Verbloggt. Ein Milliardär auf der Couch - Mira Morton - E-Book

Verbloggt. Ein Milliardär auf der Couch E-Book

Mira Morton

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2,99 €

Beschreibung

Ein Blind Date mit verbundenen Augen! Dass daran etwas nicht stimmt, hätte sie sich denken können … Wenn es nach Emma Herbst geht, dann darf alles so bleiben, wie es ist. Ihre Praxis als Psychotherapeutin brummt, ihr Buchblog ebenso und sie ist gleich doppelt verliebt: in Stefan und in ihren kleinen schwarzen Kater, Herrn Schrödinger. Doch dann vergibt die Hobby-Buchbloggerin ihre erste Ein-Stern-Rezension, verfolgt den untreuen Freund ihrer besten Freundin Riki und in ihrer Praxis nimmt ein liebeskranker Milliardär auf ihrer Couch Platz. Das Chaos wird noch schlimmer, als Emma auch noch in ein seltsames 'Blind Date' einwilligt. Wie hätte sie ahnen können, dass dieser Fremde das wörtlich meint? Während Emma noch mit ihren eigenen Gefühlen kämpft, weiß ihr kleiner Kater, Herr Schrödinger, längst, an wen sie ihr Herz verschenken sollte ... Die Bestsellerreihe von Mira Morton steckt voller Geheimnisse und ist romantisch wie auch amüsant. Der Roman ist in sich abgeschlossen. "SECRETS-Geheimnisvoll verliebt"-Reihe: (1) Verbloggt. Ein Milliardär auf der Couch – Emma – Wien, Steiermark (2) Bon Bini. When Love rocks – Riki – Wien, Bonaire (Karibik) (3) Herzknistern. Blind verliebt im Pulverschnee – Marlen – Wien, Kitzbühel Alle Romane sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. In der genannten Reihenfolge macht die Reihe allerdings noch mehr Freude beim Lesen. "Verbloggt. Ein Milliardär auf der Couch" ist eine Pink Crown Edition-Neuauflage von "Verbloggt. Verliebt in einen Milliardär?".

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 323




Inhaltsverzeichnis

Titel

1 - Rosarote Wolke

2 - Bonuskapitel aus Sicht von Herrn Schrödinger

3 - Abendblues

4 - Zahnlos?

5 - Bonuskapitel aus Sicht von Herrn Schrödinger

6 - Die Ein-Stern-Rezension

7 - Überraschung

8 - Therapiestunde

9 - Wiener Nachtleben

10 - Der Falsche

11 - Katzenjammer

12 - Vollgedröhnt?

13 - Verbloggt

14 - Eins, zwei, drei … Männer

15 - Die Zeit läuft

16 - Spaziergänger

17 - Nächtlicher Besuch

18 - Blind Date?

19 - Vertragsgespräche

20 - Bonuskapitel aus Sicht von Herrn Schrödinger

21 - Aufbruch

22 - Steirische Toskana

23 - Buschenschank-Tour

24 - Wohnungsgeflüster

25 - Bonuskapitel aus Sicht von Herrn Schrödinger

26 - Am Land: in Mödling …

Alle bisher erschienenen Romane von Mira Morton

Leseprobe aus: ›Bon Bini. When Love rocks‹

Danke und ein Hofknickserl

Quellennachweise

Die Autorin

Impressum

Viel Spaß mit meinem Roman

und keep on dreamin´!

Herzlichst,

Facebook:www.facebook.com/MiraMorton.Autorin

www.miramorton.com

[email protected]

Mira Morton

Verbloggt

Ein Milliardär auf der Couch

Roman

Rosarote Wolke

Mittwochabend

»Möchtest du noch etwas trinken?«, fragt mich Stefan und steht bereits neben meinem Kühlschrank. Er sieht zum Anbeißen aus. Ich gehe auf ihn zu und kann nicht widerstehen. Ebenso wenig gelingt mir das bei Trüffeltorten oder coolen Schuhen. Wobei diese rein befriedigungstechnisch natürlich nicht mit einer heißen Nacht mit Stefan zu vergleichen sind.

Aus seinen wundervollen grünblauen Augen sieht er mich fragend an. Ich fahre ihm seitlich durch sein brünettes kurzes Haar. Streiche über das Revers seines Sakkos. Mmh. Anzüge wirken auf mich wie ein Aphrodisiakum. So ehrlich muss ich sein. Und der dunkelgraue, den Stefan trägt, sitzt einfach nur fantastisch. Betont seine schmale Hüfte. Macht ihn männlich. Vielleicht ein wenig distanziert, aber ich mag das.

»Muss ich?«, frage ich zurück.

Wenn er mich nämlich so ansieht, habe ich bei Weitem bessere Ideen, als etwas zu trinken. Genau genommen nur eine. Aber das ist auch nicht weiter verwunderlich, wir kennen uns erst seit sechs Wochen. Reden könnten wir nächstes Jahr auch noch. Theoretisch. Denn es ist unwahrscheinlich, dass wir dann noch zusammen sind, aber das ist im Moment nicht wichtig.

Stefan ist pure Leidenschaft. Sinnlich. Sexy. Unverklemmt und aufmerksam.

»Dann also vielleicht später?«, lächelt er und seine Augen bekommen diesen Glanz! Er kommt auf mich zu, umschlingt meine Taille und zieht mich eng an sich.

»Gute Id…«

Er verschließt meinen Mund mit seinen Lippen. Meine Augenlider klappen von selbst zu und katapultieren mich wieder auf eine rosarote Wolke. Es ist genau die, auf der ich immer wieder schwebe, seit er mich in einer Bar mitten in Wien angesprochen hat.

Leidenschaftlich fallen wir übereinander her. Schmusen. Ich will Stefan. Sofort.

Und zwar nackt.

Da bin ich jetzt einfach mal egoistisch.

Sehr gut. Wie es scheint, hat er die gleiche Idee. Stefan nimmt meine Hand, dreht mich herum und drückt mich mit dem Rücken an meinen Kühlschrank.

»Oh!«

»Du bist so heiß«, flüstert er in mein Ohr und beginnt daran zu knabbern. Plötzlich macht es »Ratsch« und er hat mein Kleid vorne aufgerissen.

»Ich kaufe dir ein neues«, sagt er und nimmt meinen Kopf in beide Hände. Echt jetzt. Ich mach mir doch keine Sorgen wegen des Kleides! Sicher nicht jetzt und sicher nicht, wenn ein scharfer Mann wie er mit seinem Finger die Ränder meines blassrosa Bodys nachfährt!

Die Frage ist jedoch, wie sexy ich mitten in meiner modernen, aber etwas steril wirkenden Küche aussehe. Zu blöd. Da ist nirgendwo ein Spiegel, mit dem ich kontrollieren könnte, wie ich mich anstelle.

Zur Hölle mit meiner Kontrollsucht. Wann lerne ich endlich, einfach loszulassen? Mich in einen Moment fallenzulassen? Was das anbelangt, bin ich eine Pharisäerin. Predige Frauen in meinen Therapiestunden Wasser und trinke, wenn es darauf ankommt, selbst Wein.

