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Frieder Baumann kommt mit zehn Jahren ins Kloster und wird von einem Mönch mehrfach missbraucht. Er weiß nicht, was ihm geschieht. In seiner Not beichtet Frieder. In der darauffolgenden Nacht wird er ein letztes Mal vergewaltigt und brutal zugerichtet. Der Täter lässt ihn, im Glauben, er habe ihn getötet, zurück. Frieder überlebt und ist künftig auf einen Rollstuhl angewiesen. Den 'Unfall' verbannt sein Gehirn ins Unterbewusstsein. Jahre später kehrt Frieder an das Internat in Kall zurück und unterrichtet Religion. Wenig erinnerte an die kurze Zeit, die er hier verbracht hatte. Doch die Erinnerung kommt wieder. Er erlebt die grausame Nacht in seinen Träumen wieder. Sein Peiniger hat kein Gesicht… lediglich eine Hand, die zwischen Daumen und Zeigefinger mit einer blauen gezackten Narbe gezeichnet ist. Frieder Baumann begibt sich auf die Suche. Seine Bemühungen bleiben im Internat nicht verborgen. Vater Benedict, einer seiner Lehrer aus der Kindheit, wird getötet. Der neugierige Frieder Baumann wird aus dem Internat gedrängt. Er setzt die Bemühungen fort, seine geheimnisvolle Vergangenheit zu ergründen. Irene Förster, seine gute Freundin aus Studientagen, die er ohne Zukunftsperspektive liebt, weist ihm den Weg. Frieder Baumann kämpft erfolglos gegen das Internat und die Kirche. Die erhoffte Unterstützung im Rechtssystem findet er nicht. Niemand schenkt seinen Anschuldigungen Glauben, weil sein 'Missgeschick' entsprechend der Aufzeichnungen im Kloster, die Folge eines 'Unfalls' ist. Tief getroffen, und noch lange nicht mit sich selbst im Reinen, findet er schließlich seinen Peiniger. Während der Ostermesse reicht ihm die Hand mit der blauen Narbe die Hostie zur Heiligen Kommunion. Gemeinsam mit Irene Köster plant er den großen Schlag: Staat, Kirche und Öffentlichkeit sollen aus der Lethargie gerissen werden und ihm zu seinem Recht verhelfen. Am 28.06.2011 kniet auf dem Katschhof in Aachen ein Priester auf einer Gebetsbank.
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Seitenzahl: 399
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Herbert Weyand
Vergeltung
An den Pranger gestellt
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55 Widmung und Protagonisten
Impressum neobooks
Der Schlag der Autotür klang wie ein Schuss in den frühsommerlichen Morgen und ließ die Ratten des Himmels flügelschlagend aktiv werden. Dicht schwärmten sie aus und nahmen dann gleich wieder die ursprüngliche Position ein. Weißgraue Kotstreifen markierten, auf der Pflasterung vor den Gebäuden, die Stammplätze.
Die Sonne schob sich langsam über den Horizont und entließ die ersten rotgoldenen Strahlen in den frühen Tag. Zögernd strichen sie von der Spitze des Aachener Doms zur Kuppel des Oktogon und erhellten Zug um Zug den Katschhof. Der bellende Hund in der Ferne übertönte noch das unmerkliche Zunehmen der Geräuschkulisse
Das wegfahrende Auto lenkte zunächst von der Veränderung auf dem Platz ab, zudem sie unbemerkt stattfand. Nur der freche Spatz schimpfte auf den Mann, der in der Mitte des Katschhofs kniete und kein Auge oder gar Ohr für seine Umgebung hatte.
Die ersten Menschen hetzten über den Platz. Sie mussten pünktlich ihren Arbeitsplatz erreichen. Die Uhr tickte gnadenlos. Mehr, als ein flüchtiger Blick für den Knienden, blieb nicht. Nein… sie machten einen großen Bogen um ihn.
Der laue Frühsommertag in der ehemaligen Kaiserpfalz begann mit der Ahnung, dass er in mehrfacher Hinsicht heiß werden würde. Die Meteorologen sagten den bisher heißesten Tag für diesen Sommer voraus.
Das Pärchen, noch gefangen von der gemeinsam verbrachten Nacht, stockte.
„Guck‘ mal, die drehen einen Film“, sagte der junge Mann.
„Nee. Da sind die Kameras größer. Dort auf dem Stativ“, die Frau zeigte mit dem Finger darauf, „ist ja nicht mehr, als eine Webcam.“ Sie und ihre Begleitung näherten sich neugierig dem regungslosen Mann. „Da sind noch mehr… zwei …drei Webcams. … vielleicht doch ein Film?“
„Halt! Bleiben Sie bitte stehen“, die befehlende Stimme erklang überlaut in der morgendlichen Stille und ließ sie unwillkürlich einen Schritt zurücktreten.
Der kniende Mann verharrte bewegungslos in seiner ungewöhnlichen Stellung. Die Fußspitzen auf dem Boden, die Knie auf dem unteren Brett der Gebetsbank, die hier völlig deplatziert wirkte. Aus dem Kniegelenk heraus reckte sein Körper in einem neunzig Grad Winkel gerade nach oben. Die Schlinge um den Hals war über das dünne Seil mit dem linken Fuß verbunden und hielt die Wirbelsäule gerade. Der Strick hatte genügend Spiel. Darüber bestand keine Lebensgefahr. Er trug einen Priesterkragen. Sein Gesicht zeigte blasierte Anspannung, die über die Neigung der Mundwinkel zum Ausdruck kam. Ansonsten waren markanten Züge des Mannes starr und ausdruckslos. Obwohl schon älter - etwas über sechzig -, zierte keine Falte die rosig angehauchten, etwas hohlen, Wangen. Die stark hervorquellenden Augäpfel störten den harmonischen, fast schönen, Ausdruck des Gesichts. Der Blick des scheinbaren Priesters wurde vom Oktogon des Doms eingefangen, auf dem er bewegungslos ruhte. Das dunkle Haar stand militärisch kurz geschnitten, wie ein Igelpanzer, in die Luft.
Eine menschliche Statue vor dem Hintergrund der historischen Kulisse rund um Dom und Rathaus.
Die beiden jungen Leute betrachteten ihn aus ungefähr fünfzehn Metern Entfernung.
„Wer hat das gesagt? Von dem Typ kam das nicht. Ich habe ihn beobachtet. Für einen Film sind zu wenige Leute hier. Hier ist niemand, der Regie führt oder etwas Ähnliches.“
Sie gingen wieder näher, um ihn genauer zu mustern.
„Halt! Bleiben Sie bitte stehen.“ Die gleiche Stimme, der gleiche Tonfall wie vorhin, hielt sie auf.
Sie ließen ihre Augen kreisen. Die Situation wurde ihnen unheimlich.
„Komm‘ wir hauen ab“, sagte die Frau. „Außerdem kommen wir zu spät zur Arbeit.“
„Nein, nein. Hier stimmt etwas nicht. Schau‘ dir sein Gesicht an. Und… der hat ein Seil um den Hals.“ Mittlerweile blieben mehrere Passanten stehen und beobachteten die eigenwillige Szene.
„Halt! Bleiben Sie bitte stehen.“ Auf der anderen Seite sprang ein Schaulustiger erschrocken zurück und wäre dabei fast gestolpert.
„Die Aufforderung kommt aus irgendwelchen Lautsprechern. Ich ruf‘ die Polizei.“ Der junge Mann zückte sein Handy und tippte die 110 auf das Display. „In wenigen Minuten wird jemand hier sein.“
Während die neugierige Menschenmenge größer und größer wurde, bog, zehn Minuten später, der blausilberne Einsatzwagen auf den Platz. Zwei uniformierte Polizisten stiegen aus und näherten sich gemächlich.
„Wer hat angerufen?“
Drei Hände hoben sich.
„Wir möchten gleich noch mit Ihnen sprechen“, wies der jüngere Beamte sie an. „Und Sie gehen weiter“, wandte er sich an die versammelte Menge.
Sein Kollege ging gewichtigen Schritts auf den Priester zu.
„Halt! Bleiben Sie bitte stehen.“ Erschrocken hielt er inne und trat zurück. Er schüttelte verwirrt den Kopf und machte den Schritt wieder nach vorn.
