Us - Du und ich für immer - Sarina Bowen - E-Book

Us - Du und ich für immer E-Book

Sarina Bowen

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8,99 €

Beschreibung

DIE WICHTIGSTE ENTSCHEIDUNG SEINES LEBENS

Ryans und Jamies gemeinsames Glück droht wie eine Seifenblase zu zerplatzen, als Ryans Teamkollege in das Apartment über ihnen einzieht. Jetzt könnte auffliegen, dass sie ein Paar und bis über beide Ohren ineinander verliebt sind. Denn eins ist sicher: Sollten die Medien erfahren, dass Ryan Wesley - aufstrebender Star der National Hockey League und Liebling der Fans - schwul ist, wird das seine Karriere zerstören. Und plötzlich steht Wes vor der schwersten Entscheidung seines Lebens ...

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Seitenzahl: 436

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Inhalt

TitelZu diesem Buch1234567891011121314151617181920212223242526272829303132Die AutorinnenSarina Bowen und Elle Kennedy bei LYXLeseprobeImpressum

SARINA BOWEN & ELLE KENNEDY

Us

Du und ich für immer

Roman

Ins Deutsche übertragen vonAnja Mehrmann

Zu diesem Buch

Ryan Wesley weiß, dass er eigentlich der glücklichste Mann der Welt sein müsste: Er lebt nicht nur seinen Traum und spielt bei einem der besten Teams der Liga professionell Eishockey, er hat es außerdem geschafft, das Herz von Jamie Canning zu erobern – seinem besten Freund, in den er seit seinem dreizehnten Lebensjahr verliebt ist. Doch Wes, den die Medien als Shooting-Star der Saison und Wunderkind des Sports feiern, hält seine Beziehung zu Jamie geheim. Nicht weil er sich schämt, sondern weil er weiß, dass sein Coming Out auch das Ende seiner Profikarriere bedeuten würde. Dabei fühlt es sich so falsch an, der Welt nicht von sich und Jamie zu erzählen. Zudem scheint Jamie mit jedem Tag, den Wes ihn vor seinem Team und den Reportern verheimlicht, unglücklicher zu werden. Dass dann auch noch Wes’ Teamkollege Blake in das Apartment direkt über ihnen einzieht und in den ungünstigsten Momenten vor ihrer Tür auftaucht, droht ihre Beziehung endgültig zu zerstören. Wes muss eine Entscheidung treffen, bevor es zu spät ist und er Jamie für immer verliert …

»Eine zeitlose und wunderschöne

Liebesgeschichte.« Audrey Carlan,

Spiegel-Bestseller-Autorin

1

Wes

Vancouver ist eine schöne Stadt, aber ich kann es kaum erwarten, sie zu verlassen.

Wir haben gerade die längste Busreise unseres Zeitplans hinter uns gebracht, und verdammt, ich brenne darauf, endlich nach Hause zu fahren. Ich stehe in einem extravaganten Hotelzimmer mit Blick auf das Wasser und schüttele das Seidenpapier aus dem Hemd, das ich mir gerade in der Boutique an der Ecke gekauft habe. Weil ich schon so lange aus dem Koffer lebe, ist mir die saubere Wäsche ausgegangen. Aber das Hemd ist fantastisch, und es hat mich angelacht, als ich auf dem Rückweg von einer Signierstunde bei einem Wohltätigkeitsessen an dem Schaufenster vorbeikam.

Ich knöpfe es auf und schlüpfe hinein. Im Wandspiegel überprüfe ich den Sitz, es sieht gut aus. Großartig sogar. Die Baumwolle ist fein gewebt, und ein hellgrünes Schachbrettmuster durchzieht den Stoff. Es sieht sehr britisch aus, und die lebhafte Farbe erinnert mich daran, dass nicht immer Februar sein wird.

Da mein Dresscode inzwischen drei- oder viermal pro Woche Anzug und Krawatte vorsieht, muss ich meiner Garderobe mehr Beachtung schenken. Auf dem College habe ich vielleicht dreimal pro Jahr einen Anzug getragen. Aber es fällt mir nicht schwer, denn ich mag gepflegte Kleidung. Und der Spiegel sagt mir, dass sie mich auch mag.

Ich bin ein geiler Scheißkerl. Leider ist der eine Mensch, der mir etwas bedeutet, nicht hier, um das zu genießen.

Gestern Abend haben wir Vancouver vernichtend geschlagen, und ich prahle nicht, wenn ich sage, dass das an mir lag. Zwei Tore und eine Vorlage – meine beste Leistung bisher. Ich lege als Liganeuling gerade die Art von Saison hin, die für Schlagzeilen sorgt. Obwohl ich genau in diesem Moment all das gegen einen Fernsehabend mit Jamie und einen Blowjob eintauschen würde. Ich bin einfach völlig fertig. Todmüde. Total alle.

Glücklicherweise fehlt nur noch ein Flug mit dem Mannschaftsflieger, und dann ist die Reise vorbei.

Ich nehme mein Handy vom Schreibtisch und entsperre es. Mit der eingebauten Kamera mache ich ein Selfie von meinen Bauchmuskeln, das Hemd leicht geöffnet, um mein Sixpack zur Geltung zu bringen, eine Hand auf den Kronjuwelen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, dass Jamie auf meine Hände steht. Ich schwöre, er liebt sie mehr als meinen Schwanz.

Ich schicke ihm das Foto. Kein Kommentar nötig.

Ich sehe mich noch einmal in dem Hotelzimmer um, aber ich habe alles eingepackt. Ich habe sehr schnell gelernt, keine Ladekabel und Zahnbürsten mehr zu vergessen. Wir sind so oft unterwegs, dass ich im Kofferpacken inzwischen sehr geschickt bin.

Mein Handy vibriert. Eine Textnachricht: Grrrr. Komm einfach nach Hause, ja? Ich brauche keine Bilder. Mein armer einsamer Schwanz ist so hart.

Das erinnert mich an einen alten Kalauer aus Varietézeiten. Also antworte ich: Wie hart ist er?

So hart, dass ich damit Nägel in unsere nackten Wände schlagen könnte, schreibt er. Tatsächlich haben wir unsere Wohnung noch nicht tapeziert. Wir arbeiten beide ziemlich viel, und bisher hatten wir noch keine Zeit dazu.

Aber wie immer ist Sex wichtiger als Renovieren. Zeig ihn mir, bettele ich. Mein Handy ist nicht ohne Grund immer gesperrt. Jamie und ich genehmigen uns gern mal ein paar intime Fotos.

Doch er antwortet nicht. Vielleicht ist er nicht zu Hause. In Vancouver ist jetzt Nachmittag, was bedeutet, dass es in Toronto schon später ist … Fuck. Ich habe die Nase voll von dieser dauernden Rechnerei. Ich will einfach nur nach Hause.

Ich schnappe mir meinen Koffer und laufe die Treppe hinunter. Einige von den Jungs warten schon in der Lobby, ebenso heiß darauf, nach Hause zu kommen, wie ich. Ich gehe zu ihnen hinüber.

»Himmel«, sagt Matt Eriksson, als ich näher komme. »Wehe, meine Frau ist nicht zu Hause und nackt und bereit, wenn ich ankomme. Und wehe, die Kinder schlafen noch nicht. Und am besten mit verdammten Stöpseln in ihren kleinen Ohren.«

Acht Tage sind eine lange Zeit, pflichte ich ihm innerlich bei. Aber ich sage es nicht laut, denn obwohl meine Mannschaftskameraden tolle Jungs sind, beteilige ich mich an solchen Diskussionen nicht. Es ist nicht meine Art, zu lügen und so zu tun, als wartete zu Hause ein Mädchen auf mich. Und ich bin noch nicht bereit, ihnen zu verraten, wer mich dort tatsächlich erwartet. Also halte ich den Mund.

Allerdings wendet Eriksson mir gerade seine nordischen Gesichtszüge zu, auf denen sich jetzt ein albernes Grinsen ausbreitet. »Scheiße, meine Augen! Ich glaube, ich werde blind.«

»Warum?«, frage ich lustlos. Eriksson macht ständig über irgendetwas Witze.

