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Der brutale Überfall auf einen Unternehmer mit türkischen Wurzeln sorgt in der Bremer Überseestadt für einen nächtlichen Einsatz von Polizei und Notarzt. Als Polizeihauptkommissar Peters eintrifft und einem anonymen Hinweis nachgeht, wird klar, dass es um deutlich mehr geht. Erste Spuren führen die Ermittler in die organisierte Kriminalität im Hamburger Rotlichtmilieu und zu einem berühmt berüchtigten arabischen Clan im Bremer Raum, der für Waffen- und Drogenhandel bekannt ist und vor Schutzgelderpressungen nicht zurückschreckt. Doch der Fall zeigt sich verzwickter als Peters gedacht hat ...
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Irfan Atahan, 1979 geboren, ist als Sohn türkischer Gastarbeiter in Bremen geboren und aufgewachsen.
Im Rahmen seiner beruflichen Laufbahn bieten alltägliche, wenn auch wenige, Ereignisse Steilvorlagen für spannende Geschichten, wodurch mit diesem Roman sein Krimi-Debüt beginnt und der zweite Teil schon in Bearbeitung ist.
Unerwünschte Begegnungen
Nächtlicher Einsatz in der Überseestadt
Nächtliche Spurensuche
Das erfreuliche Geschenk
Aufgezwungene Partner
Zugriff
Die Durchsuchung
Futtern wie bei Muttern
Klinikum Bremen Mitte
Spurenauswertung
Unerwünschtes Wiedersehen
Das Clanmitglied
Nochmal von vorn
Smartphone sei Dank
Die erste heiße Spur
Das Kreuzverhör
Sauerkirschen auf der spur
Kirschkuchen
Unerwartete Begegnungen
Biomundo
Verdächtige Abfuhr
Trügerische Verschwiegenheit
In der Falle
In der Höhle der Löwen
Dünne Beweislage
Bella Italia
Peters’ Coup
Abschied
Sünden verjähren nicht
»Darf es noch etwas sein?«
Osman Yobaz stand der Schweiß auf der haarlosen Stirn. Der Mittfünfziger pulte mit dem Finger einen Rest Fleisch zwischen seinen Schneidezähnen hervor, wischte sich mit der zerknüllten Leinenserviette den Mund ab und ließ den Kellner trotz freundlich-zuvorkommender Art einige Momente lang im Ungewissen.
Erst als dessen Augen den stechenden Blick nicht mehr ertragen konnten und nervös durch das gut besuchte Bremer Edellokal an der Weserpromenade huschten, brach Osman in dröhnendes Gelächter aus.
Mehrere distinguierte Blicke erreichten ihn von den Nachbartischen, doch das kümmerte ihn nicht.
»Die Rechnung«, verlangte er und schnaubte. »Und bevor du fragst, ich war nicht zufrieden. Auf dem Steak war zu viel Salz, die Bohnen noch halb roh und was sollten diese pampigen Pommes?!«
»Das tut mir sehr leid, mein Herr«, versicherte der junge Kellner dienstbeflissen, der seinen Gästen zwischen Edelfisch und Kaviar selten Pommes servierte, und verneigte sich leicht. »Ich werde Ihnen die Rechnung sofort bringen und dem Koch von Ihrer Unzufriedenheit berichten.« Flink räumte er das Geschirr ab.
»Normalerweise müsstet ihr mir Geld geben, weil ich so was Versalzenes gegessen habe!«, schimpfte Osman.
Seine Begleitung und langjährige, etwas jüngere Lebensgefährtin Monika van Hijk legte ihre Hand auf seine.
