Beschreibung

Jetzt der Serienstart für kurze Zeit zum Kennenlernpreis
Ihr Beruf: Ärztin. Ihre Patienten: Kriminelle. Ihr erster Fall: Ein Kampf um Leben und Tod.

Neuer Job, neue Stadt – Eva hofft, die Schatten ihrer Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen. Aber noch vor ihrem ersten Arbeitstag als Gefängnisärztin in einer Münchner Haftanstalt wird sie in einen Kriminalfall verwickelt: Die Frau eines Inhaftierten bittet sie verzweifelt um Hilfe. Eva weist sie zurück, doch am nächsten Tag ist die Frau spurlos verschwunden. Eva macht sich Vorwürfe: Was hatte sie ihr sagen wollen? Wovor hatte sie Angst? Auf eigene Faust versucht Eva, der Wahrheit auf die Spur zu kommen – ohne zu ahnen, dass der Täter sie längst im Blick hat und ihr schon ganz nahe ist. Gefährlich nah …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 542


ANNA SIMONS ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin, die 1966 in Bergneustadt geboren wurde. Die promovierte Betriebswirtschaftlerin arbeitete viele Jahre als Personalberaterin bei einer Großbank in Frankfurt. Vor einigen Jahren wechselte sie ins erzählerische Fach: 2008 gewann sie den Women’s Edition Kurzkrimi-Preis, 2015 war sie für den UH!-Literaturpreis des Ulla-Hahn-Hauses in Monheim nominiert. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im Münchner Umland.

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Anna Simons

Verborgen

Der erste Fall für die Gefängnisärztin

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Covergestaltung: favoritbüro

Covermotiv: Michael Pole/Getty Images; Zelfit/Shutterstock

Redaktion: Regina Jooß

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-22244-4 V004

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Die in diesem Roman beschriebenen Personen und Ereignisse sowie die genannte Haftanstalt sind Fiktion und frei erfunden. Jegliche Übereinstimmung oder Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie mit realen Begebenheiten ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Teil 1

1.

Blitzschnell zog Nicole Arendt ihre Hand aus dem Werkzeugkasten. Sie spürte einen höllischen Schmerz an ihrem Zeigefinger. Warum hatte sie sich bloß in den Kopf gesetzt, den verstopften Abfluss in der ­Küche selbst zu reparieren? Im Halbdunkel des Kellers hatte sie offenbar mitten in ein Teppichmesser gegriffen. Verdammt! Rasch steckte sie den Finger in den Mund, wühlte mit der anderen Hand fieberhaft nach etwas, um die Blutung zu stillen, Klebeband, Pflaster, egal was.

Sie hatte nicht aufgepasst. Wieder einmal.

In einer Ecke ganz unten im Werkzeugkasten sah sie einen alten Lappen. Der war zwar von Öl und Schmiere verklebt, konnte aber verhindern, dass sie weiter alles vollblutete. Der Finger pochte heftig. Rasch wickelte Nicole den Lappen darum. Doch dann sah sie die Bescherung: Auf dem Boden, auf der Werkbank, in dem Kasten – überall war Blut. Sie seufzte. Na bravo! Er hasste Dreck. Zum Glück hatte sie genug Zeit, alles gründlich zu reinigen. Er würde erst in drei Wochen wieder da sein. Ob dann wirklich alles gut würde, so wie er es versprochen hatte?

Der Anblick des Blutes und der Schmerz erinnerten sie an eine andere Zeit, eine verdammt üble. Das hier war die erste Verletzung, die sie in den letzten Monaten davongetragen hatte, seit er nicht mehr da war. Die erste, die ihr einfach zugestoßen war.

Ohne sein Zutun. Einfach so.

Eilig rannte sie nach oben, verarztete gekonnt die Wunde, holte Haushaltshandschuhe und ließ einen Eimer mit heißem Wasser und Lauge ein. Ihr Blick fiel aus dem Fenster auf den tristen Hinterhof. Später würde sie sich noch an die Nähmaschine setzen, um an einem Rock weiterzuarbeiten. Der Stoff war leuchtend grün. Seine Lieblingsfarbe. Sie wollte hübsch aussehen, wenn er heimkam.

Er hatte versprochen, sich zu ändern.Und sie glaubte daran.

Wieder zurück im Keller, zog sie die Schublade des Werkzeugkastens weiter heraus und hielt irritiert inne. Eine silberne Schmuckdose lag darin. Sie musste zuvor von dem Lappen verdeckt gewesen sein.

Vorsichtig nahm sie die Schatulle heraus. Sie war verziert, wirkte kostbar. Ihr Herz schlug schneller. Hatte Robert ihr ein Geschenk machen wollen und war vor seiner Inhaftierung nicht mehr dazu gekommen, es ihr zu geben? Es wäre nicht das erste Mal, dass er ihr etwas mitbrachte. Oft genug hatte er ihr eine Kette um den Hals gelegt, ihr einen Ring über den Finger geschoben. Mit denselben Händen, die sie kurz zuvor geohrfeigt hatten. Geboxt, geschlagen, gewürgt. Mit den Händen, die einmal so verdammt zärtlich gewesen waren, die sie über die Schwelle getragen hatten.

Stell sie weg. Er wird merken, dass du reingeschaut hast.

Sie rieb mit dem Daumen über das Metall. Dann blickte sie sich um, obwohl sie völlig allein im Keller des Mehrfamilienhauses war. Ihre Hand zitterte.

Nein. Resolut stellte sie die Dose zurück und griff mit der unverletzten Hand nach dem Schwamm im ­Eimer. Ganz sicher sollte das eine Überraschung für sie sein. Die durfte sie ihm nicht verderben.

Als sie alle Blutspritzer sorgsam entfernt hatte, nahm sie das Teppichmesser aus dem Werkzeugkasten und schob die Klinge nach innen. Wieder fiel ihr Blick auf die Dose. Sie war wunderschön verziert, mit filigranen Schnörkeln.

Nur ein kurzer Blick. Was war schon dabei?

Sie würde die Blutflecken aus dem Lappen waschen und dann alles wieder ordentlich in die Schublade drapieren. Das würde er sicher nicht merken. Behutsam versuchte sie, die Dose zu öffnen. Ungelenk machte sie sich mit ihrer verbundenen Hand an dem Verschluss zu schaffen. Endlich sprang der Deckel auf, wobei ihr die Dose beinahe aus der Hand gerutscht wäre. Sie fing sie gerade noch auf, hörte aber ein leises Klacken auf dem Fußboden. Etwas war herausgefallen.

Verflixt! Warum war sie nur immer so ungeschickt?

Sie stellte die Dose beiseite. Ihre Augen suchten den Kellerboden ab. Endlich entdeckte sie einen Ring, der mitten in dem Dreieck lag, das das schwache Licht auf den grauen Beton zeichnete. Sie bückte sich, um ihn aufzuheben – und erstarrte. Sie blinzelte, holte tief Luft, vergewisserte sich noch einmal. Sie kannte diesen Ring. Unzählige Male hatte sie ihn auf Fotos in den Nachrichten gesehen. Ein knappes Jahr musste das her sein. Er hatte einem Mädchen gehört. Einer Toten.

Ungläubig starrte sie darauf. Verzweifelt machte sie die Augen zu, schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein. Die Erkenntnis traf sie wie ein Faustschlag: Nur eine einzige Person konnte ihn hier versteckt haben.

Niemand sonst hatte einen Schlüssel zu ihrem Keller.

Das Ding musste weg. Sofort. Nicole streckte ihre Hand aus, doch alles in ihr sträubte sich, den Ring zu berühren. Sie zog den Ärmel ihres Shirts über die ­Finger, hob das Schmuckstück zitternd auf und spürte, dass ihr übel wurde. Angewidert ließ sie den Ring in die Schatulle fallen. Erst jetzt registrierte sie die restlichen Gegenstände darin. Viele. Zu viele. Sie bekam keine Luft mehr, ihre Knie gaben nach.

Nichts davon wollte sie sehen. Sie war nie hier gewesen.

Sie schloss den Deckel, schob die Dose in die hinterste Ecke der Lade, bedeckte sie mit dem Lappen, packte Werkzeuge darüber, knallte die Kiste zu, löschte das Licht und drehte den Schlüssel zum Keller zweimal herum.

Warum hatte sie es nicht gelassen? Es schien doch alles ­besser zu werden.

Doch jetzt war eines völlig klar: Nichts würde jemals besser werden.

Nie mehr.

Sie brauchte Luft. So schnell sie konnte, rannte sie aus dem Keller und hinaus auf die Straße – nur weg von ­diesem verfluchten Haus.

2.

Eva Hanssen* stieg aus ihrem schwarzen Volvo, um ihn vollzutanken. Sie hatte das wunderbare Wetter für ­einen Ausflug genutzt, war aber auf der Rückfahrt in einen langen Wochenendstau geraten. Jetzt wollte sie bloß noch nach Hause, dort eine Kleinigkeit kochen und den letzten freien Abend vor ihrem Dienstantritt im Garten genießen.

Gedankenverloren beobachtete sie die Zahlen, die blitzschnell über die Anzeige der Zapfsäule liefen, und holte tief Luft. Früher hatte sie Benzingeruch gerne ­gemocht, aber jetzt erinnerte er sie immer an den Autounfall ihrer Eltern. Bei diesem Gedanken fühlte sie eine dumpfe Last auf ihrer Brust. Es war schon Jahre her, doch der Schmerz war noch da und legte immer ­wieder seinen Schatten über sie. Instinktiv schloss Eva die ­Augen, strich ihre kurzen blonden Haare zurück und hielt ihr Gesicht in die Herbstsonne, um in der Wärme Trost zu finden.