Stefan küsst mich wieder.

»Vergiss das Kleid, Stefan!«

»In High Heels und Body siehst du richtig verrucht aus«, raunt er an meinem Hals. Ob ich meine Bedenken von wegen Küche vergessen soll?

Ach, ich bin ein Idiot. Schließlich ist er zum ersten Mal in meiner Wohnung. Er weiß ja gar nicht, wo mein Schlafzimmer ist. Etwas klappert. Ups, Stefan hat eines von Schrödis Schüsserln mit dem Fuß erwischt.

Ich greife nach seiner Hand. »Komm.«

Aus dem Augenwinkel sehe ich ein schwarzes Wollknäuel.

In dem Moment schreit Stefan auf: »Hau ab, du dämliches Vieh!«

Mein Kater, Herr Schrödinger, hängt an seinem Sakko.

Oh, oh.

»Schrödi! Runter. Aber schnell!«, sag ich energisch. Wirklich streng schaffe ich bei ihm nicht. Dafür ist mein kleiner Kater viel zu herzig. Zu flauschig. Und außerdem ist er noch ein Baby.

Schrödi springt gekonnt nach hinten weg.

Stefan ist stinksauer.

Ich auch. Muss er meinen Kater Vieh nennen? Das macht man nicht. Und außerdem, Schrödi wohnt hier. Stefan nicht. Also wirklich.

Herr Schrödinger sitzt in der Tür. Seine Haare am Rücken sind aufgeplustert und er steht kampfeslustig da. Schaut so aus, als würde er Stefan auf Anhieb unsympathisch finden. Ob er eifersüchtig ist? Schrödi scheint Männer auf jeden Fall grundsätzlich zu hassen.

»Du hast einen Kater?«, fragt Stefan unwirsch und ich finde die Frage äußerst dumm.

Ich hebe Herrn Schrödinger auf und streichle ihn. Langsam beruhigt er sich, aber die Ohren sind in Richtung Stefan geneigt und seine Haare aufgestellt. Mit dem Kater im Arm gehe ich einen Schritt auf ihn zu. Vermutlich muss ich Stefan klarmachen, dass das kein gefährlicher Tiger, sondern eine Babykatze ist.

»Nein, das ist ein Kampfameisenbär und er heißt Herr Schrödinger«, beantworte ich Stefans einfältige rhetorische Frage. »Den Doktor darfst du weglassen«, schiebe ich süffisant nach.

Trotzdem ist das in Summe eine saublöde Situation. Und abturnend noch dazu.

»Sehr amüsant. Ich nehme aber nicht an, dass er gerade - wie sein berühmter Namensvetter - ein quantentheoretisches Experiment an meinem Sakko durchführen wollte?«

Stefan findet Schrödis Namen nicht witzig? Hm. Vielleicht sollten wir einmal klären, wer hier welche Art von Humor besitzt oder auch nicht. Er weicht einen Schritt nach hinten aus und niest.

»Gesundheit! Schau mal, Stefan, Herr Schrödinger ist echt noch mini. Das mit dem Sakko tut mir leid, aber vielleicht wollte er nur mit uns spielen«, lenke ich ein. Aber nur ein kleines bisschen, denn ich küsse den Kater. Demonstrativ. Stefan steht mir gegenüber und sieht angewidert aus. Das muss jetzt aber auch nicht sein. Schon wieder niest er und sucht offensichtlich ein Taschentuch.

Ich ziehe eines aus der Schublade links von meinem Herd.

»Hier, bitte.«

»Danke, Emma. Tut mir leid, aber ich bin schwer allergisch auf Katzen.«

Als ob er das bestätigen müsste, krümmt er sich und ich höre ein »Hatschi!« Lauter als zuvor. Stefans Nase rinnt nun auch.

Ich sehe von ihm zu Herrn Schrödinger, der mittlerweile wieder auf den Fußboden wollte und mich anklagend ansieht.

Sex oder nicht? Wenn ich schnell bin, haben wir vielleicht noch eine Chance auf einen vergnüglichen Abend. Meine Hormone schreien laut: Ich will.

Die Entscheidung ist gefallen.

»Mach dir keine Sorgen, Stefan, ich werde Herrn Schrödinger im Wohnzimmer einsperren.«

Mein kleiner Kater muss leider auf die Couch. Doch bevor ich ihn hochheben kann, saust er weg. Ich folge Schrödi in mein Wohnzimmer. Er sitzt unter meinem Sofa und faucht mich plötzlich an. Stefan taucht neben mir auf.

»Emma, ich kann nichts dafür, aber Katzen sind Gift für mich.«

»Schon okay. Komm mit.« Ich nehme seine Hand und will ihn in Richtung Schlafzimmer mitziehen. So ein Schmarrn aber auch. Warum habe ich Stefan nicht früher gefragt, wie er zu Katzen steht? Aber bis heute haben wir uns immer in Lokalen oder Hotels getroffen. Er ist ja nur ein bis zwei Tage die Woche in Wien, da er in München lebt.

Was ist? Stefan bleibt an Ort und Stelle stehen und schnupft und niest weiter.

»Es tut mir leid, Emma. Aber ich muss gehen. Der Kater lebt hier, das spüre ich in jedem Zimmer.«

Na bravo! Und ich stehe da wie in einem schlechten Kinofilm: Garderobe abgebrannt. Star noch nicht vollständig angezogen. Sieht daher jetzt ein wenig nuttig und deplatziert aus.

»Mir tut das auch wahnsinnig leid, ich wusste es ja nicht«, murmle ich, drehe mich um und hole mir aus meinem Schlafzimmerschrank ein langes T-Shirt und eine Jeans.

Stefan folgt mir doch. »Wir treffen uns das nächste Mal wieder im Hotel, ja?«, schlägt er vor, während ich in meine Hose und das T-Shirt schlüpfe.

Stefans Augen leuchten kurz auf. Wegen meiner etwas ungelenken, sicher auch nicht gerade sexy Bewegungen, oder warum sonst?

Ich umschlinge seinen Nacken.

»Ja. So machen wir das«, sage ich und lehne meinen Kopf kurz an seinen.

»Ich vermiss dich jetzt schon, Emma.«

»Ich dich auch.«

Stefan dreht sich um und geht bis zur Eingangstür. Wir küssen einander noch einmal. Heiß wäre geprahlt. Die Tür fällt ins Schloss. Und ich setze mich auf den Boden. Herr Schrödinger schießt zu mir und hüpft auf meinen Schoß. Ich kraule ihn zwischen den Ohren. Er schnurrt.

Hm.

Katzenallergie!

Ich fasse es nicht.

