Verbotene Küsse - Eine verhängnisvolle Liebe - Tara McGhee - E-Book
  • Herausgeber: Soto Media
  • Kategorie: Erotik
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

Nach dem mysteriösen Tod ihres Mannes steht Tammys Leben Kopf. Sie muss einen Job suchen, um sich und ihre Tochter durchzubringen. Sie findet Trost und ein Obdach bei ihrer Schwägerin Elena. Doch hier, in ihrer neuen Umgebung, fühlt sie sich ziemlich unwohl und beunruhigt. Ein Lichtblick ist ihre neue Arbeitskollegin Cathie, in die sich Tammy zaghaft verliebt. Schon bald fahren die Gefühle Achterbahn. Denn von nun an sieht sich das Pärchen mit der Eifersucht und der Besessenheit der Schwägerin konfrontiert. Diese duldet keine Zurückweisung, schon gar nicht, nachdem sie alles aufs Spiel gesetzt hat, um Tammy ihr Eigen zu nennen. Elena wird nicht aufgeben, bis Tammy in ihren Armen liegt – lebendig oder tot.

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Seitenzahl:307

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Kapitel

Titelblatt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Impressum

Tara McGhee

 

Verbotene Küsse 

-

Eine verhängnisvolle Liebe

Roman

Kapitel 1

Nicht schon wieder.« Erst vor wenigen Sekunden hatte Cathie das letzte Gespräch unterbrochen. Nun klingelte das Handy in ihrer Hand von Neuem. Eigentlich sollte sich darüber freuen. Sie schielte zu ihrem Lehrbuch hinüber und beschloss, noch diesen einen Kunden anzunehmen. Danach musste sie lernen. Punkt. Die Prüfungen für ihr Medizinstudium rückten unaufhaltsam näher und durchzufallen, das konnte sie sich nicht leisten. Sie seufzte. Eine Nummer aus der Stadt. War es möglich, dass ...?

Mit Sicherheit nur Wunschdenken.

Diese eine bestimmte Frau, nach der sie sich sehnte, hatte schon seit Ewigkeiten nichts mehr von sich hören lassen.

Cathie lächelte müde und fuhr sich durch das schulterlange Haar. Wie ein Reh würde sie aussehen, hatte einmal eine Freundin behauptet. Der lange Hals und die großen braunen Augen. Einen Moment spiegelte sich ihr Antlitz auf dem Display wider. »Nur die Eleganz, die fehlt mir wohl«, murmelte sie und musste lachen. »Cathie, du könntest heute Dummkopf heißen.«

Ihr Interesse galt nun wieder dem Handy. Ja, wirklich ein Dummkopf. Ein naiver Dummkopf. Die Agentur hatte ihr eine leichte Arbeit versprochen. Etwas, das man nebenher betreiben und mit dem man gutes Geld verdienen konnte, ohne sich allzu sehr anzustrengen. Es klang nach einem Traumjob, doch nun artete es langsam aber sicher in Stress aus und hielt sie vom Lernen ab.

 Noch einmal schallte sie sich für ihre Naivität, drückte währenddessen auf die Taste mit dem grünen Hörer und hob das Telefon zum Ohr.

»Hallo, hier ist Claire«, hauchte sie in das Gerät. Gerade laut genug, damit ihr Gegenüber sie verstehen konnte. »Wer ist denn da?«

»Hallo Claire. Hier ist Diana.«

Cathie hielt den Atem an. Ihre Knie wurden weich. Sämtliche Gedanken an ihr Studium oder an nervende Anruferinnen rückten in weite Ferne. Das war sie! Ohne Zweifel!

Sie stand von ihrem Schreibtisch auf und ließ sich auf die Bettkante sinken. Die seidene Bettwäsche schmiegte sich an ihren Körper. So angenehm kühl und wärmend zugleich. Laut hörte sie ihr eigenes Herz klopfen. Diana ... Der Name glitt ihr über die Lippen und erzeugte ein wohliges Kribbeln in ihren Lenden.

Sie war eine ihrer Stammkundinnen, und doch so anders als all die Frauen, die nur das schnelle Vergnügen suchten. Dianas Art zu sprechen und diese Stimme, die klang wie der Abendwind, der Wellen an den Strand spülte, hatten sie verzaubert. Langsam ließ sie sich auf die Bettdecke zurückfallen, und schob ihre Hand gedankenverloren in den Ausschnitt der Bluse. Ein Prickeln ging von ihren Fingern aus und breitet sich zart, wie eine Feder, über ihren Leib aus. Rasch schlug Cathie die Beine übereinander und presste die Oberschenkel zusammen, als ob sie diese Empfindung damit festhalten könnte. Diana trieb sie in den Wahnsinn, schaffte es, dass sie die Welt um sich vergaß.

»Bist du noch da? Oder willst du heute nicht mit mir sprechen?«, klang es flüsternd an ihr Ohr.

»Bitte entschuldige«, beeilte sie sich zu sagen. »Ich bin nur überrascht, dich zu hören. Du hast lange nicht mehr angerufen.« Beinahe konnte sie Dianas heißen Atem in ihrem Nacken spüren und schloss die Augen.

»Es tut mir leid, aber ich befand mich auf Geschäftsreise. Und nun gibt es Neuigkeiten, die ich dir unbedingt erzählen muss.«

Bitte nicht, dass du jemanden kennengelernt hast, flehte Cathie in Gedanken.

»Ich hab dich schrecklich vermisst! Als ich zur Tür hereinkam, verspürte ich in dem großen leeren Raum eine Sehnsucht, die nur du zu stillen vermagst.«

Cathie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen schoss, und kuschelte sich in den kühlen Bettbezug. Diana klang so erwachsen; stark und selbstbewusst und doch verletzlich. Nicht wie diese dummen Gören auf dem Campus, für die eine lesbische Beziehung nicht mehr als ein Abenteuer war, mit dem sie ihre Freunde aufgeilen konnten.

