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Dreißig Jahre lang hat sie sich vor ihrer Vergangenheit versteckt. Acht ungeklärte Todesfälle. Ein gespenstischer Horrorfilm. Und kein Ausweg mehr.
Die Journalistin Laura Warren kommt nach L.A., um über das Remake eines Horrorfilms zu berichten - eines verfluchten Films, in dem sie vor dreißig Jahren die Hauptrolle spielte: ein kleines Mädchen mit der schrecklichen Gabe, den Leuten ihren Tod vorhersagen zu können. Als damals tatsächlich acht Mitglieder der Besetzung und der Crew auf unheimliche Weise starben, beendete die traumatisierte Laura ihre Filmkarriere und änderte ihre gesamte Identität. Doch jetzt, auf dem Weg zum Filmset, springt ein Mann von einer Brücke und schlägt direkt hinter ihrem Wagen auf. Es hat wieder angefangen, denkt sie. Diesmal ist Laura entschlossen, den Fluch ein für alle Mal zu brechen. Wenn er sie nicht vorher einholt...
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Seitenzahl: 444
Veröffentlichungsjahr: 2025
Josh Winning
Verbrenn das Negativ
Thriller
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux
Herausgegeben von Thomas Wörtche
Suhrkamp
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Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel Burn the Negative bei G. P. Putnam’s Sons.An imprint of Penguin Random House LLC, USA.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2025
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage des suhrkamp taschenbuchs 5521.
Deutsche Erstausgabe© der deutschsprachigen AusgabeSuhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2025Copyright © 2023 by Joshua Winning
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Umschlaggestaltung: zero-media.net, München
Umschlagabbildungen: FinePic(R), mit teilweiser Nutzung von KI
eISBN 978-3-518-78388-7
www.suhrkamp.de
»When the legend becomes fact, print the legend.«
Maxwell Scott, The Man Who Shot Liberty Valance (1962)
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
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Danksagungen
Informationen zum Buch
Verbrenn das Negativ
Internet-Meme, ca. 2019, Verfasser unbekannt
Als Laura Warren begriff, dass sie in der Scheiße saß, befand sie sich schon mitten über dem Atlantik.
Das Flugzeug war voll. Vor einer halben Stunde hatte sie eine Schlaftablette genommen und mit einem Plastikbecher Rotwein runtergespült. Die Pille dämpfte das Dröhnen der Maschine und ließ die Umrisse ihrer Mitreisenden angenehm verschwommen erscheinen. Fast konnte sie so tun, als wären sie nicht da.
Reisen gehörte zu den wenigen Vorteilen, die das Journalistendasein noch bot. Ihr Job hatte sie um die ganze Welt geführt: Tokio, New York, Sofia. Diese letzte Reise anlässlich eines Artikels über die boomende bulgarische Filmindustrie hatte ihr vor zwei Jahren einen Preis eingebracht. Die tödlich aussehende Statue war am Ende in dem Kasten gelandet, den sie als Büro bezeichnete, und leistete dort einem Stapel alter Zeppelin-Zeitschriften Gesellschaft, für die ein kleiner Wald abgeholzt worden sein musste. Auszeichnungen waren nicht ihr Ding. Sie wollte einfach Sätze schreiben, die etwas bedeuteten.
Aber Los Angeles …
Am liebsten hätte sie noch mehr Schlaftabletten genommen.
Die digitale Fluganzeige auf der Rückseite des Sitzes vor ihr zeigte ein Flugzeug, das sich Kalifornien näherte, obwohl Laura es mit der Macht ihrer Gedanken am liebsten zum Umkehren gezwungen hätte. Die Wirkung der Tablette setzte zu langsam ein, um auch ihre brennende Angst zu betäuben. Sie wünschte, der Steward würde mit der nächsten Runde Wein auftauchen. Wenn er kein Problem damit hatte, konnte er gleich die ganze Flasche dalassen.
Ihr Sitznachbar grunzte im Schlaf, sein Knie drückte sich gegen ihres.
Laura zog eine Grimasse und rutschte ein Stück zur Seite. Sie hatte weder Flugangst, noch ließ sie sich von der Höhe oder der Babynahrung verrückt machen. Aber Flugzeuge als solche waren nervig. In der Enge kam sie selbst sich riesig vor. Als würde sie mehr Raum einnehmen als alle anderen. Mehr Luft atmen.
Sie hatte den Blick ihres Sitznachbarn bemerkt, als er sich gesetzt hatte. Den Ärger darüber, dass sein Talent, sich breitzumachen, auf der ganzen Strecke von London bis Los Angeles an der Entfaltung gehindert werden würde.
Natürlich hätte sie ihm sagen können, er solle sich zum Teufel scheren, ihr gefalle es so wenig wie ihm.
Stattdessen machte sie eine ironische Bemerkung darüber, wie kuschelig die nächsten elf Stunden werden würden. Als er bloß nickte, schluckte sie ihren Frust hinunter und griff zur ersten Minipackung Brezel.
Noch mit siebenunddreißig meinte sie, jede unbehagliche Stille mit einem Witz überbrücken zu müssen.
Sie atmete tief durch und beschloss, sich gedanklich beschäftigt zu halten, bis sie einschlief. Also wandte sie sich dem auf dem ausklappbaren Tablett stehenden iPad zu und rief die Pressemitteilung auf, die sie vor dem Flug nur teilweise gelesen hatte. Heutzutage passierte immer alles auf die letzte Minute, außerdem bekam sie von Pressemitteilungen Kopfschmerzen. Deren roboterhafter Enthusiasmus war unglaublich ermüdend.
Widerwillig überflog sie die beiden ersten Seiten, dann scrollte sie zum Abschnitt »Über die Produktion« auf Seite drei. Sie las die erste Zeile …,
Die Streaming-Miniserie It Feeds ist eine moderne Neuinterpretation des 90er-Jahre-Horrorfilms The Guesthouse.
… und sämtliche Nerven in ihrem Körper spielten verrückt.
Ihre Nackenhaare richteten sich auf, als stünden sie unter Strom. Mit tauben Händen zog sie das iPad näher heran. Sie musste sich etwas eingebildet haben. Jeden Moment musste der Satz eine andere Form annehmen, sich neu zusammensetzen, aber egal, wie oft sie ihn las, die Worte blieben an Ort und Stelle.
The Guesthouse.
THE GUESTHOUSE.
Der gottverdammte, verfluchte The Guesthouse.
Plötzlich schien ihr Körper sich von ihr zu distanzieren, eher eine Vorstellung als eine physische Realität. Ihr Hirn arbeitete auf Hochtouren. Eine einzige Frage irrte darin herum wie eine unter einem Glas gefangene Wespe.
Wie zum Teufel hatte Mike von ihrer Vergangenheit erfahren?
Das war die einzige Erklärung, warum ihr Herausgeber bei Zeppelin sie für den Auftrag eingeteilt hatte. Sie hatte mehr als ein Dutzend Mal protestiert, hätte aber genauso gut versuchen können, einen Hurrikan niederzubrüllen. Mike hielt unerschütterlich daran fest, dass sie den Job übernehmen solle. Wieder und wieder und wieder erklärte er, sie sei in diesem Fall einfach die perfekte Autorin.
Laura hatte es nicht begriffen. Es ging nur um einen Routinebesuch am Set von It Feeds, einer handelsüblich klingenden Horrorserie. Die Art Auftrag, aus der Laura nach fast zwei Jahrzehnten als Journalistin längst herausgewachsen war. Jeder mit Diktiergerät und Notizblock bewaffnete Studienabgänger konnte die Schauspieler interviewen, ein bisschen bei den Dreharbeiten zuschauen und ein »Making of« zusammenschreiben, das zum Serienstart erscheinen würde.
Aber Mike hatte sich nicht erweichen lassen.
Er hatte unbedingt Laura hinschicken wollen, hatte sie praktisch persönlich in den Flieger gesetzt, sodass sie nicht hatte Nein sagen können. In den beiden letzten Monaten hatte sie schon fünf Artikel an Freelancer weitergereicht, die sie eigentlich selbst hätte schreiben sollen, worüber Mike nicht gerade glücklich gewesen war. Er hatte angefangen, ihr persönliches Engagement für Zeppelin zu hinterfragen. Obwohl er es nicht direkt aussprach, begriff Laura, dass L.A. eine Art Test sein sollte. Eine Chance zu demonstrieren, dass sie nicht übertrieben wählerisch bei der Auswahl ihrer Themen war. Dass sie zuverlässig war. Enthusiastisch. L.A., Baby! Ich bin dabei!
