Verfluchte Freiheit - Anna Sydney - E-Book

Verfluchte Freiheit E-Book

Anna Sydney

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Beschreibung

Der erfolgreiche Anwalt Valentin Engel führt ein Leben in Reichtum und Wohlstand. Nach einigen Jahren ödet ihn sein materialistisches Leben an. Er verlässt Deutschland und begibt sich auf eine außergewöhnliche Reise, in verschiedene Länder mit unterschiedlichen Kulturen. Auf der Suche nach seinem Glück, kehrt etwas längst vergessen Geglaubtes zurück. Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten

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Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Ähnliche


Anna Sydney

Verfluchte Freiheit

"Fliehkraft", die Geschichte des Valentin E.

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Valentin

Auf der Marienburg

Sieben Jahre später

Professor Krumschnabel

Der Entschluss

Hazel

Aufbruch

Mittelamerika

Flor de Castilla

San Juan del Sur

Segeln im Pazifik

Atlantikküste

Rochen

Besuch in Deutschland

Zurück in Nicaragua

Kooperative

Siuna

Granada

Kanada

North Carolina

Immobilienbüro

Urlaub auf Ocracoke

New York

Besuch

Die Rückkehr

Impressum neobooks

Valentin

Der Mensch ist nur da wirklich Mensch,

wo er sich die Geschichte seines Lebens nicht diktieren lässt,

sondern selber schreibt.

Viktor Frankl

Eine stürmische Brise pfiff um die herrschaftliche Villa. Die Bäume schwankten, und herbstlich gefärbte Blätter trieben durch den Garten. Der alte Nussbaum hatte bereits seine Früchte abgeworfen. Sie lagen zerstreut auf der Wiese, und die Vögel hackten so lange auf den Schalen herum, bis die Nuss krachte und sie die Frucht herauspicken konnten.

Valentin stand im Wohnzimmer und blickte auf das herbstliche Treiben. Gerade wollte er das Fenster schließen, als die Tür hinter ihm mit einem Knall zufiel. Er hasste dieses Geräusch – ebenso, wie er Insekten verabscheute, Fliegen und Mücken, die einem um die Nase schwirrten und nicht an einer Stelle blieben, wo man sie mit der Klatsche erwischen konnte. Die Menschheit wäre glücklicher ohne dieses Geschmeiß, dachte er, während er das Fenster schloss. Hätte er sich dafür entschieden, Architektur zu studieren, hätte er wohl gedämpfte Türen entworfen, die nicht so laut zuknallten. Mit gemischten Gefühlen hatte er sich jedoch für Jura eingeschrieben.

Vor zwei Jahren hatte Valentin andere Träume gehabt. Da waren Schauspieler wie Brad Pitt, Bruce Willis, Johnny Depp, George Clooney oder Michael Douglas seine Idole gewesen. Sie waren gut gebaut, hatten eine ansprechende Erscheinung, wirkten auf Frauen wie ein Magnet und vor allem: Sie küssten immer die schönsten Schauspielerinnen der Welt. Doch sein größtes Idol war Dustin Hoffman. Er hatte die hübschesten und prominentesten Frauen neben sich, obwohl er gewiss nicht der Attraktivste unter seinen Kollegen war. Doch er war ein begnadeter Schauspieler. Also wollte Valentin Schauspieler werden. Dann würde ihm die Welt (vor allem die hübschen Frauen) zu Füßen liegen … Schon als Kind hatte er eine Vorliebe für die Schauspielerei gehabt. In der Schule hatte er den Romeo in William Shakespeares „Romeo und Julia“ gespielt, bei der Schulaufführung. Bereits damals war seine Aufmerksamkeit von der farbenfreudigen Szene auf der Bühne gefesselt. Im Grunde seines Herzens liebte er das Theater mit seinen undurchdringlichen Geheimnissen.

Sein Vater jedoch hatte andere Pläne für Valentins Zukunft. Er war Rechtsanwalt, wie sein Großvater und Urgroßvater. Also war es seiner Meinung nach kaum notwendig, sich nach Valentins Berufswünschen zu erkundigen. Zugegeben: Der Vater war Partner in einer großen, gutgehenden Kanzlei. Die Familie lebte gut davon, hatte ein weiträumiges Anwesen am Stadtrand von Würzburg mit wunderbarem Blick auf die Marienburg. Valentins Gedanken gingen zurück zu jenem Gespräch, das über seine Zukunft entschieden hatte.

Er lief unruhig im Wohnzimmer umher, stellte immer wieder beklommen das Radio auf einen anderen Sender ein. Der Augenblick, den beide seit Jahren gefürchtet hatten, war gekommen. Während sein Vater sich einen Whisky einschenkte, zählte er ihm wieder einmal die Vorteile eines Jurastudiums auf, redete auf Valentin ein.

„Ja, gut“, entgegnete Valentin schließlich achselzuckend und seufzte.

Erleichtert klopfte Paul dem Sohn auf die Schulter. Valentin stolperte einen Schritt nach vorn. Er fühlte Unbehagen. Wäre jetzt nicht der Zeitpunkt gewesen, seinen Traum zu verwirklichen? Sollte er noch einmal mit dem Vater über die Schauspielerei sprechen? Doch ihm fehlten die Worte; sie wollten nicht aus seiner Kehle, hafteten tief unten im Rachen. Er griff an seine Kehle, spürte den Adamsapfel, als könne er die im Hals steckenden Worte hinaufschieben. Unbeholfen stand er im Zimmer. Es war schwer, gegen seinen Vater Argumente zu finden. Er konnte sich einfach nicht so gut ausdrücken wie er. Und selbst wenn es ihm gelänge, schien die Entscheidung für Paul mit diesem Schulterschlag besiegelt. Valentin empfand Leere. Und fühlte sich bedrängt. Wieso war es so selbstverständlich, dass er in die Fußstapfen der Familie trat?

Ein paar Tage später schrieb Valentin sich im Wintersemester für Jura ein. Den Gedanken an die Schauspielerei verschob er auf später. Wie hatte Paul gesagt: „Schauspielerei, das ist eine brotlose Kunst! Als Jurist, da hast du viel mehr Möglichkeiten, gutes Geld zu verdienen. Und es ist ein angesehener Beruf. Jeder Jurist verdient Geld, aber nicht jeder Schauspieler. Du findest viele Juristen im Bundestag oder in anderen politischen Ämtern. Auch in den Rechtsabteilungen von Unternehmen und Konzernen.“

Valentin achtete und bewunderte seinen Vater. Sein sicheres Auftreten, seine humorvolle und doch respektvolle Ausstrahlung den Mandanten gegenüber, gepaart mit Konsequenz und Zielstrebigkeit. Zudem sah er gut aus: groß, schlank, dunkle Haare, die leicht in ein Silbergrau übergingen. Frauen vermochten sich seinen Charme kaum zu entziehen.

Das war das Leben seines Vaters, nicht jedoch Valentins Leben. Valentin war athletischer Statur, etwas größer und hatte die gleichen markanten Gesichtszüge wie sein Vater. Er war anders als seine Familie, nur wollte das niemand sehen. Sein größter Traum war die Schauspielerei, er wollte kreativ sein.

