Verderbnis - Mo Hayder - E-Book + Hörbuch

Verderbnis E-Book

Mo Hayder

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Beschreibung

Wahre Bosheit kommt von innen

An einem kühlen Novemberabend wird auf dem Parkplatz eines Supermarktes in der Nähe von Bristol ein Auto entwendet. Mit Gewalt – und mit der elfjährigen Martha Bradley auf dem Rücksitz. Detective Inspector Jack Caffery hofft zunächst, dass der Täter nur das Auto und nicht das Kind wollte. Doch er wird eines Besseren belehrt. Martha Bradley bleibt verschwunden, spurlos. Und der Täter lässt ihn wissen, dass er es wieder tun wird. Jack Caffery spürt, dass er es mit einem sehr starken Gegner zu tun hat, einem Gegner, der ihn vorführt, ihm immer einen Schritt voraus ist. Und der seine Drohungen wahr macht. Denn kurz darauf entführt er ein weiteres kleines Mädchen. Und mit jeder Stunde, die vergeht, wird es unwahrscheinlicher, dass Caffery und sein Team die Kinder noch lebend retten können …

Er beobachtet dich. Wartet auf dich. dann holt er dich!

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Seitenzahl: 633

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Mo Hayder

VERDERBNIS

Psychothriller

Deutsch von Rainer Schmidt

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel »Gone« bei Bantam Press, an imprint of Transworld Publishers London.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe

by Mo Hayder 2010

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2011 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

ISBN 978-3-641-05632-2

www.goldmann-verlag.de

1

Detective Inspector Jack Caffery von der Major Crime Investigation Unit, dem Dezernat für Schwerverbrechen bei der Polizei in Bristol, verbrachte zehn Minuten im Zentrum von Frome und nahm den Tatort in Augenschein. Er ging vorbei an Absperrgittern, blitzenden Blaulichtern, Flatterband und den Zuschauern, die mit ihren Samstagnachmittagseinkäufen in kleinen Gruppen zusammenstanden und die Hälse reckten, um einen Blick auf die Kriminaltechniker mit ihren Pinseln und Plastikbeuteln zu werfen. Geraume Zeit blieb er da stehen, wo alles passiert war, zwischen Ölflecken und zurückgelassenen Einkaufswagen in der Tiefgarage, und versuchte, den Ort in sich aufzunehmen und zu entscheiden, wie beunruhigt er sein sollte. Trotz seines Mantels fror er schon, als er dann in das winzige Büro der Aufsicht hinaufging, wo Ortspolizisten und Kriminaltechniker sich auf einem kleinen Farbmonitor die Aufnahmen der Überwachungskamera anschauten. Sie standen im Halbkreis und hielten Becher mit Automatenkaffee in den Händen, ein paar noch in ihren Anzügen aus Tyvek-Fleece mit zurückgeschlagenen Kapuzen. Alle blickten auf, als Caffery eintrat, aber er schüttelte den Kopf und spreizte die Hände, um anzudeuten, dass er keine Neuigkeiten brachte. Mit verschlossenen, ernsten Gesichtern wandten sie sich wieder dem Monitor zu.

Das Bild hatte die typische Körnigkeit eines einfachen Überwachungssystems, und die Kamera war auf die Einfahrtsrampe der Parkgarage gerichtet. Der undurchsichtige Zeitstempel wechselte von Schwarz nach Weiß und wieder zurück, und auf dem Bildschirm sah man Autos in Reih und Glied auf den markierten Parkflächen. Hinter ihnen fiel das Licht der Wintersonne hell über die Rampe. Am Heck eines der Autos – eines Toyota Yaris – stand eine Frau mit dem Rücken zur Kamera und lud ihre Einkäufe aus einem Einkaufswagen in den Kofferraum. Jack Caffery war ein Inspector mit der Erfahrung von achtzehn Jahren härtester Polizeiarbeit beim Morddezernat in einigen der brutalsten Innenstadtgebiete des Landes. Trotzdem war er machtlos gegen den scharfen Stich der Angst, den dieses Bild ihm versetzte, denn er wusste, was als Nächstes passieren würde.

Aus den Zeugenaussagen, die die örtliche Polizei zu Protokoll genommen hatte, kannte er schon eine ganze Menge Fakten. Die Frau hieß Rose Bradley. Sie war mit einem Geistlichen der Church of England verheiratet und Ende vierzig, aber auf dem Bildschirm sah sie älter aus. Sie trug eine kurze dunkle Jacke aus einem schweren Stoff – Chenille vielleicht –, einen wadenlangen Tweedrock und flache Pumps. Sie hatte kurz und adrett geschnittene Haare. Sie war eine Frau, die so vernünftig aussah, dass sie einen Schirm mitnehmen oder ein Tuch um den Kopf binden würde, wenn es regnete, aber es war ein klarer, kalter Tag, und sie trug keine Kopfbedeckung. Rose hatte den Nachmittag über in den Kleiderboutiquen im Zentrum von Frome herumgestöbert und ihren Ausflug mit den wöchentlichen Lebensmitteleinkäufen für die Familie bei Somerfield beendet. Bevor sie angefangen hatte, die Tüten in ihren Yaris zu laden, hatte sie Autoschlüssel und Parkhausticket auf den Vordersitz des Wagens gelegt.

Das Sonnenlicht hinter ihr flackerte, und sie hob den Kopf und sah einen Mann, der schnell die Rampe heruntergelaufen kam. Er war groß und breitschultrig und trug Jeans und eine Steppjacke. Über den Kopf hatte er eine Gummimaske gestülpt: eine Santa-Claus-Maske. Für Caffery war das gespenstischer als alles andere – diese Gummimaske, die wippte, als der Mann auf Rose zurannte. Das Grinsen veränderte sich nicht, verblasste nicht, als er näher kam.

»Er hat drei Worte gesagt.« Der Inspector vom lokalen Revier – ein großer, streng aussehender Mann in Uniform, der, nach seinen rot geränderten Nasenlöchern zu urteilen, ebenfalls draußen in der Kälte gestanden hatte – deutete mit dem Kopf auf den Monitor. »Genau hier – als er bei ihr ankommt. Er sagt: ›Weg da, Schlampe.‹ Sie hat die Stimme nicht erkannt, und sie weiß nicht, ob er mit Akzent sprach oder nicht, weil er geschrien hat.«

Der Mann packte Rose beim Arm und schleuderte sie weg vom Wagen. Ihr rechter Arm flog in die Höhe, eine Kette oder ein Armband zerriss, und Perlen flogen durch die Luft und funkelten im Licht. Sie prallte mit der Hüfte gegen den Kofferraum des Nachbarwagens, und ihr Oberkörper schnellte seitwärts darüber hinweg, als wäre er aus Gummi. Ihr Ellbogen bekam Kontakt mit dem Wagendach, sodass sie wie eine Peitschenschnur vom Wagen zurückflog und auf den Knien landete. Inzwischen saß der Mann mit der Maske auf dem Fahrersitz des Yaris. Rose sah, was er tat, und rappelte sich hoch. Sie erreichte das Seitenfenster und zerrte panisch am Türgriff, als der Mann den Schlüssel ins Zündschloss schob. Ein kleiner Ruck ging durch den Wagen, als er die Handbremse löste und dann zurücksetzte. Rose stolperte daneben her; halb fiel sie, halb wurde sie mitgeschleift, und dann bremste der Mann jäh, schaltete und schoss mit durchdrehenden Reifen vorwärts. Roses Hand rutschte vom Türgriff, und sie blieb zurück und stürzte schwerfällig, rollte einmal über sich selbst und blieb mit ungelenk verdrehten Armen und Beinen liegen. Sie kam gleich wieder zu sich und hob den Kopf gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie der Wagen in Richtung Ausfahrt raste.

»Was dann?«, fragte Caffery.

»Nicht mehr viel. Wir haben ihn noch auf einer anderen Kamera.« Der Inspector richtete eine Fernbedienung auf den Digitalrekorder und klickte sich durch die Aufzeichnungen der verschiedenen Kameras. »Hier – wie er die Tiefgarage verlässt. Er benutzt ihr Ticket für die Schranke. Aber in dieser Übertragung ist das Bild nicht so gut.«

Auf dem Monitor sah man den Yaris von hinten. Die Bremslichter leuchteten auf, als er vor der Schranke langsamer fuhr. Das Fahrerfenster glitt herunter, der Mann streckte die Hand heraus und schob das Ticket in den Schlitz. Nach einer kurzen Verzögerung öffnete sich die Schranke. Die Bremslichter erloschen, und der Yaris fuhr davon.

»An der Schranke sind nirgends Abdrücke«, sagte der Inspector. »Er hat Handschuhe getragen. Sehen Sie sie?«

»Stoppen Sie hier«, sagte Caffery.

Der Inspector hielt das Bild an. Caffery beugte sich näher zum Monitor herunter und drehte den Kopf zur Seite, um das Rückfenster über dem beleuchteten Nummernschild zu betrachten. Als der Fall der MCIU gemeldet wurde, hatte der Superintendent des Dezernats, ein unnachsichtiger Scheißkerl, der eine alte Frau an den Fußboden nageln würde, wenn sie Informationen hätte, die seine Aufklärungsrate verbessern könnten, Caffery aufgetragen, als Erstes festzustellen, ob die Anzeige zutreffend war oder nicht. Caffery suchte die Schatten und Spiegelungen auf der Heckscheibe ab. Er sah etwas auf dem Rücksitz. Etwas Helles, Verschwommenes.

