V5N6 - Louise Welsh - E-Book

V5N6 E-Book

Louise Welsh

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Beschreibung

Oberflächlich betrachtet hatten die drei Amokläufe in London in diesem heißen Sommer nichts mit den späteren Ereignissen zu tun, aber für Stevie Flint waren sie wie ein Menetekel für das, was noch kommen sollte. Als ihr Freund sie versetzt und sie ihre Sachen aus seiner Wohnung holen will, findet sie ihn tot in seinem Bett. Kurz danach wird sie krank. Hohes Fieber, Erbrechen, Schüttelfrost. Als sie nach Tagen wieder mühsam auf die Beine kommt, hört sie, dass sich in London ein tödliches Virus verbreitet: Am »Schwitzfieber« sterben die Leute in wenigen Tagen, die Krankenhäuser und Leichenhallen sind bereits überfüllt. Stevie Flint kümmert das nicht, sie hat eine eigene Mission. Auch wenn es in einer Stadt voller Toter nicht nach einem Mord aussieht: Sie ist überzeugt, dass der Tod ihres Freundes Dr. Simon Sharkey weder auf das Virus noch auf Selbstmord zurückzuführen ist und macht sich auf die Suche nach seinem Mörder. Diese wird für sie zu einem Wettlauf gegen den Tod, der mitten ins Herz einer sterbenden Stadt führt. Ein Thriller, der uns an die Zerbrechlichkeit unserer Zivilisation erinnert.

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Seitenzahl: 455

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LOUISE WELSH

V5N6

TÖDLICHES FIEBER

Roman

Aus dem Englischenvon Wolfgang Müller

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Für Zoë Wicomb

… die Liebe ist stark wie der Tod;die Eifersucht grausam wie die Hölle:Ihre Gluten sind Feuergluten, Feuersbrünste.

Das Hohelied Salomos

Prolog

London wurde in diesem Sommer Zeuge dreier Amokläufe, die von Männern aus dem Establishment verübt wurden. Der erste war der Right Honourable Terry Blackwell, Tory-Abgeordneter für Hove, der an einem drückend heißen Samstag im Juni nicht wie geplant in seinen Wahlkreis fuhr, sondern sich auf dem Balkon seiner Wohnung am Ufer der Themse auf einen Stuhl setzte und sechs Touristen erschoss.

Die ersten fünf erledigte er mit akkuraten Kopfschüssen. Terry Blackwell war in seiner Militärzeit Scharfschütze gewesen, und die Urlauber, die in heller Sommerkleidung am Fluss entlang flanierten, waren leichte Ziele. Das sechste Opfer suchte noch Deckung, nachdem ihm Blackwell ins rechte Knie geschossen hatte. Er wartete, bis das Mädchen, Marina Sālzirnisa aus Lettland (die sich für einen Sprachkurs in der Stadt aufhielt, der, so die Hoffnung ihres Vaters, ihr Englisch verbessern würde), sich fast bis in die Sicherheit eines Cafés geschleppt hatte, dann schoss er noch vier Mal auf sie, ins linke Knie, in beide Oberschenkel und zuletzt in die Wirbelsäule, kein zwingend tödlicher Schuss, der es aber in diesem Fall war.

Nach Marina hatte den Abgeordneten die Treffsicherheit verlassen. Vielleicht hatten sich die Menschen aber auch nur rechtzeitig in Sicherheit bringen können, denn Terry Blackwell hielt zwar die Straßen und Gebäude in Schussweite den ganzen Tag unter Feuer, konnte aber niemand mehr töten oder auch nur verletzen. Gegen sechs Uhr setzte er sich selbst einen schlampigen Kopfschuss. Als ihn das Notarztteam schließlich fand, lag er allein auf dem Boden seiner Wohnung. Unterhändler der Polizei hatten Blackwells Exfrau Cynthia ausfindig gemacht, und später wurde in der Presse kolportiert, dass sie eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen hatte, in der sie Blackwell versicherte, ihn immer noch zu lieben, und dass der Parlamentarier sich deshalb den Gnadenschuss gegeben hatte.

Ende Juni rastete John Gillespie, ein Hedgefonds-Manager der Royal Bank of Scotland, in der Circle Line aus. Er war mit einer Aktentasche, in der sich eine Pistole befand, in den U-Bahnwaggon gestiegen. Gillespie war bekannt für seine umsichtigen Risikoanalysen und hatte sich einen nicht ganz vollen Waggon außerhalb der Stoßzeiten ausgesucht. Es gelang ihm, alle fünfzehn Fahrgäste zu töten, bevor der Zug den nächsten Bahnhof erreichte. Gillespie wartete, bis sich die Türen öffneten und die neu einsteigenden Fahrgäste das Blutbad sahen, dann richtete er die Waffe gegen sich selbst. In Zeugenaussagen wurden der elegante Anzug erwähnt, die akkurat gebundene Krawatte und das professionelle Lächeln des Bankers, als er abdrückte.

In der darauffolgenden Woche stieg Reverend Matthew Sheppard, Vikar der Pfarrkirche St. Alban in Ealing, die Stufen zum Altar hinauf, zog unter seiner Soutane eine Schrotflinte hervor und versuchte, seine Kirchengemeinde niederzumetzeln. Die Kirchgänger von St. Alban waren nicht mehr die Jüngsten, und wäre es ein normaler Sonntag gewesen, hätte Reverend Sheppard sie womöglich alle an den Ort befördern können, den sie vermutlich für einen besseren hielten. Aber es war die Woche von Aimee Albrights Taufe, und die Kirche war fast bis auf den letzten Platz besetzt. Aimees Onkel Paul, für den es zwar nicht zu einer Profikarriere gereicht hatte, der aber seit acht Jahren der Spielführer des örtlichen Kricket-Teams war, schleuderte sein Gesangbuch zielsicher auf Sheppard und schlug ihm das Gewehr aus den Händen. Aimees Vater war zwar an der Schulter verletzt, mit zwei seiner Brüder gelang es ihm aber, den Vikar zu Boden zu reißen, der nun, unbewaffnet wie er war, einen benommenen Eindruck machte. Reverend Sheppard verharrte in diesem an Katatonie grenzenden Zustand bis zu jenem Augenblick, als er sich in der Gefängniszelle, in der er wegen Selbstmordgefahr unter Beobachtung stand, mit einem Bettlaken erhängte.

Oberflächlich betrachtet hatten die Amokläufe nichts mit den späteren Ereignissen zu tun, aber sie blieben Stevie Flint im Gedächtnis haften. In den folgenden Monaten fielen ihr die Einzelheiten immer wieder ein, und sie begann sie als Menetekel für das zu betrachten, was kommen sollte, als Zeichen dafür, dass die Stadt sich allmählich gegen sich selbst wandte.

 

 

1Stevie Flint lebte seit sieben Jahren in London. In ihrem Kopf lief zwar nicht mehr der Soundtrack zum Film ihres Lebens, aber sie war gerade erst dreißig geworden und wusste das frühabendliche Brummen der Stadt immer noch zu schätzen. Als sie die U-Bahnstation Tottenham Court Road verließ, stieg ihr ein leicht schwefelhaltiger Geruch in die Nase. Sie trug eine Jackie-O-Sonnenbrille und erinnerte sich plötzlich an Jasmine’s, den einzigen eleganten Kleiderladen in ihrer Heimatstadt, dessen Schaufenster mit gelber Zellophanfolie beklebt war, um die Auslagen vor der kaum jemals scheinenden Sonne zu schützen. Sie fand, dass heute über London ein Hauch Gelb lag, ein eitriger Glanz. Sie machte sich auf den, wie sie hoffte, richtigen Weg zu dem Privatklub, den Simon ihr genannt hatte. Die Absätze ihrer neuen Sandalen waren zu hoch für einen langen Fußmarsch, aber sie hatte sich die Strecke vorher auf Google Maps angeschaut und war sich sicher, dass sie die Entfernung schaffen konnte, ohne ihren Füßen allzu großen Schaden zuzufügen.

Soho war voller Pubs und alle waren voller Menschen. Die Gäste drängelten sich auf den Gehwegen, es wimmelte von hübschen Mädchen und Männern in Anzügen, ohne die Krawatten, und alle redeten und lachten und hielten Gläser in den Händen. Im Vorbeigehen schnappte Stevie Gesprächsfetzen auf:

»… sauber versenkt, wie eine Billardkugel …«

»… sechs Punkte runter, aber kein Wort von …«

»… ich hab ihr gesagt, wenn’s ihr nicht passt, kann sie gleich …«

»… also, Deptford habe ich abgehakt.«

Stevie trat auf die Straße, um dem Gedränge aus dem Weg zu gehen. Ihr Rock flatterte im Sog eines vorbeifahrenden Mopeds. Staub, Gelächter und Benzin durchdrang die Luft, die eingeatmet und ausgeatmet, eingeatmet und ausgeatmet worden war. Es war besser, nicht daran zu denken, wie oft, denn dann hätte sie vielleicht über das Wasser nachgedacht, das sie trank, oder darüber, wie viel von der Hitze, die die Stadt im Moment grillte, von der Sonne stammte, und wie viel davon die fremden Menschen abstrahlten, die sich um sie herum drängelten.

