polizei aufgetaucht ist. Und jetzt sitze ich hier in irgendeinem Wohnheim fest.«

»Dann nimm doch irgendeinen Bus und fahr heim«, riet ich ihr.

»Hast du sie noch alle?«, schimpfte sie. »Ich brauche keinen zweiten Überfall in vierundzwanzig Stunden! Bring mir was zum Umziehen mit, und wenn jemand fragt, ich habe bei dir übernachtet.«

»Cheryl …«

»Für dich würde ich dasselbe tun«, fiel sie mir ins Wort. »Ich bin hier im, ähm … Burtons.«

Ich rieb mir den Nasenrücken. »Bin unterwegs.«

Vor mir lag eine Zwanzig-Minuten-Fahrt von Uptown zum Hyde Park, wo die University of Chicago den Mittelpunkt der Stadt bildete. Charlotte war gar nicht begeistert gewesen, meinen Terminplan für diesen Abstecher ändern zu müssen. Ich hingegen war erleichtert, auf die Gesellschaft von Mrs. Cunnigham am frühen Morgen verzichten zu können. Meine Grandma hatte diese Frau aufwachsen sehen, sie stets unterstützt und ihre Ernennung zur Vorsitzenden der CDAM arrangiert. Eine Vereinigung, die mit ihren Spendensammlungen und Charity-Projekten eher unscheinbar wirkte, deren Einfluss auf die Geschäftswelt aber nicht von der Hand zu weisen war. Es lag nun an mir, mich mit Cunnigham und der CDAM gutzustellen. Auch wenn das bedeutete, mir zum wiederholten Male anhören zu müssen, dass diese Frau für meine Großmutter wie eine Tochter gewesen war. Diese Behauptung hätte nicht weiter weg von der Wahrheit sein können. Grandma hatte eine Tochter gehabt. Meine Mutter. Sie brauchte ganz gewiss keinen Ersatz für sie. Und ich ebenfalls nicht. An einem Tag wie diesem, an dem mein Kopf flirrte und meine Gedanken Karussell fuhren, würde ich ihr das im schlimmsten Fall bei der erstbesten Gelegenheit unverblümt an den Kopf werfen. Cheryls Anruf hatte mir das erspart.

An einem Sonntag war es nicht schwer, einen Parkplatz auf dem Südcampus zu ergattern. Ich stellte meinen Wagen nur ein paar Schritte vom Logan Center ab, von dem aus es keine fünf Minuten zu Fuß bis zum Burton-Wohnheim waren. Auch wenn mein kupferroter Lexus nicht der einzige Luxuswagen war, der regelmäßig auf dem Unigelände stand, zog er schnell die Blicke auf sich. Einige Studierende waren stehen geblieben, tuschelten oder gafften unverhohlen. Für mich war das nichts Neues. Egal, wo ich auftauchte, die Leute erkannten mich. Und obwohl die wenigsten auch nur ein paar Worte mit mir gewechselt hatten, glaubten die meisten, mich zu kennen. Ich war die verwöhnte Tochter, das oberflächliche It-Girl, ein Snob oder – wie ich erst kürzlich genannt worden war – das Uptown Girl. Trug ich keine Designerklamotten, hielt man mir vor, Bescheidenheit zu heucheln. Trug ich welche, rieb ich ihnen damit meinen Reichtum unter die Nase. Ich hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass es keine Rolle spielte, wer ich war, wie ich mich gab, welche Musik ich hörte. Die Leute glaubten zu wissen, wen sie vor sich hatten. Egal, was ich tat, sie legten es so aus, dass es zu ihrer Meinung über mich passte. Ihre Blicke zu ignorieren, war das Beste, was ich tun konnte. Ich zog mir meinen Wintermantel enger um den Körper, schulterte die Tasche mit den Wechselsachen für Cheryl und machte mich auf den Weg.

»Du heute hier?!«, rief mir jemand nach. Ich drehte mich halb um und entdeckte Clark Gibson, der gerade mit seiner Theatertruppe das Logan Center of the Arts verlassen hatte. Der schlaksige Student mit Brille und struppigem Haar trug neben seiner Schultertasche ein zerlesenes Skript unter den Arm geklemmt, ein Headset baumelte um seinen Hals, und seine Jeans war mit Farbklecksen übersät. Er war so vollgepackt, dass es ihm kaum gelang, nichts fallen zu lassen, während er schnellen Schrittes zu mir aufschloss. »Ich weiß, unser Referat ist erst in zwei Wochen, aber ich habe schon mal alle Infos zusammengetragen und einen Arbeitsplan erstellt. Ich muss ihn nur finden.« Er ging neben mir her und durchwühlte seine Papiere.

Seinem Vater gehörten ein paar Imbisse etwas außerhalb der Innenstadt, und in der Zusammenarbeit mit mir witterte er seine große Chance, den Grundstein für eine zukünftige Geschäftspartnerschaft zu legen. Deswegen versuchte er alles, mir zu beweisen, wie nützlich er für mich sein konnte.

»Ich bin nicht wirklich hier«, erklärte ich ihm. »Ich hole nur etwas ab und verschwinde dann gleich wieder.«

»Oh, klar, das verstehe ich.« Es wirkte nicht, als hätte er mir zugehört. »Lass mich nur kurz den Plan raussuchen.«

»Du hättest dir die Mühe nicht machen müssen«, versicherte ich ihm. »Wir haben die Arbeit aufgeteilt, und du kannst dich ganz auf deinen Teil konzentrieren. Wenn es dir aber lieber ist, dass wir alles gemeinsam erarbeiten …«

»Nein, nicht nötig, ich wollte dir nur etwas unter die Arme greifen.« Er durchsuchte weiter seine Notizen.

