Variationen des Themas „Glück“ im Schulbuch - Juliane Wagner - E-Book

Variationen des Themas „Glück“ im Schulbuch E-Book

Juliane Wagner

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Beschreibung

Diplomarbeit aus dem Jahr 2004 im Fachbereich Ethik, Note: 1, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (Institut für Philosophie, Didaktik der Ethik und Philosophie), Veranstaltung: Staatsexamensarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien, Sprache: Deutsch, Abstract: Die vorliegende Arbeit widmet sich einem bisher wenig erforschten Gebiet: einer vergleichenden Analyse von Schulbüchern des Unterrichtsfaches Ethik. Die Untersuchungen lassen sich problemlos auf die Fächer Werte und Normen sowie Praktische Philosophie übertragen, insofern wesentliche Inhalte der curricularen Vorgaben übereinstimmen. Analysiert wurden exemplarisch Schulbücher, die im Land Sachsen-Anhalt zugelassen sind. Die Untersuchung zeigt einen Vergleich und eine Würdigung der Qualtität der Schulbücher hinsichtlich der Behandlung des Themas Glück. Als fachwissenschaftliche Grundlage fungiert eine chronologische Rezeption und Interpretation der Glückskonzeptionen. Die eigentliche Untersuchung findet auf der Basis eines hierfür entwickelten Untersuchungsrasters statt. Dieses basiert auf einer Synthese des Salzburger Rasters sowie der Systematik Peter Weinbrenners der Universität Bielefeld, begleitet von Kriterien Josef Thonhausers. Daraus sind Dimensionen wie "Sache", "Methodik-Didaktik" und "Unterrichtsplanung" abgeleitet, die im jeweiligen Schulbuch untersucht werden. Um die Ergebnisse überschaubar und gewissermaßen nutzbar zu gestalten, werden die Dimension gewichtet und mit Noten versehen. Grundlage sind die hierfür auf den Seiten 21 ff erläuterten Kriterien. Die Analysen der einschlägigen Kapitel der Schulbücher fragen nach der Art und Weise der Transformation der fachwissenschaftlichen Grundstruktur der Thematik sowie dem zielorientierten Lernen der Schüler im Unterricht. Hierbei wird zunächst auf die jeweilige Präsentation des Themas selbst eingegangen, um anschließend die Dimensionen klar zu akzentuieren. "Ziel aller analysierten Aspekte und deren Bewertungen soll sein, ein Hilfsmittel für die Entscheidungsfindung bei der Auswahl bestimmter Schulbücher und deren Begleitmaterialien zu entwickeln. [...] Ausgehend von der zentralen Rolle des Schulbuches, gewissermaßen dem Leitgedanken dieser Arbeit, muss akzentuiert werden, dass solch eine Analyse nach einem bestimmten Muster in der Praxis nur selten gangbar ist. Jedoch sollte jeder Lehrer im Gebrauch stehende Bücher gewissen Prüfungen unterziehen und dabei bestimmte Anforderungen, sich selbst und vornehmlich zugunsten der Schüler, zu formulieren." [Seite 121]

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Veröffentlichungsjahr: 2009

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inhaltsverzeichnis

 

