Verfolgung - David Lagercrantz - E-Book

Verfolgung E-Book

David Lagercrantz

4,5
9,99 €

Beschreibung

Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist gegen den Rest der Welt


Im Frauengefängnis Flodberga herrscht ein strenges Regiment. Alle hören auf das Kommando von Benito Andersson, der unangefochtenen Anführerin der Insassinnen. Lisbeth Salander, die eine kurze Strafe absitzt, versucht tunlichst, den Kontakt zu vermeiden, doch als ihre Zellennachbarin gemobbt wird, geht sie dazwischen und gerät ins Visier von Benitos Gang. Unterdessen hat Holger Palmgren, Lisbeth Salanders langjähriger Mentor, Unterlagen zutage gefördert, die neues Licht auf Salanders Kindheit und ihren Missbrauch durch die Behörden werfen. Salander bittet Mikael Blomkvist, sie bei der Recherche zu unterstützen. Die Spuren führen sie zu Leo Mannheimer, einem Finanzanalysten aus sehr wohlhabendem Hause. Was hat dieser mit Lisbeth Salanders Vergangenheit zu tun? Und wie soll sie den immer schärfer werdenden Attacken von Benito und ihrer Gang entgehen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 587

Bewertungen
4,5 (94 Bewertungen)
62
14
18
0
0



Zum Buch

Im Frauengefängnis Flodberga herrscht ein strenges Regiment. Alle hören auf das Kommando von Benito Andersson, der unangefochtenen Anführerin der Insassinnen. Lisbeth Salander, die eine kurze Strafe absitzt, versucht tunlichst, den Kontakt zu vermeiden, doch als ihre Zellennachbarin gemobbt wird, geht sie dazwischen und gerät ins Visier von Benitos Gang. Unterdessen hat Holger Palmgren, Lisbeth Salanders langjähriger Mentor, Unterlagen zutage gefördert, die neues Licht auf Salanders Kindheit und ihren Missbrauch durch die Behörden werfen. Salander bittet Mikael Blomkvist, sie bei der Recherche zu unterstützen. Die Spuren führen sie zu Leo Mannheimer, einem Finanzanalysten aus sehr wohlhabendem Hause. Was hat dieser mit Lisbeth Salanders Vergangenheit zu tun? Und wie soll sie den immer schärfer werdenden Attacken von Benito und ihrer Gang entgehen?

Zum Autor

David Lagercrantz, 1962 geboren, debütierte als Autor mit dem internationalen Bestseller »Allein auf dem Everest«. Seitdem hat er zahlreiche Romane und Sachbücher veröffentlicht. 2013 wurde er vom schwedischen Originalverlag und Stieg Larssons Familie ausgewählt, die Folgeromane der Millennium-Reihe zu schreiben. Zuletzt erschien bei Heyne der Spiegel-Bestseller »Verschwörung«. David Lagercrantz ist verheiratet und lebt in Stockholm.

DAVID LAGERCRANTZ

VERFOLGUNG

Roman

Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Mannen som sökte sin skuggabei Norstedts, StockholmDer Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Copyright © 2017 by David Lagercrantz & Moggliden AB

First published by Norstedts, Sweden in 2017.

Published by agreement with Norstedts Agency.

Copyright © 2017 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Leena Flegler

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München, unter Verwendung einer Illustration von Recommended Vectors/ShutterstockISBN 978-3-641-19933-3V007www.heyne.de

PROLOG

Holger Palmgren saß in seinem Rollstuhl im Besucherraum.

»Nach dieser Drachentätowierung wollte ich Sie schon immer fragen. Warum ist sie Ihnen so wichtig?«

»Die hat mit meiner Mutter zu tun.«

»Mit Agneta?«

»Damals war ich noch klein, vielleicht sechs Jahre … und bin von zu Hause weggelaufen.«

»Ich glaube, ich erinnere mich daran. Es ging um eine Frau, die öfter zu Besuch kam, oder? Sie hatte ein Muttermal.«

»Es sah aus, als hätte jemand ihren Hals angezündet.«

»Ein feuerspeiender Drache?«

Teil 1 Der Drache

12.–20. Juni

1489 ließ Sten Sture der Ältere eine Statue errichten, um seinen Sieg über den dänischen König in der Schlacht am Brunkeberg zu würdigen.

Die Statue – die in der Storkyrkan in Stockholm steht – zeigt den Ritter und Heiligen Georg, wie er auf einem Pferd sitzt und sein Schwert hebt. Unter ihm liegt ein sterbender Drache. In unmittelbarer Nähe steht eine Frau in burgundischer Tracht.

Von der Jungfrau, die der Ritter in dieser dramatischen Szene rettet, heißt es, sie sei Ingeborg Åkesdotter nachempfunden, der Ehefrau Sten Stures des Älteren. Die Jungfrau sieht seltsam ungerührt aus.

1. KAPITEL

12. Juni

Lisbeth Salander kam gerade aus dem Fitnessraum, als sie von Alvar Olsen, dem Wachleiter des Sicherheitstrakts, auf dem Flur aufgehalten wurde. Er wirkte irgendwie aufgekratzt, redete wild auf sie ein, gestikulierte und wedelte mit ein paar Blättern vor ihrem Gesicht herum. Doch Lisbeth hörte über seinen Wortschwall hinweg. Es war 19.30 Uhr.

19.30 Uhr war die schlimmste Zeit in Flodberga: Da dröhnte draußen der Güterzug vorbei, die Wände wackelten, Schlüssel klimperten, und es roch nach Schweiß und Parfüm. Zu keinem Zeitpunkt war es hier gefährlicher. Gerade jetzt, im Schutz des Eisenbahnlärms und des allgemeinen Durcheinanders kurz vor dem Einschluss, kam es zu den schlimmsten Übergriffen. Wie immer ließ Lisbeth Salander den Blick durch die Abteilung schweifen, und es war kein Zufall, dass sie genau in diesem Moment Faria Kazi erblickte.

Faria Kazi kam aus Bangladesch, war jung und bildschön und saß linker Hand in ihrer Zelle. Auch wenn Lisbeth von ihrem Standpunkt aus nur einen Teil von Farias Gesicht sehen konnte, bestand kein Zweifel, dass die junge Frau geschlagen wurde. Ihr Kopf ruckte wieder und wieder zur Seite, und auch wenn die Schläge nicht übertrieben brutal zu sein schienen, hatten sie doch etwas Rituelles, Routinehaftes an sich. Was immer dort passierte, musste schon seit einer Weile so gehen. Darauf ließen sowohl die Art der Attacke als auch die Reaktion des Opfers schließen. Selbst von Weitem konnte man erkennen, dass es sich um eine Demütigung handelte, die bereits tief in Faria Kazis Bewusstsein vorgedrungen war und jeden Widerstand gebrochen hatte.

Weder versuchten ihre Hände, die Ohrfeigen abzuwehren, noch verriet ihr Blick Erstaunen; eher eine stille, anhaltende Furcht. Sie lebte mit dem Terror. Um das zu erkennen, brauchte Lisbeth nur ihr Gesicht anzuschauen, und es passte auch zu allem anderen, was sie in den vergangenen Wochen im Gefängnis beobachtet hatte.

»Da«, sagte sie und zeigte in Farias Zelle.

Doch als Alvar Olsen sich umdrehte, war schon wieder alles vorbei. Lisbeth verschwand in ihrer eigenen Zelle und schob die Tür hinter sich zu. Von draußen waren Stimmen und gedämpftes Gelächter zu hören – und der Güterzug, der nicht aufhörte zu dröhnen und zu rattern. Sie sah das blanke Waschbecken vor sich, das schmale Bett, das Regal und den Schreibtisch mit ihren quantenmechanischen Berechnungen. Sollte sie weiter versuchen, eine Schleifenquantengravitation zu finden? Sie blickte auf ihre Hand hinab, die etwas festhielt.

Es waren die Papiere, mit denen Alvar Olsen eben noch herumgewedelt hatte. Jetzt war sie doch ein bisschen neugierig. Allerdings entpuppten sie sich als Blödsinn – ein Intelligenztest. Zwei Kaffeespritzer auf dem Deckblatt. Sie schnaubte verächtlich.

Lisbeth hasste es, vermessen und geprüft zu werden. Sie ließ die Blätter zu Boden fallen, wo sie sich wie ein Fächer auf dem Beton verteilten. Für einen kurzen Moment vergaß sie sie sogar komplett, weil sie wieder an Faria Kazi denken musste. Lisbeth hatte nie gesehen, wer sie schlug. Trotzdem wusste sie es genau. Denn obwohl sie sich anfangs nicht darum geschert hatte, was hier um sie herum vorging, war sie gegen ihren Willen in das Gefängnisleben hineingezogen worden, hatte schrittweise die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen gesehen und verstanden, wer in Wahrheit über die Abteilung herrschte.

Die Abteilung hieß einfach nur B. Oder Sicherheitstrakt. Sie galt als sicherster Ort in der gesamten Anstalt, und wer zu Besuch kam oder sich nur einen flüchtigen Überblick verschaffte, glaubte das bestimmt auch. Nirgends sonst im Gefängnis gab es derart viel Wachpersonal, derart viele Kontrollen und Resozialisierungsmaßnahmen. Doch wenn man genauer hinsah, ahnte man, dass hier etwas faul war. Die Wärter gaben sich zwar unnachgiebig und autoritär, manchmal auch mitleidig. Aber in Wahrheit waren sie alle feige Hunde. Sie hatten die Kontrolle aus der Hand gegeben und die Macht an den Feind abgetreten – an Benito Andersson und ihre Schergen.

