Urban Fantasy going Queer - Alex Prum - E-Book

Urban Fantasy going Queer E-Book

Alex Prum

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3,99 €

Beschreibung

Das Genre der Marginalisierten und zur Unsichtbarkeit Verdonnerten, die für ihre Repräsentation und Existenz in der Gesellschaft viele Kämpfe austragen müssen. Wie die Kämpfe von Queers wegen Blutspendenverbote, Hassverbrechen, geschlechtlicher und sexueller Anerkennung, Selbstbestimmungsgesetze, Adoptionsrechte, Asylrechte, gegen Fetischisierung, Pathologisierung und, und, und ... In dieser Anthologie versammeln sich Kurzgeschichten von offen queeren Autor*innen der deutschsprachigen Phantastik-Szene. Sie vermengen gesellschaftspolitische Themen unseres modernen Alltags mit magischen Einzelschicksalen und leisten jenseits des unterhaltenden Lesevergnügens auch einen wichtigen Beitrag: Wir sind mehr als unsichtbare Marginalisierte!

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Urban Fantasy Going Queer
Impressum
Vorwort
Weltenwandler*in
Lockfrequenzen
Tam Lin 2020
Partygespräche
Stone Butch Muse
Nzinga, die Pionierin
Anleitung zum Baumkuscheln für Anfänger
Kevins verhexter Montag
Irren ist übernatürlich
NIE MEHR.
Böses Loch
Die noch nicht wissen, ob sie gehen oder bleiben sollen
Der Trank der Zauberin
Fragen Sie Dr. Fichte!
Nichts einfacher als das
Die Jagd
In einem Atemzug
Der Homunculus
Geistergeschichte
Der Spalt bei werk3
Ein neuer Traum
The Magic Between Us
Verleibungen
Heimkehr
Tiramisu mit zwei Löffeln
Mehr

Urban Fantasy Going Queer

Herausgegeben von

Aşkın-Hayat Doğan & Sarah Stoffers

Impressum

Alle Rechte an den abgedruckten Geschichten liegen beim

Art Skript Phantastik Verlag und den Autor*innen.

Copyright © 2021 Art Skript Phantastik Verlag

2. Auflage 2021

Art Skript Phantastik Verlag | Salach

Lektorat » Aşkın-Hayat Doğan & Sarah Stoffers

Korrektorat » Melanie Vogltanz

www.lektoratvogltanz.com

Komplette Gestaltung » Grit Richter | Art Skript Phantastik Verlag

Druck » BookPress

www.bookpress.eu

Print-ISBN » 978-3-945045-54-1

eBook-ISBN » 978-3-945045-25-1

Der Verlag im Internet

» www.artskriptphantastik.de

Alle Privatpersonen und Handlungen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Vorwort

Liebe Lesende,

herzlich willkommen in den Straßen der Städte, in den Cafés und U-Bahnen, auf den Baustellen und Friedhöfen. Und in dieser Anthologie, die das Vertraute mit dem Unbekannten vermischt, den Alltag mit der Magie. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, unsere Elfen mit Smartphones und Motorrädern auszustatten, um sichtbar zu machen, dass Fantasy, natürlich, politisch ist. Keine Weltflucht, sondern ein Spiegel unserer Gesellschaft mit all ihren Facetten.

Oder wie der Literaturwissenschaftler Stefan Ekman es formuliert hat: Urban Fantasy, das Genre der modernen urbanen Welt mit magischen Elementen. Und auch das Genre der ›Unseen‹. Das Genre der Marginalisierten und zur Unsichtbarkeit Verdonnerten, die für ihre Repräsentation und Existenz in der Gesellschaft viele Kämpfe austragen müssen. Wie die Kämpfe von Queers für geschlechtliche und sexuelle Anerkennung, Selbstbestimmungsgesetze, Adoptions- und Asylrechte, gegen Blutspendeverbote und Hassverbrechen, Fetischisierung und Pathologisierung und, und, und …

In dieser Anthologie versammeln sich Kurzgeschichten von offen queeren Autor*innen der deutschsprachigen Phantastik-Szene. Sie vermengen gesellschaftspolitische Themen unseres modernen Alltags mit magischen Einzelschicksalen und leisten jenseits des Lesevergnügens auch einen wichtigen Beitrag: Wir sind mehr als unsichtbare Marginalisierte! Wir waren schon immer da, mitten unter euch.

Das zeigte sich auch, als wir uns auf die Suche nach queeren Fantasyautor*innen für die Anthologie machten. Am Anfang war es eine Suche, aber schnell stellten wir fest, wie viele queere Fantasyautor*innen es im deutschsprachigen Raum gibt. Mehr, als wir in einer Anthologie abbilden könnten.

Auch deshalb war es eine bewusste Entscheidung für offen queere Autor*innen. Nicht, weil mensch queer sein muss, um gute queere Repräsentation zu schreiben! Oder weil queere Autor*innen verpflichtet wären, sich zu outen oder über queere Themen zu schreiben. Ein Outing ist eine zutiefst persönliche Entscheidung, es kann viele Gründe dafür oder dagegen geben. Genau, wie auch queere Autor*innen immer schon heterosexuelle cis Charaktere geschrieben haben und das mutmaßlich auch weiterhin tun werden. Doch wir wollten ein Sichtbarmachen der »Unseen«, in der Fiktion wie in der Buchbranche. Das war uns beiden aus unserer eigenen Erfahrung ein persönliches Anliegen, denn Aşkın-Hayat Doğan ist schwul und Sarah Stoffers nichtbinär und queer.

Folglich haben wir 23 Autor*innen gebeten, eine Urban Fantasy-Geschichte zu schreiben. Viele haben ihrer sexuellen, romantischen oder geschlechtlichen Identität des Spektrums eine Stimme gegeben, andere haben das ganz bewusst nicht getan. Beides hat seine Berechtigung. Da queere Menschen keine homogene Masse sind, prallen in dieser Anthologie Gegensätze aufeinander. Liebesgeschichten, märchenhafte Elemente und humorvolle Action stehen neben düsteren, gewaltvollen Geschichten oder provokanten Parodien. Es wird ermittelt, geliebt, gehasst, gekämpft. Mit Queerfeindlichkeit oder dem Coming Out gerungen. Oder mit dem Montag oder einer mächtigen Feenkönigin. Queerness ist manchmal laut und mächtig, und dann wieder beiläufig und alltäglich. Sie trifft auf Hass und Akzeptanz. Einige Geschichten fordern heraus, andere sind ein sicherer Hafen und manche beides gleichzeitig. Deshalb stehen vor jeder Geschichte Content Notes. Bitte schützt euch selbst und nehmt sie ernst.

Unsere Held*innen sind schwul, lesbisch, bi- und manchmal sogar heterosexuell. Sie sind trans und nichtbinäre Figuren. Einige verwenden Neopronomen wie zum Beispiel sey oder sier. Sie gehören dem Aro- und Ace-Spektrum an und sind vielleicht demisexuell. Und nichts davon ist Hexenwerk, sondern unser Alltag. Wir hoffen, dass ihr euch ein Stück weit darin wiederfindet. Vielleicht, weil ihr selbst queer seid und schon immer mal über eine bisexuelle Hexe oder einen demisexuellen Werwolf lesen wolltet. Oder weil ihr es gerade nicht seid und euch vielleicht trotzdem in queeren Held*innen wiedererkennen werdet. Folgt uns durch 25 Türen in verschiedene urbane Welten, die am Ende alle ein Teil eurer eigenen sind.

Euch allen viel Spaß beim Lesen!

Aşkın-Hayat Doğan & Sarah Stoffers

Berlin und Hamburg im September 2021

Weltenwandler*in

Sarah Fartuun Heinze

Ich atme ein. Aus. Schließe die Augen. Öffne sie und:

Springe.

Vorbei an:

Ästen

Blättern

Knospen

Sternen

Bis ich eintauche.

Um mich herum

nichts

nichts

nichts

Alles.

All-e-in.

Ich bin:

Weltenwandler*In.

Ein Fuß immer zugleich im Da und der andere im Dort.

Balancierend auf der Fine Line zwischen VerflochtenVerwobenVer- schlungen.

Von einer Tür zur Nächsten zur Nächsten zur Nächsten.

Nein: Nicht die Türen die zwischen all‘ dem Innen und Außen übersetzen.

Die Türen, die sich zwischen Ästen auftun: Da wo Raum ist für vorbeiziehende Wolken.

Die Türen, die sich zwischen zwei gleichzeitig aufgehenden Sternen spannen.

Die Türen, die Struktur gewordene Anfänge atmen.

Ja: Genau die.

Weltenwandel ist schwer? Weltenwandel ist leicht:

Als Erstes..

Schau‘ dich um. Nein, nicht so. Okay, ich helfe dir.

Schließ‘ die Augen.

Tauch‘ ein.

Wo sind dir heute Anfänge begegnet? Einladungen? Wann hast du dich gewundert aber dir keine Zeit zum Innehalten genommen? Wie sollen die Wunder dich so sehen, hm?

Denn:

Türen

Einladungen

Anfänge

Wunder

Sind nur eine handvoll Wörter für denselben Vorgang.

Du glaubst Weltenwandler*In ist eine Frage des Werdens?

Nein Liebes: Weltenwandler*In ist eine Frage des Wollens.

Wie Wettermagie: Eine Frage des Wollens und der Phantasie.

Also komm‘, ich nehm‘ dich mit: Zu meinen Lieblingstüren.

Erste Tür

Ein Kaffeebecher auf einer Mauer, gleich gegenüber einer dröhnenden Straße und : Gerade außerhalb deiner Reichweite. Du siehst weder was darin ist, also fang‘ gar nicht erst an dich dem halbvollhalbleer – Reigen hinzugeben, noch ob überhaupt noch etwas darin ist. Er ist zu weit weg. Von da wo du stehst und betrachtest ist er den Wolkengebirgen näher als dir. Vielleicht ist er gefüllt bis zum Rand: Mit Wolkenweichem Raunen. Schau‘: Wolkengebirgeseen sind überall. Auch in Kaffeebechern. Ein Anfang von Vielen.