»Ist sie das?«

»Ja.«

»Sind Sie sicher?«

Der Inspector drehte sich um und schaute ihn lange an, als vermutete er hier einen Test. »Ja«, sagte er langsam. »Warum?«

Caffery antwortete nicht. Er würde nicht laut sagen, dass der Superintendent beunruhigt war, weil es da draußen schon so oft vorgekommen war, dass irgendein Arschgesicht ein Kind auf dem Rücksitz erfunden hatte, wenn ihm das Auto gehijackt worden war – in der Annahme, dass die Polizei dann mit größerem Engagement nach dem Wagen fahnden würde. So was kam vor. Aber es sah nicht so aus, als ob Rose Bradley so etwas im Sinn hätte.

»Ich will sie noch mal sehen. Vorher.«

Der Inspector richtete die Fernbedienung auf den Monitor und zappte durch das Menü zum vorhergehenden Clip und bis zu dem Augenblick, der neunzig Sekunden vor dem Angriff auf Rose lag. Die Parketage war leer. Nur das Sonnenlicht im Eingang und die Autos. Als der Zeitstempel auf 16.31 Uhr sprang, öffnete sich die Tür zum Supermarkt, und Rose Bradley schob ihren Einkaufswagen heraus. Neben ihr ging ein kleines Mädchen in einem braunen Dufflecoat, blass und mit blonder Ponyfrisur. Sie trug pastellfarbene Spangenschuhe und eine rosa Strumpfhose und hatte die Hände in die Taschen geschoben. Rose schloss den Yaris auf, und das kleine Mädchen öffnete die hintere Seitentür und kletterte hinein. Rose schloss die Tür hinter ihr, legte Schlüssel und Ticket auf den Vordersitz und ging zum Kofferraum.

»Okay. Hier können Sie stoppen.«

Der Inspector schaltete den Monitor aus und richtete sich auf. »Major Crime ist hier. Wessen Fall ist das dann? Ihrer? Meiner?«

»Weder noch.« Caffery zog seinen Schlüsselbund aus der Tasche. »So weit wird es gar nicht kommen.«

Der Inspector hob eine Braue. »Wer sagt das?«

»Die Statistik. Er hat einen Fehler gemacht – er wusste nicht, dass sie im Wagen saß. Bei der nächsten Gelegenheit schmeißt er sie raus. Wahrscheinlich hat er es schon getan, aber der Anruf kriecht noch durch die Kanäle.«

»Das ist fast drei Stunden her.«

Caffery hielt seinem Blick stand. Der Inspector hatte recht; die drei Stunden gingen über das hinaus, was die Statistik sagte, und das gefiel ihm nicht. Aber er war lange genug dabei, um mit solchen Ausnahmen zu rechnen, die es von Zeit zu Zeit gab. Mit Abweichungen, Regelwidrigkeiten. Ja, drei Stunden, das klang nicht gut, aber wahrscheinlich gab es einen einfachen Grund. Vielleicht versuchte der Kerl, weit genug wegzukommen, irgendeine Stelle zu finden, wo man ihn sicher nicht sehen würde, wenn er die Kleine absetzte.

»Sie taucht wieder auf. Ich gebe Ihnen mein Wort.«

»Wirklich?«

»Wirklich.«

Caffery knöpfte sich beim Hinausgehen den Mantel zu. Er hätte in einer halben Stunde Feierabend, und es gab ein paar Dinge, die er für den Abend in Erwägung gezogen hatte – ein Pub-Quiz des Police Social Club in der Bar in Staple Hill, eine Fleischtombola im Coach and Horses in der Nähe seines Büros, einen Abend allein zu Hause. Eine trostlose Auswahl. Aber nicht so trostlos wie das, was er jetzt tun musste. Denn jetzt musste er die Familie Bradley aufsuchen und mit ihr sprechen. Musste feststellen, ob es – abgesehen von einer statistischen Unregelmäßigkeit – noch einen Grund gab, weshalb ihre jüngere Tochter Martha noch nicht wieder da war.

2

Es war halb sieben, als er in der Siedlung nahe dem Dörfchen Oakhill in den Mendips ankam, einer halbwegs schicken Wohnanlage für leitende Angestellte, die vor ungefähr zwanzig Jahren erbaut worden war, mit einer breiten Straße, die hier endete, und großen, mit Lorbeer- und Eibenhecken umgrenzten Grundstücken auf dem Hügelhang. Das Haus sah nicht aus, wie er es bei einem Pfarrhaus erwartet hätte. Er hatte sich ein einzelnes Gebäude vorgestellt, mit Glyzinen, einem Garten und steinernen Torpfosten, in die »The Vicarage« eingemeißelt war. Stattdessen sah er eine Doppelhaushälfte mit einer geteerten Einfahrt, dekorativ verkleideten Kaminen und PVC-Fenstern. Er hielt vor dem Haus und stellte den Motor ab. Dies war der Teil seiner Arbeit, bei dem er innerlich erstarrte: wenn er den Opfern gegenübertreten musste. Einen Moment lang erwog er, den Weg zur Haustür nicht zu betreten. Nicht anzuklopfen. Einfach umzukehren und zu verschwinden.

Die polizeiliche Familienbetreuerin, die den Bradleys zugewiesen worden war, öffnete die Tür. Sie war eine große Frau um die dreißig mit einer glänzend schwarzen Pagenfrisur. Sie trug flache Schuhe unter einer weit ausgestellten Hose und hatte eine gebeugte Haltung, als wäre die Decke zu niedrig. Vielleicht machte ihre Größe sie befangen.

»Ich habe ihnen gesagt, von welchem Dezernat Sie kommen.« Sie trat einen Schritt zurück, damit er eintreten konnte. »Nicht weil ich ihnen Angst machen wollte, sondern damit sie wissen, dass wir es ernst nehmen. Und ich habe ihnen gesagt, dass Sie noch nichts Neues wissen. Dass Sie nur noch ein paar Fragen stellen wollen.«

»Wie nehmen sie es auf?«

»Was glauben Sie?«

Er zuckte die Achseln. »Stimmt. Dumme Frage.«

Sie schloss die Tür und musterte Caffery eindringlich. »Ich habe von Ihnen gehört. Ich weiß Bescheid über Sie.«

Es war warm im Haus, und Caffery zog den Mantel aus. Er fragte die Familienbetreuerin nicht, was sie über ihn wusste und ob es gut oder schlecht war. Er war es gewohnt, einem gewissen Typ Frau gegenüber wachsam zu sein. Irgendwie hatte er es geschafft, einen gewissen Ruf von seiner alten Stelle in London den weiten Weg bis hierher ins West Country mitzuschleppen. Das war ein Teil dessen, was dafür sorgte, dass er einsam blieb. Ein Teil dessen, was ihn veranlasste, sich unsinnige Dinge für seine Abende vorzunehmen, eine Fleischtombola zum Beispiel oder ein Pub-Quiz der Polizei.

»Wo sind sie?«

»In der Küche.« Mit dem Fuß schob sie eine Zugluftrolle vor den unteren Türspalt. Es war kalt draußen. Eisig. »Aber kommen Sie hier herein. Ich will Ihnen erst die Fotos zeigen.«

Die Familienbetreuerin führte ihn in ein Nebenzimmer mit halb geschlossenen Vorhängen. Die Möbel waren von guter Qualität, aber schäbig. An einer Wand stand ein Klavier aus dunklem Holz, ein Fernseher war in einem Intarsienschrank untergebracht, und auf zwei verschossenen Sofas lagen Decken, die aussahen wie zusammengenähte alte Navajo-Webereien. Alles hier – Teppiche, Wände, Möbel – wirkte verschlissen von jahrelanger Benutzung durch Kinder und Tiere. Auf einem der Sofas lagen zwei Hunde, ein schwarz-weißer Collie und ein Spaniel. Beide hoben den Kopf und starrten Caffery an. Wieder wurde er gemustert. Wieder wollte jemand wissen, was, zum Teufel, er vorhatte.

Vor einem niedrigen Tisch blieb er stehen. Etwa zwanzig Fotos lagen dort ausgebreitet. Sie stammten aus einem Album, und in ihrer Hast hatte die Familie die Klebeecken mit herausgerissen. Martha war klein und blass, und ihr weißblondes Haar war zu einer Ponyfrisur geschnitten. Sie trug eine Brille – eine, für die ein Kind gehänselt wurde. Eine weitverbreitete Meinung in Ermittlerkreisen besagte, dass eines der wichtigsten Dinge bei der Suche nach einem vermissten Kind darin bestehe, das richtige Foto für diese Suche auszuwählen. Es müsse im Sinn einer schnellen Identifizierung charakteristisch sein, aber das Kind auch sympathisch machen. Mit der Fingerspitze schob er die Bilder hin und her. Es waren Schulfotos, Ferienfotos, Geburtstagspartyfotos. Bei einem hielt er inne. Martha trug ein melonenfarbenes T-Shirt, und ihr Haar war zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr Gesicht umrahmten. Der Himmel hinter ihr war blau, und in der Ferne sah man baumbewachsene Hügel. Der Aussicht nach hatte man es draußen in einem Garten der Siedlung aufgenommen. Er drehte es herum, damit die Familienbetreuerin es betrachten konnte. »Haben Sie das hier ausgesucht?«

Sie nickte. »Ich habe es an die Presseabteilung gemailt. Ist es das Richtige?«

»Ich hätte es auch genommen.«

»Möchten Sie jetzt zu ihnen?«

Er seufzte. Beäugte die Tür, auf die sie deutete. Was er jetzt tun musste, hasste er. Es war, als stünde er vor der Tür zu einem Löwenkäfig. Im Umgang mit den Opfern wusste er nie, wie er das richtige Gleichgewicht zwischen Professionalität und Mitgefühl finden sollte. »Na, kommen Sie. Bringen wir’s hinter uns.«

Er trat in die Küche, und die drei Mitglieder der Familie Bradley hörten sofort auf mit dem, was sie gerade machten, und sahen ihm erwartungsvoll entgegen. »Nichts Neues.« Er hob beide Hände. »Ich habe nichts Neues.«

Sie atmeten unisono aus und sanken wieder in ihre kläglich gebeugte Haltung zurück. Im Geist glich er sie mit den Informationen ab, die er auf dem Revier Frome bekommen hatte: Da an der Spüle stand Reverend Jonathan Bradley, Mitte fünfzig, groß und mit dunkelblondem Haar, das dicht und wellig über der hohen Stirn nach hinten gekämmt war. Er hatte eine breite, gerade Nase, die über einem weißen Stehkragen genauso selbstbewusst aussehen würde, wie sie es über dem traubenblauen Sweatshirt und der Jeans tat, die er jetzt trug. Unter der Abbildung einer Harfe auf der Brust des Sweatshirts stand das Wort »Iona«.

