Vergiss mein nicht - Karin Slaughter - E-Book

Vergiss mein nicht E-Book

Karin Slaughter

4,4
9,99 €

oder
Beschreibung

Heartsdale, Georgia. Auf dem Parkplatz der Rollschuhbahn droht die 13-jährige Jenny, den drei Jahre älteren Mark zu erschießen. Behutsam versucht Polizeichef Tolliver die Situation zu entschärfen. Doch dann kommt es zum entsetzlichen Showdown: Tolliver muss Jennys Leben opfern, um Marks Hinrichtung zu vermeiden. Aber es kommt noch schlimmer. Als Sara Linton die Leiche des Mädchens obduziert, macht sie eine schockierende Entdeckung …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 608




Buch

Auf der Rollschuhbahn in Heartsdale, Georgia, läuft »Dancing Queen«, als Dr. Sara Linton gemeinsam mit ihrem Exmann Jeffrey Tolliver ihre Runden dreht. Sara hat beschlossen, den Tag fröhlich und harmonisch ausklingen zu lassen.

Plötzlich jedoch scheint die Zeit stillzustehen. Völlig unvermittelt bedroht die 13-jährige Jenny den drei Jahre älteren Mark– einen fast schon überirdisch schönen Casanova, »Young and sweet, only seventeen«, ganz wie im Song– mit einer Waffe und lässt keinen Zweifel daran, dass sie nach dem Mord auch sich selbst richten möchte. Als alle Versuche, die Situation zu entschärfen, scheitern, sieht Tolliver sich gezwungen, das verzweifelte Mädchen zu erschießen. Doch damit weitet sich die Tragödie überhaupt erst zu einem schauerlichen Szenario…

Autorin

Karin Slaughter, Jahrgang 1971, stammt aus Atlanta, Georgia, wo sie bis heute lebt. Mit ihren »Grant County«-Thrillern um die Rechtsmedizinerin Sara Linton und Polizeichef Jeffrey Tolliver hat sie sich in den Olymp der Thrillerautoren geschrieben. 2001 erschien ihr Debütroman Belladonna, der Karin Slaughter an die Spitze der internationalen Bestsellerlisten katapultierte. Ihre Bücher sind in 30 Sprachen übersetzt, die Gesamtauflage beläuft sich inzwischen auf mehr als 20Millionen Exemplare.

Karin Slaughter

VERGISSMEINNICHT

Thriller

Deutsch von Teja Schwaner

Die Originalausgabe erschien 2002

unter dem Titel »Kisscut«

bei HarperCollins, New York.

1. Auflage

Überarbeitete Taschenbuchausgabe Dezember 2012

im Blanvalet Verlag, München, einem Unternehmen

der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Originalausgabe 2002

by Karin Slaughter

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012

by Blanvalet Verlag, München

Alle Rechte an der Übertragung ins Deutsche

bei Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg.

Redaktion: Nike Müller

Umschlaggestaltung: bürosüd°, München

lf · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-08498-1

www.blanvalet.de

Sonnabend

Eins

Dancing Queen«, sang Sara Linton leise mit, während sie ihre Runde auf der Rollerskates-Bahn drehte. »Young and sweet, only seventeen.«

Links neben sich hörte sie das ungestüme Rattern von Skates und konnte sich gerade noch rechtzeitig zur Seite drehen, um ein Kind aufzufangen, bevor es mit ihr zusammenprallte.

»Justin?«, sagte sie, als sie den Siebenjährigen erkannte. Sie hielt ihn am Jackenkragen fest, denn seine Beine wackelten auf den Inlineskates.

»Hallo, Dr. Linton«, bekam Justin japsend heraus. Der Helm war ihm zu groß, und er schob ihn mehrmals nach hinten, um sie ansehen zu können.