Zweite Tür

Eine Brille, ein schönes Modell: Teuer, nicht mehr neu aber sehr schick. Wie eine Frucht hängt sie in den Ästen eines Baumes am Wegesrand : Am Flussufer : Fernab der Stadt und doch Teil von ihr. Monatelang. Ungepflückt. Würdest du sie aufsetzen und damit die Wolken betrachten, wer weiß: Vielleicht könntest du den Duft der Lieder die am Ufer des Wolkengebirgesees gesungen werden schmecken.

Dritte Tür

Ein Stuhl, ein Schöner, auf einer Wiese. Im Stadtpark. Zwischen zwei Bäumen. Würdest du dich setzen, es würde beginnen zu regnen. Aber nur so lange bis du beschließt weiter zu schweifen. Um der Sonne ihr Stichwort zu schenken. Ein Anlass zum Innehalten, Betrachten, das Dazwischen Genießen.

Vierte Tür

Ein Berg in einer Stadt ohne Steigungen. Wie aus dem Nichts lädt er dich ein zum:

Ausschau halten.

Betrachten.

Seufzen.

Er fordert dich heraus und bleibt dabei still und geduldig. Unbenommen heiter. Vielleicht.

Fünfte Tür

Ein Rauschen.

Ein Meer.

Ein Strom.

Eine Einladung zum: Innehalten. Träumen.

Und: Ausatmen.

Und jetzt du Liebes, erzähl‘ mir von deinen liebsten..

..Türen

..Einladungen

..Anfängen

Und : Oder von all den Vielklängen. Von Wundern. Vom Wundern.

Schau‘, ich hab‘ Platz für dich gemacht:

Zu wenig Raum für dich?

Schau‘, ich hab‘ mehr Platz für dich gemacht:

Zu viel Raum für dich?

Ich sag‘ ja: Weltenwandler*In heißt auch auf den feinen Linien:

Tanzen.

Verweilen.

Genießen.

Singen.

Lauschen.

Zum Beispiel.

Alles eine Frage der Übung.

Eine schwierige, ja, und: Eine lohnende. Und eine Schöne, Liebes, doch wirklich.

Und jetzt

Du

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Sarah Fartuun Heinze arbeitet als multidisziplinäre freiberufliche Künstler*In und Kulturelle Bildner*In an der Schnittstelle zu Theater, Games, Musik und Empowerment. Sie versteht sich als Ästhetische Forscher*In, ist Teil der Initiative Creative Gaming, freie Autor*In und Teil der Neuen Deutschen Medienmacher*Innen. Und: Sarah Fartuun Heinze spielt gerne. Ein Lieblingsspiel : »Zelda: Ocarina of Time«, vermutlich weil da der Schlüssel zu den meisten Rätseln die Musik ist. Wie so oft, auch fernab von Bildschirmen und Theaterbühnen.

Facebook: Sarah Fartuun Heinze

Instagram: @sa_fa_he

Twitter: @sa_fa_he

Website: www.sarah-fartuun-heinze.de

Content Notes: Body Horror (Verwandlung), Alkohol, Wasser, Kannibalismus (erwähnt), queerfeindlicher Angriff (angedeutet), Gewalt, Entführung

Lockfrequenzen

Iva Moor

Der beißende Geruch des Badreinigers trieb Saleen Tränen in die Augen. Routiniert wischte sie die Rasierstoppel von der Armatur, als der Gast den Kopf hereinsteckte.

»Sind Sie endlich fertig? Ich muss mich umziehen, wir kommen zu spät ins Theater«, trompetete er.

Saleen lächelte höflich, wie man es dem Personal dieses Hotels täglich einbläute. »Ein Minütchen noch. Soll ja alles schön sauber sein, nicht wahr?«

Während sie die Handtücher austauschte, plapperte die Gattin des Gasts munter über das Musical, das sie sich heute anschauen wollten.

»Haben Sie es schon gesehen?«, zwitscherte sie in Saleens Richtung. »Die kleine Seehexe. Todschicke Inszenierung in einem kleinen Theater draußen am Feenteich.«

»Leider nicht«, antwortete Saleen. Soweit sie wusste, arbeitete Luna für diese Produktion, doch keine zehn Pferde würden Saleen in ein Musical bekommen. Trotzdem zwinkerte sie der Frau zu. »Falls Ihr Herr Gemahl keine Lust hat, begleite ich Sie gern.«

Natürlich bluffte sie nur. Sich mit Gästinnen einzulassen, konnte sie ihren Job kosten, und dieses verdammte schwimmende Hotel in der Hamburger HafenCity war ihr Zuhause, seit sie ihre wenigen Habseligkeiten aus Emmas Wohnung geräumt hatte.

Pikiert suchte die Gattin nach einem Themenwechsel. »Sind Sie ins Putzwasser getreten?«

Irritiert folgte Saleen ihrem Blick. Der Hosensaum ihrer Uniform tropfte auf den frischgewischten Boden. »Huch! Na, besser Wasser als eine Schleimspur, was?«

Eilig tupfte sie das Wasser auf. Auf dem Weg nach draußen hörte sie den Mann über sie meckern. Augenrollend schob Saleen ihren Putzwagen in die Triton-Suite nebenan. Der Typ fand jeden Tag einen neuen Grund für blöde Kommentare! Ihr Gewicht, ihr Haarschnitt, der angeblich zu maskulin aussah, ihre große Klappe … Warum tat sie sich diesen Job überhaupt an?

Während der frische Wind die Suite durchlüftete, trat Saleen auf das winzige, private Außendeck.

Der Sonnenuntergang vergoldete die HafenCity. Schmutzige Wellen brachen am Bug der Luxusyacht, die man zu einem Hotel umgerüstet hatte. Das Ding dümpelte bloß im Schatten der Elbphilharmonie herum, aber die Gäste zahlten gut für das Kreuzfahrt-Feeling. Dabei waren die Wellen so zahm hier – ganz anders als zu Hause an der Nordsee.

Während sie die Suite putzte, lauschte sie dem plätschernden Gesang, der ein bleiernes Gewicht an ihr Herz hängte und ihre Beine schmerzen ließ.

Linderung für beides wartete nur ein paar Schritte weiter.

Die luxuriöse Wanne im Bad lockte wie eine verbotene Frucht. Sie hatte sich schon ein paarmal hergeschlichen, als der Schmerz zu groß geworden war. Hatte sich dem Leitungswasser hingegeben, bis ein Ruck ihre Schenkel und Knöchel zu einem einzigen, kräftigen Knochen zusammenpresste, überzogen von Muskeln und Schuppen – schillernde Linien, die sich bis zu ihrer gelbschwarzen Flosse hinunterzogen, wie bei einem Falterfisch.

Nur ein paar Minuten die Schmerzen vergessen, sich wieder wie sie selbst fühlen …

Irgendwann erwischen sie dich! Dann fliegst du achtkantig raus!

Aber das wäre ihre kleinste Sorge, wenn jemand hereinplatzte und nicht die selbstgekrönte Queen Butch in der Wanne vorfand sondern … nun, die Menschen würden sie in ihrer unpräzisen, engen Sprache wohl eine Meerjungfrau nennen. »Deutsch hat einfach nicht die Kapazitäten, um das Wesen der Merborn zu erfassen«, sagte Papa immer.

Aber sie konnte es nicht riskieren. Nicht heute. Nicht mit einem Date mit Luna in Aussicht.

Dochwährend sie das Bad putzte, raubte ihr das Gewicht auf der Brust den Atem. Es war nicht nur die Sehnsucht nach ihrer Flosse. Seit Emma sie vor drei Jahren verlassen hatte, gab es niemanden mehr, der wusste, wer sie war. Wer sie wirklich war.

Selbst schuld! Man kehrt dem Meer nicht den Rücken!, höhnte das Stimmchen in ihrem Kopf, das wie ihre Mutter klang – voller Spott, der die Verletzung darunter kaum verhüllte. Wie damals,als Saleen ihre Sachen gepackt hatte, um Emma nach Hamburg nachzureisen. Man verlässt nie das Meer und den Schwarm!

Heuchler! Ihr ganzer Schwarm lebte auf dem Festland, wie so viele Merborn! Nur eben an der Küste statt im Inland!

Wenn du gehst, gehst du allein und bleibst allein!

Energisch schrubbte Saleen die Waschbecken. Sie war nicht allein gewesen! Sie hatte Emma gehabt – und Emma hatte sie mit Beinen und Flossen geliebt. Dass Saleens Kleidung ständig tropfte, hatte ihr bloß ein schiefes Lächeln entlockt. »Dann darfst du eben nicht mehr mit Klamotten ins Bett, Schatz.«

Aber seit Emma sie verlassen hatte, war sie allein. Zog stets die Notbremse, wenn ihr jemand zu nahe kam – sie konnte nicht noch mehr Menschen ihr Geheimnis verraten. Und wie sollte Nähe wachsen, wenn man ständig lügen musste?

Selbst die Sache mit Luna wurde langsam zu brenzlig. Bei der Aussicht, sie heute wiederzusehen, kribbelte es in Saleens Bauch – klares Signal, die Sache abzubrechen.

Morgen.

Den heutigen Abend würde sie auskosten – ein bisschen flirten, vielleicht sogar noch einen Kuss … sich noch einmal lebendig fühlen und die Nähe spüren, ehe die Einsamkeit sie zurück in die Tiefe zog.

Von draußen wehte das Lied der Wellen herein, und Saleen summte mit, während sie der Suite den letzten Schliff gab.

***

Was für ein beschissener Abend!

»… and nothing else matters«, hauchte Saleen ins Mikro. Zur Belohnung johlte das Publikum. Genau deshalb liebte Saleen diese Karaokebar: Das Publikum war immer enthusiastisch, egal, wie man sich anstellte. Normalerweise munterten Karaoke und Cocktails sie todsicher auf, doch heute sank Saleens Stimmung nach dem dritten Song unter den Nullpunkt.

Lunas Sidecut war weit und breit nicht zu sehen.