Hastig verdrängte Cathie diese Gedanken, die ihr die romantische Stimmung versauten. »Ich habe dich auch vermisst.« Das Herz flatterte ihr in der Brust und verlieh ihr das Gefühl der Schwerelosigkeit. Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: »Was tust du?«

»Lass mal schauen … Hier stehen überall Taschen herum, die ausgepackt werden wollen. Berge von Wäsche, die ich am liebsten aus dem Fenster werfen würde ...«

»Dann tu das doch einfach.« Cathie kicherte. Aber selbst die Vorstellung einer überhitzten Diana, die sich durch schmutzige Wäsche wühlte, hatte etwas Aufregendes.

»Rede nicht. Ich weiß, das ist nicht das, was du hören möchtest. Und auch nicht das, worüber ich sprechen will. Deswegen flüchte ich jetzt aus dem Flur in mein Schlafzimmer.«

»Ja, ich glaube, das könnte mir schon besser gefallen.« Cathie versuchte so ernst wie möglich zu klingen und dennoch musste sie lachen.

»So, da bin ich. Ich stehe jetzt vor meinem Bett und befreie meine Taille endlich von diesem furchtbaren Gürtel, der mir die Luft zum Atmen raubt.«

»Wie bei Schneewittchen«, flüsterte Cathie und stellte sich Diana in einem weißen Gewand vor. Schwarze, lange Haare, die ihr Gesicht umrahmten und rote Lippen, die zum Küssen einluden.

»So in der Art.« Jetzt musste auch Diana lachen. »Irgendwie passt der Vergleich sogar«, erklärte sie.

Schwang da ein geheimnisvoller Unterton mit?

Schon fuhr ihre Anruferin fort: »Was machst du?«

»Ich liege im Bett und habe fleißig für die Uni gebüffelt. Das reicht für heute.« Einen Moment lang herrschte Schweigen. Cathie zog den Kopf zwischen die Schultern und biss sich auf die Lippen. Der gleißende Schmerz stachelte ihre Lust nur noch mehr an. Sie glitt mit ihrer Hand über die sinnlichen Kurven, die sich unter ihrer Kleidung spannten, und hielt den Atem an.

»Braves Mädchen. Ich möchte, dass du eine gute Ärztin wirst, damit du mich ordnungsgemäß untersuchen kannst. Ich freue mich schon jetzt darauf.«

Das weiche Dreieck in Cathies Höschen begann, bei dieser Vorstellung zu pulsieren. Sie wusste, dass es nur ein Traum bleiben würde – doch in diesem Moment schien er ihr mehr als real.

»Hast du etwas an?«, erkundigte sich Diana mit rauchiger Stimme.

»Eine fast transparente Bluse«, gab Cathie zu, öffnete die Knöpfe zur Gänze und fuhr sich mit den Fingerspitzen über den Bauch. Über dem Bund ihrer Jeans verharrte sie. Das Verlangen nagte an ihr, wie ein allesverzehrendes Feuer; war kaum noch zu bändigen. Cathie hob das Becken ein Stück und drückte mit der flachen Hand dagegen. Wärme breitete sich in ihrem Schoss aus und schwoll an zu einer Hitze, die sie zu verbrennen drohte. Jede Faser ihres Leibes sehnte sich schon jetzt nach Erlösung, schrie danach, von Diana berührt zu werden. »Warum bist du nicht bei mir?«, hauchte sie in den Hörer.

»Ich bin doch da. Ganz nah bei dir.«

Fest drückte sie das Handy an ihr Ohr, spürte nebenbei, wie sich ihre Finger verkrampften, aber war nicht in der Lage, den Griff zu lösen. Sie wollte diese Frau, die sie in der Realität nicht kannte, nah bei sich haben; endlich spüren. Diese eine Frau, die es schaffte, ihr Herz zu erwärmen und allein mit dem Klang ihrer Stimme aus der Reserve zu locken.

Mit den Fingerspitzen strich Cathie über ihre nackt daliegenden Brüste.

»Ist das alles?«, erkundigte sich Diana nach Sekunden der Stille.

Steil ragten Cathies zarte Knospen auf, dunkel war der Hof darum. »Das ist alles«, hauchte sie und nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger und begann, sanft daran zu reiben. Eine Welle heißer Lust durchströmte ihren Körper, ließ sie leise stöhnen.

»Da komme ich ja auf ganz böse Ideen«, neckte Diana. »Eine Studentin allein im Bett und dann nur ein winziger Stoffrest, der mich von ihrer seidenweichen Haut trennt?« Ein heiseres Lachen erklang.

»Dazu eine weit gereiste Geschäftsfrau, die mit Sicherheit ausgehungert ist«, ergänzte Cathie ihre Gedanken.

»Worüber würdest du dich freuen, wenn ich nach so langer Zeit zurückkomme?«

»Dass du kommst«, antwortete sie prompt. »Und das nicht nur auf die sittliche Art und Weise.«

»Dann wollen wir doch mal sehen, ob du das auch schaffst.«

Deutlich konnte Cathie ihr Lächeln vor sich sehen. »Ich tue, was ich kann - und noch viel mehr. Versprochen! Nun leg dich hin. Spürst du die belebende Kühle deines Bettlakens?«

»Deine Wärme wäre mir lieber«, flüsterte Diana.

»Schließe die Augen und stell dir vor, ich wäre bei dir. Ich halte ein seidenes Tuch in meiner Hand.« Sie grub die Finger in den Kissenbezug und hielt ihn fest. Die Kälte des Stoffes auf ihrem erhitzten Körper war angenehm und berauschend zugleich. Cathie spürte, wie ihr ihre Gedanken entglitten, zu Diana wanderten und sich dort mit ihrem Leib vereinten.

»Was willst du damit?«

Wie von weit her hörte sie sich selbst sagen: »Ich werde dir jetzt die Augen verbinden.« In ihrer Vorstellung vollführte Cathie die Bewegung, stellte sich dabei lange dunkle Haare vor, die glänzten wie das Fell eines Rappen. Der edle Stoff verfing sich einen Herzschlag lang in einem Ohrring, glitt dann nach oben, verdeckte die Augen und beraubte Diana des Sehens. »Na, wie ist das?«

»Sehr gut«, flüsterte diese.