Sara erwiderte sein Lächeln und musste sich beherrschen, um nicht laut loszulachen. »Hallo, Justin.«

»Sie stehen auf diese Musik, was? Meine Mum auch.« Er starrte sie unverhohlen und mit offenem Mund an. Wie die meisten von Saras Patienten wirkte auch Justin ein wenig verschreckt, als könnte er sich nicht vorstellen, ihr außerhalb der Kinderklinik zu begegnen. Manchmal fragte sie sich, ob man glaubte, dass sie dort im Keller wohnte und darauf lauerte, dass die Leute von Erkältungen oder Fieber heimgesucht in ihre Sprechstunde kamen.

»Egal.« Justin schob wieder seinen Helm nach hinten und versetzte sich dabei mit dem Ellbogenschoner einen Nasenstüber. »Aber ich hab gemerkt, dass Sie mitgesungen haben.«

»Lass mich mal«, erbot sich Sara. Sie beugte sich hinunter, um seinen Kinnriemen fester zu ziehen. Die Musik auf der Bahn war so laut, dass Sara die Vibrationen der Bässe in der Plastikschnalle spüren konnte, die sie unter seinem Kinn enger stellte.

»Danke«, brüllte Justin und legte aus unerfindlichem Grund beide Hände oben auf den Helm. Diese Bewegung raubte ihm das Gleichgewicht, und er geriet ins Stolpern, konnte sich aber gerade noch an Saras Bein festklammern.

Sara hielt ihn wieder an der Jacke fest und führte ihn hinüber zum Geländer am Außenrand der Bahn. Sie selbst hatte auch ein Paar Inlineskates anprobiert, sich dann aber für die altmodischen Rollschuhe mit vier Rädern entschieden, denn sie wollte sich nicht vor den Augen der halben Stadt auf den Hintern setzen.

»Wow«, kicherte Justin und hängte sich haltsuchend an das Geländer. Er sah auf ihre Skates hinunter. »Mann, haben Sie große Füße!«

Sara blickte ebenfalls hinab und wurde vor Verlegenheit rot. Seit sie sieben Jahre alt war, hatte man sie wegen ihrer großen Füße gehänselt. Obwohl sie sich nun fast dreißig Jahre lang diesen Spott hatte anhören müssen, wäre Sara immer noch am liebsten mit einer Schüssel Schokoladeneis unters Bett gekrochen, wenn sie auf ihre Füße angesprochen wurde.

»Sie haben ja Skates für Jungs an!«, kreischte Justin und ließ das Geländer los, um auf ihre Skates zeigen zu können. Sara konnte ihn gerade noch stützen, bevor er ausglitt und stürzte.

»Mein Lieber«, flüsterte Sara ihm zuckersüß ins Ohr. »Das wirst du spätestens dann bereuen, wenn deine Nachimpfungen fällig werden.«

Justin lächelte seine Kinderärztin unsicher an. »Ich glaube, meine Mum will was von mir«, murmelte er und hangelte sich am Geländer entlang, wobei er argwöhnisch über die Schulter blickte, um sich davon zu überzeugen, dass Sara ihm nicht folgte.

Sie verschränkte die Arme und lehnte sich an die Balustrade, während sie ihm nachschaute. Wie die meisten Kinderärzte liebte Sara ihre Patienten, aber es sprach einiges dafür, am Samstagabend von ihnen unbehelligt zu bleiben.

»Ein Verehrer?«, fragte Tessa, die neben ihr bremste.

Sara warf ihrer Schwester einen strengen Blick zu. »Erklär mir doch bitte mal, wie ich hierhergeraten bin.«

Tessa versuchte ein Schmunzeln. »Aus purer Liebe zu mir?«

»Genau«, erwiderte Sara sarkastisch. Auf der anderen Seite der Bahn erspähte Sara Devon Lockwood, Tessas derzeitigen Freund, der auch im Klempnerbetrieb der Familie Linton arbeitete. Devon führte seinen Neffen auf der Bahn für die Kleinen im Kreis herum, während sein Bruder zuschaute.

»Seine Mutter hasst mich«, murmelte Tessa. »Sobald ich in seine Nähe komme, sieht sie mich giftig an.«

»Daddy ist bei unseren Freunden doch auch nicht besser«, erwiderte Sara.