Natürlich machte ihre gemeinsame Vergangenheit die Sache nicht unkomplizierter. Auch wenn sie nur elf Monate zusammen gewesen waren und Laura die Beziehung abgebrochen hatte, als Mike ihr Boss wurde, gingen sie noch befangen miteinander um. Die Grenze zwischen Professionellem und Persönlichem schien für immer verwischt zu sein.
Beiden war klar, dass sie der Grund für das Scheitern gewesen war. Mike hätte ein Idiot sein müssen, um ihre nächtlichen Angstattacken, die Filmrisse und die komplett durchwachten Nächte nicht zu bemerken. Sie hatte nicht mehr mitgezählt, wie oft er sie auf dem Sofa zusammengekauert und in eine Decke gehüllt vorgefunden hatte, während im Fernsehen Heathers oder Ein Mädchen namens Dinky lief. Jedes Mal, wenn er es ansprach – oft beim Frühstück am nächsten Morgen, mit diesem angedeuteten Lächeln, das sagte: Es interessiert mich, bitte sprich mit mir, du Wesen der Nacht –, fand sie einen Weg, um ihn zum Schweigen zu bringen. Um diesen Teil von ihr unter Verschluss zu halten.
Aber jetzt wusste er offenbar genau, was sie vor ihm verborgen hatte. Der Splitter in ihrer Beziehung, den sie nicht hatte herausziehen wollen, lag offen da.
Der Wein brannte in Lauras Kehle.
Wusste er, dass The Guesthouse der Grund für ihre Albträume war?
Nein. Mike hätte ein Psychopath sein müssen, um die Verbindung zu ziehen und sie trotzdem nach L.A. zu schicken.
Aber wie zum Teufel hatte er es herausbekommen? Sie hatte die letzten dreißig Jahre damit zugebracht, jede Spur ihres früheren Lebens auszuradieren. Sie hatte ihren Namen geändert. Den amerikanischen Akzent abgelegt und einen möglichst unspezifischen britischen angenommen. Sie hatte zugenommen, ihre Haare waren gewellt, schulterlang und braun. Sie trug niemals Gelb.
Mit dem Kind aus dem Film hatte sie nicht mehr die geringste Ähnlichkeit.
Die Kinderdarstellerin Polly Tremaine war praktisch tot.
Trotzdem saß sie jetzt in einem Flugzeug nach L.A. und hatte keine andere Wahl, als den Job durchzuziehen.
»Scheiße«, flüsterte sie. »Scheiße, Scheiße, Scheiße.«
Warum hatte sie bloß den Fensterplatz gebucht? Sie wollte raus. Im Gang herumlaufen. Den Sätzen auf dem Monitor entfliehen. Aber der Kerl neben ihr schlief schon. Abgesehen davon spürte sie ihre Beine nicht. Ob es an der Tablette oder am Schock lag, hätte sie nicht sagen können.
Sie griff nach ihrem Handy, erinnerte sich aber, dass sie im Flugzeug saß. Stattdessen nahm sie ihr Weinglas, das leider so gut wie leer war. Der Flugbegleiter war einige Reihen weiter vorn. Er hielt eine Flasche in jeder Hand und ließ sich alle Zeit damit, nachzuschenken und mit Passagierinnen zu flirten. Laura konnte nicht warten. Sie drückte die Ruftaste über ihrem Kopf und biss sich auf die Unterlippe, als der Flugbegleiter herüberkam.
»Hey, hi, könnten Sie mir nachschenken?«, fragte Laura und streckte ihm den Becher entgegen.
»Oh, ich wollte jeden Moment zu Ihrer Reihe kommen.« Er brachte das Kunststück fertig, gleichzeitig freundlich und verärgert zu klingen.
Laura nahm die Hand nicht herunter. Sie zitterte. »Tut mir leid, ich hab ein bisschen Flugangst.« Sie versuchte es mit nervöser Zerknirschtheit. »Unser kleines Geheimnis?«
Der Flugbegleiter musste die Furcht in ihrer Miene bemerkt haben, denn er zeigte sich nachgiebiger und füllte ihr den Becher bis zum Rand. »Keine Sorge«, sagte er mit einem Zwinkern. »Ihr Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.«
Laura brachte ein müdes Lächeln zustande, wartete, bis er sich umgedreht hatte, und trank ihren Becher halb leer. Die Wirkung setzte sofort ein. Sie war nicht die Art Journalistin, die ganze Nächte durchsoff, und ging selten zu gesellschaftlichen Anlässen, bei denen sie niemanden interviewen musste. Dementsprechend brannte der Wein in ihrer Kehle wie Benzin, ihre Gedanken verloren an Schärfe. Sie atmete tief durch und schaute wieder auf die Pressemitteilung.
Alles, was sie sah, war die erste Zeile.
Die Streaming-Miniserie It Feeds ist eine moderne Neuinterpretation des 90er-Jahre-Horrorfilms The Guesthouse.
Sie hätte es kommen sehen müssen. In Hollywood waren Reboots groß angesagt. Remakes. Altes wurde wieder hochgewürgt. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis jemand auf diese ganz spezielle Filmkuriosität gestoßen war und ihr einen neuen Anstrich geben wollte.
Sie erinnerte sich an den Geruch von brennendem Staub, wenn er mit den Scheinwerfern in Berührung kam, an das leise Knistern des Himmel-oder-Hölle-Spiels in ihren Händen. Ein bloßes Stück Papier, das zu vier spitzen Kegeln gefaltet war, die man mit den Fingern öffnete und schloss, um die Zukunft vorherzusagen.
Sie gestattete sich solche Gedanken selten und tat lieber so, als wären die Erinnerungen längst zerbröselt wie vom Wind getrocknete Blätter. Aber in Wirklichkeit warteten sie bloß. Vertrieben sich die Zeit.
Sie trank noch etwas Wein, versuchte, eine mentale Schutzmauer zu errichten, aber die Erinnerungen kamen trotzdem.
Als sie in den Universal Studios The Guesthouse gedreht hatte, war sie sieben gewesen. Eigentlich hieß sie Polly Tremaine und war in L.A. aufgewachsen. Die ersten fünf Jahre ihres Lebens war sie ein typisches Showbiz-Kid gewesen. Mit gerade mal sechs Monaten hatte ihre Mutter sie zu Probeaufnahmen für die Sparkleshine-Waschmittelwerbung geschleppt. Alle fanden, Polly sei das süßeste Baby, auch die Leute von Sparkleshine stimmten zu. Einen Monat später waren Pollys pausbäckiges Gesicht und ihr Zahnlückengrinsen auf jedem Sparkleshine-Karton zu sehen. Auf jeder Werbetafel am Highway, in jedem TV-Spot, auf jedem Sammelcoupon. Ein ganzes Jahr, bevor sie ihre ersten Schritte machte, war sie schon in jedem amerikanischen Haushalt zu finden.
Danach kamen die Aufträge regelmäßig. In L.A. war Erfolg wie ein Virus. Sobald man jemandem seine Bazillen weitergegeben hatte, wollten alle anderen sie auch. Polly arbeitete nonstop. Ein Gastauftritt in der McDonald’s-Werbung, eine Rolle in einem Musikvideo von Bon Jovi, zwei Jahre als süßes blondes Mädchen in der Sitcom All My Daughters.
Als sie die Rolle in The Guesthouse bekam, war Polly daran gewöhnt, zu lächeln und alles abzunicken, genau wie ihre Mutter es tat. Sie stimmte allem zu, was die Casting Directors sagten, weil ihre Mutter es so wollte. Sie biss sich auf die Zunge und tat, als hörte sie zu, immer fixiert auf den lastenden, wachsamen Blick ihrer Mutter.
Eines Tages träumte sie, ihre Mutter sähe sie so an wie die Mütter in den Werbespots. Die Pseudomütter, die lächelten und ihr die Locken aus den Augen pusteten. Die lachten und ihr in die Wangen kniffen und sie so fest umarmten, dass sie nicht wieder losließ, wenn der Regisseur Cut! rief. Sie wollte diese Frauen nicht loslassen. Sie brauchte die Nähe. Den Körperkontakt. Das Lächeln.
Denn nichts, was Polly tat, brachte ihre Mutter je zum Lächeln.
Polly hatte den Hollywood-Traum gelebt.
Das einzige Problem bestand darin, dass es nicht ihr Traum war.
»Flugangst, was?«, fragte der Typ neben ihr. Er war aufgewacht und betrachtete sie. Seine Augen lagen im Schatten einer Baseballkappe. Laura stellte ihren Wein aufs Tablett, vorübergehend verwirrt.