»Sehr schön. Was hältst du davon, wenn du mir meine Bluse ausziehst?«

»Mit verbundenen Augen?«

»Mit verbundenen Augen.« Cathie streifte den Stoff gänzlich von sich ab und warf ihn achtlos zu Boden.

Sekundenlange Stille, die sich zu einer Ewigkeit auszudehnen schienen, bevor Diana weiter sprach: »Ich kann dich riechen. Du duftest so gut. Deine Brüste fühlen sich fest an, füllen meine Hände aus. Vorsichtig streichle ich darüber. Ich will mehr davon.«

Seufzend lehnte sich Cathie zurück. Sie konnte Dianas Hände auf dem Busen spüren und nahm ihre eigenen zur Unterstützung. Die Haut war samtweich und verlangte nach weiteren Berührungen.

»Mit der Zunge fahre ich um deine dunklen Brustwarzen. Sie springen mir regelrecht entgegen. Ich sauge daran, während meine Finger über deine Taille wandern. Immer tiefer.«

Cathie unterdrückte nur mühsam einen Seufzer. In ihrem Schoss zog es angenehm. Längst hatte sie das Telefon neben sich auf den Nachttisch gelegt und den Lautsprecher aktiviert. Beide Hände vollzogen die Berührungen, von denen Diana träumte. Nur widerwillig hielt sie die Finger von ihrer intimsten Stelle fern.

Ein rasches Atmen war auch am anderen Ende der Leitung zu vernehmen. »Claire, ich will dich, wie ich noch keine Frau vor dir wollte. Mein Körper zittert, ich kann mich nicht mehr beherrschen. Bitte, ich will dir nah sein. Ich muss dich spüren.« Die Stimme war nur ein heißeres Flüstern.

Die Gefühle wirbelten in Cathies Inneren durcheinander, schwollen zu einem Tornado an und ließen kaum einen klaren Gedanken zu. Nichts wünschte sie sich in diesem Moment sehnlicher und streifte die Jeans ab. »Diana, ich will dich ebenso.« Nur schwer kamen die Worte über ihre Lippen. Ihre Finger überwandten die letzte Hürde des Slips und tauchten in das verlangende Zentrum ihrer Lust. Sie streichelte die zarten Falten, drückte und zwirbelte an ihrer Klitoris und drang schließlich in ihr Inneres. Langsam glitt sie hinein und zog sich zurück, spürte, wie sich die Muskeln um ihren Finger schmiegten. »Ich möchte dich küssen, deine Lippen auf den meinen spüren. Deine Süße schmecken und deinem Herzschlag lauschen«, flüsterte sie und fühlte, wie sich die Schwingen ausbreiteten, um sie auf den Gipfel der höchsten Lust zu tragen.

»Meine wundervolle Claire, was würde ich dafür geben, wenn wir uns einmal in Wirklichkeit se…« Diana verstummte mitten im Satz.

Ein Schrei drang an Cathies Ohr. Ein Schrei, der aus dem Hörer kam. »Diana?« Cathie riss das Handy vom Tisch an ihr Ohr, lauschte angestrengt.

»Diana? Bist du da? Sag doch was!« Sie setzte sich auf, zog die Knie an den Körper und versuchte, sich zu konzentrieren. Dabei glitt ihr Blick in die Ferne.

Sekunden vergingen, bevor sie Dianas Stimme vernahm:

»Was willst du? Woher weißt du, wo ich mich aufhalte? Verschwinde!«

Sie war so leise. Kaum mehr als ein Flüstern konnte Cathie verstehen. Diana musste sich vom Telefon entfernt haben. Dann fiel etwas polternd zu Boden. Ein wütender Schrei folgte.

»Du schuldest mir etwas«, erklärte eine unbekannte Stimme.

»Ich schulde dir gar nichts. Also verschwinde.«

»Ich werde erst gehen, wenn du mir mein Eigentum zurückgibst.« Eine Frauenstimme, das konnte Cathie nun erkennen.

»Vergiss es. Ein Mensch kann niemals dein Eigentum sein. Wann begreifst du das endlich?«

Sekunden verstrichen. Schweigen. Mit einem Male waren etwas wie dumpfe Schläge zu hören. Dem folgte eine weitere Minute der Stille. Ohne Vorwarnung erklang ein Knall.

Bitte, Diana, melde dich, flehte sie in Gedanken.

Jemand sprach. Aber es war nicht Diana. Es war diese andere Frau; jene, die bei Diana eingedrungen war. Ihre Stimme klang hysterisch, drohte jeden Moment zu kippen. »Scheiße, Scheiße, Scheiße! Du dumme Kuh, du kannst doch hier nicht verrecken!«

»Diana?«, flüsterte Cathie.

»Hallo? Wer ist da?«

Cathie erstarrte und spürte, wie heiße Tränen über ihre Wangen rannen. Sie musste etwas tun. Jemanden anrufen. Jemanden, der ihr helfen konnte. Der Diana helfen konnte! Wenn es nicht bereits zu spät war ...

»Diana«, flüsterte sie noch einmal, aber erwartete schon keine Antwort mehr. Langsam ließ sie das Telefon sinken. Ihr Daumen ruhte auf der Auflegetaste, doch schien ein Eigenleben entwickelt zu haben und weigerte sich, zuzudrücken.

»Hallo?« Die Stimme drang aus dem Lautsprecher. Heißer, und bedrohlich. »Ich weiß, dass du da bist, du Hure! Wage es ja nicht, die Bullen zu rufen. Denn dann werde ich dich finden und du wirst am eigenen Leib erfahren, was unsere gemeinsame Freundin eben erleben durfte!«

Ein Klicken erklang, gefolgt von einem monotonen Piepen.