Bonuskapitel aus Sicht von Herrn Schrödinger

Mittwochabend

Ich packs nicht. Wieso bringt Emma so einen stinkenden Kater mit? Pfui. Noch dazu einen von den großen. Die sind unfähig. Haben keine Krallen. Können nicht jagen, weil sie viel zu langsam sind, und mir scheint, sie müssen ihr Fell wechseln. Mir graust vor ihm. Er riecht genauso wie der, der mich ins Wasser geworfen hat. Ich hab mich schon im Katzenhimmel gesehen. Mit letzter Kraft habe ich mich ans Ufer geschleppt. Aber was kümmert mich meine Maunzerei von gestern. Nun habe ich Emma. Nur das zählt.

Jetzt weiß ich auch, dass es zwei Sorten von den großen, krallenlosen Katzen gibt: gut riechende und liebe Katzen wie meine Emma, und böse, stinkende Kater wie diesen hier. Obwohl: Unfähig beim Jagen sind sie alle. Beute würden sie nie erlegen. Aber ich muss wohl in den sauren Wurm beißen und diesen Gestank ertragen. Nun, wo der große Kater schon einmal hier ist.

Aber überhaupt. Immer, wenn Emma nach Hause kommt, schmust sie mit mir. Ich reibe meinen Kopf in ihrer Hand und markiere sie. Emma gehört zu mir. Das müsste er doch erschnuppern!

Darf er das? Dieser Fremde hat mein Fresschen zur Seite geschubst. Pfui Teufel. Jetzt kann ich da auch nicht mehr fressen. Wird Zeit, dass mir Emma einen Platz am Tisch gibt. Denn was die großen Katzen können, kann ich schon lange. Richtiges Fressen wäre auch nett. Nicht das Zeug, das weder Maus noch Vogel ist. Ich würde meine Emma ja gerne mit Beute versorgen, wenn ich nur an sie herankäme. Verstehe ich gar nicht. Ich sehe Vögel, aber ich kann nicht zu ihnen auf den Baum springen. Und Mäuse gibt es hier keine.

Darf er das? Ständig an meiner Emma herumfummeln? Will er sie markieren? Lass das! Hast du Flöhe im Kopf?

Wenigstens krault sie ihn nicht hinter den Ohren. Würde sie das tun, ich müsste weglaufen. Aber ich will nicht weg. Ich liebe meine Emma.

Ja gehts noch? Dieser stinkende Kater drückt sie an meinen Futteraufbewahrer? Warte!

Kurz mit dem Hintern wackeln. Lauerstellung. Klein machen. Ohren nach unten und zur Seite klappen. Anspannen. Warten.

Ja! Er dreht mir sein Hinterteil zu.

Attacke!

Hui. Ich habe sein Fell erwischt und klammere mich daran fest. Hoffentlich spürst du meine Krallen, du böses Tier, du!

Lass Emma los, aber sofort.

Warum faucht der so? Rutsch mir doch meinen Katzenbuckel runter. Dich nehme ich doch gar nicht ernst.

Na gut, als Warnung muss das reichen. Einmal noch und du wirst die Katzen miauen hören, das schwöre ich dir.

Wieso faucht Emma mich an? Das ist falsch. Ich müsste sie anfauchen. Aber ich bin so außer mir, dass ich einen Käfer im Hals habe. So einen ätzenden Kater darf sie nicht in mein Revier bringen. Noch dazu, wo er keine Grenzen kennt.

Jetzt bin ich aber sauer. Sie wird schon sehen, was sie davon hat. Hm. Ich könnte mir eines von diesen Schwingdingern vornehmen. Emma nennt sie Vorhang. Oder unsere Liegewiese? Nein, die nicht. Die mag ich. Doch den Vorhang. Oder ich pinkle in ihre Pfotenwärmer. Nein, geht auch nicht. Ich liebe den Geruch ihrer Pfotenwärmer. Hin und wieder schlafe ich sogar heimlich in ihnen.

Doch der Vorhang. Irgendwann.

Jetzt kommt der mir nach? Ich verstecke mich unter dem Sofa und stelle meine Haare auf. Auch wenn ich klein bin, meine Krallen sind schärfer als deine. Ich werde dir noch das Fell über die Ohren ziehen!

Sie reden.

Geh weg von meiner Emma. Sonst spring ich dich gleich noch einmal an.

Sieh an, sieh an. Er geht.

Nachmiauen werde ich ihm nicht. Ich kann nur hoffen, dass er nie mehr wiederkommt.

Abendblues

Freitagabend

Mit dem Laptop werfe ich mich auf die Couch. Meine Laune geht seit Stefans Abgang am Mittwoch unterirdisch. Klar. Mit meinem Glück erwische ich natürlich einen Katzenallergiker. Und schon wird aus einer rosaroten Wolke ein Gefühlshurrikan in Blauschwarz. Was nicht alleine an Stefan liegt, sondern auch an meinem letzten Klienten heute. Der hat mich mitten in der Therapiestunde mit seiner Ehefrau verwechselt und plötzlich mit mir zu schreien begonnen. Von ‚Schlampe‘ bis hin zu ‚geldgierige Giftspritze‘ hat er dabei nichts ausgelassen. Nach Momenten wie diesen frage ich mich, warum mir nichts anderes eingefallen ist, als Psychotherapeutin zu werden. Orchideenzüchterin erscheint mir ein durchaus erstrebenswerter Beruf zu sein. So beschaulich und konfliktfrei.

Irgendwie fehlt mir Stefan. Ein wenig zumindest. Was idiotisch ist, denn ich bin weit davon entfernt, einen Mann zur täglichen Bespaßung zu benötigen. Das weiß ich seit Jahren. Und ich habe das Stefan sogar gesagt. Abstand tut gut und ich will keine klassische Beziehung. Sich alle paar Tage treffen, hin und wieder ein Wochenende gemeinsam verbringen oder Urlaub machen, das reicht schon. Nie würde ich mit einem Mann zusammenziehen. Das habe ich mir abgeschminkt. Meine Unabhängigkeit ist mir heilig. Stefan schien das gar nicht unrecht zu sein, was mir wiederum nur recht ist.

Aber es müssen ja nicht gleich ein paar Tausend Kilometer Abstand sein. Wirklich blöd, irgendwie, denn Stefan hat gestern in den arabischen Raum reisen müssen. Geschäftlich. Dabei wollten wir am Samstag gemeinsam in ein Kabarett. Alleine hatte ich keine Lust, daher habe ich die Karten meiner Assistentin Susanne und ihrem Mann geschenkt.

Jetzt heißt es also weiterhin warten. Dabei bin ich schon gespannt, wie es sich anfühlt, mit Stefan gemeinsam aufzuwachen. Ich finde, da entscheidet sich alles. Könnte gut sein, dass ich ihn ab da nur mehr abends sehen will. Es gibt nämlich Männer, die ertrage ich in der Früh nicht.

Irgendwie würde ich Stefan ja gerne eine WhatsApp-Nachricht schicken. Wir werden uns nämlich erst nächsten Mittwoch wiedersehen. Aber nein. Er verweigert sich modernen Medien. Ich hasse das. Nicht einmal auf Facebook ist er.

Hoppla?

Was ist denn hier passiert? Vierzehn persönliche Nachrichten springen mir auf meinem Facebook-Account entgegen.