Nach einer Weile seufzte sie, schüttelte kurz den Kopf und betrachtete wieder die elektronische Anzeige. Morgen Abend war sie bei ihrer besten Freundin Ann-Kathrin und deren Mann Victor zum Essen eingeladen, und sie hatte versprochen, sich um die Getränke zu kümmern. Vielleicht gab es hier in der Nähe irgendwo eine Weinhandlung, in der sie am nächsten Tag nach Dienstschluss schnell eine gute Flasche besorgen konnte.

Bisher kannte sie lediglich die Supermarktketten in der näheren Umgebung und dort vor allem die Tiefkühlabteilung. Seit sie wieder allein lebte, hatte sie ihre Vorliebe für Fertiggerichte neu entdeckt. Kochen konnte man das nicht nennen, und ungesund war es obendrein. Es war längst an der Zeit, andere Geschäfte zu suchen.

Eva schaute über das Wagendach zu der Ladenzeile auf der anderen Straßenseite. Während sie versuchte, die Schilder zu entziffern, fiel ihr eine junge blonde Frau auf, die mit wehender Jacke den Gehsteig entlanglief. Ihr Gang wirkte schwerfällig, als hätten ihre Füße ein zu großes Gewicht für ihren Körper.

Plötzlich blieb die Frau stehen, beugte sich leicht nach vorn, als müsste sie sich übergeben, kam wieder hoch, taumelte leicht und kippte dann einfach um. Ihr Kopf schlug dabei ungebremst auf dem Betonboden auf. Sie lag da und rührte sich nicht mehr.

»Verdammt!«, entfuhr es Eva.

Ohne zu zögern, schnappte sie sich ihre Tasche vom Autositz und rannte über die Straße. Akute Unterzuckerung, Kreislaufkollaps – im Kopf ging Eva die zahllosen Ursachen durch, die zu diesem Zusammenbruch geführt haben konnten. Sie kniete sich neben die junge Frau. Die zeigte keinerlei Regung, und ihr Gesicht war beinahe so grau wie der Boden um sie herum.

»Hören Sie mich? Wie geht es Ihnen?« Vorsichtig ­rüttelte Eva an der Schulter der Frau.

Ihre Augenlider flatterten leicht, blieben aber geschlossen.

Eva fühlte ihr den Puls. Der raste.

»Hallo!«, fuhr Eva etwas lauter fort. »Verstehen Sie mich? Ich bin Ärztin!«

Als sie gerade die Atmung prüfen wollte, begann die junge Frau zu husten und kam langsam wieder zu sich.

»Sie sind gestürzt«, erklärte Eva. »Bitte bewegen Sie sich nicht zu hastig. Sie haben eventuell eine Gehirnerschütterung. Ich möchte Sie gerne untersuchen, bevor Sie aufstehen. In Ordnung?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, drückte Eva ihr die Schultern sanft nach unten. Die Frau sah zwar verwirrt und angstvoll um sich, ihre Pupillenreflexe wirkten ­jedoch normal, und sie schien Eva bewusst wahrzunehmen.

»Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?«

»Ni…« Sie hustete. »Nicole Arendt. Bitte, ich … möchte aufstehen …«

»Warten Sie, ich helfe Ihnen dabei, aber vorher würde ich mir gern Ihren Kopf anschauen. Versuchen Sie, sich jetzt erst einmal langsam aufzusetzen.«

Als sie die Frau behutsam in eine aufrechte Sitzhaltung brachte, sah Eva auf dem Gehsteig einen feuchten dunkelroten Fleck, der eindeutig von Nicole Arendts Sturz herrührte.

Sie beobachtete sie genau. »Haben Sie Kopfschmerzen? Ist Ihnen übel?«, fragte sie.

Die Frau war auf eine verhaltene Art hübsch. Ihre hellblauen Augen waren völlig ungeschminkt und die durchscheinende Haut makellos. Eva beugte sich nach hinten, um ihren Kopf genau zu begutachten, und entdeckte sofort die Platzwunde, die zum Glück kleiner war, als der Fleck hatte vermuten lassen.

Nicole Arendt stöhnte auf und griff sich an die Stirn. Dabei bemerkte Eva den Verband an ihrer Hand. Vielleicht war es nicht ihr erster Unfall am heutigen Tag.

»Sie haben vermutlich eine Gehirnerschütterung. Ich rufe am besten einen Krankenwagen.«

Die Frau starrte sie entsetzt an und schüttelte vehement den Kopf. Dann verdrehten sich ihre Augen, und sie wäre beinahe erneut weggesackt.

»Vorsicht!«, warnte Eva und stützte sie. »Sie haben eine Wunde am Hinterkopf. Die werde ich jetzt erst einmal reinigen. Moment.«

Eva holte Desinfektionsmittel und eine Mullkompresse aus einem kleinen Notfallset, das sie immer in ­ihrer Handtasche mit sich führte, tupfte die Wunde ab und sprühte sie dann ein. Sie musste das Mittel einen Moment trocknen lassen, sonst würden die Klammerpflaster nicht halten. Nicole Arendt schwieg, zuckte ­jedoch immer wieder unter Evas Berührungen zusammen. Sie hatte Schmerzen, das war offensichtlich.

»Wollen Sie nicht doch lieber …« Eva brach den Satz gleich wieder ab, denn der flehende Blick der Frau war Antwort genug. Sie wollte nicht ins Krankenhaus. Warum auch immer.

»Das ist Ihre Entscheidung, obwohl ich Ihnen aus ärztlicher Sicht davon abrate. Ist denn jemand bei ­Ihnen, für den Fall, dass es Ihnen im Laufe des Abends schlechter gehen sollte? Kann Sie vielleicht jemand hier abholen?« Die Frau trug weder eine Handtasche noch sonst etwas bei sich. »Soll ich irgendwo für Sie an­rufen?«

Nicole Arendt nickte, wollte etwas sagen, schien sich dann aber zu besinnen und starrte bloß an ihr vorbei auf den Verkehr. Als Eva Nicoles Blick folgte, fuhr gerade ein alter dunkelblauer Mercedes die Straße entlang. Ein Oldtimer. Sie kannte das Modell. Für einen Moment kam Eva aus dem Gleichgewicht und musste sich am Boden abstützen, so plötzlich traf sie die Erinnerung.

»Vorsicht! Ihr Ärmel«, holte die Stimme der jungen Frau sie wieder in die Wirklichkeit zurück. »Ach herrje, das ist alles meine Schuld.«

Zu spät erkannte Eva, dass sie sich direkt in der Blutlache abgestützt hatte. Der Ärmel ihres hellen Blazers wies einen feuchten Fleck auf.

»Dafür können Sie doch nichts. Ich war einfach unachtsam. In meinem Beruf passiert so was dauernd, deshalb trage ich meist praktische Sachen, die man heiß waschen kann.«

Eva schaute noch einmal die Straße hinunter, doch der Wagen war nicht mehr zu sehen.

Sie rieb sich die Stirn, zog kurzerhand den Blazer aus und machte sich mit einer kleinen Schere daran, Nicole Arendts Haare rund um die Wunde etwas zu kürzen, ­damit die Klammerpflaster halten konnten.

»Ich werde Ihnen selbstverständlich die Reinigung bezahlen«, stammelte die junge Frau, die bereits versuchte, mit dem Ärmel ihres Shirts den Fleck abzutupfen. Erst jetzt bemerkte Eva, dass auch auf der Kleidung der Frau getrocknete Blutflecken waren. Und nicht nur das: An ihrem anderen Arm war das Shirt ein Stück nach oben gerutscht und gab den Blick auf ein feines Netz von Narben auf ihrer Haut frei. Eva kannte dieses Bild, hatte es in der Klinik oft genug zu sehen bekommen.

»Ich brauche den Blazer bei dem Wetter heute sowieso nicht«, redete sie beschwichtigend auf die junge Frau ein. »Außerdem hat der seine besten Tage schon längst hinter sich. Das Geld für die Reinigung wäre pure Verschwendung.«

Nicole Arendt schaute sie prüfend an, ließ jedoch immer noch nicht von dem Kleidungsstück ab.

»Das tut jetzt kurz weh«, warnte Eva, »aber ich muss die Wundränder zusammenpressen, damit Ihnen keine hässliche Narbe entsteht.«

Nicole Arendt nickte. Eva tupfte noch einmal alles ab, schob die Haut zusammen und klebte routiniert mehrere Klammerpflaster auf die Verletzung. Die junge Frau gab bei der ganzen Prozedur keinen Ton von sich.

»Das wird erst einmal genügen«, sagte Eva. »Sie können jetzt versuchen, aufzustehen.«

Nicole Arendt erhob sich, taumelte und musste sich sogleich wieder auf Eva stützen. Hastig griff sie sich an die Stirn und schloss die Augen. Für einen Moment dachte Eva, sie würde erneut umfallen.

»Ist Ihnen schwindelig?«

Nicole Arendt schüttelte den Kopf und bemühte sich um ein Lächeln. Endlich hatte sie wieder etwas Farbe im Gesicht.

Statt einer Antwort streckte sie Eva den Blazer entgegen: »Überlassen Sie den doch einfach mir. Ich weiß, wie man solche Flecken wegbekommt. Ich löse dafür nur ein paar Aspirin auf …« Sie sah Eva mit schief gelegtem Kopf an. »Bitte. Sehen Sie es als Wiedergut­machung für Ihre Hilfe.«

Eva seufzte. Sie fand es eigentlich unnötig, andererseits mochte sie den Blazer. Schließlich bückte sie sich, holte Stift und Zettel aus der Tasche und notierte ihre Adresse und Telefonnummer.