Sie war nicht gekommen.

Wundert’s dich, nach dem peinlichen Geschlabber am Sonntag? Du küsst einfach so mies!

Fuck. Da half wohl nur eins: ihr Herz, dieses nutzlose, wundgeschürfte, entzündete Ding, in Alkohol ertränken.

»Hey Maik, krieg ich noch einen ‒«

»Gin Tonic. Für dich. Von deiner Freundin da drüben.« Der Barkeeper schob ihr ein Longdrink-Glas entgegen.

Verdattert blinzelte Saleen. »Meine … Oh!«

An einem Ecktischchen winkte Luna ihr zerknirscht zu. Heute hatte sie ihr seidenschwarzes Haar zurückgebunden, sodass der Sidecut umso besser zur Geltung kam; ein blaues Kleid schmiegte sich um ihre Kurven. Trotz des Drinks war Saleens Kehle plötzlich staubtrocken. Bis zum letzten Wochenende hatte sie Luna zwar ein paarmal hier gesehen, sich aber nie getraut, sie anzusprechen – wahrscheinlich stand so eine Schönheit sowieso nicht auf Frauen. Sonntagabend hatte Luna die Sache dann selbst in die Hand genommen. Die Nacht war in Gelächter und philosophischen Gesprächen davongeflogen; im Morgengrauen hatten sie sich eine Stunde lang am Hafen verabschiedet, ohne zu gehen – und dann hatte Luna klargestellt, dass sie sehr wohl auf Frauen stand. Ihre Küsse hatten die ganze Woche nachgehallt, und Saleen versank viel zu oft lächelnd in den WhatsApp-Nachrichten, die sie austauschten.

»Nur, dass du‘s weißt«, raunte Maik über den Tresen, »ich hab sie vorgestern in ’nem Club gesehen, wie sie sich mit ’nem Typen amüsiert hat.«

Saleens Magen zog sich schmerzhaft zusammen. »Kann sie doch. Wir sind ja nicht zusammen oder so.«

Und du brauchst auch nicht klammern wie ein Oktopus – du musst es sowieso beenden!

Außerdem war Luna jetzt hier, ohne Typen, und strahlte ihr entgegen, als Saleen mit dem Drink in der Hand zu ihr stakste.

»Womit hab ich das denn verdient?«

»Mit einem großartigen Metallica-Cover. Von dem ich leider nur den Schlussapplaus gehört habe.« Bedauernd schob Luna die Unterlippe vor. »Alle schwärmen, wie toll du singst, Miss dreifache Karaoke-Meisterin, und ich verpass dich jedes Mal!«

»Ach, du wirst doch auf der Arbeit genug vollgeträllert.« Zögerlich trat Saleen näher. Wie begrüßte man sich, nachdem man den Morgen fortgeknutscht hatte? War ein Kuss zu forsch? Luna nahm ihr die Antwort ab, indem sie sie umarmte. Saleen drückte die Nase gegen ihren Hals, sog ihren frischen Duft nach Salz und Minze ein, wollte in der Wärme ihrer Arme versinken …

Wie kann man eigentlich so ausgehungert nach Berührung sein? Lächerlich!

Als Luna sich viel zu bald zurückzog, nippte Saleen betont lässig an ihrem Drink. »Wie war die Show? Was macht die Kleine Seehexe?«

»Will ich gar nicht wissen.« Prompt verzog Luna das Gesicht. »Ich bin nur Platzanweiserin und kann dieses blöde Musical trotzdem auswendig! Aber lass uns nicht über die Arbeit reden, okay?« Zaghaft berührte sie Saleens Hand. »Tanzt du mit mir?«

»Zu dem Lied?« Gequält verzog Saleen den Mund. Gerade kreischte ein angetrunkenes Trio einen Popsong ins Mikro.

»Ich verrate niemandem, dass die Metal-Queen zu den Spice Girls abgegangen ist wie eine Rakete.« Luna grinste und tippte auf das Arch Enemy-Logo auf Saleens Brust. »Bitte!«

Also hüpfte Saleen kurz darauf ungelenk neben Luna herum. Sie fühlte sich wie eine Qualle! Doch als die trunkenen Spice Girls abzogen und ein Nerd mit Engelsstimme eine Bon Jovi-Ballade ansang, schlang Luna die Arme um sie.

»Ist das so schlimm?« Ihr Atem streifte Saleens Hals und bescherte ihr eine Gänsehaut.

»Nein, das ist … nett.«

Saleen verabscheute tanzen, aber das hier … das hier war mehr als nur nett! Mit Luna im Arm und guter Musik könnte sie die ganze Nacht durch-

»Huch!«

Jäh krallte sich Luna an Saleens Schulter fest. Ihre Absätze schlitterten auf dem Boden. Hastig packte Saleen sie an der Taille.

»Sorry«, murmelte Luna, »bin ausgerutscht …«

Erschrocken blickte Saleen nach unten. Der Boden war klatschnass! Wasser zog sich am Saum ihrer Jeans hinauf! Warum mussten Merborn an Land immer tropfen? Ätzend! Und gefährlich! Hoffentlich glaubte Luna bloß, jemand hätte ein Getränk verschüttet!

Behutsam half sie Luna auf. »Genug getanzt?«

»Fürs Erste. Aber wir versuchen es später nochmal, ja?«

Mit einem spitzbübischen Grinsen strich Luna ihr über den Rücken. Ihre Hand kam nahe über ihrem Po zur Ruhe, und Saleens Gedanken hatten nichts Besseres zu tun, als in gefährliche Gefilde zu driften – Gefilde, in denen sie beide die lästige Kleidung loswurden und es nur Haut und Hitze gab …

Und dann darfst du dir Ausreden ausdenken, warum das Bett nass ist! Lass es, Saleen!

Ernüchtert führte sie Luna zurück zu ihrem Tisch. Warum riskierte sie es überhaupt, sich die Finger zu verbrennen? Sie würde sich dabei nur wehtun – und Luna gegenüber war es unfair.

»Ist alles okay?«, fragte Luna. Sie wirkte unbehaglich. Kein Wunder – Saleen führte sich lächerlich auf! Auf dem Tisch leuchtete Lunas Handy-Display – irgendein »Istro« bombardierte sie mit Textnachrichten. Vermutlich der Kerl, mit dem Maik sie gesehen hatte. Super.

»Mir geht’s gut«, log Saleen und zwang sich zum Lächeln. »Darf ich etwas für dich singen? Hast du Wünsche?«

Luna lachte, doch ihre Augen blieben ernst. »Dir fällt sicher etwas Passendes ein.«

***

Ob Luna Total Eclipse of the Heart passend fand? Für Saleen war der Song heute genau das Richtige. Während der ersten Zeilen schloss sie die Augen. Vielleicht konnte sie ja mit bloßen Tönen alles kommunizieren, was sie Luna nicht sagen konnte: »Ich bin quasi so was wie eine Nixe, aber mein Schwarm hat mich verstoßen. Fisch-Essen find ich barbarisch, meine Klamotten tropfen, und falls wir je zusammen duschen, musst du mich auffangen, weil man auf Flossen nicht stehen kann. Magst du mich trotzdem?«

Aber dazu taugte ihre Stimmmagie nicht. Sie hatte bloß unnützes Zeug gelernt – wie man Sinne betörte und müde Herzen in den Bann zog. Aber sie wollte Luna gar nicht betören. Sie wollte ihr nur etwas schenken. Zum Abschied.

Als sie zum Refrain die Augen öffnete, starrten die Gäste sie verzückt an. Luna jedoch saß mit ausdrucksloser Miene da, die Lippen zu einem schmalen Strich gepresst. Lag es an der Songauswahl? Oder hatte sie von einer dreifachen Karaokemeisterin mehr erwartet? Vielleicht musste Saleen für die zweite Strophe noch einen drauflegen!

Also sang sie all ihre Sehnsucht, ihren Schmerz, ihre Einsamkeit in die Melodie, jede Note wie ein befreiender Atemzug. Als sie schließlich endete, herrschte für einen Moment Stille. Dann begann das Publikum zu johlen, und während sie von der Bühne kletterte, suchte Saleen nervös Lunas Blick.

Doch Luna war fort. Als Saleen zu ihrem Tisch zurückeilte, fand sie nur ihren halbgetrunkenen Cocktail. Ihre Kehle schnürte sich zu.

Vielleicht ist sie nur auf Klo.

Doch als sie nach einer Viertelstunde an der Bar nach Luna fragte, winkte Maik bloß ab.

»Deine Freundin hat telefoniert, bezahlt und ist gegangen.«

Ungläubig starrte Saleen ihn an. Er hätte sie genauso gut ohrfeigen können. Telefoniert? Sicher mit diesem Istro, der sie zugetextet hatte …

Sie hat sich nicht mal verabschiedet. So eilig hatte sie es, wegzukommen! Ist besser so, Saleen.

Trotzdem konnte sie kaum atmen, und diesmal hatte es nichts mit Kiemen oder Lungen zu tun.

»Krieg ich noch ‘nen Whiskey, Maik?«, krächzte sie. »Lass die Flasche gleich hier.«

***

Eine Stunde später schlurfte Saleen die Landungsbrücken hinunter, dem Hotel entgegen, mit wundem Herzen und einem scheußlichen Kater in Aussicht.

»Schön gesungen«, sagte jemand direkt hinter ihr.

Erschrocken fuhr Saleen herum – und blickte geradewegs in Lunas Gesicht.

Schlagartig wurde sie nüchtern.

»Ah, und weil’s dir so gut gefallen hat, bist du abgehauen?«

Sie sollte nicht so bitter klingen. Sie wollte die Sache doch sowieso beenden!