1 Einleitung

1.1 Zum Thema der Arbeit

1.2 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

2 Probleme der Glücksbestimmung

3 Formen des Glücks

3.1 Das Aristotelische Konzept der Eudaimonia

3.2 Epikurs Theorie des Glücks

3.3 Die Stoa` - Tugend als Weg zur Glückseligkeit

3.4 Thomas von Aquins Theorie des Glücks

3.5 Kant und die Würdigkeit zum Glück

3.6 Die Theorie des Glücks im klassischen Utilitarismus

3.7 Flow

4 Konkretisierung der Fragestellung

4.1 Intentionen

4.2 Grundlagen der Analyse

4.3 Sachdimension

4.4 Methodisch-didaktische Dimension

4.5 Funktion für die Planung des Unterrichts

4.6 Analyseraster

5 Klett Verlag

5.1 Gestaltung der Schulbücher „Leben leben“

5.2 Darstellung des Themas in „Leben leben 7/8“

5.3 Leben leben 9/10

5.3.1 Sachdimension im Schulbuch

5.3.2 Methodisch-didaktische Dimension

5.3.3 Funktion in der Planung für den Unterricht

5.4 Darstellung des Themas in „Horizonte Praktischer Philosophie“

5.5 Kommentar

6 Verlag Volk & Wissen

6.1 Gestaltung der Schulbücher „Ich bin gefragt“

6.2 „Ich bin gefragt 7/8“

6.2.1 Sachdimension

6.2.2 Methodisch-didaktische Dimension

6.2.3 Funktion für die Planung des Unterrichts

6.3 „Ich bin gefragt 9/10“

6.3.1 Sachdimension

6.3.2 Methodisch-didaktische Dimension

6.3.3 Funktion für die Planung des Unterrichts

6.4 Kommentar

7 Bayerischer Schulbuchverlag

7.1 Vorstellung der Schulbücher „ethik“

7.2 Darstellung des Themas in „ethik 7“

7.3 Darstellung des Themas in „ethik 8“

7.4 Darstellung des Themas in „ethik 9“

7.5 „sehen – werten – handeln“

7.5.1 Gestaltung

7.5.2 Sachdimension

7.5.3 Methodisch-didaktische Dimension

7.5.4 Funktion für die Planung des Unterrichts

7.6 Kommentar

8 Militzke Verlag

8.1 Vorstellung der Schulbücher

8.2 Darstellung des Themas in „Ethik 7/8“

8.3 „Ethik 9/10“

8.3.1 Sachdimension

8.3.2 Methodisch-didaktische Dimension

8.3.3 Funktion für die Planung des Unterrichts

8.4 „Das Leben hat viele Gesichter 7/8“

8.4.1 Sachdimension

8.4.2 Methodisch-didaktische Dimension

8.4.3 Funktion für die Planung des Unterrichts

8.5 Darstellung des Themas in „Ethik/ Philosophie 9/10“

8.6 Kommentar

9 Cornelsen Verlag

9.1 Gestaltung der Schulbücher

9.2 Darstellung des Themas in „Ethik 7/8“

9.3 „Ethik 9/10“

9.3.1 Sachdimension

9.3.2 Methodisch-didaktische Dimension

9.3.3 Funktion für die Planung des Unterrichts

9.4 Kommentar

10 Zusammenfassung

11 Literatur

12 Anlagen

 

1 Einleitung

1.1 Zum Thema der Arbeit

Das Schulbuch beeinflusst den Unterricht in inhaltlicher und didaktischer Hinsicht so zentral wie kein anderes Medium. Während der gesamten Schulzeit stellt es das meistgenutzte Medium dar. Dementsprechend wird ihm ein hoher Stellenwert beigemessen. Diese Aspekte sind entscheidend für die Auswahl der zu verwendenden Schulbücher. In besonderer Weise gelten diese Faktoren für den Ethikunterricht, denn hier spielt das Buch eine zentrale Rolle für den Bildungs- und Sozialisationsprozess der Schüler und vermittelt zudem Werturteile, Überzeugungen und damit im weitesten Sinne ideologische Ansätze.

Die vorliegende Auseinandersetzung um Schulbücher für den Ethikunterricht konzentriert sich auf den Themenbereich Glück bezüglich seiner Vielseitigkeit in der inhaltlichen Darstellung sowie der didaktischen und funktionellen Konzeption. Stillschweigend davon ausgehend, dass das Lehrbuch im Unterricht tatsächlich die zentrale Position einnimmt, wird die Frage nach der Verwendung des Lehrbuches in der Schule bei Lehrern und bei Schülern analysiert.

Am Beispiel des Themenbereiches Glück werden in der vorliegenden Arbeit die genannten Aspekte geprüft und bewertet. Es wird das Motiv Glück in jedem der zugelassenen Schulbücher hinsichtlich seiner manifesten beziehungsweise latenten Darstellung sowie seiner didaktischen Gestaltung analysiert.

1.2 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

Grundlage der Schulbuchanalyse ist eine fachwissenschaftliche Erläuterung, ausgewählt unter dem Gesichtspunkt der Bedeutsamkeit verschiedener Formen des Glücks. Das sachliche Fundament gibt den Rahmen vor, der jedoch innerhalb der Untersuchung geöffnet wird, da nicht in jedem der Bücher eine komplexe Gestaltung der Glücksformen zu erwarten ist. Vielmehr werden Aspekte der Problematik dargestellt und dementsprechend an Hand des Analyserasters beschrieben. Dennoch wird ein steter Bezug zur sachlichen Erschließung gesucht, da sie einerseits die Basis in ethisch-philosophischer Hinsicht, andererseits die Kernthemen der Rahmenrichtlinien sind.