»In Ordnung. Aber nur unter einer Bedingung: Sie gehen gleich morgen früh noch einmal zu Ihrem Hausarzt, damit der sich die Wunde ansehen kann.«

Die Frau nickte, legte sich den Blazer sorgfältig über den Arm und steckte die Adresse ein.

Wieder fiel Evas Blick auf das bizarre Narbengeflecht auf der Haut der jungen Frau.

»Sie können mich ja anrufen, wenn Sie mit der Reinigung fertig sind, und wir treffen uns irgendwo.« Eva deutete mit dem Kinn auf den Arm und fügte sanft hinzu: »Und falls Sie sich entschließen, mit jemandem darüber zu reden, melden Sie sich auch bei mir. Ich bin zwar noch neu in der Stadt, werde mich aber gerne erkundigen und Ihnen einen guten Kollegen empfehlen. Man kann so ziemlich alles überwinden, wissen Sie?«

Nicole Arendt errötete und zog rasch ihren Ärmel herunter. Sofort fing ihre Unterlippe an zu zittern, und sie schien wieder in sich zusammenzusacken.

»Wissen Sie was?«, sagte Eva spontan. »Warten Sie ­einen Moment. Mein Auto steht gleich da vorne bei der Tankstelle.«

Erst jetzt registrierte Eva den Tankwart, der mit verschränkten Armen neben ihrem Wagen stand. »Ich hole Sie gleich hier ab und fahre Sie noch rasch nach Hause. Abgemacht?« Lächelnd fügte sie hinzu: »Dieses Mal dulde ich keine Widerrede.«

Sie beobachtete die junge Frau, die nachdenklich an dem Blazer herumzupfte. Doch schließlich nickte sie und musterte Eva mit ihren großen blauen Augen.

»Gut. Dann zahle ich jetzt schnell.«

Im Laufschritt eilte Eva zur Tankstelle zurück. Sie igno­rierte das Gemecker, das der Tankwart über ihr entlud: Offenbar ärgerte er sich, dass sie so lange die Säule besetzt hatte – obwohl kein anderer Kunde weit und breit in Sicht war. Er hantierte ewig mit ihrer Karte herum, behauptete, sie würde nicht funktionieren. Eva war sich sicher, dass er das mit Absicht machte, um sich zu revanchieren.

Als sie nach einer gefühlten Ewigkeit aus dem Ladenraum trat, war Nicole Arendt nirgends zu sehen. Eva suchte die ganze Gegend ab, doch die junge Frau blieb verschwunden. Hoffentlich brach sie auf dem Weg nach Hause nicht noch einmal zusammen. Mit Kopfwunden war nicht zu spaßen.

Einen Moment blieb Eva unschlüssig stehen, zuckte dann jedoch resigniert die Schultern und stieg in ihren Wagen. Glücklicherweise war ihr Blazer schon alt, denn vermutlich würde sie den nicht mehr wiedersehen.

Eva drehte den Schlüssel, ließ den Motor an und schaute noch ein allerletztes Mal in den Rückspiegel. Dann fuhr sie seufzend los und machte sich auf die ­Suche nach dem nächsten Weinladen.

* Aus juristischen Gründen musste der Name der Figur geändert werden. Wir bitten dies zu entschuldigen.

3.

Nicole betrat ihre Wohnung, legte den Blazer der Ärztin auf den Garderobenschrank, drehte zweimal den Schlüssel um und sank dann kraftlos an der Tür her­unter. Ihr Kopf pochte dumpf vor Schmerzen, Galle stieg in ihrer Kehle auf. Sie saß einfach nur da und starrte auf den welligen Linoleumboden, auf den vom Fenster ein schmaler Lichtstreifen fiel. Es wurde langsam dunkel.

Erschöpft, wie sie war, sollte sie am besten gleich ins Bett gehen. Doch sie wusste, dass sie kein Auge zutun würde. Auf dem Weg nach Hause war immer wieder die Erinnerung vor ihrem inneren Auge aufgeblitzt. Die Schmuckdose. Der Ring. Sie hatte sich an den Blazer geklammert, war blind weitergerannt, stundenlang ziellos durch die Straßen geirrt, bis sie nicht mehr konnte und merkte, dass ihre Knie wieder schwach wurden.

Sie wollte mit jemandem reden, brauchte einen Rat. Doch ihr war niemand eingefallen, an den sie sich wenden konnte. Mit ihren Kollegen im Café wechselte sie nie ein privates Wort, die meisten sprachen nur gebrochen Deutsch und hatten ihr zu verstehen gegeben, dass sie in der Freizeit lieber unter sich blieben. Sie hatte ohne­hin nie viele Freunde gehabt und die wenigen seit ihrer Hochzeit auch noch vernachlässigt. Es hatte sie nie gestört. Bis jetzt. Denn der Einzige, der ihr in den letzten Jahren immer zugehört hatte, war nicht da: Robert.

Ausgerechnet.

Sie schlug die Hände vors Gesicht und begann, leise zu wimmern. Obwohl Verzweiflung und Angst ihr fast die Luft nahmen, konnte sie nicht weinen. Sie fühlte sich wie in einem Vakuum, erschöpft und leer.

Für einen Moment saß sie bloß reglos da, starrte auf den Boden. Dann ballte sie ihre Hände zu Fäusten, hielt die Luft an und ließ ihren Kopf nach hinten an die Tür krachen. Ein greller Schmerz durchfuhr ihren Schädel, Lichtblitze zuckten vor ihren Augen. Dennoch senkte sie den Kopf wieder auf die Brust, holte aus und schlug gegen das Holz. Sie tat es wieder und wieder, wie in ­einem Rausch. Erst als sie spürte, wie feuchtes Blut aus der Kopfwunde ihren Nacken hinabrann, hielt sie inne. Endlich nahm der Druck in ihr ab. Langsam und vorsichtig ließ sie sich auf den Boden gleiten, schlang die Arme um ihre angezogenen Knie, bettete vorsichtig ­ihren Kopf darauf und wiegte sich leicht.

So sehr hatte sie gehofft. Alles sollte anders werden, wenn er aus dem Knast kam. Ein Neubeginn. Ihre ganze Kraft hatte sie aufgebracht, die hämischen Gesichter und das Getuschel der Nachbarn ignoriert, für die ­Robert ein Krimineller war. Ihren Eltern, die sie die ganze Zeit zur Scheidung drängen wollten, hatte sie die Tür gewiesen und sich seither nicht mehr bei ihnen gemeldet. Sie hatte fest geglaubt, sie seien endlich gezähmt: die ­Dämonen, die ihren Mann immer wieder heimsuchten. Die ihn so oft dazu gebracht hatten, ihr wehzutun.

So hatte er es flüsternd erklärt, als sie zum ersten Mal in der JVA war. Und sie hatte ihm jedes Wort geglaubt, in diesem tristen grauen Besucherzimmer, das sie mit drei anderen Paaren teilen mussten. Nicht einmal berühren durften sie sich. Dennoch war sie danach auf einer Glückswelle geritten, wie eine Spielsüchtige, die glaubt, den Jackpot gewonnen zu haben.

Falsch gedacht. Sie war eine verdammte Idiotin.

Eine Stimme in ihr schrie, dass das alles nicht wahr sein konnte. Nur ein Zufall. Er war kein böser Mensch, davon war sie immer überzeugt gewesen. Es lag an ­seiner Eifersucht, dem Alkohol, seinem aufbrausenden ­Gemüt und an seiner Vergangenheit.

Sie schloss die Augen, schüttelte den Kopf. Nein, nein, nein. Sie hätte es gemerkt, wenn er wirklich imstande wäre, einen Menschen brutal zu vergewaltigen, seinen Tod billigend in Kauf zu nehmen. Sie hatte gelesen, was der Frau, der der Ring gehört hatte, passiert war. Unfassbar grauenhaft hatte der Täter ihr zugesetzt. Stundenlang, hatte es geheißen.

Sie krallte ihre Hände in ihre Arme, bis es schmerzte. Denn da war diese andere Stimme, die ihr ins Ohr säuselte, sie habe es nicht besser verdient. Dass sie ein Nichts sei. Dass Robert recht habe mit allem, was er sagte, wenn er sie bestrafte: Sie war naiv, dumm, zu nichts nutze. Vermutlich hatte er sich bei anderen Frauen Sex holen müssen, weil sie ihm nicht einmal im Bett geben konnte, was er brauchte. Weil sie nur herumjammerte, ihr ständig etwas wehtat, sie immer Ausreden suchte. War er am Ende ihretwegen so frustriert, dass er anderen Schmerzen zufügte? Stellvertretend für sie?

Es war ihre Schuld. Immer hatte er das gesagt. Jahrelang.

Schuld. Ein großes Wort. Sie wollte laut aufschreien, ihr ganzes Leid herausströmen lassen, aber aus ihrer Kehle kam nicht mehr als ein jämmerliches Krächzen. Nicht einmal das konnte sie. Nicht einmal das.

Sie schob sich hoch, schwankte so sehr, dass sie sich festhalten musste, wartete noch einen Moment, bis sich der Schwindel legte. Ihr Blick fiel auf die Blutspuren an der Tür und auf dem Boden. Schwerfällig schlurfte sie ins Bad, holte ein paar Lagen Toilettenpapier, feuchtete sie an, schleppte sich zur Tür zurück und wischte die Flecken weg.

Er hasste Dreck.

Nachdem sie ihre Arbeit beendet hatte, stützte sie sich kurz auf der Anrichte ab, da bemerkte sie das rote Blinken des Anrufbeantworters. Hektisch sah sie auf die Uhr. Robert! Sie hatte seinen wöchentlichen Anruf vergessen! Er hatte sie nicht erreicht.