»Oh, ich hab alles gehört«, sagte Luna und trat einen Schritt näher. »Leidenschaftliche Performance.«

Verunsichert räusperte sich Saleen. Und wenn sie Luna unrecht tat? Vielleicht hatte es einen Notfall in der Familie gegeben. Vielleicht war dieser Istro ihr Bruder. »Ich hab ja auch nur für dich gesungen.«

Luna verzog keine Miene. »War ein richtiger Sirenengesang.«

Saleen blinzelte irritiert. Menschen verwechselten Merborn ständig mit Sirenen. Aber warum sich darüber ärgern, wenn die Versuchung so groß war, ihre Finger durch Lunas Haar gleiten zu lassen, den Kontrast zwischen den Sidecut-Stoppeln und der seidigen Mähne zu fühlen? Warum sich ärgern, wenn sie diese Nähe noch ein bisschen länger spüren durfte?

»War ein richtiger Lockruf«, raunte Luna.

Verlegen biss sich Saleen auf die Unterlippe. »Wenn das so ist: Darf ich dich zu einem Mitternachtssnack verlocken?«

Lunas kräftige Brauen zuckten nach oben. Schnell schob Saleen hinterher: »Ich mach prima Pancakes.«

»Du willst wirklich mit mir essen?«, fragte Luna leise. Aus irgendeinem Grund klang es … verzweifelt.

»Ich würde auch dich kosten.« Die Worte waren draußen, ehe Saleens Vernunft Oberhand gewinnen konnte. Sie erschauerte, als Luna ihre Hand nahm.

»Mich kosten?« Luna seufzte. Ihr Atem streifte Saleens Lippen. »Schade. Warum musst du so eine sein?«

So eine? Saleen erstarrte. Hatte sie Lunas Signale denn derartig falsch gedeutet? »Sorry, ich ‒«

»Schluss mit den Spielchen!«, schnarrte Luna. Ihre Finger wanden sich wie Schraubstöcke um Saleens Handgelenke.

»Hey, was ‒«

»Still jetzt!«

»Lass mich los!« Saleen versuchte, freizukommen, doch Luna ließ nicht locker. Verflucht, eine lesbenfeindliche Attacke war das Letzte, was sie brauchte! Panisch blickte Saleen umher. Von fern tönte der Lärm der Reeperbahn, doch ausgerechnet jetzt war keine Sau an den Landungsbrücken unterwegs! Trotzdem schrie sie, was ihre Lungen hergaben.

»Nimm deine Pfoten weg!«

Doch Luna hielt sie im Schwitzkasten – und hob sie von den Füßen.

Schreiend trat Saleen um sich, kickte Luna gegen das Schienbein, rangelte mit den Schultern. Ihr Ärmel riss. Mit vollem Körpereinsatz warf Saleen sich nach vorne, stolperte fort von Luna, die nur noch den Hemdfetzen in der Hand hielt – und taumelte über den Rand der Kaimauer.

Die Elbe war eisig. Wasser füllte Saleens Lunge, ihre Poren, ihr ganzes Sein. Ihre Knöchel schellten gegeneinander und verwuchsen, die Jeans barst, als Muskeln und Schuppen sprossen. Kurz darauf strömte Elbwasser durch ihre Kiemen.

Hektisch paddelte sie mit ihren schwimmhäutigen Händen in die Tiefe. Sie würde einfach direkt zum Hotel schwimmen und sich unbemerkt an einem der Decks zurückverwandeln …

In ihrem Augenwinkel zuckte ein Schatten. Gleich darauf traf sie etwas Hartes am Kopf.

»Cleo! Ich hab dir gesagt, du sollst warten!«

Verschwommen erkannte Saleen weitere Schatten über sich. Und eine Haiflosse.

Ehe ihr einfallen konnte, dass es keine Haie in der Elbe gab, traf sie ein zweiter Schlag.

Ihr wurde schwarz vor Augen.

***

Als Saleen mit pochendem Schädel zu sich kam, konnte sie die Arme nicht bewegen. Man hatte ihr die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Beim Versuch, sich zu regen, prallte ihre Flosse gegen nachgiebigen Widerstand.

Flosse! Wieso hatte sie noch ihre Flosse? Mühsam öffnete sie die Augen. Sie lag … in einem Planschbecken?! Gefesselt, mit Wasser bis zum Bauchnabel! Wer waren diese Typen? Daheim hatte die alte Jenne ständig von Merborn-Jägern erzählt, aber das war Humbug! Oder?

Erst jetzt bemerkte sie Luna. Sie stand mit dem Rücken zu Saleen vor einem überladenen Schreibtisch. Zwei Teenager schmollten neben ihr.

»… nicht der Plan, Cal! Ich wollte sie aus dem Fluss holen, aber Cleo musste sie ja gleich k.o. schlagen! Deine Tochter hält sich nie an Absprachen!« Luna gab einem der Teenager – Cleo? – einen Klaps auf den Hinterkopf.

»Sie wollte nur helfen!«, erwiderte der andere – offenbar Cleos Zwilling.

»Ich hatte alles im Griff, Istro«, fauchte Luna.

Istro! Das war der Kerl, der ihr den Abend über geschrieben hatte? Saleen wollte gerade einen giftigen Kommentar ausspeien, als ihr auffiel, dass diese Leute kein Deutsch sprachen. Ungläubig richtete Saleen sich auf. Sie hatte ihre Muttersprache seit fünf Jahren nicht mehr gehört!

Die Typen waren Merborn?

Luna war Merborn?!

»Was soll das hier?«, krächzte sie, ebenfalls in der Sprache des Wassers. »Wo sind wir?«

Nun drehten sich alle zu ihr um: Luna, die Zwillinge Cleo und Istro und die Person hinter dem Schreibtisch – offenbar die Chefperson der Bagage, deren Haar noch länger als Lunas und deren Haut noch dunkler als Saleens war.

Luna straffte die Schultern. »Saleen, das hier ist Calypso. Sey leitet unseren Schwarm und das Feenteich-Theater. Cal, das ist Saleen Amani.«

»Ich habe schon so viel von dir gehört.« Mit der flachen Hand klopfte Calypso auf eine dicke Akte – auf der Saleens Name stand.

Was zum …

»Bindet mich los!« Fahrig ruckelte Saleen mit den Schultern, doch ihre Fesseln gaben keinen Deut nach. »Was soll der Mist?«

Istro versetzte dem Planschbecken einen Tritt. »Wir stellen hier die Fragen, Menschenfresserin!«

Empört drehte Saleen sich zu ihm um. »Menschenfresserin? Ich glaub, es hackt!«

Cleo verschränkte die Arme. »Ach, und was soll dann das Gesinge?«

»Lass mich kurz überlegen, warum man in einer Karaokebar singt!«, zischte Saleen. »Außerdem wollte sie mich hören!«

Vorwurfsvoll nickte sie Luna zu, die ihren Blick gleichmütig erwiderte. Allerdings tropfte der Saum ihres Rockes plötzlich schneller – sie war keineswegs so cool, wie sie tat. Ha!

Calypso stöhnte leise. »Du hast sie zum Singen angestiftet?«

»Um zu verifizieren, ob die Lockfrequenzen wirklich von ihr kamen!« Nun schoss Luna das Blut ins Gesicht. »Nachdem der Typ, den deine Bälger im Visier hatten, sich als Mensch rausgestellt hat. Die beiden haben übrigens den ganzen Abend Telefonterror geschoben – die hätten Saleen am liebsten vor aller Augen aus dem Verkehr gezogen wie in einem schlechten Action-Film!«

Saleen presste die Zähne zusammen. Es gab also einen Merborn-Schwarm in Hamburg! Für den Luna potenzielle Menschenjäger aufspürte. Und sie glaubte, Saleen würde … »Ich jage keine Menschen! Ich bin Veganerin!«

»Wir orten seit drei Wochen Lockfrequenzen in der Hafengegend«, erwiderte Calypso unbeeindruckt.

Auf seren Wink zog Luna eine Kette hervor. Orca-Zähne und Muscheln, aufgereiht an einer Lederschnur, wie die Kriegerkasten vieler Schwärme sie trugen. Platzanweiserin, am Arsch!

»Du benutzt Lockgesänge, Saleen. Du kommst regelmäßig in diese Bar, und um den Hafen verschwinden ständig Menschen. Ist das deine Masche? Mit Touris flirten, weil du sie kosten willst?«

Nun prustete Saleen ungläubig los. »Ich benutze keine Lockgesänge!«

»Ach nein?« Demonstrativ tippte Luna eine Kammmuschel an ihrer Kette an, die schwach aufleuchtete. Sogleich ertönte Saleens eigene Stimme, die Total Eclipse of the Heart schmetterte. Und nun hörte Saleen es selbst – jene Frequenzen, die den menschlichen Geist betörten und lockten. Das Sehnen, die Verheißung … Aber sie hatte doch nicht …

»Das war keine Absicht!«, stieß sie hervor und funkelte Luna an. »Wieso forderst du mich überhaupt zum Singen auf, wenn du glaubst, ich will damit mein Abendessen fangen?«

»Ich musste sichergehen.« Luna klang allen Ernstes enttäuscht.

Blanke Wut verschlug Saleen die Sprache – auf Lunas Spionage, auf sich selbst, weil sie die verlogenen Gespräche, die Tänze, die Küsse so genossen hatte. Alles nur Manipulation! Und zur Krönung kauerte sie in einem Kinderplanschbecken! Es langte!

Obwohl sie die Arme nicht rühren konnte, wand sie sich aus dem Planschbecken. Kaum auf dem Trockenen, schoss ein scharfer Schmerz durch ihren Unterleib. Sie wurde von den Flossenspitzen bis zum Schritt aufgerissen; ihre Flosse spaltete sich in zwei Beine, die scheußlich juckten, sobald sich Schuppen in Poren und flaumige Behaarung verwandelten. Atemlos richtete sie sich auf, zittrig und halbnackt – die Überreste ihrer Jeans trieben vermutlich in der Elbe. Luna besaß so viel Anstand, ihr ein langes Handtuch um die Hüften zu wickeln.