Tief atmete er ein und aus, dabei überfiel ihn ein seltsames Gefühl von Ratlosigkeit. Vor kurzem hatte er den oberen Bereich der Villa bezogen und dadurch etwas Abstand von seinen Eltern gewonnen. Er bevorzugte Minimalismus, moderne, zeitlose, schlichte Möbel. Auf Überflüssiges, Verschnörkeltes konnte er verzichten. Mit seinen achtzehn Jahren war es Zeit, etwas Distanz zu schaffen. Mutter konnte verdammt pingelig sein. Sobald Valentin sich die Hände wusch, ermahnte sie ihn, das Waschbecken zu putzen. Wenn er dann das Handtuch nahm und damit über das Becken wischte, schimpfte sie, dass es dafür besondere Putzlappen gäbe. Er konnte ihr nichts recht machen, egal wie er sich auch bemühte.

Sein Ziel war nicht das Jurastudium gewesen, sondern die Schauspielerei. Heute jedoch fand die Einführungsveranstaltung für Jura statt. Die Pendeluhr schlug Viertel vor zehn. Valentin musste sich beeilen. Um zehn wollte er in der Universität sein.

Als er verspätet den Saal betrat, waren schon jede Menge Studenten da. Die Luft war stickig und verbraucht. Der Dekan, dessen trockener Kommentar im Getöse der klatschenden Hände unterging, schloss gerade seine Begrüßungsrede ab, und die Menge wurde unruhig, bis der Nächste das Wort ergriff. Im Anschluss daran folgten mehrere Kurzvorstellungen.

Während der Einführungswoche begriff Valentin, dass das Jurastudium alles andere als trocken war. Würzburg zählte zu den Universitäten mit hervorragenden internationalen Kontakten und Kooperationen. Durch das breitgefächerte Angebot der Fakultät sollten die Studenten nicht nur profundes Fachwissen erwerben, auch der akademische Austausch und das Engagement in internationalen Projekten waren Grundlage einer umfassenden Persönlichkeitsbildung. Die Studienzeit sollte eine Phase der Vermittlung von Wissen und Kompetenz, aber auch eine Zeit für gemeinsamen Freizeitspaß, Kreativität und Aktivitäten.

Letzteres nahm Valentin, wie seine Kommilitonen, recht wörtlich. Nahezu jedes Wochenende und fast jeden Abend verbrachten sie in Kneipen, Discos oder auf Partys. Das Studium wurde bald zur Nebensache. Ein paar Studenten, darunter auch Valentin, verfielen in einen regelrechten Rausch, immer neue Mädchen zu verführen. Valentins gutes Aussehen und sein schauspielerisches Talent sorgten dafür, dass er bei den Frauen gut ankam. Seine besorgte Mutter deponierte überall Kondome: im Bad, im Schlafzimmer und, worüber Valentin sich wunderte, auch in der Küchentischschublade. Der gute alte Küchentisch! Er erinnerte sich noch genau an den Tag, als seine Großmutter ihn zum Sperrmüll hatte stellen wollen. Damals hatte es den ganzen Morgen geregnet. Grauer Dunst hing in den Straßen. Oma hatte ihn gebeten, die alten Möbel auf die Straße zu stellen. Doch Valentin sagte bestürzt: „Oma Augusta, der alte Küchentisch ist viel zu wertvoll, als dass man ihn zum Sperrmüll weggibt!“

Seine Großmutter aber wandte ungerührt ein: „Ach, wer will denn das alte Gerümpel noch, wo es so schöne moderne Möbel gibt?“

So hatte er ihn genommen, und er gefiel ihm immer noch, dieser Gründerzeittisch, wohl um 1880 gefertigt. Vor allem die zwei geräumigen Schubladen, in denen außer Besteck und Servietten nun auch bunte Kondome lagerten. Er ließ sich hervorragend kombinieren mit seinen modernen Möbeln. Der Kronleuchter darüber mit seinem vielen kleinen, filigranen Kristallen war ein Meisterstück aus Licht und Glas.

Valentin liebte das Spiel, ob er ein Mädchen schon am ersten Abend mit zu sich nehmen konnte, um mit ihr zu schlafen oder ob er mehrere Tage brauchte, um sie zu überreden. Seine Mutter machte sich Sorgen.

„Diese Entwicklung und Valentins schlechter Umgang macht mir wirklich Sorgen“, beklagte sie sich bei Paul.

Aber Valentins Vater sah das nicht so kritisch. „Er ist noch jung. Du wirst sehen, wenn er sich erst die Hörner abgestoßen hat, lässt das alles nach“, beruhigte er seine Frau.

Aufgewühlt entgegnete sie: „Die Leute fangen schon an über Valentin zu sprechen, und das wirkt sich sicher nicht gut auf die Kanzlei aus! Sie sagen, der Sohn des Anwalts ist auf die schiefe Bahn geraten. Du musst was unternehmen!“

Paul sah die Angelegenheit sportlich. „Das sind die Flegeljahre. Das renkt sich schnell wieder ein, glaub mir.“

Die Studenten schlossen die unmöglichsten Wetten untereinander ab. Sie standen zusammen in der Mittagspause. Es war ein milder Novembertag. Die Sonne schien und wärmte die Körper der jungen Männer. Eine junge Studentin lief vorbei, ihr helles blondes Haar glänzte in der Sonne wie Gold. Sie stieß ein freundliches „Hey, Jungs!“ in die Runde.

Als sie außer Sichtweite war, grinste Freddy unverschämt.

„Eve kommt am Wochenende zu meiner Scheunenparty. Wetten, dass wir sie alle fünf zum Sex überreden können? Jede Wette gehe ich da ein! Hört zu: Wenn wir es alle fünf an einem Abend schaffen, spendiere ich euch eine Weinprobe in unserem Weingut. Mit anschließendem Essen im Hotel Stein.“

Darüber lachten alle, und so stand die Wette. Eine geschmacklose Wette. Doch Valentin nahm sich fest vor, der Erste zu sein.

Als Valentin zu der Party kam, sah er Freddy schon an Eve herumbaggern und die anderen drei Freunde in unmittelbarer Nähe. Besonnen beobachtete er Eve: Sie trug einen kurzen, schwarzen Rock, kombiniert mit einer roten Bluse und schwarze Pumps. Ihre Haare trug sie raffiniert hochgesteckt, einige Locken hatten sich gelöst und fielen sanft ins Gesicht, was ihre zarten Gesichtszüge zur Geltung brachte. Ihr Lippenstift war blutrot, passend zu ihrer Bluse. Noch einmal schnaufte er tief durch, dann ging er einfach auf Eve zu und fragte: „Freddy, darf ich dir Eve entführen, um mit ihr zu tanzen?“

Eve entschuldigte sich bei Freddy und reichte Valentin bereitwillig die Hand. Taktvoll geleitete er sie auf die Tanzfläche und sie tanzten. Nach einer Weile zog er sie an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Eve, ich muss dir unbedingt was geben, komm mit!“ Er nahm ihre zarte, verschwitzte Hand und zog sie hinaus.