„Halt! Bleiben Sie bitte stehen.“
Stocksteif verhielt er auf der Grenze, die die Stimme vorgab. Der Polizeibeamte stand, an dieser Stelle, ungefähr fünfzehn Meter von der reglosen Gestalt entfernt.
„Hier sind bestimmt Lichtschranken“, stellte jemand fest.
„Heh Frank. Hast du das mitbekommen?“
„Ich bin doch nicht taub. Jemand will uns auf den Arm nehmen“, der jüngere Beamte lachte unsicher und warf Hilfe suchende Blicke in die Zuschauermenge, die den Einsatz hautnah miterleben wollte. „Frag‘ ihn, was er dort tut.“
„Heh. Sie da. Was machen Sie dort? Haben Sie eine Genehmigung?“, rief der Uniformierte dem menschlichen Hindernis zu. Keine Antwort. Der Mann verharrte reglos.
„Mensch Mann… ich sehe doch, dass Sie reden können. Sagen Sie etwas.“ Ungläubig registrierte er die Ignoranz seiner Kompetenz. „Jetzt wird es mir zu bunt“, er ging entschlossenen Schritts auf den Kirchenmann zu. Nach drei Metern schrillte ein durchdringender Warnton und ließ ihn zur Salzsäure erstarren. Sekunden später ertönte die Stimme: „Ich bitte Sie eindringlich. Bleiben Sie stehen. Pater Anselm wird sterben, falls Sie weitergehen.“ Im gleichen Augenblick entdeckte er die Schlinge um den Hals, die zum linken Fuß führte.
*
.
Die schweren Wolken des aufziehenden Gewitters hingen schwarz und gefährlich über dem Rursee.
Woffelsbach, dachte Frieder, noch zehn Minuten, dann würde das Unwetter auch hier herunter kommen.
Aus dem Wintergarten heraus sah er links auf die Staumauer und fast in der Mitte des breiten Fensters, tief nach unten, die Halbinsel Eschauel des Stausees. Die Wipfel der Bäume wiegten heftig am Hang. Die ersten Vorboten des Unwetters.
Seit zwei Jahren lebte er im Oberdorf von Schmidt. Ein kleiner Bungalow. Frieder benötigte nicht viel Platz. Er war allein und auf den Rollstuhl angewiesen. Das Haus war ein Schnäppchen. Der alte Mann, der hier wohnte, verstarb unerwartet und die Erbengemeinschaft wollte schnelles Geld sehen. Den barrierefreien Umbau finanzierte die öffentliche Hand. Dabei verdiente er genug, und die Ausgaben hätten ihm nicht wehgetan. Aber… warum nicht?
Der Wintergarten passte nicht zu dem modernen Haus. Seit er in der Nähe Bonns, auf einem Versuchsgut des Landes den Anbau des Haupthauses gesehen hatte, schwebte ihm der Stil vor. Holz und Glas. Kein Kunststoff. Viele kleine Fensterscheiben.
Er rollte seinen Stuhl zur Seite und zog die Jalousie hoch, um ungehindert auf den See sehen zu können. Dabei war ihm bewusst, dass in wenigen Minuten, lediglich Blitze, die dann fast schwarze Wasserfläche, minimal erhellte. Frieder mochte das dunkle Szenario des Gewitters. So dunkel, wie seine Gedanken zurzeit.
Noch spiegelte der See in der Sonne.
Fast zögerlich rollte er den Stuhl an den Schreibtisch zurück und sah auf den blinkenden Cursor. Von Zeit zu Zeit verfiel er in diese Depressionen.
Frieder Baumann zählte dreiunddreißig Lenze. In der Regel strahlte sein Gesicht ruhige Freundlichkeit aus, begleitet von warmen Blicken seiner gefühlvollen braunen Augen. Dunkles lockiges Haar fiel über die Stirn und kringelte sich leicht über der geraden Nase und im Nacken. Ein fast stattlicher, schöner Mann mit breiten Schultern und trainierten Armen… wäre nicht der Rollstuhl. Der Mund neigte stets zu einem breiten Lächeln. Selbst jetzt im Haus und bei der schwülen Feuchtigkeit, die durch die geöffneten Fenster hereindrang, war er korrekt, mit blütenweißem Hemd und Krawatte, bekleidet. Das einzige Zugeständnis an die Witterung war der an der Garderobe hängende Sakko.
Von einem Augenblick auf den anderen wurde es dunkel. Jedes Mal, wenn ein Blitz über den dunklen Himmel zuckte, wurde Frieders Gesicht aus dem Dunkel gerissen. Er war allein mit sich und den Gedanken an den wiederkehrenden Traum.
Frieder, eigentlich Dr. Frieder Baumann, schrieb an seinem dritten Buch ‚Der Einfluss der Religion bei der Erziehung von Kindern‘. Seit zwei Jahren unterrichtete er Religion und Soziallehre an der Gesamtschule in Langerwehe. An die Zeit davor mochte er nicht zurückdenken. Doch die Erinnerung überfiel ihn schlagartig.
An diesem Abend war es besonders schlimm. Der Verstand bemühte sich die verzerrten Eindrücke und Erinnerungsfetzen der längst vergessen geglaubte Vergangenheit zu einem Ganzen zu fügen. Die Gestalt, die zu der Hand gehörte hatte nun ein Gesicht und wirkte übermäßig groß. Sein Wissen sagte ihm, dass er als kleiner Junge die Bedrohung übermächtig empfunden haben musste und die Proportionen dadurch verzerrt wurden. Doch es half nichts. Der nicht körperliche Schmerz und die daraus entstehende Angst wurden übermächtig. Er umklammerte seinen Kopf, als könne er die Gedanken, die aus seinem Schädel drangen zurückhalten.
Sie war da… die große Hand… zwischen deren Zeigefinger und Daumen die gezackte blaue Narbe verlief. Er hatte nachgelesen. Die blaue Narbe konnte von einer Verletzung herrühren, die unmittelbar mit Kohlenstaub in Verbindung stand.
Es war immer derselbe Traum, aus dem es kein Entrinnen gab.
Seit wenigen Wochen war etwas anders. Die Hand gehörte zu einem Gesicht, einem realen Menschen, der aber noch keinen Namen hatte. Das Gefühl des Abstandes und der Sicherheit stellte sich nicht mehr ein. Er hörte einen Schrei, dem ein Stöhnen folgte. Die Geräusche drangen tief und unkontrolliert aus seiner Kehle. Er riss die Augen auf und durchdrang die schweflige Dämmerung, durch die mittlerweile, vom See angezogen, in schneller Abfolge die Blitze zuckten. Das Gesicht, das auf seine Netzhäute gebrannt war, schälte sich schemenhaft in den vorbeiziehenden Wolkenfetzen heraus. Frieder schaffte es nicht, die Gedanken in den Winkel seines Gehirns zu verbannen, der zumindest zeitweise Ruhe gab. Er wusste, wenn ihm dies nicht gelang, würde er wieder Stunden schluchzend vor dem Fenster sitzen, in der Angst vom Schlaf übermannt zu werden. Der Schweiß überzog seinen Körper, wie einen Wasserfilm und rührte nicht von der schwülwarmen Witterung. Die unerklärliche Angst presste die Flüssigkeit durch die Poren.
Gott sei Dank unterbrach das dezente Summen der Signalanlage die dunklen Gedanken. Er berührte den Sensor für die Gegensprechanlage auf dem Paneel, links neben dem Schreibtisch.
„Gott zum Gruß“, erklang Irenes fröhliche Altstimme.
Kopfschüttelnd betätigte er den Türöffner. Schwerfällig tauchte sein Verstand in die unmittelbare Gegenwart. Welcher Teufel ritt diese Frau wieder? Sie hatte mit allem etwas zu tun, aber auf keinen Fall mit Gott. Wenige Augenblicke später stürmte der Wirbelwind in den Raum.
„Hast du getrunken?“, fragte Frieder zur Begrüßung und musterte die junge Frau. Nicht größer, als ein Mülleimer, schoss ihm durch den Kopf. Na, ja… ein wenig doch.