Der anfänglichen Erschließung folgt die Darstellung und Begründung der Analyse- und Auswahlkriterien der Schulbücher.

Zu Debatte stehen zugelassene Schulbücher der Verlage:

Klett Schulbuchverlag

Volk & Wissen Verlag

Bayerischer Schulbuchverlag

Militzke Verlag

Cornelsen Verlag.

Diejenigen Schulbücher, in denen der Themenbereich in manifester Form vorliegt, werden stichprobenartig unter den an späterer Stelle angeführten Analyseschwerpunkten vorgestellt. Diejenigen, in denen die latente Bearbeitung des Themas zu erkennen ist, werden im Rahmen einer Darstellung hinsichtlich des Themenbereiches vorgestellt und beschrieben.

Inhaltlich besteht ein Bezug zur fachwissenschaftlichen Fundierung, gewissermaßen als implizite Reflexion der Rahmenrichtlinien und der Fachwissenschaft, aus der der Ethikunterricht hervorgeht.

2 Probleme der Glücksbestimmung

 

Jeder hat das Ziel, glücklich zu leben. Gelingt das nicht, so möchte man doch wenigstens gut leben. Im umgangsprachlichen Gebrauch heißt glücklich sein, über einen gewissen Mindeststandard an materiellen und ideellen Gütern zu verfügen. Erste Assoziationen beim Nachdenken über das Glück treten hinsichtlich einer materiellen Sicherheit, Gesundheit, der Fähigkeit zum Genuss, einer funktionierenden Gemeinschaft in der Familie oder gar in der Gesellschaft und schließlich eines allgemeinen Wohlgefühls auf.

 

Die Frage nach dem Glück und der Glückseligkeit beschäftigt die Menschheit seit Jahrtausenden. Glück kann offensichtlich nicht als ein konstanter Zustand angesehen werden. Wesentlicher Part für das Glück sind zweifelsohne Glücksgefühle, Glückserlebnisse und Glücksbewusstsein. Was des einen Leid ist des anderen Freud, respektive Glück. Wir Menschen müssen uns mit diesem Tatbestand konfrontieren und schlussfolgern, dass die verschiedenen Glückskonzeptionen in keiner Weise miteinander harmonieren müssen. Diese Diskrepanz ist eine Voraussetzung jeglicher Glücksforschung und -diskussion auch hinsichtlich der moralischen Aspekte des Glücks.

 

Im ersten und geläufigsten Sinne nennen wir jemanden glücklich, dessen Leben wir als gelungen und gut bewerten, in dessen Leben es an nichts fehlt, was zur Glückseligkeit entscheidend beiträgt. Hier nennen wir eine Person glücklich, von der wir wissen, dass sie sich wohlfühlt im Sinne des Lebensglücks, was in anderen Sprachen wie zum Beispiel im Griechischen eudaimonia, im Französischen bonheur, im Lateinischen beatitudo und im Englischen happiness genannt wird.

 

In einem zweiten Sinne behaupten wir über eine Person, sie hätte Glück gehabt, weil ihr bestimmte Dinge und Ereignisse widerfahren sind, die positiv und gut sind und die vor allem nicht erwartet werden konnten. In diesem Moment spricht man vom sogenannten Zufallsglück, das im Deutschen nur mit dem Begriff Glück, der auch für alle anderen Formen steht, beschrieben werden kann, wenngleich es sich in anderen Sprachen unterscheidet von anderen Glückspositionen. In der griechischen Sprache heißt es eutychia, im Lateinischen fortuna, im Französischen chance sowie im Englischen luck.[1]

 

Ein Zusammenhang zwischen den beiden Positionen besteht darin, dass eine Person ohne Glück im zweiten Sinne, also ohne glückliche Zufälle und Voraussetzungen und ohne das Glück als Lust niemals in den Zustand des ersten Glücksbegriffes gelangen wird, also auch kein gelungenes Leben haben wird.[2]