»Dieses Hemd! Jesus.«

»Im Ernst«, sagt der altgediente Veteran Will Forsberg und hält sich lachend mit einer Hand die Augen zu. »Es ist so grell.«

»Es ist so schwul«, stellt Eriksson richtig.

Die Bemerkung stört mich nicht im Geringsten. »Dieses Hemd ist von Tom Ford, und es ist der Hammer«, stelle ich fest. »Ich setze zwanzig Dollar, dass es noch vor dem Wochenende in den Blogs der Eishockeygroupies auftauchen wird.«

»Du Aufmerksamkeitsnutte«, sagt Forsberg vorwurfsvoll, obwohl er von allen Mannschaftsmitgliedern am schärfsten auf das Interesse der Medien ist. Als mein Becher bei HockeyHotties.com auftauchte, gefiel ihm die Konkurrenz ganz und gar nicht.

Dabei ist er der Angeschmierte. Von mir aus kann er sämtliche Hockeygroupies für sich haben.

»Ich sag mal«, fährt Eriksson fort, »in dem Hemd da passt du super in die Bars in der Church Street.«

»Echt?«, frage ich. »Weißt du das aus persönlicher Erfahrung?«

Das bringt ihn zum Schweigen. Aber jetzt schielt auch Blake Riley auf meine Brust. Der Typ wirkt wie ein großes Hundebaby mit seinem zerzausten braunen Haar und ohne jeden Filter für seine Worte. »Na ja, das ist irgendwie hypnotisierend. Als würde dein Hemd sagen: ›Wehe, du guckst weg, verdammt‹.«

»Es sagt: ›Dreihundert Dollar, bitte‹«, korrigiere ich. »Es ist teuer, so gut auszusehen.«

Blake schnaubt, und Forsberg sagt, dass ich mein Geld zurückverlangen sollte. Dann fangen sie an, über andere dämliche Themen zu reden und darüber zu spekulieren, dass der Bus nie auftauchen und wir alle in Vancouver an Samenstau sterben werden.

Schließlich steigen wir aber doch ein. Ich sitze allein. Wir sind auf halbem Weg zum Flughafen, als mein Handy vibriert. Eine Textnachricht. Ich habe es so eingestellt, dass meine Nachrichten – vor allem die Fotos – nicht auf dem Display erscheinen, solange ich das Handy nicht entsperrt habe. Das ist eine äußerst wichtige Vorsichtsmaßnahme, und die Nachricht, die Jamie mir gerade geschickt hat, beweist das mal wieder.

Als ich das Handy per Daumenabdruck entsperre, taucht ein Bild auf dem Display auf, das an meinem Arbeitsplatz nichts zu suchen hat. Es ist gleichzeitig versaut und total witzig. Jamies sehr harter Schwanz nimmt das ganze Foto ein. Nur dass er auf eine Wand gerichtet ist und die dicke, rosa Eichel einen glatten Nagel berührt, als wäre sie dabei, ihn in die Wand zu hämmern. Und mit irgendeiner App hat Jamie ein lächelndes Gesicht auf seine Schwanzspitze gemalt. Erstaunlich, wie ihn das verändert. Sein Schwanz sieht aus wie … wie ein sprechender Außerirdischer, der eine kleinere Heimwerkerarbeit durchführt.

Ich lache schnaubend. Und die Jungs hier halten mein Hemd für schwul. Ich zeig euch gleich mal schwul …

»Wesley?«

Blake erhebt sich aus dem Sitz hinter mir, um etwas zu sagen, und ich drücke so fest auf die Menütaste meines Handys, dass mein Fingerknöchel knackt. »Ja?« Ich frage mich, was er gesehen hat.

»Weißt du noch, wie ich dich gefragt habe, ob es dir gefällt, in 2200 Lake Shore zu wohnen?«

»Klar.«

»Gestern haben sie mein Zeug dort hingebracht. Ich bin dein neuer Nachbar im fünfzehnten Stock.«

Ernsthaft?

»Das ist ja großartig, Mann«, lüge ich. Als er mich fragte, ob es mir dort gefällt, hätte ich ihm lieber sämtliche Nachteile aufzählen sollen. Es ist zu weit weg von der U-Bahn. Der kalte Wind vom Wasser her nervt total. Nichts gegen Blake, aber ich kann keine Nachbarn gebrauchen, die mich kennen. Ich strenge mich schon genug an, um nicht aufzufallen.

»Ja, die Aussicht ist der Hammer, stimmt’s? Ich habe sie bisher nur bei Tageslicht gesehen, aber abends sind die Lichter wahrscheinlich spektakulär.«

»Das stimmt«, bestätige ich. Als ob mich das interessieren würde. Das Gesicht meines Freundes ist die einzige Aussicht, die ich mir gerade wünsche. Und vor uns liegt noch ein vierstündiger Flug, erst dann werde ich bei ihm zu Hause sein.

»Du kannst mir helfen, die besten Kneipen in der Gegend zu finden«, schlägt Blake vor. »Die erste Runde geht auf mich.«

»Super«, sage ich.

Fuck, denke ich.

Gefühlt dauert es Jahre, bis wir Toronto erreichen.

Als wir gelandet sind und unser Gepäck abgeholt haben, ist es sieben Uhr. Ich freue mich wirklich darauf, Zeit mit Jamie zu verbringen, aber es gibt da eine Deadline. Er muss morgen früh um sechs Uhr mit seinem Major Junior Team zu einem Auswärtsspiel nach Quebec aufbrechen.

Wir haben elf Stunden, und ich bin immer noch nicht da.

Jede rote Ampel auf dem Heimweg lässt mich vor Wut kochen. Aber schließlich fahre ich in die Tiefgarage – ein Vorzug des Gebäudes, mit dem ich vor Blake so geprahlt habe, verdammt. Ich schiebe meinen riesigen Matchsack in den Aufzug, und glücklicherweise bringt mich der Fahrstuhl, ohne zu halten zu unserer Wohnung in den zehnten Stock. Ich fische meine Schlüssel aus der Tasche, um sie griffbereit zu haben.

Endlich bin ich nur noch zwanzig Schritte entfernt, dann zehn. Ich öffne die Tür zu unserer Wohnung. »Hey, Babe«, rufe ich nach ihm, wie ich es immer tue. »Ich hab’s geschafft.« Ich ziehe den Matchsack über die Schwelle, werfe mein Jackett darauf und lasse einfach alles an der Tür stehen, denn jetzt brauche ich einen Kuss.

Erst in diesem Augenblick merke ich, dass es in unserer Wohnung köstlich riecht. Jamie hat etwas zum Dinner für mich gekocht. Mal wieder. Er ist der perfekte Mann, ich schwöre es bei Gott.

»Hey«, ruft er und taucht aus dem Flur auf, der zu unserem Schlafzimmer führt. Er trägt Jeans und sonst gar nichts, außer – und das ist ungewöhnlich – einem Bart. »Kennen wir uns?« Sein Lächeln ist sexy.

»Das wollte ich dich auch gerade fragen.« Ich starre auf den sandblonden Bart. Jamie ist sonst immer glatt rasiert. Ich meine, wir kannten uns schon, bevor uns Haare im Gesicht wuchsen. Er sieht anders damit aus. Älter vielleicht.

Und wahnsinnig heiß. Im Ernst, ich kann es kaum erwarten, diesen Bart auf meinem Gesicht zu fühlen und vielleicht an meinen Eiern … Oh, Mann. Das Blut strömt schon südwärts, und ich bin gerade einmal fünfzehn Sekunden zu Hause.

Und trotzdem bleibe ich einen Augenblick wie angewurzelt mitten im Zimmer stehen, denn obwohl Jamie und ich schon seit acht Monaten zusammen sind, staune ich noch immer darüber, wie viel Glück ich habe. »Hi«, sage ich noch einmal und klinge ein bisschen dümmlich.

Er geht auf mich zu, sein leichter Gang ist mir so vertraut, dass es meinem Herzen einen leichten Stich versetzt. Er legt mir die Hände auf die Schultern und drückt meine Trapezmuskeln. »Bleib nicht mehr so lange fort. Wenn du das noch einmal machst, muss ich mich unterwegs in dein Hotelzimmer schleichen.«

»Versprochen?«, frage ich, und es kommt heraus wie ein Krächzen. Er ist jetzt so nah, dass ich den Meeresduft seines Shampoos und das Bier riechen kann, das er getrunken hat, während er auf mich wartete.