Irene Förster maß stolze einhundert achtundfünfzig Zentimeter. Doch diese waren kompakt. Stämmige braune Waden und Schenkel trugen den kurvigen ebenso kräftigen Körper. Ihre graugrünen Augen fixierten ihn ernst, entspannten sich jedoch sofort.
„Eine Begrüßung…“, sie ließ den begonnenen Satz in der Luft hängen und das interessante Gesicht strahlte mit entwaffnendem Charme. Er sah nicht die Beunruhigung hinter der optimistischen Fassade, nachdem sie ihn einer eingehenden Musterung unterzogen hatte.
„Wie siehst du überhaupt aus?“ Frieder schmunzelte. Irene hielt nichts von Konventionen.
Die schmuddelige enge Shorts, das angegammelte Shirt und verschwitzte Gesicht unter braunen Strähnen, die Haare genannt wurden, passten nicht zu einer dreißigjährigen Diplom Ingenieurin.
„Kann ich ein Bier haben?“, sie ging nicht auf ihn ein.
Frieder nickte zur Küche.
„Da kommt gleich was runter. Ich hab‘ es gerade noch geschafft.“, Irene nickte zum Fenster, während sie ihm ein Stubbi reichte. Die Blitze zuckten in den See, während der Donner noch ein leichtes Grummeln war. „Du hattest wieder einen deiner Anfälle?“, stellte sie fragend fest und suchte in dem schweren Ledersessel eine bequeme Stellung, dabei seinen Blick vermeidend, weil er sich sonst sofort in sich selbst zurückzog.
„Anfälle? Ein kleiner depressiver Schub. Mehr nicht.“ Frieder bagatellisierte wie immer seinen Anfall von Schwermut. Sie tat schon so viel für ihn und er wollte sie nicht zusätzlich belasten. Doch, wie er sie kannte, würde sie keine Ruhe geben.
„Wer’s glaubt? Am Wochenende habe ich Feldstein einen Besuch abgestattet.“ Irene sah unbeteiligt auf die schwankenden Baumwipfel.
„Du warst im Kloster?“ Frieder rollte wütend vor den Sessel, so dass sie die Füße blitzschnell auf die Sitzfläche ziehen musste. Die Schuhe hinterließen eine Staubspur.
„Ja“, sagte sie gedehnt und ruckelte unbehaglich. „Ich wollte mir endlich ein Bild machen.“
„Wir haben eine Abmachung.“ Frieders Augen blitzten zornig.
„Ich weiß. Ich war in Kall… und da habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt.“
„Was um Gottes Willen hast du in Kall zu tun?“
„Gummimatten für den Pferdestall. Die sind dort am Günstigsten.“
„Ja und?“
„Mensch Frieder. Ich habe mir lediglich eines der bedeutendsten Baudenkmäler unseres Landes angesehen.“ Irene zog einen beleidigten Flunsch, wobei ihre wachen Augen jede Regung ihres Gegenübers aufnahmen. Sie kannte ihn seit dem Studium an der RWTH Aachen und wusste auch, dass er sie liebte. Wenn sie sich einen Bruder backen könnte, sollte er so sein wie Frieder. Ihre Freundschaft zu Frieder war bedingungslos. Häufiger erwischte sie sich bei dem Gedanken, ob die vergangenen Jahre mehr daraus wachsen ließen, als sie zulassen wollte. Ihre Beziehung zueinander war weder einzigartig noch ungewöhnlich. Eine Freundschaft zwischen Frau und Mann, wenn da nicht seine Gefühle für sie wären.
„Du hast recht“, er bewegte den Stuhl zum Fenster und wandte ihr den Rücken zu. „Ich muss mich endlich wieder aufraffen. Ich habe Angst vor der Vergangenheit.“
„Ich weiß“, sie trat hinter ihn und gab ihrem Impuls nach und legte die Hände auf seine Schultern. Berührungen vermieden sie. Zum Geburtstag eine kurze Umarmung war das höchste von Gefühlsdarstellung.
„Claudia? Wir haben einen Einsatz.“ Heinz Bauer stürmte ins Büro.
„Wo?“ Claudia Plum schlürfte ihren Kaffee und sah mit übernächtigten Augen hoch.
Sie versahen seit sechs Uhr den dienstplanmäßigen Bereitschaftsdienst.
„Auf dem Katschhof. Ich hab‘ das Durcheinander nicht so richtig verstanden. Ein Priester und noch etwas mit Stimmen.“ Heinz hob die Schultern, zum Zeichen, dass er nichts anderes erwartet habe.
„Sind wir im Hyde Park? Dort werden immer Reden geschwungen. Was sollen wir dort? Wir sind die Mordkommission“, meinte Claudia lustlos.
„Stimmen… nicht reden. Die Kollegen sind alle im Einsatz. Los komm.“ Heinz versuchte seiner Chefin Beine zu machen. Sie war, wie immer, elegant gekleidet. Ein moosgrünes Kostüm mit knielangem Rock. Dazu eine dezente, leicht rosa angehauchte Bluse. Anfang dreißig und knappe einhundert siebzig Zentimeter groß. Alles in allem, eine attraktive Frau. In den ländlichen Gebieten ihres Einsatzbereiches wirkte sie häufig deplatziert. Doch ihr scharfer Verstand machte den äußerlichen Eindruck vergessen.
Claudia leitete nun etwas mehr als ein Jahr die Mordkommission in Aachen. Sie schneite aus heiterem Himmel in die Behörde. Ermittlungserfolge in Düsseldorf beschleunigten ihre Beförderungen. Eine adäquate Planstelle musste her. Sie übernahm die vakante Leitung der Mordkommission, als junge Hauptkommissarin.
Die ausgetreten, bequemen Sportschuhe passten nicht zur übrigen Erscheinung. Unter den halblangen brünetten Haaren musterten Heinz graue Augen.
„Dann wollen wir mal“, ihre vollen Lippen verzogen sich missmutig. Sie sah zur Uhr. „Noch eine Stunde“, sie seufzte, „und wir wären aus dem Schneider. Scheiß soziale Ader. Ich musste uns ja auf den Dienstplan setzen lassen. Was bin ich blöd.“
„Was willst du überhaupt? Der Ausflug in die Stadt ist allemal besser, als im Büro zu hocken. Wir haben tolles Wetter. Morgenstund‘ hat Gold im Mund.“
„Du und deine albernen Sprüche.“
„Mensch Claudia. Wir sollen mit einem Priester reden, wenn ich den Auftrag richtig verstanden habe. Das ist doch kein Aufstand.“
„Ich hab‘ letzte Nacht schlecht geschlafen und brauch‘ noch ein paar Minuten. Und dann…“, sie brach ab und erhob sich. Erst einmal war sie am gestrigen Abend mit Kurt in ein Rotweinfass gefallen und was sollte sie Heinz zu der unguten Ahnung erzählen, die sie überfiel, als er ins Büro kam. Ihre Kollegen hielten sie sowieso schon für bekloppt. Alles in ihr sträubte sich gegen diesen Einsatz. Sie vertrug keinen Rotwein. Jetzt wummerten die Schläfen und das Gehirn stieß bei jeder Bewegung gegen die Schädeldecke. Die Augen fokussierten verschwommen die Umgebung. „Eine Augenblick.“ Sie machte sich an der Schreibtischschublade zu schaffen, bis sie ein Aspirin fand. Mit einem Schluck aus der Wasserflasche würgte sie Tablette hinunter.
*
„Lass‘ mich am Markt raus. Wir sehen uns dann gleich auf dem Katschhof“, sagte Claudia wenige Minuten später im Auto und verbarg ihre Augen und einen Teil des Gesichts hinter einer Sonnenbrille.
Heinz nickte zustimmend.
