Venusopfer - Bo Sanders - E-Book

Venusopfer E-Book

Bo Sanders

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Beschreibung

Denn das Blut der Unschuldigen muss erneut vergossen werden: Der actionreiche Thriller »Venusopfer« von Bo Sanders jetzt als eBook bei dotbooks. Im Moment des Todes erkennt sie die schreckliche Wahrheit – doch es ist zu spät … Tief unter den Straßen von Berlin wird in einem verlassenen Bunker die Leiche einer Frau entdeckt. Warum musste die bekannte Journalistin auf so grausame Art sterben – und ist ihr Tod Teil einer jahrhundertealten Prophezeiung, in der es um nicht weniger geht als den drohenden Weltuntergang? Kommissar Max Lukas findet am Tatort eine rätselhafte Botschaft, die sich auf Schriften einer grönländischen Schamanin bezieht. Als er sie mithilfe der Ethnologin Klara Kemper entschlüsselt, folgt er der Spur nach London … und kommt erneut zu spät: Wieder ist eine prominente Frau ermordet worden, wieder gibt es Hinweise auf das nächste Verbrechen. Für Max und Klara beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Doch was der Kommissar nicht ahnt: Seine Mitstreiterin hütet mehr Geheimnisse, als sie zugeben will. Eine uralte Prophezeiung, eine eiskalte Mordserie und ein temporeicher Thriller: Fans von Dan Brown werden »Venusopfer« lieben! Jetzt als eBook kaufen und genießen: »Venusopfer« von Bo Sanders. Wer liest, hat mehr vom Leben! dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 495

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Über dieses Buch:

Im Moment des Todes erkennt sie die schreckliche Wahrheit – doch es ist zu spät … Tief unter den Straßen von Berlin wird in einem verlassenen Bunker die Leiche einer Frau entdeckt. Warum musste die bekannte Journalistin auf so grausame Art sterben – und ist ihr Tod Teil einer jahrhundertealten Prophezeiung, in der es um nicht weniger geht als den drohenden Weltuntergang? Kommissar Max Lukas findet am Tatort eine rätselhafte Botschaft, die sich auf Schriften einer grönländischen Schamanin bezieht. Als er sie mithilfe der Ethnologin Klara Kemper entschlüsselt, folgt er der Spur nach London … und kommt erneut zu spät: Wieder ist eine prominente Frau ermordet worden, wieder gibt es Hinweise auf das nächste Verbrechen. Für Max und Klara beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Doch was der Kommissar nicht ahnt: Seine Mitstreiterin hütet mehr Geheimnisse, als sie zugeben will.

Über die Autorin:

Bo Sanders ist das Pseudonym einer bekannten deutschen Autorin, die bisher vor allem mit ihren Kriminalromanen erfolgreich ist und unter diesem Decknamen nun ihre Leidenschaft für temporeiche Action-Thriller auslebt – sehr zur Freude ihres Publikums!

***

eBook-Neuausgabe August 2019

Dieses Buch erschien bereits 2012 unter dem Titel Die Maya-Prophezeiung bei Piper.

Copyright © der Originalausgabe 2012 Piper Verlag, München

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock / happy_fox_art und shutterstock / Tomasz Guzowski

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96148-342-6

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

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***

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Bo Sanders

Venusopfer

Thriller

dotbooks.

Prolog

Der Tod pirschte sich schleichend an. Er marterte ihren geschwächten Körper immer wieder aufs Neue. Ihr Herzschlag hatte sich beschleunigt, dazu das Schwindelgefühl. Dann die Kälte und die unerträglichen Schmerzen in der Nierengegend.

An dem Ort, an den man sie gebracht hatte, lag die Temperatur das ganze Jahr gleichbleibend bei zehn Grad, aber das wusste sie nicht. Ebenso wenig, wo sie sich überhaupt befand und warum man sie hierher verschleppt hatte. Bewusstlos im Kofferraum eines Wagens.

Sie wurde fast wahnsinnig, weil sie keine Antworten auf diese Fragen fand. Natürlich hatte sie Feinde. Jeder in ihrer Position hatte Feinde. Aber dass jemand sie so sehr hasste, dass er sie in einen feuchten Kellerraum sperrte und nackt an einen Stuhl gefesselt elend krepieren ließ ... War es der Mensch, der sie seit Wochen mit Drohbriefen terrorisierte? Sie hatte ihn für einen harmlosen Spinner gehalten, aber selbst wenn er es getan hatte, warum?

Die ersten zwei Tage hatte sie immer wieder versucht, sich gegen das Unabänderliche zur Wehr zu setzen. Vergeblich. Ihre Fesseln ließen sich nicht lösen. Ihre Stimme war heiser vom Schreien.

Sie empfand so etwas wie Dankbarkeit, als ein Zustand der Teilnahmslosigkeit einsetzte. Da war ihr mit einem Mal gleichgültig, dass sie so sterben musste. Sie, die mit zunehmendem Alter immer penibler geworden war, sogar manchmal Kleidungsstücke weggeworfen hatte, statt sie zu waschen, weil sie sich vor Fettflecken ekelte. Sie, die sich die Hände mit Feuchttüchern gereinigt und Türgriffe oft nur mit einem Taschentuch geöffnet hatte. Sie hockte jetzt in ihren eigenen Exkrementen und würde Dreck fressen und aus Pfützen trinken, wenn man sie nur ließe.

Das Schlimmste war, dass sie inzwischen immer wieder glaubte, jemand stünde vor ihr und brächte ihr etwas zu essen und zu trinken. Und jedes Mal, wenn sie zugreifen wollte, war vor ihr nichts – nur diese Mauer.

Irgendwann glaubte sie, vor sich ein Feuer lodern zu sehen. Sie wollte schreien, aber ihrem Mund entrang sich nichts weiter als ein heiseres Krächzen. Das Feuer malte Zahlen an die Wand. Eine Zwei, eine Null, eine Eins, eine Zwei. Zweitausendzwölf? Sie schloss die Augen, die Zahlen verschwanden, aber das Feuer blieb. Leiser rhythmischer Gesang drang an ihr Ohr. Sie spürte eine schmale Hand, die ihre umfasste. Wärme durchdrang sie. Ein feierliches Gefühl wurde in ihr wach. Ihr Mund öffnete sich, und sie stimmte in den Gesang der anderen ein. Sie alle beschworen wie aus einem Munde die große Sache.

Ein letzter klarer Gedanke drang plötzlich aus dem Nebel in ihr Bewusstsein. Ich weiß es, verdammt, jetzt weiß ich es! Doch es war zu spät. Es war keiner da, dem sie es hätte sagen können – und es würde auch niemand mehr kommen.

TEIL I:12. - 15. Dezember

Als das Lamm das dritte Siegel öffnete, hörte ich das dritte Lebewesen rufen: Komm! Da sah ich ein schwarzes Pferd; und der, der auf ihm saß, hielt in der Hand eine Waage. Inmitten der vier Lebewesen hörte ich etwas wie eine Stimme sagen: Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar. Aber dem Öl und dem Wein füge keinen Schaden zu.

Als das Lamm das vierte Siegel öffnete, hörte ich die Stimme des vierten Lebewesens rufen: Komm! Da sah ich ein fahles Pferd; und der, der auf ihm saß, hieß der »Tod«; und die Unterwelt zog hinter ihm her. Und ihnen wurde die Macht gegeben über ein Viertel der Erde, Macht zu töten durch Schwert, Hunger und Tod und durch die Tiere der Erde.

Die Offenbarung des Johannes 6, 5 - 8

1

Klara wälzte sich rastlos von einer Seite auf die andere. Ihre quälenden Gedanken ließen sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Jeden Morgen um die gleiche Zeit. Ein Blick auf ihren Wecker bestätigte es. Zehn vor zwei. Es war jetzt über drei Monate her, dass die Carabinieri sie aus dem Schlaf gerissen hatten. Erst hatte sie gedacht, es sei Carlos, der seinen Schlüssel vergessen hatte. Er war an diesem Abend zu einem Job nach San Remo gefahren und hatte ihr gesagt, dass es spät werden würde. Doch dann hatten die beiden Polizisten vor ihrer Tür gestanden. Sie würde den Anblick dieser beiden Männer niemals vergessen. In so einem Augenblick weiß man alles, was man nicht wissen will, dachte sie, während sie die Augen fest zukniff. Noch immer sträubte sie sich gegen die Wahrheit. Sie wollte nicht daran erinnert werden, aber es gab kein Entrinnen. Es verging seitdem keine einzige Nacht, in der sie nicht gegen zehn vor zwei von Albträumen geplagt aufwachte. Schweißgebadet und mit klopfendem Herzen. Dabei wusste sie nie genau, was sie geträumt hatte. Sie spürte danach nur in jeder Pore ihres Körpers, dass sie knapp dem Tod entronnen war. Und dann begann die nächtliche immer gleiche Tortur: Sie konnte nicht mehr einschlafen. Der Gedanke daran, dass sie womöglich nie mehr aufwachen würde, versetzte sie in Panik. Sie fühlte sich so wach, als sei sie mit Koffein vollgepumpt. Jede Nacht der gleiche Kampf. Ihre innere Aufgekratztheit gegen den Wunsch, endlich zu schlafen.