 

Welche Bedingungen müssen erfüllt werden, um von einem menschlichen Glück sprechen zu können? Zunächst muss dem Betroffenen bewusst sein, dass das Leben endlich und verletzlich ist. Drei markante Punkte werden genannt - eine „relative Sicherheit“, eine „relative leibliche und seelische Gesundheit“ und eine „minimale Freiheit“, deren Erfüllung eine Voraussetzung für die Möglichkeit, Glück zu empfinden, darstellen soll.[3] Der jeweilige Zusatz relativ ist notwendig, denn es muss zweifelsfrei davon ausgegangen werden, dass auch mit gewissen Einschränkungen durchaus Glück empfunden werden kann. Dennoch dürfen bestimmte Bedrohungen nicht das Übermaß erreichen, die dann die „minimale Verlässlichkeit“ - die leibliche Integrität, eine minimale Grundversorgung, eine Vertrautheit mit der Lebenswelt und ein Verlass auf Mitmenschen impliziert[4] - der menschlichen Lebenswelt vernichten.

 

Es ist sicher nicht möglich, ein für alle verbindliches Glück festlegen zu wollen. Man kann dennoch davon ausgehen, dass es soziologisch-anthropologisch betrachtet relativ allgemein anerkannte Stufungen der Glücksvorstellungen gibt. Diese sind einerseits in den in der Folge erläuterten Formen des Glücks wiederzufinden. Andererseits spielen zahlreiche Aspekte über Formen, Inhalte, Bedingungen et cetera eine Rolle, die insbesondere durch Martin Seels „Versuch über die Form des Glücks“ im Mittelpunkt stehen sollten.

 

3 Formen des Glücks

 

3.1 Das Aristotelische Konzept der Eudaimonia

 

„Alle Menschen wollen, dass ihr Leben gelingt. ... Alle Menschen wollen letzten Endes um dieses Zieles willen alles andere. ... Die Richtigkeit und Verkehrtheit menschlicher Handlungen lassen sich beurteilen, ob sie geeignet sind, dieses Ziel zu fördern oder nicht.“[5] Die drei Thesen sind markant und zentral in der antiken griechischen Philosophie, innerhalb derer der Grundstein für die Überlegungen über das Glück des Menschen im Zusammenhang mit dessen Handeln gelegt wird. Die antike Ethik insgesamt ist eudaimonistisch geprägt. Dem Menschen wird die Fähigkeit zugesprochen, Glück zu finden. Im weiteren Sinne versteht man unter Eudaimonismus die Theorie, dass das Ziel allen menschlichen Handelns im Glück liegt. Im engeren Sinne ist darunter das Ziel des moralischen Handelns zu verstehen.[6] Aristoteles, 384 – 322 v. Chr., setzt bei seinen Überlegungen die Natur des Menschen, die vor allem dadurch gekennzeichnet ist, einerseits durch die Vernunft gelenkt zu sein und andererseits die Fähigkeit zur Ausbildung einer politischen Gemeinschaft zu besitzen[7], in den Mittelpunkt.

 

Aristoteles unterscheidet zwischen zwei wesentlichen Zielen menschlichen Handelns. Das eine ist das Tätigsein, der Prozess; das andere ist das Werk, also das Ergebnis des Tätigseins. Das Handeln im Sinne von Tätigsein muss um willen eines Zieles ausgeführt werden, während es diesem auch untergeordnet wird. Daraus resultieren wiederum neue Ziele und dementsprechend neue Handlungen, deren endgültiges Ziel das Endziel ist. Resultierend daraus muss geschlussfolgert werden, dass es sich bei der Existenz nur eines wirklichen Endzieles um das vollkommenste - das höchste Gut handelt.