Stevie blieb stehen. Sie war sich jetzt doch nicht mehr sicher, ob sie sich in der richtigen Straße befand. Sie atmete kräftig ein und spürte tief im Hals die heiße, teergeschwängerte Luft. Ihre Schicht hatte heute um drei Uhr morgens geendet, und hinter ihren Augen kündigten sich Kopfschmerzen an. Ein Betrunkener löste sich aus der Menge und legte ihr den Arm um den Hals. Sie spürte die Hitze des Körpers und den Schweiß seiner Unterarme im Nacken. »Wie steht’s, Lust auf noch einen?«, flüsterte ihr der Fremde ins Ohr. Sein Bieratem strich ihr warm übers Gesicht. Am liebsten hätte ihm Stevie einen Absatz ihrer neuen Sandalen ins Auge gerammt, stattdessen stieß sie dem Betrunkenen den Ellbogen in die Rippen und entwand sich seinem Griff. Er rief ihr hinterher: »Was ist? Habe ich was Falsches gesagt?« Sie hörte, wie seine Freunde lachten, und unterdrückte das Verlangen, umzukehren und ihnen die Biergläser aus der Hand zu schlagen.

»Mal sehen, ob ihr dann auch noch lacht.«

Stevie merkte, dass sie den Satz laut ausgesprochen hatte, und schaute sich um, ob jemand etwas gehört hatte. Aber sie war allein in einer Londoner Straße voller Menschen. Wenn jemand etwas gehört hatte, dann war es ihm egal.

Vielleicht hatte sich Stevie wegen des Zwischenfalls mit dem Betrunkenen verlaufen, vielleicht lag es aber auch nur an ihrem mangelnden Orientierungssinn, dass sie sich in Sohos Straßenlabyrinth verheddert hatte. Sie rief Simon an. Als er nicht abhob, hinterließ sie eine Nachricht und bemühte sich, nicht verärgert zu klingen. Schließlich war sie es, die zu spät dran war, und es war nicht Simons Schuld, dass sie eine Blase an der Fußsohle hatte. Stevie überprüfte auf ihrem iPhone noch einmal den Weg, ging wieder zurück und fand schließlich den Klub, dessen diskreter Eingang nur an der Hausnummer zu erkennen war.

Die Inneneinrichtung war bemüht stylisch, eine spärlich beleuchtete Übung in retro-skandinavischem Design, das sich ein paar Jahre halten und dann, wenn irgendein ein neuer Trend aufkam, wieder umgestaltet werden würde. Normalerweise amüsierte es sie, dass Simon, dessen Beruf auf Sauberkeit und Präzision beruhte, diese verzweifelt bemühten Trendläden mochte, aber sie hatten sich die ganze Woche nicht gesehen und heute Abend wäre ihr etwas Intimeres lieber gewesen.

Stevie lächelte das Mädchen am Empfang an, nannte ihren Namen und beobachtete, wie der grün lackierte Fingernagel die Liste der Reservierungen hinabfuhr. Eigentlich handelte es sich nicht um einen Privatklub, lediglich um ein Lokal, in dem Leute, die mit der Mode gehen wollten, für einen Tisch bezahlten. Der Finger des Mädchens hielt inne, und sie machte einen Haken neben Stevies Namen. Neben ihrem stand in Schrägschrift, von keinem Haken verziert, Simons Name: Dr. Simon Sharkey.

»Ist meine Begleitung noch nicht da?«

Das Empfangsmädchen bedeutete einem Kellner, Stevie zu ihrem Tisch zu führen. Als sie sich wieder umdrehte, um ihr zu antworten, glaubte Stevie einen Hauch von Wiedererkennen über ihr Gesicht huschen zu sehen. Das Mädchen arbeitete auch bis in die Nacht, dachte Stevie, und für einen Augenblick warf sie einen flüchtigen Blick in ein Leben, das sich nicht sehr von ihrem unterschied: die hochhackigen Schuhe neben der Couch, der kalorienbewusste Imbiss im Schein des Computerbildschirms, der flüsternde, kaum beachtete Fernseher.

»Nein«, sagte das Mädchen mit einem Lächeln, das jetzt breiter war als vorher. »Sie sind die Erste.«

Das Lächeln verriet Stevie, dass das Mädchen sie nicht einordnen konnte. Aber es hatte noch nie jemand zugegeben, sie wiederzuerkennen, selbst wenn Stevie darauf hingewiesen hatte, woher.

Als sie das zweite Glas Wein getrunken hatte, wusste Stevie, dass Simon nicht mehr auftauchen würde. Trotzdem bestellte sie ein drittes Glas. Sie machte sich nicht die Mühe, noch einmal zu überprüfen, ob sie Empfang hatte. Sie wusste, dass er im Klub gut war. Die Tür ging auf, und zwei Mädchen in kurzen Sommerkleidern kamen herein. Sie lachten, aber das Gelächter und das Klackern ihrer High Heels wurden vom schweren Beat der Musik übertönt.

Wahrscheinlich war irgendetwas dazwischengekommen. Seit sie und Simon sich kannten, war schon öfter etwas dazwischengekommen, was bei seinem Beruf unausweichlich war. Aber er hatte immer angerufen oder jemand anrufen lassen.

Die zwei Mädchen bestellten etwas zu trinken. Für einen Augenblick verwandelte sich die Farbe ihrer Haut und Kleider in ein fleckiges Gelb. Dann wechselte sie zu Rosa, Violett und Türkis. Die unter der leuchtenden Oberfläche des Tresens eingelassene Stimmungsbeleuchtung durchlief das Farbspektrum. Der Barkeeper drehte sich zur Flaschenwand um, hielt sich die Hand vor den Mund, weil er husten musste, und wie als Antwort darauf fing auch eins der Mädchen an zu husten und bedeckte mit einem Taschentuch den Mund. Das andere Mädchen sagte etwas, worauf alle drei zu lachen anfingen.

Stevie schaute auf die Uhr über der Bar, die fünf Minuten vorging. Ihre Freundin Joanie hatte seit ihrer Trennung von Derek öfter Zeit. Es war noch früh genug, um sie anzurufen und sich auf ein Glas zu treffen. Sie würde sich furchtbar darüber aufregen, dass Simon sie versetzt hatte, und das würde ihr helfen, die Angelegenheit im rechten Licht zu betrachten.

Auf dem Bildschirm über der Bar machten ein Rapper und seine Kumpel auf Bad Boys, während hinter ihnen eine Gruppe spindeldürrer Mädchen in High Heels und Bikinis ihre aufgepumpten Brüste und unglaublichen Hinterteile tanzend zur Schau stellte. Der Rapper saß mit weit gespreizten Knien tief in der Hocke. Die Kamera fuhr nah an sein Gesicht heran. Für Stevie sah es so aus, als wiederholte er immer wieder ›ho‹, ›ho‹, ›ho‹, ›ho‹, ›ho‹, ›ho‹, ›ho‹ … Allerdings war es so laut im Klub, dass sie sich irren konnte.

Stevie entschied, dass sie Joanies verständnisvoll gefurchte Stirn heute Abend nicht ertragen konnte. Vielleicht wäre sie später in der Verfassung für eine eingehende Post-mortem-Analyse, aber fürs Erste würde sie ihre Beziehung mit Simon ruhen lassen.

Stevie schob das iPhone in ihre Handtasche, stand auf und ließ das halb volle Weinglas zurück. Sie versuchte sich nichts daraus zu machen, dass man sie versetzt hatte. Auf diesem Gebiet war sie in der Vergangenheit selbst nicht unschuldig gewesen, außerdem bestand ja immer noch die Möglichkeit, dass im Krankenhaus etwas passiert war, das so schnell und dringend erledigt werden musste, dass Simon für einen Anruf keine Zeit gefunden hatte.

Das Grinsen des Barkeepers war strahlend und tröstend, das Lächeln des Mädchens am Empfang mitfühlend. Das Mitleid der beiden war Stevie peinlich, aber sie konterte mit einem noch strahlenderen Lächeln. Sie versuchte ihre Augen so funkeln zu lassen, wie Joanie es ihr beigebracht hatte. Sie trat hinaus in die dunstige Wärme des Londoner Sommerabends und ging zurück Richtung U-Bahn. Das war ihre erste geplatzte Verabredung, aber Simon hatte bei ihren Treffen in letzter Zeit öfter einen abwesenden Eindruck gemacht. Stevie hatte sich geschworen, einen Mann nie danach zu fragen, was er gerade dachte, aber Simons langes Schweigen und sein gedankenverlorener Blick hatten sie in Versuchung geführt, mit ihrem Vorsatz zu brechen. Jetzt glaubte sie zu wissen, was ihn beschäftigt hatte. Die Orte, an denen er sich gern mit ihr verabredete, hatten sie gelangweilt. Und jetzt hatte Simon anscheinend genug von ihr.