»Wenn ich mal einen Tag freibekommen würde, täte ich das«, sagt er. »Sex im Hotel nach einem Spiel? Klingt scharf.«

Nun schätze ich die Entfernung zu unserem Sofa ab und zähle die Schichten an Kleidung, die ich in den nächsten neunzig Sekunden ausziehen muss.

Aber Jamie nimmt die Hände von meinen Schultern. »Ich habe schon gegessen, aber dein Teller steht im Ofen. Ich habe ihn vor ein paar Minuten hineingestellt. Enchiladas mit Huhn. Ungefähr in einer Viertelstunde sind sie warm.«

»Danke.« Mein Magen knurrt, und er grinst. Ich glaube, ich habe Hunger auf mehr als nur eine Sache.

»Willst du ein Bier?«

Und ob! »Ich hole es. Setz dich. Her mit der nächsten Folge. Wir können sie uns ansehen, während wir warten.« In meinen Ohren klingen meine Worte übertrieben höflich, aber es fühlt sich nach einer Reise immer etwas seltsam an, nach Hause zu kommen. Es gibt diesen kurzen, aber unbehaglichen Moment des Hereinkommens, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

Ich kann wenig damit anfangen, wenn meine Mitspieler sich über ihre familiären Angelegenheiten austauschen. Aber wenn ich mitteilsamer wäre, wäre ich versucht zu fragen: Ist das immer so? Fühlen die Jungs sich nach zehn Jahren Ehe immer noch genauso? Oder liegt es an der Frische unserer Beziehung, dass ich mich in den ersten ein oder zwei Stunden nach der Heimkehr ein bisschen merkwürdig fühle?

Ich wünschte, ich wüsste es.

Ich mache in unserer offenen Küche halt, um zwei Flaschen Bier zu holen. Ich öffne sie und stelle sie auf den Couchtisch. Wir wohnen jetzt fast ein halbes Jahr hier, und noch immer haben wir nur wenige Möbel. Wir hatten beide zu viel zu tun, um die Wohnung richtig einzurichten. Aber wir haben alles, was man wirklich braucht: ein riesiges Ledersofa, einen tollen Couchtisch, einen Teppich und einen großen Fernseher.

Ach ja, und einen wackeligen Sessel, den ich aus dem Sperrmüll gerettet und Jamies Einwänden zum Trotz behalten habe. Er nennt ihn den Stuhl des Todes. Jamie meidet den Sessel lieber, denn er ist davon überzeugt, dass er schlechtes Karma hat.

Du kannst den Jungen aus Kalifornien wegbringen, aber Kalifornien bleibt immer in dem Jungen.

Ich muss mich umziehen, also steuere ich auf das Schlafzimmer zu. Aber dann bleibe ich stehen und frage: »Hey, was hältst du von diesem Hemd? Ich habe es mir heute gekauft, weil ich keine sauberen Klamotten mehr hatte.«

Jamie richtet die Fernbedienung auf den Fernseher. »Es ist sehr grün«, sagt er, ohne hinzusehen.

»Mir gefällt es.«

»Dann gefällt es mir auch.« Er dreht sich zu mir, und der Bart überrascht mich schon wieder. Aber sein Lächeln sorgt dafür, dass ich zum Schlafzimmer trabe.

Das Bett ist perfekt gemacht, also werfe ich meine Hose, mein sehr grünes Hemd und die Krawatte auf die Bettdecke, denn ich habe es eilig, wieder bei Jamie zu sein. Ich schlüpfe in eine Jogginghose, und als ich das Wohnzimmer wieder betrete, sehe ich, dass Jamie auf seiner Seite der Couch in der Ecke lehnt und die Beine auf den Polstern ausgestreckt hat. Ich spare mir die Mühe, den Unbeteiligten zu spielen und lege mich direkt vor ihn, mein Kopf an seiner Schulter, mein Rücken an seiner Vorderseite.

»Mist«, sage ich, als ich meinen Fehler bemerke. »So kommen wir nicht an das Bier.«

Mit einer Hand umfasst er meine Bauchmuskeln. »Na los«, sagt er.

Ich strecke mich und greife mit beiden Händen nach den Flaschen, während er dafür sorgt, dass ich nicht auf den Boden falle. Die Position des Tisches ist zwar perfekt für unsere Füße, wenn wir aufrecht sitzen, aber dieses kleine Manöver benutzen wir im Notfall, um an unser Bier zu kommen, wenn wir kuscheln. Hin und wieder passiert das.

Über meinen Kopf hinweg reiche ich ihm seine Flasche und höre, wie er einen Schluck trinkt. Der Vorspann zu Banshee – unsere derzeitige Lieblingsserie – läuft. »Du hast doch nicht weitergeguckt, während ich weg war, oder?«, frage ich.

»Niemals! Aber die letzte Folge war ohnehin nicht spannend. Bin gar nicht erst in Versuchung gekommen.«

Ich schnaube in mein Bier und lehne mich zurück an die beständige Wärme seiner Brust. Normalerweise sehe ich bei dieser Serie wegen ihrer abgefahrenen Handlung und der verrückten Kampfszenen immer total konzentriert zu. Aber heute Abend dient sie mir nur als Vorwand, um Haut an Haut mit meinem Kerl auf der Couch zu liegen, während das Dinner wieder aufgewärmt wird. Sein Bart kitzelt mich am Ohr, und das überrascht mich. Ich lege den Kopf zurück, sodass der Bart auch mein Gesicht streift. Ich kann den Fernseher gar nicht sehen, und es ist mir völlig egal.

Er senkt das Kinn und reibt mir mit dem Bart über die Wange, streift dann mit den Lippen meinen Hals und lässt mich erschauern. »Wie ist das?«, fragt er leise.

Ich drehe mich vorsichtig zu ihm, um das Bier nicht zu verschütten. »Du siehst verdammt gut aus. Wie Justin Timberlake, nachdem er NSYNC verlassen hat und plötzlich scharf aussah. Aber ich will ihn erst auf meinen Eiern spüren, bevor ich meine endgültige Meinung dazu abgebe.«

Er hebt den Kopf wieder und fängt plötzlich an zu lachen, und in diesem Augenblick bricht endlich das verdammte Eis nach der Reise. Jetzt sind es wieder einfach nur wir, sein unbekümmertes Lachen und die Geborgenheit, die ich empfinde, wenn er in meiner Nähe ist.

Jaaa … ich senke den Kopf und lecke ihm genau an der Bartgrenze über den Hals. Dann sauge ich sanft an der Haut. Jamie hört auf zu lachen, und sein Körper, der meinen berührt, entspannt sich. Von der Taille aufwärts liegen wir Haut an Haut, und das Gefühl seines Herzschlags an meiner Brust führt dazu, dass ich vor Dankbarkeit schluchzen möchte. Ich schnüffle an seinem neuen Bart und arbeite mich umständlich zu seinem Mund vor. Die Haare sind weicher, als ich gedacht hätte.

»Fuck. Küss mich endlich«, flüstert er.

Und das tue ich. Der Bart liebkost mein Gesicht, als ich meinen Mund auf seinen lege und in ihn eintauche, als wäre ich acht Monate von ihm getrennt gewesen und nicht nur acht Tage. Ein Laut steigt aus seiner Brust empor, er klingt glücklich. Ich küsse ihn ausgiebig, mache mich wieder mit seinem Geschmack und der Wärme seines Atems auf meinem Gesicht vertraut.

Er seufzt, und ich bewege mich langsamer, streife träge mit den Lippen über seinen Mund.

Wir werden jetzt noch nicht leidenschaftlich, aber das hat nichts mit Verlegenheit zu tun. Sondern damit, dass wir beide eine Bierflasche in der Hand haben, dass mein Abendessen im Ofen steht und wir die ganze Nacht vor uns haben.