 

Welches aber ist das vollkommenste Ziel? Es ist jenes, welches ausschließlich für sich selbst gewählt wird und niemals zu einem anderen Zweck. In diesem Sinne wird das vollkommenste Gut als das Glück bezeichnet, das nur um seiner selbst willen und niemals zu einem darüber hinausliegenden Zweck angestrebt wird. Dazu müssen Handlungen, die sowohl Zweck- als auch Mittelcharakter haben und Handlungen, die nur um ihrer selbst willen ausgeführt werden, unterschieden werden. Alle genannten Ziele können Elemente des einen Endzieles anzeigen, womit zweifelsfrei eine bestimmte Klassifikation von Tätigkeiten zu markieren ist. Die Aristotelische Lösung ist der Gedanke eines „inklusiven Lebenszieles..., in dem der Mensch als Mensch zur Vollendung kommt.“[8] Danach sind alle Handlungen, die der Mensch um seiner selbst willen ausführt, als ein konstitutiver Bestandteil des Endzieles einzuordnen. An dieser Stelle formuliert Aristoteles im Rahmen der Nikomachischen Ethik die tatsächliche Existenz eines solchen Endzieles in jedwedem menschlichen Leben, welches er als Eudaimonia bezeichnet, worunter sowohl gut leben als auch gut handeln zu verstehen sei.[9]

 

Wesentlich bei der eudaimonistischen Glücksbestimmung durch Aristoteles ist die Tugend, die sich der Mensch allein durch Übung, Lernen und Belehrung tätig erwirbt und „zur festen seelischen Habe formt“.[10] Eine weitere wesentliche Bedingung besteht darin, das Leben in einer entwickelten Polisgemeinschaft, der Idealvorstellung einer Gesellschaft, gestalten zu können.[11]

 

Gehen wir vom gegenwärtigen Verständnis über das Glück aus, könnte es zu Missverständnissen in der Diskussion mit den Aristotelischen Aussagen kommen, denn die Glückseligkeit bezieht sich hier nicht auf einen bestimmten Moment oder auch auf einen bestimmten Zeitraum innerhalb eines menschlichen Lebens, sondern erst am Ende des Lebens kann eine Glückseligkeit bestätigt werden. Das führt zu der Auffassung, dass das Leben als ein Ganzes betrachtet werden muss, dass einzelne Phasen innerhalb dieser Glücksbestimmung irrelevant sind. Die Eudaimonia besagt dementsprechend, dass das Glücklichsein nicht subjektiv je nach Stimmungslage bestimmbar ist, sondern, dass es sich ausschließlich um ein objektives Urteil über Gestalt und Qualität eines vollendeten menschlichen Lebens handelt.

 

Um den Glücksbegriff genauer umreißen zu können, muss die Frage nach dem Wesen desselben erörtert und beantwortet werden. An Hand der des Menschen spezifischer Leistung, seiner Fähigkeit zur vernunftbetonten Seelentätigkeit, ist es nicht ausschließlich aus den Lebensfunktionen an sich abzuleiten, die zweifelsohne jedes andere Lebewesen auch kennzeichnen, sondern sie wird charakterisiert durch das Wirken des rationalen Seelenteils. Mit der Ratio wird der Begriff der Vernunft gewichtig, der in diesem Zusammenhang für die Einzigartigkeit der spezifischen Leistung eine Rolle spielt. Wenn nämlich ein Leben am Pragmatischen orientiert und somit von sittlicher Einsicht geführt wird, dann wird von Klugheit, respektive praktischer Vernunft[12], gesprochen. Zusätzlich gibt es ein Leben der geistigen Schau und der Weisheit, die als die theoretische Vernunft[13] registriert wird. Beide Komponenten und deren Zusammenspiel illustrieren die Spezifik des Menschen und dessen Seelentätigkeit, auf Grundlage derer es allein möglich ist, ein oberstes Gut und ein Glück anzustreben, während es gleichermaßen als exakte Abgrenzung gegenüber anderen Lebewesen fungiert. Die spezifische Aufgabe und Lebensführung setzt man als die bestimmte Lebensform des Menschen voraus, denn sie ist gestützt auf das Tätigsein der Seele in Form der Leistung durch das Denken und der der Seele immanenten Fähigkeit zur Vernunft. Wenn in diesem Sinne die vollkommene Form erreicht wird, dann kann von dem obersten erreichbaren Gut des Menschen, dem Glück, als die Tätigkeit der Seele im Sinne ihrer wesenhaften Tüchtigkeit sprechen.