Obwohl es längst zu spät war, griff sie panisch zum Hörer, rief seinen Namen, lauschte in die Stille hinein. Tränen lösten sich aus ihren Augenwinkeln. Sie hatte ihn verpasst. Er war längst wieder in seiner Zelle. Verdammt! Scheinbar lief alles schief an diesem verfluchten Tag. Nun würde er sich Sorgen machen, dass ihr etwas zugestoßen war. Oder er würde sich einreden, dass sie ihn verlassen wollte, und komplett ausrasten. Dann war ihm alles zuzutrauen.

Wie konnte sie ihn so enttäuschen? Ihn einfach vergessen?

Schluchzend strich sie mit dem Finger über das gerahmte Foto, das auf der kleinen Kommode stand. Es zeigte Robert stolz vor einer schwarzen Harley-Davidson stehend. Immer war das sein großer Traum ­gewesen: eine Reise in die USA machen, mit dem Motorrad die Route 66 entlangcruisen, ganz allein in der Weite, die Freiheit spüren. Sie hatte schon einen Großteil gespart, hatte extra eine kurze Zeit lang noch einen zweiten Job als Reinigungskraft angenommen, um ihm diesen Traum zu erfüllen, wenn er endlich entlassen würde. Ihm hatte sie jedoch erzählt, sie würden auf die Kanaren fliegen. Es sollte eine Überraschung werden.

Nicole drückte sich das Bild an die Brust, schlich erneut ins Bad, stellte Roberts Foto auf den Rand des Waschbeckens, öffnete den Badezimmerschrank, löste vorsichtig eine Rasierklinge aus der dünnen Verpackung, schob ihren Ärmel hoch und zog, ohne zu zögern, die Klinge über ihren Unterarm. Zischend stieß sie Luft durch die Lippen. Wiederholte es einmal. Und noch einmal. Bis sie sich wieder spürte. Dann ließ sie ihren schweißnassen Körper auf die nackten Fliesen gleiten, fühlte die Kälte.

Es war zu viel. Heute war einfach alles zu viel.

Nach einer Weile stand sie wieder auf, tupfte mechanisch Desinfektionsmittel auf die Schnitte an ihrem Arm, sprühte auch noch einmal die Wunde am Kopf ein. Das Mittel brannte, doch sie gab keinen Laut von sich.

Als sie alles wieder gesäubert und verstaut hatte, betrachtete sie sich im Spiegel, strich sich die Haare aus der Stirn und stand eine Weile regungslos da. Dann straffte sie die Schultern, wusch ihr Gesicht mit eiskaltem Wasser, nahm eine Bürste und kämmte vorsichtig ihr Haar.

Mit einem Ruck stieß sie sich vom Waschbecken ab und ging ins Schlafzimmer. Sie trat vor Roberts Kleider­schrank und öffnete beide Türen. Vorsichtig berührte sie seine Hosen und Shirts, strich über die Bügel seiner Hemden. Sie schnupperte, aber sein Geruch war längst aus dem Stoff verschwunden. Prüfend zog sie ein Hemd heraus. Betrachtete es von allen Seiten, schüttelte den Kopf, schaute sich das nächste an. Sie waren alle faltig.

Entschlossen holte sie das Bügelbrett aus einer Nische hinter dem Schrank und begann, sie zu glätten. Eines nach dem anderen.

Sie wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Nur eines wusste sie genau: Sie liebte ihn. Egal was er getan hatte. Und egal was er in Zukunft tun würde.

4.

Eva schaute nach oben, schüttelte sich die kurzen blonden Ponyfransen aus dem Gesicht und blickte direkt in eine Kamera. Schon öffnete sich das schmiedeeiserne graue Eingangstor der Justizvollzugsanstalt München-Wiesheim mit einem lauten Surren. Eva drückte den Rücken durch, hob den Kopf und trat zügig in den Gang. Ihre Schritte hallten in dem kahlen Flur. Es roch nach Putzmittel. Sie hielt auf den hinter Glas sitzenden Beamten zu, der sie mit ernster Miene musterte.

»Guten Morgen«, sagte sie mit einem Lächeln. »Ich bin Dr. Eva Hanssen, die neue Anstaltsärztin.«

»Ihre Papiere, bitte!«, entgegnete die blecherne Stimme durch die Sprechanlage. Der Mann, dessen Name FREY auf seiner Dienstkleidung prangte, musterte sie, ohne eine Regung zu zeigen.

»Natürlich«, antwortete Eva und fischte in ihrer ­Tasche nach ihrem Personalausweis und dem Schreiben, das ihr die Anstaltsleitung für den Dienstbeginn geschickt hatte. Sie lächelte Frey an, dessen Gesichtsausdruck keine Spur freundlicher wurde, als sie ihm die Dokumente durch die Lade zuschob. Mit ernster Miene verglich er ihr Foto mit der vorliegenden Kopie, dann musterte er Eva erneut. Konzentriert widmete er sich dem Ausfüllen verschiedener Bögen, dabei klickte er immer wieder mit dem Kuli.

Eva schaute sich in dem Flurstück um, das sie von nun an jeden Tag passieren würde. Über ihr waren in ­jeder Ecke zwei Kameras auf sie gerichtet, die wie Metall­augen wirkten. Es gab kein Fenster, nur das Kunstlicht der Röhren. Ihr fiel auf, dass an den umliegenden Metall­türen die Griffe fehlten. Wenn Frey nicht den entsprechenden Knopf drücken würde, wären sie hier hermetisch abgeriegelt. Grund genug, es sich nicht mit ihm zu verscherzen.

Eva sah ungeduldig auf die Uhr, obwohl erst wenige Minuten vergangen waren, und trat von einem Fuß auf den anderen. Sie hasste es, zu warten. Sie wusste, dass Frey seine Arbeit nur gewissenhaft machen wollte, dennoch war sie genervt. Er war noch jung, höchstens Anfang zwanzig, hatte dunkle Haare und einen spärlichen, dünnen Schnauzbart. Sicher hatte er sich den stehen ­lassen, um älter und männlicher auszusehen.

»Ihre Tasche«, forderte Frey jetzt barsch und riss sie aus ihren Gedanken.

Schnell schob sie ihre taubenblaue Tasche durch die Öffnung. Sie war ein Geschenk von ihrem jüngeren Bruder Patrick zu ihrem letzten Geburtstag gewesen, und Eva liebte sie wegen ihrer Geräumigkeit, der vielen Innenfächer und des butterweichen Leders. Frey schüttete den Inhalt auf seinen Tisch, breitete alles vor sich aus, zog jedes Innenfach auf, um es zu kontrollieren. Eva verstand, dass er das tun musste, dennoch versetzte es ihr ­einen Stich, dass er so mit ihren privaten Dingen umging.

Endlich warf er alles achtlos wieder hinein.

»Hier ist Ihr vorläufiger Dienstausweis«, schepperte jetzt seine Stimme, während er ihr die Tasche zusammen mit dem Dokument zurückschob. »Unterschreiben Sie bitte den Empfang an der markierten Stelle, und zeigen Sie ihn bei jeder Schleuse unaufgefordert dem Wachhabenden.«

Nichts lieber als das, dachte Eva. Während sie den Text überflog, stempelte Frey mit einem lauten Knall eine der Kopien.

Eva erhielt eine leise Ahnung davon, wie sich Menschen fühlen mussten, die hier einen Angehörigen besuchen wollten.

»Sie können jetzt passieren.« Frey betätigte den Öffnungsmechanismus der nächsten Tür, und ein Surren ­ertönte.

Eva nickte ihm zu, ignorierte seinen argwöhnischen Blick, verkniff sich allerdings jegliche Grußformel.

Nachdem sich die nächste Tür hinter ihr zugeschoben und mit einem dumpfen Geräusch verriegelt hatte, war es absolut still. Jetzt war sie wirklich und wahrhaftig weggeschlossen, schoss es ihr durch den Kopf. Sie ging weiter geradeaus, ihre Schritte hallten in dem langen Flur. Klaustrophobie sollte man hier nicht ­haben, dachte sie gerade, als am anderen Ende des Ganges ein weiterer Beamter auftauchte, der ihr freundlich zunickte. Sofort hielt sie ihm ihren vorläufigen Dienstausweis hin, den sie gar nicht erst in die Tasche gesteckt hatte.

»Willkommen!«, sagte der bullige Wachhabende und wies den Gang entlang. »Ich hatte Sie schon erwartet, Sie waren uns ja angekündigt worden. Ich bringe Sie jetzt zur Schlüsselausgabe. Morgen können Sie dann gleich hier vorne rechts die nächste Schleuse passieren.«

Eva nickte und folgte ihm durch einen weiteren schmucklosen Flur, von dem verschiedene geschlossene Türen abgingen. Man hörte nichts außer dem Quietschen ihrer Schritte auf dem ausgetretenen Linoleum­boden und dem metallischen Klirren des Schlüsselbunds, den der Mann an einer langen Kette bei sich trug. Kein Mensch war zu sehen. Die Atmosphäre war das komplette Gegenteil zu einem Vormittag, wie sie ihn aus dem Krankenhaus kannte, wo es rund um die Uhr brummte wie in einem Bienenstock und sie sich oft mehr Ruhe gewünscht hatte.

Sie kamen zu einem Raum, der rundum von deckenhohen Regalen mit Kleidung, Schuhen und Hygiene­artikeln gesäumt war. Hier wurden die Inhaftierten mit den notwendigsten Dingen ausgestattet. Ohne ein Wort verschwand der Mann, der sie hergebracht hatte.