Devon merkte, dass sie zu ihm hinschauten, und winkte.

»Er kann gut mit Kindern umgehen«, sagte Sara und winkte zurück.

»Er kann auch noch mit was anderem gut umgehen«, sagte Tessa leise. Sie wandte sich wieder Sara zu. »Dabei fällt mir ein– wo ist denn Jeffrey?«

Sara blickte wieder zum Haupteingang und stellte sich dieselbe Frage. Und auch, warum es ihr eigentlich nicht egal war, ob ihr Exmann auftauchte oder nicht. »Weiß ich nicht«, antwortete sie. »Seit wann ist es denn in dem Laden hier so voll?«

»Es ist Samstagabend, und die Football-Saison hat noch nicht angefangen. Was sollen die Leute denn sonst machen?«, sagte Tessa, ließ Sara aber nicht das Thema wechseln. »Also, wo bleibt Jeffrey?«

»Vielleicht kommt er ja gar nicht.«

Die Art, wie Tessa grinste, verriet, dass sie sich einen boshaften Kommentar verbiss.

»Mach schon, sprich es aus.«

»Ich wollte gar nichts sagen«, antwortete Tessa, und Sara war nicht ganz klar, ob sie log.

»Wir sehen uns nur ab und zu.« Sara hielt inne und fragte sich, wem sie eigentlich etwas beweisen wollte: Tessa oder sich? Dann fügte sie hinzu: »Es ist ganz und gar nichts Ernstes.«

»Ich weiß.«

»Wir haben uns noch nicht mal richtig geküsst.«

Tessa hob resigniert die Hände. »Ich weiß«, wiederholte sie, ein spöttisches Grinsen um die Mundwinkel.

»Wir sehen uns manchmal. Das ist alles.«

»Mich brauchst du nicht zu überzeugen.«

Sara lehnte sich seufzend ans Geländer. Sie kam sich dämlich vor, eher wie ein Teenager als wie eine erwachsene Frau. Sie hatte sich vor zwei Jahren von Jeffrey scheiden lassen, nachdem sie ihn mit der Inhaberin des Schilderladens im Bett erwischt hatte. Warum sie sich neuerdings wieder mit ihm traf, war sowohl Sara als auch ihrer Familie ein Rätsel.

Ein Schmusesong erklang, und das Licht wurde schwächer. Eine rotierende Spiegelkugel sank von der Decke herab und verteilte blitzende kleine Lichtquadrate im gesamten Raum.

»Ich muss mal«, sagte Sara zu ihrer Schwester. »Pass bitte auf, ob Jeff kommt.«

Tessa schaute über Saras Schulter. »Geht aber gerade jemand rein.«

»Es gibt jetzt zwei Kabinen.« Sara steuerte auf die Damentoilette zu und sah, dass gerade ein dicker Teenager hineinging. Sie erkannte Jenny Weaver, eine ihrer Patientinnen, und winkte ihr zu, aber das Mädchen hatte sie nicht gesehen.

Tessa kommentierte: »Hoffentlich hältst du es noch aus.«

Sara runzelte die Stirn, als sie beobachtete, wie ein weiteres Mädchen, das sie nicht kannte, Jenny auf die Toilette folgte. Wenn das so weiterging, würde Sara noch die Blase platzen.

Tessa deutete mit dem Kopf zur Eingangstür. »Wie war das nochmal? Hochgewachsen, dunkelhaarig und gut aussehend?«

Sara fand es irgendwie albern, dass sie unwillkürlich lächeln musste, als sie Jeffrey auf die Bahn zusteuern sah. Er kam wohl direkt von der Arbeit, denn er trug immer noch seinen anthrazitfarbenen Anzug mit einer burgunderroten Krawatte. Als Polizeichef von Grant County kannte er die meisten Anwesenden. Er sah sich um, und sie hoffte, dass sie es war, nach der er Ausschau hielt. Er lavierte sich durch die Menschenmenge, blieb dabei hier und dort stehen, um Hände zu schütteln. Sie verzichtete darauf, ihn irgendwie auf sich aufmerksam zu machen. In dieser Phase ihrer Beziehung überließ sie Jeffrey die Initiative.