Philippa, die ältere Tochter der Bradleys, saß am Tisch. Sie war der Inbegriff des rebellischen Teenagers mit ihrem Nasenring und den schwarz gefärbten Haaren. Im wirklichen Leben würde sie sich hinten im Zimmer auf dem Sofa fläzen, ein Bein über die Armlehne gelegt, einen Finger im Mund, und ausdruckslos auf den Fernseher starren. Aber das tat sie nicht. Sie saß da, die Hände zwischen die Knie geklemmt, mit hochgezogenen Schultern und einem verstörten Gesichtsausdruck.

Und da war Rose, ebenfalls am Tisch. Als sie das Haus am Morgen verlassen hatte, musste sie ausgesehen haben wie eine Frau auf dem Weg zur Gemeinderatssitzung, mit Perlen und gut frisiertem Haar. Aber ein Gesicht konnte sich innerhalb von Stunden schrecklich verändern, das wusste er aus Erfahrung, und jetzt sah Rose in ihrer farblosen Strickjacke und dem Polyesterkleid aus, als wäre sie schon halb in der Klapsmühle. Ihr dünnes blondes Haar klebte feucht am Kopf. Sie hatte rötliche Schwellungen unter den Augen und ein Krankenhauspflaster auf einer Seite des Gesichts. Außerdem hatte sie Beruhigungsmittel bekommen; das sah er an der unnatürlichen Schlaffheit ihres Mundes. Zu dumm, er hätte sie gern bei klarem Verstand gehabt.

»Wir sind froh, dass Sie hier sind.« Jonathan Bradley versuchte zu lächeln. Er kam herüber und berührte Cafferys Arm. »Setzen Sie sich. Ich gieße Ihnen einen Tee ein – wir haben eine Kanne fertig.«

Die Küche wirkte abgewohnt wie der Rest des Hauses, aber es war warm hier. Auf dem Fenstersims über der Spüle stand eine Reihe von Geburtstagskarten. Ein kleines Regalbord neben der Tür war voll von Geschenkpäckchen. Eine Torte auf einem Abkühlgitter wartete auf den Zuckerguss. Mitten auf dem Tisch lagen drei Handys, als hätte die Familie sie dort nebeneinander aufgereiht, weil eins davon jeden Augenblick klingeln könnte. Caffery wählte einen Stuhl Rose gegenüber, setzte sich und lächelte ihr zu. Sie sah ihn an und zuckte kurz mit den Mundwinkeln. Vom Weinen waren auf ihren Wangen Äderchen geplatzt. Ihre rot geränderten Augenlider hingen schlaff herab. Manchmal sahen die Augen von Schädelverletzten so aus. Er würde sich bei der Familienbetreuerin erkundigen, woher die Tranquilizer stammten. Ob es im Hintergrund einen Arzt gab, oder ob Rose einfach die Hausapotheke geplündert hatte.

»Morgen hat sie Geburtstag«, flüsterte sie. »Werden Sie sie zu ihrem Geburtstag nach Hause zurückbringen?«

»Mrs. Bradley«, sagte er, »ich möchte Ihnen erklären, warum ich hier bin, und ich möchte es tun, ohne Sie zu erschrecken. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Mann, der Ihnen den Wagen gestohlen hat, in dem Augenblick, als er begriff, dass er einen Fehler gemacht hatte – dass Martha auf dem Rücksitz saß –, angefangen hat zu planen, sie wieder freizulassen. Vergessen Sie nicht, er hat ebenfalls Angst. Er wollte das Auto, aber keine Anklage wegen Kindesentführung zusätzlich zu der wegen Carjackings. So ist es immer in Fällen wie diesem. In meinem Büro gibt es Literatur darüber. Ich habe sie gelesen, bevor ich herkam, und ich kann Ihnen Kopien davon anfertigen lassen, wenn Sie wollen. Andererseits …«

»Ja? Andererseits?«

»Mein Dezernat muss den Fall als Kindesentführung behandeln, weil das in unserer Verantwortung liegt. Es ist völlig normal, und es bedeutet nicht, dass wir beunruhigt sind.« Er spürte, dass die Familienbetreuerin ihn beobachtete, während er redete. Er wusste, dass die Familienbetreuer manche Wörter mit roten Fähnchen markierten, wenn sie mit Familien zu tun hatten, die von einem Gewaltverbrechen betroffen waren. Deshalb benutzte er den Ausdruck »Kindesentführung« behutsam und sprach ihn in dem leichten, kaum hörbaren Tonfall aus, den die Generation seiner Eltern für ein Wort wie »Krebs« benutzt hätte. »Alle unsere Kennzeichenerkennungseinheiten sind informiert. Sie haben automatische Erkennungskameras, die auf allen größeren Straßen nach dem Kennzeichen Ihres Wagens suchen. Wenn er eine der Hauptstraßen in dieser Gegend benutzt, werden wir ihn entdecken. Wir haben zusätzliche Teams zur Anwohnerbefragung zusammengestellt und eine Pressemitteilung herausgegeben, wodurch die regionale und wahrscheinlich auch überregionale Berichterstattung praktisch garantiert ist. Ja, wenn Sie jetzt Ihren Fernseher einschalten, werden Sie es wahrscheinlich in den Nachrichten sehen. Ich habe veranlasst, dass einer unserer Techniker hierherkommt. Er braucht Zugang zu Ihren Telefonen.«

»Für den Fall, dass jemand anruft?« Rose sah ihn verzweifelt an. »Wollen Sie das damit sagen – dass jemand uns anrufen könnte? Das klingt, als ob sie wirklich annehmen, sie ist entführt worden.«

»Bitte, Mrs. Bradley, ich habe gemeint, was ich gesagt habe: Das alles ist reine Routine. Wirklich reine Routine. Denken Sie nicht, dass etwas Schlimmes dahintersteckt oder wir irgendwelche Theorien verfolgen, denn es gibt wirklich keine. Ich glaube nicht einen Augenblick lang, dass diese Ermittlung in der Zuständigkeit der Major Crime Unit bleiben wird, denn ich bin davon überzeugt, dass Martha morgen an ihrem Geburtstag heil und gesund wieder da sein wird. Trotzdem muss ich Ihnen ein paar Fragen stellen.« Er wühlte einen kleinen MP3-Rekorder aus der Innentasche und legte ihn neben die Telefone auf den Tisch. Das rote Licht blinkte. »Was Sie jetzt sagen, wird aufgezeichnet. Wie schon einmal. Ist das okay?«

»Ja. Es ist …« Sie ließ den Satz unvollendet. Nach einer kurzen Pause blickte sie Caffery mit einem flackernden, Nachsicht heischenden Lächeln an, als hätte sie nicht nur inzwischen vergessen, wer er war, sondern auch, warum sie hier alle am Tisch saßen. »Ich meine – ja. Es ist in Ordnung.«

Jonathan Bradley schob Caffery einen Becher Tee hin und setzte sich neben Rose. »Wir haben darüber geredet und nachgedacht, warum wir noch nichts gehört haben.«

»Es ist noch sehr früh am Tag.«

»Aber wir haben eine Theorie«, sagte Rose. »Martha hat auf dem Rücksitz gekniet, als es passierte.«

Jonathan nickte. »Wir wissen nicht mehr, wie oft wir es ihr verboten haben, aber sie tut es immer wieder. Kaum ist sie im Wagen, lehnt sie sich über den Vordersitz und spielt am Radio herum. Sucht einen Sender, der ihr gefällt. Wir haben uns gedacht, dass er vielleicht so schnell weggefahren ist, dass sie zurückgeschleudert wurde – hinunter in den Fußraum, wo sie vielleicht mit dem Kopf aufgeschlagen ist. Vielleicht weiß er gar nicht, dass sie da ist. Sie könnte bewusstlos da unten liegen, und er fährt immer noch herum. Oder er hat den Wagen schon irgendwo abgestellt, und sie liegt noch drin, weiterhin bewusstlos.«

»Der Tank ist voll«, sagte Rose. »Ich habe auf dem Weg nach Bath getankt. Also könnte er schon weit weg sein, wissen Sie. Schrecklich weit.«

»Ich kann mir das nicht anhören.« Philippa schob ihren Stuhl zurück, lief zum Sofa und wühlte in den Taschen einer Jeansjacke. »Mum, Dad.« Sie zog eine Packung Benson & Hedges heraus, zeigte sie ihren Eltern und schüttelte sie hin und her. »Ich weiß, das ist weder der Ort noch der Augenblick dafür, aber ich rauche. Schon seit Monaten. Tut mir leid.«