Dieser glückliche Gedanke geht mir durch den Kopf, als ich ein ungewohntes Geräusch höre – jemand klopft an die Tür. Das ist so ungewöhnlich, dass ich im ersten Moment tatsächlich glaube, der Laut gehörte zu der Sendung, die im Hintergrund im Fernsehen läuft. Aber da klopft es noch einmal. »Wesley! Du verrückter Mistkerl. Mach auf, ich habe Bier dabei!«

Jamie hebt den Kopf und zieht die Augenbrauen hoch. »Wer ist das?«, formt er mit dem Mund.

»Fuck«, murmele ich und rufe dann: »Einen Moment!« Ich flüstere Jamie ins Ohr: »Mein Teamkollege, Blake Riley. Er ist oben eingezogen.«

Jamie gibt mir einen leichten Schubs, und ich stehe auf. Ich muss meine Jogginghose zurechtrücken, damit mein Halbmast nicht so offensichtlich ist. Ich nähere mich der Wohnungstür und öffne sie einen Spaltbreit. »Hey, hast du mich also gefunden.«

Blake schenkt mir ein breites, dümmliches Grinsen und drängt sich an mir vorbei in die Wohnung. »Ja! In meinem neuen Wohnzimmer stapeln sich überall die Kartons. Ein totales Desaster. Meine Schwestern haben die Bettwäsche gefunden und mir das Bett bezogen, aber ansonsten sieht es da oben höllisch aus. Also habe ich einen Burger gegessen und ein Sixpack gekauft und dachte mir, ich besuch dich mal, ne?«

Einen Moment denke ich darüber nach, ihn rauszuschmeißen. Wirklich. Aber das kann ich unmöglich tun, ohne äußerst unhöflich zu sein. Ich meine, ich stehe hier in Jogginghose, ein Bier in der Hand, und hinter mir plärrt der Fernseher. Ich sehe exakt wie jemand aus, der Zeit hat, um mit seinem Teamkollegen ein Bier zu trinken. Und dieser Typ hier hat mich schon fünf Mal gefragt, ob ich mit ihm ein Bier trinken gehe, und wenn wir nicht gerade auf Tour waren, habe ich immer abgesagt.

»Komm rein«, sage ich und hasse den Klang dieser Worte. Er ist sowieso schon drin. Dieser Bastard. Und vor einer Minute hatte ich noch Jamies Zunge im Mund.

Verdammter Mist.

Blake spürt mein Unbehagen nicht. Er stellt das Sixpack auf den Couchtisch und setzt sich einfach auf das Sofa, auf dem eine Minute zuvor noch Jamie gesessen hat. Jamies Bier steht auf der Theke, die die Küche vom Rest des Raumes trennt, aber er selbst ist verschwunden.

»Lust auf noch eins?«, fragt Blake und greift nach einer Flasche.

»Danke, ich habe noch genug«, sage ich und trinke einen Schluck von meinem Bier.

Aus dem Flur taucht Jamie auf. Er trägt jetzt ein T-Shirt, das mir die Sicht auf seine muskulöse, gebräunte Brust raubt. »Hi«, sagt er. »Ich bin Jamie.«

»Ah, du bist der Mitbewohner!« Blake kommt auf die Füße, macht einen Satz nach vorn und ergreift mit seiner großen Pranke Jamies Hand. »Schön, dich kennenzulernen. Du bist Coach, stimmt’s? Defensive? Jugendmannschaft?«

»Äh … ja.« Jamie hebt den Blick zu mir und sieht mich fragend an.

Aber ich bin genauso verwirrt wie er. Ich habe meinen Mitbewohner in der ganzen Saison vielleicht zwei Leuten gegenüber erwähnt, aber offensichtlich war Blake einer davon. Mit meinen Teamkollegen rede ich nie über Jamie, denn ich will nicht darüber nachdenken müssen, wann ich besser aufhören sollte oder ob ich zu viele Details preisgebe.

Und ich möchte niemals eine glatte Lüge über ihn erzählen. Das ist einfach nicht mein Stil.

Blake ist ein großer Typ mit einem lebhaften Lächeln, und ehrlich gesagt, habe ich ihn immer für etwas schwer von Begriff gehalten. Vielleicht habe ich mich da getäuscht. »Willst du ein Bier?«, fragt er jetzt. »Hey! Ich liebe Banshee! Welche Folge ist es?« Er rennt wieder zur Couch und setzt sich hin.

Ich weiß nicht recht, was ich tun soll, also lasse ich mich auf dem gegenüberliegenden Ende der Couch nieder.

Jamie steuert auf die Küche zu, und ich starre eine Minute lang auf den Bildschirm und versuche herauszufinden, worum es in dieser Folge geht. Hood versucht, aus einem Gebäude zu fliehen, nachdem er etwas gestohlen hat. Sein farbenfroher Transenfreund versucht ihm per Ohrhörer zu helfen, den Weg hinauszufinden.

Ich habe keine Ahnung, was hier vor sich geht. Auf dem Bildschirm und in meinem Wohnzimmer.

Kurze Zeit später kommt Jamie mit einem Teller voller mit Käse überbackener Enchiladas zurück. Er benutzt ein Tablett, weil der Teller direkt aus dem Ofen kommt und noch heiß ist, und ich bin dafür berüchtigt, mich in der Küche an irgendetwas zu verbrennen. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, als ich außerdem einen großzügigen Klecks Sour Cream und einen Haufen gewürfelter Avocados erblicke. Er hat sogar an Servietten und Besteck gedacht.

Wow!

Einen Freund zu haben, der dir selbst gemachtes Dinner serviert, ist so ungefähr das Beste auf dieser ganzen beschissenen Welt, abgesehen davon, dass Jamie mich mit seinem Blick auch noch fragt, ob er es uns anreichen soll. Oder sieht das vielleicht komisch aus? Zu spießig?

Ich stehe auf und nehme ihm das Tablett ab, denn verdammt, das hier ist mein Zuhause, und ich kann hier tun, was immer ich will. »Danke. Das sieht toll aus.«

Kaum merklich blinzelt er mir zu, und ich setze mich auf die Couch, um das Dinner zu essen, das er für mich zubereitet hat. Ich will noch mehr von ihm, aber vorläufig muss das hier reichen.

2

Jamie

Ich bin nicht sauer. Nein, absolut nicht. Ich meine, was hätte Wes sonst tun sollen? Seinem Teamkollegen die Tür vor der Nase zuschlagen? Auf seinen steinharten Schwanz zeigen und sagen: »Tut mir leid, Kumpel, aber ich wollte gerade mit meinem Freund vögeln«? Mit dem Freund, den er acht Tage nicht gesehen hat, der sehnsüchtig in dieser leeren Eigentumswohnung auf ihn gewartet und dafür gesorgt hat, dass das Essen auf dem Tisch steht, wenn er nach Hause kommt und …

Okay. Vielleicht bin ich doch ein kleines, ein winziges bisschen sauer.

Meine Mutter sagt immer, ich hätte die Geduld eines Heiligen, aber in diesem Moment fühle ich mich alles andere als heilig. Mein natürlicher Zustand von Entspanntheit und Geduld ist einem tief sitzenden Stachel von Verärgerung gewichen. Oder sogar Groll.

Ich habe Wes vermisst. Ich vermisse ihn jedes Mal, wenn er unterwegs ist, und heute Abend wollte ich nichts anderes tun, als mich wieder mit dem Mann vertraut machen, den ich liebe, vorzugsweise in Form von wildem, verschwitztem Sex.

Der Mann, den ich liebe. Noch immer grenzt es für mich an ein Wunder, das zu denken. Ich bin nicht ausgeflippt, als mir letzten Sommer plötzlich klar wurde, dass ich bisexuell bin, und auch jetzt flippe ich nicht aus. Nicht das Wort Mann fasziniert mich an diesem Satz, sondern das Wort Liebe. Das, was ich für Ryan Wesley empfinde … ist etwas, von dem ich immer geglaubt habe, dass es nur in Filmen vorkommt. Er ist meine andere Hälfte. Wir ergänzen uns auf mehr Arten, als ich zählen kann. Wenn er im selben Raum ist, bin ich vollständig auf ihn konzentriert, und wenn er weg ist, laufe ich herum und vermisse ihn.