»So, da haben wir Sie also, die Frau Doktor«, lächelte der zuständige Justizvollzugsbeamte sie an. Sein breiter Schnurrbart war am Ende gezwirbelt und hätte besser zu einer Trachtenjacke als zu seiner Uniform gepasst. »Ludwig Hackl, habe die Ehre!«, sagte er und wies mit einem gewissen Stolz hinter sich. »Seit fünfzehn Jahren für alles hier zuständig.«

Eva lächelte und reichte ihm die Hand, die er jedoch nicht bemerkte, weil er bereits ihr Namensschild und ­einen dicken Schlüsselbund aus einer Kiste holte.

»Ich habe Ihre Schlüssel mit Nummern versehen, damit Sie sich zurechtfinden. Die Generalschlüssel sind ­farbig: Weiß für den Krankentrakt, Grün steht für den Altbau, in dem die Untersuchungshäftlinge einsitzen. Der blaue Schlüssel für den Männertrakt und der rote für die Frauen. Rosa hatte ich nicht vorrätig.«

Hackl grinste breit, wobei die Enden seines gedrehten Schnurrbarts fast seine Schläfen berührten.

Eva musste gegen ihren Willen über seinen schlechten Witz schmunzeln, räusperte sich und deutete auf eine schwarze Trillerpfeife, die sie am Schlüsselbund entdeckt hatte.

»Ist die für das Fußballspiel im Hof?«, scherzte sie nun ihrerseits.

»Lachen Sie nicht, Frau Doktor. Ein Pfiff bedeutet, dass Gefahr im Verzug ist. Ich hoffe, Sie werden die nie benötigen.« Seine Stimme klang eindringlich und hatte nichts mehr von dem Charme, den er zuvor versprüht hatte. »Bitte achten Sie strikt darauf: Jede Tür muss verriegelt sein. Ohne Ausnahme. Immer auf- und dann ­wieder zuschließen, verstehen Sie? Auch wenn Sie nur kurz aus dem Raum gehen. Unsere Gäste hier warten bloß auf eine Gelegenheit, abzuhauen. Oder jemanden als Geisel zu nehmen. Damit ist nicht zu scherzen.«

Dann trat Hackl auf sie zu und musterte sie mit gerunzelter Stirn von oben bis unten. Eva schaute an sich herab und versuchte zu ergründen, was ihn störte. Sie hatte für ihren ersten Tag eine dunkelblaue Chino und eine farblich passende Strickjacke gewählt, unter der sie ein weißes Poloshirt trug. Schnell öffnete sie ihren Trench und beeilte sich zu sagen: »Stimmt etwas nicht? Ich wurde darauf hingewiesen, dass ich besser Hosen trage und generell darauf achten soll, mich nicht zu auffällig zu kleiden.«

»Nein, nein, das passt schon. Aber Ihre Hose hat ­weder Schlaufen noch einen Gürtel«, entgegnete Hackl. »Den Schlüsselbund einfach so in der Tasche zu tragen, ist für die Jungs hier drin geradezu eine Einladung zum Diebstahl. So schnell können Sie gar nicht gucken, glauben Sie mir. Oder Sie lassen den irgendwo liegen … Deshalb sollte das Ding unbedingt an der Dienstkleidung ­fixiert werden. Sehen Sie, so wie bei mir.«

Sein Schlüssel war mit einer Kette und einem Ring sowohl an der Gürtelschlaufe seiner Hose wie auch an seinem breiten Ledergürtel befestigt. Mit ernster Miene händigte er Eva dennoch den Schlüsselbund aus. Der brachte locker ein Kilogramm auf die Waage. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass man den bei diesem Gewicht überhaupt vergessen konnte.

»Dieser Schlüssel ist hier Ihre Lebensversicherung«, gab Hackl mit eindringlicher Stimme zu verstehen. »Verlieren Sie ihn, wird jede Tür automatisch verriegelt, bis der Bund wiederaufgetaucht ist. Solange kommt keiner mehr irgendwohin. Wirklich niemand. Und wir, die wir hier Tag und Nacht unseren Dienst verrichten, hassen das, Frau Doktor.«

Nachdem sie alles an sich genommen hatte, begleitete Hackl sie durch den nächsten Gang bis zu dem begrünten Innenhof, über den sie zu den fünf anderen großen Gebäuden der Anstalt gelangen würde.

»Ich möchte von hier an allein gehen«, bat Eva beherzt, als sie ins Freie traten.

Hackl legte den Kopf schief, zwirbelte an den Enden seines Schnurrbarts und schien nachzudenken, was er von diesem Ansinnen halten sollte.

»Ich möchte nicht, dass die Gefangenen denken, dass ich Begleitung brauche. Sie wissen schon. Als Frau. Es sind doch nur ein paar Meter bis zum nächsten Trakt.«

Nach einer Weile nickte Hackl, wünschte ihr einen schönen Tag und schloss das Tor hinter ihr ab.

Im Hof war niemand zu sehen. Um diese Zeit hatten die Inhaftierten keinen Freigang und waren in den Gebäuden beschäftigt, die vierstöckig neben Eva aufragten. Auf jeder Mauer ringsum sah sie gerollten Stacheldraht und in einigem Abstand davor zusätzliche vergitterte Absperrungen. An die Tristesse der Umgebung würde sie sich erst gewöhnen müssen.

Ein lauter Pfiff riss sie aus ihren Gedanken. Als sie sich ruckartig umwandte, war ein anzügliches Lachen zu hören. Klar, genau das hatten sie gewollt. Auch daran musste sie sich jetzt wohl oder übel gewöhnen. Das Gelächter hielt an, und sie spürte, dass sie beobachtet wurde. Eva bemühte sich, ungerührt zu wirken. Im Weiter­gehen entdeckte sie zwei muskulöse Arme, die zwischen den Gitterstäben obszöne Gesten machten. Sie verkniff es sich, ihren Mantel zuzuziehen, und ging einfach erhobenen Hauptes in gleichbleibendem Tempo weiter. Nur die Schlüssel in der Manteltasche umfasste sie fester. Ohne einen Blick zur Seite hielt sie auf die nächste Eingangstür zu.

Obwohl der Schlüsselbund ziemlich unhandlich war, gelang es ihr ohne Probleme, die Eingangstür zum Krankentrakt zu öffnen. Erleichtert schloss sie hinter sich ab – froh, die erste Etappe gemeistert zu haben. Vermutlich lechzten die Gefangenen nach Abwechslung, und sie wusste, dass nur wenige Frauen außerhalb des »weißen Vollzugs«, wie der Krankenbereich intern hieß, im Knast ihren Dienst taten. In Wiesheim gab es zwar auch einen Frauentrakt, der war jedoch komplett getrennt und hatte auch einen anderen Eingang. Nur die Verwaltung überstand beiden Bereichen.

Eva hatte bei ihrem ersten Besuch die knapp 7,5 Quadratmeter großen Zellen gesehen, die längst nicht mehr dem offiziellen Standard entsprachen. Eigentlich war ein Quadratmeter mehr vorgeschrieben, hatte ihr die Direktorin erklärt, doch da die bayerischen Haftanstalten ohnehin überfüllt waren, wurden die alten Gebäude weiter genutzt und an diejenigen Gefangenen vergeben, die zunächst nur in Untersuchungshaft einsaßen. Die neueren Gebäudeteile beherbergten den »normalen« Männertrakt.

Sie wandte sich zur Treppe, über die sie in die medizinische Abteilung gelangte. Selbst hier schlug ihr der abgestandene Geruch von Zigaretten entgegen. Wer nicht schon rauchte, der fing im Gefängnis damit an, hatte die Direktorin gesagt. Dennoch irritierte Eva der Geruch.

Sie sprintete die geschwungene Treppe in den ersten Stock hinauf, wo ihre Station lag. Weit über eine Dreiviertelstunde hatte sie der ganze Dienstkram gekostet, stellte sie mit Blick auf die große Uhr verärgert fest. Außer einem winzigen Regal mit dem Charme der Sechzigerjahre und einem unförmigen Gummibaum stellte sie den einzigen Schmuck in dem blassgelb gestrichenen Flur dar. Eva war auch hier überrascht von der Stille, obwohl die Sprechzeiten schon begonnen hatten. Trotzdem schien die ganze Abteilung menschenleer.

Sie beschloss, erst einmal Mantel und Tasche in ­ihrem Dienstzimmer abzulegen und sich dann auf die Suche nach ihrem Team zu machen. Sie betrachtete die vielen Türen, die keine Beschriftung, sondern nur Nummerierungen aufwiesen. Als sie seinerzeit mit der Anstaltsleitung hier gewesen war, hatten alle Türen offen gestanden. Jetzt sah für Eva jede gleich aus. Das hatte sie nun von ihrem Eigensinn. Hätte Hackl sie begleitet, würde sie jetzt nicht wie eine Anfängerin auf dem Flur stehen.

Egal. Sie würde das schaffen. Kurz schloss sie die ­Augen, vergegenwärtigte sich ihren ersten Besuch und trat dann beherzt auf die vierte Tür zu, die letzte, bevor der Gang um die Ecke verlief. Als sie gerade aufschließen wollte, brüllte jemand hinter ihr: »Halt! Sind Sie völlig verrückt geworden? Was machen Sie denn da, verdammt!«

5.

Der Mann, der Eva angeschrien hatte, war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Sie war zurückgezuckt und hatte instinktiv die Fäuste gehoben, um sich zu wehren. Nun sah sie, dass es sich um den Krankenpfleger Hamid Erdem handelte, den sie bei ihrem ersten Besuch kennengelernt hatte. Sie kam sich irgendwie ertappt vor, so als hätte sie etwas Schlimmes getan.