*** 

Der Tag war der Nacht gewichen, die Schatten waren länger und tiefer geworden. Dunkle Wolken schoben sich über das Firmament. Cathie fröstelte. Eng zog sie die Jacke um ihren Körper, spürte, wie die Angst mit eisigen Fingern nach ihr griff.

Man hatte sie beraubt. Ihr ein Menschenleben genommen, das ihr viel bedeutete, selbst wenn sie dieser Person nie leibhaftig begegnet war. Doch in ihren Träumen war sie Diana nah gewesen, liebte sie, lachte und weinte mit ihr. Nein, Diana war keine Fremde; sie war eine Freundin. Sie musste den Mord an ihr anzeigen. Vielleicht lag sie ja noch immer in ihrer Wohnung? Unentdeckt, entwürdigt, nackt?

Cathie schüttelte den Gedanken von sich. Sie würde der Polizei sagen, was sie gehört hatte. Man fand Diana, bestrafte ihren Mörder und ihre Seele konnte in Frieden ruhen.

Wenn es nur so einfach wäre, dachte sie. Denn wer sollte ihr diese Geschichte abkaufen? Unterm Strich war sie doch nicht mehr als eine unseriöse Person, die sich für Sex verkaufte. Niemand würde ihr auch nur ein Wort glauben. Aber sie musste es tun. Für Diana und für ihr eigenes Gewissen. Wie sonst sollte sie jemals wieder eine Nacht ruhig schlafen?

Ihre Erinnerung kehrte zu dem Telefongespräch zurück. Heiße Tränen stiegen ihr in die Augen. Cathie wischte diese beiseite, doch wurden diese sofort durch Neue ersetzt.

»Oh Diana, weshalb tat man dir das an?« So sehr sie darauf eine Antwort zu finden versuchte, es fiel ihr keine ein.

Sie drückte sich in den Schatten eines Hauses, als sich ein Auto näherte. Hart klopfte ihr das Herz gegen die Brust. Der Stein in ihrem Rücken war kalt aber er bot für einen Moment das Gefühl von Sicherheit. Sie hielt den Atem an, als das Fahrzeug sie passierte. Eine Frau saß hinter dem Steuer, das konnte sie mit Mühe erkennen. Doch entgegen ihrer Erwartung wurde der Wagen nicht langsamer und stoppte auch nicht abrupt, sondern beschleunigte noch, als die Ampel auf der Hauptstraße auf Gelb umsprang.

Minutenlang blickte Cathie ihm hinterher, unfähig sich zu rühren. Längst war es hinter der nächsten Kurve verschwunden. Hastig hob und senkte sich ihr Brustkorb. Wenn in diesem Auto die Frau saß, die Diana auf dem Gewissen hatte?

»So ein Blödsinn!«, schallte sie sich. »Warum sollte sie um diese Uhrzeit ausgerechnet hier entlang fahren? Außerdem hat sie keinen Schimmer, wie du aussiehst«, versuchte sie sich weiter zu beruhigen. Dennoch hatte diese Frau geschworen, ihr dasselbe anzutun, wie Diana ... Cathie beschloss, die Drohung trotz aller Ungereimtheiten ernst zu nehmen. Man konnte schließlich nie wissen, mit welchen verrückten Personen man es zu tun bekam.

Der Lichtfinger eines weiteren Wagens zerteilte die Dunkelheit, streichelte einen Moment ihren Körper und verschwanden dann in der Nacht. Erst als auch der Motorenlärm verklang, wagte sie, aus dem Schatten herauszutreten.

»Einbildung. Du musst wieder zu dir kommen, sonst wirst du verrückt.« Ihre Zähne klapperten. Sie wollte sich nicht beruhigen. Nicht heute, nicht bevor die Person gefasst war, die Diana ermordet hatte.

*** 

Schon aus der Ferne sah sie die weiße Schrift auf blauem Hintergrund. Ein schlichtes Schild. Es zeigte keine Bilder; nur ein Wort. Cathie blieb stehen, spürte, wie sich ihre Nackenhärchen aufstellten, und las lautlos: »Polizei.«

Noch fünfhundert Meter lagen vor ihr. Eine Entfernung, die sie in wenigen Minuten überwinden konnte.

Ohne auf den weiteren spärlich gesäten nächtlichen Verkehr zu achten, lief sie los.

Doch schon nach einem guten Dutzend Schritten blieb sie stehen, sah sich um und spürte, wie ihre Beine weich wurden. Stöhnend ließ sie sich in die Hocke nieder, umklammerte ihre Knie und starrte ins Leere. Mit einem Male schien das Polizeirevier unerreichbar fern. Was, wenn man ihr dort nicht glaubte? Ihre Geschichte klang wie aus einem billigen Romanheftchen, dessen Autor sich dem Alkohol zu sehr verschrieben hatte. Einen Mord am Telefon belauscht zu haben, war in etwa so wahrscheinlich, wie auf einen Außerirdischen zu treffen. Vielleicht lebte Diana noch und das alles war nicht mehr als ein makaberer Scherz.

Sie ließ sich nach hinten kippen. Eine Hauswand fing sie auf. Die Struktur des Sandsteines drückte durch ihre Jacke, fühlte sich an wie tausende kleine Nadelstiche. Die Zweifel, die in ihrem Inneren nagten, gewannen weiterhin die Oberhand. Ihre Gedanken rasten dahin. Sollte die gesamte Story ein Scherz sein, so würde man sie auslachen. Wenn nicht, dann hatte sie tatsächlich einen Mord belauscht. Mit Ersterem konnte sie sich arrangieren. Mit dem Zweiten wohl nie.

»So viele Wenn und Aber. Viel zu viele!« Cathie stand auf, rannte weiter. Wenigstens einmal in ihrem Leben wollte sie etwas richtig machen und nicht auf der Seite der ewigen Verlierer stehen.

Sie riss die schwere hölzerne Tür auf, schlüpfte hindurch und blieb wie erstarrt stehen. Die Tür fiel mit einem Knall zu. Cathie fuhr zusammen und wartete auf wüste Beschimpfungen, die diesem Krach folgten.