Sie lief am Postwagen vorbei, auf den Katschhof. Die Luft war bewegungslos und abgestanden. Sie brachte nicht die erwünschte Erfrischung für ihren Zustand. Eigentlich ungerecht dachte sie. Kurt hatte mindestens zwei Flaschen und den Rest aus ihrer getrunken. Und sie konnte wetten, er hatte heute Morgen keine Probleme. Als sie gegen fünf Uhr los fuhr, schlief er noch. Aber er hatte nie Schwierigkeiten nach Alkoholgenuss. Rechts lagen das Rathaus und links der Dom. Claudia hielt kurz inne und nahm die Atmosphäre auf. Sie hob die große Sonnenbrille auf die Stirn. Sofort explodierten tausende kleine Lichtpartikel in ihrem Gehirn und erinnerten an die abendliche Eskapade. Es dauerte einen Augenblick, bis sie sich wieder fasste. Fast in der Mitte des Platzes drängte der Menschenauflauf um einen kreisförmigen freien Ausschnitt des Platzes. An dieser erhöhten Stelle schweifte ihr Blick ungehindert über den rechteckigen Hof. Er maß ungefähr vierzig Meter in der Breite und einhundert Meter in der Länge. Die heutige Fassung des Katschhofs entsprach sehr genau dem lang gezogenen Rechteck der inneren Pfalzanlage Karls des Großen. Kaum vorstellbar, dass einer der größten Despoten der Weltgeschichte über das Pflaster gewandelt war. Sie schob den Gedanken in den Hintergrund, denn dort kniete tatsächlich ein Mann in Priesterkleidung. Die ungute Anwandlung von vorhin überfiel sie wieder. Magensäure stieg durch die Speiseröhre in den Mund und hinterließ einen ätzenden, sauren Geschmack. Sie musste ein Glas Wasser haben.
Claudia schüttelte die Übelkeit ab und drückte die Schaulustigen beiseite. Dabei hielt sie zwanghaft den Mund geschlossen. Allein ihr Atem hätte den Weg frei gemacht. Sie sah auf den knienden Priester. Er erinnerte an die lebenden Skulpturen, die sie in Berlin und Stuttgart in den Einkaufsmeilen bewundert hatte. Ein Lächeln zuck*-
über ihre Lippen. Die erste Begegnung mit den statuenhaften Künstlern hatte während eines Urlaubes in Polen an der Ostsee auf der Strandpromenade von Kolobrzeg oder Kolberg, wie die Stadt auf Deutsch hieß. Cäsar, der römische Kaiser stand auf seinem Sockel und sah auf die Ostsee. Sein weißes Gewand leuchtete schon weitem. An seinem Fuß stand ein Blechbehälter. Ihr Vater gab ihr zwei Sloty, die sie dort hinein legte. In diesem Augenblick senkte der Kaiser den Palmwedel, den er in der Hand hielt und strich ihr damit über den Kopf. Doch als sie den Kopf hob, stand die Figur bewegungslos. Sie machte sich fast in die Hose und noch heute sorgte die damalige Situation für Gelächter.
Sie winkte einen Polizisten heran.
„Plum, Mordkommission“, sagte sie kurz. „Sie haben uns angefordert?“
Er erklärte ihr die Situation.
„Lassen Sie den Platz sperren und schaffen die Menschen weg.“ Langsam umrundete Claudia die kniende Person. Aus den Augenwinkeln sah sie Heinz näher kommen.
Seine kleine Gestalt schrumpft auch immer mehr, dachte Claudia. Ihr Kollege war jetzt dreiundsechzig Jahre alt. Die Jeans schlotterte, trotz seiner korpulenten Figur, am knochig werdenden Körper. Doch seine drei Haare waren akkurat gelegt. In sein sympathisches Gesicht grub das Alter die ersten tiefen Furchen. Sie sah mit Bedauern seinem Ruhestand entgegen. Ob er wohl auch schon länger arbeiten musste? Sie sollte sich erkundigen, ob die Rente mit siebenundsechzig auch für Beamte galt. Blöde Gedanken… sie hatten den Priester dort knien.
„So etwas hab‘ ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen“, flüsterte Oberkommissar Heinz Bauer. „Die Schnur um den Hals. Falls er sich bewegt…“, er machte eine Bewegung mit der Handkante am Hals vorbei. Er trat einen Schritt zurück, als sie ihm den Kopf zuwandte. „Hast du gekotzt?“, fragte er mit angewidertem Gesicht.
„Rotwein. Gestern Abend.“ Sie bekam einen knallroten Kopf.
Heinz wühlte in seinen Hosentaschen und zog ein paar grün umwickelte Eukalyptusbonbons hervor, die er immer bei sich trug. „Hier und pass‘ auf, dass du niemandem zu nahe kommst.“
Sie steckte sich gleich ein Bonbon in den Mund und reichte ihrem Kollegen in Gedanken das Einwickelpapier. „Ich versuch‘ zu verstehen, weshalb er in dieser unbequemen Haltung verharrt. Soweit ich sehen kann, liegen die Hände locker über der Lehne… siehst du, dort wo normalerweise das Gesangbuch liegt. Das Seil allein zwingt ihn nicht in die unangenehme Stellung. Es stranguliert ihn nicht, wie du meinst.“ Claudia ging auf die Knie nieder und suchte den Boden ab. „Pater Anselm sagte der Kollege der Streife. Eine Lautsprecherstimme soll sie aufgehalten haben, näher an ihn heranzukommen.“ Claudia schüttelte verwundert den Kopf und stand, ohne die Hände zu gebrauchen, auf. Erstaunt sah sie hoch. „Die Tablette wirkt tatsächlich. Die Kopfschmerzen sind weg. Ich geh‘ jetzt zu dem Priester oder was immer er sein mag.“
„Warte“, Heinz hielt sie auf. „Wer weiß, womit er bestückt ist.“
„Daran hab‘ ich auch schon gedacht.“ Nachdenklich musterte sie die Umgebung. Auf ihrer Stirn erschien eine steile Falte. „Wir müssen uns ein Bild machen und können nicht abwarten, ob etwas geschieht. Ich muss diese Stimme hören. Außerdem scheinen die erste und zweite Hürde ungefährlich für den Priester zu sein. Ich geh‘ jetzt auf ihn zu.“
„Halt! Bleiben Sie bitte stehen.“
Obwohl Claudia damit rechnete, stockte ihr Schritt. Jetzt erst recht. Trotzig ging sie weiter. Der warnende Ton schrillte.
„Ich bitte Sie eindringlich. Bleiben Sie stehen. Pater Anselm wird sterben, falls Sie weitergehen.“
„Komm zurück, Claudia. Mach‘ keinen Unsinn. Hier ist mir zu viel technischer Schnickschnack.“ Heinz zeigte auf die Webcams und mindestens drei Bewegungsmelder, die er ausgemacht hatte. „Ich hab‘ keine Lust deine Einzelteile aufzusammeln. Der Pater antwortet nicht auf die Fragen der Kollegen.“
„Ja. Ich hab‘ es schon gehört.“ Claudia nahm die Sonnenbrille ab und versuchte Blickkontakt mit dem Gefesselten aufzunehmen. Unmöglich. Die Augen vor ihr fixierten starr die Kuppel des Oktogons. Der Mund bewegte sich, ohne, dass ein Ton herüber drang. Sie versuchte von den Lippen zu lesen. „Der betet in einer Tour den Rosenkranz“, stellte sie staunend fest. „Eine Art Meditation. Der bekommt von uns nichts mit. So etwas hab‘ ich noch nicht erlebt. Lass‘ die Spezialisten kommen.“
Heinz Telefon klebte schon an der Backe.
Ratlos kreisten Claudias Gedanken. Sie konnte unmöglich die Warnungen der installierten Technik ignorieren. Möglicherweise war das Leben des Mannes in Gefahr. Wenn es nur das Seil war, bestand keine akute Lebensgefahr. Sie waren ausreichend vorbereitet, falls er umfiel. Doch heutzutage musste man mit allem rechnen. Sie hatte keine Vorstellung. Alles war möglich.
Zog dieser Mensch eine Schau ab?
Oder ein perverses Schwein, das den Priester zur Schau stellte?
Am Rande nahm sie die Blicke der Zuschauer wahr, die in den Fenstern des Rathauses hingen. Hatte deren Dienst schon begonnen? Vielleicht Gleitzeit.
Sie wusste, dass die Maschinerie angelaufen war und Kollegen die Mitarbeiter der Stadt sowie die Bewohner der umliegenden Häuser befragten.
„Pater Anselm. Mein Name ist Claudia Plum. Ich bin Kriminalbeamtin und möchte mit ihnen sprechen“, rief sie dem, in scheinbarer Andacht versunkenen, Mann zu.