Der Dezemberabend war kühl; Valentin zog seine Jeansjacke aus, um sie Eve über die Schultern zu legen. Bedenkenlos ging sie mit ihm über den gepflasterten Hof zu seinem Auto. Fast wäre sie über die holprigen Pflastersteine gestolpert, hätte Valentin sie nicht kavaliersmäßig an der Hand gehalten und sie aufgefangen.

Sie stiegen in seinen Audi, die Ledersitze waren kühl. Unmissverständlich drehte er die Musik leise auf, dann öffnete er das Handschubfach und zog einen Umschlag heraus. Während er ihr ihn gab, küsste er sie leidenschaftlich und sie erwiderte seinen Kuss. Bedachtsam, aber neugierig öffnete Eve das Kuvert. Eine Karte mit einem schwarzweißen Bild der Marienburg erschien. Auf der Rückseite stand ein kurzer Text. Eve las laut: Einladung zum Krimidinner für zwei Personen! Sie lachte und las weiter: Auf dem seit der späten Bronzezeit besiedelten Marienberg befand sich im frühen 8. Jahrhundert wahrscheinlich ein Kastell der fränkischthüringischen Herzöge mit einer Kirche, die 741 zur ersten Würzburger Bischofskirche erhoben wurde. Ab 1200 entstand eine ungewöhnlich große Burg, die im Spätmittelalter und in der Renaissance ausgebaut und erweitert wurde.

„Was sagst du dazu? Ich dachte, du würdest dich freuen, weil du doch ein Krimifan bist!“

Eve war sichtlich gerührt. Sie umarmte Valentin.

„Ich freue mich sehr! Wie bist du auf diese Idee gekommen?“

Die Antwort blieb er ihr schuldig, stattdessen schob er ihr ungeduldig seine Zunge in den Mund und erforschte ihn. Dezent schob er seine Hand unter ihre Bluse, öffnete ihren Push-Up-BH, spielte an ihren Brustwarzen herum und spürte ihre Erregung. Er schaltete das Licht aus und ließ das Liebeslied „Je taime“ laufen, das er immer bei solchen Gelegenheiten abspielte. Erfahrungsgemäß verfielen die Mädels bei diesem Song sofort in Ekstase. Unauffällig ließ er ihren Sitz in Schlafposition hinunter und küsste sie ungeduldig. Konzentriert öffnete er die kleinen Knöpfe ihrer Bluse. Vor Lust hätte er sie am liebsten aufgerissen, aber sie hatte sicher keine Wäsche zum Wechseln dabei. Begehrlich öffnete er seine Jeans und zog ungeduldig ein Kondom aus der Hosentasche. Eve lächelte ihn dankbar an. Er spürte ihren Herzschlag, der außergewöhnlich schnell und energisch schlug und seinen Puls, der bis in die Schläfen pochte.

Die Jungs waren ihnen gefolgt und beobachteten alles – zumindest so lange, bis die Scheiben von innen angelaufen waren. Valentin konnte ihre Augen erkennen, wie sie durch die Scheiben gierten, doch das turnte ihn noch mehr an. Eve war wirklich leicht zum Sex zu überreden. Behutsam drang er in sie ein. Ihr Rhythmus und der Takt der Musik spielten sich aufeinander ein, und er war von den Blicken und der Vorstellung, dass seine Kumpels ihm beim Liebesakt zusahen, wie berauscht. Eve stöhnte auf und krallte ihre langen roten Fingernägeln in seinen Rücken. Er fühlte keinen Schmerz, es fühlte sich gut an; rhythmisch bewegte er sich, bis sie beide laut aufstöhnten.

Dann zog er sich aus ihr heraus. Wortlos suchten sie ihre Kleider. Valentins Knie schmerzte, da er es an der Handbremse gerieben hatte. Nachdem Eve sich angezogen und ihren Gutschein in die Handtasche gepackt hatte, stiegen sie aus und gingen zurück in die Partyscheune. Während sie liefen, streckte sie sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich glaube, ich habe mich ein bisschen in dich verliebt.“

Er lächelte verwundert zurück und dachte: Das mit Eve war wirklich ein Kinderspiel, aber von Liebe habe ich nicht gesprochen.

Die Tür war ein Spalt weit geöffnet; laute Musik und verbrauchte, rauchige Luft strömte ihnen entgegen. Die Party war in vollem Gange. Die Jugendlichen kifften, tanzten und amüsierten sich. Die vier Freunde grinsten Valentin an, und er nickte ihnen zu, um zu bestätigen, dass er seinen Teil der Wette erfüllt hatte.

Freddy füllte Eve dann mit harten Sachen ab und zog sie hinter sich her in die Toilette. In diesem Moment tat sie Valentin leid und einen Moment bereute er es, an der Wette teilgenommen zu haben. Als sie wiederkamen, sah Eve erbärmlich aus: Ihr roter Lippenstift und ihre Wimperntusche waren verschmiert und ihr Minirock verrutscht. Um das ungute Gefühl abzuschütteln, nahm er sie entschlossen an die Hand und sagte: „Ich bringe Eve jetzt nach Hause.“

Doch die drei Freunde versperrten ihm grinsend den Weg.

„Das können wir erledigen! Wir bringen sie schon nach Hause.“

Robert nahm ihre Hand, flößte ihr noch einen Jack Daniels ein, und zu viert verließen sie die Scheune.

Keiner hatte später irgendwelche Beweise dafür, was er mit Eve gemacht oder nicht gemacht hatte. Außer Valentin: Bei ihm hatten alle zugesehen, wie er es Eve im Auto besorgt hatte. Aber die Wette wurde als gewonnen betrachtet. Freddy musste seinen Wetteinsatz einlösen, und die Freunde sorgten dafür, dass es ein teurer Spaß für ihn wurde.

Am folgenden Wochenende rief Eve erwartungsvoll bei Valentin an.

„Valentin, ich wollte noch einmal nachfragen, wegen dem Krimiessen, das du mir für das Wochenende geschenkt hast. Es ist ja für zwei Personen, und da dachte ich, wir lösen den Gutschein zusammen ein.“

Valentin wollte unter diesen Umständen auf keinen Fall mit Eve dorthin gehen. Wenn ihn einer der Kommilitonen erkannte, wäre er dem Gespött ausgeliefert. Der Vorfall mit Eve sprach sich wie ein Lauffeuer an der Uni herum. Er hustete, um Zeit zu gewinnen. Dann erwiderte er besorgt: „Ja, Eve, das dachte ich auch. Leider ist mir was dazwischen gekommen. Du findest bestimmt jemanden, der gerne mit dir da hingeht.“

„Das ist aber schade. Ich habe mich schon so darauf gefreut, und auch auf dich!“

Valentin hörte Enttäuschung in ihrer Stimme. „Sorry, Eve, ist echt schade, aber es kommt wieder mal eine Gelegenheit. Also, dann viel Spaß beim Krimidinner!“ Schnell beendete er das Gespräch und trank sein Glas Wein aus.

Als er mit Freddy den Irish Pub erreichte, waren Robert und André schon fast betrunken. Die Liveband heizte den Gästen ein, und die Stimmung war großartig. Sie bestellten Whisky. Mit geschultem Blick sah Freddy sofort die hübschen Mädchen am Nachbartisch und grinste.