Tagsüber hielt sich Benito zwar zurück und benahm sich fast wie eine Mustergefangene. Doch nach dem frühen Abendessen, wenn die Häftlinge ihre Angehörigen treffen oder trainieren durften, übernahm sie den Laden, und zu keiner Zeit war ihre Terrorherrschaft so stark zu spüren wie jetzt, kurz bevor die Zellen für die Nacht abgeschlossen wurden. Die Insassinnen stromerten zwischen den Zellen umher, Drohungen und Versprechen wurden geflüstert, Benitos Mafiaclan hielt sich auf der einen, ihre Opfer auf der anderen Seite.

Natürlich war es ein Skandal, dass sich Lisbeth Salander hier befand, ja, dass sie überhaupt im Gefängnis saß. Aber die Umstände hatten gegen sie gesprochen, und sie hatte, wenn sie ehrlich zu sich war, nicht sehr überzeugend gegen den Beschluss gekämpft. Ihr kam dies alles hauptsächlich wie eine idiotische Übergangsphase vor, und lange hatte sie gemeint, sie könnte genauso gut im Gefängnis sitzen wie anderswo.

Sie war wegen widerrechtlicher Eigenmacht und grober Fahrlässigkeit zu zwei Monaten Haft verurteilt worden, weil sie sich in das Drama rund um die Ermordung eines gewissen Professors Frans Balder eingemischt hatte, in deren Folge sie einen achtjährigen autistischen Jungen bei sich versteckt und die Zusammenarbeit mit der Polizei verweigert hatte, weil sie – zu Recht – der Meinung gewesen war, dass es in Ermittlerkreisen eine undichte Stelle gab. Dass sie Großartiges geleistet und das Leben des Kindes gerettet hatte, stellte niemand infrage. Trotzdem trieb Oberstaatsanwalt Richard Ekström den Prozess mit großem Pathos voran, und das Gericht folgte seiner Linie, obwohl einer der Schöffen anderer Meinung war und Lisbeths Anwältin Annika Giannini hervorragende Arbeit leistete. Weil Annika allerdings nicht sonderlich viel Unterstützung von Lisbeth bekam, war sie letztlich chancenlos.

Das ganze Gerichtsverfahren über schwieg Lisbeth bockig und weigerte sich auch, in Berufung zu gehen. Sie wollte den ganzen Rummel einfach nur hinter sich lassen und landete zunächst wie erwartet in der offenen Anstalt Björngärda Gård, wo sie große Freiheiten genoss. Dann gingen erste Hinweise ein, Lisbeth könne in Gefahr schweben – was nicht unbedingt erstaunlich war, wenn man bedachte, mit wem sie sich angelegt hatte. Also wurde sie in den Sicherheitstrakt von Flodberga verlegt.

Dies war nicht halb so ungewöhnlich, wie es vielleicht klingen mochte. Lisbeth war hier zwar mit den schlimmsten Verbrecherinnen des Landes zusammengepfercht, hatte aber nicht das Geringste dagegen einzuwenden. Sie war ständig von Wachpersonal umgeben, und tatsächlich waren schon seit Jahren keine Übergriffe oder Gewalttaten mehr aus dieser Abteilung gemeldet worden. Das Personal konnte sich sogar mit einer recht beeindruckenden Statistik über erfolgreich wiedereingegliederte Häftlinge brüsten – wenngleich diese Statistik aus der Zeit vor Benito Anderssons Ankunft stammte.

Von Beginn an war Lisbeth mit Anfeindungen konfrontiert gewesen, und auch das war nicht weiter verwunderlich. Sie unterschied sich deutlich von den anderen Gefangenen, war aus den Medien, aus Gerüchten und den speziellen Informationskanälen der Unterwelt bekannt. Erst vor wenigen Tagen hatte Benito ihr persönlich einen Zettel mit einer Frage zugesteckt: Freund oder Feind? Lisbeth hatte ihn nach einer Minute weggeworfen – hauptsächlich weil sie achtundfünfzig Sekunden lang keine Lust gehabt hatte, ihn zu lesen.

Machtkämpfe und Frontenbildung waren ihr egal. Sie beschränkte sich darauf, die Geschehnisse um sie herum zu beobachten und daraus zu lernen – aber inzwischen hatte sie mehr als genug gelernt. Mit leerem Blick starrte sie auf das Regal mit den quantenfeldtheoretischen Abhandlungen, die sie bestellt hatte, ehe sie sich ins Gefängnis begeben hatte. Im Schrank auf der linken Seite lagen zwei Sets Anstaltskleider mit Emblemen auf der Brust, Unterwäsche und zwei Paar Turnschuhe. Die Wände waren kahl – kein Foto, nicht die geringste Erinnerung an ein Leben außerhalb der Mauern. Für Inneneinrichtung interessierte sie sich hier ebenso wenig wie zu Hause in der Fiskargatan.

Draußen auf dem Flur wurden die Zellentüren abgeschlossen, und normalerweise war das eine Befreiung für sie. Wenn die Geräusche verhallten und es still wurde in der Abteilung, wandte sich Lisbeth der Mathematik zu – und ihrer Absicht, Quantenmechanik und Relativitätstheorie zusammenzubringen. Darüber vergaß sie sonst immer die Außenwelt. Doch heute war das anders. Sie war irritiert, und das lag nicht nur an dem Übergriff auf Faria Kazi oder all diesen korrupten Vorgängen hier drinnen.

Der wahre Grund war, dass sie sechs Tage zuvor Besuch von Holger Palmgren bekommen hatte, ihrem alten Vormund aus einer Zeit, da die Justiz der Meinung gewesen war, sie könne nicht auf sich selbst aufpassen. Der Besuch an sich war ein Drama gewesen: Holger verließ seine eigenen vier Wände nicht mehr, weil er von den Pflegern und Helfern abhängig war, die ihn in seiner Wohnung in Liljeholmen versorgten. Dennoch hatte er auf dem Besuch bestanden und war mit einem Fahrdienst gebracht und mit dem Rollstuhl ins Gefängnis geschoben worden und hatte in seine Sauerstoffmaske gekeucht. Trotzdem war es schön gewesen. Sie hatten über alte Zeiten gesprochen, und Holger war sentimental geworden und angerührt gewesen. Nur eins hatte Lisbeth gestört: Holger hatte erzählt, er sei von einer Frau namens Maj-Britt Torell aufgesucht worden, einer Sekretärin aus der Kinderpsychiatrie der St.-Stefans-Klinik, in der Lisbeth als Kind untergebracht gewesen war. Die Frau hatte in der Zeitung von Lisbeth gelesen und ihm Unterlagen gebracht, die ihrer Meinung nach von Interesse waren. Holger zufolge waren es nur alte Akten, in denen nachzulesen stand, wie Lisbeth mit Fixiergurten ans Bett gefesselt und grausam behandelt worden war. »Nichts, was Sie sehen müssten«, hatte er gesagt. Trotzdem mussten diese Dokumente irgendetwas Neues enthalten haben, denn nachdem Holger sich nach der Drachentätowierung erkundigt und Lisbeth die Dame mit dem geflammten Muttermal erwähnt hatte, hakte er nach: »Kam die nicht vom Register?«

»Was?«

»Vom Register für menschliche Erblehre und Eugenik in Uppsala? Ich dachte, das hätte ich gelesen.«

»Dann muss das aus neueren Papieren stammen«, sagte sie.

»Glauben Sie wirklich? Vielleicht bringe ich da auch irgendetwas durcheinander.«

Vielleicht hatte er wirklich etwas durcheinandergebracht. Holger war inzwischen alt. Nichtsdestotrotz war es Lisbeth einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Es hatte in ihr gearbeitet, während sie nachmittags im Fitnessraum auf den Punchingball eingedroschen und während sie morgens in der Keramikwerkstatt getöpfert hatte, und es arbeitete auch jetzt noch in ihr, als sie in ihrer Zelle stand und abermals zu Boden sah.

Sogar der IQ-Test dort zu ihren Füßen hatte sich verändert und war ihr nicht mehr gleichgültig, sondern kam ihr wie eine Art Erweiterung dessen vor, worüber Holger und sie gesprochen hatten. Für einen Moment begriff sie nicht, woran das lag. Dann aber erinnerte sie sich wieder daran, dass auch die Frau mit dem Muttermal ihr immer Tests gegeben hatte, was jedes Mal zu Streit und Aufregung geführt hatte. Am Ende war sie mit nur sechs Jahren in der Nacht ganz einfach abgehauen.

Das Wesentliche an diesen Erinnerungen waren jedoch nicht die Tests an sich, ja nicht einmal die Flucht. Es war der Verdacht, der schon länger in ihr keimte: dass es in ihrer Kindheit irgendetwas Grundlegendes gab, was sie noch nicht verstanden hatte. Und was sie herausfinden musste.

Natürlich wäre sie bald wieder frei und könnte tun und lassen, was sie wollte. Gleichzeitig war ihr klar, dass sie jetzt etwas gegen Alvar Olsen in der Hand hatte. Er hatte nicht zum ersten Mal bei einem Übergriff weggesehen. Die Abteilung, die er leitete und die nach wie vor als Musterbeispiel für gelungenen Strafvollzug galt, befand sich im moralischen Verfall, und deshalb überlegte Lisbeth, ob Alvar Olsen ihr nicht zu etwas verhelfen könnte, was hier sonst niemandem gewährt wurde. Zu einer Internetverbindung.