Die Augen lösten sich kurz von der Kuppel und die Lippen stockten. Nur einen Augenblick. Nichts sonst zeigte, dass er sie gehört hatte. Also doch auf dieser Welt, dachte sie. Mehr und mehr befürchtete sie, dass dieser Mann sie narren wollte.
Weitere Streifenwagen trafen ein. Die Beamten stellten Gitter vor die rot weißen Absperrbänder und die anwachsende Menschenmenge.
„Lasst die Kuppel untersuchen. Dort, wo er hinschaut. Ja und… die übrigen Dächer auch“, beauftragte sie einen Kollegen. Unvorstellbar, wenn dort jemand mit einem Gewehr postiert war.
„Pater Anselm. Verstehen Sie mich überhaupt? Sagen Sie etwas.“ Claudia versuchte erneut Kontakt aufzunehmen. Die Litanei, die lautlos über seine Lippen kam, unterbrach nicht.
Verdammter Mist. Sie musste irgendwie dorthin gelangen, um dem armen Mann zu helfen. Wann kamen endlich die verdammten Spezialisten und untersuchten den Ort nach Sprengstoff?
Heinz telefonierte noch. Ihr Blick folgte den Sonnenstrahlen die zögerlich zur Mitte des Platzes vordrangen und den Priester einfingen. Ein laues Lüftchen strich vom Markt herunter und trug den Duft der Kräuter des Karlsgartens zu ihr. Unwillkürlich versuchte der Geruchssinn zu unterscheiden.
„Wir sind im Netz“, unterbrach Heinz lapidar den Gedankengang und steckte das Handy weg. „Die Zentrale hat Maria aus dem Bett geholt. Sie hat eine Webseite gefunden, auf der alles hier aufgezeichnet wird.“ Er machte eine Armbewegung, die den Katschhof umfasste. „Die Medien sind auch schon da“, er wies über ihre Schulter. Eine Kamera des WDR zeichnete jede ihrer Bewegungen auf und die Vertreter der schreibenden Zunft versuchten die Absperrung zu überwinden. „Maria benachrichtigt die Spezialisten.“ Oberkommissarin Maria Römer arbeitete ihnen, in der Regel, im Polizeipräsidium zu. Die ausgewiesene PC-Spezialistin ergänzte ihr Team. Maria hatte Normaldienst, der in ungefähr einer Stunde begann. Claudia machte sich eine Gedankennotiz. Wer war so clever und hatte die Kollegin gerufen?
„Du spinnst. Wieder einer deiner verrückten Einfälle.“ Sie grinste belustigt.
Heinz schüttelte mit ernstem Gesicht den Kopf.
„Im Netz? Ich werde verrückt. Was für ein Irrsinn…?“ Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück, als ob eine ansteckende Krankheit hatte. Unwillkürlich suchte ihr Blick die Kameras.
„Ein kleiner Hinweis“, flüsterte Heinz verschwörerisch. „Der Ton wird auch übertragen.“
„Wir werden über die Scheißdinger gefilmt und abgehört?“ Sie verlor die Kontrolle und nickte ungläubig zu den Webcams. „Stell‘ die… die“, sie stotterte und brach ab. „Ich glaub‘ es nicht.“ Claudia erlangte schnell die Fassung wieder. Ihre Augen wurden hart. Sie ignorierte den prickelnden Gänseschauer zwischen den Schulterblättern. Unvorstellbar. Aber das war der Priester vor ihr auch. „Können wir das irgendwie abstellen? Pervers, absolut pervers.“
„Wir müssen abwarten.“ Heinz flüsterte weiter. „Es kann nicht mehr lange dauern bis das LKA hier ist.“
„Was geschieht hier?“ Sie fragte ebenso leise zurück.
Heinz hob die Schultern.
Sie riss sich und zusammen. „Haben wir schon etwas über diesen Pater Anselm?“ Claudia nickte zu dem Mann im Priestergewand. Sie schätzte ihn auf Anfang, Mitte Sechzig. Dunkles kurzes Haar ergraute leicht an den Schläfen. Das Gesicht asketisch, fast mager. Im Gegensatz zur kräftigen Figur. Über eins neunzig.
„Maria ist dran und besorgt uns, was sie bekommt“, antwortete Heinz.
Die Hoffnung auf einen Scherz oder Werbegag zerplatzte wie eine Seifenblase.
Die Sonne schien jetzt in den Hof. Unbeeindruckt pickten die Tauben auf dem Boden.
*
Der Mann beobachtete die junge Frau mit dem missmutigen Gesicht. Eine steile Falte querte über der Nase ihre Stirn. Sie trug ein grünes Kostüm, das die sportliche Figur betonte. Braunes, leicht lockiges Haar krollte in die Stirn und fiel bis auf die Schultern hinab.
Plum und von der Mordkommission hatte sie sich dem Polizeibeamten vorgestellt. Graugrüne Augen sahen mehr belustigt, als verwundert auf den knienden Priester.
Eine anziehende, fast schöne Frau, dachte er. Der Ausdruck ihres Gesichts wechselte ständig und ließ die Emotionen ablesen. Empfindsam und doch strebsam, ging ihm durch den Kopf. Sie sah müde aus. Irgendwie verkatert. Oder musste sie den Nachtdienst überziehen? Hatte sie vielleicht Kinder, die sie über Nacht in Trab hielte? Erst einmal abwarten. Er hatte Zeit genug. Sie schien die geeignete Person für die vielen Zuschauer, die er erwartete. In einer Stunde würde er mehr wissen.
Er sah aus dem Fenster des Zimmers auf den Elisengarten. Langsam erwachte die Stadt. Eilig strebten die Menschen, wahrscheinlich, ihrem Arbeitsplatz zu. Vom gleichen Fenster sah er auf den Münsterplatz und den Dom. Dahinter lag der Katschhof. Dafür hatte der Mann im Moment keine Zeit. Auf dem kleinen Schreibtischecke warteten zwei betriebsbereite Notebooks. Der linke zeigte den Katschhof. Hier hatte er die Möglichkeit, mit Holgers Programm, die einzelnen Kamerapositionen zu schalten. Irenes Idee, zusätzliche Webcams anzubringen war gut. Falls ein findiger Kopf, aufgrund der Aufnahmen, herausfand, dass er vorhandene Aufnahmegeräte nutzte, konnte die Aktion schief laufen.
Auf dem rechten Computer loggte er gerade bei der NRW Polizei ein und rief die Daten für Plum auf. Kurze Zeit später las er die Vita der Hauptkommissarin.
Zweiunddreißig Jahre. So alt, wie er und schon Leiterin der Mordkommission. Sie musste gut sein. In Würselen geboren. Damals wohnhaft in Geilenkirchen. In Düsseldorf Schule und Gymnasium. Polizeiakademie in Münster. Abschlüsse sehr gut. Was bewog eine derart intelligente Frau, Mord und Totschlag zu ihrem Job zu machen? Jetzt wieder wohnhaft in Geilenkirchen. Nicht verheiratet und nicht geschieden. Keine Kinder. An ihre dienstlichen Beurteilungen kam er nicht heran – fehlende Berechtigung. Er hätte Holger darauf hinweisen müssen, dass das unter Umständen von Bedeutung war. Jetzt konnte er auch nichts mehr ändern.
Er musste sie also kommen lassen. Während der Planung war die Polizei ein Randthema. Mit den möglichen Leitungsfunktionen der Aachener Polizei für diesen Einsatz hatte er sich nicht auseinandergesetzt. Er überlegte: Im weitesten Sinne hatte er eine Entführung eingeleitet, indem er Huber machtlos auf dem Katschhof zurückließ. Quatsch, sagte er sich. Dann müsste das LKA oder gar das BKA die Leitung des Einsatzes übernehmen. Für diese dummen Gedanken war es zu spät. Er musste flexibel bleiben. Nein. Das war keine Entführung. Alles minutiös geplant und dann ein solches Risiko. Aber, er saß am längeren Hebel und die Polizistin war jederzeit austauschbar. Aber nein, dachte er, weshalb? Intelligenz und Emotion – die richtige Mischung für sein Vorhaben. Wahrscheinlich musste er sich auf Psychologen einstellen und auf wer weiß wen. Jeder andere hätte seinen Plan besser in die Tat umgesetzt. Jetzt war e zu spät.