Stevie zog ihre Oyster Card über das Lesegerät und ging die Treppe hinunter zum Bahnsteig der Central Line. Ein leichter Luftzug blies aus den Tiefen des Tunnelnetzwerks in den Bahnhof, kräuselte ihren Rock und strich über die empfindsame Haut ihrer Oberschenkel. Sie ballte die Fäuste und genoss das Gefühl der sich in ihre Handflächen bohrenden Fingernägel. Wenn Simon anrief, würde sie ihm das verpatzte Date verzeihen, sie würde ihm sagen, dass sie eine nette Zeit hatten, aber dass es für sie beide an der Zeit wäre weiterzuziehen.

Ein Zug fuhr rumpelnd in den Bahnhof ein. Stevie wartete, bis sich zischend die Türen öffneten. Der Wagen war fast voll. Sie hatte sich schon neben einen halbwüchsigen Jungen gesetzt, als sie merkte, dass dieser von einer schweren Sommererkältung geplagt wurde. Der Junge hustete, ohne sich die Mühe zu machen, die Hand vor den Mund zu halten. Stevie dachte kurz daran, den Platz zu wechseln, blieb dann jedoch sitzen und holte ihr Handy aus der Handtasche. Keine verpassten Anrufe. Sie schaltete es wieder aus und versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken. Auf dem Boden neben ihren Füßen lag ein zerknüllter Evening Standard, auf dessen Titelseite der Parlamentarier, der Vikar und der Banker das große Thema waren. Manchmal schien die Zivilisation am seidenen Faden zu hängen.

Stevie zwang sich zu einem Lächeln. Sie hatte sich auf das Treffen mit Simon gefreut. Sie hätten sich am Tisch gegenübergesessen, wären sich der Haut des anderen und dessen bewusst gewesen, was später im kühlen Schlafzimmer seiner Wohnung folgen würde, wenn sich bei offenen Balkontüren und leicht im Wind wehenden Vorhängen ihre Körper im gemeinsamen Rhythmus bewegten. Die Enttäuschung brachte sie in Versuchung, sein Nichterscheinen überzubewerten. Vielleicht hatte Simon ja gute Gründe. Und auch wenn nicht, was war schon passiert? Ein Mann, den sie mochte, hatte sie versetzt. Es war nicht so, als ob jemand gestorben wäre.

 

 

2Sie verkauften Toaster, beschissene Toaster, um sechs Uhr in der Früh. Stevie schob eine Weißbrotscheibe in jeden der vier Schlitze und dachte an das Gerät, das sie beim Probelauf ruiniert hatte. Sie drückte den Hebel behutsam nach unten. Neben ihr flötete Joanie: »Ich mag meinen Toast schön knusprig, nicht angebrannt, aber es muss knacken. Derek, mein Mann, der mag seinen goldbraun?…«

Unter den Studioscheinwerfern hatte Joanies Haut einen goldbraunen Schimmer, wahrscheinlich, so Stevies Vermutung, dank irgendeines Produkts, das Joanie selbst verkauft hatte. Joanie gehörte zur besten Kategorie Verkäuferin, zu der, die sich in die Waren verliebte und diese dann mit einer Aufrichtigkeit anpries, die man unmöglich vortäuschen konnte.

»Mit diesem Dual Action Toaster bekommt also jeder seinen Toast so, wie er ihn mag, und trotzdem können alle zusammen frühstücken«, sagte Stevie.

»Genau.« Joanie strahlte, als hätte sie in der Krümelschublade gerade das Geheimnis des Glücks entdeckt. »Und wir alle wissen doch, wie wichtig für Familien die gemeinsame Mahlzeit ist.«

»Besonders morgens«, sagte Stevie. Joanie grinste sie an. Sie spielten, was Stevie ihre Retro-Porno-Rollen nannte: Joanie die erfahrene, aber gut erhaltene Hausfrau, die Stevie (frisch verheiratet und unsicher, wie sie das alles schaffen soll, ohne Mann und Verstand zu verlieren) erklärt, wie der Hase läuft.

»Ja«, sagte Joanie. »Besonders morgens. Dereks Schichten wechseln ständig, aber wenn wir können, setzen wir uns morgens zusammen an den Frühstückstisch, und wenn es nur für zehn Minuten ist.«

Derek hatte Joanie für Francesca verlassen, eine Hilfspolizistin, deren Ausbildung man ihm übertragen hatte, und Stevie war sich nicht sicher, ob Joanies ständige Verweise auf ihn während der Sendung Wunschdenken, Verkaufstechnik oder ein Akt der Rache waren. Joanie hatte ihr mal erzählt, dass die Männer von Dereks Team abwechselnd die Show aufnahmen. Joanie hielt das für süß, aber Stevie vermutete dahinter organisiertes Mobbing. Der Verkaufsbalken auf der LED-Anzeige hinter den Kameras stieg an, aber nicht schnell genug. Die Verkaufsinformationen erschienen auf dem Bildschirm, Stevie las noch einmal die Bestellnummer vor, dann schwenkte die Kamera wieder zu ihr, und sie war wieder im Bild.

Zwei Toasts sprangen aus dem Toaster, die eine Scheibe so blass wie vorher, die andere fast kohlschwarz. »Das ging schnell, oder?«, sagte Joanie mit ihrer lüsternen Hausfrauenstimme. »Genau richtig, um in der Zwischenzeit eine Kanne Tee zu kochen. Ohne eine Tasse Tee geht mein Derek nicht aus dem Haus.«

Stevie hob die Toastscheiben in die Höhe, damit die Kamera sie groß ins Bild holen konnte. Ebenholz und Elfenbein. Sie verbrannte sich die Fingerspitzen und hätte sie beinahe fallen lassen.

»Ups.« Manchmal wunderte sie sich, dass sie sich das Fluchen auf Sendung hatte abgewöhnen können. »Kein Zweifel, die sind getoastet.«

Joanie zauberte ein Schälchen Butter und ein Messer hervor. »Tja, ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich könnte jetzt ein kleines Frühstück vertragen.«

Die Verkäufe schossen in die Höhe, da überall im Land, in Leicester, Glasgow, Manchester, Cardiff oder sonst wo, die Menschen aus ihren Betten stiegen, den Fernseher einschalteten, ihre Kreditkarten zückten und per Telefon ihre Bestellungen durchgaben. Joanie übertrieb es jetzt. Sie stöhnte, während sie den Toast kaute.

Rachel, die Produzentin von Shop TV, sprach in Stevies Ohrhörer: »Beiß rein und pass auf, dass du dich nicht verschluckst. Dann lies ein paar Tweets und E-Mails vor.«

Stevie wusste, dass die Kamera auf ihren Mund zoomte, als sie in die verkohlte Toastscheibe biss. Sie waren heute ein Mann weniger, weshalb der Kameramann Hector eine Doppelschicht fuhr. Das Schwarz seiner Tränensäcke spielte ins Violette, eine Farbe, die Stevie als pflaumenblau beschrieben hätte, wenn sie sie hätte verkaufen müssen. Sie verdrehte die Augen und sagte dabei so aufrichtig wie ein ehebrüchiger Politiker, der am Gartentor seine Frau drückt: »Mmm, perfekt.« Als Hector den Kopf schüttelte, musste sie sich ein Lachen verkneifen.

»E-Mails und Tweets«, sagte Rachel noch einmal in den Ohrhörer, und Stevie schaute zum Teleprompter. »Shelley aus Hastings hat drei Dual Action Toaster gekauft, einen für jedes ihrer Kinder. Sie macht sich gerade startklar für einen Tag im Garten. Gute Idee, Shelley, soll ja wieder ziemlich heiß werden. Und heute Nachmittag auf dem Rasen ein Melba-Toast mit einem Gläschen Pimm’s, das wär doch was, oder?«

Schlafen, dachte sie. Schlafen, schlafen, schlafen.

»Netter Einfall«, sagte Rachel in ihrem Ohr.

»Rowan in Southend-on-Sea twittert, dass die Sonne scheint und sie von ihrem Wohnzimmerfenster aus das Meer sehen kann«, sagte Stevie. »Und Hannah in Berwick glaubt, dass der Dual Action Toaster tatsächlich ihre Ehe retten könnte.«

Die Unterhaltung, die sie und Joanie mit ihren unsichtbaren Zuschauern führten, plätscherte jetzt locker dahin.