Sie lauschte den Geräuschen vom Flur. Die üblichen Freundlichkeiten und Flüche wurden gebrummelt, Türen schlugen, Schlüssel rasselten, Schritte klapperten und entfernten sich. Dann wurde es still. Nur die Lüftung surrte, obwohl sie nicht wirklich funktionierte. Es war unangenehm stickig. Lisbeth Salander starrte auf den Test hinab. Faria Kazi, Benito, Alvar Olsen, die Frau mit dem geflammten Muttermal am Hals … Sie beugte sich vor und hob die Blätter auf, trat an den Schreibtisch und setzte sich schnell an die Antworten. Als sie fertig war, drückte sie auf den Alarmknopf neben der Stahltür. Alvar Olsen antwortete zögerlich. Er klang nervös.

Sie müsse sofort mit ihm sprechen. »Es ist wichtig«, betonte sie.

2. KAPITEL

12. Juni

Alvar Olsen wollte weg. Er wollte nach Hause. Doch zuerst musste er die Schicht hinter sich bringen, währenddessen seinen Papierkram erledigen und natürlich noch seine neunjährige Tochter Vilda anrufen und ihr eine gute Nacht wünschen. Wie immer passte seine Tante Kerstin auf die Kleine auf, und wie immer hatte er Kerstin gebeten, das Sicherheitsschloss an der Tür von innen zu verriegeln.

Seit zwölf Jahren leitete Alvar den Sicherheitstrakt in Flodberga, und lange war er stolz auf seine Arbeit gewesen. Er hatte sich selbst als den richtigen Mann für den Job angesehen. Als Jugendlicher hatte Alvar Olsen seiner alkoholabhängigen Mutter das Leben gerettet und sie aus der Sucht herausgeholt. Er hatte sich immer schon mit Leidenschaft für Schwächere eingesetzt, deshalb war es auch nicht verwunderlich gewesen, dass er in den Justizvollzug gegangen war und sich dort bald einen hervorragenden Ruf erarbeitet hatte. Doch inzwischen war von seinem früheren Idealismus nicht mehr allzu viel übrig.

Den ersten Dämpfer hatte er bereits erhalten, als seine Frau ihn und die gemeinsame Tochter verließ und mit ihrem ehemaligen Chef nach Åre zog. Aber letzten Endes war es Benito, die ihn seiner Illusionen beraubt hatte. In jedem straffällig Gewordenen stecke immer auch ein guter Kern, hatte er gern behauptet, doch Benito hatte nicht eine einzige positive Eigenschaft – und es hatten viele danach gesucht: Freunde, Anwälte, Therapeuten, Gerichtspsychiater und sogar der eine oder andere Pfarrer. Benito hieß eigentlich Beatrice. Sie hatte sich nach einem gewissen italienischen Faschisten benannt, mittlerweile raspelkurze Haare und ein Hakenkreuz-Tattoo am Hals. Außerdem war sie ungesund blass. Dennoch war sie kein abschreckender Anblick. Trotz ihrer bulligen Figur, die an die eines Ringers erinnerte, hatte sie eine gewisse Grazie, und erstaunlich viele Menschen waren von ihr fasziniert. Die allermeisten aber fürchteten sich vor ihr. Sie hatte, so erzählte man zumindest, drei Menschen mit Dolchen ermordet, die sie Kris oder Keris nannte und über die so viel geredet wurde, dass sie inzwischen zu einem Teil der Drohkulisse geworden waren. In der Abteilung, munkelte man, könne einem gar nichts Schlimmeres passieren, als dass Benito ihren Dolch auf einen richtete. Denn dann sei man so gut wie tot. Auch wenn derlei Gerede natürlich überwiegend dummes Zeug war – insbesondere weil sich besagte Dolche in sicherem Abstand zum Gefängnis befanden –, prägte es die Atmosphäre. Mit den Mythen über die Dolche verbreiteten sich auch Angst und Schrecken auf den Fluren und trugen zu Benitos bedrohlicher Erscheinung bei. All das war eine Schande, ein großer Skandal. Alvar hatte sich in die Knie zwingen lassen.

Dabei hätte er es mit ihr aufnehmen können. Alvar war eins zweiundneunzig groß. Er wog achtundachtzig Kilo, war durchtrainiert und hatte sich schon als Jugendlicher mit Saufköpfen und anderen Mistkerlen geprügelt, die seiner Mutter am Zeug flicken wollten. Doch einen wunden Punkt hatte er: Er war alleinerziehender Vater, und vor einem knappen Jahr war Benito beim Hofgang auf ihn zugetreten und hatte ihm eine Wegbeschreibung ins Ohr geflüstert: eine erschreckend genaue Schilderung jedes noch so schmalen Flurs und jeder Treppe, die Alvar allmorgendlich hinauflief, um seine Tochter in Klasse 3A im dritten Stock der Fridhemsschule in Örebro abzuliefern.

»Ich hab meinen Dolch auf dein Mädchen gerichtet«, hatte sie gesagt, und mehr war nicht nötig gewesen.

Alvar verlor die Kontrolle über die Abteilung, und der moralische Verfall übertrug sich auch auf die unteren Hierarchieebenen. Er zweifelte keine Sekunde daran, dass einige seiner Kollegen – wie dieser Waschlappen Fred Strömmer – inzwischen durch und durch korrupt waren. Zu keiner Zeit war es schlimmer als jetzt im Sommer, wenn das Personal zusätzlich aus inkompetenten, ängstlichen Urlaubsvertretungen bestand und die sauerstoffarme Luft in den Gefängnisfluren die Gereiztheit und Anspannung nur noch verschärfte. Alvar wusste nicht, wie oft er schon aufgewacht war und sich geschworen hatte, den Laden wieder auf Vordermann zu bringen. Trotzdem unternahm er nichts, und erschwerend kam hinzu, dass der Gefängnisdirektor Rikard Fager ein Idiot war. Fager ging es nur um den äußeren Anschein – und hier glänzte und strahlte die Fassade, sosehr es dahinter auch faulte.

Jeden Nachmittag aufs Neue wurde Alvar nur durch einen bösen Blick von Benito ins Abseits befördert, und der Psychologie der Unterdrückung folgend, wurde er mit jedem Mal, da er sich unterwarf, schwächer. Er fühlte sich vollkommen blutleer, und das Schlimmste war, dass es ihm nicht gelang, Faria Kazi zu beschützen.

Faria Kazi war zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil sie ihren Bruder aus dem Fenster ihrer Wohnung im Stockholmer Vorort Sickla gestoßen und umgebracht hatte. Trotzdem lag in ihrem Wesen nichts Aggressives oder Gewalttätiges. Meistens saß sie in ihrer Zelle und las oder weinte, und dass sie überhaupt im Sicherheitstrakt gelandet war, lag einzig und allein daran, dass sie sowohl suizid- als auch fremdgefährdet war. Sie war ein am Boden zerstörter Mensch, von allen im Stich gelassen, auch von der Gesellschaft. Und sie hatte wirklich kein Auftreten, mit dem sie im Gefängnis Eindruck schinden konnte, keinen stahlgrauen, Respekt einflößenden Blick, nur eine zerbrechliche Schönheit, die allerlei Plagegeister und Sadisten auf den Plan rief, und Alvar hasste sich dafür, dass er nicht eingriff.

Dass er sich zumindest mit der Neuen, mit dieser Lisbeth Salander beschäftigte, war das einzig Konstruktive, was er in letzter Zeit geleistet hatte. Allerdings schien auch ihr Fall alles andere als ein Kinderspiel zu sein. Lisbeth Salander war eine kaltschnäuzige Bitch, über die genauso viel geredet wurde wie über Benito. Einige bewunderten sie, andere hielten sie für ein aufgeblasenes Miststück, und dann gab es jene, die ihre eigene Stellung in der Hierarchie bedroht sahen. Benitos Körper – jeder einzelne Muskel – schien sich auf einen Machtkampf vorzubereiten, und Alvar war sich sicher, dass sie mittels Kontakten jenseits der Gefängnismauern Informationen über Salander einholte, so wie sie es auch mit ihm und allen anderen in der Abteilung getan hatte.

Und doch war bisher nichts geschehen – nicht mal als Lisbeth Salander trotz der höheren Sicherheitseinstufung die Erlaubnis bekam, tagsüber im Garten und in der Keramikwerkstatt zu arbeiten. Sie war eine Niete im Töpfern. Ihre Vasen waren das Schlimmste, was er je gesehen hatte. Sozial veranlagt war sie auch nicht. Sie sprach kaum ein Wort. Anscheinend lebte sie in ihrer eigenen Welt, und sie kümmerte sich auch nicht um die Blicke und Kommentare der anderen, nicht mal um die Knuffe oder Schläge, die Benito ihr beiläufig verpasste. Lisbeth schüttelte all das einfach ab wie Staub oder Vogeldreck. Die Einzige, die ihr Interesse geweckt zu haben schien, war Faria Kazi.

Lisbeth beaufsichtigte sie. Vermutlich hatte sie den Ernst der Lage gleich erkannt. Das hier würde womöglich auf eine Konfrontation hinauslaufen. Alvar war sich nicht sicher, aber der Gedanke beunruhigte ihn.