„Hey, Valentin, wenn ich eine von den beiden abschleppe, zahlst du die Zeche, okay?“

„Aber nur, wenn du mir eine abgibst!“

Freddy lachte, nahm sein Glas und gesellte sich zu den hübschen Damen am Nachbartisch. Es dauerte eine Weile, bis er mit den Mädchen zu ihnen an den Tisch kam. Nach ein paar Runden Whisky übernahm Valentin die Rechnung, und sie verließen zu viert den Pub.

Ein leichter Wind wehte durch die Straßen, und Freddy musste in einen Hauseingang treten, um einen Joint zu drehen und ihn durch die Runde ziehen zu lassen. Freddy drehte die besten Joints, auch wenn sie manchmal eine ungewöhnliche Form aufwiesen. Vermutlich hatten die Mädels noch nie vorher Gras geraucht, denn als sie daran zogen, mussten sie furchtbar husten. Nach einer Weile lachten und gluckerten sie wie aufgehetzte Hühner. Die Blonde bekam einen Verfolgungswahn. Sie sagte ständig: „Die Bullen verfolgen uns, die Bullen verfolgen uns, passt auf, das sind die Bullen, ich hab sie gesehen, sie sind direkt hinter uns! Die Bullen haben die Verfolgung aufgenommen! Wartet nur, wenn sie kommen, dann schießen sie, die Bullen!“ Dabei lachte sie laut.

Valentin versuchte sie zu beruhigen. Im schwachen Licht der Abenddämmerung waren die Mädchen fast unsichtbar, während sie kichernd auf das Taxi warteten, das Valentin bestellt hatte. Als es kam, stiegen sie ein. Nach höchstens fünf Minuten Fahrt rief die Braut von Freddy zu dem Taxifahrer: „Halt mal an!“

Der Taxifahrer fuhr rechts an den Straßenrand. Er dachte, die Frau wäre betrunken und sagte: „Kotz mir nicht das Auto voll, sonst nehme ich euch einen Zwanziger für die Reinigung des Fahrzeugs ab!“

Das Mädchen erwiderte gereizt: „Ich kotze nicht, ich kann fliegen!“

Der Fahrer lachte spöttisch. Sie stieg aus dem Taxi und vergaß, die Wagentür zu schließen. Ein leichter Luftstoß drang in das Wageninnere; der Taxifahrer fluchte. Sie stellte sich an den Straßenrand; alle sahen ihr aus dem Auto dabei zu. Bedächtig breitete sie die Arme aus, als wären es Flügel. Dann machte sie einen Schritt nach vorn und fiel geradewegs in den Straßengraben.

Schnell stiegen Valentin und Freddy aus, hoben sie aus dem matschigen Graben und setzten sie wieder zurück in das Taxi. Sie jammerte: „Meine Kleider sind schmutzig, oh, mein schönes Täschchen ist gerissen, der Trageriemen ist ab! Aber ihr habt gesehen, wie ich fliegen kann!“

„Ja“, erwiderte Freddy ironisch, „wir haben gesehen, wie du in den Straßengraben fliegen kannst.“

Die Blonde meldete sich wieder zu Wort und sagte ebenso eintönig wie vorher: „Die Bullen verfolgen uns, die Bullen verfolgen uns, passt auf, das sind die Bullen, die uns verfolgen! Lasst uns abhauen, bevor sie uns erwischen!“

Freddy ging das Gejammer auf die Nerven. „Du hast eine Paranoia, Mädchen, sonst nix!“

„Hab ich eben nicht, das sind echt die Bullen, sie verfolgen uns! Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!“

Sie hatten dann einen netten Abend mit den beiden Damen, auch wenn sie komplett zugedröhnt waren. Am nächsten Morgen bestellten sie ein Taxi, bezahlten es im Voraus und setzten die Frauen hinein.

Den Rest der Semesterferien verbrachten sie mit dem, was sie am besten konnten: Saufen, zocken, schlafen, kiffen. Außerdem liefen diverse Wetten um, wer übers Wochenende den Mädels beim Sex die meiste Wäsche abnahm oder mit wie vielen Mädchen er an einem Abend Sex haben konnte. Valentin hatte schon eine ganze Truhe voll mit liebreizenden, hauchfeinen Dessous.

Er war wieder mal spät dran. Eilig verließ er das Haus und fuhr zu Freddys Scheunenparty. Er war noch etwa hundert Meter entfernt, da versperrte ein Laster den Weg. Der Gegenverkehr ließ ein Vorbeikommen nicht zu. Nach ein paar Minuten wurde er unruhig. Er hupte, stieß Schimpfwörter aus und gestikulierte. Unerwartet klopfte es an seine Scheibe. Unwillkürlich drehte er den Kopf zur Seite und sah einen Polizisten. Verärgert ließ er die Scheibe herunter.

„Weshalb haben Sie gehupt? Sie wissen, dass Hupen ohne Grund verboten ist!“

Valentin verdrehte die Augen. „Erzählen Sie mir lieber, was erlaubt ist, das wäre einfacher und würde uns nicht so viel Zeit kosten.“

Der Polizist war verärgert. „Junger Mann, das kostet Sie 25 Euro.“

Valentin stöhnte auf. Gereizt nahm er seine Geldbörse zur Hand und reichte ihm lässig einen Fünfziger.

Der Polizist stellte eine Quittung aus, sah ihn aus tiefliegenden Augen an und seufzte. „Haben Sie es nicht passend? Ich habe kein Wechselgeld zur Hand“.

Valentin hupte erneut, lachte und sagte ironisch: „Dann sind wir jetzt quitt. Zweimal Hupen kostet nach Adam Riese einen Fünfziger!“

Der Polizeibeamte rief erregt: „Das gibt eine Anzeige wegen Amtsanmaßung, darauf können Sie sich gefasst machen! Sie werden von mir hören!“ In diesem Moment fuhr der Laster an. Valentin ließ den Polizisten stehen und fuhr weiter.

Freddy begrüßte ihn überschwänglich. Die Stimmung auf der Party war bombastisch. Genügend Studentinnen waren präsent, und das Publikum versprach einen feuchtfröhlichen Abend. Doch Valentin fühlte ein Unbehagen in der Magengegend, und die schwüle, verbrauchte Luft in der Kneipe trug nicht zu einer Besserung seines Befindens bei. Seine Stimme bebte, als er Freddy um einen Joint bat. Die Musik war laut und dröhnte in seinen Ohren. Er saugte die Lippen nach innen und zog tief und fest an dem Joint. Da gaben seine Knie nach und er fiel ohne Vorwarnung mit einem dumpfen Schlag zu Boden. Sein Whiskeyglas zerbrach in tausend Scherben, die sich auf dem schwarz-weiß karierten Boden verteilten.