»Bitte, Osman«, versuchte sie, ihn leise zu beruhigen, »es war nicht schlechter als sonst.« Ihr Blick huschte zum Kellner und eine zarte Röte auf ihren Wangen konkurrierte plötzlich mit dem Kupferton ihrer Haare. »Ich meine, ich war zufrieden – wie immer …«
Osman lachte abfällig, entzog ihr die Hand und fummelte aus der Sakkotasche ein buntes Tuch, mit dem er sich den Schweiß abwischte. Essen strengte ihn immer furchtbar an. »Dich zu befriedigen, fällt ja auch nicht schwer.«
Sichtlich gekränkt kauerte sich seine Begleitung tiefer in den Stuhl. Der mitleidige Blick des Kellners tat das Übrige und ließ ihre Augen feucht werden.
Osman kippte den Rest seines dritten Glas Weins wie Wasser herunter, knallte das leere Glas auf den Tisch und zückte seine beiden Smartphones. Statt seine Brille aufzusetzen, hielt er eines der Geräte, so lang es seine kurzen Arme zuließen, von sich und suchte mit steifem Finger im Telefonverzeichnis nach der Nummer des Cateringservice. Moderne Technik war ihm ein Gräuel.
Er schaltete auf Lautsprecher und noch bevor sein Gegenüber mehr als die übliche Begrüßungsfloskel loswerden konnte, brüllte Osman bereits seine Befehle hinsichtlich der anstehenden Verlobung seiner Tochter durch den Raum.
»Und diesmal erwarte ich einen reibungslosen Ablauf, haben Sie das verstanden?«, schloss er den Überfall zu später Stunde generalstabsmäßig ab und beendete das Gespräch durch kräftiges Tippen auf den roten Hörer.
***
Mit gewohnter Professionalität übersah der Kellner das schlechte Benehmen des wohlbeleibten und -betuchten Stammgastes, der ihm mindestens einmal die Woche gehörig auf den Nerven herumtrampelte, und brachte das Geschirr in die Küche.
Der Koch blickte ihm neugierig entgegen. »Na? Wie war’s heute?«
Er seufzte herzhaft und meinte lapidar: »Klaus, eine fette Rechnung für Tisch 7 - und einen neuen Gast bitte!«
***
Leicht schwankend hielt Osman auf seinen Geländewagen zu, der gleich vor der Tür zum Restaurant auf dem Behindertenparkplatz stand. Er griff in die Hosentasche und suchte nach dem Schlüssel.
Monika nahm ihn an sich, kaum dass er ihn aus der Tasche gezogen hatte.
»Den brauchst du doch nicht, du Sturkopf«, erinnerte sie ihn sanft, »es reicht doch, wenn du ihn bei dir hast. Keyless Go, schon vergessen?«
»Stimmt«, gab er ihr ausnahmsweise recht und öffnete schäbig lachend die Fahrertür. »Steig ein und rede nicht so viel. Ich will nach Hause.«
Monika zog ihn zurück. »Ich denke, wir sollten lieber zu Fuß gehen. Du hast vielleicht ein wenig zu viel getrunken und -«
»Steig mal ein und überlass mir das Denken, ja!?«, brüllte Osman und plumpste schwerfällig in den Fahrersitz.
Monika ging zögernd zur Beifahrertür. Sie hielt den Griff schon in der Hand, doch dann schüttelte sie selten entschlossen den Kopf mit dem kurzen Fransenschnitt und zog den modischen, moosgrünen Wollmantel enger um ihren zierlichen Körper.
»Nein, Osman. Ich gehe zu Fuß. Diese paar Meter.«
Ohne weiter auf ihn zu achten, drehte sie sich um und stöckelte in ihren hohen Stiefeln zur Promenade.
»Kommst du alte Hexe jetzt!«, verlangte er laut und zynisch - vergeblich.
Wütend zog er die Tür zu und versuchte den Wagen zu starten. Doch das klappte nicht. Monika hatte den Schlüssel und damit den Funkbereich, der notwendig war, um das Fahrzeug zu starten, bereits verlassen.
Eine Warnmeldung setzte Osman davon in Kenntnis, dass sich der Schlüssel außerhalb der Reichweite befindet und deshalb nicht starten kann.
Er schlug auf das Lenkrad und stieg wieder aus, knallte die Tür zu.