»Oh, das? Der Flugbegleiter war zu langsam.«
Er lachte. Selbst das klang amerikanisch. »Ich mag Ihren Stil. Reizender Akzent übrigens. London, stimmt’s?«
O Gott, nein.
Er bog und streckte seine muskulösen Arme. »Tut mir leid wegen vorhin, das Fliegen macht mich grantig. Und? Was haben Sie in L.A. vor?«
»Nur arbeiten.«
»Tatsächlich? Was machen Sie?«
Laura versuchte, sich nicht in ein längeres Gespräch verwickeln zu lassen. Mit ihrer Körpersprache zu signalisieren, dass sie, bloß weil sie über die Fähigkeit zum Sprechen verfügte, nicht unbedingt mit ihm sprechen wollte. Sie bemerkte, dass der Sitz auf seiner anderen Seite leer war. Der dritte Fluggast in ihrer Reihe musste zur Toilette gegangen sein.
»Ich bin Journalistin«, sagte sie.
Die Augenbrauen des Mannes verschwanden unter seiner Baseballkappe. »Gibt’s nicht. In welchem Bereich?«
»Entertainment. Fernsehen, Filme …«
»Kennen Sie irgendwelche berühmten Leute?« Jetzt strahlte er zu sehr. »Kennen Sie Emilia Clarke? Ich stehe total auf sie.«
Du meine Güte.
»Klar, wir sind die besten Freundinnen«, sagte Laura und griff nach ihrem Becher.
»Ernsthaft? Sie kennen sie? Mann, dieser britische Akzent ist echt ein …«
Laura stieß den Becher um. Die rote Flüssigkeit spritzte auf Oberschenkel und Schoß ihres Sitznachbarn und sickerte in den Jeansstoff ein. Laura gab sich schockiert.
»O mein Gott, das tut mir so leid«, sagte sie und versuchte, ihre Befriedigung zu verbergen. Der Mann schrie, wollte aufspringen, wurde aber vom Gurt zurückgehalten. »Moment, ich hole ein paar Servietten.«
Sie stellte ihr iPad in den Fußraum, schob den Klapptisch hoch und drängte sich an ihm vorbei, wobei sie seine Beine halb in den Gang drängte.
»Ich bin gleich zurück, ehrlich.«
Du schleimiger Arsch.
Als sie die Toilette betreten hatte, zog sie die Falttür zu und schloss ab.
Im Spiegel sah sie ihr erschöpftes herzförmiges Gesicht. Die Mundwinkel waren heruntergezogen, ihre braunen Haare fielen in ungekämmten Locken auf die Schultern ihrer khakifarbenen Jacke. Das Einzige, was sie an ihrer äußeren Erscheinung noch mochte, waren ihre Augen: flaschengrün und zu groß für ihr Gesicht, was ihr – wie sie fand – eine interessierte, wachsame Miene verlieh.
Jetzt, allein in der beengten Flugzeugtoilette, wurde ihr die Situation in aller Schärfe bewusst. Sie wurde zu einem Dröhnen in ihren Ohren.
Laura war auf dem Weg nach L.A.
»Mein Gott«, flüsterte sie und nahm die Angst und die Wut in ihrem Blick wahr.
Als sie mit sieben erfuhr, dass sie die Hauptrolle in The Guesthouse spielen sollte, bekam sie solche Angst, dass sie auf ihr Kleid kotzte. Ihre kleine Schwester lachte, als hätte sie nie etwas Lustigeres gesehen. Amy hatte schon mit vier einen kranken Sinn für Humor gehabt. Ihre Mutter befahl Laura, sich auszuziehen, dann schrubbte sie ihre Tochter missmutig in der Wanne ab.
Das Unbehagen breitete sich wie das Rauschen eines Fernsehers in ihrem ganzen Körper aus.
Diese Leute hatten gewollt, dass sie Tammy Manners spielte. Den Star des Films. Das kleine Mädchen, das den Leuten vorhersagte, wie sie sterben würden.
Hätte sie damals geahnt, wie alles laufen würde, wie ihr ganzes weiteres Leben von diesem einen Moment abhängen würde, dass ihre Eltern L.A. verlassen und nach London fliehen würden, hätte sie sich mehr Mühe gegeben, die Rolle abzulehnen.
Aber wie hätte sie es ahnen sollen? Niemand ahnte etwas.
Es war vom »am meisten heimgesuchten Film in der Geschichte Hollywoods« die Rede gewesen.
So viele Menschen, die an The Guesthouse mitgewirkt hatten, waren tot oder hinter Gittern. Ihre Leben waren unumkehrbar ruiniert. Der Letzte war 1998 Christopher Rosenthal gewesen, ihr damaliger Regisseur. Er wurde im Alter von sechsundvierzig erhängt in seinem Haus gefunden. Keine seelischen Vorerkrankungen. Bloß eine Schlinge und ein Treppenhaus.
The Guesthouse: ein Synonym für kaputt.
Irgendwie war Laura den Tragödien entkommen, die ihre Kolleginnen und Kollegen aus den 90ern heimgesucht hatten. Sie war das Auge des Sturms. Das Zentrum des Knotens. Sie hatte sich ein Leben abseits der Scheinwerfer und der Spekulationen aufgebaut. Niemand außerhalb ihrer Familie kannte ihre Vergangenheit, so sollte es auch bleiben. Es gab keine Alternative.
Laura beugte sich über das Becken, drehte den Hahn auf und ließ sich kaltes Wasser über die Handgelenke laufen. Dann spritzte sie es sich ins Gesicht und schnappte nach Luft. Die Kälte holte sie aus der Vergangenheit und ließ sie in ihren Körper zurückkehren.
Alles würde gut werden.
Die Vergangenheit war Vergangenheit.
Sie kam ihr nicht mit achthundert Stundenkilometern entgegen.
Laura runzelte die Stirn, als ihr Spiegelbild plötzlich ruckelte. Der Spiegel bewegte sich. Der ganze Raum zitterte und wirkte so fadenscheinig wie ein Filmset, der Boden vibrierte unter ihren Füßen. Die Lichter gingen an und aus, ihre Pupillen weiteten sich.
»Meine Damen und Herren, wir durchfliegen gerade leichte Turbulenzen«, sagte eine Stimme, über dem Spiegel blinkte das Anschnallzeichen auf. »Bitte kehren Sie an Ihre Plätze zurück und kontrollieren Sie, ob Ihre Gurte fest geschlossen sind.«
Laura ignorierte die Stimme. Sie schnappte sich eine Handvoll Papiertaschentücher und tupfte sich das Gesicht ab. Der Raum bebte, aber die Turbulenzen wirkten auf seltsame Weise beruhigend. Vielleicht würde die Maschine ja abschmieren, bevor sie L.A. erreichte.
Eine schöne Vorstellung.
Nach einem kurzen Moment senkte sie die Arme und starrte auf ihr Spiegelbild. Fast hätte sie aufgeschrien.
Hinter ihr stand jemand.
Eine Gestalt in einem schwarzen Mantel, das Gesicht unter dem schwarzen Hut war mit Verbänden umwickelt, klauenartige Finger näherten sich ihrer Schulter, unter der Deckenbeleuchtung blitzten Klingen auf.
Keuchende Atemzüge liebkosten ihre Wange.
Mit einem Aufschrei drehte Laura sich auf der Stelle um, stieß sich den Ellbogen am Handtuchspender und wurde dann rückwärts gegen die Wand geworfen. Sie drehte sich noch zweimal im Kreis, ihr Herz raste, dann blieb sie stehen, hielt sich am Becken fest, rang nach Luft und kam sich lächerlich vor.
Sie war allein.
Natürlich war sie allein.
Sie erschreckte sich vor ihrem eigenen Schatten.
»Reiß dich zusammen«, ermahnte sie ihr Spiegelbild. Noch einen Moment lang stützte sie sich am Waschbecken ab und hoffte, ihr Herz würde aufhören, sich in der Brust querzustellen. Aber ihr Herz wusste, was sie dachte, sosehr sie sich auch mühte, es nicht zu denken.
Die Reise wird mich umbringen, so oder so.