Rose und Jonathan sahen ihr nach, als sie zur Hintertür ging. Keiner der beiden sagte etwas, als sie die Tür aufriss und mit einem Feuerzeug herumfummelte. Ihr Atem hing weiß in der kalten Abendluft. Weit hinten im Tal funkelten Lichter. Es war zu kalt für November, dachte Caffery. Viel zu kalt. Er spürte die Weite dieser Landschaft. Die Last von tausend kleinen Landstraßen, auf denen Martha ausgesetzt worden sein konnte. Ein Yaris war ein eher kleines Auto mit einem relativ großen Tank und einer beträchtlichen Reichweite – vielleicht bis zu fünfhundert Meilen –, aber Caffery glaubte nicht, dass der Carjacker einfach schnurgeradeaus gefahren war. Er stammte aus der Gegend – er hatte genau gewusst, wo die Straßenüberwachungskameras hingen. Er wäre viel zu nervös, um sein vertrautes Revier zu verlassen. Er würde sich immer noch in der Nähe aufhalten, irgendwo, wo er sich auskannte. Wahrscheinlich suchte er eine Stelle, die entlegen genug lag, um das Kind laufen zu lassen. Caffery zweifelte nicht daran, dass es so war, aber die verflossene Zeit pochte lautlos in seinem Schädel herum. Dreieinhalb Stunden. Inzwischen fast vier. Er rührte in seinem Tee. Betrachtete seinen Löffel, statt den Blick vor den Augen der Familie auf die Wanduhr zu richten.

»Und, Mr. Bradley«, sagte er, »ich höre, Sie sind der Gemeindepfarrer?«

»Ja. Ich war Schulleiter, aber vor drei Jahren bin ich ordiniert worden.«

»Sie machen den Eindruck einer glücklichen Familie.«

»Das sind wir auch.«

»Sie leben im Rahmen Ihrer Verhältnisse? Wenn das keine unhöfliche Frage ist.«

Jonathan lächelte kurz und betrübt. »Ja. Durchaus im Rahmen unserer Verhältnisse, vielen Dank. Wir haben keine Schulden. Ich bin kein heimlicher Spieler oder Drogensüchtiger. Und wir haben niemanden verärgert. Wäre das Ihre nächste Frage?«

»Dad«, sagte Philippa leise. »Sei nicht so beschissen patzig.«

Er ignorierte seine Tochter. »Wenn Sie auf so was hinauswollen, Mr. Caffery, dann kann ich Ihnen versichern, dass Sie auf dem Holzweg sind. Es gibt keinen Grund, weshalb irgendjemand ein Interesse daran haben könnte, sie uns wegzunehmen. Nicht den geringsten. So eine Familie sind wir einfach nicht.«

»Ich verstehe, dass Sie frustriert sind. Ich möchte mir nur ein klareres Bild verschaffen.«

»Es gibt kein Bild. Es gibt kein Bild. Meine Tochter ist entführt worden, und wir warten darauf, dass Sie etwas unternehmen –« Er unterbrach sich, als hätte er plötzlich gemerkt, dass er brüllte. Schwer atmend lehnte er sich zurück, puterrot im Gesicht. »Es tut mir leid.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Müde sah er aus. Erledigt. »Es tut mir leid – wirklich. Ich wollte es nicht an Ihnen auslassen. Nur – Sie können sich einfach nicht vorstellen, was für ein Gefühl das ist.«

Ein paar Jahre zuvor, als er noch jung und hitzköpfig gewesen war, wäre Caffery über eine solche Bemerkung wütend geworden – über die Annahme, er könne nicht wissen, was für ein Gefühl das sei –, aber die Gnade des Alters half ihm, ruhig zu bleiben. Jonathan Bradley wusste nicht, was er da sagte, er hatte keine Ahnung – woher sollte er sie auch haben? –, und deshalb legte Caffery die Hände auf den Tisch. Flach. Um zu zeigen, wie ruhig er war. Wie gut er alles unter Kontrolle hatte. »Hören Sie, Mr. Bradley, Mrs. Bradley, niemand kann hundertprozentig sicher sein, und ich kann Ihnen nicht die Zukunft voraussagen, aber ich bin bereit, mich weit aus dem Fenster zu lehnen und zu sagen, ich habe das Gefühl – das starke Gefühl –, dass diese Sache gut ausgehen wird.«

»Du lieber Gott.« Eine Träne rann über Roses Gesicht. »Meinen Sie das ernst? Meinen Sie das wirklich ernst?«

»Das meine ich wirklich ernst. Tatsächlich …« Er lächelte beruhigend – und dann sagte er einen der dümmsten Sätze seines Lebens. »Tatsächlich freue ich mich auf das Foto, auf dem Martha die Kerzen auf ihrer Torte auspustet. Ich hoffe doch, Sie schicken mir einen Abzug für meine Wand.«

3

Die Zementfabrik in den Mendip Hills war seit sechzehn Jahren geschlossen, und die Eigentümer hatten ein Sicherheitstor installiert, um zu verhindern, dass Leute mit ihren Autos hereinkamen und zum Spaß um den überfluteten Steinbruch herumfuhren. Flea Marley ließ ihren Wagen hundert Meter vor dem Tor im Ginstergestrüpp am Wegrand stehen. Sie brach zwei Äste von einem Baum ab und legte sie so hin, dass der Wagen von der Hauptstraße aus nicht zu sehen war. Niemand kam je hier herunter, aber es konnte nicht schaden, vorsichtig zu sein.

Es war den ganzen Tag über kalt gewesen. Graue Wolken vom Atlantik bedeckten den Himmel. Flea trug einen Parka und eine Strickmütze. Kletterbeutel und Klemmgeräte, Knie- und Ellbogenschützer befanden sich im Rucksack auf ihrem Rücken. Ihre Boreal-Kletterschuhe sahen auf den ersten Blick aus wie Wanderschuhe. Sollte sie jemandem begegnen, wäre sie eine Querfeldeinspaziergängerin.

Sie zwängte sich durch eine Lücke in der Umzäunung und ging weiter den Pfad entlang. Das Wetter wurde schlechter. Als sie am Rand des Wassers ankam, war es windig geworden. Unter der weißen Wolkendecke jagten kleinere, schwarze Wolken schnell wie Vogelschwärme dahin. An einem solchen Tag würde niemand hier draußen sein. Trotzdem hielt Flea den Kopf gesenkt und ging schnell weiter.

Die Felswand lag auf der anderen Seite und war vom Steinbruch aus nicht zu sehen. An ihrem Fuß blieb sie stehen und warf noch einmal einen Blick über die Schulter, um sicher zu gehen, dass sie allein war; dann huschte sie um den Felsen herum. Als sie die Stelle gefunden hatte, die sie suchte, warf sie den Rucksack ab und nahm die paar Dinge heraus, die sie brauchte. Jetzt kam es auf Schnelligkeit und Entschlossenheit an. Denk nicht nach, tu’s einfach. Bring es hinter dich.

Sie rammte das erste Klemmgerät in den Kalkstein. Ihr Vater, seit langem tot, war ein Allroundabenteurer gewesen, ein Held aus Jungenfantasien: Taucher, Höhlenforscher, Kletterer. Die Abenteuerlust hatte auf sie abgefärbt, aber das Klettern war ihr nie zur zweiten Natur geworden. Sie gehörte nicht zu diesen Typen, die Klimmzüge an zwei Fingern machen konnten. Diese Kalksteinwand mit ihren senkrechten und waagerechten Spalten galt als leicht bezwingbar, aber sie fand es verdammt schwer; ständig gerieten ihre Hände an die falschen Stellen, und jetzt waren die Spalten auch noch voll von dem Magnesia, das sie in der Vergangenheit benutzt hatte. Sie musste alle paar Klimmzüge eine Pause einlegen, um das weiße Zeug mit den Fingern aus den Ritzen zu kratzen. Spuren zu hinterlassen war nicht gut. Niemals.

Flea war klein, aber stark wie ein Äffchen. Wenn man ein Leben führte, in dem man niemals wusste, was hinter der nächsten Ecke lauerte, lohnte es sich, hart zu bleiben, und deshalb trainierte sie jeden Tag. Mindestens zwei Stunden. Laufen, Gewichtheben. Sie war in Bestform. Trotz ihrer miserablen Klettertechnik brauchte sie weniger als zehn Minuten, um den Gipfel der Felswand zu erreichen. Sie atmete nicht einmal schwer, als sie oben ankam.

In dieser Höhe heulte und blies der Wind so heftig, dass er ihr den Parka an den Körper presste. Das Haar flatterte ihr in die Augen. Sie bohrte die Finger in den Felsspalt, drehte den Kopf und schaute hinunter in das Tal, durch das die Regenschleier wehten. Der größte Teil der Felswand war verborgen, aber dieser kleine Abschnitt nicht; wenn sie wirklich Pech hätte, könnte ein vorbeikommender Autofahrer sie sehen. Aber die Straße war praktisch leer; nur ein oder zwei Autos fuhren mit eingeschalteten Scheinwerfern vorüber. Trotzdem drückte sie sich eng an den Fels, um nicht entdeckt zu werden.

Sie hakte die Zehen ein, drehte den Oberkörper leicht nach links, bis sie die Stelle gefunden hatte, packte die spärlichen Wurzeln eines Ginsterbuschs mit beiden Händen und zerrte sie auseinander. Einen Augenblick lang zögerte sie und wollte es nicht tun. Dann schob sie das Gesicht hinein. Atmete tief ein. Hielt die Luft an. Schmeckte sie.