Das lag vor allem an dem Blick, den Erdem ihr zuwarf, aber auch an seinen buschigen Augenbrauen, die fast ineinander übergingen und ihm eine Strenge verliehen, die so gar nicht zu dem schlanken Mann passte. Der Name des Pflegers war ihr gut in Erinnerung geblieben, denn einen türkischstämmigen Mitarbeiter zu haben, der ihr bei etwaigen Sprachschwierigkeiten mit einem Patienten helfen konnte – das war viel wert, wie sie aus ihrer Klinikzeit wusste.

»Guten Morgen!«, begrüßte Eva ihn nun und hielt ihm die Hand hin. »Der Papierkram und die Einweisung hat doch länger gedauert, als ich erwartet hatte.«

Erdem starrte immer noch auf die Tür und rührte sich nicht. »Haben Sie denn die Markierung nicht ge­sehen?«, schnaubte er. »Verdammt, das hätte gerade noch gefehlt heute …«

Eva drehte sich um. Jetzt erst bemerkte sie den roten Punkt neben dem Schloss, der bedeutete, dass die Tür alarmgesichert war. Sie hatte sich nur auf die Nummern der Türen und auf ihre Schlüssel konzentriert. Auch wenn er recht hatte, ärgerte Eva sich, dass der junge Mann so einen Wirbel machte. Schließlich war nichts weiter passiert. Außerdem fand sie diesen Aufruhr zur Begrüßung absolut unangemessen. Da sie an ihrem ersten Tag nun schon zum zweiten Mal so unfreundlich behandelt worden war, fiel ihre Antwort entsprechend barsch aus: »Das wäre sicher vermeidbar gewesen, wenn mich irgendjemand hier erwartet und begrüßt hätte, oder was meinen Sie?«

Sie ließ den Satz einen Moment im Raum stehen und fuhr dann resolut fort: »Jetzt entschuldigen Sie mich, es ist schon spät, und ich würde gerne mit meiner Arbeit anfangen.«

Wenn alle hier in der Anstalt diesen Ton draufhatten, gab es für sie künftig auch keinen Grund, die Kollegen mit Samthandschuhen anzufassen.

»Meine Sprechstunde müsste doch schon losgehen, oder?«, fragte sie. »Können Sie mich ins Bild setzen, was heute zu tun ist? Wo haben Sie die Akten?« Sie sah ­Hamid Erdem prüfend in die Augen, der immer noch reglos vor ihr stand.

»Wir haben die Methadonausgabe am Morgen schon allein vorgenommen … Na ja, und als Sie dann noch nicht hier waren …«, er suchte nach Worten. »Wir dachten, dass die Schlüsselausgabe mitsamt der Belehrung noch länger dauert, und haben Ihre Termine deshalb vorsichtshalber geschoben.«

Eva strich sich nachdenklich den Nacken und sah dabei zu Boden. Vielleicht war sie doch zu gereizt auf­getreten.

»Wegen der Belehrung zu den Schlüsseln also. Tja, die hätte vielleicht noch etwas ausführlicher ausfallen können, nicht?«, bemerkte sie nun mit gespieltem Ernst und zwinkerte dem Pfleger zu, dem sein Auftritt mittlerweile doch leidzutun schien. »Wie wäre es, wenn wir jetzt die Zeit nutzen und Sie mir berichten würden, was heute alles ansteht, Herr Erdem? Oder nenne ich Sie Hamid?«

Der Pfleger nickte eifrig: »Hamid, bitte. Das ­sagen alle hier. Warten Sie.« Er half Eva umständlich aus ­ihrem Mantel und wies ihr dann mit der Hand den Weg. »Kommen Sie. Es war alles etwas schwierig in den letzten Tagen und Wochen ohne eine Ärztin. Wir sind so was von froh, dass Sie jetzt endlich an Bord sind.« Er ­zögerte kurz und murmelte dann: »Auch wenn das vorhin vielleicht nicht so rüberkam.«

Das hörte sich schon besser an. Eva folgte ihm zum allerersten Zimmer im Gang, das Hamid gleich aufschloss. Zwei Pflegerinnen waren gerade damit beschäftigt, eine Lieferung Verbandsmaterial in einen großen Schrank einzuräumen.

»Frau Hanssen, schön, dass Sie da sind!«, sagte die ­Ältere, die einen pfiffigen Kurzhaarschnitt trug. Eine Strähne in ihren braunen Haaren war blondiert. Die Frau war vermutlich Anfang fünfzig, und ihr fester Händedruck und der offene Blick gefielen Eva. Sie strahlte etwas angenehm Bodenständiges aus. »Lisbeth Haberer ist mein Name. Und das hier ist unsere Jasmin Burgmeister.« Die Ältere nahm die Jüngere an den Schultern. »Sie ist erst seit einem Monat in unserem Team, macht sich aber ganz prima. Jasmin hat ein feines Händchen für unsere Patienten hier. Sie können sich nicht vorstellen, wie handzahm die bei ihr sind.«

Die junge Frau wich Evas Blick aus und errötete sogar, als sie Eva die Hand gab. Ihre langen sandfarbenen Haare fielen ihr ins Gesicht, sodass man nur einen Teil davon sehen konnte. Sie litt unter starker Akne, die sie sicher mit dieser Frisur kaschieren wollte. Doch die braunen Augen und die dichten dunklen Brauen machten sie attraktiv, genau wie ihre geraden weißen Zähne. Nur die Brille war unvorteilhaft gewählt und wirkte ­altbacken.

Jasmin entsprach mit ihrer schüchternen Art absolut nicht dem Bild, das Eva sich von einer jungen Frau machte, die in einem Gefängnis arbeitete. Aber stille Wasser waren ja bekanntlich tief. Vielleicht war das ­glitzernde Piercing in ihrer Oberlippe ein Detail, das darauf hoffen ließ.

»Selbst die alten Knurrbacken, die immer rumstänkern, werden weich, wenn sie mit ihr zu tun haben«, fügte Lisbeth hinzu.

Jasmin zog die Schultern zusammen und knibbelte an ihren Fingernägeln. Es war ihr sichtlich unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen. Deshalb lenkte Eva das Gespräch schnell auf ein anderes Thema. »Wo wir jetzt hier alle zusammen sind: Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit und hoffe, dass ich mich schnell zurechtfinden werde. Dabei müssen Sie alle ein wenig mithelfen, fürchte ich. Hamid hat mich gerade schon davor bewahrt, meinen ersten Tag mit einem Fehlalarm zu beginnen. Dann wäre zwar wirklich auch der letzte Inhaftierte über meine Ankunft informiert gewesen, aber viele Freunde hätte ich mir damit vermutlich nicht gemacht, oder?«

»Beginnen wir doch einfach damit, dass ich Ihnen ­unsere Räume zeige, damit Sie sich besser zurechtfinden«, antwortete Lisbeth. Zuvor wies sie Jasmin an, sich zum Schießtraining zu melden. Hamid sollte sich um die Patienten kümmern, die zur Sprechstunde kamen. Dann wandte sie sich wieder Eva zu: »Das Verbandszimmer hier kennen Sie ja schon. Nebenan ist unser Labor, in dem wir Blut abnehmen und Medikamente ausgeben. Wenn Sie da mal ein Problem haben, der Panikknopf ist unterhalb der Tischplatte.« Danach schloss sie die Tür hinter sich ab und ging mit Eva durch den Gang.

»Einen Stock tiefer haben wir neben den sechs Krankenzimmern, die augenblicklich nicht belegt sind, noch die gefängniseigene Apotheke, im Raum direkt daneben erfolgt am Morgen die Methadonausgabe.« Mit viel­sagendem Blick hielt Lisbeth den entsprechenden Schlüssel hoch. »Auf den sind die Gefangenen besonders scharf, denn mit Medikamenten kann man sich hier drinnen die eine oder andere Verbesserung erkaufen. Mit diesem Schlüssel wäre man der ungekrönte König des Knasts«, erklärte Lisbeth und öffnete das Behandlungszimmer.

Der Raum war nicht groß, aber funktional eingerichtet mit einer Liege, einem Paravent, hinter dem sich die Patienten entkleiden konnten, einem Waschbecken und diversen medizinischen Plakaten, wie sie es aus normalen Arztpraxen kannte. Eine Durchgangstür führte ­direkt im Anschluss weiter zu ihrem privaten Dienstzimmer, in dem sie sich nach den Behandlungen und in den Pausen aufhalten konnte.

Eva schaute hinein: Es hatte zwar zwei große, vergitterte Fenster, besonders hell war es dennoch nicht. Doch es gab einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen, in dessen Mitte ein bunter Blumenstrauß stand. Auf der anderen Seite des großen Raumes befand sich, genau wie im Behand­lungszimmer, ein Schreibtisch mit PC und ­einem völlig neu wirkenden, ledernen Drehstuhl sowie eine Garderobe, an der Hamid zuvor schon ihren ­Mantel aufgehängt hatte. Außerdem gab es eine etwas betagte Ledercouch mit einem Beistelltisch, auf dem verschiedene Fachzeitschriften gestapelt waren.

»Nicht sehr komfortabel«, kommentierte Lisbeth und wischte über die Lehne des Sofas, so als könne das mehr Glanz in das Zimmer bringen.

»Ach was, mir reicht das völlig. Und danke für die Blumen! Die sind doch sicher von Ihnen?«

Lisbeth schwieg, lächelte jedoch vielsagend und ging wieder zurück in das Behandlungszimmer.