Valentin erwachte. Seltsam wirres, unreales Zeug hatte er geträumt. Von Samureikämpfern mit viel Blut. Und er war der Hauptdarsteller gewesen. Gerade in dem Moment, als er aufwachte, wurde er geköpft, und sein Blut spritzte nach allen Seiten. Er war froh und erleichtert aufgewacht zu sein und rieb sich den Hals. Sein Kopf war noch da, wo er hingehörte, aber er spürte einen grollenden, durchdringenden Kopfschmerz. Oft hatte er solche wilden, stupiden Träume, wenn er zu stark ins Glas schaute und dazu noch einen Joint rauchte. Alkohol und Drogen vertrugen sich nicht besonders gut. In letzter Zeit hatte er fast jede Nacht solche Träume. Am liebsten waren ihm erotische Träume mit schönen Frauen. Da übernahm er gern die Hauptrolle. Aber die hatte er lange nicht mehr geträumt. Als er erwachte, wusste er nicht, ob es ein Traum war und wo er sich überhaupt befand. Er wollte gerade aufstehen, als eine hübsche brünette Krankenschwester ihn am Aufstehen hinderte.

„Bleiben Sie bitte liegen, ich hole den Arzt“, sagte sie in freundlichem Ton.

„Einen Arzt? Wo bin ich überhaupt?“, fragte Valentin verwundert, während er sich mit beiden Händen den dröhnenden Kopf hielt.

„Im Krankenhaus. Bleiben Sie ruhig, ich hole einen Arzt“, wiederholte sie.

Valentin versuchte sich zu erinnern, doch es gelang ihn nicht. Er konnte sich nicht an den letzten Abend erinnern, auch nicht, wie er ins Krankenhaus gekommen war. Im Krankenhaus? Hatte er einen Autounfall gehabt? Wieder fuhr ihm ein stechender Schmerz durch den Kopf.

Als der Arzt ins Zimmer kam, erklärte er ihm, dass er einen Kreislaufzusammenbruch gehabt hätte. Sein Körper war von zu viel Alkohol ausgetrocknet worden. Valentin war zu Boden gestürzt und hatte sich dabei am Kopf verletzt; zudem hatte er sich Prellungen und Schürfwunden an Knien und Händen zugezogen. Jemand hatte den Krankenwagen gerufen.

Valentin konnte sich an nichts erinnern und fühlte sich wie am Rande der Gesellschaft, wie ein Alkohol oder Drogensüchtiger. Asozial! Ständig spürte er die mitleidigen Blicke um sich herum. Er fühlte sich keineswegs gut in dieser Rolle.

Valentin musste zwei Tage zur Überwachung im Krankenhaus bleiben. Im Zimmer kam er sich eingeengt vor. Der Raum wirkte kalt, nur ein Sonnenblumenbild hing an der kahlen Wand. Ratlos ging er in den Garten. Im Zimmer herrschte striktes Rauch- und Alkoholverbot.

Es war kühl, und er sah albern aus in dem weißen Krankenhauskittel, der am Rücken mit Schnürchen zusammengebunden war. Dazu trug er seine schwarzen Converse Sneakers. Er war nicht auf einen Krankenhausaufenthalt vorbereitet, hatte keine Wäsche zum Wechseln dabei. Ihm graute schon jetzt vor dem Besuch seiner Eltern. Es war einfach nur peinlich.

Draußen stand ein merkwürdiger hagerer Mann mit einem langen grauen Bart. Seine Augen lagen tief im Gesicht, umrahmt von Krähenfüßen, und sein linkes Auge zuckte in gleichmäßigen Abständen. Valentin musterte den hageren Typ. Sein Anzug war eher im klassischen, britischen Stil gehalten. Die hohen Schultern, die schrägen Taschen, die enge Taille und die spitz zulaufende Hose zeigten eine formale Strenge, die sich höchstens mit britischem Humor aufbrechen ließ, jedoch konnte Valentin einen solchen im Moment nicht aufbringen. Er fühlte sich müde und erschöpft.

Der ältere Herr, der sich gerade eine Zigarette anzündete, erzählte ihm, er besuche einen ehemaligen Studenten. Geschickt verwickelte er Valentin in ein Gespräch. Valentin war eigentlich gar nicht zum Reden aufgelegt. Nach einer Weile hatte er dem ungewöhnlichen Mann seine komplette Lebensgeschichte erzählt. Und Herr Krumschnabel, so hieß der Mann, erzählte ihm aus seinem Leben: Er war Professor an der Universität und wollte Valentin unterstützen, um seine Wissenslücken aufzuarbeiten. Valentin wollte darüber nachdenken, aber nicht sofort. Im Moment hatte er Kopfschmerzen und wollte an gar nichts denken, am wenigsten über sich. Zum Grübeln war später immer noch Zeit.

Ein paar Tage nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus suchte er den Friseur auf. Die hübsche Friseuse kam auf ihn zu. Ihr Name war Hazel, und so sah sie auch aus: haselnussbraune Augen und braunes, langes Haar, das ihr weich über die Schultern fiel. Von Natur aus war sie mit einer traumhaft schönen Figur ausgestattet. Mit ihren ebenmäßigen Gesichtszüge und ihrem herzlichen Lächeln, das von innen heraus strahlte, war sie anders als alle Mädchen, denen Valentin je zuvor begegnet war. Ihre Bewegungen waren anmutig; die Arbeit ging ihr leicht von der Hand. Eine elegante Erscheinung. Valentin hätte ihr den ganzen Tag zusehen können.

Abwägend sah sie seine Frisur an, musterte ihn von allen Seiten.

„Den üblichen Schnitt? Oder soll es mal was anderes sein?“

Valentin klagte über seine Haarfarbe. Sie fasste in sein Haar und hob es prüfend an. Dann zögerte sie einen Augenblick, sah ihn von der Seite an und seufzte. „Wir könnten die Haare natürlich färben. Ein warmes Dunkelbraun, wenn du diesen leichten Rotstich nicht magst. Obwohl mir deine Haarfarbe eigentlich gut gefällt. Es ist deine Entscheidung.“

Valentin wollte sich verändern. Eigentlich seinen Charakter, aber er begann mit seinem Äußeren. Das war die einfachere Lösung, so schien es. Er entschied sich für die Farbe. So konnte er die Gesellschaft der hübschen Friseurin noch etwas länger auskosten. Bei jeder ihrer Bewegungen sog er ihren Duft in sich ein.

Beim Auswaschen der Farbe massierte sie seinen Kopf. Dann schnitt sie ihm einen Kurzhaarschnitt, der perfekt zu seinem markanten Gesicht passte und seine grünen Augen zur Wirkung brachte. Seine langen Studentenhaare lagen zerstreut auf dem Boden. Eine Auszubildende kehrte sie schweigend zusammen. Der kurze Schnitt und die dunklere Haarfarbe veränderte sein Aussehen gänzlich.

An der Kasse bezahlte er und gab reichlich Trinkgeld. Danach lud er Hazel zum Essen ein. Er war freudig überrascht, dass sie sein Angebot annahm. Valentin freute sich, und sie entschieden sich, zu seinem Lieblingsitaliener Marcello zu gehen.

Als dieser sie erblickte, begrüßte er sie mit einer herzlichen Umarmung. „Buon giorno, Hazel! Du schaust heute wieder bezaubernd aus!“

„Buon giorno, Marcello“, sagte sie freundlich.