Und jede Nacht ein Wechselbad an Emotionen. Die Wut, dass sie nicht endlich schlafen und vergessen konnte. Die Verzweiflung, dass er nicht kommen und ihre Hand halten würde. Dass er ihr keinen doppelten Espresso machen und ihr versprechen würde, dass sie danach sofort würde einschlafen können ...

Es hatte keinen Zweck. Sie schälte sich aus ihrer Decke und stand auf. Auch das gehörte zu ihrem nächtlichen Ritual: der Gang zum Kühlschrank. Wie ein Gespenst – blass, in ihrem weißen Nachthemd, von dem fahlen Licht angestrahlt – stand sie vor der geöffneten Kühlschranktür und stopfte wahllos in sich hinein, was vorrätig war. In dieser Nacht waren es Reste von Pasta, geriebener Parmesan und getrocknete Tomaten.

Als sie in ihr Bett zurückkroch, warf sie noch einen flüchtigen Blick auf ihren Wecker. Zehn vor drei.

Vor fünf Uhr schlief sie sicher nicht ein. Und morgen würde sie den ganzen Tag über müde sein. Nur gut, dass sie diese kleinen weißen Pillen besaß, doch das war auf Dauer auch keine Lösung. Irgendwann würde sie damit anfangen, zum Einschlafen die kleinen braunen Pillen zu nehmen. Es musste endlich etwas geschehen, aber was? Ich habe genügend Zeit, darüber nachzugrübeln, dachte sie zornig, ganze zwei Stunden.

2

Blut war nicht geflossen. Ein selten sauberer Tatort, dachte Kommissar Lukas vom LKA Berlin, während er sich der Toten näherte. Sie war nackt und saß vornübergekippt auf einem Stuhl. Die Hände gefesselt. Ein bizarres Bild inmitten dieser Mischung aus Tropfsteinhöhle und eingestürztem Bunker.

Ein Beamter der Spurensicherung deutete auf den Rücken der Toten. Mühsam entzifferte Lukas, was dort in roter Schrift geschrieben stand.

»Tod durch fortschreitende Exsikkose.« Der Rechtsmediziner deutete auf die Tote.

»Ja, ja«, entgegnete Lukas und las den Text noch einmal laut: DAs zweite Venusopfer wird am fünfzehnten Ta g im Monat des Endes der Langen Zählung dargebracht, in der Sta dt des großen Reichs im Meer, das durch Erdbeben, Sturm und Wasserflut verwüstet wird. Am Ort, an dem der Mensch zu verhindern sucht, was nicht mehr aufzuhalten ist. q.«

»Ein klarer Fall von Exsikkose«, wiederholte der Forensiker nach näherer Begutachtung.

»Was heißt das bitte auf Deutsch?«

»Sie ist verdurstet. Und die Schrift, jedenfalls die unterstrichenen Buchstaben, ich befürchte, es ist das Blut von dem armen Vieh dort.« Er deutete auf den Boden.

Lukas warf dem toten Hund, der in einem dunkelroten Fleck lag, nur einen flüchtigen Blick zu. Er kannte die Rasse, wenngleich man diesem Tier hier das Fell über die Ohren gezogen hatte. Die Schnauze war typisch. Seine Frau hatte so einen Jack Russel mit in die Ehe gebracht. Er erinnerte sich noch genau, was er für Kämpfe mit Jonny ausgefochten hatte, um ihm Gehorsam beizubringen. Und Jahre später, als ein betrunkener Radler den Terrier überfahren hatte, war er es gewesen, der den Kerl vom Rad gezerrt und verprügelt hatte. Seitdem konnte er den Anblick verendeter Tiere schwer ertragen.

»Man hat ihm die Zunge herausgeschnitten. Das blutet wie Sau«, bemerkte der Rechtsmediziner. »Aber die anderen Buchstaben sind offensichtlich mit Edding geschrieben.«

Lukas atmete schwer.

»Ich habe sie rein zufällig gefunden!«, mischte sich ein junger Mann mit einem rundlichen Kindergesicht ein. Seine Stimme zitterte. Er sei auf die Leiche gestoßen, als er die Fledermäuse habe zählen wollen, die im Bunker überwinterten. Als Vertretung für Professor Werner. Deshalb habe er sich im Labyrinth der unterirdischen Gänge verirrt, erklärte er. Er sei aber nicht bei der Fledermauskolonie gelandet, sondern in diesem Raum.

»Wer tut so was? Grausam!«, fügte der Biologe angewidert hinzu. »Ich bin übrigens Per Jensen, Werners Assistent.«

»Gut, geben Sie das bitte zu Protokoll«, erwiderte Lukas knapp.

»Morgen, Kollege Lukas, habe ich mich im Dienstplan geirrt, oder schiebst du Sonderschicht?« Den diensthabenden Kommissar Sommer hatte Lukas noch gar nicht wahrgenommen.

»Ich war zufällig am Apparat, als der Typ den Fund gemeldet hat«, entgegnete Lukas. »Zum Glück!«, fügte er knurrig hinzu.

Er machte eine Handbewegung, als wolle er Sommer verscheuchen wie eine lästige Fliege, während er sich wieder dem Rücken der Toten zuwandte. Aus den Augenwinkeln sah er, dass plötzlich ein bärtiger Mann mittleren Alters neben ihm stand.

»Wer sind Sie denn?«, fuhr er ihn an. Der Mann stellte sich als Mitarbeiter des Vereins »Berliner Unterwelten« vor. »Was für eine Tatortsicherung! Hier kann wohl jeder reinspazieren, wie er will! Wie ist das eigentlich? Steht die Bunkertür Tag und Nacht offen?«

»Nein, natürlich nicht! Wir haben keine Ahnung, wie der Täter in den Bunker gelangen konnte. Er muss einen unserer Schlüssel an sich gebracht haben, aber wie? Die letzte Führung war im Oktober. Außer dem Fledermauswächter geht im Dezember kein Mensch hier runter.«

»Und wo waren Sie heute Morgen?«, mischte sich der diensthabende Kommissar ein.

»Lass mal, Hans! Ich mach das schon. Deine Frau freut sich bestimmt, wenn du mit ihr die Weihnachtseinkäufe machst«, sagte Lukas, ohne den Blick von den blutroten Buchstaben auf dem Rücken der Toten zu lassen. Was versuchte ihm der Täter damit zu sagen: Dass er noch jemanden ermorden wollte? Und warum waren einzelne Buchstaben unterstrichen? Er versuchte, daraus ein Wort zu bilden. Arnatsiaq, war das Ergebnis, wenn man es der Reihenfolge nach las. Aber das gab für ihn keinen Sinn.

»Aber ich kann doch nicht ...«

»Mann, nun hau schon ab, deine Frau wird es mir danken.«

Lukas wandte den Blick kurz von der Toten ab und atmete erleichtert auf, als der Kollege gen Ausgang eilte.

»Welcher Idiot hat das veranlasst? Sie wissen doch, dass ich keine Entlastung brauche«, murmelte er ungehalten.

Sein Magen rebellierte. Er hatte schon beim Aufstehen gewusst, dass es heute irgendwann geschehen würde. Auf seinen Kater konnte er sich verlassen. Vormittags der Magen, und nachmittags der Kopf. Aber nicht am Tatort! Warum hatte er wieder nicht aufhören können? Er war nicht der einzige Witwer im Land, der seine Frau auf grausame Weise verloren hatte. Wenn die sich alle so zulöten würden wie er. Lukas straffte die Schultern. Es war nicht der rechte Augenblick, Gericht über sich zu halten. Heute trinke ich nichts, dachte er, um den Gedanken sofort wieder zu verwerfen. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, Vorsätze zu fassen, die er ohnehin nicht einhalten würde. Im Gegenteil, auf dem Weg zum LKA brauchte er unbedingt ein Bier, oder zwei.

Lukas atmete einmal tief durch und wandte sich dem Gerichtsmediziner zu: »Wie lange mag ihr Todeskampf gedauert haben?«

»Ich schätze, sie hat fast eine Woche durchgehalten.«

»Ist das üblich?«

»Kommt darauf an. Manche überleben nur vier Tage ohne Süßwasser, aber hier unten ist es kalt, und die Luftfeuchtigkeit beträgt neunzig Prozent.«

»Das wird der Täter gewusst haben. Sie sollte möglichst lange leiden«, murmelte Lukas. »Bindet sie los, und legt sie vorsichtig auf den Boden.«

Schon nach einem einzigen flüchtigen Blick wusste er, wer die Tote war. Trotz der unübersehbaren Symptome ihres qualvollen Todes: Die Wangen waren eingefallen, Haut und Augen trocken, die Lippen rissig, die Augen lagen tief in den Höhlen. Das weißblond gefärbte lange Haar, das ihr strähnig ins Gesicht hing, war ihr unverkennbares Markenzeichen. Vor ihm lag die erfolgreiche Verlegerin Sara Christen, die ihr Unternehmen gerade an einen großen Konzern verkauft hatte. Der Millionendeal war in den letzten Wochen durch alle Medien gegangen. Ihr Gesicht war in jeder Zeitung und in jeder Talkshow gewesen. Wie alt mochte sie sein? Mitte fünfzig oder mehr?

»Dreht sie auf den Bauch!« Lukas wollte noch einen letzten Blick auf die mysteriöse Botschaft werfen.

Als ihn jemand am Ärmel seines Mantels zupfte, fuhr er ungehalten herum. Vor ihm stand eine Frau, die er auf Anfang dreißig schätzte.