 

Anders formuliert: Glück bedeutet im Rahmen der Eudaimonia eine vorzügliche und vollkommene Tätigkeit der Seele und der ihr innewohnenenden Denk- und Vernunftfähigkeit. Die Ausübung der Vernunftfähigkeit ist die wesentliche Voraussetzung dafür, dass der Mensch sein Glück erreichen kann. Es bedarf gewiss einiger äußerer Güter, gewissermaßen als Vorraussetzung und Hilfe für das Handeln, um dieses Glück in Vollendung zu erreichen, wenngleich nicht außer Acht gelassen werden darf, dass gerade diese Güter schwach sind, das heißt sie können beeinträchtigt werden durch Schicksalsschläge oder andere äußere Einwirkungen.

 

3.2 Epikurs Theorie des Glücks

 

Der Hedonismus nach Epikur, 341 – 271 v. Chr., wird abgeleitet von dem griechischen Begriff hedone im Sinne von Freude, Lustgefühl und Genuss. Es ist eine Form der Glücksethik, die besagt, dass das menschliche Vergnügen oder Lustgefühl das einzig an sich selbst Gute ist.[14]Hedone kann bei Epikur sowohl eine bestimmte Art von Sinnesempfindungen sowie ein Vergnügen an Tätigkeiten als auch ein Wohlbefinden des Körpers im Sinne einer guten Gesamtbefindlichkeit „eines seiner selbst bewussten Wesens“[15] illustrieren.

 

Epikurs Lehre von dem Glück in Form von Lust als innerer Friede ist ein ausdrücklich naturphilosophischer Ansatz, der sich stark an die Erfahrungstatsachen lehnt, indem er von einem unendlichen Raum ausgeht, in welchem zahllose Welten existieren. Das Besondere besteht darin, die Rückführung sämtlicher Wahrnehmungen mittels atomarer Bewegungen zu begründen, das heißt, dass die Wahrnehmung die einzig verlässliche Quelle der Erkenntnis ist. Auch Träume, Gedanken und sämtliche Affekte und Erscheinungen finden ihren Ursprung in den Sinneswahrnehmungen, die dann wiederum als das letztinstanzliche Kriterium für die Beurteilung von wahr und falsch fungieren.[16] Ausschlaggebend für die Frage nach dem Glück ist die Annahme, dass durch den atomaren Zerfall des Körpers auch die Seele aufgelöst wird, was die relative Bedeutungslosigkeit des Todes erklären lässt, denn sobald sich der Tod einstellt, existieren wir in keiner Form mehr.[17]

 

Ausgehend von der Tatsache, dass die Lust der Endzweck allen menschlichen Strebens und Handelns ist, begründet er seine These damit, dass der Mensch versucht, sein Leben so schön wie möglich zu gestalten und sein Leben zu genießen. Grundlage dieser Gedanken sind Beobachtungen aller Lebewesen und deren Verhalten mit der Feststellung, dass Empfindung der Lust und des Schmerzes die einzigen Kriterien des Handelns, die uns von der Natur mitgegeben werden, sind. Danach soll ein Leben möglichst angenehm und lustvoll sein. Lust hängt in diesem Zusammenhang nicht von der Bedürfnisbefriedigung ab, sondern das Ziel ist, eine völlige Schmerzlosigkeit im Bereich des Körpers und eine völlige Beruhigung im Bereich der Seele zu erreichen. Damit ist der Glücksbegriff nach Epikur als ein negativer zu beschreiben, der zu den eudaimonistischen Glückstheorien gehört mit den entscheidenden Aspekten, das Glück als oberstes Ziel und als menschliche Handlung zu beschreiben. Die Tugenden sind von Natur aus mit dem lustvollen Leben untrennbar verbunden. Tugend und Sittlichkeit sind nur durch ihre Beziehung auf den Lustgewinn hohe und erstrebenswürdige Werte. Der Epikureer vermeidet die Ungerechtigkeit, da jede Verletzung der Gesetze eine Störung des seelischen Friedens nach sich zieht.

 

Im Ergebnis bedeutet dieser Ansatz, dass die Suche nach dem Glück befreit wird von allen das sinnliche Leben transzendierenden Erwägungen und somit eine Reduktion auf das Angenehme und das Glück auslösen kann.