»Salak karı!«1, fluchte er, während er ihr hinterherstampfte. Was blieb ihm auch anderes übrig?
***
Osman war aufbrausend und oftmals auch verletzend, aber er war ihr gegenüber selten nachtragend. Monika wusste das, allerdings nicht, was sie immer noch bei ihm hielt.
Liebe? Gewohnheit? Angst vor der Einsamkeit? Sie waren schon so lange zusammen.
Oder war es schlichte Abhängigkeit? Von seinem Geld? Ihrem Job in seiner Firma?
Was sollte sie ohne ihn tun? Und, vor allem, wie und womit?
Sie seufzte und richtete ihren Blick über die Weser-Promenade der Bremer Überseestadt. Neubauten säumten die Uferkante. Kastenförmige, mehrstöckige Bürogebäude mit riesigen Glasfronten, gefolgt von modernen Wohngebäuden ähnlicher Bauart, deren horrende Miete sich ein normalverdienender Bremer niemals leisten könnte.
Leichter Schneefall hatte an diesem Dienstag im Dezember eingesetzt. Die Flocken glitzerten im Licht der Straßenbeleuchtung und spiegelten sich in den Scheiben der Häuser.
Es dauerte nicht lange und Osman schloss brummelnd, die Hände tief in die Taschen seines schwarzen Mantels gesteckt, zu ihr auf.
Gemeinsam ging das ungleiche Pärchen zwischen weihnachtlich beleuchteten Luxusimmobilien auf das eigene Heim zu. Eine Eigentumswohnung in einem fünfstöckigen Neubau mit bestem Blick auf die Weser.
Monika schloss die Haustür auf.
Osman drängte sich an ihr vorbei. »Geh mal zur Seite. Ich muss auf die Toilette.«
So schnell ihn seine überflüssigen Pfunde ließen, eilte er die zwei Stockwerke rauf.
Monika blickte ihm kopfschüttelnd hinterher und entschloss sich, den Fahrstuhl zu nehmen. Ein wenig Abstand zu Osman würde ihr im Moment gut tun.
Oben angekommen, schoss Osman ihr entgegen, kaum dass sie den Schlüssel ins Schloss der Wohnungstür gesteckt hatte.
»Was ist los?«, fragte sie verwundert.
»So ›ne Schlampe hat meinen Porsche gerammt! Hat grad geklingelt und steht unten vor der Tür. Die kann was erleben!« Er stampfte den Flur entlang.
»Was? Wo …«
Osman drückte auf den Fahrstuhlknopf, drehte sich, während er auf den Aufzug wartete, zu Monika um und tippte sich an die Stirn als Zeichen für ihre Begriffsstutzigkeit.
»Na, unten auf dem Parkplatz vorm Haus, wo denn sonst?!«, dröhnte er, ohne Rücksicht auf Nachbarn und die späte Stunde durch die Etage. Gleich darauf öffnete sich die Tür des Aufzugs.
»Vorm Haus?«, fragte Monika verwundert. Doch sie bekam keine Antwort mehr, die Türen schlossen sich bereits. »Osman! Der Wagen steht noch vorm Restaurant …«
Ärgerlich schüttelte sie den Kopf, schloss die Wohnungstür und ging ebenfalls zurück zum Fahrstuhl.
Während sie auf diesen wartete, schlich sich ein ungutes Gefühl in ihre Magengegend.
***
»Es tut mir ja so schrecklich leid«, murmelte die zierliche, kleine, blonde Frau, die im überdachten Eingangsbereich auf Osman wartete und verlegen gestikulierte. »Es ist nur die Stoßstange. Machen Sie sich keine Sorgen, ich komme selbstverständlich für jeden Schaden auf. Aber bitte … können wir die Polizei da raushalten, ja? Ich möchte nicht, dass mein Mann erfährt –«
Osman eilte auf sie zu. Frauen, die quasselten wie ein Wasserfall, konnte er noch nie leiden. Und Frauen, die Autos fuhren, ohne es zu können, erst recht nicht.