Allen Misserfolgen zum Trotz war er stolz auf das individuelle Programm, das er für jede seiner Strafgefangenen ausgearbeitet hatte. Keine von ihnen bekam hier automatisch eine Arbeit zugeteilt. Jede hatte ihren eigenen Plan, der an ihre Problematik und ihre Bedürfnisse angepasst war. Manche studierten in Voll- oder Teilzeit, andere nahmen an Wiedereingliederungsmaßnahmen teil, trafen Psychologen, Sozialarbeiter oder Berufsberater. Ausgehend von ihren Unterlagen hätte Lisbeth Salander die Chance erhalten sollen, ihren Schulabschluss nachzuholen, oder zumindest über die entsprechende Möglichkeit informiert werden. Sie hatte nicht einmal die Hauptschule beendet, und abgesehen von einer kurzzeitigen Anstellung bei einer Sicherheitsfirma schien sie noch nie gearbeitet zu haben. Immer wieder war sie mit den Behörden aneinandergeraten, wenngleich diese Haftstrafe ihre erste war. Sie als Nichtsnutz abzustempeln wäre ein Leichtes gewesen. Doch dieses Bild hatte inzwischen Risse bekommen, und das lag nicht allein daran, dass sie in der Boulevardpresse als Actionheldin gefeiert worden war, sondern an ihrer ganzen Erscheinung – und vor allem an einer Begebenheit, die sich Alvar Olsen ins Hirn eingebrannt hatte. Es war das einzig Positive oder Überraschende, das sich im Lauf des vergangenen Jahres in dieser Abteilung ereignet hatte – und zwar einige Tage zuvor um fünf Uhr nachmittags, unmittelbar nach dem frühen Abendessen in der Kantine. Draußen hatte es in Strömen geregnet. Die Gefangenen hatten ihre Teller und Gläser abgeräumt, gespült und alles sauber gewischt, und Alvar war neben der Küchenarbeitsplatte sitzen geblieben. Genau genommen hatte er dort nichts zu suchen. Er aß zusammen mit dem übrigen Personal in einem anderen Bereich. Für die Kantine waren die Häftlinge selbst zuständig. Die sogenannten Selbstverwalterinnen Josefin und Tine – beide Benitos Verbündete – hatten ein eigenes Budget zur Verfügung, bestellten Lebensmittel, bereiteten die Mahlzeiten zu, putzten und sorgten dafür, dass alle genug zu essen bekamen. Selbstverwalterin zu sein war mit einem gewissen Status verknüpft. Im Gefängnis war Essen Macht, so war es schon immer gewesen, und der eine oder andere – beispielsweise Benito – bekam unweigerlich mehr. Deshalb behielt Alvar die Küche auch im Auge. Außerdem befand sich dort das einzige Messer der ganzen Abteilung. Es war stumpf und mit einem Stahlseil an der Wand befestigt, aber Schaden konnte es trotzdem anrichten, und an jenem Tag schielte er hin und wieder danach, während er versuchte, sich auf seine Lernunterlagen zu konzentrieren.

Alvar wollte weg aus Flodberga. Er wollte einen besseren Job. Für jemanden wie ihn, der nie studiert und immer nur im Gefängnis gearbeitet hatte, gab es allerdings nicht viele Alternativen. Deshalb hatte er einen Fernkurs in Betriebswirtschaft belegt, und während der Duft von Kartoffelpuffern und Marmelade noch in der Luft hing, las er, wie Aktienoptionen auf dem Finanzmarkt bewertet wurden, verstand nicht allzu viel und konnte nicht einmal die Übungsaufgaben im Lehrbuch lösen. In diesem Augenblick kam Lisbeth Salander herein, um sich noch etwas zu essen zu holen.

Sie hatte den Blick zu Boden gerichtet und wirkte gereizt und abwesend, und weil Alvar sich nicht noch einmal blamieren und einen weiteren missglückten Versuch der Kontaktaufnahme riskieren wollte, machte er mit seiner Rechenaufgabe weiter. Er schmierte herum und radierte und schien ihr damit auf die Nerven zu gehen. Sie kam näher, starrte ihn wütend an, und da schämte er sich. Er schämte sich oft, wenn sie ihn ansah, und wollte gerade aufstehen und wieder in die Abteilung zurückgehen, als Salander sich seinen Bleistift schnappte und ein paar Zahlen in sein Buch kritzelte.

»Wenn der Markt so volatil ist wie jetzt gerade, ist das Black-Scholes-Modell erst recht überschätzt«, sagte sie und verschwand wieder. Als er ihr nachrief, ignorierte sie ihn. Sie ging einfach, als würde er nicht existieren, und es dauerte eine Weile, bis er verstand, was gerade passiert war. Erst am späten Abend desselben Tages, als er an seinem Computer saß, dämmerte ihm, dass sie nicht nur binnen einer Sekunde seine Übungsaufgabe gelöst hatte. Mit selbstverständlicher Autorität hatte sie auch ein nobelpreisgekröntes Modell zur Bewertung von Derivaten kritisiert. Für ihn, der in dieser Abteilung zurzeit sonst nur Niederlagen und Erniedrigungen kassierte, war das etwas ganz Großartiges. Würde dies der Beginn einer engeren Verbindung zwischen ihnen sein – oder sogar die Wende in Lisbeths Leben, dank derer sie endlich die Tragweite ihrer Begabungen erkannte?

Er überlegte lange, was sein nächster Schritt sein sollte. Wie konnte er sie weiter motivieren? Am Ende kam ihm eine Idee. Er würde sie einen IQ-Test machen lassen. In seinem Arbeitszimmer hatte er massenhaft alte Tests und Formulare, nachdem eine Reihe von Rechtspsychiatern da gewesen war und versucht hatte, den Grad der Psychopathie oder Alexithymie oder des Narzissmus bei Benito einzustufen oder worunter die Frau sonst noch litt.

Alvar hatte selbst mehrere Tests gemacht, und er hatte den Verdacht, dass eine junge Frau, die so leichthändig mathematische Aufgaben löste, vermutlich auch bei einem IQ-Test gut abschneiden würde. Wer weiß, vielleicht würde ihr das sogar irgendwas bedeuten.

Deshalb hatte er sie auch im Gang abgefangen, als er die Gelegenheit gekommen sah. Er hatte geglaubt, eine neue Verletzlichkeit in ihrem Gesicht erkannt zu haben, hatte das Gespräch mit einem Kompliment eingeleitet und das Gefühl gehabt, irgendwie zu ihr durchgedrungen zu sein.

Sie hatte den Test entgegengenommen, doch dann war etwas passiert. Draußen ratterte der Zug vorbei. Schlagartig war sie angespannt, ihr Blick verdunkelte sich, er stammelte irgendetwas vor sich hin und ließ sie gehen. Anschließend beauftragte er einen Kollegen damit, den Einschluss zu übernehmen. Er selbst zog sich in sein Büro im sogenannten Verwaltungstrakt zurück, der durch eine bruchsichere Glastür vom Zellengang getrennt war. Alvar war der einzige Angestellte mit einem eigenen Büro. Das Fenster ging auf den Freistundenhof hinaus, auf den Metallzaun und die graue Mauer. Der Raum war nicht wesentlich größer als eine Zelle – und auch nicht wesentlich heimeliger. Allerdings gab es dort im Unterschied zu den Gefängniszellen einen Computer mit Internetzugang, ein paar Monitore, die Überwachungsbilder aus der Abteilung zeigten, sowie einige Dekogegenstände, die dem Büro immerhin ein bisschen Gemütlichkeit einhauchten.

Inzwischen war es 19.45 Uhr. Die Zellentüren waren geschlossen. Der Güterzug war in Richtung Stockholm verschwunden, und die Kollegen saßen in der Personalküche und schwatzten dummes Zeug. Er schrieb ein, zwei Zeilen in sein Tagebuch, das er über sein Leben im Gefängnis führte. Nicht dass es seine Laune besserte – denn inzwischen blieb er der Wahrheit nicht mehr ganz treu. Anstatt weiterzuschreiben, sah er zur Pinnwand und betrachtete die Bilder von Vilda und von seiner Mutter, die inzwischen seit vier Jahren tot war.

Draußen lag der Garten wie eine Oase in der kargen Gefängnislandschaft. Alvar warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Höchste Zeit, zu Hause anzurufen und Vilda eine gute Nacht zu wünschen. Er nahm den Hörer ab, kam aber nicht weit. Irgendjemand hatte den Alarm betätigt. Dann sah er, dass der Ruf von Nummer sieben kam – aus Lisbeth Salanders Zelle. Er war neugierig und nervös zugleich. Die Insassen wussten schließlich, dass sie das Personal nicht grundlos stören durften. Lisbeth hatte den Alarm zuvor nie ausgelöst, und sie wirkte auf den ersten Blick nicht wie eine, die sich unnötig beklagte. Ob etwas passiert war?

»Worum geht es?«, fragte er.

»Ich will, dass Sie herkommen. Es ist wichtig.«

»Was ist denn so wichtig?«

»Sie haben mir doch diesen IQ-Test gegeben.«

»Stimmt, ich dachte, jemand wie Sie müsste den doch gut bewältigen können.«

»Da liegen Sie womöglich richtig. Könnten Sie sich meine Antworten jetzt gleich ansehen?«

Alvar sah erneut auf die Uhr. Sie konnte doch im Leben noch nicht mit dem Test fertig sein?

»Besser, wir kümmern uns morgen darum«, entgegnete er. »Dann können Sie Ihre Antworten auch noch mal gründlich durchgehen.«

»Das wär aber geschummelt«, wandte sie ein. »Da könnte ich mich ja die ganze Nacht damit beschäftigen.«

»Na gut, ich komme.«

Im selben Moment fragte er sich, ob das nicht voreilig gewesen war. Andererseits würde er es sicher bereuen, wenn er nicht hinginge. Immerhin hatte er gehofft, dass sie den Test interessant fände und dies der Anfang von etwas Neuem wäre.