 

Die naturalistischen und empirischen Ansätze Epikurs lassen nicht nur das unmittelbar sittlich Fassbare als wirklich und erstrebenswert anerkennen, sondern er trennt zum einen in die „Lust im Fleische“ und zum anderen in die „Lust des Geistes“.[18]

 

Epikur geht davon aus, dass der Mensch sich der Freiheit bedienen kann, seine Lebensführung am Kriterium der Lust auszurichten ohne dabei die Vernunft und „seine Stellung in Kosmos und Gesellschaft“[19] zu vernachlässigen, und zudem fordert er eine Existenzweise der richtigen Maßhaltung, die sich selbstgenügsam mit dem bescheidet, was die Natur des Menschen für sich fordert. So stehen Bedürfnis- und Sinnbefriedigung statt der Besitz- und Habensorientierung im Mittelpunkt, nicht, um ein asketisches Leben zu führen, doch um zu erkennen, wessen man nicht bedarf und wessen man wirklich bedarf.[20] Das heißt, der Mensch muss über genügend Verstand und Vernunft verfügen, um auch Verzicht zu erklären, wenn die absehbaren Folgen dem eigenen Glück nicht zuträglich wären. Das Lustprinzip beinhaltet so gewissermaßen eine strenge Lebensführung und schließt jegliche Formen des ausschweifenden Lebens aus. Im Gegensatz dazu wird Epikurs Glücksvorstellung gegenwärtig häufig verwechselt mit einer unreflektierten, vom Verstand losgelösten Lustbefriedigung im Sinne des Vulgärepikurismus.

 

Er formuliert ein doppeltes Ziel des glücklichen Lebens. Zum einen bedeutet es körperliche Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit und zum anderen die ungestörte Seelenruhe im Sinne von Lust der Bewegung und Lust der Ruhe, des inneren Friedens.

 

Der Epikureische Hedonismus drückt Glück als einen von der Vernunft gesteuerten Lebensgenuss, der sich darstellt in einem genügsamen, bescheidenen Leben, dass frei von Armut und Krankheit ist, aus. Glück ist nach Epikur für jeden, der über ein Mindestmaß an Überlegens- und Entscheidungsfähigkeit verfügt, erreichbar. Damit wird es eine individuelle Komponente, im Gegensatz zur Aristotelischen, dass zu einem Leben in der Zurückgezogenheit tendiert. Das Streben nach Glückseligkeit besteht nach Epikur, der als Prototyp des Hedonismus gilt, in einer „bedürfnisorientierten Lebensführung in Übereinstimmung mit der Natur“.[21] Bestimmung des Menschen ist demnach, seiner Begierden Herr zu werden, die das Leben des Menschen knechten und ihn gewissermaßen unter Druck setzen. Die Lust ist Grund und Ziel eines glückseligen Lebens, die „erstes Gut“ und „angeboren“ ist. So stellt sie gleichermaßen den Ausgangspunkt für alles „Wählen und Meiden, Richtschnur für die Beurteilung jedes Guten“ dar.[22] Zugleich gilt, dass Lust als Ataraxie Inhalt und Ziel des Glücksbegriffes bei Epikur darstellt, die die leidenschaftslose Ruhe der Seele illustriert.[23] Die Schmerzlosigkeit ist höher einzuschätzen als Freude und Heiterkeit. Lust fungiert hier als Inbegriff der Schmerzlosigkeit für den Körper und für die Freiheit der Seele, „dafür, dass wir ohne Schmerz und Schrecken leben“[24].

 

An Hand des grundlegenden Gedankens der körperlichen Gesundheit als Normalzustand, deren Abweichung immer in die Richtung der Schmerzen und des Leidens führen, entwickelt Epikur seine Grundbestimmungen für einen glückseligen Zustand. Das Prinzip besteht in der Vermeidung von Missbehagen und Unwohlsein für jeden einzelnen Menschen. Damit besteht das wahre Glück ausschließlich in der subjektiven Lebensweise eines jeden Einzelnen, und es wird auch über das jeweilige Individuum definiert.