Ein Grund, warum er niemals eine Frau ans Steuer ließ. Welche Frau konnte schon Autofahren? Aber Frauen, die seinem geliebten Porsche auch nur einen Kratzer angedeihen ließen, machten ihn rasend, dann sah er rot.
Mit geballten Fäusten stieß er einen türkischen Fluch aus, den die Verursacherin des Schadens zu ihrem Glück wohl nicht übersetzen konnte.
Doch bevor Osman wusste, wie ihm weiter geschah, landete mit Wucht etwas Hartes auf seinem Hinterkopf, der Schmerz betäubte sekundenschnell seine Gliedmaßen und Osman ging zu Boden.
Halb besinnungslos versuchte er zu erkennen, was passierte. Jemand, den er nicht erkennen konnte, zerrte ihn an die Seite des Gehwegs auf den Rasen. Was sollte das?
Im Zwielicht des Eingangsbereichs, noch bevor sein bewusstes Denken wieder einsetzte, spürte Osman dem Schmerz in seinem Schädel nach. Automatisch griff er nach der Stelle, die sich merkwürdig feucht anfühlte. Er sah auf seine Hand. Sie war blutig.
»Was soll da-?«, lallte er und blickte sich um. Der Rest des Satzes blieb ihm im Halse stecken.
Drei Männer, dunkel gekleidet und vermummt, umringten ihn. Einer hielt in seinen Händen provokativ einen Baseballschläger. Vermutlich der Gegenstand, der Osman am Kopf getroffen hatte.
Der zweite Mann schien unbewaffnet zu sein.
Die größte Gefahr aber ging von dem Mann aus, der direkt vor ihm stand. In seiner Hand erkannte Osman eine Pistole. Und diese zielte auf ihn.
»Was wollt ihr … ich gebe euch, was ihr wollt …« Osman riss die Arme hoch und versuchte, die Panik zu unterdrücken, als der Typ mit dem Baseballschläger sich neben ihm aufbaute und diesen hob.
Auf ein Zeichen des Mannes mit der Pistole sauste der Baseballschläger mehrfach und treffgenau in Osmans Eingeweide.
Die Luft blieb ihm weg, und damit auch der Schrei, der Schmerz überrannte ihn, er wollte sich aus der Reichweite des brutalen Angriffs rollen, aber damit kassierte er nur einen weiteren Schlag, diesmal in seine Nieren.
Blutrote Flecken tanzten vor seinen Augen. Sein Körper wurde zu einem einzigen Schmerz. Wieder und wieder prasselten Schläge und Tritte auf ihn ein.
***
Der Anblick, der sich Monika van Hijk bot, kaum dass sie das Haus verlassen hatte, veranlasste sie zu einem gellenden Schrei, der ihr jedoch im Halse stecken blieb.
Ihr Bauchgefühl hatte sie nicht getrogen: Osman lag, kaum zwei Schritte vom Weg entfernt am Boden, zwei Männer prügelten brutal auf ihn ein.
Ihr erster Impuls wollte sie Osman zu Hilfe kommen lassen, doch was sollte sie, als schwache Frau, gegen drei bewaffnete Schläger ausrichten?
Ihr Fluchtimpuls siegte. Sie lief zurück zur Tür. Mit zitternden Fingern versuchte sie, den richtigen Schlüssel zu finden.
Doch bevor sie auch nur in die Nähe des Schlosses damit kam, wurde sie von hinten an den Haaren gepackt, von der Tür weggezerrt und erschrak über eine kalte Flüssigkeit, die man ihr ins Gesicht sprühte. Automatisch schloss sie die Augen.
Zu spät. Gleich darauf glaubte sie, ihre Augen würden brennen, unerträglicher Schmerz in Verbindung mit Atemnot ließ sie ihr Vorhaben vergessen. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und schrie ihre Qual heraus.
Der Angreifer packte sie jedoch und presste ihr seine Hand auf den Mund. Nur noch ein Wimmern konnte sich aus ihrer Kehle lösen.