Besser, ich verstecke mich vor dem großen Netz. Ich logge mich aus. Sicher ist sicher. Mein Magen knurrt. Bitte? Über zwanzig E-Mails noch dazu? Herrgott, wie soll ich das alles schaffen? Eine Rezension eines Krimis wollte ich heute auch noch bloggen. Eine tolle Story. Bekommt fünf Sterne und war wirklich bis zum Schluss spannend.

Ups. Morgen bin ich bei einer Blogtour mit einer Autorenvorstellung an der Reihe. Vielleicht schreibe ich der Autorin, dass mir ihr Genre leider nicht gefällt. Nein. Das wäre gelogen. Ich bin süchtig nach Liebesromanen und in Wahrheit scheint mir nur ihre Story mies zu sein. Zumindest denke ich das, nachdem ich die Leseprobe überflogen und den Klappentext gelesen habe.

Am liebsten würde ich mich auf der Stelle unter meiner Decke verkriechen. Ich bin hundemüde. Was für ein Tag!

Ich habs. Ich stell mich tot und halte mich an die Regel: Wenn alles zu viel wird, mach kleine Schritte. Sonst wirst du stolpern und dir wehtun.

Wieder melden sich meine Eingeweide.

So ein Schmarrn, jetzt ist es schon nach neun Uhr am Abend und mein Kühlschrank ist leer. Meine Hände zittern. Unterzuckerung gepaart mit Schlafmangel, schätze ich. Ach, hier ist noch eine Dose Mais. Super. Ablaufdatum erst in einem Jahr. Wunderbar. Abendessen ist somit gesichert. Dann gibt es eben Mais-Salat. Ich sollte mir angewöhnen, gleich am Heimweg von meiner Praxis bei einem Supermarkt vorbeizuschauen.

Mein Handy läutet.

Nein!!!

So eine Sauerei aber auch. Die Dose ist mir aus der Hand gerutscht und der ganze Mais auf dem Boden gelandet. Die gelben Körner schwimmen in einem Schleim, gerade so, als wäre ein Heer an Schnecken über jedes einzelne Körnchen gekrochen. Großartig. Das war es für mein Abendessen. Mir graust es.

Herr Schrödinger schießt ums Eck, schnuppert am Mais und weicht einen Schritt nach hinten. Er stellt sein struppiges Fell auf und sieht zum Schießen aus. Verstehe. Mein Fast-Langhaar-Kater ist auch kein Fan von Schneckenmais und schon gar kein Vegetarier. Hätte mich auch gewundert, wo er jede Dose mit einer Spur von Gemüse boykottiert. Herr Schrödinger sieht mich an, als würde ich ihn vergiften wollen. Sollte mir zu denken geben. Er haut wieder ab, und ich geh an mein Handy.

»Emma, ich habe eine Neuigkeit für dich!«, quietscht meine beste Freundin Riki.

»Ist sie essbar?«

Sie kichert.

Mir ist ganz übel vor Hunger. Oder von dem Pärchen, das heute vor dem Schreihals einen Termin bei mir für eine Paartherapie hatte? Wie komme ich jetzt auf die beiden? Ehrlich. Wären sie mir nicht so sympathisch gewesen, ich hätte ihnen die Frage aller Fragen gestellt. Aber ich habe es bleiben lassen. Sie kämen nie wieder, weil sie sich auf der Stelle scheiden lassen würden. Und mein Auftrag lautet ganz klar, sie wieder zusammenzubringen. Also wer bin ich, ihnen zu sagen, dass der Fall hoffnungslos ist? Hin und wieder gebührt es der Anstand, dass ich meine ethischen Vorstellungen leider ein wenig an die Realität anpassen muss.

»Nein, aber stell dir vor: Ich hab einen Wahnsinnstypen kennengelernt!«

Moment. Riki, meine Seelenverwandte und vielleicht noch schlimmere Beziehungs-Phobikerin als ich es bin, soll sich richtig verliebt haben?

»Und du bist jetzt in diesen Wahnsinnstypen verliebt im Sinne von Schmetterlingen im Bauch oder verliebt im Sinne von: Er hat einen Trick im Bett, der dich süchtig macht?« Ich gehe nämlich davon aus, dass sie mit ihm sofort im Bett gelandet ist. Alles andere würde nicht zu Riki passen.

Sie kichert. »Beides.«

»Der Glückliche.«

»Oh, das ist er. Und so aufmerksam. Stell dir vor, er hat mir heute einen riesigen Strauß Rosen in die Kanzlei geschickt.«

»Sehr originell. Rote, nehme ich an.«

»Ja. Rote.«

Ob es sich um einen Staatsanwalt der alten Schule im zweiten Frühling handelt? Möglicherweise mit einer verborgenen sexuellen Begierde, die er nun mit Riki ausleben kann? Oder um einen Nackttänzer, der auf Blumenkavalier macht, und eine Multiplikation schlicht Mal-Rechnung nennt? Wir werden sehen.

Herr Schrödinger kommt wieder in die Küche. Er baut sich vor seinem Küchenkasterl auf und kratzt daran. Sein Schwanz steht senkrecht in die Höhe und zittert. Mein Kater miaut. Klingt richtig arm. Als sei er am Verhungern. Ich öffne die Lade, in der sein Futter ist. Sie ist prallvoll. Offensichtlich bin ich die geborene Katzenmutter, wenn ich mich schon selbst nicht versorgen kann. Aber für meinen kleinen schwarzen Kater ist alles da. Ich öffne eine Dose. Biofutter. Huhn mit Karotten. Für Schrödi nur das Beste und Gesündeste. Er wird sich schon noch daran gewöhnen. Ich für meinen Teil kann auch mit einer Packung Müsli ein paar Tage überleben. Wenn ich eine hätte.

Den Inhalt der Dose, der verdammt nach den Aufstrichen riecht, die ich früher durchaus gerne gegessen habe, befördere ich in sein Schüsserl. My Prince steht drauf. Es ist grau und weiß gestreift. So herzig! Ich habe es zufällig auf Amazon gesehen und konnte echt nicht widerstehen. Dazu hat es ein Plastik-Tischset mit demselben Design gegeben. Habe ich auch sofort bestellt und beides mit fünf Sternen bewertet und rezensiert. Gewohnheit. Auf jeden Fall liegt das Plastikding nun am Boden und kennzeichnet sein Fressplätzchen. Herr Schrödinger stürzt sich darauf. Also auf sein Futter, ich nehme an, das Prince-Design seines Fressplatzes berührt ihn vermutlich weniger.

Angeekelt schüttelt er eine Pfote und entfernt sich rückwärts von seinem Fresschen.

Oh. Jetzt will er das schon wieder nicht! Irgendetwas an diesem Biofutter scheint ihm ganz und gar nicht zu schmecken.

»Okay. Du hast gewonnen Schrödi.« Ich öffne eine zweite Dose. Wieder Huhn, aber weit weg von Bio und Karotten. Wie es aussieht, steht er auf Junkfood.