Er zog das Lösungsblatt aus seiner Schreibtischschublade. Dann machte er sich kurz frisch, verließ das Büro und öffnete die Schleusentür zum Sicherheitstrakt per Schlüsselchip und persönlichem PIN-Code. Er ging den Flur entlang, sah zu den schwarzen Kameras unter der Decke hoch und tastete über seinen Gürtel. Dort hingen das Pfefferspray und der Schlagstock, sein Schlüsselbund, das Funkgerät und die graue Box mit dem Alarmknopf.

Er war vielleicht ein unverbesserlicher Idealist, aber naiv war er nicht. Naiv durfte man im Strafvollzug nicht sein. Die Häftlinge konnten noch so demütig und flehend klingen – nur um einem bei erstbester Gelegenheit die Haut vom Leib zu reißen. Alvar war immer auf der Hut, und je näher er der Zellentür kam, umso unruhiger wurde er. Vielleicht hätte er einen Kollegen mitnehmen sollen, so wie es vorgeschrieben war.

Egal wie intelligent Lisbeth Salander war – so schnell hatte sie die Antworten auf keinen Fall abspulen können. Bestimmt heckte sie irgendwas aus, davon war er zusehends überzeugt. Er zog die Fensterluke in ihrer Zellentür auf und spähte misstrauisch hinein. Lisbeth stand reglos da und schien ihn anzulächeln – oder zumindest fast –, und er verspürte einen verhaltenen Optimismus.

»Gut, ich komm jetzt rein. Halten Sie Abstand.«

»Klar.«

»Gut.«

Er schloss auf, noch immer auf alles gefasst, doch nichts passierte. Salander stand an derselben Stelle wie zuvor.

»Wie steht’s?«, fragte er.

»Gut«, antwortete sie. »Interessanter Test. Können Sie das selbst überprüfen?«

»Ja, die richtigen Antworten hab ich hier«, sagte er und wedelte mit dem Ergebnisbogen.

Sie sagte nichts.

»So schnell, wie Sie den Test ausgefüllt haben, dürfen Sie jetzt aber nicht enttäuscht sein, wenn das Ergebnis nicht gerade überragend ausfällt.«

Er versuchte sich an einem Lächeln, und auch sie zog wieder ihre Mundwinkel nach oben, was ihm nicht ganz geheuer war. Er fühlte sich taxiert. Der dunkle Schimmer in ihren Augen behagte ihm nicht. Führte sie etwas im Schilde? Es hätte ihn kein bisschen gewundert, wenn hinter diesem finsteren Blick gerade ein infernalischer Plan geschmiedet würde. Andererseits war sie klein und mager. Er war nicht nur größer, sondern auch bewaffnet und für kritische Situationen ausgebildet. Und es drohte doch wohl keine Gefahr – oder doch?

Zögerlich nahm er den Test entgegen und lächelte verkrampft. Er überflog die Antworten, ohne Salander dabei aus dem Blick zu lassen. Die Lage schien entspannt, sie sah ihn bloß neugierig an, als wollte sie ihm sagen: Ich bin echt gut, was?

Eine ordentliche Handschrift hatte sie schon mal nicht. Der Test war voller Tintenkleckse und Schmierereien, als hätte sie die Antworten in aller Eile hingekritzelt. Langsam und ohne seine Aufmerksamkeit von ihr abzuwenden, glich er alles mit dem Ergebnisbogen ab. Zunächst stellte er nur fest, dass das meiste korrekt zu sein schien, doch nach einer Weile kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Selbst die schwierigsten Fragen am Ende hatte sie richtig beantwortet, und das hatte er noch nie erlebt. Ein solches Resultat war einzigartig. Er wollte gerade etwas Überschwängliches sagen, als ihm mit einem Mal die Luft wegblieb.

3. KAPITEL

12. Juni

Lisbeth Salander musterte Alvar Olsen von Kopf bis Fuß. Er war eindeutig auf der Hut und noch dazu groß, durchtrainiert und mit Schlagstock, Pfefferspray und einem Notruf an seinem Gürtel ausgerüstet. So einer würde lieber sterben, als sich von ihr überwältigen zu lassen. Trotzdem wusste sie, dass er Schwachstellen hatte.

Er hatte die gleichen Schwachstellen wie alle Männer, und außerdem hatte er Schuld auf sich geladen. Und er war jemand, der sich schämte – und auch das würde sie ausnutzen. Sie würde ihn in die Enge treiben und Druck auf ihn ausüben. Alvar Olsen sollte kriegen, was er verdiente. Nachdenklich betrachtete sie sein Gesicht und seinen Bauch. Letzterer war kein optimales Angriffsziel, zu fest und muskulös, ein verdammtes Waschbrett. Doch auch solche Bäuche hatten eine verletzliche Stelle, und so wartete sie und wurde am Ende auch dafür belohnt. Alvar klang, als würde er verblüfft durchatmen.

Für einen kurzen Augenblick büßte er seine Geistesgegenwart und Körperspannung ein – und genau da, noch während des Ausatmens, drillte Lisbeth ihm die Faust in den Solarplexus. Sie schlug zweimal hart und treffsicher zu, dann legte sie nach, zielte auf seine Schulter, genau auf den Punkt, den ihr Boxtrainer Obinze ihr gezeigt hatte, und drosch mit wilder, brutaler Kraft darauf ein.

Sie spürte sofort, dass ihre Attacke erfolgreich gewesen war. Die Schulter war ausgekugelt, und Alvar krümmte sich vor Schmerz. Keuchend stand er da, nicht mal einen Schrei brachte er hervor, aber es war ihm deutlich anzusehen, dass er all seine Kraft zusammennehmen musste, um sich auf den Beinen zu halten. Es gelang ihm für ein, zwei Sekunden. Dann kapitulierte er. Er kippte zur Seite und sackte mit einem dumpfen Schlag auf den Betonboden, und im selben Moment trat Lisbeth einen Schritt vor. Sie musste dafür sorgen, dass er keine Dummheiten machte.

»Halt jetzt den Mund«, sagte sie.

Die Ermahnung hätte sie sich sparen können. Alvar Olsen konnte nicht mal mehr einen Mucks von sich geben. Es war, als wäre ihm die Luft ausgegangen. In seiner Schulter pochte der Schmerz, und vor seinen Augen flimmerte es.

»Wenn du jetzt ganz lieb bist und deinen Gürtel nicht anrührst, werd ich dich auch nicht mehr schlagen«, sagte Salander und rupfte ihm den IQ-Test aus der Hand.

Im selben Moment glaubte Alvar, aus einiger Entfernung ein Geräusch wahrzunehmen.

Lief in einer benachbarten Zelle ein Fernseher, oder waren Kollegen in die Abteilung gekommen und unterhielten sich draußen auf dem Gang? So benommen, wie er war, hätte er es nicht genau sagen können. Er fragte sich, ob er nicht doch ein taktisches Manöver fahren oder einfach nur um Hilfe rufen sollte. Doch er konnte keinen klaren Gedanken fassen, der Schmerz dominierte alles. Er sah Salander nur noch verschwommen vor sich und war verängstigt und verwirrt. Möglicherweise fummelte er sogar an seinem Notruf herum – allerdings eher aus Reflex denn als bewusste Handlung. Und er kam auch gar nicht mehr dazu, Alarm zu schlagen. Erneut traf ihn ihre Faust im Magen, und er krümmte sich zusammen und keuchte umso mehr.

»Da siehst du es«, sagte Salander leise. »Das war keine gute Idee. Aber weißt du, was? In Wahrheit tue ich dir nicht gern weh. Warst du nicht vor einer ganzen Weile mal ein Held? Mamas Retter oder so? Mir ist da was zu Ohren gekommen. Trotzdem geht hier jetzt alles den Bach runter. Vorhin hast du Faria Kazi schon wieder im Stich gelassen. Und an diesem Punkt muss ich dich warnen. Das gefällt mir nicht.«

Darauf wusste er nichts zu erwidern.

»Das Mädchen hat schon genug durchgemacht. Das muss ein Ende haben«, fuhr sie fort, und da nickte Alvar, ohne genau zu wissen, warum.

»Hervorragend, da sind wir uns ja einig«, sagte sie. »Du weißt, was in den Zeitungen über mich stand?«

Er nickte erneut und hielt beide Hände in sicherem Abstand vom Gürtel weg.

»Gut. Dann weißt du auch, dass ich vor nichts zurückschrecke. Kein bisschen. Aber vielleicht können wir uns ja auf einen Deal einigen, du und ich.«

»Was?«, keuchte er.

»Ich helf dir dabei, diesen Laden wieder auf Vordermann zu bringen, und sorge dafür, dass Benito und ihre Kumpane nicht noch mal in Faria Kazis Nähe kommen, und dafür … leihst du mir deinen Computer.«

»Nie im Leben! Sie haben …« Er schnappte nach Luft. »… mich misshandelt. Das sieht nicht gut für Sie aus!«

»Für dich sieht es nicht gut aus«, erwiderte sie. »Hier drinnen werden Leute unterdrückt und gequält, und du rührst keinen Finger. Kannst du dir vorstellen, was das für ein Skandal wird? Der ganze Stolz des Strafvollzugswesens ist in die Hände eines kleinen Mussolini geraten.«

»Aber …«

»Kein Aber. Ich helfe dir, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Aber erst musst du mir einen Computer mit Internetverbindung besorgen.«

»Das ist unmöglich«, sagte er und versuchte, möglichst unnachgiebig zu klingen. »Hier auf dem Flur sind überall Kameras. Sie sind erledigt.«

»Dann sind wir beide erledigt. Allerdings macht mir das nichts aus«, antwortete sie, und da musste Alvar an Mikael Blomkvist denken.