»Darf hier eigentlich jeder Spuren zerstören? Hier ist doch kein Bahnhof! Sperrt endlich mal jemand ab?«

Lukas wandte sich wieder der Frau zu. Sie hatte lockiges braunes Haar, ein volles Gesicht und einen schmalen Mund. Ihre Kleidung stach Lukas unangenehm ins Auge. Sie trug einen Wollponcho in leuchtend gelben Farben und einen bodenlangen bunten Rock. »Was gibt's?«

»Ich bin mir nicht sicher, es ist nur so ... Ich weiß nicht, ob es wichtig ist ...?«

»Das überlassen Sie mal mir!« Lukas wusste, dass sein Ton zu wünschen übrig ließ, aber allein ihre Stimme und ihre Wortwahl machten ihn aggressiv. Es fehlte nur noch, dass sie »Ein Stück weit« sagte.

Der Mund der Frau war noch schmaler geworden.

»Wer sind Sie überhaupt?«

Die Frau wurde rot. »Ich bin die Ixta...« Sie stockte.

Lukas ballte die Fäuste. Wie er diese Sprache verabscheute. Und ich bin der Max, dachte er grimmig, Mädchen, komm auf den Punkt!

»Ich höre!«

»Ich jobbe im Büro des Vereins ›Berliner Unterwelten‹. Heute früh hat der Professor Werner mich dort angerufen und gesagt, dass er heute vorbeikäme, um die Fledermäuse zu zählen. Er hat mich gebeten, mit dem Schlüssel am Eingang zu warten, aber da stand die Tür sperrangelweit offen, und nun sind Sie hier und das alles ...« Ihre Stimme brach.

»Ich denke, die Zählung der Fledermäuse haben Sie bereits erledigt?«, wandte sich Lukas an Per Jensen. »Können Sie sich das erklären? Traut der Professor Ihrer Arbeit nicht?«

»Blödsinn«, widersprach der Biologe heftig. »Ich bin sein engster Mitarbeiter. Er war auf einer Tagung und hat mich deshalb gebeten, das dieses Jahr für ihn zu erledigen. Vielleicht hatte er das vergessen?«

»Wie hat er Ihnen denn mitgeteilt, dass Sie die Zählung in Vertretung vornehmen sollen?«

»Er hat mir eine Mail an meine Uniadresse gesendet und den Schlüssel für den Bunkereingang in meinen Briefkasten gesteckt.«

»Wer sollte denn nun die Fledermäuse zählen? Sie oder wollte er es doch selber machen?«, fragte Lukas unwirsch.

»Ich, ich verstehe das auch alles nicht, er macht das ja sonst immer selbst, aber dieses Mal ...« Per Jensen kramte einen zerknitterten Zettel aus seiner Jackentasche. »Das habe ich auch in meinem Briefkasten gefunden. Einen Lageplan des Bunkers!«

Lukas nahm ihm den Zettel aus der Hand und faltete ihn ungeduldig auseinander.

»Sie haben sich nicht verirrt. Man hat Sie offenbar ganz bewusst zu der Leiche geführt. Geben Sie meinem Mitarbeiter Ihre Personalien. Jemand muss die Mail auf Ihrem Rechner checken.«

»Ich ... ich habe sie schon gelöscht. Das wollte Professor Werner so ... äh ... ich meine, der ...«, stammelte der Biologe.

»Trotzdem!«, bellte Lukas und drehte sich abrupt um. Sein Blick blieb an dem toten Jack Russell hängen. Die Übelkeit wurde immer schlimmer. Das fehlte gerade noch, dass er sich am Tatort übergeben musste.

»Ist noch was?«

Die junge Frau, deren Namen Lukas schon wieder vergessen hatte, war stehen geblieben und starrte gebannt auf die rote Schrift.

»Ich weiß nicht, ob das wichtig ist ...«

Lukas verkniff sich seinen Kommentar, diese Beurteilung doch lieber ihm zu überlassen.

»Arnatsiaq«, murmelte sie und verfiel in Schweigen.

»Das sehe ich selbst. Und?« Die Frau machte ihn rasend. Geduld war nicht seine Stärke.

»Soviel ich weiß, also ich denke, Arnatsiaq ist eine grönländische Schamanin.«

»Ja, wissen Sie es jetzt, oder denken Sie es?«

»Meine Schwester hat ihre Doktorarbeit über Schamaninnen geschrieben, und ich glaube, also ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch um die Prophezeiungen von Arnatsiaq ging.«

»Gut, dann geben Sie mir doch bitte die Telefonnummer Ihrer Schwester.«

»Tut mir leid. Ich befürchte, sie hat ihre Nummer geändert, aber die Polizei kann bestimmt die neue herausfinden, oder?«

Lukas presste die Lippen zusammen. Er überlegte, wie er sie möglichst höflich auffordern konnte, sich nicht jede Information aus der Nase ziehen zu lassen, da nannte sie ihm die alte Handynummer ihrer Schwester.

»Sie heißt Klara. Klara Kemper.«

»Danke«, murmelte Lukas und wandte sich noch einmal der Toten zu. Das zweite Venusopfer? Am fünfzehnten Tag im Monat des Endes der Langen Zählung dargebracht. Was mochte das nur bedeuten?

»Dreht sie auf den Rücken!«, befahl er und fügte hinzu: »Sie wissen nicht zufällig, was das heißen könnte. Das Ende der Langen Zählung? Oder?« Doch als Lukas sich umdrehte, war die Frau spurlos verschwunden.

»Wissen Sie, wie sie heißt und wo sie wohnt?«, erkundigte sich Lukas beim Mitarbeiter des Vereins.

»Ich kenne die Frau nicht! Ich glaube, sie war nur eine kurzfristige Aushilfe. Aber versuchen Sie es mal im Büro. Die werden Näheres wissen. Und ...« Er stockte. »Ich wollte mich eben nicht ungefragt einmischen, aber heute hatte unser Büro geschlossen. Ich wundere mich sehr, wieso sie behauptet, Professor Werner habe sie dort angerufen.«

»Verdammt, das hätten Sie aber gleich sagen sollen«, ereiferte sich Lukas, bevor er mit seinen Gedanken wieder bei der Schrift auf dem Rücken der Toten war. Was wollte der Täter ihm mit der Botschaft sagen? Lukas hegte keinen Zweifel daran, dass sie an ihn gerichtet war. An die Polizei. Und er ahnte, dass ihm wenig Zeit blieb, es herauszufinden. Doch jetzt brauchte er erst einmal einen Schluck oder auch zwei.

3

Eintausendzweihundertsiebzig Kilometer entfernt trat Klara völlig übernächtigt im Schlafanzug auf die Terrasse und blickte wie jeden Tag als Erstes übers Meer. Monatelang war sie nicht mehr unten in San Lorenzo und am Strand gewesen. Seit Carlos' Tod eigentlich nur ein einziges Mal, weil sie einen Großeinkauf machen musste. Das hatte ihr gereicht. Sie konnte Carlos' laut trauernde Familie und die stummen Vorwürfe an ihre Adresse beim besten Willen nicht ertragen. Sie brauchte die Ruhe auf dem Berg, um endgültig zu begreifen, dass sie nie wieder mit ihm die Küstenstraße nach San Remo fahren würde. Sie hinten auf seiner Maschine, die Hände um seinen Körper geschlungen ... Von seinem Motorrad war nichts übrig geblieben. Genauso wenig wie von ihm. Sie waren zwischen zwei Lastwagen zermalmt worden. Du hast ihn auf dem Gewissen, hatte seine Mutter am offenen Grab gezetert, du hast ihn gezwungen, nachts in San Remo zu schuften. Manchmal glaubte Klara selbst daran, dass er noch am Leben wäre, wenn sie nicht von ihm verlangt hätte, Geld zu verdienen. Als Croupier im Kasino.

»Guten Morgen.«

Klara wandte sich um. Sie hatte ihn gar nicht gesehen. Er war abgemagert bis auf die Knochen, aber immer noch gepflegt. In Decken eingewickelt, lag er in einem uralten Liegestuhl.

»Morgen, Vater. Wie war die Nacht?«

»Welche Nacht? Bei meiner Krankheit brauche ich keinen Schlaf mehr. Außerdem kannst du mich ruhig weiter Konrad nennen. Nur, weil ich scheintot bin ...«

Klara schmunzelte. Sein trockener Humor und seine Eitelkeit würden ihm sicher bis zuletzt erhalten bleiben. Jedenfalls so lange, bis er endgültig die Reise ins Land des Vergessens antrat. Lange konnte es nicht mehr dauern. Die Diagnose war eindeutig. Alzheimer. So hatte es jedenfalls auf dem Überweisungsschein seines Hausarztes an die Charité gestanden. Den hatte er bei seiner Ankunft im Koffer bei sich gehabt.

Es lag jetzt über einen Monat zurück, dass er bei Carlos' Bruder Marco vor der Tür gestanden hatte. In dessen Hotel hatte er mitten in der Nacht einchecken wollen und dabei behauptet, seine Tochter habe ihm ein Zimmer reserviert. Marco – der Einzige der Santini-Sippe, der zu ihr hielt – hatte ihn sofort in seinem klapprigen Fiat auf den Berg gebracht. Er sei aus Berlin geflüchtet, hatte ihr Vater nicht ohne Stolz berichtet. Immerhin hatte er den weiten Weg bis nach Ligurien ohne Probleme gemeistert. Trotz der Diagnose, die er ihr in derselben Nacht noch gezeigt hatte.