***
So schnell, wie alles begonnen hatte, war es auch schon wieder vorbei.
Osman bekam den Angriff auf Monika mit, ohne etwas tun zu können. Aus geschwollenen Augen, kaum noch bei Bewusstsein, blickte er zu ihr. Der Kerl hatte sie gepackt und hielt in der Hand noch die Dose Pfefferspray, mit der er sie außer Gefecht gesetzt hatte.
Osman richtete seine Aufmerksamkeit auf den bewaffneten Angreifer. Dieser schien die Ruhe selbst zu sein und hielt den Augenkontakt aufrecht, ohne mit der Wimper zu zucken.
Plötzlich griff der Maskierte nach Osmans Kiefer und begutachtete sein Opfer sehr genau. Osman seinerseits erkannte an den Augen des Täters eine farbige Person.
»Lulu, gib ma Gas oder was soll das werden?«, fragte der die Freundin Bewachende.
Lulu, wohl ein Mann fürs Grobe, schien die Situation zu genießen, als der Bewaffnete auf Osmans rechtes Bein zielte.
Der Dunkelhäutige nahm Osmans Kopf beiseite und schaute ihm tief in die Augen, während dieser begriff und den Kopf schüttelte, unfähig, einen Ton herauszubringen.
Unvermittelt gellte der Schuss durch die Stille.
Osman erstarrte und schrie schließlich, als er einige Sekunden später realisierte, dass die Kugel seinen Oberschenkel durchschlagen hatte. Ihr folgte ein Schmerz, den er nicht mehr auszuhalten vermochte.
Gnädige Ohnmacht umfasste ihn.
1 „Dumme Frau!“
Der Schuss war nicht unbemerkt geblieben. Ein wachsamer Nachbar verständigte die Polizei, noch bevor Monika reagieren konnte.
So fuhren bereits Minuten später die ersten Streifenwagen vor, Beamte riefen den Rettungswagen und übernahmen die Erstversorgung der Verletzten. Weitere Kollegen durchsuchten die Umgebung nach Spuren und den Tätern, und der KDD, der Kriminaldauerdienst, wurde hinzugerufen.
Kurzum, keine halbe Stunde später war die nächtliche Gegend von Blaulicht und Scheinwerfern erhellt und rund um den Tatort hatten sich zahlreiche schaulustige Nachbarn und Promenadenbesucher versammelt.
Um 23:56 Uhr stoppte Polizeihauptkommissar Holger Peters vom K 43, Fachkommissariat Betäubungsmittelkriminalität, die rasante Fahrt seines zivilen Einsatzfahrzeugs mit quietschenden Bremsen so dicht neben dem Transporter der gerade eingetroffenen Spurensicherung, dass der aussteigende Kollege erschrocken beiseite sprang und ihm einen Vogel zeigte.
Peters winkte nur ab, schwang seinen müden Körper aus dem Wagen und stampfte die wenigen Meter zum Tatort.
Die Kälte kroch in seine alten Knochen und ließ ihn innerlich frösteln. Er freute sich auf den Feierabend und sein warmes Bett. Wohl oder übel musste er zugeben, nicht mehr der Jüngste zu sein. Das half nicht gerade, seine meist ohnehin schlechte Laune zu verbessern.
»Was ist denn hier passiert?«, wandte er sich harsch an den Kollegen Thomas Klingebiel vom KDD, während er die markierten Kampfspuren auf dem Gehweg bis zum Rasen begutachtete. Sehr zum Ärger der Spurensicherung, denen er damit ungefragt zwischen die Füße trat.
»Überfall mit Waffengewalt. Männlicher Verletzter mit Schusswunde im Oberschenkel. Seine Begleiterin wurde mit Pfefferspray außer Gefecht gesetzt«, erklärte Klingebiel notgedrungen und schnaubte mit einem verächtlichen Blick auf Peters. »Und Sie? Was verschafft mir die Ehre Ihrer … Mitarbeit?«
Man kannte sich. Und man mochte sich nicht. Das lag nicht nur an irgendwelchen persönlichen Abneigungen oder beruflichen Quengeleien, sondern auch daran, dass niemand Peters mochte und Peters seinerseits auch niemanden leiden konnte.