Es gibt da einen alten Spruch, den meine Mutter mal auf eine Keramikfliese gemalt hat. Liebe ist Freundschaft in Flammen. Jetzt verstehe ich das.

Aber das heißt nicht, dass ich nicht sauer auf ihn bin.

Ich sehe zu, wie er sich Enchiladas in den Mund schiebt. Seine wundervollen grauen Augen sind auf den Bildschirm gerichtet, aber ich weiß, dass er der Sendung keine Beachtung schenkt. Niemand sonst würde die Spannung in seinen breiten Schultern wahrnehmen, aber ich erkenne sie sofort, es ist sonnenklar, und meine Verärgerung lässt ein wenig nach.

Er ist genauso genervt wie du, flüstert mein Gewissen. Scheiß drauf, Gewissen. Ich tue mir hier gerade selber leid.

Blake hingegen genießt das Leben in vollen Zügen. Bei besonders krassen Szenen johlt er vor dem Fernseher und nuckelt an seinem Bier, als hätte er keine anderen Sorgen auf dieser Welt. Natürlich hat er die nicht. Er ist jetzt das dritte Jahr im Team und rockt auf dem Eis richtig ab, wenn ich der kurzen Google-Suche glauben darf, die ich durchgeführt habe, als ich ins Schlafzimmer geschlüpft bin, um mir ein Hemd zu holen. Und was ist das Wichtigste? Dass er heterosexuell ist. Er muss weder verschweigen, mit wem er schläft, noch seinen Lebensgefährten als seinen »Mitbewohner« vorstellen. Was für ein Glückspilz!

Ein bitterer Geschmack breitet sich in meinem Mund aus, als mir wieder einfällt, dass auch Ryan Wesley in den Augen der Welt hetero ist. Mein Freund steht auf jeder Liste zum Thema: Die begehrtesten Junggesellen beim Hockey. Bei jedem Spiel halten mindestens fünf Frauen Schilder mit geistreichen Anmachen hoch – Dyin’ for Ryan oder Wesley ist der Beste. Oder auch weniger geistreich: ICH WILL EIN KIND VON DIR, #57!

Wes und ich lachen uns kaputt über die weibliche Aufmerksamkeit, die er bekommt. Doch obwohl ich weiß, dass nicht die geringste Gefahr besteht, dass mein durch und durch schwuler Freund Pussys kosten möchte, machen mir die hungrigen Blicke der Frauen doch zu schaffen.

»Je-sus«, jauchzt Blake. »Diese Titten sind fan-fucking-tastisch.«

Die schlüpfrige Bemerkung katapultiert mich in die Gegenwart zurück. Die unwillkommene Gegenwart. Auf dem Bildschirm hat sich eine der weiblichen Figuren gerade ausgezogen – man muss den Bezahlsender Cinemax einfach lieben –, und ich werde nicht lügen, ihre Brüste sind unglaublich.

Und da ich angeblich Wes’ harmloser, stock-heterosexueller Mitbewohner bin – und schon jetzt unhöflicher zu seinem Teamkollegen, als es sich gehört –, beschließe ich, ebenfalls meinen Senf dazuzugeben. »Sie sind fantastisch«, stimme ich ihm zu. »Die Schauspielerin ist echt megascharf.«

Damit handele ich mir ein leichtes Stirnrunzeln von Wes ein, und sofort ist mein Ärger wieder da. Ernsthaft? Er lässt zu, dass sein Mannschaftskamerad uns den Abend kaputtmacht und ist dann stinkig, weil ich eine Schauspielerin attraktiv finde?

Blake deutet meinen Gesprächsbeitrag als Zeichen, dass wir beste Freunde sind und dreht sich mit funkelnden grünen Augen zu mir. »Du magst Blondinen, stimmt’s? Ich auch, Bruder. Triffst du dich mit einer?«

Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Wes’ Schultern sich wieder verspannen. Das gilt auch für meine Schultern, aber das kann auch daran liegen, dass der Sessel, in dem ich sitze, lächerlich unbequem ist. Fünf Minuten in diesem Ding, und dein ganzer Körper fühlt sich an, als hätte er auf einer mittelalterlichen Folterbank gelegen. Außerdem bin ich mir zu neunundneunzig Prozent sicher, dass in diesem Sessel jemand gestorben ist. Wes hat ihn im Sperrmüll gefunden, und er denkt einfach nicht daran, ihn loszuwerden, obwohl ich ihn immer wieder darum bitte.

Nächste Woche landet er auf dem Sperrmüll.

Ich meine den Sessel. Nicht Wes.

»Eigentlich nicht«, sage ich vage, und diesmal verzieht Wes missbilligend seinen sexy Mund.

»Lässt nichts anbrennen, wie? Dito.« Blake fährt sich mit der Hand durch sein braunes Haar. Er sieht wirklich gut aus. Und er ist riesig. Mindestens einsneunzig und tierisch muskulös. »Wer hat heute schon noch Zeit für Beziehungen, stimmt’s, Wesley? Wo wir ständig nur ins Flugzeug steigen und wieder herausklettern.«

Wes grunzt irgendetwas Unverständliches.

»Ich habe keine Ahnung, wie Eriksson und die anderen Jungs das machen«, fährt Blake fort. »Während der Saison bin ich einfach erschöpft, und ich bin Single.« Er tut so, als schaudere er. »Stell dir vor, du hättest Frau und Kinder. Das ist, na ja, irgendwie Furcht einflößend. Glaubst du, dass auf diese Art Zombies erschaffen werden? Dass es gar kein durchgeknalltes Virus ist, sondern einfach ein Typ, der so saumüde ist, dass Gehirne aufzufressen plötzlich eine gute Idee zu sein scheint?«

Gegen meinen Willen muss ich kichern. Ich habe allmählich das Gefühl, dass Blake Riley die gesamte Unterhaltung allein bestreiten könnte. Im Grunde tut er das schon, wenn man bedenkt, dass weder Wes noch ich irgendein gottverdammtes Wort gesagt haben.

Als die aktuelle Folge zu Ende ist, krallt Blake sich die Fernbedienung vom Couchtisch und schaltet die nächste Folge ein, ohne zu fragen, ob das okay ist. Außerdem macht er sich noch ein Bier auf.

Der Kloß aus Groll in meinem Hals hat jetzt die Größe eines Pucks erreicht. Es ist nach neun. Um zehn muss ich ins Bett, sonst bin ich morgen früh todmüde. Wenn ich nicht wenigstens sieben Stunden Schlaf bekomme, stellt mein Hirn sich auf Schlaflosigkeit ein wie bei Edward Norton in Fight Club. Verdammt, irgendwie wünsche ich mir gerade, mein Leben wäre jetzt wie in Fight Club. Dann hätte ich einen guten Grund, um Blake Riley von meiner Couch zu zerren und ihn rauszuschmeißen, sodass er auf dem Hintern vor der Wohnungstür landet.

Aber leider kann ich das nicht. Ich habe Wes versprochen, wenigstens bis zum Ende seiner ersten Saison den Schein zu wahren. Ein Coming-out würde jetzt nur seiner Karriere schaden, und ich möchte lieber in eine Badewanne voller Glassplitter steigen, als derjenige zu sein, der Wes’ Träume zerstört.

Also sitze ich im Stuhl des Todes und gebe vor, mich für das Fernsehprogramm zu interessieren. Ich tue so, als würde mich Blakes Gequassel interessieren. Ich lache sogar über einige seiner Witze. Aber als es auf viertel nach zehn zugeht, kann ich es mir nicht mehr leisten, so zu tun, als wäre alles super.

»Ich muss jetzt ins Bett«, verkünde ich und stehe auf. »Muss morgen früh um halb sechs auf dem Platz sein.«

Blake scheint aufrichtig enttäuscht, dass ich gehe. »Kannst du wirklich kein Bier mehr mit uns trinken?«

»Vielleicht ein andermal. Nacht, Jungs. Hat mich gefreut, Blake.«

»Mich auch, J-Bomb.«

Klasse, Blake Riley gibt Typen, die er gerade erst kennengelernt hat, Spitznamen. Warum überrascht mich das nicht?