Sara hatte Jeffrey bei einem ihrer ersten Fälle als Coroner der Stadt kennen gelernt. Sie hatte die Stellung als leitende Amtsärztin angenommen, um ihren Partner an der Kinderklinik von Heartsdale auszahlen zu können, der in den Ruhestand gehen wollte. Und Sara hatte diesen Posten behalten, obwohl es inzwischen Jahre her war, dass sie Dr. Barney abgefunden hatte. Ihr gefielen die Herausforderungen der Pathologie: Vor zwölf Jahren, als Sara ihre Zeit als Assistenzärztin in der Notaufnahme des Grady Hospital in Atlanta abgeschlossen hatte, war es eine gewaltige Umstellung von der hektischen Arbeit dort, bei der es oft um Leben und Tod ging, auf Bauchschmerzen und Schnupfen in der hiesigen Kinderklinik gewesen. Und der Job als Coroner stellte Anforderungen, die ihren Verstand hellwach hielten.

Schließlich wurde sie von Jeffrey entdeckt. Abrupt hörte er auf, Betty Reynolds die Hand zu schütteln, und seine Mundwinkel wanderten aufwärts, bevor sie gleich darauf wieder nach unten sanken, als die Besitzerin des Kramladens weiter auf ihn einredete.

Sara konnte sich vorstellen, worüber Betty sprach. Im Laufe der letzten drei Monate war zweimal bei ihr eingebrochen worden. Ihr war anzusehen, dass sie sich beschwerte, und sie merkte gar nicht, dass Jeffreys Aufmerksamkeit nicht mehr ihr galt.

Schließlich nickte Jeffrey, tätschelte Betty die Schulter und gab ihr noch einmal die Hand. Wahrscheinlich hatte er versprochen, sich in den nächsten Tagen mit ihr zu unterhalten. Nachdem er sich befreit hatte, kam er auf Sara zu, ein verschmitztes Lächeln im Gesicht.

»Na, du«, sagte er und gab ihr die Hand. Ehe sie sichs versah, schüttelte Sara sie ihm, so wie fast alle anderen Besucher der Inline-Bahn zuvor.

»Hallo, Jeffrey«, unterbrach Tessa in ungewohnt scharfem Tonfall. Normalerweise erledigt ihr Vater es, Jeffrey anzuraunzen.

Jeffrey lächelte verdutzt. »Hi, Tessie.«

Tessie nuschelte irgendetwas und stieß sich vom Geländer ab. Sie rollte davon, warf aber Sara über die Schulter noch einen vieldeutigen Blick zu.

Jeffrey fragte: »Was war das denn?«

Sara zog die Hand zurück, aber Jeffrey hielt ihre Finger noch lange genug fest, um sie spüren zu lassen, dass er bestimmte, wann er losließ. Er war sich seiner so verdammt sicher. Und mehr als alles andere war es diese Eigenschaft, die Sara so anzog.

Sie verschränkte die Arme und sagte: »Du kommst zu spät.«

»Es war nicht leicht wegzukommen.«

»Ist ihr Ehemann auf Reisen?«

Er sah sie an wie eine Zeugin, von der er wusste, dass sie log. »Ich musste Frank noch sprechen.« So hieß der dienstälteste Detective im Dezernat von Grant County. »Ich habe ihm gesagt, dass er heute Abend das Kommando hat. Ich möchte nämlich nicht, dass jemand uns beide stört.«

»Wobei stört?«

Das Lächeln zupfte wieder an seinen Mundwinkeln. »Na ja, ich dachte, ich verführe dich heute Abend.«

Sie lachte und wich zurück, als er sie zu küssen versuchte.

»Das Küssen hat eigentlich nur dann Sinn, wenn sich die Lippen berühren«, meinte er.

»Nicht vor den Augen meiner halben Patientenschar«, konterte sie.