Selten sah man ihn mit einem Partner. In seiner Akte befand sich seit Jahren der Vermerk »Nicht teamfähig«. Peters schob Innendienst oder bekam die Aufträge im Außendienst, die er alleine ausführen konnte und durfte, und alle – bis auf Peters – freuten sich auf seinen bevorstehenden Ruhestand in knapp drei Monaten.
»Anonymer Anruf wegen illegalen Drogen- und Waffenbesitzes. Wo steht der Wagen des Opfers?« Er hatte nicht vor, ein Wort mehr als nötig mit dem Kollegen zu reden.
Der Überfall, dessen Blutspuren auf dem angrenzenden Gehweg für Peters ein sehr deutliches Bild des vermutlichen Tatherganges zeigten, sah nach einer Warnung aus. Oder einem Racheakt. Jemand war brutal zusammengeschlagen worden. Die Täter waren bewaffnet gewesen, eine Hülse lag auf dem Boden. Nur ein Schuss.
»Oh? Neuerdings die ganz großen Fische für Sie, Peters? Und man hat Sie alleine drauf losgelassen?«, feixte Klingebiel. »Ob das noch für eine Beförderung in letzter Minute reichen wird, wage ich jedoch zu bezweifeln …«
»Scheren Sie sich zum Teufel, Klingebiel«, fauchte Peters gegen seinen Vorsatz, sich nicht auf eine, nicht mal verbale Auseinandersetzung einzulassen, zurück.
Es gab Kollegen, die er nicht mochte, und welche, die er noch weniger mochte. Ein solcher war der Leiter des KDD. Inhaber eines Postens, auf den Peters sich vor einigen Jahren beworben hatte, aber Klingebiel, weil er, Peters Meinung nach, ein besserer Schleimscheißer beim Chef gewesen war, ergattert hatte. Natürlich unrechtmäßig, wovon Peters damals wie heute überzeugt war.
Die anschließende Prügelei bei Bekanntgabe der Besetzung der freien Position hatte ihm dann besagten Vermerk und eine Degradierung eingebracht. Klingebiel war natürlich, dank seiner Speichelleckerei, straffrei ausgegangen, was Peters bis heute weder ihm noch seinem Chef verziehen hatte.
So steckte er vorsichtshalber die Hände noch tiefer in die Taschen seiner Jacke, als er sich Klingebiel zuwandte.
»Nochmal zum Mitschreiben für geistig beschränkte Beamte: Wo – steht – der – Wagen?«
Klingebiel ließ sich leider nicht aus der Ruhe bringen. »Der Wagen? Keine Ahnung. Bisher keine Spur von den Flüchtigen. Vielleicht haben die ja den Wagen genommen? Dass wir nicht selbst darauf gekommen sind …«
Nein, Peters würde sich nicht auf das Niveau dieses drittklassigen Hobbyhumoristen herunterlassen.
»Raubüberfall?«
Klingebiel gab sich überrascht. »Ui, Sie denken mit!« Er grinste mitleidig. »Nein, leider falsch gedacht, Peters. Es wurde nichts gestohlen. Schlüssel und Brieftasche befanden sich noch im Besitz des Opfers.«
»Falsch!«, brüllte jemand aus dem Hintergrund. »Meine Telefone sind weg!«
Peters verdrehte die Augen. Wer in dieser Nobelgegend Überfälle verübte, sicher nicht, um ein paar Handys mitgehen zu lassen und die Brieftasche zu verschonen.
Er bahnte sich den Weg durch herumeilende Uniformierte und baute sich vor der Trage mit dem Opfer auf. Der Notarzt versorgte die Beinverletzung.