»Lesley in Edinburgh hat einen Dual Action Toaster gekauft«, sagte Joanie. »Sie schreibt in ihrer E-Mail, dass ihr Göttergatte seinen Toast schwarz mag, während sie …«

Die Verkaufszahlen auf dem LED-Display kletterten weiter in die Höhe. In einem anderen Teil des Studios, der außerhalb des Blickfeldes der Kamera lag, bauten zwei Techniker die nächste Produktlinie auf: knallbunte, perlenbesetzte Pullover mit Fledermausärmeln in Übergröße, ideal für die festere Dame, der es nichts ausmacht, Aufmerksamkeit zu erregen.

»Eine Tante von mir lebte in Southend«, sagte Stevie. »Oft hoben dort am Pier ganze Schwärme von Staren ab und kreisten über der Bucht. Manchmal war der Himmel ganz schwarz.«

»Viel zu gruselig, Stevie. Schwärme von schwarzen Vögeln, was soll das?«, flüsterte Rachel. Aus dem Regieraum war leises, hallendes Gelächter zu hören, es klang harsch wie das Rauschen einer Telefonleitung, aber Stevie war jetzt richtig in Fahrt. »Ich weiß nicht, ob die Kamera das gerade im Bild hat, aber dieser matte Glanz unseres Dual Action Toasters ist einfach wunderschön. Das passt zu jeder Einrichtung, egal ob Sie nun der Typ für die topmoderne Edelstahlküche sind oder eher den rustikalen Stil vorziehen.«

»Ich bin eher der rustikale Typ«, sagte Joanie und setzte dabei einen Blick auf, als wollte sie es sich gleich auf ihrer Kücheninsel aus Kiefer vom Waschmaschinen-Servicemann besorgen lassen.

Wie jeder Zuschauer wusste, mussten sie ihr Gespräch wieder auf den Toaster lenken, und manchmal fragte sich Stevie, ob das Publikum ihnen die Waren nur deshalb abkaufte, damit sie ihre Moderatoren-Jobs behielten. »Wir haben nur noch wenige dieser einzigartigen Geräte übrig«, sagte sie. »Leben Sie auch in einer Familie, in der jeder seinen Toast anders mag? Dann haben wir das ideale Gerät für Sie.«

Im anderen Teil des Studios betrat Aliah in schillerndem Outfit die neue Kulisse. Ein Dschungelalbtraum von Pullover in Kupfer und Grün mit Bananenblättermuster.

»Einen habe ich schon für mich selbst reserviert«, sagte Joanie. »Derek mag seinen Toast ja goldbraun und …« Die goldbraune Haut ihrer Arme glänzte, und Aliah übte tänzelnd ihre Pirouetten, wobei ihr paillettenbesetzter Pullover im Scheinwerferlicht glitzerte wie eine Discokugel.

Als sie über den Parkplatz ging, spürte Stevie durch die Sohlen ihrer Turnschuhe hindurch die Hitze des klebrigen und nachgiebigen Teers. Das Gartenschlauchverbot war jetzt seit sieben Wochen in Kraft, und die Luft auf ihrer Haut fühlte sich trocken und staubig an. Sie steuerte auf ihren Mini zu und kramte in der Handtasche nach ihrer Sonnenbrille, als ihr einfiel, dass sie sie auf dem Dielentisch in ihrer Wohnung hatte liegen lassen.

»Scheiße.«

Stevie hielt sich eine Hand über die Augen und trug in der anderen die Jacke, die sie anhatte, als sie in der mitternächtlichen Kühle ins Studio gekommen war. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, das Make-up zu entfernen, das sie für die Sendung aufgelegt hatte. Sie stellte sich vor, wie es schmolz und als Maske im Ganzen von ihrem Gesicht lief: die Milchkaffeehaut und die roten Lippen, die aus den weit auseinanderstehenden Augenhöhlen tropfende Wimperntusche, alles, nur nicht ihre braunen Augen. Ein bizarrer Gedanke. Stevie rieb sich die Stirn. Die Kopfschmerzen waren wieder da, und die Sonne, die für acht Uhr morgens viel zu hoch am Himmel stand, fühlte sich sengend genug an, um ihr die Augäpfel aus dem Kopf zu brennen.

Sie musste husten, als sie die Luft im Wageninneren einatmete. Stevie öffnete alle Türen, setzte sich seitlich auf den Fahrersitz und stellte die Füße neben dem Wagen auf den Boden. Sie hoffte, dass sie sich nichts eingefangen hatte, und schaute auf dem Handy nach, ob jemand eine Nachricht hinterlassen hatte. In den beiden Tagen seit dem geplatzten Date mit Simon war aus ihrer Verärgerung Zorn geworden, der wiederum einem leicht kribbelnden Gefühl des Zweifels gewichen war. Stevie versuchte es auf Simons Festnetznummer und kam sich dabei vor wie ein Stalker. Der Anrufbeantworter sprang an, und sie legte auf. Es auf seinem Handy zu versuchen war sinnlos. Sie hatte schon genügend Nachrichten hinterlassen.

Sie hatten nie viel über Freunde oder Familie gesprochen. Stevie erinnerte sich an einen Bruder, der in Thailand lebte, den Vater, der geschäftlich oft in Amerika gewesen war. Lebte Simons Vater noch? Sie wusste, dass seine Mutter gestorben war, als er noch ein kleiner Junge war. Auf der Kommode in seinem Schlafzimmer stand ein Foto von ihr, die Studioaufnahme einer elegant gekleideten Frau, die sich hinter ihrem Make-up versteckte. Stevie konnte sich nicht erinnern, dass Simon jemals von bestimmten Freunden gesprochen hätte, aber das hatte sie auch nicht. Das war Teil des Vergnügens ihrer Rendezvous gewesen, dass sie nichts mit Stevies anderem Leben zu tun hatten. Allerdings wusste sie, wo er arbeitete. Simon hatte öfter vom St. Thomas’ Hospital gesprochen als Joanie von Derek.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«

Stevie schaute hoch und hielt sich schützend die Hand über die Augen. Sie hatte nicht bemerkt, dass der Wachmann sich dem Mini genähert hatte. Durch das Zusammenspiel der grellen Sonne und des Schattens, den die Uniformmütze warf, konnte sie kaum seine Gesichtszüge erkennen.

»Alles okay.« Stevie rang sich ein schwaches Lächeln ab, auch wenn es sie nach der stundenlangen Grinserei einige Mühe kostete. »Ich mache nur ein bisschen Durchzug, bevor ich losfahre.«

»Wird wieder ziemlich heiß werden heute.«

Der Wachmann sprach mit einem Akzent, polnisch oder russisch. Er hörte sich an wie ein Filmschurke, der Boss eines Menschenhändlerrings. Sie konnte jetzt sein Gesicht besser erkennen. Es war blass und schmal, und die Haut wirkte, als müsse er sich vor der Sonne in Acht nehmen.

»Ich muss jetzt los. War eine lange Nacht.« Stevie schwang die Beine ins Auto und schloss die Tür. Um nicht unhöflich zu wirken, öffnete sie das Fenster und sagte: »Sie sind neu hier, oder? Hat Preston Urlaub?«

»Nein.« Auf seiner Stirn waren Schweißperlen zu sehen. Er zog ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich über die Augen. »Preston ist krank. Ich bin Jiří, ich habe normalerweise die Tagschicht. Deshalb haben wir uns noch nie gesehen.«

»Schön, Sie mal kennenzulernen.«

Stevie drehte den Zündschlüssel um, und der Motor sprang brummend an. Aber anstatt einen Schritt zurückzutreten, trat Jiří näher an den Wagen heran.

»Ich schaue Sie mir immer an. Im Fernsehen.«

Sie wollte einfach nur weg sein, wollte die Fahrt nach Hause überspringen und sich wie von Zauberhand gleich im Bett wiederfinden, frisch geduscht, unter einer sauberen Bettdecke. Stattdessen rang sie sich wieder ein Lächeln ab.

»Man sollte meinen, dass Ihnen die Arbeit in dem Laden reicht.«

»Als ich den Job bekommen habe, wollte ich wissen, welche Shows die hier produzieren, und dann bin ich drangeblieben.« Er grinste und entblößte einen Goldzahn hinter dem linken oberen Schneidezahn. »Sie schaue ich mir am liebsten an.«

Jiří ging in die Hocke und legte die Fingerspitzen auf den Rand des Autofensters, als wäre er auf eine längere Unterhaltung aus. Seine Fingernägel waren breit und leicht geriffelt.

»Danke.« Stevie legte sich den Sicherheitsgurt um, schnallte sich aber nicht an. »Jetzt muss ich aber los, sonst sorgt sich mein Freund um mich.«

Der Wachmann nahm die Finger vom Fenster und wippte auf den Füßen leicht hin und her.