»Emma?«

»Entschuldige, ja, ich freu mich riesig für dich, Riki. Wann darf ich deinen Neuen denn kennenlernen?«

Hab ich es doch gewusst. Schrödi stürzt sich auf das neue Fresschen.

»Da wirst du dich noch ein Weilchen gedulden müssen.« Riki klingt plötzlich sehr geheimnisvoll.

»Ach, ist er alt und hässlich?«

Doch der Staatsanwalt. Möglicherweise mit Glatze und grauen gekringelten Brusthaaren.

Andererseits. So ein Mann passt nicht zu Riki. Dafür ist sie zu extravagant, zu sexy und viel zu schick. Das würde sie rein ästhetisch nicht ertragen. Also vielleicht kann er doch etwas Besonderes im Bett?

»Traust du mir das zu? Echt, Emma«, kichert sie aufgekratzt. »Nein, ich muss das noch eine Weile auskosten. Im Moment hat es etwas äußerst Verruchtes, das will ich nicht zerstören.«

Jetzt bin ich sicher. Es ist ein neuer Toy Boy. Aber lustig, Riki klingt echt aufgeregt. Was immer dieser Mann kann, er hat sie an der Angel. Ich sehe sie direkt vor mir: Ihr langes dunkles Haar wirft sie hin und her, während sie gerade durch ihr Wohnzimmer läuft und eine raucht. Riki kann nicht sitzen, wenn sie sich aufregt, und dass sie sich aufregt, kann ich an ihrer Stimmlage erkennen.

»Verstehe, Riki. Will ich in Bezug auf verrucht näher nachfragen?«

»Was du wieder denkst, Emma. Verrucht, ganz einfach weil wir uns immer ein Hotelzimmer in Wien genommen haben.«

Sehr spannend.

»Okay, verstehe. Du kennst ihn also schon länger?«

»Ja, seit etwa vier Wochen.«

»Und du rückst erst jetzt damit heraus, weil?«

»Ach, du kennst mich doch, Emma. Ich dachte, das wird bei einem One-Night-Stand bleiben.«

»Aha, aber jetzt hast du dich wirklich verliebt?«

»Sieht ganz danach aus.«

»Nur noch eine Frage, auch auf die Gefahr hin, dass du mich dafür hasst. Warum ein Hotelzimmer? Kann es sein, dass er einen klitzekleinen Fehler hat? Wie zum Beispiel eine Ehefrau und kleine Kinder daheim?«

Das haben wir uns geschworen. Affären sind okay. Aber Ehen zerstören ist tabu.

»Was du immer von mir denkst. Ich misch mich doch nicht in eine Ehe ein! Wenn einer eine Furie daheim hat, dann soll er das gefälligst alleine ausbaden. Ohne mich.«

Ich seufze. Zum Glück kann sie sich noch daran erinnern. Schrödi sitzt neben mir am Boden und schnurrt. Kann ich nachvollziehen. Ich hätte auch gerne einen vollen Magen.

»Es war einfach so, dass wir uns nicht zwischen seiner und meiner Wohnung entscheiden konnten, daher ein Hotel. Und weil es so verdammt erotisch war, haben wir uns jeden Donnerstag dort getroffen.«

»Wow! Eigentlich unglaublich, jetzt waren wir beide wieder einmal monatelang solo und plötzlich treffen wir innerhalb weniger Wochen einen Mann, der zumindest mal für eine etwas längere Affäre passen könnte.«

Pfuh. Ich klinge desillusioniert, was Beziehungen und deren Chancen auf die Ewigkeit betrifft! Aber das bin ich auch. Die Traummannfraktion sollte einmal Mäuschen in meinen Sitzungen spielen. Da wird aus Mister Right ganz schnell einmal Mister Ich will dich nie mehr wiedersehen.

»Also ich weiß ja nicht, wie es bei dir ist, Emma. Aber ich gebe zu, diesmal hat es mich erwischt. Es prickelt und tut unheimlich gut! Doch man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben.«

Meine Einstellung dazu muss ich nicht laut wiederholen. Nur nichts Fixes. Maximal etwas Pseudofixes auf Zeit. Wobei ich das durchaus mit ganzem Herzen genießen kann. »Schau an, schau an! Solltest du noch ein paar Details brauchen, du weißt ja, ich bin die mit den kaputten Beziehungen in der Praxis. Aber tief in meinem Innersten habe ich zumindest noch einen Funken Hoffnung in Sachen Liebe. Also vielleicht wird es ja wirklich etwas mit dir und diesem Unbekannten.«

»Wir werden sehen, Emma. Wirklich große Hoffnungen hege ich leider nicht. Dir erzählen sie ja den Gefühlsschmarrn. Bei mir als Anwältin streiten sie um die Kohle, meine Liebe. Und ich kann dir sagen: Erst da erfährst du das zweite Gesicht von Liebe. Und es ist geldgierig, ohne jede Moral und verkauft die eigenen Kinder, so schaut die heile Welt am Ende aus.«

Ich lache durch das Handy. So ist sie, meine Staranwältin. Bissig, abgeklärt, aber sie trägt das Herz doch am rechten Fleck. Ihr Mundwerk ist waffenscheinpflichtig, wenn mich einer fragt.

»Botschaft angekommen, Riki. Du wirst es also probieren, im Wissen, dass es eben wieder einmal schieflaufen kann. Ist halt so. Ich mache es ja nicht anders. Was läuft denn sonst so in deiner schillernden Welt?«

Riki gibt mir bereitwillig ein Update darüber, was sich in der Wiener High Society tut, wer wen mit wem betrügt, wer Konkurs anmelden musste oder wer sich wieder einmal was angeschafft hat. Das reicht üblicherweise vom schicken Hündchen über einen Atombusen bis hin zur Jacht.

Aber ich kann ihr kaum folgen. Noch dazu, wo ich diese Pseudoprobleme der Schickeria ja immer wieder bei mir in der Praxis sitzen habe. Im Designerkleidchen samt Designertäschchen. Die Schweinerei dabei ist: Diese Frauen haben nicht einmal Panikattacken, geschweige denn ein anderes ernstzunehmendes Problem. Meistens spuren bloß die Männer nicht so, wie sie sollen. Oder, nicht minder verwerflich, die hart arbeitenden Geldspender wollen hin und wieder Sex! So eine Frechheit. Nach dem Tag der Eheschließung ist diese Forderung ebenso verwegen, wie von nicht berufstätigen Ehefrau zu verlangen eine warme Mahlzeit am Tag zu kochen.

Tja. Bei diesen Ausführungen gelangen die Damen der besseren Gesellschaft in Rage. Aber erst bei meiner Honorarnote hyperventilieren sie. Susanne verrechnet in solchen Fällen das Dreifache meines üblichen Stundensatzes. Und eine Stunde dauert dann auch nur fünfundvierzig Minuten. Wobei, für mich gefühlte hundertzwanzig. Susanne sagt immer, dafür verlangt sie für eine Therapie bei mir von Menschen, die wenig haben, beinahe gar nichts. Ich mische mich da nicht ein, weil ich ihren Robin-Hood-Ansatz total in Ordnung finde. Auf diese Art und Weise schaffen wir in unserer kleinen Welt soziale Gerechtigkeit. Aber ich schweife ab.