Mit Abscheu zoomte er die Geisel näher. Was mache ich mit dem Schwein, wenn mein Plan nicht gelingt? Umbringen, signalisierte sein dunkles Ich, und schön langsam. Er schüttelte den Kopf. Dazu würde er nicht in der Lage sein. Oder doch?
Er fuhr mit der Maus auf das Fenster mit der Polizistin Plum. Diese Frau würde ihn den heutigen Tag begleiten. Er legte sich fest.
*
„Pater Anselm“, Claudia winkte, schimpfte, hüpfte oder stand einfach still vor der scheinbaren Geisel, im ungefähren Abstand der Entfernung, die das erste Warnsignal auslöste. Den Hinweis von Heinz auf die Übertragung im weltweiten Netz verdrängte sie. „Hören Sie, guter Mann. Ich kann Ihnen wahrscheinlich helfen, wenn Sie mitmachen. Ihr Schweigen bringt doch nichts.“ Sie unternahm einen neuen Versuch.
Stoisch verharrte der Priester in seiner Stellung. Mehrfach richtete er zwar seinen Blick auf sie und zweimal drehte er den Kopf. Hinter dem Glitzern seiner merkwürdigen Augen, nahm sie Trotz wahr.
Weshalb war der Mann so störrisch? Der dunkle Pullover, den er trug, wies keinerlei Ausbuchtungen auf, die davon zeugen konnten, dass er eine Sprengladung trug. Das Oktogon, Dom und Rathaus sowie die umliegenden Dächer waren frei von Heckenschützen. Wer oder was veranlasste ihn zum Schweigen?
Ein merkwürdiger Mensch, der sofort in die Schublade ‚unsympathisch‘ gesteckt wurde. Sie musterte ihn. Er wirkte weder ängstlich noch verstört. Er kniete lediglich stoisch in seiner Haltung und die Lippen bewegten sich unaufhörlich – wie sie jetzt wusste – im Gebet. Sie hatte irgendwann gelesen, dass dieser Trick in vielen Religionen angewandt wurde, um äußere Einflüsse auszuschließen. Eine Art von Selbsthypnose, um die vielen Bußen die den Gläubigen und Dienern des Glaubens auferlegt wurden, unbeschadet zu überstehen. Oder, um vielleicht den zeitlichen Faktor auszuschließen. Wenn sie früher auf den Bus wartete, hatte sie immer die Sekunden gezählt. Bei dreihundert waren die fünf Minuten voll. Die Zeit verkürzte sich. Der Priester strahlte Unnahbarkeit aus, die fast körperlich spürbar war. Arrogant, dachte sie. Dem möchte ich nicht im Dunkeln begegnen. Schluss, schalt sie sich. Welch blöde Gedanken? Wenn nicht alles täuschte, war der Geistliche eine Geisel. Antipathie oder Sympathie spielten keine Rolle.
„Wird Ihr Leben bedroht?“ Sie konzentrierte sich wieder auf ihre Aufgabe.
Seine Augenlider flatterten.
„Ihr Leben ist in Gefahr“, stellte Claudia fest.
Der Priester kniff die Augen zusammen, ohne dass sein Gesichtsausdruck eine Veränderung zeigte.
Also bestand Lebensgefahr. „Einer oder mehrere?“
Die Augenlieder flatterten.
„Einer?“ Klar, wie sollte er ihren Fragen antworten.
Die Augenlider flatterten.
„Also mehrere“, stellte Claudia fest.
Die Augenlider flatterten.
„Sie dürfen mir keine Informationen geben?“
Die Augen kniffen zusammen und musterten sie danach spöttisch.
Ihr lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Sie musste die Kontrolle behalten und durfte die aufkommenden Emotionen nicht zulassen. Der Mann stieß sie ab, obwohl sie noch kein Wort gewechselt hatten. Ihre emphatischen Sensoren sprangen an und signalisierten Abneigung.
Der kniende Priester legte nicht das Verhalten eines Opfers an den Tag. Klar, da war eine gewisse Anspannung, die sie jedoch mehr als Wachsamkeit diagnostizierte. Keine Angst. Im Gegenteil.
Was mochte der Urheber dieses Aktes bezwecken?
Unbehaglich spürte Claudia die Cams. Fast körperlich wurden ihr die Blicke von wer weiß wie vielen Zuschauern bewusst. Einen Moment stand sie hilflos herum, während sie abwog, inwieweit weitere Fragen das Opfer bedrohten. Die Informationen, die zurzeit zur Verfügung standen, reichten nicht für weitere Fragen, ohne zu riskieren, dass das Leben des Paters in möglicherweise akute Gefahr geriet.
Die Übelkeit von vorhin drängte wieder in ihre Speiseröhre. Hoffentlich musste sie nicht vor einem Millionenpublikum kotzen. Millionen? Claudias Gedanken stockten und nahmen langsam die tatsächliche Situation auf. Mit Macht unterdrückte sie den Ansatz von Panik, der sie zu überwältigen drohte.
*
Maria Römer beobachtete gebannt Claudias verlorene Gestalt auf dem Monitor. Ihre Chefin sah übernächtigt und verletzlich aus, dabei unglaublich jung. In ihrem Gesicht spiegelten die widerstreitenden Gefühle, die sie empfand und auch etwas, wie Angst. Maria rückte ihre Augen näher vor den Monitor. Die Cams setzten Claudia gut in Szene. Die Übertragung war von hervorragender Qualität. Wer immer für die Technik verantwortlich zeichnete, verstand etwas davon. Da war tatsächlich, ganz hinten in den Augen, Furcht.
Das bildest du dir ein, sagte Maria ihren Gedanken. In der zwar kurzen, jedoch sehr intensiven Zeit, während ihres gemeinsamen Dienstes, hatte sie ähnliches nie bemerkt. Claudia war ein Kopfmensch mit zwar intuitiven Gedanken, jedoch nie ängstlich oder gefühlsbetont. Während eines Einsatzes konnten sie blind auf diese Frau vertrauen.
Jedoch, tatsächlich. Die Kameras holten die Gefühle gnadenlos aus dem Spiel der Muskeln Ihres Gesichts. Claudia fürchtete sich. Zumindest befand sie sich in einem Zwiespalt.
Vielleicht schlecht geschlafen, dachte Maria.
„Ihr Leben ist in Gefahr“, stellte Claudia gerade auf dem Bildschirm fest.
Damit erinnerte sie Maria wieder an ihre Aufgabe.
Oberkommissarin Maria Römer zählte neunundvierzig Lenze. Ihre frauliche Figur maß einhundert zweiundsechzig Zentimeter. Sie hatte ihre blonde Phase. In regelmäßigen Abständen wechselte die Haarfarbe und Frisur. Zurzeit umrahmte die streng frisierte Dauerwelle, das ein wenig überschminkte Gesicht. Ebenso auffällig wie die Person, war ihre Kleidung. Der enge, zwei Fingerbreit über dem Knie endender, Rock, spannte über den fülligen Hüften. Die Knöpfe der auffällig gelben Bluse wurden von ihrem Vorbau unter Spannung gehalten. Maria war eine Frohnatur und stets in irgendwelche Affären verstrickt. Sie beherrschte wie kaum eine zweite, das Medium PC.
Kurz nach sechs erhielt sie den Anruf von der Einsatzzentrale. Zehn Minuten später war sie im Büro.
Maria hatte in der lauen Nacht kaum geschlafen und war schon um fünf Uhr auf den Beinen. Senile Bettflucht, fluchte sie. Dabei war klar, dass ihre jetzige Affäre die Hormone wie bei einer Achtzehnjährigen durcheinander wirbelten. Armin war zehn Jahre jünger und ihr war klar, dass sie ihn wahrscheinlich nicht auf Dauer halten konnte. Die biologische Uhr war gnadenlos und zeigte irgendwann den Altersunterschied auf.