»Polizeihauptkommissar Peters, Dezernat K 43«, stellte er sich knapp dem Opfer vor. »Was ist passiert?«
»Normalerweise müssen Sie mir das erklären!«, bellte der Angesprochene zurück. »Haben Sie diese Idioten erwischt? Die wollten mich umbringen!«
Peters musterte den Mann, vermutlich türkischer Abstammung. Mitte Fünfzig, wirkte aber verlebter. Schütterer Haarkranz und wohl keine 1,70m groß.
Ein schwarzer Wollmantel, blutverschmiert lag neben ihm auf dem Boden. Offensichtlich hatten die Sanitäter ihm diesen ausgezogen, um ihn besser verarzten zu können.
Das Opfer trug einen teuren, dunkelblauen Anzug, ein helles Seidenhemd und ein unschönes, aber ziemlich auffälliges Goldkettchen um den Hals. Der Mann hatte Geld und wollte es allen zeigen. Allerdings fehlte ihm der Geschmack.
Er war schlimm zugerichtet worden. Zahlreiche Hämatome verunzierten seinen aufgeschwemmten Körper. Eine Kompresse am Hinterkopf zeugte von einem Schlag auf denselben. Das rechte Hosenbein war aufgeschnitten worden und die Schusswunde provisorisch versorgt.
Ein Sanitäter legte ihm gerade eine Infusion an. Beim Einstich der Nadel jaulte der Verletzte auf.
»Wenn die Sie hätten umbringen wollen, dann hätten sie das auch getan«, gab Peters schnaubend angesichts der niedrigen Schmerzgrenze des Opfers zu verstehen. »Name?«
»Woher soll ich die denn wissen?«, kreischte es ihm kurzatmig entgegen. »Das ist Ihr Job!«
So kurz vor dem verhassten Ruhestand – selbst mit Klingebiel im Nacken - bedurfte es deutlich mehr, um Peters aus der Fassung zu bringen. Die Wut des Opfers fachte seine eigene schlechte Laune nur noch an.
Peters schüttelte den Kopf und warf dem Notarzt einen Blick mit hochgezogenen Augenbrauen zu.
»Was erwarten Sie von ihm? Schussverletzung, Schädeltrauma, Rippenbrüche, vermutlich auch innere Verletzungen«, erklärte dieser. »Der Patient steht unter Schock und gehört sofort in die Klinik.«
Peters knirschte mit dem Kiefer. Dann würde er notgedrungen ein wenig freundlicher sein müssen, wenn er Informationen von ihm wollte.
Er zwang sich zu einem kleinen, unverbindlichen Lächeln. »Also, Herr …?«
»Yobaz. Osman Yobaz!«
Zufrieden nickte Peters und stellte das Lächeln wieder ein. »Schön, Sie wissen also doch noch Ihren Namen. Können Sie mir sagen, was genau passiert ist?«
»Nein! Das hab ich Ihrem Kollegen doch schon alles erzählt, wie oft soll ich euch das noch erklären? Da war diese Tussi an der Sprechanlage, die sagte, dass sie meinen Porsche angefahren hat. Da bin ich natürlich gleich wieder runter. Ich kam aus dem Haus und wurde sofort angegriffen. Und dann einen Schlag auf meinen Kopf und die drei Typen haben mich verprügelt. Danach haben die einfach in mein Bein geschossen!«
»Klingt nach einem Racheakt«, stimmte Peters seinen vorherigen Überlegungen zu.
Er kannte Yobaz nicht, aber dieser hatte es in weniger als drei Minuten geschafft, ihm unsympathisch zu sein. Zugegeben, es gab nicht viele Menschen, die ihm auch nur ansatzweise sympathisch waren. Aber seine innere Stimme, auf die in den meisten Fällen Verlass war, sagte Peters, der Typ war nicht ganz sauber.
Bevor er ihn mit der anonymen Anzeige konfrontierte, wollte er mehr Informationen. Erfahrungsgemäß machten die meisten Beschuldigten dicht, wenn sie erfuhren, wessen man sie verdächtigte.