»Dann komm mit.«

Wider alle Vernunft bückte sich Sara unter dem Geländer hindurch und nahm seine Hand. Er schob sie auf ihren Rollschuhen in den hinteren Bereich der Bahn nahe den Toiletten und drückte sich mit ihr in eine Ecke, wo man sie nicht sehen konnte.

»So besser?«, fragte er.

»Oh, ja«, antwortete Sara. Sie sah auf ihn hinab, denn auf den Skates war sie ein paar Zentimeter größer als er. »Viel besser, ich muss nämlich ganz dringend aufs Klo.«

Sie wollte wegrollen, aber er hielt sie zurück, indem er ihre Taille umfasste.

»Jeff«, sagte sie und wusste nur zu genau, dass das nicht sonderlich abweisend klang.

»Du bist so schön, Sara.«

Sie verdrehte die Augen wie ein Teenager.

Er lachte und wagte es dann: »Gestern habe ich den ganzen Abend nur daran gedacht, dich zu küssen.«

»So?«

»Ich habe Sehnsucht danach, wie du schmeckst.«

Sie versuchte gelangweilt zu klingen. »Immer noch nach Colgate.«

»Von dem Geschmack rede ich nicht.«

Sara war sprachlos, und Jeffrey grinste vergnügt. Sara merkte, wie sich tief in ihr etwas regte, und wollte ihm schnell irgendetwas entgegnen. Aber in diesem Moment ging sein Pieper. Er sah sie weiterhin wie gebannt an, als habe er den Alarmton gar nicht gehört.

Sara räusperte sich und fragte: »Willst du nicht darauf reagieren?«

Jetzt warf er doch einen Blick auf den Pieper, der an seinem Gürtel klemmte, und murmelte nur »Scheiße«, als er die Nachricht sah.

»Was?«

»Einbruch«, antwortete er schroff.

»Ich dachte, Frank soll dich vertreten.«

»Nur bei den Lappalien. Ich muss an ein Münztelefon.«

»Wo ist denn dein Handy?«

»Akku leer.« Jeffrey schien seinen Unmut so weit unter Kontrolle zu bekommen, dass er sie aufmunternd anlächeln konnte. »Nichts kann mir diese Nacht verderben, Sara.« Er legte die Hand auf ihre Wange. »Das ist mir das Allerwichtigste.«

»Hast du etwa noch ein heißes Date nach unserem Abendessen?«, neckte sie ihn. »Wir können es auch verschieben, wenn es sein muss.«

Er kniff die Augen zusammen, bevor er sich umdrehte und losging.

Sara schaute ihm nach und flüsterte ein leises »Gütiger Himmel«, als sie sich haltsuchend an die Wand lehnte. Sie konnte es einfach nicht fassen, dass er es schaffte, sie innerhalb von drei Minuten völlig willenlos zu machen.

Sie schreckte auf, als die Toilettentür laut zugeschlagen wurde. Dort stand Jenny Weaver und sah wie in Trance hinaus auf die Rollschuhbahn. Im Kontrast zu ihrem langärmeligen schwarzen T-Shirt wirkte die Haut des Mädchens fahl. Jenny trug einen dunkelroten Rucksack in der Hand, den sie über die Schulter schwang, als Sara ihr entgegenfuhr. Der Rucksack beschrieb einen hohen Bogen und streifte Saras Brust.

»Langsam«, sagte Sara und wich zurück.

Jenny blinzelte und erkannte ihre Kinderärztin. Sie flüsterte »’tschuldigung« und wandte den Blick ab.

»Schon gut«, erwiderte Sara und wollte ein Gespräch anfangen. Das Mädchen wirkte verängstigt. »Was hast du denn?«, fragte Sara. »Alles in Ordnung?«

»Ja, Ma’am«, nuschelte Jenny und presste ihren Rucksack an sich.