Claudia und Heinz waren schon unterwegs, als sie im Präsidium eintraf. Ihre Nachfrage bei der Bereitschaft brachte kein Ergebnis. Ein Priester und Stimmen… sagte ihr nichts. Also normaler Morgendienst mit einem Spinner.
Maria schaltete, wie immer, den PC ein, um auf Facebook die neuesten Personenstatusmeldungen ihres Bekanntenkreises zu erfahren. Dabei rauchte sie, trotz des Rauchverbots, eine Zigarette und genoss den Kaffee.
Danach kam der Zeitpunkt, an dem sie sich langsam den dienstlichen Belangen und der elektronischen Post zu widmete.
Der Betreff einer Mail stach ihr sofort ins Auge ‚ Ein Maximum an Recht bedeutet sehr viel Unrecht‘. Noch so ein Spinner, dachte sie und öffnete die Nachricht neugierig.
Ein Link.
Auf dem heimischen PC hätte sie die Nachricht sofort gelöscht. Bei allem PC Wissen blieb immer noch ein wenig Restangst im Hinterkopf, ein Virus könnte ihre Dateien löschen. Nicht auszudenken, wenn die ganzen Kontakte in den Communitys verloren gingen? Undenkbar. Doch hier ließ die Firewall nichts durch, was dem System schaden konnte und sie war nicht persönlich betroffen.
Ein Klick, zwei Sekunden schwarzer Bildschirm und schon sah und hörte sie ihre Chefin „Pater Anselm. Sagen Sie doch etwas.“ Wahnsinn. Claudia stand im Zentrum der Szene und etwas abseits kniete ein Priester. Heinz Augen suchten unruhig den Platz ab und er hatte das Handy an der Backe.
Im gleichen Augenblick signalisierte die Telefonanlage ein eingehendes Gespräch. Sie drückte den Knopf für Freisprechen, ohne den Blick vom Monitor zu nehmen.
„Maria?“ Heinz Bauers Stimme drang fragend an ihr Ohr.
„Wer denn sonst“, sagte sie aufgeregt. „Was ist los bei euch?“
„Was soll los sein. Irgendein Spinner hält einen Pater in seiner Gewalt und wir kommen nicht das Opfer heran.“
„Ist das der Typ, der links von dir kniet?“ Sie unterbrach ihn.
„Wo bist du?“ Maria sah auf dem Bildschirm, wie er sie suchte. „Wir brauchen dich an und für sich im Präsidium. Aber… wenn du hier bist, kann ich auch nichts machen.“
„Ich bin im Präsidium und sehe dich genau.“ Maria unterbrach ihn.
Heinz Gestalt versteifte. „Sag bloß…“
„Genau. Ihr seid im Netz. Ich bin vor wenigen Minuten darauf gestoßen. Eine Mail mit einem Link. Auf jeden Fall kann ich euch sehen und hören.“
„Scheiße. Maria lass‘ die Maschinerie anlaufen. Kidnapping. Oder besser noch, unterrichte den Polizeipräsidenten und die Staatsanwaltschaft. Dann sind wir auf der sicheren Seite. Ich hab‘ ein komisches Gefühl.“
„Du und deine Ahnungen. Claudia färbt schon auf dich ab.“ Maria graute vor den Ahnungen ihrer beider Kollegen. Sie war Realistin und stand mit beiden Beinen auf dem Boden. Obwohl sie zugeben musste, dass das Bauchgefühl ihnen häufig weitergeholfen hatte. „Jetzt Schluss. Ich habe einiges zu tun.“ Maria rief Google auf und gab ‚pater anselm‘ ein. Dreihunderteinunddreißigtausend Ergebnisse. Die ersten Seiten zeigten Informationen zu einem Pater Anselm Grün. Der hatte nichts mit dem Priester auf dem Bildschirm zu tun. Sie musste mehr Daten haben, sonst suchte sie sich zum Krüppel.
Andere Kollegen waren schon bei der Arbeit, wie sie auf dem Monitor sah. Vielleicht hatte Kollegin Backes etwas, die das Bistum kontaktieren sollte. Sie drückte die Kurzwahltaste.
„Gerti. Bist du schon weitergekommen?“
„Nein. Es ist zum Mäuse melken. Die geben keine Informationen zum Personal. Vor allem nicht am Telefon. Hinzu kommt, dass bei denen der Dienst noch nicht begonnen hat.“
„Ruf‘ die Fahrbereitschaft und fahr‘ selbst dorthin. Mach‘ irgendeinem Priester Dampf unterm Hintern. Vorsorglich besorge ich beim Staatsanwalt einen Durchsuchungsbefehl.“ Kaum hatte sie das Gespräch beendet, rief sie den Polizeipräsidenten an.
„Römer hier, Herr Präsident.“
„Ich wollte mich gerade bei Ihnen melden. Schauen Sie ins Internet. Kollegin Plum und Kollege Bauer drehen während der Dienstzeit einen Film.“
Maria verdrehte die Augen. Der Typ war bekloppt, das wusste sie schon immer.
„Deshalb melde ich mich, Herr Präsident. Wir brauchen das LKA. Sie sehen keinen Krimi. Das ist echt.“
„Ich werde alles veranlassen.“
Maria nickte verwundert mit dem Kopf. Er schaltete schnell.
Während des Telefonats klopfte der nächste Teilnehmer an. Sie drückte den entsprechend Knopf auf der Anlage.
„Dengler.“
„Herr Staatsanwalt. Sagen Sie bloß, sie sind auch schon online am Tatort.“
„Genau. Was ist da los?“
Sie erstattete einen kurzen Bericht.
„Ich bin schon auf dem Weg“, er beendete das Gespräch.
„Schei…benkleister“, fluchte Maria. Er war so schnell weg, dass sie die Durchsuchungsanordnung für das Bistum nicht beantragen konnte. Sie klickte durch das Menü ihres PC bis das entsprechende Formblatt erschien. Schließlich gab es Intranet.
Maria zündete die zweite Zigarette des Morgens an, als das nächste Gespräch herein kam.
„Maria, was macht Claudia auf dem Katschhof?“ Kurt, der Lebensgefährte ihrer Chefin. Wie immer meldete er sich ohne Vorstellung.
„Kurt, ich habe jetzt keine Zeit.“ Sie würgte ihn ab.
Auf dem Display sah sie, dass er umgehend einen weiteren Versuch startete. Sie hob ab.
„Was ist los bei euch?“, er ließ ihr keine Zeit etwas zu sagen. „Das ganze Dorf hängt im Internet und beobachtet Claudia auf dem Katschhof. Habt ihr eine Übung?“
„Ganz kurz… hier ist der Teufel los und ich habe keine Zeit. Das ist keine Übung. Claudia ist im Einsatz. Jetzt lass‘ mich in Ruhe.“ Sie unterbrach das Gespräch.
Rechts unten auf dem Monitor blinkte die Anzeige, zum Anzeichen, dass Mails eingegangen waren. Zweiunddreißig in den letzten Minuten. Dann wollte sie mal.
Frieder Baumanns Geburt stand unter keinem guten Stern. Die kalte Januarnacht lag über dem Hof seiner Eltern nahe dem Eifeldorf Paustenbach als die Wehen einsetzten. Zum Krankenhaus nach Simmerath reichte die Zeit nicht mehr. Der Vater hatte schon genug Kälber zur Welt gebracht, um auch seine Geburt zu regeln. Als er die Nabelschnur abband, überlegte er kurz, ob er mit dem Kind nach draußen gehen sollte. Wenige Minuten hätten gereicht.
Frieder war der dritte Sohn und überflüssig.
Familie musste funktionieren.
Familie war der Erfolgsfaktor für den Bestand des Hofes.
Familie war unverzichtbar.
In die Familie gehörten zwei Söhne und beliebig viele Töchter. Der älteste Sohn, um den Hof zu übernehmen, der zweite zur Reserve, falls dem Älteren etwas zustieß. Die Bauern sahen das pragmatisch. Jeder weitere Sohn war Ballast auf den kargen Höfen und brachte Ärger.
Die Gesetzgeber hatten das Erbrecht geschaffen, das lediglich dazu diente, Jahrhunderte erprobte Erbfolgen und damit den Zusammenhalt des Landes zu zerstören.