»Schön«, knurrte Saleen. »Vielleicht ist mir mal ‘ne falsche Frequenz durchgerutscht. Vielleicht hab ich sogar mal versehentlich jemanden angelockt. Aber ungebetene Verehrer will ich höchstens abschütteln – ich würde niemals ‒«

»Du bist eine schwarmlose Merborn. Und eine Exilantin.« Calypso deutete auf Saleens Oberarm. Unter dem abgerissenen Ärmel lugte ihre Tätowierung hervor. Saleens Kollegschaft hielt den kleinen Fußabdruck für eine niedliche Jugendsünde, doch Merborn kannten die wahre Bedeutung. »Menschenjagd ist ein triftiger Ausschlussgrund.«

»Ja, aber ich wurde rausgeworfen, weil ich dem Meer wegen einer Frau den Rücken gekehrt habe«, brummte Saleen. »Und nein, ich hab sie nicht gegessen! Sie weiß, was ich bin. Ihr könnt sie fragen.«

Nun entglitten allen vier Merborn die Gesichtszüge.

»Du hast was?«, fiepte Luna.

Calypso stöhnte leise; die Zwillinge sahen aus, als wollten sie sofort losstürmen, um Saleens Exfreundin ein Vergessenselixier einzuflößen.

»Wem soll sie’s denn erzählen?«, fragte Saleen. »Wenn sie sagt: Übrigens, meine Ex war eine Meerjungfrau, schickt man sie höchstens zur Therapie!«

Zu ihrer Überraschung prustete ausgerechnet Luna los. »Da ist was dran, Cal.«

Unter all dem Misstrauen blitzte ehrliche Erleichterung auf. Bei dem Anblick flatterte Saleens verräterisches Herz.

Calypso jedoch schnalzte mit der Zunge. »Man singt nicht, wenn man seine Frequenzen nicht im Griff hat! Du hast unseren ganzen Schwarm gefährdet! Wenn die Menschen dieses Theater ‒«

»Bis grade wusste ich nicht mal, dass es Merborn in Hamburg gibt!«

»Ich glaub nicht, dass sie lügt, Cal.« Endlich rührte sich Luna. Ihre Schuhe hinterließen triefnasse Spuren auf dem Linoleum, als sie Saleen die Handfesseln abnahm. »Es passt auch nicht zu dem, was ich von ihr kennenlernen durfte.«

Calypso wirkte nicht überzeugt. »Aus welchem Schwarm stammst du?«

»Willerkoog.«

Auf Calypsos Wink verschwand Cleo mit einem Mobiltelefon hinter dem Schreibtisch. Während sie telefonierte, lehnte sich Calypso gegen die Fensterbank. »Wie lange wohnst du schon in Hamburg, Saleen?«

»Fünf Jahre.«

»Und so lange wohnst du schwarmlos hier?« Ein mitleidiger Ausdruck trat auf Calypsos Gesicht.

Indes stammelte Cleo eine Reihe Ja-Nein-Ähms ins Telefon. Als sie endlich auflegte, glühten ihre Wangen. »Eine Jenne T. hat bestätigt, dass Saleen A. vor fünf Jahren aus dem Willerkoog-Schwarm verstoßen wurde. Hat geschimpft wie ’ne Möwe – das Meer zu verlassen ist scheinbar etwas Schlimmes bei denen. Aber kein Wort von Menschenjagd.«

»Überraschung«, brummte Saleen.

Ungehalten stieß sich Calypso vom Schreibtisch ab. »Du weißt, was das heißt?«, sagte sey zu Luna.

»Dass immer noch ein Merborn auf St. Pauli Touris jagt?«

»Exakt. Und?«

»Dass ich wieder bei null anfangen kann?«

»Korrekt.«

»Fuck.«

Seufzend strich sich Calypso das Haar aus der Stirn. »Entschuldige den Überfall, Saleen. Offenbar gab es … Ermittlungsfehler.«

»Allerdings«, grummelte Saleen. Hinter ihren Schläfen pochte es noch immer grässlich. »Ich finde allein raus, danke.«

»Warte.« Calypso räusperte sich. »Kein Merborn sollte ganz allein leben. Falls du einen neuen Schwarm oder einen neuen Job suchst – unser Ensemble könnte Verstärkung gebrauchen.«

Doch Saleen hörte kaum hin. »Weiß jemand, wann der nächste Bus fährt?«

»Du bist klitschnass und halbnackt!« Sachte fasste Luna sie am Arm und dirigierte sie aus dem Büro. »Lass mich dir wenigstens trockene Klamotten geben. Das ist das Mindeste.«

»Neue Doc Martens wären das Mindeste – immerhin bin ich deinetwegen in … whoa!«

Abrupt blieb sie stehen. Sie mussten in einer dieser todschicken Villen an der Außenalster sein, doch das Interieur dieser Eingangshalle hätte genauso gut aus einem Musical-Theater am Elbufer stammen können. Roter Teppich, Stehtische und Cocktailsessel überall, zwei Bars voller Sektgläser und Knabberzeug. Es gab einen Merchandise-Stand, und an den Wänden hingen überlebensgroße Bühnenfotos von …

»Die kleine Seehexe?«, rutschte es Saleen ungläubig heraus.

»Ich hab dir doch gesagt, dass ich hier arbeite.«

»Als Platzanweiserin!«

»Jaa, das mach ich abends. Ansonsten bin ich für die Security zuständig. Auf der Bühne und für den Schwarm.«

Damit öffnete Luna eine schwere Tür. Gleich darauf standen sie auf der Treppe von etwas, das wie ein halbrundes Amphitheater aussah. Allerdings hatte es nichts mit einem gewöhnlichen Zuschauerraum gemein – dafür war es zu nass.

Die Tribünen umsäumte ein riesiges Wasserbecken. Echte Felsen ragten aus den Wellen, unebene Gehwege führten um den Rand. Schlingpflanzen hingen von der Decke, und im Wasser machte Saleen Algen aus, Seetang, Anemonen … und Flossen!

Ein gutes Dutzend Merborn tummelte sich im Becken! Manche lungerten auf den Felsen, manche sprangen in gekonnten Schrauben aus dem Wasser, schwenkten synchron ihre schwimmhäutigen Hände, wie in einer perfekten Choreografie. Und sie sangen! Wundervolle Harmonien, wie Saleen sie seit Jahren nicht mehr gehört hatte! »Was zur ‒«

»Pst! Maribel ist ‘ne richtige Diva, sie flippt aus, wenn die Proben gestört werden.«

»Warte!« Saleen packte sie am Arm. »Ihr seid das Ensemble von diesem Schickimicki-Musical?«

»Irgendwie müssen wir ja unser Essen bezahlen.«

Saleen konnte den Blick nicht von den Merborn abwenden. »Aber die Menschen … spielt ihr etwa so?«

»Jap, wir spielen praktisch in unserem Wohnzimmer.« Luna schmunzelte. »Wir haben sogar einen Preis für die Kostüme und das innovative Konzept bekommen.«

Mit offenem Mund folgte Saleen ihr die Treppe hinab. Kam dieser Schwarm ernsthaft damit durch, dermaßen sichtbar zu leben, um unsichtbar zu bleiben?

Am Beckenrand legte Luna kommentarlos ihre Kleidung ab und sprang ins Wasser. Ihre Beine formten sich zu einer muskulösen Haiflosse. Als sie wieder auftauchte, klebte ihr Haar wie dunkle Seetangflechten an ihren Schultern, auf denen sich helle Ziernarben abmalten, wie die Streifen eines Tigerhais.

Warum war diese Frau, die Saleen so eiskalt ausspioniert und belogen hatte, in ihrer Merborn-Gestalt noch schöner denn als Mensch?

»Komm, der Kostümfundus ist unten.« Luna blickte sie erwartungsvoll an.

»Ich bin immer noch sauer.«

Luna biss sich auf die Unterlippe. »Aber du verstehst, warum ich es tun musste?«

»Um deinen Schwarm zu schützen, schon klar. Aber warum du mir dafür die Zunge in den Hals stecken musstest …« Es auszusprechen, schmerzte mehr als erwartet. Wenn Luna sich mehr für den Menschenkerl interessiert hätte – oder sogar für sie beide? Damit hätte sie leben können. Aber dass die ganze Nummer nur ein Job gewesen war … Außerdem: »Du hast mich geküsst, obwohl du dachtest, ich würde Menschen essen!«

»Ich hab gebetet, dass du nicht unsere Menschenjägerin bist«, sagte Luna leise. Ihre Wangen glühten. Sie hielt sich am Beckenrand fest – genau neben Saleens Knien. »In der Hoffnung auf ein richtiges Date mit dir. Unprofessionell, ich weiß.«

Saleen schluckte benommen. »Und wann wolltest du mir das mit den Flossen beichten?«

»Spätestens, wenn ich nochmal in meiner eigenen Wasserlache ausgerutscht wäre.«

»Deine Wasserlache!«

Ehe Saleen sich verplappern konnte, zog Luna sie ins Becken.

Das Wasser umschlang ihren Körper wie eine lang vermisste Liebhaberin, strömte durch ihre Kiemen, füllte ihr ganzes Sein. Ohne aufzutauchen, folgte sie Luna in die Tiefe. Zwischen den Scheinwerfern spielten Merbornkinder Fangen und wichen aus, als Luna auf der anderen Seite des Beckens wieder aus dem Wasser stieg und in eine von Felsen verborgene Garderobe entschwand. Als Saleen sie einholte, durchstöberte Luna, in einen Bademantel gehüllt, bereits einen gut gefüllten Kleiderständer. »Das hier dürfte passen, was meinst du?«

Kurz darauf schlüpfte Saleen in die frischen Kleider. »Es muss Unsummen gekostet haben, das Haus so umzubauen, dass ihr … das hier haben könnt!«

»Ich erzähle dir gerne alles darüber, wenn du magst«, sagte Luna, die ihr ungeniert zuschaute. »Beim Frühstück? – Also, falls du überhaupt noch Interesse an einem Date hast.«

Ihr forscher Blick wurde beinahe schüchtern. Diese Verletzlichkeit war zum Anbeißen – und hatte nichts damit zu tun, dass sie nur einen Bademantel trug.

Stopp, Saleen!

Aber das hier muss nicht enden!Sie weiß schon alles – ich müsste nicht mal mehr lügen.

»Mist, ich hab Frühschicht im Hotel«, sagte sie heiser.