Eva durchquerte langsam den Raum und roch an dem Herbstblumenstrauß aus Rosen, Hagebutten und Johanniskraut, der einen frischen Duft verströmte. Eine wirklich nette Geste, die einige Eindrücke des Morgens wieder geraderückte. Sie seufzte und beschloss, möglichst bald ein buntes Bild zu besorgen, irgendeine Landschaftsfotografie, um dem Zimmer die Tristesse zu nehmen. Und ein paar Fotos, damit sie sich nicht völlig fremd fühlte. Eva stellte ihre Tasche auf einem der Stühle ab und folgte Lisbeth, die inzwischen den PC angestellt hatte und ihr ein kleines schwarzes Telefon hinhielt.

»Das ist Ihr Funktelefon. Für die Kurzwahlnummern habe ich Ihnen einen Zettel unter beide Schreibtischunterlagen gelegt, damit Sie Bescheid wissen, wie Sie uns am besten erreichen. Das Wichtigste an dem Telefon ist allerdings dieser Clip. Den können Sie im Fall einer direkten Bedrohung einfach abziehen. Er löst dann innerhalb von drei Sekunden Alarm aus. Es kann automatisch lokalisiert werden, wo die Aktivierung ausgelöst wurde, und eine halbe Minute später stehen Vollzugsbeamte in voller Kampfmontur bereit. Das Gerät funktioniert im gesamten Gebäude, und Sie tragen es am besten immer bei sich. Sie sehen also, Sie müssen sich keine Sorgen machen. Hier kann Ihnen nichts passieren.«

Als Eva gerade noch einmal nach Jasmin fragen wollte, unterbrach ein schrilles Klingeln das Gespräch.

»Ah. Unser erster Kandidat für heute. Überpünktlich wie immer, nehmen Sie sich also ruhig die Zeit, sich vorher die Akte anzusehen. Die Klingel stelle ich aber wieder leiser, damit Sie nicht gestört werden.«

»Läuft das immer so?«

Lisbeth nickte. »Die Kranken bekommen von uns einen Termin und klingeln draußen an der Tür, wenn sie von dem Beamten gebracht werden. Wir setzen sie dann in das Wartezimmer, das von innen keine Klinke hat. Schauen Sie, auf dem Bildschirm hier können Sie die wartenden Patienten sehen, damit Sie den Überblick behalten. Mehr als drei lassen wir ungern gleichzeitig da sitzen. Wenn einer auffällig geworden ist, bleibt der Wachmann dabei. Aber das ist eher selten der Fall. Die meisten genießen es, hier im Wartezimmer einfach in Ruhe zu quatschen, ohne großartig beaufsichtigt zu werden.«

»Und das gibt keine Probleme? Ich meine …«

»Ich verstehe schon. Natürlich gibt es Inhaftierte, die die Gelegenheit nutzen, um hier zu dealen. Die haben alle ihre Tricks, Sachen heimlich von A nach B zu bringen. Das würden die aber bei jeder sich bietenden Gelegen­heit tun. Wer es darauf anlegt, findet hier drin für viele Dinge einen Weg, auch wenn das offi­ziell niemand zugeben würde. Aber wundert Sie das? In den endlos langen Stunden in ihren Zellen kommt denen freilich jede Menge Unsinn in den Kopf. Ich könnte ­Ihnen ­Sachen erzählen …«

Eva lächelte, unterbrach die Pflegerin jedoch freundlich: »Das verschieben wir besser auf ein anderes Mal. Ich würde jetzt gerne anfangen. Trotzdem danke, dass Sie sich so viel Zeit für mich nehmen.«

Lisbeth nickte und sah auf die Uhr. »Oje. Jetzt habe ich mich wirklich verquatscht. Entschuldigung. Nur noch zu unserem ersten Patienten da draußen: Er war vergangene Woche wegen eines Hexenschusses hier und kommt zur Kontrolle. Heute haben wir ohnehin nur leichte Fälle. Es war nichts allzu Dringliches dabei.«

Bevor sie das Zimmer verließ, sagte Lisbeth noch: »Wenn Sie mit der Sprechstunde durch sind, könnte ich Ihnen noch unser Ablagesystem und den Rechner erklären. Und ich würde Ihnen gerne unsere Apotheke zeigen, damit Sie wissen, was wir vorrätig haben … Jetzt lasse ich Sie aber wirklich alleine, damit Sie sich in Ruhe die Akte anschauen können. Wenn Sie später soweit sind, drücken Sie einfach die Neun am Telefon, dann ertönt ein Zeichen in unserem Büro, und ich bringe Ihnen den Patienten.« Sie zögerte einen Moment, dann fügte sie ernst hinzu: »Schön, Sie hier zu haben, Frau Dr. Hanssen. Ich bin froh, dass wir wieder eine Frau an Bord haben.«

Eva hätte schwören können, dass Lisbeth noch etwas auf dem Herzen hatte, doch bevor sie danach fragen konnte, war die Pflegerin schon draußen.

Eva atmete einmal tief durch. Sie legte die Arme auf den Schreibtisch und merkte dabei, dass er wackelte. Kurzerhand nahm sie ein Blatt, faltete es ein paarmal, schob es unter das Tischbein und prüfte dann den Stand. Jetzt war das Ding stabil. Als sie wieder hochkam, fiel Evas Blick auf das Übertragungsbild aus dem Wartezimmer. Ihr erster Patient saß alleine darin. Sofern man von sitzen sprechen konnte, er hing vielmehr krumm auf dem Stuhl. Eva beschloss, ihn nicht länger warten zu lassen, schließlich hatte Lisbeth ihr schon das Wichtigste gesagt. Sie prägte sich den Namen auf der Akte ein, sperrte die Türe auf, holte den Mann selbst hinein – wie sie es aus dem Krankenhaus gewohnt war – und schloss sowohl die Türe zum Wartezimmer wie auch die zum Behandlungszimmer sorgfältig. Den Schlüssel ­deponierte sie vorsichtshalber in der Schublade.

»Guten Morgen, Herr Baumgärtner. Ich bin Eva ­Hanssen, die neue Anstaltsärztin. Meine Mitarbeiterin hat mir gesagt, dass Sie Kreuzschmerzen hatten. Wie fühlen Sie sich denn heute? Geht es schon besser?«

Der Mann stöhnte und schimpfte los: »Die Mittel sind viel zu schwach, die mir die Schwester gegeben hat. Die hat ja auch keine Ahnung. Sehen Sie selbst, ich kann kaum sitzen, und liegen ist die Hölle. Ich brauche was Stärkeres.«

»Können Sie den Schmerz lokalisieren? Wo genau tut es Ihnen weh?«

Eva ließ sich seine Beschwerden detailliert beschreiben, obwohl der Patient nun völlig entspannt dasaß.

»Ich schaue mir das mal genauer an. Könnten Sie bitte den unteren Bereich des Rückens frei machen?«

Er schob sein Oberteil unter heftigem Stöhnen ein Stück nach oben, bewegte sich aber recht flüssig. Eva zog den Bund seiner Jogginghose ein Stück tiefer und sah direkt in die Augen einer Wildkatze – ein aggressiv wirkendes Tattoo, das den ganzen unteren Rücken bedeckte. Eva schluckte kurz und konzentrierte sich dann wieder auf ihre Arbeit. Vorsichtig befühlte sie die infrage kommende Stelle. Noch bevor sie überhaupt Druck ausübte, stieß der Patient einen Schmerzenslaut aus. »Passen Sie doch auf!«

Eva ließ sich nicht irritieren. Sie war sich sicher, dass er simulierte. Dennoch führte sie ihre Untersuchung gründlich durch. Als sie fertig war, bedeutete sie ihm, sich wieder zu setzen, nahm an ihrem Schreibtisch Platz und notierte sich den Befund, während sie ihm alles ­erläuterte.

»Ich kann keine Schwellung oder Blockade im unteren Lendenwirbelbereich mehr feststellen. Um die verbliebene Verspannung in den Griff zu bekommen, verordne ich Ihnen ein Mittel zur Muskelentspannung. Wichtig ist für Sie jetzt Bewegung. Ich werde auf ­Ihrer Station Bescheid geben, dass Sie eine Stunde länger Hofgang bekommen. Dadurch erreichen wir ganz sicher eine Lockerung. Außerdem ist Wärme wichtig. Dafür verschreibe ich Ihnen ein Wärmekissen mit Aktivkohle.«

Eva wollte gerade Lisbeth bitten, alles Notwendige zu veranlassen, als Baumgärtner sich über den Schreibtisch beugte und sie wütend anknurrte.

»Haben Sie eigentlich zugehört?«

Eva hielt irritiert inne und richtete ihren Blick auf den Mann, der sie wütend anblaffte: »Diese Scheißkohle kannst du behalten. Gib mir was Anständiges! Ich habe verdammte Schmerzen, kapiert?«

Eva hielt es für besser, den Wechsel in der Anrede nicht zu kommentieren und sachlich zu bleiben. Außer­dem entschied sie sich für den Moment dagegen, die Neun zu wählen, um Lisbeth zu holen. Sie wollte nicht gleich beim ersten pampigen Patienten um Hilfe bitten. Wenn Sie sich nicht aus der Reserve locken ließ, würde Baumgärtner sich schon wieder beruhigen. Bestimmt wollte er sie nur testen.

»Glauben Sie mir, Bewegung ist viel besser geeignet, um …«

»Haben Sie Ihr Studium im Lotto gewonnen, oder was? Ich bin völlig schief! Deshalb müssen Sie mir, verdammt noch mal, was gegen die Schmerzen geben, das sieht doch ein Blinder. Wieder mal typisch, dass wir hier drin die unfähigsten Leute abbekommen. Mit uns kann man das ja machen.« Die Kiefer des Mannes arbeiteten unablässig und er sah sie durch schmale Augenschlitze an. Seine Aggressivität ließ die Luft im Raum vibrieren.