Sie hatte länger nichts mehr von ihm gehört. Seit ihre Schwester ... verdammt, sie wollte gar nicht mehr daran denken!

»Hast du was gegessen?«

»Keinen Hunger!« Konrad Kemper hatte weder Lust zum Essen noch zum Reden. Er wollte lieber seinen Erinnerungen an die Vergangenheit nachhängen. Das war ein sicheres Terrain. Da konnte er sich nicht so schnell im Nebel seiner Gedanken verlieren. Sein Blick blieb an einer lockeren Bodenfliese hängen. Fliese für Fliese hatte er mit eigener Hände Arbeit verlegt, um aus dieser Ferienhütte ein Traumhaus zu machen. Das war neunzehnhundertachtundsiebzig gewesen. Inzwischen war das Ganze eine einzige Bruchbude. Aber wenn er schon verrückt wurde, dann hier!

Ein Telefon klingelte. Der schrille Ton riss Konrad Kemper aus seinen Gedanken. Er musterte seine Tochter verwundert. Seit er hier war, hatte noch niemand angerufen.

Klara wunderte sich ebenfalls. Sie hatte sich eine neue Handynummer zugelegt, da das Telefon nach Carlos' Tod Tag und Nacht geklingelt hatte. Die Nummer hatte sie für sich behalten. Das Handy lag auf dem Esstisch. Klara überlegte, ob sie überhaupt rangehen sollte. Das Klingeln verstummte. Aber nur für einen kurzen Augenblick.

»Pronto!«

»Spreche ich mit Klara Kemper?«, fragte eine männliche Stimme. Angenehm tief und rau. Klara stand auf wohlklingende Männerstimmen. Trotzdem war sie versucht, das Gespräch wegzudrücken, denn sie kannte die Stimme nicht. Wenn sie schon nicht einmal mit Freunden kommunizierte, würde sie es mit einem Fremden erst recht nicht tun.

Sie warf einen flüchtigen Blick auf das Display. Eine Berliner Festnetznummer. Und wenn es nun der Arzt ihres Vaters war? Der ihr mitteilen wollte, dass die ganze schreckliche Diagnose auf einem Irrtum beruhte? Und dass Konrad nicht länger vor der gründlichen Untersuchung in der Charité davonzulaufen brauche ...

»Ja, ich bin Klara Kemper! Aber ich lege jetzt auf!«

»Bevor Sie mich wegdrücken, hören Sie mich bitte an. Es ist wichtig!«, bat die Stimme.

»Ich höre!«

»Ich bin vom LKA Berlin. Wir haben eine Tote gefunden. Auf ihrem Rücken hat der Täter eine Botschaft hinterlassen. Möglicherweise handelt es sich um die Prophezeiung einer grönländischen Schamanin. Arnatsiaq.«

»Und was habe ich damit zu tun?«, erwiderte Klara, während sie sich fragte, ob dieser Mann wirklich von der Polizei war, denn er sprach mit schwerer Zunge. Und welcher ernstzunehmende LKA-Mitarbeiter würde wohl einer Wildfremden ungefragt Informationen über einen Mordfall geben?

»Ich lege jetzt auf ...« Sie wusste selbst nicht, warum sie es dann doch nicht tat, sondern zuhörte, wie er nach Luft schnappte, bevor er ins Telefon brüllte: »Sie müssen mir helfen, den Text zu entschlüsseln, verdammt!«

»Ich befürchte, da sind Sie an der falschen Adresse!«

»Sie haben also gar keine Doktorarbeit über diese grönländische Schamanin geschrieben?«

Klara stieß ein heiseres Lachen aus.

»Nein«.

»Dann habe ich mich wohl geirrt. Entschuldigen Sie die Störung.«

»Ich habe mal damit angefangen, aber ... woher wissen Sie überhaupt, dass ich über Arnatsiaq promovieren wollte?«

»Von Ihrer Schwester, deren merkwürdiger Name mir leider entfallen ist. Aber Sie werden mir sicher auf die Sprünge helfen können. Und ich brauche auch ihre Adresse. Ich habe noch einige Fragen an sie.«

Dass ihre Schwester seltsam war, hätte Klara jederzeit unterschrieben, aber ihr Name? Was sollte denn an Miriam merkwürdig sein? Aber sie dachte nicht daran, ihm den Namen ihrer Schwester preiszugeben noch deren Adresse.

»Selbst, wenn ich Ihnen helfen wollte und könnte. Das ist Jahre her. Die Unterlagen vergammeln auf dem Dachboden, aber was rede ich da? Das geht Sie einen feuchten Kehricht an, was mit meiner Doktorarbeit ist. Genauso wie meine Schwester. Was für ein Irrsinn! Wir reden seit geraumer Zeit nicht mehr miteinander, und jetzt erzählt sie einem Wildfremden, worüber ich mal promovieren wollte!«

»Das zweite Venusopfer wird am fünfzehnten Tag im Monat des Endes der Langen Zählung dargebracht, in der Stadt des großen Reichs im Meer, das durch Erdbeben, Sturm und Wasserflut verwüstet wird. Am Ort, an dem der Mensch zu verhindern sucht, was nicht mehr aufzuhalten ist. q«, zitierte Lukas die Botschaft ungerührt. Er bemühte sich, klar und deutlich zu sprechen.

»Das sagt mir gar nichts. Bis auf das Ende der Langen Zählung. Das ist eine Anspielung auf den Mayakalender, der am 21.12.2012 endet. Das Datum liegt auf der Hand. Das ist der fünfzehnte Dezember. Ansonsten bin ich da völlig raus, und ich wüsste auch nicht, warum ich Ihnen helfen sollte.«

»Verdammt noch mal! Kramen Sie Ihre Unterlagen zusammen, und kommen Sie damit sofort in mein Büro nach Mitte. Das ist kein Spaß. Hier geht es um Leben und Tod!«

»Wenn Sie wüssten, wie spaßig Ihr Vorschlag ist. Ich lege jetzt auf! Das hätte ich gleich machen sollen. Sie sind ein Spinner! Ein Bulle würde niemals solche Informationen preisgeben, jedenfalls nicht, wenn er nüchtern wäre!«

»Halt! Ich werde dafür sorgen, dass Sie für Ihren Einsatz eine Aufwandsentschädigung bekommen. Wer weiß, was der Täter mit seinem nächsten Opfer anstellt? Sara Christen hat er jedenfalls verdursten lassen.«

»Sara Christen?«, wiederholte Klara. »Die Journalistin?«

»Ja, genau die. Hätte ich eigentlich noch nicht herausgeben sollen, aber morgen weiß es sowieso die halbe Welt. Na dann ...«

»Warten Sie!« Klara legte das Handy auf den Tisch. Mit zitternden Knien trat sie nach draußen auf die Terrasse.

»Vater, zieh dich an. Ich bringe dich nach Hause. Einmal muss es ja sein.«

Konrad Kemper drehte sich nicht einmal um. Er war in eine andere Welt abgedriftet. Klara stieß einen tiefen Seufzer aus, als sie das Telefon wieder zur Hand nahm.

»Morgen früh gegen neun?«

»Nein, die Zeit rennt. Sie kommen, sobald Sie alles beisammenhaben.«

»Dann brauche ich Ihre Adresse.«

Lukas nannte ihr seinen Namen, die Adresse des LKA 1 in der Keithstraße und seine Zimmernummer.

»Gut, wenn ich gleich starte, die Straßen frei sind und ich gut durchkomme, könnte ich frühestens zwischen zwei und drei Uhr bei Ihnen sein.«

»In Ordnung. Dann bis vierzehn Uhr.«

»Ich sagte zwei Uhr und meinte das auch so. Und wenn Sie es sich anders überlegen sollten und es doch nicht mitten in der Nacht sein muss, schicken Sie mir eine SMS. Ich checke mein Handy, sobald ich in Deutschland bin.«

Klara drückte das Gespräch weg und schaltete das Telefon ab. Ihr Blick blieb am Spiegel über der Kommode hängen. Wie ein Gespenst, dachte sie. Die Nachricht von Saras Tod hatte deutliche Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen.

4

Der Mann in dem unauffälligen schwarzen Leihwagen, einem Einser BMW mit Münchener Nummer, versuchte zu schlafen. Wenigstens die halbe Stunde, die diese Fahrt von Coquelles nach Folkestone dauerte. Doch da ertönte bereits die Stimme aus den Lautsprechern, dass der Zug in der Mitte des Tunnels angekommen sei.

Er zündete sich eine Zigarette an, nahm hastig zwei Züge und drückte sie wieder aus. Rauchen war in den Fahrzeugen strengstens verboten. Gerade vor ein paar Wochen war im Tunnel wieder einmal ein gefährliches Feuer ausgebrochen, nachdem ein LKW-Fahrer mit der Kippe in der Hand eingedöst war.

Der Blick des Mannes fiel auf seinen Rechner, der auf dem Beifahrersitz neben ihm lag. Ärger stieg in ihm hoch. Der Internetzugang, den die Mobilfunkgesellschaften großspurig spätestens zu den Olympischen Spielen in London angekündigt hatten, funktionierte nicht. Oder nicht mehr! Er musste also warten, bis er drüben in England war.