Nicht ein Ton war zu hören. Dafür spürte sie dutzende Augenpaare unverhohlen auf sich ruhen. Niemand bewegte sich in dem kleinen Raum. Für einen Herzschlag dachte sie darüber nach, aus diesem Gruselkabinett zu fliehen, in dem es keine wirklichen Menschen gab. Aus dem Gebäude zu laufen, das von Wachspuppen besetzt schien.

Jemand berührte ihre Schulter. Von dieser Hand ging eine Wärme aus, die sie irgendwie beruhigte und ihr die Panik nahm. Wie schwere schwarze Gewitterwolken sah sie ihre Furcht davonziehen und wagte es endlich, sich herumzudrehen. Noch bevor sie die Person erkannte, verschleierte ein dichter Schleier von Tränen ihren Blick. Sie versuchte nicht, sie zu unterdrücken. Alles in ihr schrie danach zu weinen. All jene bösen Eingebungen damit aus ihrem Leib zu verbannen, die es ihr unmöglich machten, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

Beinahe willenlos ließ sich Cathie bei der Hand nehmen und aus dem Flur in eines der Büros führen.

»Bitte setzen Sie sich doch.« Die Stimme einer Frau.

Wortlos blickte Cathie von einem Ende des Raumes zum Anderen, bis sie die zwei Besucherstühle sah, die vor einem plastikartigen Schreibtisch standen.

»Entschuldigen Sie die Unordnung«, versuchte die Beamtin erneut das Gespräch aufzunehmen. »Ich bin gerade von der Streife rein und bisher nicht dazu gekommen, hier aufzuräumen.«

Mit noch immer tränenverschleiertem Blick folgte Cathie ihren Bemühungen, wenigstens eine Ecke des Tisches freizuräumen.

»Ist schon in Ordnung«, flüsterte sie heißer, setzte sich und bemerkte erst jetzt, wie sehr sie eigentlich zitterte. Eine Tasse Kaffee, die ihr die Polizistin reichte, fiel scheppernd zu Boden. Cathie sah dem auslaufenden Getränk nach. Es schien Blut zu sein, das sich auf dem Boden verteilte. Rot und dick. Ein eisenhaltiger Geruch stieg ihr in die Nase, der Pulsschlag rauschte in ihren Ohren und schwoll zu einem Donnern an. Sie musste schlucken, um nicht bittere Galle hervorzubringen.

»Es ist alles gut. Das war nur Kaffee«, durchbrach die Polizistin ihren neuerlichen Anflug von Panik und reichte ihr ein Taschentuch.

Cathie benutzte es und stellte fest, dass dieser widerliche Gestank keine Einbildung gewesen war. Sie blutete selbst aus der Nase.

»Entschuldigen Sie bitte«, schluchzte sie, während sie die Nasenflügel zusammendrückte, »dass ich hier so einen Aufstand mache.« Cathie lehnte sich auf dem gepolsterten Stuhl zurück und schloss die Augen. Etliche Male atmete sie durch, bis sie sicher war, ihre Stimme so weit unter Kontrolle zu haben, dass sie ihre Geschichte erzählen konnte.

»Es ist so.« Sie beugte sich nach vorn und sah der Polizistin ins Gesicht. Sie war einige Jahre älter als sie selbst. Etwa Mitte Vierzig. Blaue Augen, die auf Cathie eisig wirkten, schauten aufmerksam unter einem blonden Pony hervor.

Oh man, jetzt siehst du auch noch das Böse in den Menschen, die dir helfen wollen ... Hastig wischte sie den Gedanken fort und begann zu erzählen: »Ich habe einen Mord belauscht. Zumindest nehme ich das an.« Erneut füllten Tränen ihre Augen, daran konnte sie nichts ändern. Irgendwann würden sie von allein versiegen. In ferner Zukunft. In einer Zukunft, die es für sie wahrscheinlich nicht mehr gab, wenn die Täterin ihre Drohung wahr machte.

»Wenn ich bei Diana anrufe, geht niemand mehr an das Telefon«, stammelte sie. »Heute Nachmittag habe ich diese seltsamen Geräusche gehört. Diese Frau, die plötzlich in die Wohnung kam ...«

»Ganz ruhig. Bitte erklären Sie von vorn.« Die Beamtin nahm Cathie gegenüber Platz und schenkte ihr einen neuen Kaffee ein.

»Jemand ist in die Wohnung eingedrungen. Dann gab es einen Streit, gefolgt von einem dumpfen Poltern. Nein, eher ein Knall. Danach Stille. Minuten später meldete sich eine fremde Frau am Telefon. Sie beschimpfte mich und drohte mir, mich ebenfalls zu finden und mir dasselbe anzutun, was sie Diana angetan hat«, erklärte sie tonlos und wusste, wie zusammenhanglos ihre Worte klangen.

»Wie heißt diese Dame?«

Cathie nahm einen kräftigen Schluck des dunklen Gebräus und spürte, wie sich die Wärme sogleich in ihrem Körper auszubreiten begann. Es war angenehm und ermüdend zugleich. Doch an Schlaf durfte sie jetzt noch lange nicht denken. »Das weiß ich nicht. Sie hat mir ihren Namen nicht genannt. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern.« Sie legte einen Zeigefinger an die Lippen und versuchte, das Gespräch in Erinnerung zu rufen. Es misslang. Etwas in ihr hatte einen Riegel vor diesen Teil ihres Bewusstseins geschoben, auf dem stand: Zutritt verboten.