Der Journalist hatte Lisbeth Salander in der kurzen Zeit, seit sie hier einsaß, bereits zwei- oder dreimal besucht, und Alvar wollte auf keinen Fall, dass Blomkvist hiervon Wind bekam. Was also sollte er tun? Er konnte immer noch nicht klar denken, und noch viel weniger konnte er beurteilen, wie wahrscheinlich es war, dass Benitos Treiben in dieser Abteilung bewiesen und in den Medien ausgebreitet werden konnte. Seine Schmerzen waren zu heftig, um auch nur irgendwas vernünftig abzuwägen. Stattdessen fasste er sich an Schulter und Bauch und sagte: »Ich kann für nichts garantieren.«

»Ich auch nicht. Dann wären wir ja quitt. Und jetzt aufgestanden!«

»Im Verwaltungstrakt begegnen wir bestimmt noch anderem Personal«, wandte er ein.

»Dann musst du eben so tun, als würde das zu einem gemeinsamen Projekt gehören. Wir haben ja schon so schön angefangen mit dem IQ-Test.«

Er stand auf. Taumelte. Die Glühbirne an der Decke drehte sich wie ein Irrlicht, wie ein fallender Stern. Ihm war speiübel.

»Warten Sie kurz, ich muss …«, sagte er.

Sie zog ihn hoch und strich ihm übers Haar, als wollte sie ihn herrichten. Dann verpasste sie ihm einen neuerlichen Schlag. Er bekam Todesangst. Doch diesmal war es kein brutaler Schlag, im Gegenteil, sie hatte seine Schulter wieder eingerenkt, und mit einem Mal waren die schlimmsten Schmerzen verklungen.

»Dann können wir ja jetzt gehen«, sagte sie.

Er überlegte wieder, Hilfe zu rufen und den Alarmknopf zu drücken. Er überlegte auch, ob er sie mit seinem Schlagstock oder mit dem Pfefferspray außer Gefecht setzen sollte. Doch stattdessen ging er einfach los. Er trat mit Lisbeth Salander hinaus auf den Flur, als wäre nichts geschehen, öffnete die Schleusentür mit seinem Schlüsselchip und seinem Code und hoffte, sie würden niemandem begegnen. Aber natürlich liefen sie Harriet in die Arme, seiner kleinlichen Kollegin, die gleichzeitig dermaßen aalglatt war, dass er nicht wusste, auf wessen Seite sie stand, auf Benitos oder auf der des Gesetzes. Manchmal glaubte er, es könnte beides der Fall sein – zumindest stand sie immer auf der Seite, die für den Augenblick die besten Möglichkeiten bot.

»Hallo«, stieß Alvar hervor.

Harriet hatte sich einen Pferdeschwanz gebunden und einen verkniffenen Zug um Mund und Augen. Dass er sie mal attraktiv gefunden hatte, schien inzwischen unendlich lang her zu sein.

»Wo wollt ihr denn hin?«, fragte sie.

Da konnte er noch so sehr Chef sein – im Moment vermochte Alvar ihrem fragenden Blick nichts entgegenzusetzen. »Wir werden … Wir wollen …«

Ihm fiel einfach nichts ein als die dämliche Ausrede mit dem IQ-Test, und dass sie ihm die nicht abkaufen würde, war sicher.

»… Salanders Anwältin anrufen«, fuhr er schließlich fort. Er ahnte, dass sie ihm nicht glaubte. Und bestimmt war er auch blass und hatte einen glasigen Blick. Am liebsten wäre er einfach wieder zu Boden gesunken und hätte um Hilfe gefleht. Doch stattdessen fügte er mit unerwarteter Autorität hinzu: »Die Anwältin fliegt morgen früh nach Jakarta.«

Er hatte keine Ahnung, wie er auf Jakarta gekommen war. Er wusste nur, dass die Behauptung abwegig und gleichzeitig konkret genug war, um für bare Münze genommen zu werden.

»Okay, verstehe«, sagte Harriet in einem Tonfall, der ihrem Platz in der Hierarchie angemessener war. Dann ging sie weiter.

Als sie sich sicher sein konnten, dass sie außer Hörweite war, setzten sie ihren Weg zu seinem Büro fort.

Sein Büro war heiliges Terrain. Die Tür war immer geschlossen, Insassen durften sich darin nicht aufhalten. Doch genau dorthin waren sie jetzt unterwegs. Mit ein wenig Glück oder Pech hatten die Jungs aus der Überwachungszentrale gesehen, dass sie nach Einschluss hinüber in den Verwaltungstrakt gegangen waren. Sicher würde jeden Moment jemand kommen und fragen, was hier los sei. Und was immer los wäre – es würde nicht gut für ihn ausgehen. Er musste etwas unternehmen. Wieder tastete er über seinen Gürtel, betätigte jedoch auch diesmal nicht den Notruf. Er schämte sich einfach zu sehr, womöglich war er aber auch wider Willen ein wenig neugierig. Was hatte sie vor?

Er schloss auf und ließ sie ein, und im selben Moment wurde ihm klar, wie erbärmlich es dort drinnen aussah. Wie lächerlich das alles war – vor allem nachdem sie ihn gerade erst als Muttersöhnchen beschimpft hatte: große Aufnahmen seiner Mutter an der Pinnwand, Fotos, die sogar noch größer waren als die von Vilda. Er hätte sie längst abhängen, hinter sich aufräumen und kündigen müssen und nie wieder etwas mit Kriminellen zu tun haben. Und jetzt stand er hier. Er schloss die Tür, während Lisbeth Salander ihn bloß finster und entschlossen ansah.

»Ich hab da ein Problem«, sagte sie.

»Was denn?«

»Mein Problem bist du.«

»Was ist denn das Problem mit mir?«

»Wenn ich dich rausschicke, schlägst du Alarm. Aber wenn du hierbleibst, siehst du, was ich mache, und das wär auch nicht gut.«

»Haben Sie was Illegales vor?«

»Vermutlich, ja«, antwortete sie, und spätestens in diesem Moment hätte er handeln müssen, aber vielleicht war sie auch einfach nur vollkommen verrückt.

Sie boxte ihn zum dritten oder vierten Mal in den Solarplexus, wieder sackte er zusammen, schnappte nach Luft und wartete nur auf den nächsten Schlag. Doch Salander beugte sich lediglich zu ihm herab, zog mit einer blitzschnellen Bewegung seinen Gürtel aus den Gürtelschlaufen und legte ihn auf den Schreibtisch. Trotz seiner Schmerzen richtete er sich auf und starrte sie warnend an. Es wirkte fast, als würden sie sich jeden Moment aufeinanderstürzen und sich prügeln. Doch dann entwaffnete sie ihn ein zweites Mal, indem sie den Blick auf seine Pinnwand richtete.

»Ist das auf dem Bild deine Mutter, die du gerettet hast?«

Er antwortete nicht. Er überlegte immer noch, ob er sich auf sie stürzen sollte.

»Ist das deine Mutter?«, wiederholte sie, und nach einer Weile nickte er.

»Ist sie tot?«

»Ja.«

»Aber sie ist dir wichtig?«

»Ja, ist sie.«

»Dann verstehst du mich bestimmt. Ich muss an gewisse Informationen kommen, und du wirst es zulassen.«

»Warum sollte ich?«

»Weil du hier drinnen alles viel zu weit hast kommen lassen. Im Gegenzug helfe ich dir dabei, Benito das Handwerk zu legen.«

»Sie ist skrupellos …«

»Das bin ich auch.«

Wahrscheinlich hatte sie recht. Er hatte es viel zu weit kommen lassen. Er hatte sie hier reingelassen, hatte gelogen und geblufft. Er hatte nichts mehr zu verlieren, und als sie ihn nach seinem Passwort fragte, verriet er es ihr. Dann betrachtete er mit zunehmender Faszination ihre Hände. Blitzschnell bewegten sie sich über die Tastatur. Anfangs passierte nicht einmal viel. Lisbeth klickte lediglich zwischen verschiedenen Websites in Uppsala hin und her – unter anderem der Seite der Uniklinik und der Universität selbst.

Eine Weile machte sie so weiter, suchte anscheinend planlos irgendwas, und erst bei einer altmodisch wirkenden Seite, die zu irgendeiner Institution für medizinische Genetik gehörte, hielt sie inne und gab dann einige Kommandos ein. Erst wurde der Bildschirm schwarz, und eine Zeit lang saß sie vollkommen reglos da, machte keinen Mucks, atmete nur schwer, und ihre Finger schwebten in der Luft wie die eines Pianisten, der sich auf ein schweres Stück vorbereitete.

Dann hämmerte sie wieder schwindelerregend schnell auf die Tasten ein, weiße Ziffern und Buchstaben rasten über den Bildschirm, und plötzlich fing der Computer wie von allein an zu schreiben: Zeichen, unbegreifliche Programmiercodes und Kommandos reihten sich aneinander. Er verstand nur einzelne englische Wörter, Connecting database, Search, Query und Response und dann das beunruhigende Bypassing security. Für einen kurzen Moment schien sie ungeduldig zu warten und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Dann fluchte sie.

»Verdammter Mist!«

Ein Fenster öffnete sich. ACCESS DENIED.