»Dann Abendessen?« Hoffnungsvoll nahm Luna ihre Hand. Ihre Finger waren feucht und warm – auf die gute Weise.

Plötzlich wurde Saleen heiß. Das hier … das hier konnte etwas Echtes werden!

»Abgemacht, Abendessen.« Ihr Herz klopfte absurd schnell, als sie Lunas Hand fester drückte. »Und danach Karaoke. Du schuldest mir noch ein Liedchen oder drei.«

»Okay.« Ein Strahlen breitete sich auf Lunas Gesicht aus. »Hast du Liederwünsche?«

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Iva Moor wurde 1990 im Siegerland geboren. Sie wohnt mit Partnerin und zwei Katern in einem Hexenhäuschen am Waldrand, wo sie Plotbunnys züchtet und Rabenfedern sammelt. In ihren Kurzgeschichten und Romanen treibt sie sich meist in phantastischen Gefilden herum. Wenn sie nicht gerade schreibt oder ihre Seele im Online Marketing-Brotjob verkauft, rennt sie durch den Wald, singt Metal und Musical, tanzt und braut Naturparfums (allerdings nicht alles gleichzeitig – im Multitasking ist sie mies).

Website: www.silbenalchemie.wordpress.com

Instagram: iva.moor

Twitter: @silbenalchemie

Content Notes: Alkohol, Body Horror (Verwandlung), Drogen (angedeutet), Gefangenschaft (erwähnt)

Tam Lin 2020

Christian Handel

Tanner

»Der Kleine ist süß.« Kara wirft mir über den Rand ihrer Tasse hinweg einen vielsagenden Blick zu.

Statt einer wortreichen Antwort schnaube ich einfach und lasse mich ihr gegenüber auf einen Küchenstuhl fallen. Sie hat auch mir einen Kaffee gemacht, genauso, wie ich ihn mag: heiß, schwarz und bitter wie meine Seele. Genüsslich nippe ich daran.

Kara lässt mich dabei nicht aus den Augen. »Er wird dir noch Ärger machen.«

»Jetzt ist er ja weg.«

»Aber er wird wiederkommen.«

»Unwahrscheinlich.« Betont gelangweilt ziehe ich ihre Zeitung über den Tisch zu mir.

»Ihre Majestät ist in der Stadt?«, stelle ich überrascht fest, nachdem ich die Titelseite überflogen habe. Ein bisschen wundert mich das schon. Warum hat sich Robin nicht gemeldet? Titania besucht Berlin nur selten und Robin weicht ihr noch seltener von der Seite.

»Das hast du beim letzten Mal auch gesagt.«

Erst denke ich, Kara spricht von der Königin, doch dann sehe ich, dass sie sich zum Küchenfenster gebeugt hat und durch den Blauregen hindurch nach unten auf die Straße blickt. Die gerade Jaron entlangschlendert, übernächtigt, niedlich und vermutlich mit einem verträumten Ausdruck auf dem Gesicht.

Das ist das Problem. Er ist schon zu oft mit mir gekommen – und ja, ihr dürft das gern wörtlich nehmen. Wenn ich nicht aufpasse, entwickelt sich aus seiner kleinen Schwärmerei für mich noch etwas Ernsthafteres.

»Es macht eben Spaß mit ihm«, verteidige ich mich trotzdem.

»Das habe ich gehört.« Kara lehnt sich wieder im Stuhl zurück und schnappt sich die Zeitung. Doch anstatt sie zu lesen, legt sie sie aufs Fensterbrett. Auch ihren geliebten Milchkaffee rührt sie nicht an und ich ahne, was kommt. So leicht lässt sie mich heute nicht vom Haken.

»Keine Sterblichen, Tanner. Jedenfalls nicht öfter als einmal.«

»Du klingst wie Mauricio.«

Mauricio ist mein ehemaliger Mentor, derjenige, der mir alles beigebracht hat, was ein Inkubus wissen muss. Obwohl nicht er es war, der mich verwandelt hat. Mauricio hätte mich nie gebissen, er ist stockhetero. Dem Bastard, der mich infiziert hat, bin ich nie wieder begegnet und das ist für uns beide sicher auch besser so. Obwohl ich inzwischen die Vorzüge meines neuen Lebens durchaus zu schätzen weiß. Besonders, wenn mir ein schnuckeliger Kerl wie Jaron über den Weg läuft. Zwar bin ich als Hochelf geboren, doch Mitte der 1980er Jahre wurde ich zu einem Nachtwandler, der seine magischen Kräfte mehrt, indem er Sex hat. Viel Sex. Und ich brauche viel Macht, seit mich der Graue Rat vor ein paar Jahren zum Ringträger bestimmt hat. Deshalb bin ich auch nach Berlin gezogen, in eine Altbauwohnung in Schöneberg. Die Stadt ist nicht nur so weltoffen und multikulturell, dass selbst der schrägste Vogel problemlos in der großen Masse unsichtbar werden kann. Sie ist eine Art modernes Babylon: frei, wild und unglaublich liebenswert - zumindest viele Seiten davon. Dem Charme der kunterbunten Großstadt kann sich nicht einmal eine Schwanenjungfrau wie Kara entziehen. Nicht, dass Kara eine typische Schwanenjungfrau wäre.

»Ich bin nur dein Gast und ich will dir keine Vorschriften machen«, sagt sie und sieht mich dabei so an, als wolle sie mir klarmachen, dass sie sich trotz ihrer Worte wünschte, sie könne genau das tun. »Aber ich kann auch nicht einfach nur hier sitzen und stumm dabei zusehen, wie du uns alle in Gefahr bringst.«

Mit uns alle meint Kara die Magische Gemeinschaft. Seit dem Aufkommen von Internet, Überwachungskameras und Smartphones brauchen die Wächter immer mehr Magie, um die Geheimhaltung unserer Existenz sicherzustellen. Und immer, wenn einer von uns einen Menschen zu sehr in das eigene Leben lässt, besteht die Gefahr, dass wir entdeckt werden.

Unrecht hat Kara nicht. Ich bin nicht an einer Beziehung interessiert, aber Jaron beginnt, mehr als Sex zu wollen. Ich will ihm nicht wehtun und auch wenn ich inzwischen ein Nachtwandler bin, so fließt noch genug Hochelfenblut in mir, dass es mir unmöglich ist, eine Lüge auszusprechen.

»Ich habe alles unter Kontrolle«, teile ich Kara mit.

Dass absolut gar nichts unter Kontrolle ist, stelle ich eine halbe Stunde später fest, während ich mich für einen Ausflug mit Kara an den Schlachtensee umziehe. Als ich mir nämlich das Lederbändchen mit dem Ring umbinden will, stelle ich fest, dass es verschwunden ist. Es liegt weder auf dem Nachtschränkchen, noch sind Band und Schmuckstück auf den Boden gefallen. Fuck! Jaron muss den Ring mitgenommen haben. Diese kleine Kröte!

Jaron

Jaron unterdrückt ein Gähnen, als er ins Café kommt, wo trotz der frühen Stunde schon geschäftiges Treiben herrscht. Der Duft von Kaffeepulver und süßen Zimtschnecken weht ihm entgegen, ebenso wie das fröhliche Lachen dreier junger Frauen, die gemeinsam frühstücken. Das Rattern der am Café vorbeifahrenden S-Bahn dringt hingegen nur gedämpft durch die Scheiben. Die Nacht steckt Jaron in den Knochen. Er fühlt sich angenehm matt und obwohl er geduscht hat, haftet der Geruch von Tanner noch auf seiner Haut.

Jaron muss ein Grinsen unterdrücken, wenn er an ihn denkt. Sein dunkelhaariger Lover ist ein paar Jahre älter als er, Anfang dreißig, jedenfalls vermutet Jaron das. Er kann sich nicht erinnern, Tanner gefragt zu haben, und obwohl er versucht hat, ihn auf einer der zahlreichen Dating-Apps zu finden, hatte er damit bisher kein Glück. Tanner scheint aus dem Nichts aufzutauchen und auch wieder dorthin zu verschwinden, wenn es ihm beliebt. Das ist natürlich Unsinn, Jaron ist das klar, schließlich war er bereits ein paar Mal bei ihm zu Hause. Trotzdem: Irgendetwas an Tanner ist nicht greifbar, auch wenn er nicht sagen könnte, was. Vielleicht hat Jaron sich deshalb den Ring geschnappt. Als er ihn auf dem Nachtschränkchen liegen sah, so geheimnisvoll in der Sonne glitzernd, konnte er nicht widerstehen.

Jetzt, nachdem er Arzu begrüßt und sich eine der violetten Barista-Schürzen umgebunden hat, nestelt er an dem schwarzen Lederbändchen um seinen Hals. Nein, er hat den Ring nicht gestohlen, das kann man so nicht sagen. Ausgeliehen wäre treffender. Schließlich will er Tanner wiedersehen. Bald. Und wenn es so weit ist, wird er ihm diesen seltsamen Ring zurückgeben. Der Goldreif ist wie eine Schlange gestaltet, die sich selbst in den Schwanz beißt. Ihre Augen bestehen aus winzigen Kristallen. Der Ring sieht aus wie von einem Mittelaltermarkt; eigentlich passt er gar nicht zu Tanner, aber … irgendetwas daran hat Jaron angelockt.

Vielleicht der gleiche Zauber, der ihn auch immer wieder zu Tanner zieht? Jaron fühlt sich von dem verführerischen Glitzern in seinen Augen angezogen wie die Motte vom Licht. Er möchte in seinem Duft versinken, liebt es, von seinen starken Armen gehalten zu werden, wünscht sich, dass Tanner ihn nie wieder loslässt. Wenn sie sich auf der Tanzfläche begegnen, ist das wie Magie.

Jetzt muss er über sich selbst grinsen. Was für alberne Gedanken. Er ist vierundzwanzig, steht mit beiden Beinen im Leben und glaubt nicht an Zauberei. Vielleicht einmal davon abgesehen, dass es einem schon wie Magie vorkommt, in Berlin einen attraktiven Kerl kennenzulernen, mit dem man gern Zeit verbringt, mit dem der Sex großartig ist und der nicht entweder bereits in einer Beziehung oder beziehungsunwillig ist.