Mit einem rauen Hüsteln atmete sie aus, ließ das Gestrüpp los und wandte sich ab. Sie presste den Handrücken an die Nase; ihre Brust hob und senkte sich.

Die Leiche war noch da. Sie konnte sie riechen. Der bittere, durchdringende Gestank der Verwesung sagte ihr alles, was sie wissen musste. Er war überwältigend, aber schwächer als zuvor, und das bedeutete, dass der Leichnam tat, was er sollte. Im Sommer war der Geruch übel gewesen, wirklich übel. An manchen Tagen hatte sie ihn schon unten auf dem Pfad gerochen, wo jeder zufällig Vorüberkommende ihn bemerkt hätte. In diesem Stadium war es besser. Viel besser. Es bedeutete, dass die tote Frau allmählich verweste.

Der schmale Spalt, in den Flea die Nase gehalten hatte, schlängelte sich weit in die Felswand hinein. Tief unten, fast acht Meter unter ihr, befand sich eine Höhle. Sie hatte nur einen Eingang, und der lag unter Wasser. Ohne eine spezielle Taucherausrüstung und umfassende Kenntnisse des Steinbruchgeländes war es praktisch unmöglich, ihn zu finden. Aber sie hatte es getan, war hinuntergetaucht und in die Höhle vorgedrungen – zweimal in den letzten sechs Monaten, seit die Leiche dort lag, nur um sich zu vergewissern, dass niemand sie gefunden hatte. Jetzt steckte sie eingezwängt in einem Loch im Boden, mit Steinen bedeckt. Niemand würde wissen, dass sie dort war. Der einzige Hinweis auf das, was Flea getan hatte, war der unverkennbare Gestank, der sich durch das natürliche Ventilationssystem der Höhle, durch unsichtbare Spalten schlängelte und hier, hoch oben auf der Felswand, ins Freie gelangte.

Ein Geräusch drang von der anderen Seite des Steinbruchs herauf. Das Sicherheitstor wurde geöffnet. Flea breitete Arme und Beine aus und glitt schnell nach unten. Sie schürfte sich die Knie auf, und über ihren Parka zog sich vorn ein langer, orangefarbener Strich aus Steinstaub. Am Fuß der Felswand ging sie in die Hocke und lauschte in den Steinbruch hinaus. Im Rauschen von Wind und Regen konnte sie nicht ganz sicher sein, aber ihr war, als hörte sie ein Auto.

Langsam schlich sie sich bis zur Ecke, schob den Kopf um den Fels und riss ihn gleich wieder zurück.

Ein Auto. Mit eingeschalteten Scheinwerfern fuhr es langsam durch den Regen vom Tor heran. Sie befürchtete Schlimmes. Wieder spähte sie vorsichtig um den nassen Fels herum. Ja. Es war ein Polizeiwagen.

Was jetzt, Klugscheißer?

Hastig entledigte sie sich des Kletterbeutels, der Knieschützer und Handschuhe. Die Klemmgeräte weiter oben an der Felswand konnte sie nicht erreichen, aber die, an die sie herankam, löste sie rasch und stopfte sie zusammen mit den anderen Sachen zwischen den Ginster zu ihren Füßen. Sie ging in die Hocke und bewegte sich im Krebsgang, geschützt von den Ginsterbüschen, seitwärts bis zu einem anderen Felsen, wo sie sich aufrichten und um die Ecke schielen konnte.

Der Polizeiwagen hatte auf der anderen Seite des Steinbruchs angehalten, wo die Zementfabrik das Abraummaterial auf Halden gekippt hatte. Seine Scheinwerfer waren schlammbespritzt. Vielleicht wollte der Polizist hier pinkeln. Oder telefonieren. Oder ein Sandwich essen. Jedenfalls stellte er den Motor ab, ließ das Seitenfenster herunter und streckte den Kopf heraus. Er blickte in den Regen hinauf, beugte sich anschließend über den Beifahrersitz und suchte etwas.

Ein Sandwich? Mach, dass es ein Sandwich ist, lieber Gott. Oder ein Telefon?

Nein. Es war eine Taschenlampe. Scheiße.

Er öffnete die Wagentür. Regen und Wolken hatten das Tageslicht so weit geschluckt, dass der Strahl der Lampe stark genug war, um die Regentropfen aufleuchten zu lassen. Der Lichtstrahl blitzte auf dem Wagen, als der Mann sich eine Regenjacke überzog, und flackerte dann über die Bäume am Rand des Wegs. Der Polizist schlug die Wagentür zu, ging ans Wasser und ließ das Licht der Taschenlampe über die Oberfläche wandern. Das Wasser brodelte im prasselnden Regen, als würde es kochen. Jenseits des Tors, weiter oben am Weg, war einer der Äste, mit denen sie ihr Auto getarnt hatte, weggezogen worden. Der Polizist wusste, dass jemand hier war.

Mit anderen Worten, dachte Flea, du steckst bis zum Hals in der sprichwörtlichen Substanz.

Er drehte sich unvermittelt um, als hätte er ein Geräusch gehört, und richtete seine Lampe auf die Stelle, an der sie stand. Sie zog sich in den Schatten des Felsens zurück und drehte sich zur Seite. Der Wind trieb ihr die Tränen in die Augen, und ihr Herz hämmerte. Der Polizist tat ein paar Schritte. Eins, zwei, drei, vier. Dann zielstrebiger: fünf, sechs, sieben. Er kam auf sie zu.

Sie atmete tief durch, zog die Kapuze vom Kopf und trat hinaus in den Lichtstrahl. Er blieb wenige Schritte vor ihr stehen und hielt die Taschenlampe ausgestreckt vor sich. Der Regen tropfte von seiner Kapuze. »Hallo«, sagte er.

»Hallo.«

Er leuchtete sie von oben bis unten an. »Sie wissen, dass dies ein Privatgelände ist? Es gehört der Zementfirma.«

»Ja.«

»Sie sind wohl Steinbrucharbeiterin, oder?«

Sie verzog ein wenig spöttisch den Mund. »Sie machen das noch nicht sehr lange, was? Diesen Polizeikram?«

»Erzählen Sie doch mal«, entgegnete er, »was sagt Ihnen das Wort ›Privatgelände‹? Privat – Gelände?

»Dass ich nicht hier sein dürfte? Nicht ohne Erlaubnis?«

Er runzelte die Stirn. »Nett. Allmählich kriegen Sie die Kurve.« Er deutete mit der Lampe über den Pfad zurück. »Ist das Ihr Wagen? Da oben am Weg?«

»Ja.«

»Sie haben doch nicht versucht, ihn zu verstecken, oder? Unter ein paar Ästen?«

Sie lachte. »Du lieber Gott. Natürlich nicht. Warum sollte ich?«

»Sie haben diese Äste nicht darübergelegt?«

Sie hob die Hand, um ihre Augen vor dem Regen zu schützen, und betrachtete ihren Wagen. »Der Wind muss das Zeug da hingeweht haben. Aber mir ist klar, was Sie meinen. Es sieht so aus, als hätte jemand versucht, den Wagen zu verstecken, stimmt’s?«

Der Polizist richtete die Lampe wieder auf sie und musterte ihren Parka. Er kam zwei Schritte näher.

Sie schob die Hand in die Innentasche ihrer Jacke. Der Polizist reagierte blitzschnell: In weniger als einer Sekunde hatte er sich die Taschenlampe unter den Arm geklemmt, seine rechte Hand lag am Funkgerät, die linke auf dem CS-Gas-Kanister an seinem Halfter.

»Alles okay.« Sie ließ die Hand sinken, öffnete den Reißverschluss und schlug den Parka auseinander, damit er das Futter sehen konnte. »Hier.« Sie deutete auf die Innentasche. »Da drin. Meine Befugnis, mich hier aufhalten zu dürfen. Kann ich sie Ihnen zeigen?«

»Befugnis?« Der Polizist wandte den Blick nicht von der Tasche. »Was für eine Art Befugnis soll das sein?«

»Hier.« Sie trat auf ihn zu und hielt ihm die Jacke entgegen. »Schauen Sie selbst hinein. Wenn Sie dann weniger nervös sind.«

Der Polizist fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Er nahm die Hand vom Funkgerät und streckte sie aus. Seine Finger berührten den Rand der Innentasche.

»Da ist doch nichts Scharfes drin, oder? Irgendwas Scharfes, woran ich mich schneiden könnte?«

»Nein.«

»Ich rate Ihnen, die Wahrheit zu sagen, junge Dame.«

»Das tue ich.«

Langsam schob er die Hand in die Tasche und tastete nach dem, was da war, strich mit den Fingern darüber. Dann runzelte er die Stirn. Er zog den Gegenstand heraus und studierte ihn.

Ein Polizeiausweis. In der Standardhülle aus schwarzem Leder.

»Polizistin?«, fragte er langsam. Er klappte den Ausweis auf und las den Namen. »Sergeant Marley? Ich hab von Ihnen gehört.«

»M-hm. Ich leite die Unterwassersucheinheit.«

Er gab ihr den Ausweis zurück. »Was, zum Teufel, machen Sie hier draußen?«

»Ich hab daran gedacht, nächste Woche hier eine Übung abzuhalten. Jetzt sehe ich mich nur um.« Zweifelnd schaute sie zu den Wolken hinauf. »Bei diesem Wetter kann man sich den Arsch unter Wasser genauso abfrieren wie oben.«

Der Polizist schaltete seine Taschenlampe aus und zog sich die Regenjacke fester um die Schultern. »Unterwassersucheinheit?«

»Ganz recht. Unter Wasser.«

»Ich hab schon viel von Ihrer Einheit gehört. War ziemlich übel, was?«

Sie antwortete nicht, aber etwas klickte hart und kalt in ihrem Hinterkopf, als er die Probleme ihrer Einheit erwähnte.