Ausschnitt aus einem Web-Artikel mit dem Titel: »Filme, zu denen es niemals eine Fortsetzung geben sollte … die aber wahrscheinlich irgendwann eine bekommen.«
»Hast du Lust, dich erschrecken zu lassen?«
Laura saß auf der Rückbank des Autos, das sie vom Flugplatz abgeholt hatte, und sah die Frau an, die sich zu ihr umdrehte und sie anstrahlte. Madeleine kam ihr eher wie eine Yogalehrerin vor, weniger wie eine Pressefrau aus dem Entertainmentbereich. Sie wirkte glatt und glänzend wie das iPhone, das sie keinen Augenblick aus den Händen ließ. Sonnengebräunt, Mitte zwanzig, die blonden Haare hochgesteckt, damit sie ihr nicht ins Gesicht fielen – sie war einfach hundert Prozent Hollywood. Bei ihrem bloßen Anblick fühlte Laura sich uralt.
Das Wagenfenster reflektierte ihr erschöpftes Gesicht. Nachdem sie im Flugzeug keinen Schlaf gefunden hatte, wirkten ihre Augen übernächtigt, die Haut juckte. Von all den Snacks im Flieger kam sie sich aufgedunsen vor, die durchs Fenster hereinfallende Sonne von L.A. vermittelte ihr ein Gefühl des Irrealen.
L.A.
Ihr erster Besuch hier nach fast dreißig Jahren.
Eine Heimkehr, die sie nie gewollt hatte.
Alles bewegte sich zu schnell. Auf beiden Seiten schossen Autos vorbei. Ihre Fahrerin – eine Frau im Anzug, die während der Fahrt ein professionelles Schweigen wahrte – ging nicht gerade zärtlich mit dem Gaspedal um.
»Hast du Lust, dich erschrecken zu lassen?«, fragte Madeleine immer noch lächelnd.
Lauras Kiefer spannte sich an, sie hörte sich sagen: »Nichts ist erschreckender als ein schlechtes Remake, oder?«
Eine einzelne Falte legte sich auf die Stirn der Frau. Laura wusste, dass sie sich zu schnell auf heikles Terrain vorgewagt hatte.
»Sorry, britischer Humor plus langer Flug.«
Das Lächeln kehrte zurück. »Oh, du wirst It Feeds lieben. Das ist der Stoff für einen tollen Artikel. Wir haben übrigens absichtlich den Titel geändert, denn genau genommen steht der Begriff ›guesthouse‹ in den Staaten eher für eine Privatunterkunft als für ein Bed-and-Breakfast. In Großbritannien ist ein ›guesthouse‹ eine Art Hotel, stimmt’s? Aber irgendwie mag ich It Feeds, denn …« Madeleine warf einen Blick auf ihr Handy. Seit ihrer Abfahrt vom Flughafen hatte es nicht zu summen aufgehört. Sie nahm den Anruf nicht an und redete einfach weiter, obwohl sie offensichtlich ihren eigenen Faden verloren hatte. »Glaub mir, die Serie wird ein Volltreffer. Möchtest du vielleicht das Medium interviewen?«
Laura war nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte. »Das Medium?«
Madeleine grinste. »Die haben ein Medium beauftragt, das die Produktion im Auge behalten soll. Du weißt schon, für den Fall, dass etwas Gruseliges passiert.«
Laura brachte ein Nicken zustande. Obwohl die Idee sie abstieß, mühte sie sich um eine interessierte Miene. »Okay.«
»Hat man dir gesagt, wann dein Gepäck eintrifft?«
Laura verzog das Gesicht. »Der Typ am Schalter hat gesagt, es könne zwischen vierundzwanzig und achtundvierzig Stunden dauern.«
Natürlich hatte die Fluggesellschaft ihr Gepäck verloren, und natürlich würde sie es erst zurückbekommen, wenn ihr Rückflug anstand. Sie hatte nur zwei Übernachtungen in L.A. gebucht. Den Koffer hatte sie erst auf die eindringliche Bitte der Fluggesellschaft hin aufgegeben, die Fächer über den Sitzreihen nicht zu überladen. Ein Akt der Uneigennützigkeit, von dem sie gleich geahnt hatte, dass sie ihn bedauern würde. »So was kommt vor«, hatte der Mann am Schalter gesagt, nachdem sein Computer ihren Koffer in Madrid aufgespürt hatte. »Eine Verwechslung in Heathrow.«
Laura konnte den Gedanken nicht beiseiteschieben, dass die ganze Reise eine Verwechslung war und sie von Anfang an nicht hätte zustimmen dürfen.
Eine neue Welle von Ärger drohte über sie hereinzubrechen. Schon unmittelbar nach der Landung hatte sie versucht, Mike anzurufen und – ob es ihm passte oder nicht – ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Aber er war nicht rangegangen. Sie hatte es noch einmal versucht, war aber in den Stress am Zoll geraten und hatte sich um das vermisste Gepäck kümmern müssen. Dann war auch schon Madeleine aufgetaucht, die praktisch pausenlos plapperte wie ein aufgeregter Teenager. Mike musste noch warten.
Vielleicht würde sie bei Zeppelin kündigen und als Freelancerin arbeiten. Sie hatte sich in der Branche einen Namen gemacht, und alle ihre Freunde behaupteten, den freien Journalisten gehöre die Zukunft.
Mike hatte sich auch nach der Trennung wie ein Freund verhalten.
»Dass es mit uns als Paar nicht funktioniert hat, bedeutet doch nicht, dass du mir nichts mehr bedeutest.«
Laura schauderte. Er hatte eine seltsame Art, seine Zuneigung zu zeigen.
»Wir könnten auf dem Weg zum Studio bei einem Kleiderladen halten«, schlug Madeleine vor und tippte auf ihrem Handy herum. »Oder willst du erst im Hotel einchecken? Damit du dich ein bisschen frisch machen kannst?«
»Kein Problem, ich werde es überleben«, sagte Laura, auch wenn ihr Körper nach dem langen Flug nichts dringender brauchte als eine Dusche. Sie musste jetzt einfach den ersten Setbesuch hinter sich bringen. Vielleicht konnte sie sich dann entspannen und die Dämonen in ihrem Kopf zum Schweigen bringen.
Sie war dankbar für die Ersatzunterwäsche, die sie für alle Fälle eingepackt hatte. Abgesehen von ihrem Diktiergerät und Schlaftabletten war das alles, was sie brauchte, um achtundvierzig Stunden in La La Land zu überleben.
Eine gute Journalistin ist auf alles vorbereitet.
»Du hast das Original gesehen, oder?«, fragte Madeleine mit leiser Stimme. »The Guesthouse?«
Himmel, was für eine Frage.
Streng genommen hatte Laura den Film erst mit fünfzehn gesehen. Ihr Dad hatte gemeint, er sei zu heftig für ein Kind, dabei hatte Laura sich heimlich eine Kopie des kompletten Drehbuchs verschafft, das sie zu Drehbeginn vorwärts und rückwärts hätte aufsagen können.
Den Film sah sie schließlich, als sie zusammen mit ihrer Schwester Amy bei Freundinnen übernachtete, Jahre nach dem Umzug nach Großbritannien. Sie hatte keine andere Wahl gehabt, als sich dem Mehrheitsvotum für den Horrorfilm des Abends anzuschließen. Als sie im Schlafsack liegend zuschaute, konnte sie kaum fassen, wie veraltet er wirkte. Wie künstlich. Bei all dem Theater, das die Leute darum machten, war The Guesthouse bloß billiger 90er-Jahre-Horror, der zufällig in einem verfluchten Hotel spielte.
Nachher, als ihre Freundinnen schliefen, kam Amy zu Laura in den Schlafsack gekrochen und fragte, ob alles in Ordnung sei. Sie war drei Jahre jünger als Laura, aber ziemlich aufgeweckt. Einfühlsam. Vielleicht ergab sich das zwangsläufig, wenn die Familie einen aus dem gewohnten Umfeld riss und in ein neues Land verpflanzte. Man entwickelte ein Auge dafür, wo etwas schieflief.
Ihr Vater war Brite, der in seinen Zwanzigern in die Vereinigten Staaten ausgewandert war, was den Umzug nach Großbritannien naheliegend machte. Aber weder die Mädchen noch ihre Mutter waren je in England gewesen, die Veränderung traf sie alle hart.
Amy und Laura hatten nie über The Guesthouse gesprochen. Zuerst wollte Laura auch am Abend bei den Freundinnen nichts dazu sagen. Sie wussten beide, dass der Film der Grund für die Flucht aus L.A. gewesen war. Amy konnte sich kaum noch an Amerika erinnern, wusste aber, dass The Guesthouse dazu geführt hatte, dass ihr Leben auf den Kopf gestellt worden war.
Auch eine Art Remake, dachte Laura.
Besser, sie taten so, als würde der Film nicht existieren.