Und wenn Tanner noch hundert Mal so tut, als würde sich da nichts Ernsthaftes zwischen uns entwickeln, sinniert er, als er am Tresen beginnt, die Kundschaft zu bedienen. Inzwischen haben wir schon viel zu viel Zeit miteinander verbracht und viel zu tolle Gespräche geführt, um das alles nur auf sexuelle Anziehung zu schieben.

Weil er sich erneut in Erinnerungen an letzte Nacht verliert, bemerkt Jaron nicht, dass eine neue Kundin an den Tresen tritt. »Was für ein außergewöhnlich schönes Schmuckstück.«

Erst jetzt, als sie ihn anspricht, bemerkt er, dass er den Ring unter dem T-Shirt hervorgezogen hat und ihn zwischen den Fingern hält.

Die Stimme der Frau vor ihm ist samtig und dunkel. Jaron lässt den Ring los, als habe er sich am Metall verbrannt. Er räuspert sich, konzentriert sich auf die Frau. Sie ist attraktiv. Die nachtschwarzen Haare und die braune Haut heben sich extrem von ihrem cremefarbenen Kostüm ab. Ihr Blick ist so intensiv, als wolle sie durch seine Augen direkt in seinen Kopf schauen.

»Was darf es sein?« Jaron muss sich abmühen, die Worte herauszupressen, obwohl er sie sonst hunderte Male am Tag spricht.

»Darf ich ihn mir mal genauer ansehen?« Die Kundin streckt lächelnd die Hand über den Tresen. Es fällt ihm schwer, ihr Alter zu schätzen. Dreißig? Vierzig? Älter?

»Den Ring«, fügt sie hinzu, als er nicht reagiert.

Sein Nacken beginnt zu kribbeln und ihm bricht unter den Achseln der Schweiß aus.

»Ich …« Jaron schluckt, sucht nach Worten. »Ich …«

»Ja?« Die Stimme der Frau hat etwas Besänftigendes, Lockendes. Etwas, das ihn auf unangenehme Art an Tanner erinnert.

»Tut mir leid.« Er steckt den Schlangenring schnell wieder unter das Hemd. »Das geht nicht. Möchten Sie einen Kaffee? Einen Tee?«

Überrascht hebt die Frau eine Braue, starrt ihn an, als könne sie nicht glauben, was gerade geschieht. Dann kneift sie die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Jarons Beine verwandeln sich in Pudding. Er muss sich mit beiden Händen am Tresen abstützen, um nicht einzuknicken. Das Gesicht der Frau wird zu seiner ganzen Welt.

»Gib mir den Ring.« Ihre Stimme hat nun nichts Lockendes mehr. Sie ist fordernd geworden.

Doch der Ring gehört nicht ihm. Er gehört Tanner.

»Nein.« Keine Ahnung, woher er die Kraft für dieses Wort nimmt.

Erst in diesem Moment begreift er, dass alle Geräusche um ihn herum verstummt sind. Er wendet den Kopf und sein Herz setzt einen Schlag aus. Niemand um ihn herum bewegt sich. Seine Kollegin, die anderen Gäste, selbst die Passanten draußen auf der Straße: Alle wirken, als seien sie eingefroren. Alle, außer der Frau vor ihm. Und Jaron.

»Wer sind Sie?«

»Gib mir den Ring!«

Jaron schüttelt den Kopf und weicht ganz langsam Schritt für Schritt zurück, bis er gegen das Regal stößt, das hinter ihm an der Wand steht.

Blitzschnell, als wäre sie eine Gazelle, geht die Frau vor ihm in die Hocke, springt nach oben, hoch in die Luft, und landet scheinbar mühelos in geduckter Haltung auf dem Tresen.

»Sofort!« Wieder streckt sie ihre Hand aus, doch Jaron ist schreckerstarrt.

Dann geht alles ganz schnell: Die Eingangstür des Cafés fliegt mit einer Wucht auf, die die Scheiben klirren lässt.

»Weg von ihm!«

Das ist Tanners Stimme. Tief. Laut. Machterfüllt?

Was macht er hier? Alles um Jaron herum beginnt sich zu drehen. Die Fremde auf dem Tresen wirft einen Blick zur Tür. Sie dreht dabei den Kopf unmöglich weit nach hinten.

»Robin?« Wieder Tanners Stimme. Diesmal klingt er überrascht.

Das Wesen – Jaron weigert sich, die Gestalt auf dem Tresen weiter als Frau zu bezeichnen – faucht wütend, während es erneut zu ihm herumfährt.

»Dann eben so!«, brüllt das Monster im cremeweißen Hosenanzug und stürzt auf ihn zu, während um Jaron herum die Luft mit einem Geräusch aufplatzt, das ihn an reißenden Stoff erinnert. Giftgrüne Wolken quellen aus dem Riss in der Welt und hüllen ihn ein. Ehe er reagieren oder auch nur um Hilfe schreien kann, spürt er ein gewaltiges Gewicht gegen sich prallen. Die Frau! Das Monster …

»Jaron.« Tanners Stimme dringt gedämpft wie aus weiter Ferne zu ihm. Dann verschlingen ihn die giftgrünen Wolken und er und das fremde Wesen, das ihn umklammert, verschwinden aus der Welt.

Tanner

Was für ein beschissener Tag! Karas Worte gehen mir wieder und wieder durch den Kopf, während ich durch meine Wohnung streife wie ein eingesperrter Tiger: Er wird dir noch Ärger machen …

Schon klar, Jaron hat das nicht mit Absicht gemacht. Der Ring ist schuld. Das verdammte Ding macht schon seit über tausend Jahren Ärger. Es lockt und verführt und bringt alles und jeden dazu, ihn besitzen zu wollen. Und wenn man den Schlangenreif dann hat, träufelt dieser langsam, aber stetig sein Gift in einen hinein. Der Ring korrumpiert. Das ist der Grund, weshalb der Graue Rat beschlossen hat, dass kein Hüter ihn länger als dreizehn Monde lang tragen darf. Und ich habe es geschafft, ihn schon nach drei Monden zu verlieren.

»Du hast ihn nicht gefunden.« Kara klingt enttäuscht, als sie gegen Mittag in die Wohnung zurückkommt. Auch ihre Hände sind leer.

Frustriert schüttle ich den Kopf.

»Scheiße.«

»Das kannst du laut sagen.« Erschöpft lasse ich mich auf die Couch fallen.

Kara setzt sich neben mich. Sie verströmt eine Ruhe, die mir unheimlich guttut. In den vergangenen zehn Jahren hat sie mir geholfen, schon so manches Drama durchzustehen. Dieses Problem allerdings ist für uns beide eine Nummer zu groß.

»Wo ist dein Federkleid?«, frage ich, als sie sich neben mich setzt und ihren Kopf an meine Schulter lehnt.

»Noch bei Tomasz.«

Tomasz ist Modedesigner und einer von uns: ein ehemaliger Waldkobold, der sich darauf spezialisiert hat, Kleidung aus Spinnenseide und Mondlicht zu entwerfen. Für gute Freunde lässt er sich aber auch dazu herab, den Mantel einer Schwanenjungfrau zu flicken, wenn diese nach ihrem letzten Ausflug zu viele Federn gelassen hat. Er ist der Beste und macht Kara immer einen Freundschaftspreis. Das heißt allerdings auch, dass sie auf eine Zeit warten muss, in der es für Tomasz günstig ist, ihren Auftrag zwischen seine anderen, besserbezahlten zu schieben. Kara sitzt bereits seit fünf Wochen bei mir fest und wie es aussieht, wird das auch noch eine ganze Weile lang so bleiben. Ein bisschen habe ich gerade ein schlechtes Gewissen, dass ich froh darüber bin, das alles nicht allein durchstehen zu müssen.

»Ich weiß, wo der Ring ist«, gebe ich schließlich zu. Wenn ich Kara nicht vertrauen kann, wem dann? Bald wird sich ohnehin herumsprechen, wer sich das letzte Überbleibsel des sagenumwobenen Nibelungenschatzes gekrallt hat. Ihre Majestät war noch nie gut darin, die Klappe zu halten. Und dann erfährt auch der Graue Rat, dass ich bei meiner Aufgabe versagt habe.

»Wie meinst du das?«, fragt Kara.

Sie glaubt natürlich, der Ring sei bei Jaron. Wo er hoffentlich auch noch ist. Die Sache ist nämlich die: Der Ring kann nicht gewaltsam an sich gebracht werden, wenn ihn bereits jemand trägt. Der muss ihn dann schon freiwillig weitergeben. Und ich hoffe für uns alle, dass Jaron das noch nicht getan hat. Solange er den Ring bei sich behält, ist er sicher.

Nun ja. So sicher man als Mensch in den Händen einer Feenkönigin sein kann. Hoffentlich hat sie ihm noch keinen Eselskopf angehext.

»Robin ist vor mir im Café aufgetaucht, in dem Jaron arbeitet«, verrate ich dann.

»Shit!«

»Du sagst es.«

»Dann befindet sich der Ring der Nibelungen jetzt …«

»… in der Hand von Titania«, beende ich den Satz.

Aus dieser Nummer wieder rauszukommen, wird alles andere als einfach.

***

Kara und ich sind sämtliche Möglichkeiten durchgegangen: Mauricio kann uns nicht helfen, Lay können wir nicht vertrauen. Den Grauen Rat anzurufen wäre vermutlich meine letzte Rettung. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das etwas bringt: Titania befindet sich gerade in Kontinentaleuropa und damit auf dem Hoheitsgebiet des Grauen Rates. Sie ist und bleibt allerdings immer noch die Feenkönigin von England und genießt als solche eine gewisse Immunität. Außerdem hat sie nicht den Ring gestohlen, sondern dessen Träger. Und der ist zu allem Überfluss auch kein Geschöpf der Anderswelt, sondern ein stinknormaler Mensch. In den vergangenen Jahren bin ich oft genug mit dem Rat zusammengestoßen und lege keinen Wert darauf, bei seinen Mitgliedern endgültig in Ungnade zu fallen. Jedenfalls nicht, wenn es noch eine andere Möglichkeit gibt, alles wieder zu richten. Kara und ich beschließen deshalb, dass wir zunächst den Versuch wagen, das Ganze allein hinzubiegen. Und deshalb machen wir das Einzige, das jetzt noch irgendeinen Sinn ergibt: Wir stehen Seite an Seite vor dem großen Spiegel in meinem Badezimmer und legen Eyeliner auf.