Ich verzichte darauf, Wes einen kurzen Seitenblick zuzuwerfen, als ich an der Couch vorbeikomme. Sein Kiefer ist angespannter als sein Griff um die Bierflasche. Mit der anderen Hand spielt er mit dem silbernen Barbell-Piercing in seiner Braue, die Finger drehen unaufhörlich an dem kleinen Ding herum. Ich kenne diesen Kerl, seit ich dreizehn bin. Ich kann in ihm lesen wie in einem Buch, und ganz offensichtlich ist er in diesem Moment nicht glücklich.

Und ich bin es auch nicht, aber wenn wir Blake nicht gewaltsam vor die Tür setzen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als so zu tun, als wären wir nur Wohnungsgenossen, die hin und wieder miteinander fernsehen.

Ich bin so müde, dass ich schon einige Schritte den Flur entlanggelaufen bin, bevor mir einfällt, dass ich ein Problem habe. Ich kann nicht einfach in unser Bett gehen. Obwohl ich Blake bis zum heutigen Abend noch nie begegnet bin, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, dass er noch nie hier war. Als er sich das Haus angesehen hat, war er da auch in unserer Wohnung? Hat Wes ihm die Aussicht aus unserem Schlafzimmer gezeigt?

In seltenen Fällen erzählen wir einfach immer, dass das Gästezimmer mir gehört. Also vollführe ich in dem dunklen Flur eine kleine Kehrtwende und betrete das Gästebad. Vor einiger Zeit habe ich Zahnpasta und eine Zahnbürste hineingestellt, damit es auch aussieht, als würde das Bad benutzt.

Ich kam mir so verdammt schlau vor, als ich mir dieses Detail überlegt habe. Und jetzt stehe ich hier und tue so, als gehörte mein eigenes Zimmer nicht mir.

Ich ziehe mich ins Gästezimmer zurück und schließe die Tür, um den Soundtrack des Fernsehprogramms auszusperren. Seit Wes und ich zusammengezogen sind, ist dieser Raum nur ein einziges Mal benutzt worden – als meine Eltern aus Kalifornien zu einem Wochenendbesuch eingeflogen sind. Heute bin ich derjenige, der seine Klamotten auf den Boden wirft und die ungewohnte Tagesdecke zurückzieht, um in das kalte Doppelbett zu schlüpfen. Und das gefällt mir gar nicht.

Ich drehe mich auf die Seite und betrachte ausgiebig alles, was in diesem Augenblick nicht stimmt. Die Gardinen sind durchsichtig anstatt marineblau, um zu verdunkeln. Die Matratze ist weicher, als ich es gewohnt bin, und das Kissen unter meinem Kopf ist klumpiger.

Mein Freund ist im Wohnzimmer, anstatt mich scharfzumachen, wie es eigentlich sein sollte.

Ich schließe die Augen und versuche zu schlafen.

Ich träume von einem Whirlpool, und die Düsen sind fantastisch. Allerdings … ist mein Schwanz der einzige Teil von mir, der in den Whirlpool passt. Aber das ist in Ordnung, denn ich bin hart, und das Wasser ist unglaublich. Geradezu magisch.

Oh, Moment.

Noch mal von vorn.

Ein heißer Mund umhüllt meinen sehr harten Schwanz. Und vielleicht träume ich wirklich noch, denn meine Umgebung ergibt keinen Sinn für mich, als ich die Augen aufschlage. Das Licht ist irgendwie falsch, und das Kopfende gibt ein leises, ungewohntes Quietschen von sich, während ein dunkler Kopf über mir auf und nieder wippt und ein sinnlicher Mund sich auf meinem Schwanz so richtig ins Zeug legt.

Verdammt, ist das gut.

»Bist du wach, Babe?«, fragt Wes mit rauer Stimme.

»Ziemlich. Hör nicht auf.«

Sein Lachen kitzelt die Spitze meines Schwanzes. »Gut. Ich kam mir schon fast wie ein Spanner vor.«

Eine starke Hand umfasst meinen Schaft, und wieder entschlüpft mir ein raues Stöhnen. »Wie spät ist es?« Ich bin vom Schlaf noch völlig benebelt. Eigentlich hatte ich vorgehabt, wieder in unser Schlafzimmer zu schleichen, sobald Blake weggegangen war, aber ich muss in dem Moment eingeschlafen sein, als mein Kopf das klumpige Kissen berührt hat.

»Halb zwölf.« Seine Stimme ist leise. »Ich halte dich nicht lange wach, versprochen. Ich wollte nur … mmh.« Das Geräusch, das er von sich gibt, klingt, als komme es aus den Tiefen seiner Seele. »Du hast mir echt verdammt gefehlt.«

Der Groll, den ich den ganzen Abend wie ein Schild vor mir hergetragen habe, zerfällt zu Staub. Ich habe ihn auch vermisst, und ich wäre wirklich ein Arschloch, wenn ich Wes für die unwillkommene Unterbrechung durch Blake verantwortlich machen würde. Es war nicht Wes’ Schuld, dass sein Teamkollege aufgetaucht ist. Und es ist auch nicht seine Schuld, dass er so viel reisen muss. Wir haben beide von Anfang an gewusst, dass wir mit langen Trennungen fertigwerden müssen, solange Wes ein professioneller Eishockeyspieler ist.

Ich schiebe meine Finger in sein dunkles Haar und ziehe ihn hoch. »Komm her«, sage ich schroff.

Sein warmer, muskulöser Körper gleitet hoch und bedeckt meinen, und ich ziehe seinen Kopf zu mir herunter, um ihn zu küssen. Ich liebe seine Lippen. Sie sind fest und hungrig. Sie sind wundervoll. Unsere Küsse werden tiefer, immer verzweifelter, während sich unsere Körper auf der Matratze wiegen und sie hemmungslos quietschen lassen.

Wes löst seine Lippen ruckartig von meinem Mund und lacht. »Mann, haben wir ein Glück, dass deine Eltern keinen Sex hatten, als sie uns besucht haben. Dieses Bett ist so laut.«

»Hätte mich für den Rest meines Lebens traumatisiert«, pflichte ich ihm bei. Dann küsse ich ihn, denn verdammt, es ist schon spät, in sechs Stunden muss ich wieder aufstehen, und ich brauche das hier so sehr.

Wes scheint meine Gedanken zu lesen und schiebt seine Zunge zwischen meine geöffneten Lippen. Begierig sauge ich daran, doch plötzlich schnaube ich vor Enttäuschung. »Ich vermisse das Zungenpiercing«, sage ich atemlos. Am Saisonbeginn hat er das Piercing herausgenommen. Vermutlich fanden seine Mitspieler, dass es zu gefährlich war.

»Keine Sorge«, zieht Wes mich auf. »Ich kann dich auch ohne Zungenpiercing verrückt machen.« Einen Augenblick später wandert diese geschickte Zunge über meine nackte Brust hinunter und widmet sich meinem vor Begierde fast schmerzenden Schwanz.

Er nimmt mich ganz in den Mund, und meine Hüften lösen sich vom Bett. Jesus. Wir haben uns gegenseitig schon Hunderte von Blowjobs gegeben, seit wir zusammen sind, und trotzdem bin ich immer wieder überrascht, wie gut sich das anfühlt. Wes weiß genau, was er tun muss, um mich kommen zu lassen. Sein Selbstvertrauen törnt mich unglaublich an, und er braucht keinerlei Anweisungen, wie er mir Lust bereiten kann.

Natürlich hält mich das nicht davon ab, trotzdem Befehle zu murmeln. Aber das liegt daran, dass wir beide auf Dirty Talk stehen. »Ja, genau so, Mann. Leck die Spitze. Ja, genau so.« Mit einer Hand halte ich seinen Haarschopf gepackt, und mit der anderen klammere ich mich am Laken fest. Es ist so lange her, dass ich seinen Mund auf mir gespürt habe, und der Druck in meinen Eiern ist fast unerträglich.

Wes’ Zunge beschreibt langsam einen feuchten Kreis um die Spitze, dann gleitet sie über die ganze Länge hinab, immer wieder, bis mein Schwanz vor Nässe glänzt und ich mit meiner Geduld am Ende bin.