Bevor Sara noch etwas sagen konnte, verdrückte Jenny sich. Sara beobachtete, wie sie in der Menge verschwand und in der Nähe des Raums mit den Videospielen Zuflucht suchte. Im Widerschein der Bildschirme nahm Jennys Gestalt eine grünliche Färbung an, bevor sie in einer Ecke verschwand. Sara spürte, dass etwas nicht stimmte, aber sie konnte ja schlecht hinter dem Mädchen herrennen, um es streng zu fragen, was denn los sei. In diesem Alter wuchs sich alles zu einem Drama aus. Bestimmt ging es um einen Jungen.

Es wurde wieder heller, als der Schmusesong endete. Dann lärmte ein alter Rocksong aus den Lautsprechern, dessen Bässe Saras Brustkorb vibrieren ließen. Sie sah zu, wie die Skater auf der Bahn immer schneller wurden, und fragte sich, ob sie selbst jemals so behände und geschmeidig gelaufen war. Skatie’s hatte zwar seit Saras Jugendzeit mehrmals den Besitzer gewechselt, war aber immer noch der beliebteste Treffpunkt für die Teens in Grant County. Sara hatte damals an den Wochenenden so manchen Abend im hinteren Teil dieses Gebäudes verbracht und dort mit Steve Mann, ihrem ersten richtigen Freund, rumgeknutscht. Ihre Beziehung basierte weniger auf Leidenschaft als auf dem gemeinsamen Ziel, Grant County hinter sich zu lassen. Steves Vater war jedoch während ihres letzten Schuljahrs an einem Herzschlag gestorben, und seither führte Steve den Haushaltswarenladen der Familie. Inzwischen war er längst verheiratet und hatte Kinder. Sara war nach Atlanta entkommen, aber ein paar Jahre später zurückgekehrt.

Schon ein merkwürdiges Gefühl, wieder bei Skatie’s zu sein, um mit Jeffrey Tolliver zu knutschen. Oder es zumindest zu versuchen.

Sara schüttelte den Gedanken ab und steuerte auf die Toilette zu. Sie fasste nach dem Türknauf, ließ ihn aber sofort wieder los, weil sie etwas Klebriges spürte. In diesem Bereich der Bahn war es noch immer recht dunkel, und Sara musste die Hand dicht vors Gesicht halten, um erkennen zu können, was daran klebte. Sie erkannte den Geruch zuerst. Dann sah sie an ihrem Hemd hinunter, wo Jenny Weavers Rucksack es gestreift hatte.

Ein schmaler Blutstreifen zog sich über ihre Brust.

Zwei

Jeffrey gab sich alle Mühe, den Münzfernsprecher nicht von der Wand zu reißen. Er atmete tief durch, um sich zu beruhigen, wählte die Nummer der Polizeiwache und wartete geduldig ab, während es dort läutete.

Marla Simms, seine Sekretärin und manchmal auch Aushilfstelefonistin der Dienststelle, antwortete: »Guten Abend, Grant County Police Department, einen Moment bitte«, und legte ihn wieder in die Warteschleife, ohne seine Antwort abzuwarten.

Jeffrey atmete nochmals tief durch, um nicht in die Luft zu gehen. Sara war auf der Rollerskates-Bahn wahrscheinlich gerade dabei, das heutige Rendezvous abzuhaken. Für jeden Schritt, den er auf sie zumachte, wich Sara zwei Schritte zurück. Er verstand zwar, warum, aber das hieß noch lang nicht, dass er damit einverstanden war.

Jeffrey lehnte sich an die Wand und spürte, dass ihm der Schweiß den Rücken hinunterlief. Der August hatte mit voller Kraft eingesetzt und ließ die Rekordtemperaturen, die Georgia im Juni und Juli erlebt hatte, wie Winterwetter erscheinen. Manchmal hatte er im Freien das Gefühl, durch einen feuchten Waschlappen atmen zu müssen. Er lockerte seine Krawatte und öffnete den obersten Knopf seines Hemds.