»Wie bitte?«, fragte Eva irritiert, bemühte sich aber weiter, souverän zu bleiben. Wenn er nerven wollte, prima. Das konnte sie auch. »Ich kann Ihnen gerne an diesem Schema erklären, warum Schmerzmittel in ­Ihrem Fall nicht helfen.«

Eva stand auf und wollte zu dem Plakat an der Wand gehen, auf dem ein menschlicher Körper mit all seinen Schichten abgebildet war, als der Mann behände hinter sie sprang und ihr so den Rückweg zum Telefon abschnitt. Er stand direkt vor ihr, sie spürte die Wärme seines Atems im Gesicht, der faulig und nach Tabak roch. Eva harrte aus, wollte keinesfalls zurückweichen oder ihn provozieren.

Baumgärtner tat nichts weiter, als sie anzustarren. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, und sein Unterkiefer schob sich weiter permanent von einer Seite zur anderen. Als er keine Anstalten machte, sie anzugreifen, wies Eva ihn in resolutem Ton an: »Setzen Sie sich sofort wieder hin, oder ich rufe jemanden. Und dann bekommen Sie gar nichts von mir.«

»Das würde dir so passen, was? Du verschreibst mir jetzt sofort was gegen Schmerzen, sonst …«

»Sonst was?«, fragte sie und richtete sich weiter auf, sodass sie ihn jetzt ein Stück überragte. Sie hielt seinem Blick stand. Baumgärtner grinste schief, beugte sich noch dichter zu ihr hin, bleckte die Zähne und raunte in ihr Ohr: »Sonst werde ich dir zeigen, wie sich Schmerzen anfühlen.«

Eva überlegte fieberhaft, was sie tun konnte. Der Schlüssel mit der Trillerpfeife war in der Schublade, zwischen dem Funktelefon und ihr stand Baumgärtner.

»Sie setzen sich jetzt hin«, sagte sie leise. »Haben Sie verstanden? Sofort. Auf diese Art erreichen Sie bei mir nichts. Absolut gar nichts.«

Ihre letzten Worte wurden von dem ohrenbetäubenden Heulen einer Sirene verschluckt. Dann wurde bereits die Tür aufgestoßen. Hamid und Lisbeth schauten irritiert von Eva zu dem Gefangenen.

»Feueralarm«, schrie Lisbeth gegen den Lärm an. »Das Gebäude muss evakuiert werden. Wir müssen raus, auf den Hof. Herr Baumgärtner, Hamid bringt Sie zu Ihrer Abteilung.«

»Ich will meine Medikamente!«, brüllte Baumgärtner aufgebracht.

»Raus!«, kommandierte Hamid scharf und packte den Mann unsanft am Arm. »Alles Weitere klären wir später.«

»Wir sind noch nicht fertig!«, hörte sie Baumgärtner auf dem Gang gegen die Sirene anschreien. »Wir sprechen uns noch, Frau Doktor!«

»Alles in Ordnung?«, fragte Lisbeth besorgt.

»Nichts passiert«, beruhigte sie Eva.

Sie kehrte noch einmal zu ihrem Schreibtisch zurück, um ihren Schlüsselbund zu holen, und verriegelte danach sorgfältig die Tür hinter sich.

6.

Gemeinsam mit Lisbeth eilte Eva die Treppe hinunter auf den Hof, nun doch erleichtert, so glimpflich aus dieser brenzligen Situation entkommen zu sein. Lisbeth hatte keine weiteren Fragen gestellt, sondern ihr Schweigen respektiert. Da die Pflegerin nach einem Blick auf das Gebäude keinen Rauch gesehen und auf einen Fehl­alarm getippt hatte, beschloss Eva, ein Stück über den Hof zu laufen. Die anderen Bediensteten blieben zusammen unweit des Gebäudes stehen, doch sie war einfach zu aufgewühlt. Außerdem war es ihr peinlich, dass sie gleich am ersten Tag in eine solche Situation geraten war.

Mit jedem Schritt beruhigte sich Evas Puls etwas. Die Situation eben hatte ihr doch einen ziemlichen Schrecken eingejagt, und sie bildete sich immer noch ein, Baumgärtners Atem zu riechen.

Während sie langsam den Weg entlangging, wanderte ihr Blick über das Gelände. Außer Jasmin und Lisbeth sah sie ausschließlich Männer, die lässig in kleineren Gruppen zusammenstanden und die Zwangspause während des Alarms zum Rauchen nutzten.

Einige der Inhaftierten musterten sie unverhohlen. Eva wusste nicht, ob es an dem Zusammentreffen mit Baumgärtner lag oder ob sie heute generell empfindlich war, aber in diesem Moment kam sie sich vor wie bei ­einer Fleischbeschau. Sie trug zwar eine lange Hose und ein hochgeschlossenes Oberteil, dennoch wünschte sie sich jetzt ihren Mantel herbei, der ihre Körperformen verhüllt und in einer gewissen Weise auch neutralisiert hätte. Dabei hatte sie sich bei ihrem Einstellungsgespräch sogar gefreut, als sie hörte, dass es in Wiesheim nicht vorgeschrieben war, weiße Sachen zu tragen. Im Krankenhaus war sie durch diese Uniformierung automatisch in ihre Rolle als Ärztin geschlüpft, hier hingegen wurde sie sich plötzlich ihrer eigenen Weiblichkeit wieder sehr bewusst. Allerdings in einer Art und Weise, die sie verunsicherte. Erst recht nach dem Vorfall in ihrem Behandlungszimmer.

Eva zog ihre Strickjacke eng um sich. Ansonsten konnte sie nichts tun, als ein Stück weiter weg zu gehen, den Abstand zu vergrößern. Mit einem Mal war sie wie erschlagen von den ersten Eindrücken, brauchte Zeit, sich zu sammeln.

Durch das Zusammentreffen mit Baumgärtner begriff sie nun auch, warum sie für diese Stelle auf Herz und Nieren geprüft worden war. Mit ihrer medizinischen Eignung hatten die Fragen im ersten Einstellungsgespräch eher wenig zu tun gehabt.

Die Direktorin hatte ihr erklärt, es sei bei den Häftlingen wie in der Hundeerziehung: Bei jedem Kontakt müsse völlig klar sein, wer das Sagen hatte. Jede Schwäche und Unsicherheit würden die Inhaftierten gnadenlos ausnutzen, um sich Vorteile zu erschleichen, Chaos zu verursachen oder einen Fluchtversuch zu unternehmen.

Eva hatte ihr damals zwar zugehört, sich aber nicht im Geringsten ausgemalt, wie schnell eine solche Situation entstehen konnte. Natürlich war ihr klar gewesen, dass sie es mit Mördern, Vergewaltigern und Kinderschändern zu tun haben würde. Doch auch in der Notaufnahme hatte sie sich ihre Patienten nicht aussuchen können. Im Gegenteil: Sie hatte sich immer bemüht, alle Patienten gleich zu behandeln, denn jeder, der erkrankt bei ihr erschien, hatte eine Familie, Menschen, die sich sorgten, für die der Betreffende wichtig war. Aus leidvoller Erfahrung wusste sie, wie grauenhaft die Sorge um geliebte Menschen war – und wie wichtig ­damit ihre Arbeit.

Die Behandlung eines völlig harmlosen Hexenschusses hatte sie jedoch nicht für problematisch gehalten – und sie ärgerte sich über ihren Leichtsinn. Eva beschloss, bei ihrer Rückkehr noch einmal Baumgärtners Akte zu sichten und dies in Zukunft unter keinen Umständen mehr zu versäumen, um immer bestens auf ihr Gegenüber vorbereitet zu sein.

Ansonsten entschied sie, den Vorfall unter der Überschrift »Erfahrung« zu verbuchen. Abgesehen von dem gehörigen Schrecken war nichts weiter passiert, und sie war sich relativ sicher, dass sie die Situation auch ohne den Alarm in den Griff bekommen hätte.

Mehr denn je wollte sie sich und ihrem Team jetzt ­beweisen, dass sie dem Job gewachsen war. Mit hoch­erhobenem Kopf ging Eva weiter durch die Hofanlage. Ihr fiel vor allem der tadellose Zustand der Wege, Bäume und Grünflächen auf. Nirgends lag ein Stück ­Papier oder eine Kippe herum. Die Blumenbeete wirkten zwar ein wenig trostlos, dafür war der alte Baumbestand aber prächtig, und das Laub färbte sich gerade bunt.

Sie schaute noch einmal zum Krankengebäude zurück und sah, dass Feuerwehrleute gerade in den benachbarten Trakt liefen. Die Pause würde wohl noch eine Weile dauern, also konnte sie den Moment zum Ausruhen nutzen. Es war sicher einer der letzten warmen Tage, denn nachts wurde es bereits empfindlich kalt.

Mittlerweile hatte sie ein paar Meter Abstand zu den Gefangenen und fühlte sich nicht mehr beobachtet. Eva ging auf eine Bank in der Sonne zu, setzte sich, legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Ihre Wirbelsäule knackte bei dieser Bewegung, deshalb dehnte sie ihren Nacken vorsichtig in alle Richtungen.

Seitlich von ihr, im Schatten eines Gebäudes hinter einem Gebüsch, bemerkte Eva eine Gruppe von fünf Männern, die sich weitab von den Bewachern aufhielt. Unauffällig suchte sie die Umgebung ab, ob sie vielleicht einen Vollzugsbeamten übersehen hatte, aber sie konnte niemanden in Uniform entdecken.