»Ich muss jetzt kommen«, stoße ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Er lacht leise. »Keine Angst, Baby. Dafür sorge ich schon.«

Und heilige Scheiße, das tut er. Die neckenden Lippen verwandeln sich in einen nassen, engen Sog an meinem Schaft, der mich vor Lust erschauern lässt. Seine Hände massieren meine Eier, während sein Mund mich so tief in sich einsaugt, dass ich fast seine Kehle berühre. Er saugt heftig und schnell, bis ich bereit bin, zu explodieren. Bis ich wirklich explodiere.

Wes knurrt, als ich in seinem Mund komme, aber er hört nicht auf zu saugen, bis ich schlaff und zu keinem Gedanken mehr in der Lage bin. Als die letzten Wellen des Orgasmus noch durch meinen befriedigten Körper rollen, nehme ich undeutlich wahr, dass er jetzt neben mir liegt. Meinen Nacken küsst. Über meine Bauchmuskeln streicht. Mit der Wange über meinen Bart fährt.

»Verdammt, ich liebe diesen Bart«, flüstert er.

»Verdammt, ich liebe dich«, flüstere ich zurück. Irgendwie bringe ich die Energie auf, einen Arm zu heben, ihn um seine breiten Schultern zu legen und ihn an mich zu ziehen. Seine Erektion fühlt sich an meinem Oberschenkel heiß wie eine Fackel an, und als ich den Kopf drehe, um ihn zu küssen, stöhnt er mir in den Mund und reibt seinen harten Schwanz an mir. Also lasse ich die Fingerknöchel über seinen Schaft gleiten, und er atmet zischend ein.

»Was willst du?«, frage ich zwischen zwei Küssen. »In diesem Zimmer haben wir kein Gel.«

Wes grunzt und wölbt mir die Hüften entgegen. »Wir brauchen keins. Ich will deinen Mund auf mir haben.«

Ich rutsche auf dem Kissen ein bisschen höher. »Dann komm her. Zeig dem Bart, wer der Boss ist.«

Mit einem Knurren ergreift er das andere Kissen und schiebt es mir unter den Kopf. Dann schwingt er ein Knie über meine Brust und rutscht an meinem Körper hoch.

Meine Hand landet auf seinen Bauchmuskeln, und ich spreize die Finger weit. Er fühlt sich so gut an unter meiner Hand – warm und fest. Ich habe es einfach so satt, die Nächte ganz allein zu verbringen. Der Widerstand eines anderen Körpers im Bett gefällt mir. Wenn er weg ist, vermisse ich es, mich umzudrehen und meinen Hintern an seine schläfrige Wärme zu drücken.

Aber jetzt ist er nicht schläfrig. Weit spreizt er seine langen, starken Beine, und ich umfasse seinen Hintern und ziehe ihn näher an mich heran. Sein Schwanz ist steif und schon etwas feucht für mich. Und er kommt näher. Um ihn zu necken, presse ich die Lippen zusammen, und er stöhnt vor Ungeduld. Ich nehme seinen Schwanz in die Hand und fahre mit der Spitze über meine Lippen, kitzle die Unterseite mit dem Bart an meinem Kinn.

Über mir zittert Wes vor Erregung. Die Gardinen lassen gerade genug Licht durch, um mir zu zeigen, dass die Tattoos, die seine Arme bedecken, wie Schatten aussehen, wenn er sich bewegt. Sein maskuliner Duft fängt an, mich ein bisschen verrückt zu machen. Ich strecke meine Zunge heraus und koste ihn, sodass er vor Erregung keucht.

Aber noch bin ich mit der Folter nicht fertig. Ich recke den Hals, drücke mein Gesicht in seine Leiste und knabbere an seinem Schamhaar. Er reibt seinen Schwanz an meinem Hals, hilflos vor Erregung. Der verzweifelte Wes gefällt mir. Ich liebe es, ihn zu zwingen, ein kleines Stück seiner eisenharten Selbstbeherrschung zu verlieren. Ein Sportjournalist hat einmal über ihn geschrieben, er sei »Undurchdringlich. Unerschütterlich. Mit Nerven aus Stahl.«

Ich weiß es besser.

Ich umfange seinen begierigen Schwanz mit meiner Hand und lasse langsam meinen Nacken kreisen, reibe meinen Bart über jeden Zentimeter seines Schwanzes.

»Fuck, scheiße«, sagt er. »Bring mich nicht um. Bitte mach.«

Ich küsse ihn einmal auf die Spitze, und er stöhnt. Und dann, ganz plötzlich, erlöse ich ihn aus seinem Elend. Mit weit geöffnetem Mund schlucke ich ihn. Er stößt einen fast unmenschlichen Schrei aus, und ich lächle um seinen Schwanz herum. Dann ziehe ich mich zurück und sauge noch einmal heftig. Ich bin jetzt gnadenlos. Kein Rhythmus, nur noch das Ziel vor Augen. Saugen, lecken, schlucken. Planlos stößt er zu, und nur zwei Minuten später atmet er tief ein und sagt: »Verdammt, ich komme.«

Und der Mann lügt nicht. Er pumpt öfter in meinen Mund, als ich zählen kann, und ich schlucke das Ergebnis einer Woche voll sexueller Anspannung und Enthaltsamkeit. Dann lasse ich den Kopf auf das Kissen sinken und spüre, wie mich erneut die Erschöpfung übermannt. Über mir senkt Wes den Kopf, und seine Brust hebt und senkt sich, als er gierig Sauerstoff einsaugt. Ich hebe beide Hände und spreize meine Finger auf seinem Brustkorb. »Du bist dünner geworden«, sage ich und streiche mit dem Daumen über die weiche Haut auf seiner Brust.

»Seit Saisonbeginn habe ich fünfzehn Pfund abgenommen.«

»Fünfzehn?« Ich weiß, dass Spieler manchmal ein bisschen Gewicht verlieren. Aber fünfzehn Pfund?

»Ja, so was kommt vor.«

Ich ziehe ihn zu mir herunter, und er muss sich von mir abrollen, damit wir uns im Arm halten können.

»Das ist zu viel«, flüstere ich ihm ins Ohr. »Du bekommst mehr Enchiladas.«

»Machst du sie, esse ich sie.« Er vergräbt sein Gesicht an meinem Hals. »Jamie?«

»Huh?«

»Ich glaube, in deinem Bart ist Sperma.«

»Igitt.«

Er lacht. »Ist das ein Problem?«

»Keine Ahnung. Es ist mein erster Bart, und du bist der Erste, der darauf gekommen ist.«

Seine Stimme klingt dumpf. »Können wir jetzt in unser Bett gehen?«

»Mhm.« Trotzdem mache ich die Augen zu. Nur für eine Sekunde.

Ineinander verschlungen schlafen wir im Gästezimmer ein.

3

Jamie

Acht Stunden später ist das Leben nicht mehr so großartig.

Ich sitze mit zwei Dutzend Teenagern im Bus. Aber das ist okay, ich mag die Kids. Sie trainieren hart, und sie spielen ausgezeichnetes Hockey. Ich hatte geglaubt, schon viele hervorragende junge Spieler gesehen zu haben, aber die Kanadier ziehen ihre Champions offenbar in den eigenen Reihen heran. Für das Team verläuft die Saison dennoch bisher nicht besonders gut, aber ich vertraue darauf, dass wir das Ruder noch herumreißen werden. Diese Jungs haben gesunde Instinkte und eine tolle Einstellung zum Sport.

Meine Stimmung hingegen ist im Augenblick nicht so herausragend.

Da Wes und ich im falschen Zimmer eingeschlafen sind, stand mein Wecker nicht am Bett. Der Grund, warum ich nur vierzig Minuten zu spät gekommen bin, bestand darin, dass das Bett zu klein war. Ich wachte auf, als Wes mir seinen tätowierten Ellbogen gegen die Augenbraue stieß. Die Uhr auf dem Nachttisch zeigte zehn Minuten vor sechs.