»Sie haben ihn nie erwähnt.«

»Was?«

»In der Sendung, die andere Frau redet dauernd über ihren Mann, aber Sie erwähnen Ihren Freund nie.«

»Ja, das ist richtig.« Sie legte die Hände aufs Lenkrad. »Jetzt muss ich aber wirklich los. Die Nacht war lang.«

Jiří richtete sich langsam auf. Er war groß, fiel Stevie auf, etwa eins neunzig. Sie legte den Rückwärtsgang ein, und er trat einen Schritt zur Seite, als sie zurücksetzte. Stevie hob zum Abschied die Hand, und der Wachmann sagte etwas, das im Motorengeräusch unterging. Möglicherweise hatte er ihr nur einen guten Tag gewünscht, aber beim Wegfahren glaubte Stevie, ihn »Miststück« murmeln zu hören. Sie schaute in den Rückspiegel, bevor sie durch das Tor fuhr, und sah ihn auf ihrem leeren Stellplatz stehen. Hinter ihm dehnte sich ein langer, schwarzer Schatten.

Nach etwa einem Kilometer hielt Stevie am Straßenrand an. Sie rief auf ihrem iPhone die Nummer des St. Thomas’ Hospital auf, ließ sich von der Zentrale mit der Chirurgischen Abteilung verbinden und verlangte dann, nachdem es lange geklingelt hatte, Dr. Simon Sharkey zu sprechen.

»Dr. Sharkey hat bis Ende der Woche Urlaub.« Stevie erahnte das Krankenhaustreiben im Hintergrund und hörte die Ungeduld in der Stimme der Frau. »Kann ich etwas für Sie tun?«

»Nein«, sagte sie der Stimme. Niemand konnte etwas für sie tun.

Stevie dachte nicht mehr ans Bett, nach dem sie sich seit drei Stunden gesehnt hatte, und fuhr durch den morgendlichen Verkehr zu Simons Wohnung.

 

 

3Simon wohnte in einem Hochhaus in Poplar, das private Investoren aufgekauft und luxussaniert hatten. Gegen einige bauliche Merkmale waren die neuen Architekten jedoch machtlos gewesen, sodass Spuren des einstigen Sozialwohnungsbaus geblieben waren. Lifte und Eingangstüren waren in ihrer Größe für die Arbeiterklasse der 1960er Jahre entworfen worden, was den Übermenschen, die sie vertrieben hatten, Genügsamkeit abverlangte. Die überdachten Laubengänge, die einst sozialen Austausch hatten begünstigen sollen, brachten die neuen Bewohner in Verlegenheit, da sie bei einem Aufeinandertreffen den Blick abwenden mussten, um direkten Augenkontakt zu vermeiden.

Mit gesenktem Kopf ging Stevie an den Überwachungskameras in der Eingangslobby vorbei und fuhr mit dem Lift in den zwanzigsten Stock. Sie hatte vor, ihren Schlüssel durch Simons Briefkastenschlitz zu werfen, keine Nachricht, kein nichts. Die Schlüssel selbst waren Botschaft genug. Als sie jedoch vor seiner Wohnungstür stand, zögerte sie.

Simons Toilettenartikel waren entschieden männlich gewesen. Deshalb hatte Stevie ihre eigenen Lotionen, Shampoos und Kosmetika mitgebracht, allesamt sehr teuer. Außerdem hing noch ein Kleid in seinem Schrank, ein Etuikleid aus roter und violetter Seide, das sie in New York gekauft hatte. Sie klingelte, und als sich nichts rührte, schloss sie auf und betrat die Wohnung.

Ihr erster Gedanke war, dass es noch heißer war als draußen in der Sonne und dass Simon vergessen hatte, den Mülleimer auszuleeren. Sie machte vorsichtig die Tür hinter sich zu, aber das Schloss rastete nicht ein, und die Tür schwang wieder auf. Stevie fluchte leise. Seit sie ihn kannte, hatte Simon davon gesprochen, den verzogenen Türpfosten reparieren zu lassen. So eine Freundin brauchte er, eine, die sich um den häuslichen Kram kümmerte, damit er den Kopf für seine Patienten frei hatte. Sie schloss die Tür ab und verspürte plötzlich den Drang zu lachen.

Alles, was sie mitnehmen wollte, war im Schlafzimmer, aber Stevie ging zuerst in den langen Wohn-Essbereich mit der ultramodernen Küche. Der Raum lag im Halbdunkel, und obwohl sie sich vorgenommen hatte, nichts anzurühren, ging sie zu den Glastüren, die hinaus auf den Balkon führten, und zog die Vorhänge zurück.

Sie konnte den Olympiapark sehen, wo früher die alten Docks gewesen waren, und die anderen neuen Wahrzeichen der Stadt, die Wolkenkratzer The Gherkin und The Shard, die in der Ferne aus der Skyline herausragten. Stevie ging auf den Balkon und genoss das Gefühl der frischen Luft auf ihrer Haut. Sie schaute hinunter auf das manikürte Grün, das Simons Apartmentgebäude umschloss, und auf die Bushaltestelle dahinter, wo sich Rentner, Halbwüchsige und elegante Mamas drängelten. Simon hatte Witze über die Vorzüge einer Bushaltestelle vor der Haustür gemacht. Aber Stevie war in einer kleinen Sozialwohnung in einer Stadt aufgewachsen, deren Einwohner bedauerten, dass sie nicht mehr in einem Dorf lebten, und sie hatte sich gefragt, warum ein Chirurg mit einer Vorliebe für schnelle Autos, seidengefütterte Anzüge und Degustationsmenüs in einer Hochhaussiedlung wohnen wollte.

»Weil da das echte Leben ist«, hatte Simon gesagt. »Die meisten meiner Kollegen kommen einem Raubüberfall nie näher, als wenn sie das Opfer wieder zusammenflicken. Ich hingegen könnte auf dem Nachhauseweg zum Opfer werden.« Und er hatte gelacht.

Dunstige, verschmutzte Luft schimmerte am Horizont. Stevies Rachen fühlte sich rau an. Sie betastete ihren Hals, waren ihre Lymphknoten entzündet? Zu Hause würde sie sich sofort ins Bett legen, sonst wäre sie für die Sendung heute Abend nicht fit.

Es war ein eigenartiges Gefühl, sich ohne Simons Wissen in seiner Wohnung aufzuhalten, intensiv und bedrohlich. Plötzlich verstand sie, warum jugendliche Einbrecher oft noch länger in den Häusern blieben und den Kühlschrank plünderten, Obszönitäten an die Wände schmierten, die Einrichtung verwüsteten. Stevie ging zurück ins Wohnzimmer und schloss die Balkontüren. Nach ihrem kurzen Ausflug an die frische Luft empfand sie den Geruch als noch übler. Der vor sich hin schimmelnde Mülleimer war ein netter Willkommensgruß für Simon, wenn er von wo auch immer nach Hause zurückkehrte. Sie bemerkte den blinkenden Anrufbeantworter, dachte an ihre vielen Nachrichten und drückte auf die Abspieltaste, aber die Stimme auf der Aufnahme war die eines Mannes.

Wenn du da bist, geh bitte ran, Simon. Die Stimme eines Engländers, Oberschicht, angespannt vor Zorn oder Angst. Simon, geh ans Telefon. Sonst sagte er nichts, aber Stevie hörte ein angespanntes Atmen, bis die Aufnahme abbrach. Es folgten ein paar Anrufe ohne Nachricht, die vielleicht von ihr stammten oder auch nicht, und dann kamen die, auf die sie gewartet hatte, ihre eigene angestrengte Stimme, die nicht annähernd so locker klang, wie sie gedacht hatte, und sich erkundigte, ob bei ihm alles in Ordnung sei. Sie löschte die Aufnahmen, dann verharrte ihre zitternde Hand unschlüssig über der Taste und löschte schließlich auch die Nachricht des Fremden und die stummen Anrufe. Kaum hatte sie die Taste losgelassen, schämte sie sich. Es machte ihr nichts aus, wenn Simon wüsste, dass sie ihre Sachen aus der Wohnung geholt hatte. Aber bei dem Gedanken, wie er feststellte, dass sie seinen Anrufbeantworter abgehört hatte, wand sie sich innerlich. Sie zog die Vorhänge zu, und der Raum sank zurück ins Halbdunkel. Sie ging in Simons Schlafzimmer.