Noch nie hatte er eine Order auf diesem Weg erhalten. Wer mochte sein Auftraggeber sein, und wie war, er wohl an seine private Mailadresse gekommen? Die kannte doch keiner außer ihm.

Er hatte Blut und Wasser geschwitzt bei dem Gedanken, es könne alles eine böse Falle der Bullen sein.

Aber das Honorar hatte ihn alle Vorsicht vergessen lassen. Er hatte schon für wesentlich weniger gearbeitet als für fünfzigtausend. Das war eine Stange Geld. Das würde ihn sanieren. Endlich konnte er eine Pause einlegen und das Geld verleben.

Wenn, ja, wenn das Geld wirklich auf seinem Konto war.

Wie auch immer, das muss ein Perverser sein, dachte der Mann.

Er hatte selten Angst. Und wenn, dann machte sie sich durch Beklemmungen im Brustkorb bemerkbar. Noch war es nur das Gefühl, als wäre die Luft ein wenig zu stickig. Noch war es keine Angst.

Er atmete ein paar Mal tief durch. Es nützte nichts. Da war was!

Wenn das Geld nach meiner Ankunft in Folkestone nicht auf dem Schweizer Konto ist, steige ich aus! Das nahm er sich fest vor.

5

Lukas saß in seinem Büro und versuchte, über Google etwas über die grönländische Schamanin herauszubekommen. Die Informationen waren mager und brachten ihn nicht weiter. Stattdessen hatte er beim Stichwort »Mayakalender« Hunderte von Links gefunden. Darauf hätte er eigentlich selber kommen können, denn das bevorstehende Datum war zurzeit in aller Munde. Zu bester Sendezeit wurden im Fernsehen krude Theorien verbreitet, was an jenem Tag geschehen werde. Außerdem hatten sie neulich schon wieder »2012« wiederholt. Lukas mochte den Film wegen der technischen Effekte. Die Handlung hatte er schon wieder vergessen. Außer dass es um den Untergang der Welt ging. Aber, wenn er so darüber nachdachte, ja, da war was mit den Maya und dem Ende ihres Kalenders gewesen. Gleich am Anfang, als die Maya ihren kollektiven Massenselbstmord begingen. Lukas hielt den Emmerich-Film für gut gemachtes Popcorn-Kino. Ihm ging allerdings die Hysterie, die in den Medien um das angebliche Weltuntergangsdatum verbreitet wurde, mächtig auf die Nerven. Er wunderte sich täglich aufs Neue, welchen abstrusen Mist scheinbar seriöse Wissenschaftler absonderten. Wer sollte denn solchen Schwachsinn, wie ihn ein Erich von Däniken von sich gab, ernsthaft glauben? Dass die außerirdischen Götter in zweieinhalb Wochen zwischen den Trümmern des Brandenburger Tors landen würden, wie einst Hanna Reitsch, als sie fünfundvierzig Hitler aus Berlin retten wollte. Und überhaupt, war der Botschafter der Aliens nicht schon lange tot, und sie sendeten Konserven? »Hell« hatten sie gerade neulich wieder im Fernsehen gebracht. Auch kein schönes Endzeitszenario, dass die Erde von der Sonne versengt wird, fand Lukas, aber wenigstens bezog sich diese Vision nicht auf den 21.12., wie jetzt so viele andere TV-Sendungen. Er wunderte sich nur, wer sich alles mit dem Datum beschäftigte, das ihm so willkürlich erschien wie der Weltuntergang pünktlich zum Milleniumswechsel. Selbst der Computermensch, der im LKA die Rechner wartete, war von der allgemeinen Weltuntergangshysterie infiziert. Er hatte ihn allen Ernstes gefragt, ob er seine Daten extern sichere. Warum denn das?, hatte Lukas gefragt. Und der knochentrockene Techniker hatte geantwortet: »Weil die Gefahr besteht, dass es am 21. Dezember weltweit zu einem Stromausfall kommen kann.« Durch gewaltige Sonnenstürme könnten die Kommunikationssysteme ausfallen und zu einem Absturz der Rechner führen. »Wie kommen Sie darauf, dass es ausgerechnet an dem Tag geschieht?«, hatte Lukas nachgehakt. »Weil endlich etwas geschehen muss, das die Menschheit aufrüttelt«, hatte er ernsthaft erwidert.

So ein Humbug, dachte Lukas. Als Kind hätte ihn so etwas allerdings schrecken können. Er erinnerte sich noch genau, wie sein Großvater einmal das bekannte Lied geträllert hatte: Am 30. Mai ist Weltuntergang. Er, der kleine Max, hatte es für bare Münze genommen und nächtelang nicht schlafen können. Bis zum ersten Juni.

Lukas wandte sich vom Bildschirm ab und dachte nach. Ob er wirklich bis nachts um drei auf diese Frau warten sollte? Viel Hoffnung, dass sie ihm helfen konnte, hatte sie ihm ja nicht gemacht. Außerdem war es ein harter Tag gewesen. Das Bier auf dem Weg zum Haus der Toten hatte er sich gerade noch verkneifen können. Der Gedanke, einem Witwer mit einer Fahne ins Gesicht zu sagen, dass seine Frau umgebracht worden war, hielt ihn davon ab. Wie verschreckte Geister hatten der Mann und die zwei erwachsenen Kinder gewirkt. Wahrscheinlich war es falsch gewesen, sich auf Bitten des Ehemannes nicht in ihrem Arbeitszimmer umzusehen. Bitte, lassen Sie uns doch erst einmal zur Ruhe kommen, hatte der Mann ihn angefleht. Ein Minuspunkt mehr auf Kerners Liste, der doch nur darauf lauerte, ihn abzuschießen. Wenn der erst Wind davon bekam, wie schroff er das Angebot ausgeschlagen hatte, sich vertreten zu lassen, nachdem er wochenlang Tag und Nacht durchgearbeitet hatte. Dabei war Lukas sich sicher, dass die Botschaft am Tatort sie zum Mörder führen würde, wenn er doch endlich ihren Sinn verstünde. Und dass er in der Lage war, den Fall zu klären.

Lukas bekam ohne Vorwarnung einen Schluckauf. Drei Mal trocken schlucken, hämmerte es durch seinen Kopf, drei Mal trocken schlucken. Er fühlte die Erschöpfung in allen Knochen. Gegen zweiundzwanzig Uhr hatte er sich bei einem Pizzaservice Pasta und Bier bestellt, und zwar auf Vorrat. Vier Flaschen hatte er bereits getrunken, als sein Chef Norman Kerner den Kopf zur Tür hereinsteckte. Was machte der hier mitten in der Nacht? Schlagartig hörte sein Hicksen auf.

»Hallo, Lukas!«

Die Männer nannten sich beim Nachnamen und duzten sich.

Gerade noch rechtzeitig ließ Lukas das halbvolle fünfte Bier im Papierkorb verschwinden.

»Sag mal, wie kommst du dazu, den Fall an dich zu reißen? Stellmann war stocksauer, dass du Sommer nach Hause geschickt hast.«

Jetzt fiel es Lukas wieder ein. Die Kollegen hatten eine Lagebesprechung gehabt. Ohne ihn. Weil er ja gar nicht zuständig gewesen war.

»Das war doch bloß ein Irrtum im Dienstplan. Das tut keinem weh. Nun mach mal keinen Zirkus!«

»Das lass mal meine Sache sein. Ich habe das höchstpersönlich angeordnet, weil ich der Meinung war, du brauchst mal ein paar freie Tage. Was meinst du, wie das ausgesehen hat, als plötzlich kein für den Fall zuständiger Beamter bei der Besprechung war?«

»Du hättest mich ja holen können!«

»Nein! Du kannst dich nicht einfach nach Lust und Laune in einen Fall drängen. Ich glaube, du bist mehr als urlaubsreif. Willst du nicht bis nach Weihnachten mal ausspannen?«

»Scheiß drauf!«, knurrte Lukas.

»Dann musst du aber auch was bringen! Und nicht so ein Blech! Eine Ethnologin im Fall Sara Christen? Das ist ja wohl ein Witz. Ein schlechter dazu!«

»Ich brauche diese Frau! Wegen der Prophezeiung«, erwiderte Lukas. »Ich befürchte nämlich, dass die Schrift auf einen weiteren Mord hinweist. Und ich weiß auch schon wann. Am fünfzehnten Dezember.«

»Genau, und am einundzwanzigsten ist Weltuntergang. Schwachsinn! Außerdem hast du sie angerufen, ohne vorher vernünftig zu ermitteln oder das gar mit mir abzusprechen! Was ist mit dieser Frau, die erst am Tatort war und dann verschwunden ist, nachdem sie eine falsche Aussage gemacht hat?«

Lukas atmete tief durch. Ja, es war sein Fehler, dass er niemanden hinterhergeschickt hatte. Er könnte Kerner jetzt allerdings verraten, dass die Ethnologin die Schwester dieser Frau war, aber das ließ er bleiben. Das war sein Trumpf, und den würde er ausspielen, wenn es an der Zeit war.

»Weißt du eigentlich, was da draußen los ist? Wir brauchen konkrete Ergebnisse. Die Presse hat trotz Nachrichtensperre von der Sache Wind bekommen, und Stellmann tobt ...«

»Die Presse interessiert mich nicht. Ich will einen zweiten Mord verhindern. Wir müssen den Irren stoppen. Die Ethnologin kommt gleich in mein Büro«, unterbrach Lukas ihn unwirsch.