Was wollte ich noch erledigen?

Genau, den Krimi rezensieren und bloggen.

Okay. Mach ich.

Nein. Nicht okay. Die Buchbesprechung verfasse ich morgen, es eilt ja nicht. Nur die Autorenvorstellung für die Blogtour muss ich jetzt noch schreiben. Das schaffe ich. Dann ist Schluss für heute und ich gönne mir noch eine Runde Facebook.

»Sag, hörst du mir eigentlich noch zu, Emma?«

»Entschuldige, Riki. Nur mit einem Ohr. Ich habe ein bisserl Stress. Ich sollte noch etwas für meinen Blog erledigen, du kennst das ja.«

»Ja, ich kenne es, halte es aber für reine Zeitverschwendung. Aber bitte, das ist dein Ding.«

Damit hat sie nicht ganz unrecht. Zeit geht wirklich enorm viel drauf. Aber ich mache es ja freiwillig und wirklich gerne. Als Hobby. Und ich liebe meinen Blog. Ich habe ihn Leben-Lesen-Lachen getauft und bespreche alles, was mir unterkommt: Von neuen Nagellacktrends über eigene Gedanken bis hin zu Besprechungen von Büchern. Außerdem habe ich dermaßen viele liebe Menschen über unsere Buchgruppen auf Facebook kennengelernt, dass ich das alles ganz bestimmt nicht mehr missen möchte.

Mein Magen knurrt wieder. Wenn ich nur könnte, würde ich jetzt sogar einen Berg Nudeln verdrücken und auf meine Figur pfeifen. Mein Gott, ich kann die Spaghetti riechen! Sogar die Gorgonzolasauce, in denen sich Pilze langsam auflösen, weil ich sie mit der Gabel zerdrücke, einmal durch die Sauce ziehe und sie anschließend in meinen Mund …

»Schlaf gut, Emma!«

Oh. Ist das Gespräch aus?

»Äh. Du auch, Riki.«

Ich beende den Anruf. Was hat sie mir vorher erzählt? Keine Ahnung. Kann nichts Wichtiges gewesen sein. Lustlos schleppe ich mich auf meine Couch und setze mich an meinen Laptop. Es hilft nichts. Was sein muss, muss sein. Zur Berieselung schalte ich den Fernseher ein und streichle Schrödi, der in der Zwischenzeit ins Wohnzimmer getrottet ist und jetzt auf seiner weißen Lieblingsdecke schläft.

Ich tippe die Autorenvorstellung samt einem kleinen Artikel über den Liebesroman in meinen Computer: süß, plüschig und schwer begeistert. So bin ich, wenn ich jemandem versprochen habe, bei einer Blogtour mitzumachen, aber zu blöd oder zu faul war, das Buch vorher zu lesen. Mein Fehler. Daher gibt es Zuckerguss und ein paar Bilder von Schrödi neben dem Taschenbuch auf meinem Sofa dazu. Die Fotos habe ich extra geschossen.

Mehr geht echt nicht. Und es ist zu spät, zu bekennen, dass ich nicht auf Chick-Lit gepaart mit Fantasy stehe. Ein Gestaltenwandler spielt angeblich die Hauptfigur. Na ja, jetzt ist der Artikel fast fertig und klingt sogar sehr gut. Vor allem weil ich die Buchvorstellung soeben äußerst raffiniert mit einem Artikel über Lippenstifte und die neuesten Farbtrends in diesem Sommer verwoben habe. Damit bin ich dem Spender der vierzig Lippenstifte auch nichts mehr schuldig und werde fünfunddreißig gratis verlosen. Meine Mädels lieben das. Ich auch. Vor allem den knallpinken.

Wunderbar. Das war der letzte Satz. Ein Stück Alltagsliteratur in Form eines im Grunde leider nichtssagenden Autoreninterviews, das die Welt keinesfalls verändern, aber andererseits die Autorin auch keinesfalls verärgern wird. Ich bin nicht unzufrieden, denn speziell der Lippenstift-Teil ist mir sehr gut gelungen. Auf den bin ich sogar richtig stolz. Wenigstens passt mein Artikel jetzt perfekt zum Cover des Romans, auf dem ebenfalls eine Frau mit einem auffälligen Lippenstift in Pink abgebildet ist. Womit klar ist, sowohl die Autorin als auch ich stehen auf knallige Lippenstifte.

Eigentlich ein Glück, denn damit hätte ich die erste Gemeinsamkeit mit der Mutter des Romans, Angelina Josie, zutage gefördert.

So ein unnatürlicher Name. Ich hoffe für sie, dass sie braunhaarig ist und eine Bombenfigur hat. Den Schauspieler würde ich ihr auch gönnen. Im Ernst, das ist auch so ein Punkt. Wann wird das mit den englischen Pseudonymen von Autorinnen aus Hintertupfingen mit dem Klarnamen Uschi Unterholzer jemals aufhören? Wie mir scheint, werde ich diesen Tag wohl nicht mehr erleben.

Doch was weiß ich schon? Mit derselben Inbrunst bin ich Anklägerin wie Täterin. Mein Pseudonym ist Carla Rogers und ich heiße Emma Herbst. Auch nicht besser. Und seit Neuestem garniere ich die Abwandlung meines großen Vorbilds in der Psychotherapie, Carl Rogers, mit einem Foto von einer rosaroten Champagnerflasche als Profilbild. Wer bin ich also, den ersten Stein zu werfen?

Ich gebs zu. Mir macht es Spaß, mich zu verstecken. Den Autoren offensichtlich ebenfalls. Alles gut, aber trotzdem könnte ich kotzen, wenn ich einen dermaßen nichtssagenden Artikel über ein neue Autorin schreibe. Trotzdem: Versprochen ist versprochen. Das wird gemacht. Ohne Wenn und Aber. Da fährt die Eisenbahn drüber.

Mir ist schlecht.

Muss an mir liegen.

Ich fahre den Computer herunter. Besser, ich gehe schlafen.

Schrödi findet die Idee jedenfalls super, springt von der Couch und läuft bereits in mein Schlafzimmer. Mittlerweile unseres. Sein Körbchen, geflochten und mit einer hellblauen Kuscheldecke ausgekleidet, steht unangetastet im Wohnzimmer. Seit dem ersten Tag weigert er sich standhaft auch nur eine einzige Nacht darin zu verbringen. Aber mir ist das recht. So kann ich vor dem Einschlafen immer ausgiebig mit ihm kuscheln.

Zahnlos?

Samstag

Ups. Herr Schrödinger sitzt auf meiner Brust, knetet meine Decke und starrt mich an.