»Käme da jemand in Betracht? Haben Sie Feinde? Hätten die ein Motiv?«
Mit gerunzelter Stirn starrte der Angeschossene Peters an. »Ich kann nicht mal einer Fliege was antun.«
»Ja, das glaub ich Ihnen sofort«, erwiderte Peters ironisch.
»Herr Kommissar«, ertönte plötzlich eine zarte Frauenstimme – mit holländischem Akzent – neben ihm. »Müssen wir das jetzt besprechen? Er sollte erst mal ins Krankenhaus.«
Peters wandte sich ihr zu. Eine zierliche Rothaarige mittleren Alters, mit verquollenen Augen, verlaufener Schminke und einer Decke über den Schultern blickte ihn mit hundetreuen Augen an. »Und Sie sind?«
»Monika van Hijk. Seine Frau.«
»Freundin!«, bellte es von der Trage zurück.
»Lebensgefährtin dann eben«, beeilte sie sich zu korrigieren. »Ich kam dazu.«
Der Notarzt war fertig und die Sanitäter hoben die Trage in den Krankenwagen.
»Wir sprechen uns noch, Herr Yobaz!«, drohte Peters zum Abschied und sah den Einsatzleiter des KDD auf sich zukommen. Der hatte ihm grade noch gefehlt.
Peters wandte sich der Frau zu. »Und wir setzen uns jetzt mal in den geräumigen Mannschaftswagen.«
Vielleicht konnte sie ihm sagen, wo der Wagen des Opfers stand, in dem sich Waffe und Drogen befinden sollten.
Sie nickte bereitwillig und folgte ihm dicht auf. Peters verabscheute devotes Verhalten. Unwillkürlich ging er auf Abstand und ließ ihr den Vortritt.
Kaum hatte er ihr gegenüber an dem kleinen Tischchen Platz genommen, stellte er auch schon die entscheidende Frage: »Wo steht der Wagen Ihres Lebensgefährten?«
»Wie?« Sie wirkte irritiert. »Vor … vor dem Restaurant dort drüben, am Anfang der Promenade.« Sie deutete mit dem überlangen, aufwändig lackierten Nagel ihres Zeigefingers auf ein Restaurant in Sichtweite.
»Osman hatte was getrunken und ich wollte lieber zu Fuß nach Hause gehen. Aber … was hat das mit dem Überfall zu tun? Wir waren grad erst nachhause gekommen, da klingelte es. Diese Frau sagte, sie hätte Osmans Wagen angefahren und -«
Dieser Tathergang interessierte Peters im Moment nicht. Das sollten die Kollegen aufnehmen, er würde sich den Bericht später vornehmen. Wäre ja noch schöner, würde er deren Arbeit machen.
»Wo ist der Schlüssel?«, unterbrach er sie harsch.
»Den habe ich.«
»Warum sind Sie dann nicht gefahren? Auch zu viel getrunken?«
»Nein …«, gab sie leise zurück und konnte ihm nicht mehr in die Augen schauen. »Osman würde mich nie seinen Wagen fahren lassen.«
Peters nickte. Das passte zum Bild des Opfers, das er sich bereits gemacht hatte. Solche Typen liebten ihren Besitz meist mehr als ihre Partnerin.
»Geben Sie mir den Schlüssel. Wo genau steht das Auto?« Auffordernd streckte er ihr die Hand hin.
Sie zögerte. »Ich weiß nicht … Muss mein Mann das nicht vorher erlauben?«
»Was der erlaubt oder nicht, interessiert mich im Moment nicht!«, brüllte Peters aus dem Stegreif los und stand auf. »Hier geht es um polizeiliche Ermittlungen. Also, entweder geben Sie mir jetzt den Schlüssel oder ich hole ihn mir!«
»Ja, ja, schon gut …« Überrumpelt griff sie in ihre Manteltasche und reichte ihm mit zitternden Fingern ein schwarzes Lederetui.
Peters verließ den Wagen und instruierte einen Kollegen der Schutzpolizei, die Aussage der Frau aufzunehmen.