»Du hast sie mitten in der Nacht in dein Büro bestellt?« Kerner griff sich an den Kopf. »Das darf doch nicht wahr sein! Bist du dir überhaupt sicher, dass es keine Schmiererei ist, um uns vom wahren Täter abzulenken? Vielleicht weiß einer, dass wir uns sofort auf diese vermeintliche Botschaft stürzen und einen Serienkiller wittern. Und den engeren Kreis des Opfers vernachlässigen. Sara Christen hat sich in letzter Zeit bei einigen Leuten unbeliebt gemacht. Lukas, hörst du mir überhaupt zu? Hast du mal in Erwägung gezogen, dass wir hier verarscht werden?«

Lukas blieb seinem Chef eine Antwort schuldig. Er vertiefte sich demonstrativ in die Berichte vom Tatort.

»Okay, dann sieh zu, ob du was herausfindest«, sagte Kerner. »Ich erwarte morgen früh zur Besprechung ein Ergebnis.«

Lukas sah von seinen Unterlagen auf und wunderte sich, dass Kerner noch immer vor ihm stand und ihn anstarrte.

»Ist noch was?«

»Nein, nein, alles in Ordnung! Bis morgen«, erwiderte sein Chef und verließ eilig das Büro.

Lukas atmete auf. Er hat nichts gemerkt, dachte er erleichtert und angelte die angebrochene Bierflasche aus dem Papierkorb.

6

Knapp dreizehn Stunden hatte Klara bis vor die Haustür nach Charlottenburg gebraucht – dank dem guten alten Neunelfer, den der Vater ihr einmal geschenkt hatte. Und, weil es nirgendwo auf der Strecke über die Maßen geschneit hatte.

Ihr taten alle Knochen weh. Ohne die Pillen hätte sie diese Monstertour gar nicht in einem Rutsch geschafft.

»Konrad, kommst du? Wir sind zu Hause!« Klara hatte die Beifahrertür von außen geöffnet und ihrem Vater die Hand gereicht. Er hatte seit dem überstürzten Aufbruch aus Costarainiera kein Wort mehr mit ihr gewechselt. Entweder war er in andere Welten abgetaucht oder beleidigt.

Klara hatte ihm Saras Tod verheimlicht. Diese Nachricht würde ihn mit Sicherheit über die Maßen aufregen. Außerdem würde Klara damit ein lang gehegtes Geheimnis preisgeben. Das musste nicht sein. Schließlich ahnte er nicht, dass sie die Identität ihrer Mutter schon vor Jahren herausbekommen hatte.

Konrad Kemper ignorierte die ihm dargebotene Hand und starrte stur geradeaus.

»Vater, bitte, ich habe noch etwas vor. Jetzt komm!« Ihr Ton wurde schärfer.

»Warum tust du das?«, fragte er, ohne sie anzusehen.

»Du weißt, es war eine Flucht auf Zeit. Eines Tages musste ich dich nach Hause zurückbringen.«

»Ich bin in Costarainiera zu Hause«, entgegnete er trotzig.

»Papa, ich verspreche dir, es wird alles gut, aber du musst zur Untersuchung in diese Klinik gehen. Und jetzt komm bitte«, flehte Klara.

Konrad sah sie vorwurfsvoll an und stieg aus dem Wagen, ohne seine Tochter eines weiteren Blickes zu würdigen.

Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn zur Haustür.

»Wo ist dein Schlüssel?«

»Weiß nicht!«

Klara drückte auf den Löwenkopf an der Haustür. Nichts rührte sich, obwohl der Ton der Glocke laut bis nach draußen schallte. Sie klingelte noch einmal. Vergeblich. Das Haus blieb so dunkel wie vorher.

»Vater, gib ihn mir!«, befahl sie.

Konrad Kemper griff murrend in seine Jackentasche, zog ein Schlüsselbund hervor und reichte es ihr.

Als sich die Tür öffnete, schlug ihnen warmer Mief entgegen. So, als wären die Heizungen voll aufgedreht, das Haus aber unbewohnt.

Im Flur suchte sie nach dem Lichtschalter. Als wenig später das grelle Licht den Eingangsbereich erleuchtete, erschrak sie. Es herrschte ein unbeschreibliches Chaos. Mehrere Mülltüten standen herum. Sie hielt sich die Nase zu. Es stank erbärmlich.

»Willkommen zu Hause«, sagte ihr Vater und grinste sie an.

»Ich denke, Miriam wohnt hier?«, bemerkte sie, während sie sich einen Weg durch den Müll bahnte.

»Das dachte ich auch«, erwiderte ihr Vater. »Am Tag, an dem ich geflüchtet bin, war alles noch in Ordnung! Jedenfalls im Haus. Im Oberstübchen deiner Schwester weniger!«

»Du brauchst jetzt erst einmal ein Bett«, sagte Klara energisch und ging voran in die obere Etage. Er folgte ihr mit gesenktem Kopf.

In seinem Schlafzimmer sah es aus, als hätte es seit geraumer Zeit kein Mensch mehr betreten.

»Leg dich schlafen«, befahl sie mit sanfter Stimme, während sie das Fenster öffnete. Auch hier konnte man riechen, dass der Raum lange unbenutzt gewesen war.

Erleichtert nahm sie zur Kenntnis, dass Konrad sich widerstandslos auf seinem Bett ausstreckte.

»Ich bin bald wieder bei dir. Bitte bleib einfach hier. Ich habe noch etwas zu erledigen. Versprichst du es mir?«

Ihr Vater nickte.

»Und ich verspreche dir, ich bin bald zurück!«

Klara warf ihrem Vater, der die Augen demonstrativ zugemacht hatte, einen flüchtigen Blick zu.

»Konrad, lagern deine Forschungsunterlagen über das Mayaprojekt eigentlich noch oben?«

»Mach das Licht aus! Ich bin müde!«

Klara verließ das Zimmer und stieg auf den Dachboden. Ihre Frage beantwortete sich, als sie, um an ihre Kiste zu gelangen, über einen Berg Ordner steigen musste. Alle akribisch von dem einst bekannten Ethnologen Professor Dr. Konrad Kemper beschriftet. Er hatte ein Buch über die Maya schreiben wollen, bevor sein immer schlechter werdendes Gedächtnis dieses ehrgeizige Projekt unmöglich gemacht hatte.

Eilig schnappte sie sich ihre Kiste und fragte sich plötzlich, warum der Vater ihr gegenüber niemals auch nur mit einem einzigen Wort Arnatsiaq erwähnt hatte. Nicht einmal, als sie ihm erzählt hatte, worüber sie ihre Doktorarbeit schreiben wollte. Dabei hatte er sie sogar persönlich gekannt!

Doch auch danach konnte sie ihn nicht fragen. Wenn er das überhaupt noch wusste, würde sie ihm damit verraten, dass sie die Geschichte um ihre jung verstorbene Mutter längst als Lüge entlarvt hatte.

7

Lukas blickte neugierig zur Tür, als es klopfte. Eine schlanke, hochgewachsene Frau mit halblangem schwarzen Haar und einem markanten Gesicht betrat sein Büro. Sie hatte nur ganz entfernt Ähnlichkeit mit ihrer Schwester. Das lag nicht zuletzt an ihren engen Lederhosen und den Stiefeln. Sie trug eine Kiste unter dem Arm. Er war angenehm überrascht. Klara Kemper war äußerst attraktiv. Jedenfalls in seinen Augen. Er warf einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr. Es war genau zwei Uhr morgens.

»Nehmen Sie Platz! Und darf ich fragen, warum Sie so lange gebraucht haben, um mich aufzusuchen?«

»Die Strecke von Ligurien nach Berlin ist beim besten Willen nicht schneller zu schaffen. Das war absoluter Rekord«, erwiderte sie. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie ein uraltes Laptop aus der Kiste zog.

»Ligurien?«

»Ja, als Sie mich anriefen, stand ich auf der Terrasse unseres Ferienhauses und blickte aufs Meer. Aber jetzt erzählen Sie mal. Was ist mit Sara Christen geschehen?«

Statt ihr zu antworten, schob er ihr wortlos die Tatortfotos über den Tisch.

Klaras Augen weiteten sich vor Entsetzen. Stumm betrachtete sie eines nach dem anderen. Als sie das Foto mit der blutroten Nachricht auf dem Rücken der Toten zur Hand nahm, wurde sie leichenblass.

»Was ist das für Farbe?«, fragte sie heiser.

»Edding und das Blut eines Hundes«, erwiderte Lukas ungerührt.

Klara hielt sich die Hand vor den Mund und rannte ohne Vorwarnung nach draußen.

»Das Klo ist den Gang runter links«, rief er ihr hinterher. Er wunderte sich. Sie machte auf den ersten Blick nicht den Eindruck, als ob das Foto einer Toten ihr prompt auf den Magen schlagen würde.

Merkwürdig, dachte Lukas, sehr merkwürdig. Dann griff er in eine Plastiktüte, die er unter dem Schreibtisch versteckt hatte. Er wollte das letzte Bier auf Ex hinunterkippen. Es schien ihm unangebracht, das in ihrer Gegenwart zu tun. Doch die Tüte war leer. Habe ich das letzte schon getrunken, fragte er sich. Als Klara zurückkehrte, sah sie entsetzlich mitgenommen aus.