Die Jalousien im Schlafzimmer waren heruntergelassen, aber sie kannte sich aus in dem Raum und machte sich nicht die Mühe, sie hochzuziehen. Der Geruch war hier übler als im Wohnzimmer, und Stevie fragte sich, ob das nicht eher etwas mit den Abwasserrohren als mit dem überquellenden Mülleimer zu tun hatte. An der Wand hing eine gerahmte Fotografie, die einen jüngeren Simon mit zwei anderen Männern zeigte, denen er die Arme um die Schultern gelegt hatte. Alle drei, die anscheinend vor einer Universität standen, hatten schlaff herunterhängende Haare und grinsten verwegen in die Kamera. Simon war gut zwanzig Jahre jünger, aber der für sein Gesicht etwas zu breite Mund und die hohen Wangenknochen, die auf einen slawischen Zweig in seiner Familie hindeuteten, ließen schon den Mann erahnen, der er einmal werden würde. Stevie drehte das Bild zur Wand. Es hatte ihr nichts ausgemacht, dass Simon sie nie seinen Freunden vorgestellt hatte, aber jetzt ahnte sie, dass das ein Zeichen für sie hätte sein müssen.

Sie ging ins angrenzende Bad, vorbei an dem Bett, auf dem zu einem Haufen zusammengeknüllt eine Steppdecke und einige Kissen lagen. Ein weiterer Hinweis darauf, wie wenig sie Simon kannte, den Mann, dessen Ordnungsliebe sie als obsessiv beschrieben hätte.

Stevie sah im Spiegel ihr abgespanntes und leicht wirres Gesicht und wusste, dass sie nie hätte herkommen sollen. Sie stopfte ihre Toilettenartikel in die Handtasche und spürte dabei ein Prickeln in ihrem Nacken, als ob sie beobachtet würde.

»Falsch«, flüsterte sie ihrem Spiegelbild zu. »Manchmal liegst du so was von falsch.«

Sie spürte wieder den Drang zu kichern. Wenn sie es schaffte, unentdeckt aus der Wohnung zu verschwinden, würde sie Joanie alles erzählen, und dann würden sie zusammen darüber lachen. Schließlich war das, was sie hier tat, beruhigte sie sich, auch nicht durchgeknallter als manche der abenteuerlichen Sachen, die Joanie nach Dereks Untreue angestellt hatte.

Stevie schaute wieder in den Spiegel. Sie hatte die Badtür offen gelassen und konnte jetzt das Spiegelbild des Schlafzimmers sehen: den Stuhl, über dessen Armlehnen ordentlich zusammengelegt Simons Kleidung lag; die gerahmte Fotografie seiner Mutter auf der Kommode und das doppelt gespiegelte Schlafzimmer im Spiegel darüber; das ungemachte Bett mit der vertrauten weißen Bettdecke und das hässliche abstrakte Gemälde, dass sie, wenn sie ein Paar geworden wären, sicher ausgemistet hätte. Das Bett lockte sie, aber stattdessen öffnete sie das Schränkchen über dem Waschbecken, nahm ihr Parfüm heraus – und ließ die verspiegelte Tür wieder zuschwingen.

Es schien ihr die Luft aus den Lungen zu pressen. Die Parfümflasche schlug auf das Porzellan des Waschbeckens und zerbrach. Stevie war es egal. Sie hielt kurz inne, öffnete dann wieder die Tür des Schränkchens und drehte langsam den Spiegel, bis sie den Raum wieder so sah, wie sie ihn für einen Augenblick im zurückschwingenden Spiegel gesehen hatte.

Stevie nahm das Bild in sich auf und atmete dabei so geräuschvoll ein, als söge sie die gesamte Luft im Raum in ihren Körper. Simon lag wie in eine Kutte gehüllt unter der Bettdecke. Der Mund stand leicht offen, die Augen waren fast, aber nicht ganz geschlossen. Sein Gesicht war friedlich. Wenn die unnatürliche Kopfhaltung und die nilgrüne Hautfärbung nicht gewesen wären, hätte Stevie geglaubt, er schliefe. Der Zitrus-und-Moschus-Duft ihres Parfüms vermischte sich mit süßlich fauligem Verwesungsgeruch. Sie wusste sofort, dass Simon tot war.

 

 

4Die Atmosphäre der folgenden Stunden erschien ihr so unwirklich wie ein Film, den man sich auf einem Nachtflug ansah: ein ständiger Wechsel zwischen Eindämmern und wieder Aufwachen. Stevie wählte den Notruf und wartete in Simons Wohnzimmer, bis Polizei und Rettungsdienst eintrafen. Mit toten Augen beobachtete sie, wie die Sanitäter mit einer Trage und einem Leichensack die Wohnung betraten.

»Sie wohnen also nicht hier?« Der Polizist hatte die Frage schon einmal gestellt, aber vielleicht gehörte es zur üblichen Vorgehensweise, jede Frage zweimal zu stellen. Sie saßen sich im Wohnzimmer gegenüber. Jemand hatte die Vorhänge geöffnet, und Stevie konnte den blauen, dunstig heißen Himmel sehen. Sie wollte sich in die Decke einwickeln, die auf der Rückenlehne der Couch lag, und nur noch schlafen. Sie trank einen Schluck Wasser aus dem Glas, das ihr jemand gegeben hatte, und versuchte sich zu konzentrieren.

»Nein«, sagte sie. »Ich wohne nicht hier.«

Der Polizist trug etwas in das Formblatt ein, das auf der Armlehne seines Sessels lag. Der Beamte war Ende vierzig, hatte Falten um die Augen und ein verwittertes Gesicht, das ihn bäuerlich aussehen ließ. Aber sein Akzent war der der Straßenhändler und Futures Broker aus dem East End.

»Und die Schlüssel für die Wohnung hat Ihnen Dr. Sharkey gegeben?«

»Ja.«

Sie hatte die Schlüssel auf den Couchtisch gelegt, der zwischen ihnen stand. Sie berührte sie leicht mit den Fingerspitzen, um ihm zu zeigen, dass sie nicht vorhatte, sie wieder mitzunehmen. Sie hatte die Schlüssel an einen roten Plastikanhänger in Herzform geklemmt. Simon hatte gewitzelt, sie sähen wie die Zimmerschlüssel in einem Liebeshotel aus. »Woher willst du das wissen?«, hatte sie gefragt, worauf er ihr zugezwinkert hatte.

Ein Sanitäter rief den Polizisten ins Schlafzimmer, wo sie sich flüsternd unterhielten. Stevie schloss die Augen. Simon war tot, und sie hatte ihn gefunden. Sie stellte sich die Szenerie vor: die leere Wohnung, ihre Stimme auf dem Anrufbeantworter, hart und ungeduldig, während Simon nebenan zusammengerollt auf dem Bett lag und nichts mehr hören konnte.

Der Sessel knarzte, als sich der Polizist mit seinem massigen Körper wieder setzte. Stevie hob den Blick. Die Augen des Polizisten waren dunkel vor Schlafmangel, die Haut unter der Bräunung blass. Sie fragte sich, ob auch er eine lange Schicht hinter sich hatte.

»Es hat den Anschein, als sei Dr. Sharkey eines natürlichen Todes gestorben. Aber natürlich müssen wir noch den offiziellen Bericht des Gerichtsmediziners abwarten.« Er beugte sich mit verschränkten Fingern vor und bemühte sich um eine Vertraulichkeit, die keiner von beiden empfand. Sie sah die winzigen Schweißperlen auf seiner Stirn. »Nur zur Klarstellung: Sie haben keine Drogenutensilien oder Schnapsflaschen, keine Mitteilungen oder sonst irgendetwas beseitigt, um den Angehörigen zusätzlichen Kummer zu ersparen?«

Die gelöschten Nachrichten auf dem Anrufbeantworter spukten in Stevies Kopf herum, aber sie sagte: »Nein. Nichts.« Neben ihren Füßen lag die Handtasche mit ihren Toilettenartikeln. Sie wollte sie nicht mehr. Sie könnte dieses spezielle Parfüm nicht mehr riechen, ohne sich sofort an den Verwesungsgeruch zu erinnern, den sie fälschlicherweise für verschimmelnden Müll gehalten hatte. »Ich verstehe nicht. Was meinen Sie mit ›eines natürlichen Todes‹? Simon war erst Anfang vierzig, er ist dreimal die Woche ins Fitnessstudio gegangen.«

»Wie gesagt, wir können nichts sicher sagen, bevor wir nicht den Bericht des Gerichtsmediziners haben. Aber so traurig es ist, das ist nicht so ungewöhnlich, wie Sie vielleicht glauben. Junge, gesunde Männer erleiden gelegentlich einen Herzanfall oder sterben ohne ersichtlichen Grund im Schlaf.«

»Ohne ersichtlichen Grund.« Sie wiederholte leise seine Worte und erinnerte sich an einen Fußballer, der bei einem Länderspiel auf dem Spielfeld zusammengebrochen war, niedergestreckt von einem Herzanfall. Und hatte nicht die Mutter einer Klassenkameradin deren Bruder tot in seinem Bett gefunden? Stevie hatte schon seit Jahren nicht mehr daran gedacht. »Hatten Sie schon mal so einen Fall?«

»Ein- oder zweimal.« Sein Gesicht war ausdruckslos. »Der einzige Trost ist, dass es ein friedlicher Tod ist. Es sieht aus, als wäre er eingeschlafen und einfach nicht mehr aufgewacht.«

Der Polizist legte die Aussage, die er von ihr aufgenommen hatte, auf den Couchtisch. Stevie unterschrieb, ohne sich die Mühe zu machen, sie durchzulesen.