»Nein, das meine ich nicht.« Die Polizistin lächelte. »Es wäre schön, wenn sich alle Täter vorstellen würden. Dann hätten wir nicht so viele ungeklärte Fälle und wären arbeitslos.«

»Ach, den Namen meiner Freundin?« Wieder trank sie einen Schluck Kaffee. Die Wärme brachte eine neue Welle an Müdigkeit mit sich, der sich Cathie zu gern hingegeben hätte. Sie schüttelte den Kopf, um sie zu vertreiben. »Diana. Zumindest nehme ich das an. Ich weiß es nicht genau. Sie nannte mir diesen Namen. Ich habe sie niemals getroffen und ich weiß auch nicht, wo sie wohnt. Ich kenne nur ihre Telefonnummer.« Cathie kramte in ihrer Jackentasche und zog das Handy hervor, das zusammengeklappt nicht größer als ihr Handteller war. »Hier drauf. In der Anrufliste, die letzte Nummer.« Sie reichte der Frau das Handy. »Ich arbeite für eine Sexhotline.« Hitze fuhr in ihre Wangen. Sie spürte, wie sie rot wurde, und wünschte sich, jemand würde das Fenster in dem überhitzten Büro öffnen. Bestimmt nahm man sie jetzt nicht mehr ernst.

Cathie schloss die Augen. Jeden Moment würde die Polizistin zu lachen beginnen. Schweißperlen traten ihr auf die Stirn. Durfte oder musste man sich der Staatsgewalt gegenüber rechtfertigen, wenn man einem Beruf in diesem Etablissement nachging?

»Sie müssen gut sein, in dem, was Sie tun. Hier stehen eine Menge Nummern.«

Cathie nickte gedankenverloren und überlegte, was das zur Sache beitrug. »Eine handvoll Stammkundinnen und ein paar Mädels, die es nur mal ausprobieren wollen. Ab und an rufen Männer an, die sich darüber lustig machen. Aber das ist schon okay.«

Das Einzige, was Cathie hörte, war eine Kugelschreibermine, die über ein Blatt Papier kratzte. Sie öffnete die Augen. »Ich glaube, ich habe diese Frau geliebt«, sagte sie flüsternd.

Die Polizistin nickte, ohne auf ihre letzten Worte einzugehen.

»Wir finden den Täter. Das verspreche ich Ihnen. Hier meine Karte.« Sie überreichte Cathie eine Visitenkarte in schlichtem Weiß mit blauer Schrift. »Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich bitte an. Ich gebe Ihre Anzeige an die zuständige Mordkommission weiter. Sofern hier wirklich eine Straftat vorliegt, melden sich die Kollegen bei Ihnen.« Damit stand sie auf und gab Cathie die Hand.

Das war es? Keine Polizeifahrzeuge mit Blaulicht, die sogleich losrasten, um nach Diana zu suchen? Niemand, der sie zu einer gepanzerten Limousine führte und mit ihr zum Tatort fuhr oder gar außer Landes brachte? Du hast viel zu viele Krimis gesehen, sagte sie zu sich selbst. Dennoch enttäuschte sie die Realität. Wann würden die Beamten etwas tun?

Cathie wollte danach fragen, doch verbiss es sich. Wenn sie jetzt nervte, unternahmen diese Leute vielleicht niemals etwas. Sie zwang sich zu einem müden Lächeln. »Vielen Dank, Frau …«

Die Polizistin lächelte. »Frau Kaundert. Elena Kaundert. Steht auch auf der Karte.«

***  

Die Zeit war nur so dahin gerast. Überrascht stellte Cathie fest, dass das Gespräch eine gute Stunde gedauert hatte. Inzwischen waren die Straßen wie leergefegt, kein Auto fuhr mehr. In der Nähe donnerte eine Straßenbahn vorüber, deren Lärm bald verhallte. Glaubte die Polizistin ihr wirklich?

Cathie kickte einen Stein zur Seite, während sie die Hände tiefer in den Hosentaschen vergrub. Was geschah jetzt? Würde irgendwer sie informieren, wenn man Diana fand? Ob sie lebte? Oder würde sie eines Morgens die Tageszeitung aufschlagen und dort auf der Titelseite von einem grausigen Mord lesen?

Ein Polizeiauto fuhr an ihr vorbei. Kein Blaulicht, keine Sirene. Nur die Streife, die versuchte, irgendwie die Nachtschicht rumzubekommen.

Trotz des Anblickes fühlte sich Cathie keine Spur sicherer. In dieser Stadt liefen Menschen herum, die für immer hinter Schloss und Riegel gehörten. Sie sah sich um. Nur noch jede zweite Laterne brannte. Der Gehweg lag zu großen Teilen im Schatten. »Was habe ich mir da nur eingebrockt?« In ihren Hosen- und Manteltaschen suchte sie nach etwas, das sie als Waffe benutzen konnte, doch ihre Finger griffen ins Leere. »Warum hast du die Polizei nicht angerufen? Weshalb rennst du mitten in der Nacht durch die Straßen, nachdem was du heute erlebt hast?«, murmelte sie. Ihre eigene Stimme klang tröstend - war sie doch der einzige Laut, den sie vernahm. »Du wirst eine idiotische Einzelgängerin«, sprach sie weiter, um die Stille und damit ihre Angst zu vertreiben. »Es gibt kaum noch eine Menschenseele, der du dich anvertraust. Kein Wunder also, dass du komische Dinge machst.«

Der strahlende Adventskranz in einem der Schaufenster blendete sie. Cathie hob die Hand, beschattete ihre Augen und beschleunigte ihren Schritt. Nichts wie raus aus dem Licht. Nichts wie fliehen vor der Erinnerung an die vergangenen Weihnachtsfeste. Ein trauriges Weihnachten stand ihr bevor. Niemand aus ihrer Familie wollte sie sehen. »Ach Mama, Papa ... Warum seid ihr so konservativ? Warum müsst ihr jede meiner Entscheidungen ablehnen? Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen von früher.« Sie war an dem Haus mit dem Lichterschein vorbei und tauchte wieder in die Dunkelheit ein. Vor einem unbeleuchteten Fenster hielt sie inne und betrachtete einen Herzschlag lang ihr Spiegelbild. Wie gern hätte sie darin das kleine Mädchen entdeckt, das ihre Eltern in ihr sahen. Aber vor ihr stand eine erwachsene Frau. Müde und eingefallen.