***

Es ist zwanzig Minuten nach Mitternacht, als ich im Regierungsviertel ankomme. Nicole, eine Freundin aus der Nachbarschaft, hat mir ihren Wagen geliehen: einen pechschwarzen Lamborghini. Wenn man den Zorn einer Feenkönigin auf sich ziehen will, macht man das besser mit Stil. Einen beträchtlichen Teil meiner Magie habe ich dafür aufgebraucht, einen Schutzzauber auf den Wagen zu legen und ihn für die Sinne der Menschen unsichtbar zu machen. Gut, dass Jaron gestern bei mir war, sonst hätte ich jetzt vermutlich keine Kräfte mehr übrig. Andererseits, wenn ich ihn gestern nicht mit zu mir nach Hause genommen hätte, wäre der Ring auch nicht weg. Düster vor mich hin brütend beobachte ich die Digitalanzeige im Armaturenbrett dabei, wie sie das Verstreichen der Minuten quälend langsam zählt.

Um 0:40 Uhr starte ich den Lamborghini wieder und fahre die Lennéstraße hinunter Richtung Berliner Philharmonie, bis ich zum Tiergartentunnel komme. Auch über diesem liegt ein Schutzzauber. Der stammt jedoch nicht von mir. Er wird dafür sorgen, dass ihn in der nächsten halben Stunde kein menschliches Wesen benutzt. Titania ist so berechenbar.

Als ich mich davon überzeugt habe, dass weder Menschen noch Feen oder Kobolde meine Anwesenheit wahrnehmen können, fahre ich hinunter in den Tunnel, wo ich mich auf halber Strecke hinter einer Kurve verstecke. Dann warte ich ab.

***

Ich höre Titania und ihre Meute kommen, lange bevor ich sie sehe. Das Dröhnen ihrer Motorräder hallt durch den Tunnel.

Die Feenkönigin steht auf Wettrennen, besonders in Großstädten. Ich steige aus dem Wagen und lehne mich mit verschränkten Armen gegen die Fahrertür.

Als die ersten beiden Motorräder um die Kurve jagen, reagieren die Fahrer sofort. Sie legen Vollbremsungen hin, die Maschinen unter ihnen kommen ins Schlingern. Die Anführerin ganz vorne reißt ihre Hand in die Höhe und plötzlich scheint die Luft sich zu verdicken; dichter zu werden und zäh wie Honig. Die Magie fängt den Schwung der Maschinen ab, verhindert, dass sie die Bodenhaftung verlieren und unter ihren Fahrern wegrutschen.

Die Zeit scheint sich gleichsam zu verdichten und auszudehnen wie eine zähflüssige Masse. Manipuliert von königlicher Magie kommen sieben Raser zum Stehen.

Ich weiß sofort, welcher von ihnen Titania ist. Früher ritt sie auf einer edlen Stute ihrem Zug voran, Sattel und Zaumzeug mit Glöckchen geschmückt, sie selbst in einen waldgrünen Mantel gehüllt. Jetzt trägt sie eine enggeschnittene, nachtschwarze Motorradkluft und einen Helm mit verspiegeltem Visier. Nur das Motorrad, von dem sie absteigt, ist so schneeweiß wie ihr Reittier von damals.

Wütend stiefelt sie auf mich zu. Sie macht sich nicht die Mühe, ihren Helm abzunehmen. Sie klappt lediglich das Visier nach oben.

»Das war knapp«, sagt sie, nachdem sie nur noch wenige Schritte von mir entfernt ist. Sie hat gezögert, ehe sie das Wort ergriffen hat, ich habe es deutlich gesehen. Vermutlich, weil sie sichergehen wollte, ihre Stimme wieder unter Kontrolle zu haben.

Ehrerbietig verbeuge ich mich vor meiner ehemaligen Königin. Ein bisschen Schmeichelei schadet jetzt vermutlich nicht. »Eure Hoheit.«

»Mein untreuer Ritter.«

Sie weiß genau, dass ich den Hof nicht freiwillig verlassen habe. Andererseits war meine Verwandlung in einen Inkubus nicht das Schlechteste, was mir widerfahren konnte.

»Erhebe dich«, gesteht sie mir schließlich gnädig zu und ich richte mich auf.

Wir mustern uns. Ihre Augen sind immer noch so schön wie eh und je: geheimnisvoll und grün wie Lindenblätter nach einem Sommerregen. Kein einziges Fältchen kann ich um sie herum erkennen.

»Hast du den Verstand verloren?«, fragt sie mich dann so emotionslos, als erkundige sie sich nach der Uhrzeit.

»Ihr habt etwas, das ich zurückhaben will.« Keine Zeit, um den heißen Brei herumzureden.

Titania rümpft die Nase. »Ich wüsste nicht, was das sein sollte.«

»Das wisst Ihr sehr wohl, Hoheit.«

»Im Grunde genommen gehört dieser Ring …«

»Ich meine den jungen Mann!«

Als wären wir Spiegelbilder, reißen Titania und ich gleichzeitig die Augen auf. Wir sind beide davon überrascht, dass ich es gewagt habe, sie zu unterbrechen. Dann verfinstert sich ihr Gesicht.

Sei es drum, ich lebe seit über dreißig Jahren in Berlin, ich bin nicht mehr einer ihrer Hofschranzen. Deshalb weigere ich mich, jetzt klein beizugeben. Keinesfalls überlasse ich ihr Jaron. Oder den Ring. Also drücke ich den Rücken durch und schiebe das Kinn nach vorne.

Titania zieht sich nun doch den Motorradhelm vom Kopf und reicht ihn einem ihrer Begleiter, der inzwischen auch abgestiegen ist und neben ihr steht. Kurz frage ich mich, ob es sich bei ihm um Robin handelt, aber die Person hat das Visier nicht gehoben.

Im Licht der Neonröhren, die an der Decke des Tunnels angebracht sind, leuchtet Titanias Haarmähne wie Kupferdraht. Natürlich kann ich keine einzige graue Strähne darin entdecken. Sie ist makellos wie eine Marmorstatue, doch wie dieser fehlt ihr die lebendige Schönheit einer Sterblichen.

»Ich wusste gar nicht, dass dir der Junge gehört«, zieht sie mich schließlich auf.

»Er gehört mir auch nicht.«

Titania hebt bedauernd die Hände. »Dann wüsste ich nicht, wie ich dir helfen kann.«

Gut. Sehr gut sogar. Wenn sie nicht bereit ist, Jaron einfach so gehen zu lassen, hat sie noch keine Möglichkeit gefunden, ihn dazu zu bewegen, ihr den Ring zu überlassen. Zumindest hoffe ich das.

Also gehe ich aufs Ganze. »Er hat mir sein Herz geschenkt.«

Titania legt den Kopf in den Nacken und lacht. »Dummer Junge.«

Ich bin mir nicht sicher, ob sie Jaron oder mich meint. Obwohl ich darauf vorbereitet bin, verletzt mich das scharfkantige Eis in ihrer Stimme. »Hast du ihm von uns erzählt?«

Wieder einmal bedaure ich, dass ich nicht lügen kann. »Noch nicht.«

»Dann ist doch alles in bester Ordnung.«

Titania ist bereits im Begriff, sich umzudrehen, als ich meinen letzten Trumpf ausspiele. »Ich fordere das Recht, herauszufinden, ob ich ihn halten kann.«

Titania und ihr Gefolge erstarren in ihren Bewegungen. Mein Herz beginnt schneller zu klopfen. Ich habe es tatsächlich durchgezogen. Jetzt muss ich aufpassen. Falls sie mir die falsche Frage stellt …

»Er hat dir sein Herz geschenkt und du ihm das deine?«, fragt Titania misstrauisch.

Vorsicht, Tanner, mahne ich mich selbst. »Ich habe bereits verrücktere Dinge getan.«

Wie eine Raubkatze schleicht sie auf mich zu, bis sie direkt vor mir steht. Sie streckt die Hand aus, streichelt meine Wange. Ihre Fingernägel sind scharf wie Krallen, doch ich weiche nicht zurück. »Du bist ein Inkubus.«

Als könnte ich das jemals vergessen.

»Ich habe bereits verrücktere Dinge getan«, wiederhole ich stoisch.

Die Königin lässt ihre Fingerkuppen auf meiner Wange liegen. »Als du sagtest, du willst versuchen, ihn zu halten …« Sie blickt mir direkt in die Augen.

Ich erwidere ihren Blick. »Das alte Recht«, bestätige ich. »Die Tam Lin-Prüfung.«

Titanias Lächeln wird traurig. »Du bist keine Janet, Tanner.«

»Nein«, antworte ich. »Doch es ist seit alters her Brauch, dass sich jeder an dieser Prüfung versuchen kann. Verweigert mir die Feenkönigin von England dieses Recht?«

Im Tunnel herrscht Totenstille.

Erst nach drei, vier Herzschlägen zieht Titania ihre Hand zurück. »Nein.« Sie lächelt, doch es liegt keine Wärme darin. »Natürlich nicht.«

»Gut«, antworte ich. »Dann fordere ich, noch vor Einbruch der Dämmerung die Tam Lin-Prüfung ablegen zu dürfen.«

***

»Tam Lin war ein schottischer Edelmann, an dem Titania vor vielen hundert Jahren einen Narren gefressen hatte«, erkläre ich Kara, nachdem ich sie mit dem Lamborghini aufgelesen habe. »Sie entführte ihn ins Elfenreich und hielt ihn wie ein Schoßtier.«