„Heute bekommst du die beste Pizza von die ganze Welt!“

Marcello hatte recht: Er machte die beste Pizza in der ganzen Stadt. Valentin bestellte noch eine Karaffe von Marcellos beliebtem Hauswein, dann widmete er sich Hazel.

Sie erzählte von Ihrer Arbeit im Friseursalon, die ihr viel Spaß machte, von den netten Kunden, aber auch von den chaotischen Jugendlichen, die ihre Haare zum Teil total ausgeflippt färbten und die verrücktesten Muster und Namen in ihren Schopf rasieren ließen.

„Der Style hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Wir müssen ständig Seminare besuchen, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Schließlich wollen wir immer die neuesten Trends anbieten.“

Hazel liebte ihren Beruf, das spürte Valentin. Er hätte ihr noch stundenlang so zugehört, und sie hätte gewiss noch lange mit Begeisterung weitererzählen können, doch als sie auf ihre Armbanduhr sah, erschrak sie.

„Wie schnell die Zeit vergeht, schon kurz vor zwei! Wir müssen jetzt gehen, sonst komme ich zu spät und die Kunden stehen vor verschlossener Tür!“

Valentin rief Marcello und er kam zum Kassieren. Beim Bezahlen gab es ein Problem mit seiner Kreditkarte. Valentin musste bar bezahlen. Er hatte gerade noch genügend Kleingeld. Sie überzogen etwas die Mittagspause, und er fuhr Hazel wieder zum Friseursalon. Als sie ausstieg, gab sie ihm einen Kuss auf die Wange und bedankte sich für das Essen. Hastig stieg sie aus dem Wagen. Eine Kundin und ein Lehrling standen schon vor der Tür und warteten. Ihr dezentes Parfüm stieg Valentin in die Nase. Einen Augenblick lang sah er ihr nach: Sie trug graue Sneakers, eine graue Hose, ein graues Top und darüber ein weißes Strickshirt, das etwas weiter getragen wurde und im Wind flatterte. Sie war sportlich gekleidet, was ihren Typ unterstrich. Ihre schwarze Lacktasche, die um ihre Schulter hing, trug in großen, goldenen Buchstaben den Schriftzug Harrods. Sie drehte sich noch einmal um und lächelte ihm zu, bevor sie aufschloss und hinter der Schwenktür verschwand. Eine Zeitlang sah er noch in ihre Richtung. Er konnte sie hinter dem großen Schaufenster sehen, bevor sie aus seinem Blickwinkel verschwand.

Sein nächster Weg führte ihn zur Sparkasse. Natürlich fand er wieder keinen Parkplatz in der verdammten Stadt und stellte sich in die zweite Reihe. Mir doch egal, wenn es wieder ein Knöllchen gibt, murmelte er laut vor sich hin. Aufgebracht erkundigte er sich am Schalter wegen der nicht funktionierenden Kreditkarte. Dort erklärte man ihm ruhig und sachlich, dass seine Kreditkarte vor kurzem gesperrt worden sei.

„Gesperrt?“, fragte er den Banker fassungslos.

„Ja, gesperrt.“

„Wie soll ich das verstehen?“

Valentin war entsetzt und wütend – auf den Banker, auf seinen Vater, auf jeden, der ihm über den Weg lief. Das konnte sein Dad nicht mit ihm machen, das ging eindeutig zu weit! Zornig ging er zu seinen Freunden und ließ diese auf seine Tankkarte tanken. Dann ließ er sich das Benzingeld in bar ausbezahlen, damit er wenigstens etwas bei Kasse war.

Auf der Marienburg

Zuhause drohte die Situation zu eskalieren. Valentin fuhr zur Marienburg, um sich abzulenken. Das tat er immer, wenn er allein sein wollte. Dort hatte er einen wunderbaren Blick über die Stadt.

Er parkte und lief den steilen Weg hinauf, als ihm eine Reisegruppe aus Japan entgegenkam. Alle trugen die gleichen roten Schildmützen. Bei jeder Gelegenheit stellten sie sich in Gruppen zusammen und schossen Bilder; dabei versuchten sie das Foto mit Gesten zu verbessern und zogen Grimassen. Valentin lief amüsiert weiter und erreichte den Burgwall. Von hier aus hatte er einen weiten Blick über den Main.

Sein Blick fiel auf das Käppele – der volkstümliche Name für eine Wallfahrtskirche, die nach Plänen Balthasar Neumanns errichtet worden war. Es war eine der wenigen Kirchen, die den Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg ohne größere Schäden überstanden hatte. Mit ihren drei Zwiebelhäubchen stand sie wie verwunschen im Hang, eingebettet zwischen Bäumen und Weinbergen. Zu ihr führte ein Treppenaufgang, der als Kreuzweg errichtet worden war. Unzählige Male war Valentin als Kind diesen Weg mit seinen Eltern gegangen.

Er lief auf der Mauer entlang und sah eine Schulklasse mit Kindern, die an einer Führung teilnahmen. Der Burgführer versuchte ihnen Burg und Stadtgeschichten näher zu bringen, erzählte vom Alltag auf einer Fürstenburg, von Überfällen auf den Bischof, von Rittern und Gräfinnen. Manche hörten wissbegierig zu, andere liefen in Grüppchen hinterher und redeten oder lachten.

Valentin war gern Schüler gewesen, war gern in die Grundschule und später ins Gymnasium gegangen. Als Student dagegen war er ein Versager. Nun war auch noch dieser Kreislaufzusammenbruch dazugekommen. Zu viel Alkohol und die Kifferei machten ihm zu schaffen. Er hatte es übertrieben, maßlos.

Sein Blick schweifte über die Stadt, über die vielen Autos und das Treiben auf den Straßen. Als Kind war er diesen Weg oft mit dem Fahrrad gefahren. Einmal fuhr er mit ein paar Kameraden um die Wette. Valentin trug wie immer keine Schuhe, und sie fuhren durch hohes Schilf. Dabei schnitt er sich die Füße und Beine so stark auf, dass es an manchen Stellen genäht werden musste. Er blutete und trug Narben davon. Wochenlang konnte er nur kalt duschen. Er gewöhnte sich so daran, dass er bis heute nur noch kalt duschte. Nur mit kaltem Wasser fühlte er sich frisch und sauber. Seitdem trug er den Spitznamen „Kaltduscher“.

Seine Mutter war damals sehr besorgt um ihn gewesen: das viele Blut an seinen Beinen und Füßen, die Blutspritzer am Fahrrad. Doch es sah schlimmer aus, als es war. Seine Mum sah für ihr Alter noch sehr gut aus. Sie arbeitete hart dafür. Regelmäßig ging sie ins Sportstudio, besuchte mindestens einmal in der Woche das Schwimmbad und spielte Tennis. Außerdem achtete sie auf ihre Ernährung. Sie kochte täglich selbst für die Familie und verwendete nur frische Lebensmittel. Keine Creme, die versprach, jünger und straffer auszusehen, war ihr zu teuer. Sie trichterte ihm von klein auf ein, dass es das Wichtigste im Leben sei, glücklich zu sein und viel Spaß im Leben zu haben und dass dies nur ginge, wenn man gesund sei und viel Geld zur Verfügung habe – am besten reichlich von beidem.