»Yep«, sagte Laura zu Madeleine. »Er ist toll.«
»Nicht wahr? Er haut einen bis heute um.« Madeleine legte das Handy in ihren Schoß. »So viele Horrorfilme schaffen es nicht, einen so richtig zu verunsichern, dafür sind sie zu glatt. Aber The Guesthouse ist immer noch großartig.«
Laura nickte, ihr Rücken war steif. Zwölf Stunden am Stück zu sitzen war auch für eine Schreiberin eine lange Zeit, sie spürte den Drang, sich zu bewegen und die durch die Schlaftablette hervorgerufene Benommenheit zu vertreiben. Wieder ein bisschen Gefühl in den Körper zu bekommen.
Sie schaute aus dem Fenster und versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie gern sie Madeleine bitten würde, einfach umzukehren und sie in den nächsten Flieger nach Hause zu setzen. Aber die Branche war überschaubar, die Leute redeten. Diese Reise hatte eine Menge Geld gekostet, sodass Laura nicht einfach abhauen konnte, ohne ihren Ruf aufs Spiel zu setzen. Noch ein Grund, sich bei Mike zu bedanken.
Sie verfluchte den Tag, an dem sie sich zu einer journalistischen Ausbildung entschlossen hatte. In ihrer Teenagerzeit hatte das Schreiben sie gerettet. Ihr eine Fluchtmöglichkeit vor den abfälligen Bemerkungen ihrer Mutter geboten, vor dem Druck des Lernens, vor den Albträumen, die sie erwarteten, wann immer sie den Kopf auf ein Kissen legte. Ihre Tagebücher waren ein geschützter Raum. Sie konnte ganz sie selbst sein. In jedem einzelnen Moment war ihr bewusst, dass sie ohne ihre Tagebücher heute nicht hier wäre.
Auch wenn sie damals nicht daran gedacht hatte, dass ihr Hang zum Schreiben in einen Job in der Medienbranche münden könnte, hatte sie sich immer zu den dort erzählten Geschichten hingezogen gefühlt. Sie liebte Geschichten in jeder Form. Artikel in Zeitungen oder im Web, das Fernsehen, sogar Filme. Geschichten waren magisch. Wenn sie gut gemacht waren, setzten sie etwas in Bewegung, brachten das Hirn auf Touren.
Ihr Weg zum Journalismus mochte unkonventionell gewesen sein, aber er hatte sie zu dem gemacht, was sie war.
Bis heute.
Am Horizont ragte Downtown L.A. wie eine Festung auf. Eine Ansammlung vom Smog vernebelter Wolkenkratzer. Laura spürte die Hitze in ihrer Brust. Sie hatte vergessen, wie riesig L.A. war. Wie es immer drauf und dran schien, einen zu verschlingen. Die Vorstellung, dass sie es einmal als ihr Zuhause betrachtet hatte, fiel ihr schwer.
Vor ihnen tauchte eine Brücke auf, die den Highway überspannte.
Laura wollte gerade ihr Handy aus der Tasche ziehen und ihre E-Mails checken, als sie hoch oben, genau in der Mitte der Brücke, jemanden stehen sah. Anscheinend war es ein Mann.
Er stand reglos und beobachtete den unter ihm hinwegströmenden Verkehr. Etwas an seinen Umrissen, die sich schwarz vor dem strahlend hellen L.A.-Himmel abzeichneten, sorgte dafür, dass sich die Härchen auf ihrem Arm aufrichteten. Auch wenn sie es nicht genau hätte erklären können, bekam sie das Gefühl, dass er nicht einfach gemütlich die vorbeisausenden Autos beobachtete. Es ging ihm um ein spezielles Auto.
Um ihres.
Sie beugte sich vor, um durch die Windschutzscheibe einen besseren Blick zu haben. Dann versuchte sie, das Gesicht des Mannes zu erkennen, aber es lag verschwommen im Schatten. Er hätte lachen oder schreien können, es ließ sich nicht sagen. Was hatte er vor?
Sie fuhren unter der Brücke durch, im Wagen wurde es für einen Moment dunkel.
Als sie auf der anderen Seite wieder herauskamen, drehte Laura sich um und schaute durch das Rückfenster. Gerade rechtzeitig, um den Mann springen zu sehen.
Alles geschah in einem winzigen Augenblick.
Er fiel, dann lag er auf der Straße, Autos wichen hupend aus. Mehrere Fahrzeuge kamen am Straßenrand zum Stehen und zwangen die Fahrer dahinter zum Bremsen.
Laura gab keinen Laut von sich.
Auf dem Vordersitz plauderte Madeleine unverdrossen weiter. Weder sie noch die Fahrerin hatten etwas bemerkt. Im Gegensatz zu Laura.
Betäubt von dem, was sie gesehen hatte, drehte sie sich wieder nach hinten. Sie versuchte, den Gedanken abzuwürgen, der aus den Tiefen ihres Hirns aufzusteigen drohte.
Also los.
Es hat angefangen.
Transkript eines Ausschnitts aus Episode 1 von Movies That Kill (Twisted Entertainment), ausgestrahlt am 31.10.1996 (VH1)
Das Gelände der Universal Studios war größer, als sie es in Erinnerung hatte. Die breiten Straßen wurden von cremefarbenen Hallen gesäumt, von denen das Sonnenlicht reflektierte und Laura blendete. Die stehende Hitze kam ihr wie ein körperliches Wesen vor, gegen das sie ankämpfen musste, um mit Madeleines spielerisch wirkenden Schritten mithalten zu können.
»Sie drehen auf Soundstage fünf«, sagte die Sonnenbrille tragende PR-Frau. »Dort ist The Guesthouse entstanden. Und außerdem Weirded Out und I Know Something You Don’t Know, es hat also eine echte Horror-Historie. Bei so was flippen die Leute aus, weißt du?«
Laura schwieg, was Madeleine nicht zu stören schien.
Sie war immer noch vom Anblick des Mannes erschüttert.
»Springer« nannte man sie hier in den Staaten. Nur dass der Mann nicht gesprungen, sondern gefallen war. Wie ein Sack Bohnen. Die ganze Zeit schon hatte sie ihn vor Augen: mit dem Kopf voran und schlaff hinabhängenden Gliedern auf den Asphalt des Highways zusteuernd. Dann der Aufprall, der seinen Körper zermalmte.
»Laura?« Madeleines Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie sah, wie die Presseagentin ihr die Seitentür einer der Studiohallen aufhielt. Sie führte in ein Rechteck aus Dunkelheit.
»Sorry, der Jetlag hat meine letzten verbliebenen Hirnzellen gekillt«, sagte Laura. Was nur halb gelogen war. Sie fühlte sich vom Flug dehydriert, vom Wein verkatert und von der wirkungslosen Schaftablette erschöpft.
»Wir besorgen dir einen Kaffee«, sagte Madeleine und trat durch die Tür. Laura folgte ihr. »Oder Tee, wenn dir das lieber ist. Ihr Briten seid verrückt danach, stimmt’s?«
»Kaffee ist prima.«
Es dauerte einen Moment, bis Lauras Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten.
Die Luft im Gebäude war kühler, sie prickelte auf ihren Wangen. Irgendwo tiefer im Gebäude hörte sie ein geschäftiges Brummen, Leute redeten, jemand hämmerte. Als ihre Augen sich angepasst hatten, zog die Dunkelheit sich zurück. Stattdessen wurde in der Mitte des riesigen Raums eine große Konstruktion sichtbar, als würde sie aus dem Nebel auftauchen. Mit jeder Sekunde wurde sie deutlicher, bis Laura ein Haus erkannte.
Ein Zittern durchfuhr ihren ganzen Körper.
Sie hatte das sichere Gefühl, dass ihr Schädel aufgeplatzt war und das Guesthouse auf den Boden gespuckt hatte.
Es war ein komplettes Gebäude. Ein ganzes Haus mit von innen beleuchteten Fenstern und einem Dach, das fast bis an die gewölbte Decke reichte. Ein imposantes Artefakt – Kanten, gestrichenes Holz, kaltes Glas.
Für einen Moment war sie wieder im Jahr 1993, am Set von The Guesthouse.
Sie spürte, wie die Vergangenheit nach ihr griff, und trat einen Schritt zurück.
»Eindrucksvoll, hm?« Madeleine schob ihre Sonnenbrille in die Stirn und führte Laura weiter ins Zentrum des Studios.
»Sie haben das ganze Ding nachgebaut«, murmelte Laura.
Als sie sich dem Set näherten, spürte sie ein Hämmern im Kopf. Unterhalb des Brustkorbs machte sich Übelkeit breit. Sie hatte das Gefühl, sich jeden Moment übergeben zu müssen.