»Besuche vom Chief Superintendent, hab ich gehört. Und interne Ermittlungen, oder?«

Flea machte ein entspanntes Gesicht. Sah ihn freundlich an. »Wir können uns nicht mit Fehlern der Vergangenheit aufhalten. Wir haben einen Job zu erledigen. Genau wie Sie.«

Der Polizist nickte. Anscheinend wollte er etwas sagen, aber dann ließ er es doch bleiben. Er legte einen Finger an die Mütze, wandte sich ab und ging zu seinem Wagen. Er stieg ein, setzte ungefähr zehn Meter zurück und verließ nach einer ausladenden Wende das Gelände. Als er an Fleas Wagen vorbeikam, der versteckt im Gebüsch stand, wurde er ein bisschen langsamer und musterte ihn eingehend. Dann gab er Gas und war verschwunden.

Flea stand reglos da, während der Regen auf sie herabströmte.

Ich hab schon viel von Ihrer Einheit gehört … War ziemlich übel, was?

Fröstelnd zog sie den Reißverschluss hoch und sah sich in dem verlassenen Steinbruch um. Regentropfen rollten wie Tränen über ihre Wangen. Noch niemand hatte ihr so deutlich etwas über ihre Einheit gesagt. Jedenfalls bisher nicht. Als sie sich fragte, was sie dabei empfand, war sie selbst überrascht: Es tat weh, dass sich das Team in Schwierigkeiten befand. Etwas Festes in ihrer Brust bäumte sich leise auf. Etwas, das dort zur selben Zeit hineingekommen war, als sie die Leiche in die Höhle geschafft hatte. Sie atmete tief durch und zügelte das feste Ding in ihrer Brust. Hielt es im Zaum. Atmete langsam und gleichmäßig, bis das Gefühl wegging.

4

Abends um halb neun gab es noch immer keine Spur von Martha. Aber die Ermittlungen waren in Gang gekommen. Ein Hinweis war eingegangen. Eine Frau in Frome hatte in den Lokalnachrichten den Bericht über das Carjacking gesehen und gemeint, sie habe der Polizei etwas zu berichten. Sie gab bei der Ortspolizei eine Aussage zu Protokoll, die von dort an die MCIU weitergeleitet wurde.

Caffery fuhr auf Nebenstrecken hin, auf kleinen Landstraßen, wo er sicher sein konnte, schnell voranzukommen, ohne von einem gelangweilten Verkehrspolizisten gestoppt zu werden. Es regnete nicht mehr, aber der Wind blies nach wie vor heftig. Immer wenn man dachte, er lasse nach und höre auf, kam er von irgendwoher wieder zurück, fegte die Straße entlang, schüttelte Regentropfen von den Bäumen und trieb sie wirbelnd durch das Licht seiner Scheinwerfer. Das Haus der Frau hatte Zentralheizung, aber er fühlte sich dort unbehaglich. Er lehnte den Tee ab, sprach zehn Minuten lang mit ihr und ging dann wieder. An einer Tankstelle holte er sich einen Cappuccino, kehrte damit in ihre Straße zurück und trank ihn vor ihrem Haus, den Mantel bis obenhin zugeknöpft, um sich vor dem Wind zu schützen. Er wollte ein Gefühl für die Straße und die Umgebung bekommen.

Um die Mittagszeit, etwa eine Stunde bevor Rose Bradley überfallen worden war, hatte ein Mann mit einem dunkelblauen Auto hier gehalten. Die Frau im Haus hatte ihn durch das Fenster beobachtet, weil er so nervös wirkte. Er hatte den Kragen hochgeschlagen, sodass sie sein Gesicht nicht sehen konnte, aber sie war ziemlich sicher, dass er weiß und dunkelhaarig gewesen war. Er hatte eine schwarze Steppjacke getragen und etwas in der linken Hand gehalten, das ihr zu dem Zeitpunkt nichts sagte, aber rückblickend vermutete sie, es könne sich um eine Gummimaske gehandelt haben. Sie hatte verfolgt, wie er aus dem Wagen gestiegen war, doch dann klingelte ihr Telefon, und als sie zurückkam, war die Straße leer gewesen. Das Auto stand aber noch da. Den ganzen Tag über. Erst als sie die Nachrichten gesehen und aus dem Fenster geschaut hatte, war es weg gewesen. Er musste es also irgendwann im Lauf des Abends geholt haben.

Sie nahm an, dass es ein Vauxhall gewesen war – sie kannte sich mit Automarken nicht gut aus, aber auf dem Schild war ganz sicher ein Drachen gewesen. Als Caffery mit ihr hinausging und einen Vauxhall fand, der ein paar Häuser weiter unter einer Straßenlaterne parkte, sah sie sich das Markenschild an und nickte. Ja. Aber dunkelblau. Nicht sehr sauber. Und das Kennzeichen könnte mit WW geendet haben, aber das wollte sie nicht beschwören. Darüber hinaus konnte sie sich an nichts erinnern.

Jetzt stand Caffery da, wo der Wagen geparkt hatte, und versuchte sich die Szene vorzustellen und herauszufinden, wer sonst noch etwas gesehen haben könnte. Ganz am Ende der dunklen Straße strahlte ein Nachbarschaftsladen sein Licht in die Nacht hinaus. Ein Ladenschild aus Plastik hing über dem Schaufenster. Angebotsplakate klebten auf der Scheibe. Unter dem Maschendraht an einem Mülleimer flatterte das Plakat der Lokalzeitung. Caffery überquerte die Straße, trank seinen Kaffee aus und warf den Becher in den Mülleimer. Dann betrat er den Laden.

»Hallo«, sagte er und hielt der Asiatin hinter der Kasse seinen Ausweis unter die Nase. »Chef da?«

»Das bin ich.« Blinzelnd studierte sie den Ausweis. »Wie heißen Sie?«

»Caffery. Jack, wenn’s Ihnen per Vornamen lieber ist.«

»Und was sind Sie? Ein Detective?«

»Das ist eine Bezeichnung dafür.« Er deutete mit dem Kopf zu der Kamera über der Ladenkasse hinauf. »Ist das Ding geladen?«

Sie warf einen Blick nach oben. »Wollen Sie mir meinen Chip zurückbringen?«

»Ihren was?«

»Der Raubüberfall.«

»Ich weiß nichts von einem Raubüberfall. Ich komme von der Zentrale. Ich kriege solche Informationen nicht. Was für ein Raubüberfall?«

Inzwischen wartete eine Reihe von Kunden. Die Geschäftsführerin winkte einem jungen Mann, der Regale auffüllte, er solle ihren Platz einnehmen. Sie zog den Kassenschlüssel ab, hängte ihn mit einem rosa Gummiband um den Hals und winkte Caffery, er solle mitkommen. Vorbei an einem Lotteriestand und zwei Postschaltern mit herabgelassenen Jalousien gingen sie in einen Lagerraum im hinteren Teil des Ladens. Zwischen Kartons mit Chips und Bündeln nicht verkaufter Zeitschriften blieben sie stehen.

»Letzte Woche sind welche reingekommen und haben ein Messer gezogen. Zwei Jungs, wissen Sie, mit Kapuzen. Ich war nicht hier. Sie haben nur ungefähr vierzig Pfund erbeutet.«

»Aber Jungs. Keine Männer.«

»Nein. Ich glaube, ich weiß ziemlich genau, wer sie sind. Ich muss die Polizei nur dazu bringen, mir zu glauben. Die sehen sich immer noch die Videoaufnahme an.«

Ein Schwarzweißmonitor in der Ecke zeigte den Hinterkopf des Verkäufers, der gerade ein Lotterielos auszahlte. Hinter ihm erkannte man Reihen von Süßigkeiten und dahinter die Straße. Papiermüll wehte vorbei. Caffery schaute auf den Bildschirm. In der unteren linken Ecke, hinter all den Plakaten, Zeitschriften und geparkten Autos, befand sich die Stelle, an der der blaue Vauxhall gestanden haben musste, den die Frau gesehen hatte. »Heute Morgen ist ein Auto entführt worden.«

»Ich weiß.« Die Ladenchefin schüttelte den Kopf. »In der Stadt. Mit einem kleinen Mädchen drin. Schrecklich. Einfach schrecklich. Alle reden davon. Sind Sie deswegen hier?«

»Jemand, mit dem wir gern darüber reden würden, hat vielleicht hier geparkt.« Er klopfte mit der Fingerspitze auf den Bildschirm. »Der Wagen stand den ganzen Tag da. Könnten Sie mir das Videomaterial zeigen?«

Mit einem anderen Schlüssel an ihrem elastischen rosa Halsband schloss die Frau einen Wandschrank auf. Darin befand sich ein Videorekorder. Sie ließ den Schlüssel fallen und drückte auf eine Taste. Dann runzelte sie die Stirn und drückte auf eine andere Taste. Auf dem Bildschirm erschien eine Meldung: Speichermedium einlegen. Leise fluchend drückte sie auf eine dritte Taste. Der Bildschirm blieb ein, zwei Sekunden leer, dann erschien die Meldung wieder: Speichermedium einlegen. Die Frau schwieg. Sie stand mit dem Rücken zu Caffery und verharrte ein paar Augenblicke völlig reglos. Als sie sich umdrehte, wirkte ihr Gesicht verändert.