»Was ist, Schrödi? Soll ich aufstehen? Ist es das, was du willst?«

Er sitzt und schweigt. Also mein kleiner Kater spricht auch sonst nie. Klar. Aber er miaut hin und wieder. Oder er maunzt. Er kann auch fauchen und gurren. In unterschiedlichen Tonlagen. Schnurren beherrscht er sowieso. Und er folgt auf Klicklaute von mir. Die habe ich aus einem Buch über Katzenpsychologie. Das heißt, er kann sehr wohl sprechen. Nur nicht jetzt. Jetzt schweigt er. Vermutlich, weil er zu sehr mit seiner Art von Hypnose beschäftigt ist.

»Herr Schrödinger, ich bin keine Maus. Nur dass das klar ist.«

Er stiert mir mitten ins Gesicht. Kommt immer näher. Mittlerweile sehen wir uns quasi Nase an Nase an.

Plötzlich springt er zur Seite und beginnt an meiner Bettdecke zu zupfen.

»Hör auf, Schrödi. Du machst Löcher in die Decke.«

Er sieht mich kurz an. Genervt? Und schon hüpft er von meinem Bett und miaut kurz und laut. Ich habe eindeutig gewonnen! Mein Kater spricht wieder mit mir.

»Du willst wohl wirklich, dass ich aufstehe, oder?«

Wie spät ist es eigentlich? Ah, da ist ja mein Handy.

Das darf jetzt aber nicht wahr sein! Großer Fehler, Schrödi!

»Herr Schrödinger! Es ist erst fünf Uhr in der Früh! Und es ist Samstag. Vergiss es!«

Ich will mich schon unter der Bettdecke vor ihm verstecken, da sehe ich, dass ich eine SMS bekommen habe. Von Stefan.

›Vermiss dich, meine Schöne. Kann Mittwoch kaum mehr erwarten. Heiß hier! S‹

Ich starre die Nachricht an. Hm. Eh nett.

Was habe ich erwartet?

Nun, vielleicht etwas mehr Gefühl? Aber gut, er wird die SMS halt schnell zwischen irgendwelchen Terminen geschrieben haben. So gesehen ist es süß, dass er überhaupt daran gedacht hat.

Ich lege mein Handy zur Seite und ziehe mir die Bettdecke über den Kopf. In dem Moment spüre ich, wie mein Kater wieder zu mir ins Bett springt.

»Auaaa! Herr Schrödinger!« In der Sekunde habe ich meine Füße eingezogen. Er hat mir doch echt seine Krallen in den großen Zeh gerammt.

Toll. Jetzt maunzt er. Er! Nicht ich. Dabei hätte ich jeden Grund dazu.

Auf meiner großen Zehe ist ein Blutfleck. Ich spüre ihn. Sehen kann ich ihn natürlich gerade nicht.

»Herr Schrödinger, wir sind am Ende unserer Eingewöhnungsphase, also ehrlich, das geht nicht! Ich will weder verstümmelt noch in aller Herrgottsfrühe von dir geweckt werden. Damit das klar ist: Ich brauche meinen Schlaf. Wenigstens am Wochenende. Das müsstest du mittlerweile wissen.«

Ich ziehe mir die Decke ein Stück unter meine Füße, damit sie in Sicherheit sind. Wunderbar. Er krabbelt vom Bettende zu mir nach oben, schlüpft unter meine Decke und rollt sich direkt an meinem Busen ein.

»Braver Kater. Jetzt schlafen wir noch eine Runde, okay?«

Er schnurrt.

Perfekt. Ich kuschle mich in meinen Polster. Bravo! Herr Schrödinger schläft und ich bin putzmunter.

Dann lese ich eben.

Vom Nachtkästchen schnappe ich mir meinen Kindle und klicke auf das neue Rezensionsbuch, für das ich mich anstatt des Gestaltenwandler-Liebesromans entschieden habe. Siebenundachtzig Prozent. Da gibt es ein Licht am Ende des Lesetunnels. Sehr schön, denn diesmal ist es ein … keine Ahnung, was eigentlich? Satirischer Politkrimi inklusive Lovestory? Dystopie mit Liebesgeschichte, humoristisch betrachtet? Ein Thriller, in den irrtümlich eine Horrorvision der Zukunft samt Liebespärchen gerutscht ist? Na egal. Ich lese einfach weiter.

Was? Schon elf? Und Herr Schrödinger schläft noch immer? Jetzt bin ich fertig, nicht nur mit dem Buch. Müde bin ich auch. Irgendwie weiß ich überhaupt nicht, was ich von dieser Geschichte halten soll. Aber der Nachgeschmack ist auf jeden Fall … schal. Anders kann ich das nicht bezeichnen.

Ich kann nicht einmal sagen, ob mich diese Story nun berührt hat oder nicht.

Es war ja viel Wahres dran. Vor allem die düsteren Szenarien, in denen Rechtspopulisten an die Macht kommen. Gruselige Vorstellung. Und dann die verhärmten Linken, die sich selbst zerfleischen und ihrem Elend nicht anders beizukommen vermögen als mit ewiger Jammerei. Ziemlich heftig, irgendwie.

Ich muss das sacken lassen. Jetzt brauch ich erst einmal einen Kaffee.

***

»Sag, wie schaust du denn aus?«, begrüßt mich Riki tadelnd und küsst mich auf beide Wangen. Sie holt mich ab, weil wir jetzt noch in die Stadt gehen wollen. Das tun wir jeden Samstagabend.

»Herr Schrödinger ist schuld. Er hat mich um fünf Uhr aufgeweckt und dann hab ich nicht mehr einschlafen können. Komm rein.«

Riki lacht hell auf. »Na, dafür siehst du aber wiederum gar nicht schlecht aus.«

Kurz sehe ich an mir herab. Geht so. Jeans, silberfarbene Sneakers mit weißen Sohlen, eine weiße, asymmetrisch geschnittene Sommerbluse. Doch. Steht mir alles eigentlich ganz gut. Keine Ahnung, wie mein Gesicht aussieht, aber ich habe mir meine braunen Haare zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden. Was soll da schiefgehen?

»Sehr großzügig, Riki. Du, bevor wir ausgehen, musst du unbedingt meine neue Rezension lesen, ja?« Ich bin sehr stolz darauf. Schließlich habe ich den gesamten Nachmittag daran gefeilt.

»Aber nur weil du es bist, Emma.«

Riki ist wie immer nicht sonderlich begeistert, aber ich ignoriere das.

»Super. Wirf dich auf die Couch, ich bringe dir einen Kaffee.«

»Ist sie lang?«, fragt Riki.

»Schon, ja.«

»Dann Prosecco und einen Aschenbecher.«

»Aber ich mag es nicht, wenn hier geraucht wird.«

»Und ich mag keine Rezensionen lesen.«

»Überredet.«

Ich laufe in die Küche, hole alles und stelle ihr den Prosecco, ein Glas und einen Aschenbecher auf meinen Couchtisch. Bei Riki muss ich schnell sein, sonst überlegt sie es sich wieder. Aber sie trinkt einen Schluck und beginnt zu lesen.

Geschafft.