»Mein aufrichtiges Beileid«, sagte er, als er sie zur Tür begleitete.

»Wir waren erst seit vier Monaten zusammen«, sagte Stevie. »Ich kann Ihnen nicht mal sagen, wen Sie benachrichtigen müssen.«

»Dann haben Sie genau das Richtige getan, als Sie uns angerufen haben.« Der Polizist zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und tupfte sich den Schweiß vom Gesicht. Er schaute sich um. Vielleicht wollte er sichergehen, dass die Sanitäter sich nicht mit Simons Leiche durch den Flur zwängten, bevor sie gegangen war. »Viele wären einfach wieder gegangen und hätten sich den ganzen Ärger erspart.«

»Hätten Sie das getan?«

Der Polizist dachte kurz nach, und Stevie erkannte, dass jetzt der Mensch, nicht die Uniform, zu ihr sprach.

»Nein«, sagte er. »Ich hätte genauso gehandelt wie Sie. Aber das hier ist mein Job. Ich weiß, wie so was abläuft. Manche Leute bekommen es beim Gedanken an die Obrigkeit mit der Angst zu tun. Sie machen sich lieber aus dem Staub oder rufen später anonym an.«

»Ich habe im Wohnzimmer gewartet«, sagte sie. Plötzlich fand sie es furchtbar, dass sie Simon allein gelassen hatte, nachdem er all die Tage und Nächte einsam auf seinem Bett gelegen hatte. »Ich bin nicht bei ihm geblieben.«

»Das hätte auch keinen Unterschied gemacht. Aber für die Angehörigen vielleicht die Tatsache, dass Sie uns gerufen haben.« Der Polizist hielt sich die Hand vor den Mund und hustete. »Entschuldigung, eine Allergie.« Er tupfte sich mit dem Taschentuch wieder die Stirn ab. »Was ist mit Ihnen?«, fragte er. »Das war ein Schock für Sie. Haben Sie jemand, der zu Hause nach Ihnen schaut?«

»Ich lebe allein, aber das ist schon okay. Ich bin daran gewöhnt.«

»Ich auch«, sagte der Polizist. »Mich würde auch keiner finden.«

 

 

5Stevie zog sich aus, stopfte die Kleidung in die Waschmaschine und schlüpfte in ihren Bademantel. Es war heiß in ihrer Wohnung, und sie schenkte sich ein Glas Wasser ein. Die Oberfläche der Flüssigkeit zitterte, sie hatte Mühe, das Glas bis an ihren Mund zu führen. Ihr fiel ein, dass hinten in der Besteckschublade noch eine Packung Valium liegen musste, ein Überbleibsel aus der Zeit, als ihre Mutter gestorben war. Stevie schluckte zwei Tabletten, stellte sich unter die Dusche und drehte das heiße Wasser so weit auf, wie sie es gerade noch aushalten konnte. Sie schloss die Augen, hob das Gesicht zum Duschkopf, ließ das Wasser durch ihre Haare strömen und versuchte jeden Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen, bis sie nur noch das auf ihr Fleisch trommelnde Wasser spürte.

Später wickelte sie sich in ihren Frottee-Bademantel und rief im Sender an, dass sie krank sei und heute und wahrscheinlich auch morgen Abend nicht kommen könne. Dann wurde sie zu ihrer Überraschung tatsächlich krank, so erbärmlich krank, dass die Schmerzen an jeder Faser, jedem Muskel zerrten. Ihre Eingeweide verkrampften sich, und ihr wurde klar, dass ihr Körper entschlossen war, alles aus sich herauszuspeien.

Als sie das hinter sich hatte, trank Stevie einen Schluck Wasser, zog einen alten Schlafanzug an und legte sich ins Bett. Das Zimmer schien zur Seite wegzukippen, und sie sah wieder Simons Gesicht vor sich. Sein Mund war leicht geöffnet gewesen, die Lippen zurückgezogen, die Zähne entblößt. Wieder überkam sie Brechreiz. Sie schaffte es gerade noch ins Bad.

Einem langen, schlaflosen Tag folgte eine fiebrige Nacht voller Albträume. Sie wurde Teil einer schwebenden Welt ohne Ränder oder Schwerkraft, wo nichts an die Erde gebunden war und Menschen und Gegenstände losgelöst von Zeit und Raum dahintrieben. Sie sah Joanie und Derek, herausgeputzt für eine Nacht auf der Piste, und wusste, dass auch sie tot waren. Der neue Wachmann schob ihr seine Hand unter den Rock und flüsterte ihr »Wie steht’s, Lust auf noch einen?« ins Ohr. Die Sonne färbte sich orange, und eine Stimme in ihrem Kopf, die nicht ihre eigene war, sagte, dass das ihren Tod bedeutete.

Irgendwann in den frühen Morgenstunden kam Simon in ihr Schlafzimmer. Er trug einen Arztkittel, in dem sie ihn noch nie gesehen hatte, und war vollkommen wiederhergestellt. Ihr fiel der rote Kugelschreiber in seiner Brusttasche auf und darüber der Tintenfleck, wo Simon den Stift ohne die Kappe achtlos hineingeschoben hatte. Er lächelte ihr zu, dann öffnete er die Tür und verschwand. Als sie aufwachte, waren es diese Details, die ihr Angst einjagten: der Tintenfleck, die sich schließende Tür.

Auf dem Kissenbezug klebte verschmiertes, atomgelbes Erbrochenes. Stevie stopfte das Kissen unter das Bett und stolperte in die Küche. Die Träume zerrten immer noch an ihrem Bewusstsein. Erbrochenes hing in ihren Haaren, aber sie war zu schwach, um sich noch einmal zu duschen. Sie versuchte es mit den Fingerspitzen herauszukämmen und hielt dann den Kopf unter den Wasserhahn. Unter dem kalten Wasser zog sich die Kopfhaut schmerzhaft zusammen. Sie trank einen Schluck und übergab sich sofort ins Waschbecken.

Ihre Rippen schmerzten mehr, als wenn sie bei einem Wildwasserrennen über Bord gegangen, einen Kilometer stromabwärts gespült worden und dabei ständig gegen die Felsbrocken im Flussbett geschlagen wäre. Von den Gedanken an das Wasser, an seine zentrifugalen Kräfte, wurde es Stevie schwindelig, und sie übergab sich erneut.

Sie holte eine Plastikschüssel, stellte sie neben das Bett und würgte auch dann noch in sie hinein, als sie die Versuche, ihrem Körper ausreichend Flüssigkeit zuzuführen, schon lange aufgegeben hatte. Sie schlief ein, und als sie wieder aufwachte, wusste sie sofort, dass sie sich eingenässt hatte. Stevie zerrte das Laken vom Bett, machte sich mit dem Saum des Lakens so gut es ging sauber und kroch zurück auf die nackte Matratze. In ihrem Kopf hörte sie ein Geräusch, das wie ein Fernschreiber aus einem alten Film klang. Ihre Zähne klapperten. Für mehr als ein dünnes Laken war es in den letzten Nächten zu warm gewesen, ihre Daunendecke hatte sie schon vor Wochen weggepackt. Jetzt zog sie sie wieder aus der Truhe am Fußende des Bettes und deckte sich damit zu, ohne sich die Mühe zu machen, auch noch einen Bezug hervorzukramen. Irgendwo in der Ferne klingelte ein Telefon, aber es erschien ihr weiter entfernt als ihre Träume. Stevie kam nicht mal in den Sinn, aufzustehen und abzuheben.

Als sie sich das nächste Mal einnässte, weinte sie. Aber zu mehr als einem trockenen Schluchzen, das vor Kraftlosigkeit schnell wieder verstummte, war sie nicht imstande. Sie strampelte die Daunendecke vom Bett und zog ihren Bademantel an. Ihre Bewegungen waren jetzt rein instinktiv, Erinnerungen daran, wie sie sich bewegen sollte.

Sie wachte auf und drehte sich um. Sie fragte sich, warum sie so fror.

Ihre Mutter streichelte ihr die Wange und sang ein Lied, das Stevie vergessen hatte. Sie dehnte die Melodie, wie sie es immer tat.

Es war ein Hund im Zimmer. Sie konnte sein Hecheln hören. Es war dunkel im Zimmer. Die Finsternis verschluckte den Hund, aber sie konnte seine Augen schimmern sehen. Er wartete nur darauf, dass sie wieder einschlief.

Sie musste wach bleiben.

Sie schloss die Augen und schlief.

Sie schlief.

Sie schlief.

Sie schlief.

Sie wachte auf und fragte sich, wo sie war.