Aber dieser Zustand war ihr vertraut.
Es war die Art Gefühl, das eine lange vergrabene Erinnerung begleitet. Eine Erinnerung, die hinauswill.
Sie begriff, dass sie es wirklich tun musste. Sie musste über die eine Sache sprechen, die zu thematisieren sie sich immer geweigert hatte.
Vor Jahren, in einem Augenblick morbider Neugier, hatte sie online einige Artikel über den Film gelesen, es hatte sie krankgemacht. Alle wollten dasselbe wissen: Wie sehr hatte der Film ihr das Leben versaut? Welche Narben waren zurückgeblieben? Hatte sie sich deswegen auf Nimmerwiedersehen aus dem Rampenlicht zurückgezogen? Alles nur, um den dunklen Schatten von The Guesthouse zu entkommen?
Beim Anblick des Sets schmeckte Laura Blut. Sie hatte ein Stück Haut von ihrer Unterlippe abgebissen und zwang sich nun, es herunterzuschlucken.
»Hey, Kyle«, sagte Madeleine zu einer makellosen Blondine, die in einem weißen Bademantel vorbeiging, begleitet von zwei Arbeitern in schwarzen T-Shirts.
»Maddy!«, antwortete die Frau. »Ich lasse mich blutig machen. Quatschen wir später?«
»Aber klar.« Die Presseagentin wandte sich an Laura. »Das ist Kyle Williamson, einer unserer Stars. Sie ist ein Schatz, wir reden noch mit ihr. Oh, hey, da ist Todd.« Sie deutete auf einen mageren Kerl in einem John-Carpenter-T-Shirt, der auf eine Frau mit einem Headset einredete. Er bemerkte Madeleine, sagte noch etwas zu der Frau und kam dann herüber.
»Hey, hi, willkommen im Cricklewood!« Aus der Nähe wirkte er noch jünger, twentysomething mit jungenhaftem Grinsen und gewellten schwarzen Haaren, die auf einen Laufsteg gehörten. Laura bezweifelte, dass er sich mehr als zweimal im Monat rasieren musste.
»Todd, das ist Laura von Zeppelin«, sagte Madeleine. »Laura, das ist Todd Terror.«
»Regisseur und Showrunner«, sagte er ohne jeden Anflug von Verlegenheit und schüttelte ihre Hand.
Das war der Showrunner? Himmel, was machten in Hollywood die Erwachsenen?
»Laura Warren, Schreiberling.«
Er lachte. »Richtig! Ich liebe die Zeitschrift, großer Fan! Hattest du irgendwas mit dem Roger-Corman-Artikel im letzten Jahr zu tun?«
Laura blinzelte. »Doch, ja. Das war einer von meinen.«
»Ah! Was für ein Typ. Du hast ihn wirklich getroffen. Toller Artikel.«
Sie wusste nicht, ob es Hollywood-Geschwafel oder echter Enthusiasmus war. Die Amerikaner hatten die professionelle Höflichkeit zur Kunstform erhoben. Sie verkniff sich einen finsteren Blick.
»Hey, wir setzen uns gerade zum Mittagessen, willst du reinkommen? Im Cricklewood einchecken?«
»Toll«, sagte Laura, auch wenn ihr Magen revoltierte und sie den Notausgang hinter sich spürte – fünfzehn Meter entfernt, nahe genug, um sich umzudrehen und einfach wegzulaufen.
Aber dann sagte Madeleine, sie werde in wenigen Minuten wieder da sein. Als sie verschwunden war, fing Todd an zu reden. Er führte sie an einem an der Wand stehenden Tisch mit Snacks, dann an einem weiteren Tisch mit Requisiten vorbei und die hölzernen Stufen zum Eingang des Guesthouse hinauf. Obwohl Laura innehalten und das Unvermeidliche hinauszögern wollte, folgten ihre Füße ihm nach.
Sie tat es wirklich.
Immerhin vergaß sie nicht, ihr Diktiergerät aus der Tasche zu ziehen und auf Aufnahme zu drücken. Sie packte das Gerät ganz fest, um ihre Hand am Zittern zu hindern.
In der Eingangshalle blieben sie stehen.
»Unsere Production Designerin ist ein Genie«, erklärte Todd. »Sie hat sich echt britische Guesthouses aus der Jahrhundertwende angesehen und die Atmosphäre aufgesaugt. Nicht schlecht, was?«
Laura begutachtete die Halle, die Geräusche von der Soundstage wurden durch die Wände gedämpft. Das Haus wirkte irgendwie falsch. Fast viktorianisch, aber zu groß und zu verziert. Der oberflächliche Eindruck war auf kitschige Weise britisch, was nicht mit den typisch amerikanischen Dimensionen harmonierte. Jede Lampe, jeder Bilderrahmen stach so auffällig hervor, dass es fast komisch war. Als hätte jemand ein Dutzend Guesthouses aus allen Teilen der Welt kannibalisiert und zu einem Frankensteinmonster von Hotel zusammengefügt.
»Du bist Britin, stimmt’s?« Laura korrigierte ihn nicht. Von einzelnen Begriffen abgesehen hatte sie ihren amerikanischen Akzent völlig abgelegt. Sie konnte als gebürtige Londonerin durchgehen. »Wir haben uns wirklich vom britischen Design inspirieren lassen. Hast du dort schon mal in einem Guesthouse übernachtet?«
»Ja, aber sie sehen nicht so aus wie das hier.«
Todds Grinsen verschwand.
Scheiße.
»Damit will ich sagen, dass diese Art Bed and Breakfast normalerweise mein Budget sprengt.«
»Genau genau genau. Setzen wir uns doch hin, dann kannst du ein paar Fragen stellen.« Todd führte sie durch einen türlosen Bogen in eine Lounge, der niemand gesagt hatte, dass die 1970er vorbei waren. Das dunkle Holz und die Blumentapeten verliehen dem Raum Schwere und Dekadenz. Die Decke war in einem glänzenden Baumrindenbraun gestrichen. Der plüschige Teppich sog Lauras Stiefel ein.
Todd deutete auf einen übergroßen Sessel. Laura nahm Platz, während Todd sich aufs Sofa hockte. Hinter ihm erlaubten die bodentiefen Fenster einen Blick auf die Soundstage. Im Dämmerlicht bewegten die Silhouetten der Arbeiter sich wie Geschöpfe aus der Tiefsee.
Laura versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.
Benimm dich wie ein Profi.
Aber ihr Hirn fühlte sich an, als würde es in zehn verschiedene Richtungen gezerrt. Gefühle, die sie seit Jahrzehnten weggepackt hatte, kämpften aufgeregt um Aufmerksamkeit. Sie räusperte sich und dachte kurz darüber nach, ihr Notizbuch zu zücken, bloß um etwas zu haben, das sie anschauen konnte. Aber es musste tief unten in ihrer Tasche liegen. Wenn sie anfing, darin herumzuwühlen, würde sie die Nerven verlieren.
»Also, ähm, fangen wir einfach vorn an«, sagte sie. »Was hat dich an It Feeds fasziniert?«
Todd wurde ernst. »Es hat mit dem Originalfilm angefangen, okay? Jeder kennt The Guesthouse. Der Film war Teil meiner Abschlussarbeit an der Filmhochschule. Ich war verrückt danach. Bin es immer noch. Tatsächlich besitze ich die originale Kopie. Ich hab sie vor einigen Jahren bei einer Auktion ersteigert, nachdem der Verleiher Pleite gemacht hat.«
Sein Stolz war unübersehbar.
»Du besitzt das Negativ?«, fragte sie.
»Ja. Also … es ist kein Negativ. Technisch gesprochen ist es eine Nullkopie, aber ich finde, ›Negativ‹ klingt cooler. Es ist in meinem Büro auf dem Gelände eingeschlossen. Jedenfalls … als meine Agentin gehört hat, dass Netflix die Rechte gekauft hatte, hab ich sie monatelang wegen eines Treffens genervt. Niemand liebt den Film mehr als ich, da konnte ich nicht zulassen, dass irgendjemand außer mir das Projekt in den Sand setzt.«
Er ließ eine Pause, als warte er auf ihr Lachen, aber Laura war nicht in der Stimmung.
»Wenn die Serie ein Reboot …«, begann sie, aber Todd fiel ihr ins Wort.