›„Zaunlos verliebt“ ist das Debüt des Autors Ian Forbert. Beginnen möchte ich mit der Genrezuordnung. Eindeutig ist es ein Crossover, möglicherweise irrtümlich in der Kategorie „Liebesroman“ gelandet. Vielmehr würde ich es als Mischung von Dystopie, Politkrimi und Satire bezeichnen, in die eine Liebesgeschichte eingewoben wurde. Nicht, dass ich gegen die Vermischung von Genres wäre, das Gegenteil ist der Fall, aber dem Autor ist es nicht gelungen, auch nur eines davon in den Vordergrund zu stellen, und so vermengen sich auf wirre Weise alle genannten in einer nur mit viel Fantasie nachvollziehbaren Lovestory. Aber zu dieser später.‹

Sie sieht auf. »Nur eine Frage, Emma. Warum schreibst du plötzlich so geschraubt?«

»Weil er auch so geschraubt schreibt.«

»Verstehe.«

Riki liest weiter.

›Auch wenn der Genremix mehr als ungewöhnlich, wenn in dieser Form nicht sogar unzumutbar, ist, besticht das Buch doch durch handwerkliches Können seines Autors. Jeder Charakter folgt seinem eigenen unverwechselbaren Duktus. Der Autor beherrscht die deutsche Sprache in Rechtschreibung und Grammatik, das erwärmt mein Herz als Leserin. Andererseits ist dies jedoch das einzig Erfreuliche an diesem Buch. Als nicht wirklich gelungen und daher als wenig glaubwürdig empfinde ich die beiden Hauptprotagonisten, deren politische Motive wie auch deren Anziehung füreinander für mich nicht nachvollziehbar waren.‹

Ich beobachte ihr Mienenspiel. Zumindest sieht Riki amüsiert aus. Das ist ja schon einmal etwas.

›Überspitzt formuliert trifft hier ein politisch rechts außen angesiedelter, an Dummheit nicht zu überbietender Aktivist auf eine links außen stehende Sozialarbeiterin aus Überzeugung mit Herz und Moral. Bei aller künstlerischen Freiheit, aber meiner Ansicht nach kann hier keine Liebe entstehen. Noch dazu, wo die weibliche Hauptfigur, Iris, wie eine völlig unbedarfte Siebzehnjährige denkt, und sich auch dementsprechend verhält, und sich der männliche Hauptprotagonist, Jens, wie ein testosterongesteuertes, von jeglichem Anstand und Hirn befreites Wesen benimmt, dem eine Frau eher Geld für eine Prostituierte schenken sollte, als sich auf ihn einzulassen. Außerdem scheint er lebensgefährliche Situationen magisch anzuziehen.‹

Riki lässt den Ausdruck in ihren Schoß sinken.

»Oje. Ist es zu hart?«, frage ich sie.

»Nein. Ist es nicht. Nur fürs Verständnis: Anhand welcher Problematik hat dieser Ian Forbert die uns bekannten politischen Extrempositionen extrapoliert?«

»Anhand eines Weltkrieges, der sich wie ein Flächenbrand über ganz Europa ausbreitet. Das ist der Rahmen für die Liebesgeschichte.«

»Aha. Und wie hat er das angelegt?«

Ich lege ihr das Buch hin. Sie beginnt darin zu blättern. Ich genehmige mir noch einen Schluck Kaffee, bevor ich ihr antworte.

Ian habe ich über eine Facebook-Gruppe kennengelernt, und er hat mich gebeten, sein Buch zu rezensieren. Ich habe zugesagt, weil ich jungen Autoren gerne unter die Arme greife, aber er hat mir das Taschenbuch gleich zugeschickt. So etwas mag ich gar nicht, schließlich kenne ich ihn ja überhaupt nicht. Und Geld wollte er auch keines von mir nehmen, obwohl ich ihm erklärt habe, dass ich es mir leisten kann, Bücher, die ich lesen möchte, selbst zu kaufen. Zu allem Überfluss hatte ich das E-Book ohnehin schon heruntergeladen. Nun besitze ich dieses unsägliche Werk doppelt.

»Also: Für die Seite am rechten politischen Rand mischt er Bilder aus dem Dritten Reich mit George Orwells 1984 und baut eine Mauer um ganz Europa sowie einen Zaun um jeden neuen Verwaltungsbezirk«, erkläre ich Riki.

»Wie originell«, meint sie und schenkt sich nach.

»Dachte ich auch. Für die Linken hat er sich einfallen lassen, dass sie gemeinsam mit den anderen Oppositionsparteien quasi ohnmächtig untergehen und sich, erst kurz bevor der Letzte von ihnen Selbstmord begehen kann, sozusagen mit letzter Kraft neu formieren. Und dann spielt noch eine Sekte mit, die Ähnlichkeiten mit der katholischen Kirche in der Zeit der Inquisition samt Hexenverbrennungen aufweist. Über den Islam schweigt er sich aus.«

»Wie feig. Das kann sich jeder Sechzehnjährige ausdenken. Es ist doch immer dasselbe: Die Mitte bleibt sprachlos. Ihr verpasst niemand eine Vision. Dabei gibt es Menschen, die Humanisten sind und es auch bleiben wollen, aber zugegebenermaßen die derzeitige Situation etwas beunruhigend finden.«

»Stimmt. Also falls du das Flüchtlingsthema meinst.«

»Genau das meine ich.«

»Aber darum geht es ja gar nicht, Riki. Zumindest nur subtil.«

»Noch schlimmer.« Riki nimmt einen Schluck Prosecco. Ich einen von meinem Kaffee. Sie liest weiter.

Ich bin richtig nervös.

Schrödi kommt ins Wohnzimmer gehoppelt. Sieht zum Schießen aus und seine Pfoten erzeugen ein Geräusch, das richtig eilig klingt. Er ist supergut aufgelegt.

»Herr Schrödinger! Runter vom Vorhang, aber dalli!«

Kurz sieht er mich schuldbewusst an, springt nach hinten weg und läuft wieder hinaus ins Vorzimmer.

Ich hole ihm einen Ball aus seinem Korb mit dem Katzenspielzeug und rolle ihn in seine Richtung. Tja, gegen seine eigene Neugierde kommt er nicht an. Schon ist er da und kickt den Ball zu mir zurück. Wir schießen ihn ein paar Mal hin und her.

»Fertig«, durchbricht Riki unsere Idylle.

Endlich!

»Und? Wie findest du meine Rezension?«

»Grandios, Emma. Endlich traust du dich einmal, wirklich deine Meinung zu sagen. Und der Kerl wird es aushalten. Also den einen Stern.«

»Soll ich ihm nicht wenigstens zwei oder drei geben?«

Das war ja bloß die Arbeitshypothese, diesen Roman mit nur einem Stern zu bewerten.

»Wieso? Sitzt du neuerdings in der Jury für den Ingeborg-Bachmann-Preis oder sprechen wir hier von einer stinknormalen Lesermeinung, veröffentlicht auf einem Blog direkt neben den neuesten Bikini-Trends für den Sommer?«

»Aber ich stelle die Buchbesprechungen doch auf alle Verkaufsplattformen.« Jetzt bin ich aber fast beleidigt.

»Na und?«