Sie drehte sich um, schloss die Augen und schlief.

Wieder saß ihre Mutter an der Bettkante, ihr Gesicht alt und gelb, so wie es gewesen war, als es mit ihr zu Ende ging. Sie berührte Stevies Gesicht und sagte: »Ich wäre gern in meinem eigenen Bett gestorben.« Stevie sagte: »Ich weiß.« Sie schloss die Augen.

Sie wachte auf und schlief ein und wachte auf und schlief ein und wachte auf und sah ihre Sachen durchs Zimmer schweben das neue Kleid das sie letzte Woche gekauft hatte dessen Ärmel auf und ab schwangen im Takt eines Pochens das sie nicht hören konnte und dann vielleicht doch das Geräusch des in ihrer Brust ächzenden Herzens die Halsketten und Armbänder waren aus der Schatulle gefallen und explodierten in Zeitlupe wie Feuerwerkskörper die sie fasziniert beobachtete Schuhe Schuhe Schuhe Stiefel Schuhe und Sandalen wirbelten durch die Luft und verhedderten sich mit ihren Slips BHs und Strumpfhosen das Paar Strümpfe das sie Simon gekauft hatte und dann wegen des Klischees doch nicht geschenkt hatte zerknäult dann neckisch entwirrt hätten sie ihm doch gefallen der Hund war wieder da und hechelte im Dunkeln und wartete nur darauf über sie herzufallen sobald sie die Augen schloss sie fror fror fror und rief ihrer Mutter zu dass sie die Fenster schließen soll aber ihre Mutter war tot und das Fenster schon verriegelt damit ihre Kleidung nicht davonwehte es war dunkel und dann schien die Sonne hinein und schmerzte auf ihren Augen sie drehte sich um und schlief wieder und drehte sich um und schlief und wachte im Dunkeln und dann im Sonnenlicht auf und drehte sich um und schlief.

Stevie ließ den Bademantel vor der Dusche auf den Boden fallen und trat nackt unter das rauschende Wasser. Ihr Körper war überzogen von einem entzündeten, roten Ausschlag, der schon anfing, Blasen zu werfen. Sie musste an die Strahlenopfer denken, die sie in einem Dokumentarfilm über Japan gesehen hatte. Der besudelte Bademantel lag wie etwas Totes auf dem Boden. Die Atombombe hatte Menschen verglühen lassen und ihre Umrisse wie Schatten auf den Boden gemalt.

Sie warf den Bademantel in die Duschkabine, wickelte sich in ein Badetuch und ließ sich auf das Bett im Gästezimmer fallen, das sie als Büro benutzte. Wieder überkam sie ein Brechreiz, aber der Magen war leer, und sie brachte nichts als ein schmerzhaftes Würgen zustande. Ihr Körper verkrampfte sich, als wollte er ihre inneren Organe ausscheiden, und sie stöhnte laut auf. Wieder kam Stevie der Gedanke, dass sie sterben könnte. Sie dachte flüchtig daran, einen Arzt zu rufen, aber sie war zu müde und zu schwach. Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass sie sich so widerstandslos dem Schicksal ergeben würde. Irgendwo klingelte ein Handy. Sie wünschte sich, Simon würde ans Telefon gehen, damit endlich der Lärm aufhörte. Sie fiel in einen tiefen und traumlosen Schlaf, der sie wie eine Art Tod überwältigte.

 

 

6Stevie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, als sie durstig und steif aufwachte. Sie duschte wieder. Der Ausschlag war immer noch da, aber die Entzündung war zurückgegangen, und die Blasen, die sie an die Strahlenkrankheit erinnert hatten, waren von selbst wieder geschrumpft. Sie rieb sich mit der mildesten Feuchtigkeitscreme ein, die sie finden konnte, und tastete dabei die vom Würgen noch empfindlichen Stellen rund um ihre Rippen vorsichtig ab. Sie zog einen alten Jogginganzug an, der vom vielen Waschen weich und ausgeleiert war. Stevie schickte Joanie eine SMS mit der Bitte, im Sender Bescheid zu sagen, dass sie erst in ein oder zwei Tagen wieder einsatzbereit sei. Dann legte sie sich auf die Couch, zog sich eine Decke über den Körper und schlief wieder ein.

Später machte sie sich eine Tasse dünnen schwarzen Tee. Noch später bereitete sie sich eine Nudelsuppe aus der Packung zu, die sie hinten im Küchenschrank gefunden hatte. Stevie aß vorsichtig, weil sie sich nicht sicher war, ob ihr die Suppe wieder hochkommen würde. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass sie einen Bärenhunger hatte. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht noch einen Teller hinunterzuschlingen.

Die bloße Tätigkeit des Essens hatte sie so angestrengt, dass sie sich wieder auf der Couch zusammenrollte. Sie dachte an die besudelten Bettlaken und Kissen, die sie unter das Bett gestopft hatte, fand aber nicht die Kraft, sich darum zu kümmern. Sie schaltete den Fernseher ein und erinnerte sich an Simons Kopfhaltung, an das höhnische Grinsen, das seins war und auch wieder nicht.

Der Glockenschlag von Big Ben und der hektische Jingle, der die Nachrichten ankündigte, weckten Stevie. Die Hauptnachricht drehte sich um ein Geheimlager mit bombenfähigem Material, das man im Haus eines weißen Rassisten in den Midlands gefunden hatte. Stevie schaltete den Fernseher stumm, strich sich das Haar zurück, schlüpfte in ihre Turnschuhe und stapfte nach unten zu den Läden unter ihrer Wohnung. Draußen war es kühl. Das Licht der Natriumstraßenlaternen blendete die Sterne aus, aber sie meinte, sie wie spitze Nadeln am Firmament zu spüren. Sie glaubte nicht an Gott oder ein Leben nach dem Tod, aber ihre Gedanken drehten sich so ausschließlich um Simon, dass sie seine Anwesenheit zu spüren glaubte, als stünde er gleich außerhalb ihres Blickfelds und beobachtete, was sie als Nächstes tun würde.

»Ich habe gottverdammt keine Ahnung, was ich als Nächstes tun werde«, flüsterte Stevie und bekam sofort ein schlechtes Gewissen, obwohl Simon darüber gelacht hätte.

Sie kaufte einen Zwei-Liter-Tetrapack Milch, trank ein Glas und legte sich ins Bett im Gästezimmer.

Als Stevie am nächsten Morgen auf ihr Handy schaute, zeigte das Display eine Litanei von Anrufen und Textnachrichten an. Sie scrollte sie durch und verzog das Gesicht, als wie eine Ermahnung die Nummer von Rachel, der Produzentin des Senders, wieder und wieder auftauchte. Sie machte es sich auf der Couch bequem und schaltete den Fernseher ein. Die Geschichte über das Bombenmaterial war einer Explosion in einer Feuerwerksfabrik irgendwo im Fernen Osten gewichen. Wo genau, verstand sie nicht, der Ton war zu leise. Während sie ihre Nachrichten durchging und nach Joanies Namen suchte, fragte sie sich, ob ihre Freundin mal wieder ihr Handy verlegt hatte. Stevie wollte Joanie von Simon erzählen, sie wollte darüber sprechen, um so den Schock über seinen Tod zu lindern.

Es klingelte an der Haustür, laut und hartnäckig, länger als höflich gewesen wäre. Stevie brummte: »Wenn man vom Teufel spricht.« Sie stapfte in den Flur, wunderte sich über den üblen Geruch in der Wohnung und hoffte, dass Joanie keine Flasche Sekt mitgebracht hatte. Es klingelte wieder, und sie rief: »Ja, ja, ich komme.« Ihre Stimme klang zerschunden.

Die Frau vor der Tür war ein bisschen älter als Stevie. Sie trug ein nüchternes blaues Businesskostüm und eine luftige weiße Bluse, die sie vollbusig wirken ließ.

»Ich möchte mit Steven Flint sprechen.«

Sie hielt eine große Handtasche, die mit unnützen Goldketten und Schnallen verziert und dem Chanel-Logo bedruckt war, vor ihrem Körper, als wollte sie einen Angriff abwehren oder selbst damit attackieren.

Stevie trat einen Schritt zurück, behielt aber die Hand am Türgriff, um sie schnell wieder schließen zu können. »Tut mir leid, aber ich kaufe nichts an der Tür«, sagte sie, obwohl sie instinktiv wusste, dass die Frau ihr nichts verkaufen wollte.

»Ich will Sie nicht beschwatzen, den Gaslieferanten zu wechseln.« Das Lachen der Frau war rau und ungläubig, aber auch leicht angespannt, was Stevie verriet, dass sie nervös war. »Das ist doch die richtige Adresse, oder?« Sie zog einen Zettel aus der Tasche und schaute darauf. »Hier wohnt doch Steven Flint, oder?«

»Was wollen Sie?«