Sie versuchte es wieder und wieder, und irgendwann passierte etwas, eine Wellenbewegung, ein Vordringen, dann das Aufblitzen von Farben. ACCESS GRANTED, leuchtete es grün, und dann spielten sich Dinge ab, die Alvar nie für möglich gehalten hätte. Wie durch ein Wurmloch wurde Lisbeth Salander eingesogen und gelangte in Cyberwelten, die einer anderen Zeit angehörten, weit vor dem Internet.

Sie überflog eingescannte alte Dokumente und Listen, in die mit Schreibmaschine oder Kugelschreiber Namen eingetragen worden waren. Darunter standen Zahlenkolonnen und Notizen, Ergebnisse oder Auswertungen von Tests, wie er glaubte, und hier und da sah er Geheimhaltungsstempel. Da waren ihr Name, andere Namen, reihenweise Gutachten. Es war, als hätte sie seinen Computer in ein schlangenähnliches Wesen verwandelt, das lautlos durch verborgene Archive und verschlossene Kellergewölbe glitt. So ging es stundenlang weiter und immer weiter. Sie hörte gar nicht mehr auf.

Trotzdem begriff er nicht, was sie da eigentlich tat – nur dass sie anscheinend nicht fand, wonach sie suchte. Das konnte man an ihrer Körpersprache sehen und hörte es an ihrem Gebrummel. Nach viereinhalb Stunden gab sie auf, und er seufzte vor Erleichterung. Er musste auf die Toilette. Und er musste nach Hause und seine Tante ablösen und nach Vilda sehen und schlafen und die Welt um sich herum vergessen. Stattdessen wies Lisbeth ihn an, still zu sitzen und die Schnauze zu halten, eine Sache müsse sie noch erledigen. Sie fuhr den Bildschirm runter, gab neue Befehle ein, und mit wachsendem Entsetzen dämmerte ihm, dass sie drauf und dran war, sich in das Netz der Anstalt zu hacken.

»Hören Sie auf!«

»Du kannst den Gefängnisdirektor doch nicht ausstehen, oder?«

»Das tut hier nichts zur Sache.«

»Ich auch nicht«, erwiderte sie und tat dann etwas, was er nicht sehen wollte. Sie loggte sich in Rikard Fagers Mailprogramm ein, in seine Dokumente, las sie, und er ließ es zu – und zwar nicht nur, weil er den Gefängnisdirektor hasste und alles ohnehin schon längst zu weit gegangen war. Es hatte auch mit der Art und Weise zu tun, wie sie mit dem Computer umging. Er schien eine Verlängerung ihres Körpers zu sein, sie beherrschte ihn mit vollkommener Virtuosität, und deshalb vertraute er ihr. Vielleicht war das irrational. Trotzdem ließ er sie gewähren.

Wieder wurde der Bildschirm schwarz, dann weiß, und dann tauchten erneut diese Worte auf … ACCESS GRANTED. Was bedeutete das, verdammt noch mal?

Vor sich auf dem Bildschirm sah er den Gang des Sicherheitstrakts, still und dunkel, und ein ums andere Mal hantierte sie mit derselben Filmsequenz herum, als würde sie diese verlängern oder einen bestimmten Ausschnitt darin verdoppeln. Eine Weile saß Alvar einfach nur mit den Händen auf den Knien da. Er schloss die Augen und hoffte, dass bald alles vorbei wäre.

Um 1.52 Uhr war es schließlich so weit. Lisbeth Salander stand auf, brummelte: »Danke«, und ohne sie auch nur mit einem Wort zu fragen, was sie eigentlich getan hatte, geleitete er sie durch die Schleusentür in ihre Zelle und wünschte ihr eine gute Nacht. Anschließend fuhr er nach Hause. Er bekam kaum ein Auge zu. Erst als es bereits Morgen wurde, döste er kurz ein und träumte von Benito und ihren Dolchen.

4. KAPITEL

17.–18. Juni

Freitag war Lisbeth-Tag.

Jeden Freitag fuhr Mikael Blomkvist ins Gefängnis, um Lisbeth Salander zu besuchen. Er freute sich darauf, vor allem jetzt, da er die Sachlage schlussendlich akzeptiert hatte und nicht mehr aufgebracht war. Es hatte einige Zeit gedauert.

Er war außer sich gewesen über die Anklage und das Urteil und hatte seiner Empörung auch öffentlich Luft gemacht, doch als ihm endlich klar geworden war, dass es Lisbeth selbst gleichgültig war, hatte er begonnen, die Sache mit ihren Augen zu sehen. Für sie war es kein großes Ding. Solange sie mit ihrer Quantenphysik und ihrem Boxtraining weitermachen durfte, konnte sie genauso gut im Gefängnis sitzen wie an jedem anderen Ort, und vielleicht betrachtete sie die Zeit in der Anstalt ja auch als eine Erfahrung, eine Art Lehrzeit. Was das betraf, war sie ohnehin seltsam. Sie nahm das Leben, wie es kam, passte sich der jeweiligen Lage an, und oft lachte sie ihn nur aus, wenn er sich um sie sorgte – sogar seit sie nach Flodberga verlegt worden war.

Mikael mochte Flodberga nicht. Niemand mochte Flodberga. Im ganzen Land war es die einzige Anstalt für Frauen mit der höchsten Sicherheitsstufe, und Lisbeth war nur dort gelandet, weil Ingemar Eneroth, der Chef der schwedischen Strafvollzugsbehörde, versichert hatte, dort sei sie am besten geschützt, auch angesichts der Bedrohung, von der sowohl die Säpo als auch der französische Geheimdienst DGSE Wind bekommen hatten und die, so hieß es, von Lisbeths Schwester Camilla und deren kriminellem Netzwerk in Russland ausging.

Das konnte stimmen, aber auch völlig aus der Luft gegriffen sein. Doch weil Lisbeth nichts gegen die Verlegung einzuwenden gehabt hatte, war es so gekommen, und inzwischen hatte sie sowieso nicht mehr allzu viel Zeit abzusitzen. Vielleicht war es tatsächlich in Ordnung. Am vergangenen Freitag hatte Lisbeth außerdem überraschend gesund ausgesehen. Wahrscheinlich war das Gefängnisessen verglichen mit dem Müll, den sie sonst immer in sich hineinstopfte, der reinste Gesundbrunnen.

Mikael saß mit seinem Laptop im Zug nach Örebro und las die Sommerausgabe von Millennium Korrektur, die am Montag in den Druck gehen würde. Draußen goss es in Strömen. Den Wetterprognosen zufolge würde dies der heißeste Sommer seit Langem werden, aber bislang war davon nichts zu spüren. Der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet, seit Tagen regnete es, und Mikael sehnte sich danach, in sein Haus auf Sandhamn zu flüchten und sich auszuruhen. Er hatte hart gearbeitet. Seit er darüber berichtet hatte, dass Teile der NSA-Führungsebene mit dem organisierten Verbrechen in Russland kooperiert hatten, um auf der ganzen Welt Wirtschaftsspionage zu betreiben, hatte sich die finanzielle Lage der Zeitschrift deutlich verbessert. Millennium erstrahlte wieder im alten Glanz. Doch mit dem Erfolg waren auch Sorgen einhergegangen. Mikael und die Redaktionsleitung hatten sich gezwungen gesehen, die Zeitschrift auch digital weiterzuentwickeln, und das war grundsätzlich natürlich gut. Im neuen Medienklima war es sogar notwendig. Allerdings raubte es ihm Zeit. Die Neuerungen im Onlinebereich und all die Diskussionen über die richtige Social-Media-Strategie gingen zulasten seiner Konzentration. Zwar hatte er eine Reihe von potenziell guten Geschichten aufgestöbert, war aber bisher keiner richtig auf den Grund gegangen, und es war auch nicht gerade hilfreich, dass die Person, der er seinen NSA-Scoop verdankte, derzeit im Gefängnis saß. Er fühlte sich schuldig.

Er sah aus dem Zugfenster, hoffte, man würde ihn in Ruhe lassen, aber das war natürlich reines Wunschdenken. Die ältere Dame neben ihm, die ihn schon die ganze Zeit mit Fragen gelöchert hatte, erkundigte sich jetzt, wohin er unterwegs sei. Er antwortete ausweichend. Wie die meisten Menschen, die ihn störten, meinte sie es ja nur gut. Trotzdem war er froh, als er das Gespräch abbrechen musste, um in Örebro auszusteigen. Dort eilte er durch den Regen zu seinem Bus. Obwohl die Justizvollzugsanstalt direkt an den Bahnschienen lag, gab es dort nirgends einen Halt, und so musste er die nächsten vierzig Minuten in einem alten Scania-Bus ohne Klimaanlage verbringen. Es war zwanzig vor sechs, als endlich die mattgraue Betonmauer vor ihm auftauchte.

Sie war sieben Meter hoch und geriffelt – wie eine riesige Betonwelle, die kurz vor dem verheerenden Schlag über einer flachen Ebene erstarrt war. Weit draußen am Horizont konnte man einen Nadelwald erahnen. Weit und breit war kein einziges Wohnhaus in Sicht, und das Gefängnistor lag so dicht an der Bahnschranke, dass nur ein einziges Auto auf einmal dazwischen Platz fand.