Schuld daran trug ihr Lebenswandel. Zumindest war das die Erklärung ihrer Mutter gewesen, als Cathie sie das letzte Mal gesehen hatte. Acht Monate war es nun her. Acht Monate, in denen der Schmerz noch immer tief saß und sie zu zerbrechen drohte.

»Und trotzdem gehe ich meinen eigenen Weg weiter, Mama.« Sie ballte die Hand zur Faust. »Ich werde es euch zeigen. Ich kann in dieser Welt bestehen.«

Es war ein Flüstern, das sie aus ihrer Grübelei riss. Cathie schaute auf und sah, wie aus einer Seitengasse heraus ein Schatten auf sie zugeschossen kam. Instinktiv drückte sie sich gegen die Hauswand, lauschte ihrem Herzen, das wie wild in der Brust schlug. »Du Vollidiot!«, keuchte sie. »Musst du mich so erschrecken?«, schimpfte sie.

Doch die Person blieb nicht stehen und machte keine Anstalten, ihr auszuweichen.

»Was zum Henk...« Starr vor Angst und Kälte, sah sie die Gestalt an. Sie kam näher. Steuerte eindeutig auf Cathie zu. Sie hielt den Atem an, überlegte, was sie tun sollte. Fliehen? Aber wohin? Um Hilfe rufen? Würde sie jemand hören? Das Revier lag noch nicht allzu weit hinter ihr. Vielleicht ...

Bevor sie eine der Ideen in die Tat umsetzen konnte, vernahm sie die Stimme: »Du Hure! Endlich habe ich dich gefunden!«

Kein Mann. Diese Stimme gehörte einer Frau, auch wenn ihre Statur eher der eines Mannes glich.

»Sie müssen mich verwechseln«, stieß sie hervor und wünschte sich, niemals allein in die Nacht losgezogen zu sein. Hastig blickte sie sich um, suchte nach einem Ausweg aus dieser Situation. Doch vor ihr lag nur die offene Straße. Weit und breit waren weder ein Mensch noch ein Fahrzeug zu entdecken. In der Ferne schlug die Kirchturmuhr drei Mal. Dreiviertel Zwölf. Gleich Mitternacht.

Zurücklaufen zum Polizeirevier? Dieses Wettrennen konnte sie nicht gewinnen. Dazu schätzte sie diese Frau als zu schnell ein.

»Was wollen Sie von mir? Ich habe Ihnen nichts getan«, versuchte sie zu erklären und starrte die Fremde weiterhin an, ohne sich zu rühren.

Das Gesicht dieser Frau lag im Dunkeln verborgen. Schatten huschten über ihren Körper, wurden Eins mit der schwarzen Kleidung. Irgendetwas hielt sie in der Hand. Etwas, das silbern glänzte und Cathie von der Form her an einen Baseballschläger erinnerte.

Noch im Lauf hob die Gestalt ihn an, zeigte damit drohend in ihre Richtung. »Du Miststück! Du hast sie mir genommen!«

Cathie spürte, wie ihre Beine sie nicht länger tragen wollten. Sie brauchte nicht nachzufragen, um zu wissen, dass diese Person Dianas Mörderin war.

Kapitel 2

James ist verunglückt! James!« Tammys Stimme überschlug sich und machte damit nur noch ihrem polternden Herzen Konkurrenz.

Die Hand zitterte, als sie das Handy direkt vor ihr Gesicht hielt und zu erkennen versuchte, ob die Leitung noch stand. »Hörst du mich?«, schrie sie hinein. Der Zuhörer schwieg beharrlich. Sekunden verstrichen, ohne dass ein Ton aus der Muschel drang. »Nun sag endlich was!«, drängelte sie.

Schweigen. Ein Knacken, das von der schlechten Verbindung zeugte. Mehr nicht.

Was war mit Elena? Sie war doch sonst nicht so still. Im Gegenteil. Ihre Schwägerin hatte immer und überall das letzte Wort. Manchmal nervte es wirklich, aber jetzt wünschte sie sich wenigstens einen einzigen Ton von ihr. »Elena!«

Tammy schaute auf das Display. Zwei Balken Empfang. Daran konnte es also nicht liegen. Tief atmete sie ein, behielt den kostbaren Sauerstoff einige Sekunden in der Lunge und blies ihn langsam aus. Sie zitterte noch immer, aber versuchte, ihre Stimme so ruhig wie möglich klingen zu lassen. Vielleicht hatte Elena sie nur nicht verstanden? »James, mein Mann - dein Bruder - liegt im Krankenhaus«, erklärte sie deshalb gedehnt. »Jetzt sag endlich was! Bitte, du kannst mich nicht so anschweigen. Rede mit mir. Bitte!« Tränen rannen ihr über die Wangen und verschleierten ihr die Sicht. »Elena, bitte«, flehte sie und lauschte auf den Atemzug ihrer Schwägerin.

In den zehn Jahren Ehe mit James war Elena nicht nur eine Verwandte gewesen. Nein, sie war eine Freundin geworden, die Tammy um nichts in der Welt missen wollte und auf deren Meinung sie immer große Stücke hielt. Nun schwieg diese unaufhörlich.

Diese Stille zerrte an Tammy. »Warum sagst du nichts?«, flüsterte sie und spürte einen Stich in der Magengegend. »Ist bei dir alles in Ordnung?«

Vielleicht stand Elena unter Schock? Schließlich war James der einzige lebende Verwandte, den sie hatte.

»Bitte«, flehte sie. »Sag was, damit ich weiß, dass es dir gut geht.«

In das gleichmäßige und ruhige Atmen ihrer Gesprächspartnerin mischte sich ein Schluchzen.