»Was ist?«, fragte er. »Was ist los?«

»Das Ding läuft nicht.«

»Was soll das heißen, das Ding läuft nicht?«

»Es ist nicht eingeschaltet.«

»Warum nicht?«

»Ich weiß es nicht. Nein.« Sie wedelte mit der Hand und wischte ihre Worte beiseite. »Das ist gelogen. Ich weiß es wohl. Als die Polizei den Chip mitgenommen hat …«

»Ja?«

»Da haben sie gesagt, sie hätten eine andere Karte eingeschoben und das Gerät wieder eingeschaltet. Ich hab’s nicht überprüft. Die Speicherkarte hier ist völlig leer. Außer mir hat niemand einen Schlüssel; also ist seit Montag nichts mehr aufgenommen worden, seit die Polizei hier war und die Bilder von dem Raubüberfall mitgenommen hat.«

Caffery öffnete die Tür und schaute hinaus in den Laden, vorbei an den Kunden mit ihren Illustrierten und billigen Weinflaschen zur Straße, wo die Autos im Licht der Straßenlaternen parkten.

»Eins kann ich Ihnen sagen«, die Geschäftsführerin trat zu ihm und schaute auf die Straße hinaus, »wenn er da oben geparkt hat, um zu Fuß in die Stadt zu gehen, dann dürfte er aus Buckland gekommen sein.«

»Aus Buckland? Ich bin neu hier. In welcher Richtung liegt das?«

»Richtung Radstock. Midsomer Norton? Kennen Sie das?«

»Da klingelt nichts.«

»Na, jedenfalls dürfte er von dort gekommen sein. Radstock, Midsomer Norton.« Sie nestelte am Schlüssel an dem elastischen Band um ihren Hals. Sie roch nach einem Blumenparfüm – leicht und sommerlich, aber billig, wie man es in der Drogerie an der Ecke kaufen konnte. Cafferys Vater war ein Stammtischrassist gewesen. Oberflächlich und gedankenlos. Er hatte seinen Söhnen erklärt, die »Pakis« seien okay und fleißig, aber sie röchen nach Curry. Ganz einfach. Nach Curry und Zwiebeln. Irgendwie erwartete er immer noch, dass es stimmte, musste Caffery sich plötzlich eingestehen. Und ein Teil von ihm war überrascht, wenn es nicht so war. Das zeigte nur, dachte er, wie tief sich die Spuren, die Eltern hinterlassen, eingruben. Es zeigte auch, wie verletzlich und schutzlos der Verstand eines Kindes war.

»Kann ich Sie etwas fragen?« Sie verzog das Gesicht. »Nur eine Frage?«

»Natürlich.«

»Dieses kleine Mädchen. Martha. Was glauben Sie, was er mit ihr machen wird? Was für schreckliche Sachen wird dieser Mann ihr antun?«

Caffery atmete langsam und tief ein und lächelte sie ruhig und freundlich an. »Gar nichts. Er wird gar nichts tun. Er wird sie irgendwo absetzen – irgendwo, wo sie sicher ist und gefunden werden kann. Und dann wird er in die Berge fliehen.«

5

Es war Nacht geworden. Caffery entschied, dass er die Bradleys nicht noch einmal zu besuchen brauchte. Er hatte ihnen nichts mitzuteilen, und außerdem wurden sie laut Betreuerin mit guten Wünschen überschüttet: Nachbarn, Freunde und Gemeindemitglieder brachten Blumen, Kuchen und Wein, um sie aufzumuntern. Caffery sorgte dafür, dass die Beschreibung des Vauxhall an alle automatischen Kennzeichenerkennungsposten gesendet wurde, und weil er noch eine Riesenmenge Papierkram zu erledigen hatte, fuhr er danach zum Büro seines Dezernats, das versteckt hinter dem Polizeirevier in Kingswood lag, an der nordöstlichen Spitze des Kraken, den die Vororte von Bristol bildeten.

Er hielt vor der elektronischen Schranke an und stieg im gleißenden Licht der Sicherheitsbeleuchtung aus, um den Hemdsärmel hochzuschieben und die Zahl zu studieren, die er sich mit Filzstift auf die Innenseite des Handgelenks geschrieben hatte. Vor drei Wochen hatten sie auf diesem Parkplatz einen Diebstahl hinnehmen müssen: Ein Polizeiwagen war vor ihrer Nase gestohlen worden. Es hatte rote Köpfe und neue Zugangscodes für alle gegeben, und es fiel ihm immer noch schwer, sich seinen Code zu merken. Er hatte die Hälfte der Zahl auf seinem Handgelenk eingetippt, als er merkte, dass ihn jemand beobachtete.

Er hielt inne, ohne die Hand vom Tastenfeld zu nehmen, und drehte sich um. Es war Sergeant Flea Marley. Sie stand neben einem Wagen mit offener Fahrertür. Jetzt schlug sie sie zu und kam herüber. Der Timer der Sicherheitsbeleuchtung schaltete die Lampen wieder aus. Caffery ließ die Hand sinken und zog den Ärmel herunter. Er hatte das irrationale Gefühl, dass er in der Falle saß.

Caffery war fast vierzig und jahrelang davon überzeugt gewesen zu wissen, was er von Frauen wollte. Meist hatten sie ihm halb das Herz gebrochen, so dass er lernte, sich korrekt und sachlich zu verhalten. Aber die Frau, die da über die Straße kam, hatte Zweifel in ihm geweckt: War es etwa gar nicht so sehr Effizienz, mit der er sich umgab, sondern vielmehr die raue, harte Schale der Einsamkeit? Sechs Monate zuvor war er im Begriff gewesen, etwas zu unternehmen, als alles, was er über sie zu wissen glaubte, wie von einer Bombe in Fetzen gerissen wurde. Er hatte gesehen, wie sie etwas tat, das völlig undenkbar war für die Person, die er sich vorgestellt hatte. Diese Zufallsentdeckung war durch ihn hindurchgefegt wie ein Sturm und hatte alle seine Empfindungen fortgerissen. Er war verwirrt, ratlos und enttäuscht zurückgeblieben. Enttäuscht auf eine Weise, die er eher aus seiner Kindheit kannte, nicht als Erwachsener. Aus einer Zeit, als Pakis nach Curry rochen und die Dinge noch tiefe Spuren hinterließen. Ein verlorenes Fußballspiel etwa. Oder das Fahrrad nicht zu bekommen, das man sich zu Weihnachten gewünscht hatte. Seitdem war er Flea ein- oder zweimal im Dienst über den Weg gelaufen, und er wusste, er sollte ihr sagen, was er gesehen hatte. Aber noch fehlten ihm die Worte.

Ein paar Schritte vor ihm blieb sie stehen. Sie trug die Standardwinterkleidung der Unterstützungseinheit: schwarze Cargohose, Sweatshirt und Regenjacke. Das wilde blonde Haar, das sie normalerweise zurückgebunden trug, hing offen auf ihre Schultern. Ein Sergeant einer Unterstützungseinheit sollte wirklich nicht so aussehen wie sie. »Jack«, sagte sie.

Er streckte die Hand aus und schlug die Tür des Mondeo zu. Richtete sich auf, straffte die Schultern und machte ein ernstes Gesicht. Seine Augen schmerzten, weil er es vermied, sie allzu genau anzusehen.

»Hallo«, sagte er. »Lange nicht gesehen.«

6

Nach ihrem Erlebnis im Steinbruch war Flea immer noch nervös und auf der Hut. Die Neuigkeit von dem Carjacking-Fall hatte am Abend die Runde gemacht und ihre abgelegene Einheit kurz vor Feierabend erreicht. Sie bereitete ihr ernsthafte Kopfschmerzen. Realistisch betrachtet gab es nur einen Menschen, mit dem sie darüber sprechen konnte: DI Caffery. Nach ihrer Spätschicht fuhr sie geradewegs zum Büro der MCIU in Kingswood.

Er stand am Tor neben seinem Wagen, umgeben von gelben Lichtkreisen, die sich in den Bürofenstern hinter ihm spiegelten und die Pfützen funkeln ließen. Er trug einen schweren Mantel und stand ganz still da, als sie auf ihn zukam. Er war dunkelhaarig, mittelgroß und schlank, und an seiner Haltung sah man, dass er auf sich aufpassen konnte. Er war ein guter Detective, ein hervorragender, sagten manche, aber alle tuschelten auch über ihn. Denn Caffery hatte etwas Undurchsichtiges. Etwas Wildes, Eigenbrötlerisches. Man erkannte es in seinen Augen.

Er machte nicht den Eindruck, als wäre er erfreut, sie zu sehen. Ganz und gar nicht. Sie zögerte. Lächelte unsicher.

Er ließ die Hand von dem Tastenfeld sinken, auf dem er seinen Zugangscode eingegeben hatte. »Wie geht’s?«

»Gut.« Sie nickte, immer noch ein bisschen verdattert wegen seines Gesichtsausdrucks. Noch ein paar Monaten zuvor hatte er sie völlig anders angesehen – so, wie ein Mann eine Frau ansehen soll. Ein- oder zweimal. Aber jetzt tat er es nicht. Jetzt betrachtete er sie, als hätte sie ihn enttäuscht. »Und Ihnen?«

»Ach, Sie wissen schon – der gleiche Mist, ein neuer Tag. Ich höre, Ihre Einheit hat ein paar Probleme.«

Die Neuigkeiten verbreiteten sich schnell bei dieser Polizei. Die Unterwassersucheinheit hatte in letzter Zeit ein paarmal gepatzt: Bei einem Einsatz in Bridgewater hatten sie im Fluss nach einem Selbstmordopfer gesucht und waren geradewegs an der Leiche vorbeigeschwommen. Dazu kam die Kleinigkeit von Ausrüstungsgegenständen im Wert von tausend Pfund, die sie auf dem Grund des Bristol Harbour versenkt hatten. Und es gab noch mehr – kleinere Fehler und Missgeschicke, die sich insgesamt zu der hässlichen Wahrheit addierten, dass die Unterwassersucheinheit aus dem Tritt geraten sei: Leistungsvorgaben nicht erreicht, Erfolgsprämien eingefroren – und verantwortlich dafür war nur eine Person: der Sergeant. Schon zum zweiten Mal an diesem Tag wurde sie darauf angesprochen.