»Eine Neuinterpretation.« Er grinste. »Klingt abgedroschen, hm? Aber es stimmt. Ich hasse Remakes, die den ausgetretenen Pfaden folgen, ohne etwas Neues hinzuzufügen. Ich glaube, es ist möglich, den Geist eines Films zu bewahren, ohne ihn einfach zu kopieren. Deshalb nennen wir es Neuinterpretation. Wie Burtons Affen, nur hoffentlich besser.«
Er schaute sich im Wohnzimmer um. »Es gibt ein paar Dinge, mit denen das Publikum niemals rechnen wird, aber gleichzeitig soll es sich anfühlen wie The Guesthouse. Es soll dieselbe Angst hervorrufen, an einem unvertrauten Ort zu übernachten und von ihm zerstört zu werden.«
Laura hatte das Gefühl, jemand anders würde nicken und das Diktiergerät halten. Sie war nicht in ihrem Körper. Ihre Seele kreiste irgendwo unter der Decke und suchte nach einem Riss, durch den sie fliehen konnte.
Es ist bloß ein Filmset. Nur ein Set.
»Hat Madeleine dir von dem Medium erzählt?«, fragte Todd.
»Am Rande.«
»Das ist kein PR-Gag. Ich nehme das Zeug über den Fluch ernst. Du kennst die Geschichten, oder? Über die Sachen, die nach der Premiere von The Guesthouse passiert sind?«
Laura nickte, überrascht, dass er das Thema aufgebracht hatte. Sie hatte damit gerechnet, dass er seine Produktion nicht in Verbindung mit den Gerüchten bringen wollte, aber Todd schien das exakte Gegenteil vorzuhaben.
Andererseits war es wahrscheinlich unvermeidlich. Während der Produktion und danach waren acht Menschen gestorben. Der erste Fall war ein schrecklicher Unfall gewesen: 1993 war ein Mitglied der Crew vom Dach des Sets gefallen. Die zweite Tote war ihre Filmschwester, die zwei Monate nach dem Kinostart des Films nach einem elektrischen Defekt bei lebendigem Leib in ihrem Badezimmer verbrannt war. Das dritte Opfer, ihre Leinwandmutter, war 1994 am Biss einer äußerst selten vorkommenden Spinne gestorben.
All diese Tode spiegelten auf merkwürdige Weise Szenen aus dem Film, was Filmliebhaber mit einem Hang zum Makabren dazu brachte, alles Mögliche in sie hineinzulesen. Immerhin registrierte niemand, dass die Todesfälle 1998 ein Ende genommen hatten.
Laura erinnerte sich, dass sie atmen musste. Todd redete unverdrossen weiter.
»Das Letzte, was wir wollen, ist, dass jemandem etwas zustößt«, sagte er. »Ich weiß, dass manche Skeptiker davon überzeugt sind, dass dieser Fluch nicht real ist. Aber wenn ich in der Kirche irgendetwas gelernt habe, dann, dass es um uns herum Dinge gibt, die wir nicht verstehen und nicht verstehen sollen.«
Er beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie. »Wusstest du, dass ein Jahr nachdem der Film rauskam, ein Exorzist ins Studio geholt wurde? Manche Leute glaubten, diese Soundstage hier wäre verflucht. Andere sahen im Drehbuch selbst einen komplexen Fluch, der darauf abzielte, sämtlichen Beteiligten Schaden zuzufügen. Aber ich glaube, das ist nur sexistischer Schwachsinn, den Leute absondern, die nicht damit klarkommen, dass das Buch von einer Frau stammte.«
Er schüttelte den Kopf. »Wahrscheinlich will ich nur sagen, dass es bei solchen Fragen nicht immer eindeutige Wahrheiten gibt.«
»Menschen, die so denken, sind meistens zu faul, um gründlich nach der Wahrheit zu forschen.«
Todd starrte sie an, als frage er sich, ob sie ihn auf den Arm nehmen wollte.
Das wollte sie nicht. Zum Kern einer Geschichte vorzudringen war entscheidend für ihr Berufsethos. Es gab eine Menge oberflächliche Schreiberlinge, aber zu denen gehörte sie nicht. Die Jagd nach der Wahrheit war für ihr Leben so zentral wie die Sammlung von Winona-Ryder-DVDs und schwedische Rockmusik bei Spotify.
Aber hier quasselte Todd über den »Fluch«, als ginge es um einen Marketing-Coup. Ein Verkaufsargument für sein beschissenes Serien-Reboot. Ein heißes Thema, an dem sie ihren Artikel aufhängen konnte.
Laura glaubte nicht an Flüche. Oder an Zufälle.
Menschen waren zu Tode gekommen.
Sie hatte bis heute Albträume.
Aber dieser Penner würde ein Trauma nicht mal erkennen, wenn es ihm den Arm abhackte.
Sie atmete tief durch und fragte sich, ob sie gerade ihr eigenes Interview sabotiert hatte. In diesem Moment tauchte an der Tür eine Frau mit Headset auf.
»Todd? Wir sind bereit.«
Todd nickte. Laura stand gleichzeitig mit ihm auf. »Reden wir später weiter«, sagte er in etwas vorsichtigerem Ton als bisher. »Du bist ein paar Tage hier, oder? Ich möchte, dass du alles zu sehen bekommst, was du brauchst.«
»Danke.«
»Bis später.«
Er verschwand mit seiner Kollegin in den Tiefen des Hauses, ihre Stimmen entfernten sich. Laura blieb allein zurück. Die plötzliche Stille irritierte sie.
Ein leeres Filmset war wie eine leere Schule. Ohne unmittelbaren Zweck, wodurch man das Gefühl bekam, dass alles Mögliche passieren konnte.
Sie schaute sich in der Lounge um, nahm den Geruch von neuem Teppich, Tapetenkleister und Raumspray wahr. Unwillkürlich fragte sie sich, welche Art Schock Todd für diesen Raum geplant hatte.
Ein Stöhnen ertönte.
Es klang wie das Knarren von Holzbalken und das Knirschen von Mörtel. Im Holz entdeckte sie dunkle, an Augen erinnernde Astlöcher, glänzende Messingschrauben, die Blumen auf der Tapete ließen sie an Gesichter denken.
Fast fühlte es sich an, als würde der Raum sie beobachten.
»Verdammte Scheiße«, sagte Laura.
Sie war erschöpft. Sie musste hier raus.
Als sie in die Eingangshalle trat, hielt sie nach der Haustür Ausschau und fand sich stattdessen am Fuß der Treppe in den ersten Stock wieder. Ihr Atem stockte.
Sie war sicher, dass sie ganz kurz etwas Gelbes gesehen hatte. Jemand lief die Treppe hinauf. Ein kleines Mädchen.
Oben hörte sie eine Stimme singen.
»Eins für Kummer, zwei für Freude …«
Ihr wurde schwarz vor Augen.
Laura begann zu zählen – eins, drei, sechs, neun – und ihren Atem an den Rhythmus der Ziffern anzupassen. Das war ein alter Schutzmechanismus, der ihre Angst eindämmte. Aber die übersprudelnde Stimme durchbrach die Schutzschicht und störte ihre Konzentration.
»Drei fürs Grab, vier fürs Neue …«
Laura drehte sich auf der Stelle um und hätte fast das Gleichgewicht verloren. Die Stimme war unmöglich zu lokalisieren. Gerade eben noch schien sie von rechts gekommen zu sein, jetzt als Echo aus der Lounge.
Sie drehte sich wieder um und erstarrte, als sie vor einer dunklen Tür eine Bewegung wahrnahm.
Jemand atmete gurgelnd und pfeifend.
Fünf nagelartige Krallen legten sich um den Türrahmen. Dahinter bewegte sich etwas im Dunkeln, Laura hörte ein Flüstern.
»pollllllllyyyyyyyyyyyyshhhhhh.«
Sie rannte durch die Haustür und die Stufen zum Boden der Soundstage hinunter. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Vor sich sah sie den Ausgang, ein Rechteck aus Licht am anderen Ende des Gebäudes. Nichts wie raus hier!
Aber sie war stehen geblieben, sie rannte nicht mehr.
Sie wollte nicht zurückschauen, wehrte sich mit all ihrer Willenskraft. Trotzdem fühlte sie sich wehrlos gegenüber der Macht, die ihren Körper zwang, sich umzudrehen.
Sie schaute zum Guesthouse hinauf und sah den Mann fallen. Er stürzte wie ein nasser Sack vom Dach und schlug dumpf auf dem Boden auf, sodass das Blut nur so spritzte.
Übelkeit zog Laura die Kehle zusammen, ihr Mund füllte sich mit Spucke.