Mum war das beste Beispiel: Sie und Dad ergänzten sich: Paul verdiente das Geld, und Mum verstand es, es unter die Leute zu bringen. Ja, das konnte sie wirklich gut. Sie kümmerte sich um Haus, Garten und die unzähligen Anlässe, die es zu feiern gab. Und natürlich um Valentins Erziehung. Bei Empfängen war sie perfekt: Sie dekorierte den Tisch passend zur Jahreszeit, wählte Getränke und Speisen aus, kochte erlesen und wählte zu jedem Anlass die passende Musik. Bei der Verabschiedung der Gäste genoss sie zusehends die Komplimente über ihr gelungenes Event und darüber, was für eine hervorragende Gastgeberin sie sei. Bei der Verabschiedung standen die Eltern gewöhnlich Arm in Arm in der Empfangshalle und nahmen stolz den Dank der Gäste entgegen: „Das war wieder ein Abend! Alles war wieder perfekt organisiert, und das Essen und der Wein ausgezeichnet, so gut aufeinander abgestimmt, es war wieder so schön bei Euch!“ Mum lobte dann Dad, und der wiederum gab das Lob zurück an seine Frau.

Valentin hatte sich nur in dieses Bild der perfekten, glücklichen Familie einzufügen, dann stand ihm alles offen, was das Finanzielle anbetraf. Nun jedoch war er an einem Punkt angekommen, wo sein Vater ihm die Kreditkarte gesperrt hatte. Er spürte eine Abneigung gegen sich selbst.

Sein Blick schweifte noch einmal über die Stadt. Er sah die vielen Schiffe, den Main, wie er sich durch die Stadt schlängelte, die Brücken, die das Land miteinander verbanden, die Weinberge am Hang, den alte Kran am Ufer. Erinnerungen an seine Kindheit stiegen in ihm empor: Sommer, die sie am Main verbrachten, badeten, Fußball spielten. Die Mauer war halbhoch mit Efeu bewachsen, es kühlte ab. Valentin wandte sich ab und ging in das Fürstenbaumuseum.

Der Fürstensaal beeindruckte ihn immer wieder, auch die fürstbischöfliche Schatz und Paramentenkammer. Dann sah er sich die Modelle der Festung von 1525 und nach dem Krieg an. Obwohl er schon oft hier gewesen war, beeindruckten sie ihn immer wieder aufs Neue. Bei dem Bombenangriff auf Würzburg war die Festung stark beschädigt und ab 1950 wieder aufgebaut worden.

Es war schon nach fünf, als er die Festung verließ, und es dämmerte. Über der Stadt gingen vereinzelt Lichter an. Die Marienburg, der Kiliansdom, das Käppele und das Rathaus wurden angestrahlt, verbreiteten festlichen Glanz. Die Menschen gingen jetzt nach Hause, freuten sich auf ihren Feierabend. Nur Valentin wollte nicht nach Hause, zumindest jetzt nicht. Er genoss den Ausblick von der Burg aus, die vielen Lichter. Die Straßenlaternen schalteten sich ein, alle zur gleichen Zeit.

Ihn fröstelte, und er zog seine Jeansjacke an. Sein Mund fühlte sich trocken an. Er wühlte in seinen Taschen und fand einen Zimtkaugummi in der Hosentasche, der ziemlich verdrückt war. Die wenigen Besucher, die noch da waren, wandten sich dem Ausgang zu. Der Geschmack des Kaugummis im Mund hielt nicht lange an, und er spuckte ihn in den Mülleimer. Er lief die Burg entlang, zum Parkplatz hinunter, wo er vor Stunden sein Auto geparkt hatte. Es war ein klarer Abend, und er konnte schon die Sterne am Himmel erkennen. Ein Mann stieg mit seinem Sohn ins Auto und sie versuchten Hundegebell und Wolfgeheule zu imitieren. Der Vater hörte sich recht gut an: Er jaulte wie eine Herde Wölfe. Der Sohn versuchte ihn nachzuahmen, doch es hörte sich immer unecht an.

Valentin fuhr nach Hause. Das Feld neben seinem Elternhaus war übersät mit Raben, die wie wild herumpickten. Bald würde hier ein Haus entstehen. Mum hatte sich furchtbar aufgeregt, dass die schöne Aussicht versperrt würde. Unzählige Male war es Gesprächsstoff beim Mittagessen gewesen. Für sie brach tatsächlich ihre kleine Welt zusammen.

Valentin blickte immer noch zu den Raben, als er die Treppe hinaufging. Sie sahen bedrohlich aus und erinnerten an einen Horrorfilm, den er einmal gesehen hatte.

Ein paar Tage später suchte er Herrn Krumschnabel auf, den Professor, den er im Krankenhaus kennengelernt hatte. Er half ihm, seine Wissenslücken aufzufüllen, und ein freundschaftliches Verhältnis zwischen ihnen begann. Herr Krumschnabel schien ihn zu mögen. Valentin musste einiges an Stoff aufarbeiten und konnte sich nun nicht mehr so oft mit seinen Freunden treffen. Mit Hazel, der hübschen Friseurin, verband ihn bald eine tiefe Freundschaft. Valentin jedoch wünschte sich mehr als Freundschaft. Nichts begehrte er sehnlicher als ihre Zuneigung.

An einem Sonntagnachmittag dann lud er sie einfach zu sich ein. Sie tranken Kaffee in seiner Küche. Ständig musste er sie ansehen. Er beobachtete, wie sie aufstand, wie sie ihre Kaffeetasse, die noch dampfte, mit ihren Händen umklammerte, als wollte sie sich daran wärmen.

Hazel stellte sich vor das Küchenfenster und blickte hinaus. „Du hast hier einen schönen Blick auf die Marienburg“, stellte sie fest.

Valentin stellte sich hinter sie. Er roch ihr Haar; es duftete zart nach Kokosnuss. Der Wind wehte, die Bäume bogen sich alle in eine Richtung und warfen ihre roten und goldfarbenen Blätter ab. Eine Katze kletterte wie wild einen Baum hoch auf der Jagd nach einem Vogel. Vorsichtig legte Valentin seine Hände um Hazels Taille. Das Gefühl, sie zu berühren, ließ seinen Puls höher schlagen.

Sie sahen eine Weile hinaus, und er stand so nah hinter ihr, dass er die Augen schloss und ihren zarten Duft einsog. Sie lehnte sich an ihn, und er spürte ihren warmen Körper. Langsam drehte sie sich in seine Richtung. Er öffnete die Augen, und sie sahen sich eine kleine, wunderbare Ewigkeit tief in die Augen. Monate und Jahre würden vergehen, doch dieser Moment würde ein Leben lang leuchten. Eine Zeitlosigkeit umgab ihn, die schön war und nie enden sollte.