»Ich kann’s allmählich nicht mehr hören«, sagte sie. »Wir hatten unsere Probleme, aber wir haben die Kurve gekriegt. Da bin ich sehr zuversichtlich.«

Er nickte skeptisch und spähte die Straße entlang, als suchte er nach einem Grund, weshalb sie beide immer noch hier standen. »Und?«, fragte er. »Was treibt Sie her, Sergeant Marley?«

Sie atmete ein und hielt die Luft an. Einen Moment lang dachte sie daran, ihm nichts zu sagen, weil er sich kalt und abweisend benahm. Sie hatte das Gefühl, als würden alle Enttäuschungen der Welt von ihm auf sie übergehen. Sie atmete aus. »Okay. Ich hab vorhin in den Nachrichten von dem Carjacker gehört.«

»Und?«

»Ich dachte mir, das sollten Sie wissen. Er hat es schon mal getan.«

»Was getan?«

»Der Typ, der diesen Yaris entführt hat? Er hat es schon mal getan. Und er ist nicht einfach ein Carjacker.«

»Wovon reden Sie?«

»Ein Mann, ja? In einer Santa-Claus-Maske? Er hat ein Auto entführt? Mit einem Kind drin? Tja, das war das dritte Mal.«

»Moment mal. Immer mit der Ruhe.«

»Hören Sie, ich hab Ihnen nichts erzählt. Ich hab mich damit schon beim ersten Mal in die Scheiße geritten. Hab mich zu sehr eingemischt und dafür irgendwann Prügel von meinem Inspector bezogen: Ich solle damit aufhören, sagte er, und mich vom Revier in Bridewell fernhalten. Niemand war tot oder so was; also hab ich eigentlich nur meine Zeit verplempert. Also, das alles wissen Sie nicht von mir. Okay?«

»Ich höre.«

»Vor zwei Jahren, bevor Sie aus London hierher versetzt wurden, war da eine Familie unten in den Docks. Ein Mann überfällt sie, nimmt ihnen die Autoschlüssel weg, schnappt sich den Wagen. In diesem Frühjahr noch einmal. Erinnern Sie sich, dass ich den toten Hund gefunden habe, im Steinbruch, oben bei Elf’s Grotto? Den Hund dieser Frau? Die Mordsache?«

»Ich erinnere mich, ja.«

»Aber wissen Sie, warum meine Einheit überhaupt dort im Steinbruch getaucht hat?«

»Nein. Ich glaube, ich habe überhaupt nie …« Er unterbrach sich. »Doch, ich weiß es. Es ging um Carjacking. Sie haben angenommen, der Kerl hätte den Wagen im Steinbruch versenkt. Richtig?«

»Wir hatten einen Anruf bekommen, von einem Münztelefon an der Autobahn. Ein Zeuge behauptete, er habe gesehen, wie der Wagen da reinfuhr. Es handelte sich um einen Lexus, der in der Nähe von Bruton entführt worden war oder irgendwo in der Gegend. Wie sich herausstellte, war es aber kein Zeuge, der uns anrief, sondern der Carjacker selbst. Im Steinbruch gab es kein Auto.«

Caffery schwieg einen Moment, und sein Blick verschwamm, als müsste er das alles im Kopf neu ordnen. »Und Sie glauben, es war derselbe, weil …«

»Weil ein Kind auf dem Rücksitz saß.«

»Ein Kind?«

»Ja. Beide Male entführte der Carjacker nicht nur ein Auto, sondern mit ihm auch ein Kind. Beide Male bekam er es mit der Angst zu tun und setzte das Kind ab. Ich wusste, dass es beide Male derselbe war, weil die Kinder ungefähr gleichaltrig waren. Beides Mädchen. Beide knapp zehn.«

»Martha ist elf«, sagte er abwesend.

Flea fühlte sich plötzlich schwer – schwer und kalt. Halb hasste sie den Gedanken, den sie ihm unterbreiten wollte. Sie wusste, es würde wie eine Ohrfeige für ihn sein. Er hatte bessere Gründe als die meisten, sich für Pädophile zu interessieren. Sein eigener Bruder war vor fast dreißig Jahren von einem solchen Mann entführt worden, und man hatte ihn nie gefunden. »Na dann«, sagte sie, und ihre Stimme klang ein bisschen sanfter. »Ich schätze, das macht die Sache ziemlich klar. Er will nicht die Autos, er will die Mädchen. Kleine Mädchen.«

Stille. Caffery sprach nicht, rührte sich nicht, sah sie nur ausdruckslos an. Ein Auto fuhr vorbei. Das Licht der Scheinwerfer fiel auf ihre Gesichter.

»Okay.« Sie hob die Hand. »Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte. Wenn Sie damit arbeiten wollen, ist das Ihre Sache.«

Sie wartete auf eine Antwort, aber es kam keine. Sie ging zurück zu ihrem Wagen, stieg ein, blieb eine Weile sitzen und beobachtete ihn. Er stand da wie versteinert. Sie dachte daran, wie er sie von oben bis unten gemustert hatte. Als hätte sie ihn irgendwie enttäuscht. Von den Absichten, die einmal in seinem Blick gelegen hatten, war nichts mehr da, nichts von dem, was sechs Monate zuvor ihr Herz geöffnet hatte.

Warte einen Tag ab, dachte sie und ließ den Motor an. Wenn er bis zum folgenden Abend nichts wegen des Entführers unternommen hätte, würde sie mit seinem Vorgesetzten sprechen.

7

An diesem Abend kam in jeder Nachrichtensendung eine Meldung über Martha, zu jeder vollen Stunde, bis tief in die Nacht hinein. Ein Netz von Leuten, die nach ihr suchten, spannte sich über das Country – über das ganze Land. Müde Verkehrspolizisten saßen an den Kennzeichenerfassungsposten, den Blick starr auf die Monitore gerichtet, und glichen jeden dunkelblauen Vauxhall, der an ihnen vorüberfuhr, mit der Datenbank ab. Der eine oder andere Officer genehmigte sich heimlich ein, zwei Stündchen Schlaf, aber mit laut gestelltem Handy für den Fall, dass jemand anrufen sollte. Besorgte Bürger, die die Nachrichten gehört hatten, schauten in ihre Schuppen und Garagen. Sie warfen einen Blick in die Gräben an ihren Grundstücksgrenzen und suchten die Bankette der Straßen vor ihren Häusern ab. Niemand sprach aus, was er dachte: dass Martha schon tot sein könne. In einer so kalten Nacht – ein kleines Mädchen, nur mit T-Shirt, Strickjacke und Regenmantel bekleidet. Auch die Schuhe waren die falschen. Die fotografische Abteilung der Polizei hatte Bilder davon in Umlauf gebracht. Kleine, bedruckte Schuhe mit einem Querriemen und einer Schnalle. Nicht dazu gedacht, in einer eiskalten Winternacht getragen zu werden.

Die Stunden vergingen, ohne dass sich etwas Neues ergab. Die Nacht ging über in den Morgen, und dann begann ein neuer Tag. Ein windiger, nasser Tag. Ein Sonntag. Martha Bradley würde heute keine Kerzen auspusten. In Oakhill sagte Jonathan Bradley die Geburtstagsparty ab. Mithilfe der Partnergemeinden fand er einen Priester, der ihn in den Gottesdiensten vertrat, und die Familie blieb zu Hause und wartete in der Küche auf Neuigkeiten. Auf der anderen Seite von Bristol, in den Straßen von Kingswood, trotzte nur eine Handvoll Leute dem Wetter, um in die Kirche zu gehen. Sie hasteten am Büro der MCIU vorbei und kämpften gegen den arktischen Wind an.

Im Gebäude sah es anders aus. Hier liefen die Leute in Hemdsärmeln von einem Büro ins andere. An den Fensterscheiben tropfte das Kondenswasser herunter. Überall herrschte rege Betriebsamkeit. Es gab eine Urlaubssperre, und jeder unterhalb des Rangs eines Inspectors notierte freudig seine Überstunden. In der Einsatzzentrale ging es zu wie in der Börse. Leute telefonierten im Stehen und schrien quer durch den Raum. Neben all den anderen Fällen, mit denen die MCIU beschäftigt war, hatte der Carjacker ihnen eine Migräne biblischen Ausmaßes beschert. In einer Reihe von Dringlichkeitsbesprechungen hatte Caffery am Morgen die Zuständigkeiten verteilt. Er war personell relativ gut ausgestattet und hatte freie Hand bei der Auswahl seines Teams. Auf seiner Wunschliste standen ein Team von Datenbankexperten aus der Computerabteilung und fünf handverlesene Detectives. Dann wählte er ein Kernteam aus. Zwei Männer, eine Frau. Zusammen besaßen sie ungefähr die Fähigkeiten, die er vermutlich brauchen würde.