»Das ist lieb von dir. Mail mir doch, was du hast«, schlug ich vor. »Ich schaue es mir in den nächsten Tagen an, und wir treffen uns am Freitag davor, um alles durchzusprechen?«

»Okay.« Er blieb stehen. »Also sehen wir uns dann?«

»Auf jeden Fall«, bestätigte ich und ging weiter.

»Hat sie dich abblitzen lassen?«, fragte ihn jemand in meinem Rücken, wohl in der Annahme, ich wäre bereits außer Hörweite.

»Klar hat sie das«, murrte Clark. »Ich werde ihren Part komplett übernehmen müssen, jede Wette.«

»Ach, die findet bestimmt einen Idioten, der das für sie macht«, meinte ein anderes Mitglied der Theatergruppe.

»Nur wäre ich gern der Idiot«, sagte Clark.

Ich ignorierte das Gerede und setzte meinen Weg zum Burton-Wohnheim fort, in das Cheryl geflüchtet war. Es dauerte nicht lange, bis ich es gefunden hatte.

Die Pappbecher und leeren Chipstüten auf dem Boden deuteten darauf hin, dass die Party hier weitergegangen war. Ich kam an offenen Türen vorbei, stieg über den ein oder anderen Studenten, der den Weg zurück in sein Zimmer nicht gefunden hatte, und erntete neugierige Blicke.

»Wen haben wir denn da?«, machte mich ein verkaterter Typ an und verstellte mir den Weg. Er lächelte süffisant und wackelte mit den Augenbrauen.

»Die Frau deines Lebens«, flüsterte ich ihm ins Ohr und machte eine kurze Pause, bevor ich zu einer der offenen Türen deutete. »Gleich dort hinten.«

Er schaute in die Richtung, und ich ließ ihn stehen.

»Ich mag Frauen mit Humor!«, rief er mir nach.

Ein paar Türen weiter packte mich jemand am Arm und zog mich ins Zimmer. Der kurze Schreck wurde schnell von der Erkenntnis abgelöst, dass es sich um Cheryl handelte.

»Psssst!«, zischte sie mit einem Finger vor dem Mund. Sie sah aus wie geteert und gefedert. Ihre Schminke war so verwischt, dass sie einer Clownsgrimasse glich, in ihrem nassen Haar und über ihren Schultern hing Lametta, und sie trug ein verwaschenes Männershirt, unter dem sich ihre Unterwäsche abzeichnete.

»Wie siehst du denn aus?«, fragte ich belustigt.

»Still!«, ermahnte sie mich und deutete auf ein Bett, in dem sich irgendein Typ rekelte.

Wenigstens war es nicht Colton. Andererseits wusste ich nicht, was schlimmer gewesen wäre: sie wieder mal in den Armen ihres Ex vorzufinden oder bei einem völlig Fremden, mit dem sie nur mitgegangen war, um Colton eifersüchtig zu machen. Eine Masche, die sie schon viel zu oft abgezogen hatte.

»Hast du die Wechselklamotten?«

»Ja, hier.« Ich ließ die Tasche von meiner Schulter gleiten.

»Super, ich beeile mich.« Sie verschwand im Badezimmer, und ich blieb allein mit dem schlafenden Fremden zurück. Stöhnend rollte er sich auf die Seite und gab dabei den Blick auf gleich vier Füße frei. Offenbar hatte sich Cheryl nicht mit nur einer Eroberung zufriedengegeben.

Ich trat an die Badezimmertür heran. »Du hattest letzte Nacht deinen Spaß, was?«

»Das kannst du laut sagen! Oder besser doch nicht.« Sie tauchte als völlig neuer Mensch im Türrahmen auf. »Und jetzt schnell raus hier.«

»Du willst dich ganz sicher nicht verabschieden?«, zog ich sie auf.

Sie verdrehte nur die Augen, zerrte mich aus dem Zimmer und schloss leise die Tür. »Die kennen nicht mal meinen richtigen Namen, und so soll es auch bleiben. Gib mir deine Sonnenbrille.«

»Ich habe keine dabei.«

Verdutzt schaute sie mich an.

»Es ist Winter«, erklärte ich.

»Du musst echt noch viel lernen.« Sie seufzte theatralisch.

Vor dem Wohnheim wandte sie sich in Richtung der Parkplätze. Ich hielt ihr meinen Autoschlüssel hin. »Fahr ohne mich. Ich muss noch etwas erledigen.«

»Ein Besuch im Buchladen?«, riet sie und schnappte sich den Schlüssel.

»Dir würde es auch nicht schaden, deine Nase mal in ein Buch zu stecken«, gab ich scherzhaft zurück.

»Und dir würde ein bisschen Spaß nicht schaden.«

Ich hob die Augenbrauen. »Wie du ihn letzte Nacht hattest?«

»Zum Beispiel.« Sie zwinkerte mir zu. »Wenn du wüsstest, wo ich gestern meine Nase überall stecken hatte.«

»Too much information!«, wehrte ich ab.

Cheryl grinste vielsagend.