Mikael stieg aus dem Bus und wurde durch das Stahltor eingelassen. Bei der Anmeldung legte er sein Telefon und seine Schlüssel in ein graues Schließfach. Dann durchquerte er die Sicherheitskontrolle und hatte wie so oft das Gefühl, als wollte man ihn absichtlich schikanieren. Ein kahl rasierter, tätowierter Typ Anfang dreißig fasste ihm sogar in den Schritt. Außerdem tauchte ein schwarzer Labrador auf – ein fröhlicher, feiner Kerl, aber Mikael wusste natürlich, wozu er da war. Ein Drogenspürhund. Glaubten sie allen Ernstes, er wollte Stoff in den Knast schmuggeln?

Er machte gute Miene zum bösen Spiel und spazierte dann mit einem zweiten, etwas größeren und freundlicheren Wachmann einen langen Korridor entlang. Über die Kameras an der Decke wurden sie von den Leuten in der Sicherheitszentrale beobachtet, die auch die Schleusentüren für sie öffneten. Diesmal musste er eine Weile davor warten. Später hätte er nicht mehr genau sagen können, wann er begonnen hatte zu ahnen, dass hier irgendwas nicht stimmte.

Vermutlich in dem Augenblick, als Wachleiter Alvar Olsen vor ihm auftauchte.

Olsen hatte Schweiß auf der Stirn und wirkte nervös. Er gab ein paar angestrengte Höflichkeitsfloskeln von sich, ehe er Mikael in einen Besucherraum am Ende des Gangs führte, und spätestens da bestand kein Zweifel mehr. Irgendetwas war hier definitiv anders.

Lisbeth trug wie immer ihre verschlissene, verwaschene Anstaltskleidung, die geradezu lächerlich an ihr schlackerte. Normalerweise stand sie auf, wenn er eintrat. Diesmal blieb sie sitzen, und ihre Körperhaltung wirkte angespannt, abwartend. Ihr Kopf war leicht nach links geneigt, als wollte sie an ihm vorbeisehen. Überhaupt saß sie ungewohnt reglos da, antwortete nur einsilbig auf seine Fragen und wich seinem Blick aus. Irgendwann musste er ganz einfach fragen, ob etwas passiert war.

»Kommt drauf an, wie man es sieht«, erwiderte sie und lächelte verhalten. Das war zumindest ein Anfang.

»Willst du mir mehr erzählen?«

Wollte sie nicht. Jedenfalls »nicht jetzt und nicht hier«, wie sie sagte, und daraufhin schwiegen sie beide. Draußen vor den Gittern prasselte der Regen auf den Freistundenhof und die Mauer, und er starrte mit leerem Blick auf eine alte Matratze, die an der Wand lehnte.

»Muss ich mir Sorgen machen?«, fragte er nach einer Weile.

»Ich finde schon«, antwortete sie feixend, nur dass er ihre Bemerkung gar nicht komisch fand.

Trotzdem lockerte sie die Stimmung. Er musste auch ein wenig lachen und fragte, ob er ihr irgendwie helfen könne. Da verstummte sie erneut und antwortete überraschend: »Vielleicht.« Lisbeth Salander bat normalerweise nicht grundlos um Hilfe.

»Wie gut. Ich würde alles tun – oder zumindest so gut wie alles«, gab er zurück.

»So gut wie alles?« Sie grinste erneut.

»Was Illegales würd ich lieber vermeiden«, sagte er. »Wär doch ärgerlich, wenn wir beide hier landen würden.«

»Ich fürchte, du müsstest dich mit einem Männerknast begnügen, Mikael.«

»Es sei denn, ich bekäme dank meines Charmes eine Ausnahmegenehmigung für Flodberga. Worum geht’s?«

»Ich beschäftige mich gerade mit ein paar alten Namenslisten«, sagte sie, »und irgendwas stimmt damit nicht. Zum Beispiel steht da ein Typ namens Leo Mannheimer drauf.«

»Leo Mannheimer?«, wiederholte er.

»Genau. Er ist sechsunddreißig. Im Internet findest du ihn sofort.«

»Gut, das ist ja mal ein Anfang. Worauf soll ich achten?«

Lisbeth ließ den Blick durch den Besucherraum schweifen, als könnte sie das, was Mikael recherchieren sollte, irgendwo dort finden. Dann wandte sie sich wieder zu ihm um und sah ihn zerstreut an.

»Ehrlich gesagt weiß ich es nicht.«

»Und das soll ich glauben?«

»Im Großen und Ganzen ja.«

»Im Großen und Ganzen?«

Allmählich fühlte er sich leicht gereizt.

»Also gut. Du weißt es nicht. Aber du willst, dass ich ihn überprüfe. Hat er irgendetwas Bestimmtes getan? Oder ist er einfach allgemein verdächtig?«

»Du kennst die Investmentgesellschaft, für die er arbeitet. Davon abgesehen glaube ich, eine kleine, ganz unvoreingenommene Untersuchung könnte nicht schaden.«

»Hör doch auf«, sagte er. »Irgendeinen Anhaltspunkt musst du mir schon geben. Was sind das für Listen, die du erwähnt hast?«

»Namenslisten.«

Das klang so kryptisch und banal, dass er kurz glaubte, sie wollte ihn auf den Arm nehmen, und gleich im nächsten Moment würden sie schon wieder über dies und jenes plaudern wie am vergangenen Freitag. Stattdessen stand Lisbeth auf und rief den Wachmann. Sie wolle wieder in ihre Abteilung zurückgebracht werden.

»Du machst Witze«, sagte er.

»Ich mache nie Witze«, erwiderte sie, und da wollte er schon fluchen und protestieren und ihr erzählen, dass er stundenlang unterwegs gewesen sei, um herzukommen, und dass ihm wahrlich schönere Sachen einfielen, die er an einem Freitagabend sonst noch unternehmen konnte.

Doch er wusste, dass ihm das kaum etwas nutzen würde. Deshalb stand er ebenfalls auf, umarmte sie und meinte mit fast väterlicher Strenge, sie solle auf sich aufpassen.

»Manchmal vielleicht«, murmelte sie, und er hoffte inständig, dass sie das ironisch gemeint hatte, auch wenn sie mit den Gedanken längst wieder woanders zu sein schien.

Er sah zu, wie sie vom Wachleiter weggeführt wurde. Die leise Zielstrebigkeit ihrer Schritte bereitete ihm Unbehagen. Widerwillig ließ er sich in die andere Richtung zu den Sicherheitsschleusen begleiten, wo er sein Schließfach öffnete und Handy und Schlüssel herausnahm. Diesmal gönnte er sich ein Taxi zum Bahnhof von Örebro. Während der Zugfahrt heim nach Stockholm las er den Krimi eines gewissen Peter May, nichts weiter. Fast schon aus Protest wollte er mit der Recherche zu Leo Mannheimer noch warten.

Alvar Olsen war erleichtert, weil Mikael Blomkvists Besuch so kurz ausgefallen war. Er hatte Angst gehabt, dass Lisbeth den Reporter über Benito und den Sicherheitstrakt ins Bild setzen könnte, aber in der kurzen Zeit hätte sie das kaum geschafft, und das war gut so. Denn auch ansonsten gab es wenig Grund zur Freude. Alvar hatte alles darangesetzt, Benito verlegen zu lassen, doch nichts geschah. Dass gleich mehrere Kollegen Benito vor dem Gefängnisdirektor in Schutz nahmen und beteuerten, es seien keine neuerlichen Maßnahmen notwendig, war natürlich auch nicht gerade hilfreich.

Der Wahnsinn ging also weiter. Lisbeth Salander wirkte immer noch passiv. Nach wie vor beobachtete und lauerte sie nur – trotzdem hatte Alvar das Gefühl, als liefe ein Countdown. Sie hatte ihm eine Frist von fünf Tagen gesetzt. Fünf Tage, um die Probleme aus der Welt zu schaffen und um für Faria Kazis Schutz zu sorgen. Wenn bis dahin nichts geschehen wäre, würde Salander eingreifen, damit hatte sie gedroht, und die fünf Tage waren bald vorbei, ohne dass er etwas erreicht hatte. Im Gegenteil: Die Stimmung in der Abteilung war zunehmend angespannt und unbehaglich. Irgendetwas Furchtbares braute sich zusammen.

Es war, als würde sich Benito auf einen Kampf vorbereiten. Sie schmiedete neue Allianzen und empfing mehr Besucher als sonst, was für gewöhnlich auch bedeutete, dass sie mehr Informationen erhielt. Vor allem aber schienen die Schikanen und die Gewalt gegen Faria Kazi allmählich zu eskalieren. Lisbeth Salander hielt sich zwar immer in der Nähe, und das war gut, das war eine große Hilfe, doch es provozierte Benito eben auch. Sie ließ Lisbeth keine Ruhe, beschimpfte und bedrohte sie, und einmal konnte Alvar im Fitnessraum sogar mitanhören, was sie sagte.

»Die Kanakenhure gehört mir«, fauchte sie. »Wenn jemand die braune Nutte zwingt, die Beine breit zu machen, dann bin das ich und niemand sonst.«

Lisbeth Salander biss die Zähne zusammen und starrte zu Boden. Alvar hatte keine Ahnung, ob es an der Frist lag, die sie ihm gesetzt hatte, oder ob sie sich genauso machtlos fühlte wie er. Er tendierte zu Letzterem. So hartgesotten diese Frau auch war – gegen Benito konnte selbst sie wohl kaum etwas ausrichten. Benito war absolut gnadenlos, und weil sie zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, hatte sie auch nichts mehr zu verlieren. Außerdem standen immer ihre Gorillas hinter ihr: Tine, Greta und Josefin. In letzter Zeit hatte Alvar panische Angst, dass eines Tages Stahl in ihren Händen aufblitzen könnte.