 

Drei grundsätzliche Gedanken sind die Basis der Theorie von Lust und Schmerz des Epikur. Ausgehend davon, dass sowohl Lust als auch Schmerz grundlegende Unterscheidungen der Selbstempfindung eines Lebewesens darstellen mit der Folge, dass sich jeder stets in einem Zustand entweder der Lust oder des Schmerzes befinden muss. Einen dauerhaft neutralen Zustand kann es nicht geben. Die entsprechenden Lust- oder Schmerzempfindungen gelten als Empfindungen, die der Mensch unbedingt benötigt, um Phänomene der ihm eigenen Natur zu erfahren und zu bewerten. Basierend auf der Annahme, dass alle ein Leben nach Lust- und Schmerzkriterien führen, gibt es keinen wahrhaftigen Grund, diese Lebensweise abzulehnen. Damit begründet und rechtfertigt Epikur die Lust als den Ursprung und das Ziel einen geglückten Lebens.[25]

 

3.3 Die Stoa` - Tugend als Weg zur Glückseligkeit

 

Das glückliche Leben hängt für die Stoiker, deren Schule um 300 v. Chr. von Zenon in Athen gegründet wurde, unmittelbar mit dem Naturverständnis zusammen, indem sie in gewisser Weise eine Parallelisierung von Natur und Vernunft als harmonischen Kosmos voraussetzen.[26] Das Ziel des Menschen liegt darin, in Einklang mit der Natur zu leben, um jene Harmonie zu erreichen, die zu einem „guten Fluss des Lebens“ und zur Glückseligkeit führt.[27] Die Stoische Form des Glücks zählt auch zu den eudaimonistischen, deren oberstes Ziel als das Glück zu bezeichnen ist.

 

Bestimmte Zwecke werden durch natürliche Mittel erreicht, sofern sie nicht „Götter und Dämonen betreffen“ und im Leben des Menschen zu finden sind, wobei aber die höchste Macht Gott beziehungsweise Zeus zugeschrieben wird.[28] Begründet wird diese Auffassung mit dem Systemverständnis von der Natur, in der alle und jeder ein Teil derselben darstellt und mit der jeder Einzelne in Harmonie steht, denn alles Leben ist in Harmonie mit der Natur wie das menschliche Leben, das nur dann in Harmonie mit der Natur steht, „wenn der individuelle Wille auf Zwecke gerichtet ist, die zu den Zwecken der Natur gehören“[29]. Das Glück ist nur zu erreichen, wenn kein Affekt, der in diesem Zusammenhang als übersteigerter Trieb gilt, die Seelenruhe stört. Der Stoiker unterscheidet vier Gattungen von Affekten: Lust, Unlust, Begierde und Furcht. Wehren kann man sich gegen diese Affekte durch die Erkenntnis, dass alle äußeren Güter keinen Wert für die Glückseligkeit haben. Seiner Entstehung nach beruht ein Affekt auf einer Vorstellung, der ein falscher Wert beigelegt wird. Seiner Wirkung nach wird er zu einer Leidenschaft, deren Objekt selten ganz zu erreichen ist, und der Mensch bleibt unglücklich. Stoisches Ideal ist daher die Apathie im Sinne der Freiheit von solchen Affekten.

 

Die stoische Lehre über das Glück ist eine Lehre über das Endziel des Lebens, über das Gute und die Güter sowie über den Zusammenhang von Glück und Tugend. „Ziel ist es, glücklich zu leben, um dessentwillen alles getan wird, das selbst aber nicht um eines anderen willen vollzogen wird.“[30] Das menschliche Streben, das auf bestimmte Zwecke gerichtet sein muss, ist Tugend, die im Leben des Individuums das einzige Gut darstellt, wogegen Gesundheit, Glück und Besitztümer bedeutungslos sind. Die Tugend wurzelt im Willen mit der Folge, dass alles Gute und Schlechte im Leben des Menschen nur von ihm abhängig sind. Dazu gehört die Erkenntnis, dass alle äußeren Güter keinen Wert für die Glückseligkeit haben.

 

Die Güter unterteilen die Stoiker in gute, schlechte und gleichgültige. Als gut gelten die Tugenden, als schlecht deren Gegenteil. Gleichgültig sind alle anderen Güter, da sie nichts zum Glück beitragen. Sie sind entweder vollkommen gleichgültig, oder sie sind bevorzugt oder zurückgesetzt. Zu bevorzugen sind diejenigen, die der natürlichen Anlage entsprechen. Da wir auch unter Indifferentem auswählen müssen, sollen wir das Natürlichere wählen, zum Beispiel die Gesundheit der Krankheit vorziehen.