»Ein Glas Wasser?«, fragte er.

»Ein Bier wäre mir lieber«, sagte sie.

»Alkohol während der Arbeit ist auf dieser Dienststelle strengstens untersagt.« Lukas verzog keine Miene. Und wenn sie seine Fahne zehnmal roch, zugeben würde er es nicht. So war er immer noch am besten gefahren. So zu tun, als wenn nichts wäre!

»Na dann!« Sie grinste spöttisch und griff in ihre Jackentasche. »Sie sollten trotzdem einen von meinen Fisherman's probieren.«

Zögernd griff er zu.

»Sie kannten die Tote?«

»Sicher, wer kennt Sara Christen nicht?«

»Ich meine persönlich. Die Nennung ihres Namens hat Sie offenbar umgestimmt, sich doch auf den Weg zu machen. Und Ihre Reaktion eben, die sprach Bände.«

Klara blieb ihm eine Antwort schuldig und zwang sich stattdessen, weiter auf das Foto, das die roten Buchstaben auf dem Rücken der Toten zeigte, zu starren.

»Und? Sagt Ihnen das was?«, fragte er lauernd.

Klara zuckte mit den Schultern.

»Ich habe bereits im Internet recherchiert. Zwei Eintragungen zu Ihrer Schamanin. Ich weiß jetzt immerhin, dass diese Frau eine große Schar von Anhängerinnen auf der ganzen Welt hat. Aber ich habe nirgends einen Hinweis auf ein Buch mit Prophezeiungen der Schamanin gefunden«, fügte Lukas hinzu.

»Kein Wunder. Sie hat auch niemals ein Buch verfasst. Sie hat ihre Botschaften ausschließlich mündlich verbreitet.«

»Und wie sind Sie daran gekommen?«

»Ich kannte Arnatsiaq und habe ein paar Monate in ihrem Haus bei Nuuk gelebt. Dort habe ich ihre Vorträge besucht ...«

Sie heftete ihren Blick auf das Foto und las leise: » DA s zweite Venusopfer wird am fün fzehnten Tag im Monat des Endes der Langen Zählung dargebracht, i n der Stadt des großen Reichs im Meer, das durch Erdbeben, Sturm und Wasserflut verwüstet wird. Am Ort, an dem der Mensch zu verhindern sucht, was nicht mehr aufzuhalten ist. q .«

Sie schwieg eine Weile. »Arnatsiaq war eine friedliebende Frau. Das mit dem Darbringen von Opfern, das passt nicht zu ihr. Sie gehört zu den uralten Schamaninnen, die im Juli 2009 zur Sacred Fire Ceremony, der Rückkehr des Heiligen Feuers, im grönländischen Ort Kangerlussaq eingeladen haben. Damals war ich bei ihr. Aber das da stammt nicht von ihr! Sie hat niemals solche apokalyptischen Vorhersagen getroffen. Das muss einen anderen Grund haben, dass der Mörder auf sie hinweist.«

Lukas trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte herum. Was war das für nebulöses Gelaber? Er brauchte dringend Ergebnisse und ein kaltes Bier.

»Geht es etwas präziser?«

»Sie nerven!«

Klara schaltete ihren Rechner an und vertiefte sich schweigend in die Aufzeichnungen. Plötzlich hob sie den Kopf und blickte ins Leere. »Sie hat immer wieder prophezeit, was geschehen wird, wenn wir nicht umkehren und das Feuer in unseren Herzen nicht zum Schmelzen bringen. So wie Angaangaq, der viel berühmter ist, als Arnatsiaq es je gewesen ist. Aber sie beide erzählen dieselbe Geschichte, wie im Jahre neunzehnhundertdreiundsechzig zwei Jäger in ihr Dorf kamen und von einem merkwürdigen Phänomen berichteten: dass ein Rinnsal von der mächtigen Kappe des Inlandeises tröpfelte. Heute ist das Rinnsal ein Fluss, und der Ozean droht, alles zu verschlingen ...«

»Und was hat das damit zu tun?« Er deutete ungeduldig auf das Foto.

Klara überlegte fieberhaft. »Damit könnte Hamburg gemeint sein. Das untergehen wird, wenn der Meeresspiegel steigt.«

»Sie meinen, den nächsten Toten wird es in Hamburg geben?«

»Die, die nächste Tote. Venus, dazu brauche ich keine Prophezeiungen, um das zu verstehen.«

Lukas stöhnte auf. »Das ist alles sehr dünn. Damit komme ich bei meinem Chef nicht durch. Ich hatte gehofft, Sie könnten mir den Quatsch übersetzen.«

Klara erhob sich abrupt. »Dann fahre ich eben allein.«

»Wie fahren? Ich würde den dortigen Kollegen allenfalls einen Hinweis geben. Die kümmern sich dann darum!«

»Tun Sie das!«

Klara klappte den Rechner zu, steckte ihn in die Kiste und machte sich zum Gehen bereit.

»Warten Sie, was haben Sie vor?«

»Ich werde herausbekommen, wo man in Hamburg versucht, sich gegen künftige Fluten zu schützen. Dort wird er das nächste Mal zuschlagen, und zwar übermorgen.«

»Wie übermorgen?«

»Heute ist schon der dreizehnte Dezember zweitausendzwölf. Sie vergessen wahrscheinlich, dass längst ein neuer Tag angebrochen ist. Die Lange Zählung endet genau heute in acht Tagen. Und der nächste Mord findet Samstag statt. Und ich werde dort sein, bevor er wieder zuschlägt! Er will, dass es ein Wettlauf wird. Soll er haben!«

»Sie können diesen Job getrost der Polizei überlassen.«

Klara lachte heiser auf.

»Ach ja? Hat die Polizei verhindern können, dass Sara Christen umgebracht wurde?«

»Nein, aber Sie tun ja gerade so, als wären Sie persönlich betroffen. Sie kennen sie also doch näher, oder?«

»Sara Christen war meine Mutter.«

»Ihre Mutter?« Lukas blieb der Mund offen stehen. »Aber dann hätte Ihre Schwester, diese ... ich kann mir den merkwürdigen Namen nicht merken, doch anders reagiert. Sie war völlig teilnahmslos.«

»Sie war ein Baby, als Mutter uns verließ. Meine Schwester glaubt bis heute, unsere Mutter wäre bei meiner Geburt gestorben. Ich bin nur knapp ein Jahr jünger als sie!«

Lukas wollte etwas erwidern, ihr sagen, dass sie aber viel attraktiver sei, und sie vor allem warnen, sich nicht in die laufenden Ermittlungen einzumischen, doch da war Klara bereits aus der Tür. Er rannte hinterher und brüllte über den Flur: »Hey, Sie, ich brauche die Adresse Ihrer Schwester!«

Doch sie verließ eilig das Gebäude, ohne sich noch einmal umzudrehen.

8

Es war kurz nach drei Uhr morgens. Unten am See in Kladow war es bitterkalt und dunkel. Es roch nach Schnee. Miriam, die sich Ixtab nannte, seit sie in dieser Gemeinschaft lebte, saß in Decken eingehüllt auf dem Steg. Sie versuchte zu meditieren, doch das wollte ihr nicht so recht gelingen. Die Gedanken kreisten unaufhörlich um ihre Rolle bei der Transformation, die unweigerlich auf die Menschheit und sie zukommen würde.

Sie zuckte zusammen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte.

»Ich bin es«, sagte ihre neue Freundin mit der rauen Stimme ihrer Heimat.

»Manchmal frage ich mich, ob es richtig ist, was ich tue«, brach es verzweifelt aus Ixtab heraus.

»Wir müssen bis zur letzten Minute daran arbeiten, dass sie uns unversehrt auf ihre Reise mitnehmen«, ermutigte die dunkelhaarige Frau sie und setzte sich dicht neben sie: »Wir sind auserwählt, unsere göttliche Kraft zum Wohle des Universums einzusetzen. Uns bleiben nur noch wenige Tage. Dann werden wir sehen, ob wir genug getan haben, sonst sind wir alle verloren.«

Ixtab hörte ihr gar nicht mehr zu. Sie war mit ihren Gedanken bei der ersten großen Aufgabe, die sie zur vollen Zufriedenheit erfüllt hatte. Doch das Schlimme war: Statt Dankbarkeit zu empfinden, dass sie nun zum göttlichen Kreis der Vertrauten gehörte, marterten sie bei der Erinnerung daran irdische Zweifel. Da half es auch nichts, dass die schöne Frau mit der warmen Stimme das Mantra anstimmte: »Göttin des Lichts, Göttin der Sonne, mein Dasein pulsiert im Einklang mit der Zentralsonne. So sei es! So sei es! So sei es!« Sie unterbrach sich und forderte Ixtab auf, es ihr gleichzutun.

Schleppend stimmte sie mit ein: »Göttin, des Lichts, Göttin der Sonne ...« Ihre Stimme erstarb, während sie auf den dunklen See starrte und sich wünschte, das schwarze Wasser möge sie auf der Stelle verschlucken, damit sie es hinter sich hatte. Sterben musste sie so oder so. Warum sollte sie es sich unnötig schwer machen? Sie spürte erst am salzigen Geschmack in ihrem Mund, dass sie weinte.