Bei Mädchen war das kein Problem. Die wurden mit der Aussteuer abgefunden, die vertraglich so geregelt wurde, dass kein Anspruch geltend gemacht werden konnte. Der Pflichtteil wurde mit der Brautausstattung zu Lebenszeiten des Erblassers ausbezahlt.
Der zweite Sohn der Familie wurde als reine Arbeitskraft verschlissen und lebensunfähig gehalten, so dass er zu jeder Zeit auf die Zuwendung, egal welcher Art, des älteren Bruders angewiesen blieb.
Der dritte Sohn wurde, der alten Tradition folgend, der Kirche versprochen. Dazu musste zwar ein ordentlicher Batzen Geld auf den Tisch gelegt werden… doch das Land blieb zusammen. Frieder Baumann war das Schicksal eines dritten Sohns zugedacht.
Mit zehn Jahren wurde Frieder in das Internat des Klosters nach Kall – Feldstein abgeschoben.
Nach wenigen Wochen im Kloster dachte er nicht mehr an sein Leben vorher. Die neue Welt war voller Eindrücke, die fortan seine Entwicklung bestimmten.
Wie der Hof folgte auch das Kloster Regeln, die eine Jahrhundert alte Übung hatten. Je früher der Junge die Familie verließ, umso weniger Mühe hatten die neuen Betreuungspersonen den Willen zu brechen… das Gehirn zu leeren. Die Geheimdienste der Staaten arbeiteten heute noch auf der Basis kirchlichen Grundlagen. Ihre Mitarbeiter wurden nach den alten Methoden konditioniert.
Im Kloster folgte der Tagesablauf einer einfachen Struktur. Da waren zunächst die Stundengebete, die acht Mal in vierundzwanzig Stunden abgehalten werden mussten. Der Abstand zwischen den Gebeten waren die Horen.
Die erste Hore wurde Vigil genannt und fand zwischen Mitternacht und frühem Morgen statt.
Danach folgten Laudes gegen sechs Uhr am Morgen. Meist eine halbe Stunde lang. Das gleiche wieder zur Vesperzeit, als zentrales Abendgebet. Unmittelbar vor den Laudes wurde die Prim gebetet.
Gegen einundzwanzig Uhr schloss die letzte Hore den Tag mit dem Komplet.
Bei etwaigen Verfehlungen folgten nach dem Schlussgebet endlose weitere Gebete. Getreu dem Motto ‚ora et labora‘ wurde die verbleibende Zeit gearbeitet.
Irgendwann ging der Rhythmus bei jedem in Fleisch und Blut über. Das ausgeklügelte System von Lob und Tadel oder Belohnung und Bestrafung bestimmte das Verhalten, der auf engem Raum zusammen lebenden Menschen.
Frieder fügte sich problemlos in den Ablauf des Klosters ein. .
*
Die Trompete riss Claudia aus ihren Überlegungen. Drei Töne. Einen Augenblick Stille. Dann spielerische Klaviermusik. Ein klassisches Thema, das ihr jedoch unbekannt war. Nach einer halben Minute setzte ein wunderschöner Bariton ein:
Von der Pein, die ich empfunden, ist mein Antlitz abgeschwunden, Ungeduld macht die Gestalt mir vor meinem Jahren alt; denn ich muss von allen Seiten mit dem losen Haufen streiten, der mir antut Schmach und Spott und mich ädert auf den Tod.
Die Stille, die nach dem Lied eintrat, wirkte unwirklich in den beginnenden Sommervormittag.
Ein Choral. Er klang in Claudias Innerem nach und löste beklemmende Gefühle aus. Welch schwermütiger Text: ‚Von der Pein, die ich empfunden, ist mein Antlitz abgeschwunden‘. Wer hatte Pein erlitten? Pater Anselm? Wahrscheinlich nicht. Es musste der Entführer oder was immer er war, sein. Was geschah hier? Eine Geiselnahme wurde immer wahrscheinlicher. Wer inszenierte dieses Schauspiel? Welches perverse Gehirn steckte dahinter? Claudia fluchte, ob ihrer Ohnmacht. Die Gedanken musste sich jemand anders machen. Hoffentlich schalteten die Kollegen vor den Bildschirmen und analysierten den Choral.
„Guten Morgen“, die männliche Stimme schallte laut über den Platz und riss Claudia aus ihrer Versunkenheit. „Es ist acht Uhr. Sie haben zwölf Stunden Zeit, das Leben des Priester zu retten.“ Eine kleine Pause „Frau Plum, wenn ich richtig verstanden habe?“
Sie nickte. Ihr Blick hetzte wild durch das Umfeld und suchte nach dem Ursprung der Stimme. Die Lautsprecher waren noch immer nicht gefunden. Geistesabwesend drückte sie die Kapsel der Freisprecheinrichtung des Handys ins Ohr, schaltete das Handy ein und drückte die Kurzwahltaste ihrer Kollegin Maria. Prompt kam die Bestätigung, dass sie tatsächlich unter Beobachtung standen.
„Eine kluge Entscheidung. Sie werden alles Wissen von außerhalb benötigen. Dazu ein guter Rat: Sprechen Sie alles aus, sonst wird der Pater nicht überleben.“ Der Unbekannte klang leiser. Er hatte die Lautstärke gedimmt. Seine Stimme drang weich und angenehm, wenn auch durch die Übertragung ein wenig verzerrt, zu ihr. Die Stimmlage und das Timbre klangen bekannt. Er war der Sänger des Chorals.
„Sie sind für diese Show verantwortlich? Wer sind Sie?“ Claudia hatte keinen Plan. Die Stimme erwischte sie kalt. Dabei überkam sie fast etwas, wie Erleichterung. Eine Geiselnahme. Kein Spinner, der sie narren wollte. Und, das Wichtigste: Bei einer Entführung wurde ihr der Fall entzogen. Das LKA übernahm. Sie musste nicht auf der weltweiten öffentlichen Bühne agieren. Da kamen andere zum Zug.
„Uninteressant im Moment“, entgegnete die unbekannte Stimme.
„Sagen Sie mir, wer Sie sind? Was soll der Unsinn? Lassen Sie sofort den Menschen dort auf der Kirchenbank frei.“
„Dazu kommen wir später. Im Moment nicht.“ Die Stimme klang amüsiert.
„Was wollen Sie?“
„Vielleicht sage ich es Ihnen… oder auch nicht.“
„Vielleicht höre ich Ihnen zu … oder auch nicht.“ Claudia äffte ihn nach. Ein Irrer, der spielen wollte?
„Sie spielen mit dem Leben des Paters.“ Die Stimme wurde kalt.
Konnte der auch noch Gedanken lesen, dachte Claudia. Er hatte den Ball zurück geschoben. „Lassen Sie den Priester frei.“
„Alles zu seiner Zeit. Und… ob er frei kommt, liegt bei Ihnen.“
„Was wollen Sie überhaupt? Ich verstehe Sie nicht.“
„Frau Plum“, die Stimme wurde spöttisch. „Das ist eine Geiselnahme… eine Entführung. Haben Sie es kapiert?“ Er zog die Sätze gedehnt in die Länge. „Ich hatte genügend Zeit, Sie zu beobachten. Seit Sie hier auftauchten, habe ich alle Informationen zusammengetragen, die im Netz zur Verfügung standen. Sie werden als intelligent und sehr erfolgreich beschrieben. Wollen Sie Ihr Licht unter den Scheffel stellen?“
„Der Choral ist von Louis Bourgeois. Siebte Strophe. Mehr weiß ich noch nicht“, Marias Stimme sprach durch den Knopf im Ohr.
„Auf Ihre Einschätzung meiner Person kann ich verzichten. Außerdem mag ich kein überhebliches Geschwafel. Lassen Sie uns zum Kern kommen. Noch einmal: Was wollen Sie?“ Claudia spielte mit dem Gedanken, den Unbekannten zu reizen, wusste jedoch, dass sie vorsichtig sein musste. „Gut“, sagte sie, nachdem er schwieg, „lassen Sie mich dem Mann Erleichterung verschaffen. Der bringt sich ja um.“
„Sie wissen selbst, wie leidensfähig der Mensch ist. Bei dem… dem Wesen können Sie davon ausgehen, dass er durchhalten wird.“