»Du bist also noch dran«, stellte Tammy fest und betete dafür, endlich eine Antwort zu erhalten. Elena war von ihnen die starke Frau und nicht sie! Verflucht nochmal! »Ich brauche dich. Wie soll ich das sonst überstehen?«, flüsterte sie. Sie hörte, wie der hysterische Klang in ihrer Stimme zunahm. »Elena, höre mir bitte zu. Wir treffen uns in einer halben Stunde an der Schranke vor dem Hospital.« Sie wartete keine Antwort ab und ließ das Handy in die Jackentasche gleiten. Bitte, lass sie verstanden haben, was ich gesagt habe. Bitte, flehte sie, den Blick gen Himmel gerichtet. Sie war nicht gläubig, aber vielleicht war dies genau der richtige Zeitpunkt, an dem sie ihre Weltansicht überdenken sollte.

»Frau Kaundert?«

»Ja? Bitte?« Sie drehte sich auf dem Absatz um und schaute auf das Namensschild einer Schwester. Tammy war mit ihren Einsfünfundsechzig nicht groß und musste deshalb zu der Frau aufblicken. Das Neonlicht über ihnen flackerte unruhig, als läge es in den letzten Zügen. Kündigte es ein Unheil an?

»Ihr Mann hat die OP überstanden und wird gleich auf die Intensivstation gebracht. Das kann aber eine Weile dauern. Wenn Sie so lieb wären und uns inzwischen einige Kleidungsstücke, seine Medikamente, sollte er welche benötigen, und eine Waschtasche bringen könnten? Das Rasierzeug bitte nicht vergessen.« Die Schwester lächelte ihr falsches Berufslächeln. »Das vergessen die Ehefrauen am Liebsten.«

»Ich kann …« Die Verzweiflung, die Tammy bisher zurückgehalten kam, übermannte sie mit einem Schlag. Sie fiel auf die Knie. Ein Schauer nach dem anderen jagte durch ihren Körper und gipfelte in einem Weinkrampf.

»Frau Kaundert, kann ich Ihnen helfen?« Die Schwester, die so aussah, als hätte sie eben erst ausgelernt, zog sie auf die Beine.

»Schon gut«, brachte sie mühsam hervor. »Es tut mir leid, dass ich mich so aufführe.« Beschämt blickte sie zu Boden und erkannte sich selbst nicht wieder. Seit wann war sie eine hysterische Ziege, an deren Verstand man zweifeln musste?

»Ihnen braucht nichts leidzutun. Ist schon in Ordnung.«

Nichts war in Ordnung. James war frisch operiert und seine Chancen zu überleben gering. Das hatte ihr der Arzt gesagt. Was sollte also in Ordnung sein? Dass ihre Welt in diesen Momenten in Scherben zersprang? Schwester Irene, zumindest stand dieser Name auf dem Schildchen an der übergroßen Brust, war hier, um ihr zu helfen. Wunder konnte auch sie nicht vollbringen.

»Ich werde ein wenig Luft schnappen gehen. Und meine Eltern … Oh Himmel! Maxine!« Wie hatte sie Maxine vergessen können? Ihr einziges Kind? Sie kämpfte gegen neue Tränen an. Was für eine Rabenmutter musste sie sein, dass sie zuletzt an ihre eigene Tochter dachte?

Hektisch fuhr sie sich über die Jacke, tastete herab zu den Jeanstaschen und klopfte sich noch einmal nach oben hin ab. Wo war dieses verfluchte Handy? Ständig klingelte es, wenn man es nicht brauchte. Und jetzt … wo sie wirklich zum ersten Mal darauf angewiesen war, war es verschwunden.

Ihre Finger stießen gegen etwas Hartes, glitten in die Jackentasche hinein und strichen über das wohlvertraute Plastikgehäuse. Seine Kühle erstaunte Tammy einen Moment lang. In diesen Räumen war es warm, beinahe schon stickig. Sie zog das Handy hervor und tippte, ohne hinzusehen, die Nummer ihrer Eltern ein.

»Telefonieren ist hier strengstens … ach was«, winkte die Krankenschwester ab. »Telefonieren Sie ruhig. Aber lassen Sie sich nicht von unseren Ärzten erwischen. Die sind etwas altmodisch.« Sie zwinkerte Tammy zu.

Dankbar lächelnd wandte sie sich wieder dem Telefon zu. Das monotone Fiepen blieb aus, stattdessen wurde schon beim ersten Klingeln abgehoben.

»Tammy, wo bist du? Wir haben versucht …«

»Mama, nicht jetzt«, unterbrach Tammy stammelnd ihre Mutter. »Du musst Maxine vom Kindergarten abholen. Ich erkläre dir alles heute Abend. Bitte.«

»Kind, was ist denn los?«

»Bitte, Mama. Das erkläre ich dir später. Kannst du Maxine abholen?«

»Kein Problem. Aber …«

Sie legte ohne weitere Erklärungen oder Worte des Abschiedes auf.

***  

Elena Kaundert erkannte die Frau in der weißen Jacke, auf der anderen Straßenseite, sofort und strich sich durch das kurze, strohblonde Haar.

Mit hastigen Schritten ging ihre Schwägerin Tammy vor der Schranke auf und ab.

Für einen Moment musste Elena an einen Comic denken, in dem auf diese Art und Weise ein Loch in den Asphalt getreten wurde und lächelte. Doch dann besann sich wieder darauf, weshalb sie eigentlich hier war. Tammy sagte, dass James verunglückt war. Aber was genau meinte sie damit? Lag er im Koma? Hatte er sich ein Bein gebrochen? Oder war er gar … »Oh nein!« Sie stöhnte und wollte den Gedanken nicht einmal zu Ende bringen.

Ein vorbeigehender Greis stoppte direkt vor ihr und sah sie an. »Kann man Ihnen helfen?«, erkundigte er sich und legte die Stirn in Falten. »Junge Frau?«

Sie hörte ihn, würdigte ihn aber keines Blickes. Was konnte der alte Zausel schon tun? Er hatte ja doch keine Ahnung.

Mit dem Zeigefinger tippte er sich gegen die Schläfe und murmelte in seinen Schnauzer: »Nur Verrückte unterwegs. Nur Verrückte. Früher, da hätte man solche Leute weggesperrt.«