9

Klara fuhr vom LKA direkt zu Saras Haus am Grunewald. Dort herrschte zu ihrem großen Entsetzen ein regelrechter Belagerungszustand. Etliche Scheinwerfer waren auf das Haus gerichtet. Die Journalisten standen bis in den Vorgarten hinein, lauernd, ihre Fotoapparate gezückt. Kameras surrten. Ein Fotograf hockte sogar auf dem Dach. Eine Moderatorin des Frühstücksfernsehens gestikulierte wild mit den Händen in der Luft herum und deutete immer wieder auf die Haustür.

Was erwarteten diese Leute?, fragte sich Klara. Sie war gezielt in diese ansonsten eher beschauliche Seitenstraße eingebogen, um ihre angeschlagenen Nerven zu beruhigen. Nun war sie gezwungen gewesen, ein ganzes Stück weiter weg einen Parkplatz zu suchen und zurückzulaufen. Hinter dem Zaun zum Grundstück war Klara stehen geblieben. Von hier aus hatte sie die Haustür im Blick, die sich gerade in diesem Augenblick öffnete. Saras Mann und die beiden Kinder hatten offenbar beschlossen, vor der Presse Statements abzugeben, bevor die Journalisten womöglich noch in ihr Haus eindrangen. Klara sah zur Uhr. Es war fünf Uhr morgens. Die Familie war voll angekleidet, aber in ihren Gesichtern spiegelte sich eine durchwachte Nacht. Die Kinder hatten vom Weinen verquollene Augen. Klara wandte rasch den Blick ab. Ihre Kinder! Kinder, die um sie weinen durften. Nicht wie sie, die ein Zaungast fremden Lebens war. Auch der Ehemann sah reichlich mitgenommen aus. Seine Haut war aschfahl. Er war nervös. Immer wieder nahm er seine Brille ab und putzte die beschlagenen Gläser.

Auf den Covern seiner Bücher hatte er viel jünger ausgesehen. Er war nicht annähernd so attraktiv wie Konrad vor dem Ausbruch seiner Krankheit. Im Gegenteil, er wirkte schmächtig und uralt. Tiefe Furchen durchzogen sein Gesicht.

Stockend berichtete er, was geschehen war. Das brisanteste Detail ließ er allerdings aus. Die Botschaft. Der weiß gar nichts davon, schoss es Klara durch den Kopf. Das mit dem Hundeblut hat man ihm offenbar erspart. Oder er wollte es den Journalisten gegenüber nicht preisgeben. Der Mann sprach mit einer monotonen Stimme, als stehe er unter schweren Beruhigungsmitteln.

»Und warum haben Sie Ihre Frau nicht vermisst gemeldet?«, fragte einer der Journalisten.

»Ich, ich ... ich habe gedacht, sie sei auf einem Kongress in München.« Der Mann schien verunsichert.

»Normalerweise telefoniert man miteinander. Haben Sie sich nicht gewundert, dass Sie nichts mehr von ihr gehört haben?«

»Ich, nein ... ich dachte, sie wäre viel zu beschäftigt und mit ihren Freunden zusammen und ...«

»Stimmt es, dass Ihre Frau ein Verhältnis hatte?«

Der Mann blickte hilflos zu seinen Kindern.

Sein Sohn hatte einen hochroten Kopf bekommen. »Würden Sie uns jetzt bitte in Ruhe lassen? Unsere Mutter ist tot! Kapieren Sie das nicht?«

Er drehte sich abrupt um. Seine Schwester folgte ihm. Wie alt mochten sie sein?, ging es Klara durch den Kopf. Zwanzig? Das Mädchen sah ihr irgendwie ähnlich. Plötzlich schluchzte das Mädchen auf. Ob sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter gehabt hat, fragte sich Klara, aber bevor sie sich weitere Gedanken über ihre Halbgeschwister machen konnte, stieg Erbitterung in ihr auf. Sie ahnte, warum. Sie ertrug den Anblick dieser Leute, die sich »Saras Familie« nennen durften, nicht länger. Sie, die ihre Trauer in aller Öffentlichkeit zur Schau stellen durften.

Ohne sich noch einmal umzublicken, rannte Klara zum Wagen zurück.

Sie ließ den Motor an, damit es wärmer wurde. Die Gedanken kreisten wild in ihrem Kopf herum. Zweifel machten sich breit. Sollte sie nicht genau das versuchen, was sie bereits zu Saras Lebzeiten probiert hatte? Zu vergessen, dass es diese Frau gab? Warum schnappte sie sich nicht Konrad und machte sich mit ihm aus dem Staub? In Costarainiera würde sie keiner belästigen, nachdem sie ihr Handy unterwegs aus dem Autofenster geworfen hätte. Der Gedanke, den Kopf weiterhin in den Sand zu stecken, war auf eine Weise beruhigend. Sie hatte doch längst mit der Frau abgeschlossen. Was ging sie deren Tod an. Sollten sich die Zwillinge doch darum kümmern, dachte sie und hätte gern Zorn gegen ihre Mutter empfunden. Dann würde es ihr leichter fallen, Sara Christen endgültig sterben zu lassen. Doch diese Frau war ihr viel zu ähnlich, als dass sie sie hassen konnte. Und würde sie die Bilder vom mit Hundeblut beschmierten Rücken ihrer Mutter nicht mit nach Ligurien nehmen?

Klara schaltete den Motor aus und kuschelte sich tiefer in ihren Mantel ein. Sie merkte nicht, wie die Zeit verging. Erst als ihre Zähne vor Kälte aufeinanderschlugen, erwachte sie aus ihrem tranceähnlichen Zustand. Sie hatte eine Entscheidung getroffen und blickte zur Uhr. Es war halb acht Uhr in der Früh, als für Klara Kemper feststand, dass sie es ihrer Mutter schuldig war, deren Mörder zu finden. Und sie begriff, dass sie sich niemals aus ihrem übermächtigen Schatten befreien würde, wenn sie weiter davor flüchtete.

Ob Sara wirklich einen Geliebten gehabt hat, fragte sich Klara, während sie den Motor anließ.

10

Das »Holiday Inn« gleich hinter dem Tunnel in Folkestone schien ihm das geeignete Hotel, um auf weitere Anweisungen zu warten. Das Geld war tatsächlich auf dem Konto eingetroffen. Auf seinem Rechner hatte er eine anonyme Mail vorgefunden, dass Näheres umgehend folgen würde.

Er war todmüde gewesen, nachdem er den Wagen gewechselt und eingecheckt hatte. Inzwischen war der Morgen angebrochen, und er war hellwach. Selten hatte er so lange an einem Stück geschlafen. Und das ganz ohne Albträume, jedenfalls keine, an die er sich erinnerte. Er schob den Vorhang beiseite. Draußen war es stockduster. Als Erstes steckte er sich eine Zigarette an, obwohl es ein Nichtraucherzimmer war. Rauchend schlurfte er ins Bad. Er warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel. Ihm missfiel, was er dort sah: Augenringe, zerzaustes schwarzes Haar und dunkle Bartstoppeln. Seine südländische Herkunft war offensichtlich. So würden sie ihn mit Sicherheit für einen Terroristen halten. Die Idioten konnten doch keinen Nordafrikaner von einem Saudi unterscheiden! Das war bei seinem Job alles andere als förderlich. Er strebte völlige Unauffälligkeit an. Es war wichtig, dass er sich rasierte. Dann wirkte er sofort heller.

Während er den Code für das Hotelnetz eingab, spürte er einen bohrenden Hunger. Seit Berlin hatte er nichts mehr gegessen. Diese Sache war ihm auf den Magen geschlagen. Merkwürdig, sonst fühlte er nichts, gar nichts! Keine Abscheu, aber auch keine Befriedigung. Er machte es, weil es gut bezahlt wurde. So war es schon im Kosovo gewesen. In der französischen Fremdenlegion stimmte der Lohn. Er musste plötzlich an den letzten Einsatz denken, als sie in das Dorf eingedrungen waren. Mit dem Auftrag zum Töten. Doch die Augen dieser jungen serbischen Soldatin hatten ihn davon abgehalten. Sie waren schließlich gemeinsam nach Deutschland gegangen, weil sie dort einen Cousin hatte. Das war das unrühmliche Ende einer vielversprechenden Karriere gewesen. Und das alles für sie. Kosana.

Es schmerzte ihn, an seine schöne Frau zu denken. Oder besser gesagt, Exfrau. Und nicht einmal das. Sie hätte gern geheiratet, aber das wäre nicht gegangen. Wegen der Papiere. Und doch war sie viel mehr als seine Frau gewesen. Die ganz große Liebe. Von beiden Seiten. Er hätte einfach besser aufpassen müssen. Sie hatte herausbekommen, womit er sein Geld seit dem Ausscheiden aus der Fremdenlegion verdiente. Sie hatte völlig hysterisch reagiert. Und ihn noch an demselben Tag aus der gemeinsamen Wohnung geworfen. Sein größter Fehler: Er war gegangen! Seitdem hatten sie einander nicht mehr gesehen. Dennoch war er sicher: Wenn sie plötzlich vor ihm stünde, es wäre alles wie früher. Nur wusste er nicht, wo sie abgeblieben war. Das Türschild war fort. Es wohnten andere Leute in der Wohnung. Vielleicht war sie nach Hause zurückgekehrt. Würde er nie mehr in den Genuss kommen, ihre üppigen Brüste zu kneten, während er sie von hinten nahm? Allein bei dem Gedanken spürte er, wie ihm heiß wurde.