Hazels haselnussbraune Augen hatten einen Blick, der Valentin fast den Verstand raubte. Langsam ging er mit seinem Kopf näher zu ihr. Die Luft knisterte; Funken schienen zu sprühen zwischen ihnen. Er öffnete langsam den Mund und liebkoste ihre vollen Lippen; dann küsste er sie leidenschaftlich. Diesen flüchtigen Zauber wollte er niemals wieder verlieren. Diese Gesten und Blicke. Seine Knie wurden weich, und zugleich spürte er ein wohliges Glücksgefühl.

Hazel erwiderte seinen Kuss hemmungslos und knabberte an seinen Lippen. Seine Lippen, die so empfänglich für sie waren, verschmolzen mit ihrem sinnlichen Mund. Valentin nahm ihre Tasse und stellte sie ab. Er konnte seine Finger nicht von Hazel lassen. Die Spannung im Raum steigerte sich. Sie küssten sich lange, wie berauscht, und er berührte ihr Gesicht und ihren zarten Hals. Behutsam hob er sie hoch und setzte sie auf den alten Küchentisch. Zaghaft knöpfte er ihre Bluse auf und küsste ihren langen Hals. Langsam tastete er sich über ihr Dekolleté zur Schulter vor, zu ihren runden Brüsten, zu ihrem Nabel. Hazel kam ihm entgegen und zog ihn aus. Obgleich sie zart miteinander umgingen, waren sie erregt, und er spürte ihren pochenden Puls. Valentins Herz hämmerte so laut, dass er es hören konnte. Er war aufgewühlt. Sie lächelte ihn sanft an mit ihren braunen Augen. Sie liebten sich ausschweifend auf dem Küchentisch; sein Verlangen zu ihr war fast übermächtig. Zu lange hatte er diesen Moment herbeigesehnt, und nun kostete er ihn mit all seinen Sinnen aus.

Als er aus seiner Ekstase zurückkehrte, trug er sie vorsichtig, wie feinstes Porzellan, auf den Boden. Er roch an ihrer samtigen Haut; ihr Geruch betörte ihn. Sie sog an seinen Brustwarzen. Er war verblüfft, wie diese zarte Person so wild und ausschweifend sein konnte. Unaufhörlich liebte sie ihn auf dem Teppich. Sie wechselten die Position, bis sie sich erschöpft ausruhten. Schweigend sahen sie einander an. Sie konnten nicht voneinander lassen, sie waren gierig auf ihre Körper und streichelten sich. Wie oft hatte Valentin sich vorgestellt, davon geträumt, wie es mit Hazel sein könnte, und nun war sie ganz anders, wild, stürmisch, leidenschaftlich, intensiv und doch anmutig. Als Valentin sich beruhigt hatte, waren seine Knie aufgeschürft vom Teppich.

Er liebte Hazel wie kein anderes Mädchen zuvor. Er hatte Respekt vor ihr. Es war nicht wie bei den anderen Mädchen, deren Anwesenheit ihn nach dem Sex nervte, nein, bei Hazel war alles anders. Je öfter er mit ihr zusammen war, umso mehr vermisste er sie, wenn sie weg war. Täglich musste er sie sehen. Er wollte keinen Tag, keine Stunde mehr ohne sie verbringen. Sie war seine Inspiration, aber auch sein Ruhepol. Es fühlte sich nicht wie eine leichte Verliebtheit an, nein, es war mehr: Er fühlte innige, wahre, tiefe Liebe für Hazel. Sie war ein Rausch für ihn. Oft reichte ihm schon ihre Anwesenheit. Sie war so schön, dass er sie stundenlang nur ansehen konnte. Ihre graziöse Bewegungen, ihr aufrechter Gang, all das reichte ihm, um glücklich und zufrieden zu sein. Ihre Spontanität und ihre ausgefallenen Ideen brachten ihn zum Lachen. Manchmal lachten sie beide so sehr, dass ihnen Tränen ins Gesicht schossen. Sie war ein lebenslustiger Mensch und freute sich über die kleinsten Dinge: über eine Rose auf dem Nachttisch, einen Kinogutschein in ihrem Geldbeutel, ein Parfüm in ihrer Handtasche. Jede Kleinigkeit war für sie wertvoll. Sie schrieb ihm Liebesbriefe oder steckte ihm einen Glückskeks in seine Jackentasche.

Sie lernten auch zusammen. Hazel war an allem interessiert. Sie sog alle Informationen auf wie ein Schwamm. Sie hatten Spaß am Lernen, Spaß an allem, was sie gemeinsam unternahmen. Gelegentlich rauchte Valentin noch einen Joint, aber der exzessive Alkoholkonsum ließ nach, und an andere Frauen dachte er schon lange nicht mehr. Wohlig schlief sie in seinen Armen ein.

Am Morgen nach ihrer ersten Nacht wachte Valentin auf. Das Zimmer war durchflutet von Licht. Er tastete zur Seite und fand nur das seidene Bettlaken. Er war überrascht. Er ging ins Bad und sah Hazels Silhouette in der Dusche. Ihr Geruch hing in der Luft. Er machte das Frühstück, und sie aßen zusammen im Bett.

Zum ersten Mal erzählte Hazel ihm von ihrem Vater, Lloyd Bird. Er war US-Amerikaner gewesen, First Lieutenant in der US-Army und in Würzburg stationiert. Als ihre Mutter schwanger mit Hazel wurde, ging er zurück nach Amerika. „Back to the world“, hatte er zu Hazels Mutter gesagt. Nach der Geburt von Hazel schickte er ihrer Mutter zwei Tickets, und sie flogen nach Kalifornien.

„Ich kann mich an die Zeit nicht mehr erinnern. Die Beziehung hielt nur knapp drei Jahre. Danach flog Mutter mit mir zurück nach Deutschland. Von ihren Eltern konnte sie nun nichts mehr erwarten, sie waren immer gegen diese Beziehung gewesen und dagegen, dass wir nach Amerika gingen. Das wurde bestätigt, als wir drei Jahre später ohne Geld wieder vor der Tür standen. Mutter bekam einen Job als Verkäuferin und arbeitete in Kaufhäusern. Das Geld reichte nie. Wirtschaftlich gesehen war es trostlos. Manchmal ernährten wir uns am Monatsende nur noch von Kartoffeln oder Reis. Ich verbrachte die Tage mit Warten, Warten, bis Mutter von der Arbeit nach Hause kam. Die vielen Samstage, die ich ungeduldig vor dem Fernseher oder mit Lesen verbrachte! Von meinen Dad habe ich nur ein Bild. Aber ich trage es immer bei mir, warte.“

Hazel nahm ihre Geldbörse aus der Tasche und zog ein kleines Bild hervor. Valentin sah es sich an: ein kleines, vergilbtes Schwarz-weiß-Foto, dessen Ecken lädiert waren. Der Mann darauf trug eine amerikanische Uniform und stand kerzengerade. Groß, schlank, stolz und stramm war seine Haltung; sein Gesicht ähnelte dem von Elvis Presley.

Valentin drehte das Bild herum. Auf der Rückseite stand eine neunstellige Nummer und dahinter ein kleines „v“.

Hazel seufzte, sah das Bild selbst noch einmal an, lächelte und steckte es wieder in ihre Börse.

Valentins Zensuren wurden wieder besser. Es zeichnete sich ab, dass er mit einem sehr guten Examen abschließen würde.