»Laura?« Madeleines Stimme drang durch das Rauschen in ihrem Kopf. Die Pressebetreuerin war neben ihr aufgetaucht, wieder lag die einzelne Falte auf ihrer Stirn. Aber Laura ignorierte sie.
Sie ließ den Blick über den Boden schweifen, auf der Suche nach dem Mann, der gerade gestürzt war, aber er war verschwunden.
»Hast du gerade jemanden gesehen?«, fragte sie Madeleine atemlos. »Auf dem Dach?«
Madeleine verstummte. Dann sagte sie: »Nein, warum?«
»Hast du etwas gehört?« Laura schaute an der Fassade hoch, dann wieder zu Boden, auf der Suche nach einem Hinweis, dass der Mann tatsächlich da gewesen war. Der dumpfe Aufprall und das spritzende Blut waren ihr so real vorgekommen. Aber sie sah nichts. Kein Blut. Keine Leiche.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Madeleine.
Laura hörte sie kaum. Zweifel dämpften die Panik, die sie ergriffen hatte. Aber die Zweifel waren fast noch schlimmer, denn sie war sicher, dass sie den Mann hatte fallen sehen. Ihre Kehle brannte, sie begriff, dass sie sich tatsächlich übergeben würde.
»Wo ist die Toilette?«, fragte sie.
Madeleine riss die Augen auf. »Durch die Tür da. Soll ich dich hinbringen?«
»Nein, alles bestens.«
Sie schaffte es gerade rechtzeitig in die Kabine, um den Sitz hochzuklappen und in die Kloschüssel zu kotzen.
Immer wieder sah sie den Mann vom Highway vor sich, er fiel und fiel. Sie übergab sich immer weiter, erbrach den kompletten Inhalt ihres Magens, bis ihr der Rücken wehtat.
Als das Würgen vorbei war, fühlte sie sich komplett ausgewrungen und hockte sich auf die Fersen. Sie zog ab, klappte den Sitz herunter und schaute ihre Hände an. Mit aller Willenskraft unterdrückte sie ihr Zittern. Sie holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus, dabei schmeckte sie Kotze und Brezel aus dem Flieger.
Es ist nur Fernsehen. Eine beschissene Miniserie, die nach der ersten Staffel eingestellt und schnell wieder vergessen wird.
Das alles hier unterschied sich nicht von anderen Reisen und Setbesuchen, die sie in den vergangenen Jahren immer wieder unternommen hatte. Es waren nur ein paar Tage, mehr nicht. Nächste Woche um diese Zeit würde sie in London an einem anderen Artikel arbeiten, etwas Sicherem und Unpersönlichem. Dann würde sie nie wieder an It Feeds oder Todd Terror oder The Guesthouse denken müssen.
Sie pinkelte, überprüfte, dass keine Kotzspuren auf ihrer khakifarbenen Jacke waren, und trat aus der Kabine.
Am Becken stand eine Frau und wusch sich die Hände.
Laura stellte sich vor das Becken daneben und versuchte, ihr verquollenes Spiegelbild zu ignorieren. Die andere Frau wirkte unterernährt, ihr Gesicht war schmal und skeletthaft, sodass Laura sich fragte, ob in L.A. buchstäblich jeder auf Diät war. Sie schätzte das Alter der Frau auf fünfzig bis sechzig. Mit ihrem weiten blauen Hemd, der zerrissenen Jeans und den nikotingelben Fingern schien sie eher in eine Biker-Bar zu passen. Außerdem entdeckte Laura weder ein Headset noch einen Mitarbeiterausweis. Ihre braunen Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden, was ihre dunklen Augen auf beunruhigende Weise zur Geltung brachte. Sie waren praktisch komplett schwarz.
Laura wurde das Gefühl nicht los, dass die Frau wusste, dass sie in der Kabine ausgetickt war. Vielleicht hatte sie ihr sogar beim Würgen zugehört. So oder so, ihr Blick im Spiegel führte dazu, dass Laura sich anspannte. Es kam ihr fast vor, als würde die Frau sie kennen, obwohl sie sich noch nie über den Weg gelaufen waren.
»Arbeitest du auch bei It Feeds?«, fragte Laura. Normalerweise hielt sie sich von Filmleuten fern, wenn keine Presseagentin dabei war, die den Kontakt überwachte. Trotzdem war sie neugierig. Außerdem war es eine gute Ablenkung von ihren herumwirbelnden Gedanken.
»Wenn man es Arbeit nennen will.« Ihre Stimme klang tief und gelangweilt.
Die Frau sah weg, woraufhin sich Lauras Schulterpartie entspannte. Sie registrierte, wie die Frau an den Handtuchspender trat und ihre Hände abtrocknete. In ihrer Gesäßtasche steckte ein Päckchen Zigaretten. Als sie sich auf den Weg zum Ausgang machte, öffnete sich die Tür. Madeleine trat ein und schaffte es nur knapp, nicht mit der Frau zusammenzustoßen.
»Oh, hey, Beverly«, sagte Madeleine und machte einen Schritt zur Seite. »Tut mir leid.«
Beverly antwortete nicht. Sie ging hinaus, die Tür fiel hinter ihr zu.
Madeleine zog demonstrativ die Augenbrauen hoch.
»Sieht aus, als hättest du gerade unser Medium kennengelernt.«
Auszug aus dem Drehbuch zu The Guesthouse, datiert auf den 16. Oktober 1992, verfasst von Yvonne Lincoln
Transkript eines Ausschnitts aus Episode 1 von Movies That Kill (Twisted Entertainment), ausgestrahlt am 31.10.1996 (VH1)
»Wie lange weißt du es schon?«, fragte Laura energisch.
Auf dem Display ihres Handys sah sie Mike auf einem Schreibtischstuhl mit hoher Rückenlehne sitzen. Er war knapp vierzig, kahl, dunkelhäutig und sah in seinem maßgeschneiderten gelben Hemd, das die muskulösen Schultern zur Geltung brachte, ziemlich gut aus. Er hatte die Art Gesicht, das es ihr in den fünf Jahren, die sie sich kannten, schwergemacht hatte, ihm jemals über längere Zeit böse zu sein. Sein Lachen war ansteckend, es gehörte zu den Dingen, die sie zu ihm hingezogen hatten. Sein Sinn für Humor, sein Ehrgeiz, sein Faible für koreanisches Essen und Tori Amos. Auch dass er sich nicht besonders für Horror interessierte, machte es leichter. Von The Guesthouse hatte er nie gehört.
Heute allerdings bewirkte das offene Lächeln ihres Expartners und Herausgebers, dass sie am liebsten das Display zerkratzt hätte und ihr auf der Zunge lag: Du hast mich reingelegt du hast mich reingelegt du hast mich reingelegt.
Mike ignorierte ihre Frage. »Hast du überhaupt geschlafen? Du siehst erschöpft aus.«
»Nein, um ehrlich zu sein. Seit London hab ich kein Auge zugetan.«
Madeleine, die Pressebetreuerin, hatte sie vor zwanzig Minuten am Loft Hotel abgesetzt. Nach Lauras Begegnung mit dem sogenannten Medium hatte Madeleine darauf bestanden, dass Laura eincheckte, ihre Sachen ablegte und sich erst einmal zurechtfand. Laura begriff, dass es sich dabei um L.A.-Sprech für Du siehst beschissen aus, Schätzchen handelte.
Das Hotel war rustikal mit einem industriellen Touch. Imitierte freiliegende Balken, Pflanzen, Metalloberflächen, Plüschteppiche und verspiegeltes Glas. Nicht die Art Unterkunft, die Laura sich selbst ausgesucht hätte.
Hätte sie den Anruf bei Mike von ihrem Zimmer aus gemacht, wäre sie nach zwei Sekunden bewusstlos ins Bett gefallen, also suchte sie sich lieber einen Tisch in der Hotelbar. Es war erst fünf Uhr nachmittags, aber sie spürte den Jetlag, als wäre er in ihren Körper eingezogen. In London war es ein Uhr morgens, es ärgerte sie, dass Mike bei ihrem Anruf noch wach war. Natürlich kannte sie ihn als Nachteule, trotzdem hatte sie gehofft, ihn auf dem falschen Fuß zu erwischen. Ihn zu wecken und eine Weile anzubrüllen, solange er noch im Halbschlaf und wehrlos war.
Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, er würde aufhören, so verdammt perfekt zu sein.
»Laura …«, hörte sie ihn in ihren Ohrstöpseln, unterbrach ihn aber sofort.
»Wie lange weißt du es schon, Mike?«
Er seufzte und rieb sich den Nacken. »Sechs Monate.«