Blitzartig fuhr ich hoch, mein Herz pochte heftig. Ich nahm die kürzeste Dusche, die je ein Mensch genommen hat, und dann hüpfte ich wie ein Idiot herum, zog Socken über meine nassen Füße und suchte meine Klamotten zusammen. Meine einzige Rettung war, dass ich die Sachen für unser Turnier in Montreal schon gepackt hatte. Ich wollte Zeit sparen, um mehr Zeit mit Wes zu verbringen, darum stand zumindest mein Matchsack schon abreisefertig da.

Wes kam aus dem Gästezimmer gestolpert und blickte mich blinzelnd an. »Musst du schon gehen?«

»Ich bin spät dran«, murmelte ich und schickte dem Coach, der mit uns reisen würde, eine Textnachricht. Verspäte mich. Fahrt noch nicht los. Tut mir leid.

»Du wirst mir fehlen«, sagte er.

Überflüssig zu erwähnen, dass auch ich ihn vermissen würde. Ich gab ihm einen schnellen, unbefriedigenden Kuss und lief zur Tür. Irgendwie schaffte ich es, auf Wes’ riesigen Koffer zu treten, als ich nach meinem Mantel am Haken griff. »Tust du mir einen Gefallen und packst das Ding aus?«

Mit diesen liebevollen Worten verabschiedete ich mich von ihm, schwitzend und voller Hass auf mich selbst, weil sie ausgerechnet wegen mir den Bus aufhalten mussten. Und weil ich an meinem Freund herumgenörgelt habe, damit er sein Zeug wegräumt.

Was er allerdings nie tut. Der Koffer liegt normalerweise einfach herum, bis er ihn für die nächste Reise braucht.

Nun trinke ich den Bodensatz einer wirklich schlechten Tasse Kaffee, den ich an der Tankstelle gekauft habe, die der Bus zum Tanken angesteuert hat, und ich höre zu, wie mein Arbeitskollege lauthals seine Meinung verkündet. David Danton ist nur wenige Jahre älter als ich.

Streng genommen tragen wir beide ein und denselben Titel – Assistenzcoach. Aber da der Coach unserer Jungs mehrere Teams unter seiner Fuchtel hat, spielt Danton sich manchmal als Chefcoach auf, vor allem auf Reisen.

Was man über Danton wissen sollte: Er macht einen wunderbaren Schlagschuss. Und hat einen grässlichen Charakter.

»Unser erster Gegner«, beginnt er und schiebt ein Kügelchen Kautabak von einer Wangentasche in die andere. »Das sind dieselben Weicheier, die ihr letztes Jahr in London geschlagen habt. Ihre Spielstatistiken sehen noch genauso beschissen aus wie damals. Lasst nichts durch und trefft schon im ersten Drittel, dann weinen sie in der Pause ihre Handschuhe voll, dieser Haufen Schwuchteln.«

Der schlechte Kaffee verwandelt sich in meinem Magen in beißende Säure. Erstens ist das unterirdisches Coaching. Das andere Team ist hervorragend in der Defensive, wenn auch eher schwach in der Offensive, und unsere Jungs hätten mehr warnende Details verdient. Sie brauchen eine Strategie und dazu noch eine ordentliche Portion Draufgängertum.

Zweitens bringen mich Dantons verächtliche Sprüche auf die Palme. Er ist der Typ, der »schwul« zu allem sagt, was ihm nicht gefällt – ob es ein hässliches Auto oder ein mieses Truthahnsandwich ist –, und jeder Hockeyspieler, der seinen Ansprüchen nicht genügt, ist eine »Schwuchtel«.

Und ich habe diesem Arschloch schon mal gesagt, dass er seine blöden Bemerkungen stecken lassen soll. Das war nach einem Heimspiel. Wir hatten mühelos gewonnen, und ich war stolz auf unsere Jungs. Aber Danton brüllte: »Diesen Schwuchteln haben wir’s gezeigt«, als das Spiel zu Ende war. Also nutzte ich die Gelegenheit, ihm zu sagen, dass er sich mit solchen Sprüchen in Schwierigkeiten bringen könnte.

»Du weißt nie, wer zuhört«, hatte ich gesagt. Ich wollte damit andeuten, dass ihn möglicherweise jemand wegen solch abwertender Bezeichnungen zur Rechenschaft ziehen könnte. Aber im Grunde war ich wegen unserer Spieler besorgt. Ich wollte nicht, dass jemand, der eine Autoritätsperson für sie ist, diese Art von Hass für akzeptabel darstellte. Und auf keinen Fall sollte einer dieser Jungs seine eigene Sexualität infrage stellen. Niemand muss sich so einen Mist anhören. Sechzehn Jahre alt zu sein, ist an sich schon verwirrend genug.

Danton aber hörte mir nicht zu. Und jedes Mal, wenn er das S-Wort in den Mund nimmt, stelle ich mir den sechzehnjährigen Wes vor, der entsetzliche Angst vor seiner eigenen Sexualität hat. Er hatte mir erzählt, wie sehr ihn die Entdeckung, schwul zu sein, aus der Bahn geworfen hatte. Inzwischen ist er natürlich darüber hinweg. Aber nicht alle sind so stark wie Wes. Wenn es in einem der Teams einen Jungen gibt, der in dieser Hinsicht mit sich kämpft, dann will ich nicht, dass Danton ihm irgendwelchen Bullshit erzählt.

Mit dem Typen zu arbeiten, macht mich wütend, aber nicht etwa, weil mir wichtig wäre, was Danton von mir persönlich hält. Als ich das erste Mal hörte, wie er seinen widerlichen Mist ausspuckt, habe ich schlicht den Respekt vor ihm verloren. Er bezeichnet Schwarze auch als Nigger – wirklich ein harter Brocken, unser Danton. Ich wollte, dass er einen Verweis bekommt. Ich hatte sogar Bill, unserem Boss, gegenüber erwähnt, dass seine Wortwahl oft fragwürdig und alles andere als nachvollziehbar war.

»Versuch, ihn ein bisschen runterzufahren«, war alles, was Bill dazu sagte, bevor er mir auf die Schulter klopfte. »Wäre eine Schande, wenn er einen Verweis in der Akte hätte. So was bleibt für immer drin.«

Ein dauerhafter Verweis in Dantons Akte wäre genau das Richtige, aber ich habe die Beschwerde noch immer nicht eingereicht, weil ich paranoid bin. In gewisser Weise amüsiert mich die Vorstellung, mich zu outen, denn ich kann es kaum erwarten, das Gesicht von diesem Arschloch zu sehen. Aber das kann ich Wes nicht antun. Er legt eine grandiose erste Saison hin, und die Presse soll sich auch weiterhin auf seine Tore und Vorlagen konzentrieren und nicht auf sein Sexualleben. Ich glaube, er ist ganz nah dran, um die Calder Trophy zu kämpfen, die jedes Jahr an den besten Liganeuling geht. Das glaube ich wirklich.

Auf dem Weg zum Stadion stecken wir im Stadtverkehr von Montreal fest, und mein Magen verkrampft sich. Unser erstes Spiel in diesem Turnier ist für ein Uhr angesetzt, und es ist schon nach zwölf.

»Anderthalb Kilometer noch«, sagt Danton und checkt die Route auf dem Handy. »Jungs, ich schätze, uns bleibt nur eine Viertelstunde zum Umziehen. Nächstes Mal kommt Coach Canning hoffentlich rechtzeitig aus dem Bett.«

Fuck. Ich hasse es, dass ich zu spät gekommen bin. Und ich hasse ihn.

Für einen Jungen aus Kalifornien ist das ziemlich viel Hass. Der Tag fängt nicht gut an.

Endlich halten wir an. Wir drängen die Jungs, aus dem Bus zu steigen, und ich helfe mit, einen ganzen Haufen Ausrüstung hineinzubringen. Das Turnier startet mit einer halben Stunde Verspätung, Dank sei dem Herrn. Als sie umgezogen und spielbereit sind, bleibt ihnen noch so viel Zeit, dass es beinahe zivilisiert zu nennen ist.

»Auf geht’s«, sage ich und klatsche meine Handschuhe zusammen. »Hey, Barrie! Halte beim Anstoß das Kinn unten. Dieses Team war ein bisschen langsam beim Abgeben, weißt du noch?«

Der Junge nickt, seine Miene ist ernst und angespannt.