Kurz erscholl lautes Gelächter von der Vorderseite des Gebäudes, und Jeffrey spähte um die Ecke, um den Parkplatz besser im Blick zu haben. Einige Jungs hatten sich an einem zerbeulten alten Camaro zusammengerottet und zogen abwechselnd an einer Zigarette. Der Münzfernsprecher befand sich seitlich am Gebäude, und Jeffrey stand im Schatten eines hellgrünen Baldachins. Er meinte, Marihuana zu riechen, war aber nicht sicher. Die Jungs schienen etwas im Schilde zu führen. Das fiel Jeffrey weniger deswegen auf, weil er ein Cop war, sondern eher, weil er in dem Alter mit ähnlichen Cliquen herumgehangen hatte.

Er überlegte, ob er die Horde ansprechen sollte, als Marla sich wieder meldete.

»Guten Abend, Grant County Police Department, danke für Ihre Geduld. Was kann ich für Sie tun?«

»Marla, Jeffrey hier.«

»Oh, hallo, Chief«, sagte sie. »Tut mir leid, Sie gestört zu haben. Es gab einen blinden Alarm bei einem der Geschäfte im Zentrum.«

»In welchem?«, fragte er. Er musste an die Klagen denken, die er gerade erst von Betty Reynolds gehört hatte, der Besitzerin des Kramladens.

»Die Reinigung«, sagte sie. »Der alte Burgess hat den Alarm aus Versehen selbst ausgelöst.«

Jeffrey wunderte sich über Marla, die weit über siebzig war und dennoch Bill Burgess einen alten Mann nannte, ging aber nicht weiter darauf ein. Er fragte: »Sonst noch etwas?«

»Da soll was im Diner gewesen sein, das Brad gemeldet hat, aber keiner hat etwas gefunden.«

»Was hat er denn gemeldet?«

»Hat nur gesagt, dass er dachte, etwas gesehen zu haben, mehr nicht. Sie wissen doch, wie Brad ist. Der meldet doch seinen eigenen Schatten.« Sie lachte glucksend. Brad war der Benjamin des Reviers, ein einundzwanzigjähriger Mann, dessen rundes Gesicht und dünnes, stets zu Berge stehendes Haar ihn eher wie einen kleinen Jungen aussehen ließen. Die älteren Kollegen machten sich regelmäßig einen Spaß daraus, Brads Dienstmütze zu stehlen und sie an diversen markanten Orten in der Stadt zu drapieren. Gerade in der letzten Woche hatte Jeffrey sie auf dem Kopf der General-Lee-Statue vor der Highschool gesehen.

Jeffrey dachte an Sara. »Frank hat heute Abend Dienst. Piepen Sie mich höchstens an, wenn es eine Leiche gibt.«

»Zwei Fliegen mit einer Klappe«, sagte Marla und gluckste wieder. »Coroner und Chief mit einem Anruf.«

Er rief sich ins Gedächtnis zurück, dass er von Birmingham nach Grant County gezogen war, weil er in einer Kleinstadt leben wollte, in der jeder seinen Nachbarn kannte. Dass dadurch auch jeder über sein Privatleben Bescheid wusste, war die Konsequenz. Jeffrey wollte Marla gerade eine strenge Antwort geben, als er hörte, dass jemand auf dem Parkplatz laut kreischte.

Er blickte um die Ecke, und im selben Moment schrie ein Mädchen: »Leck mich doch, du elender Wichser!«

Marla sagte: »Chief?«

»Moment«, flüsterte er. Bei dem zornigen Klang der Mädchenstimme verkrampfte sich sein Solarplexus. Er wusste aus Erfahrung, dass ein völlig durchgeknalltes, wütendes Mädchen an einem Samstagabend ein echtes Problem sein konnte. Die Jungs kriegte er in den Griff, bei denen ging es letztlich um Imponiergehabe, und fast alle jungen Männer wollten eigentlich davon abgehalten werden, sich zu prügeln. Junge Mädchen hingegen mussten schon äußerst gereizt worden sein, um in derart blinde Wut zu geraten, und dann war es höllisch schwer, sie wieder zu beruhigen. Eine ausgerastete Dreizehnjährige machte ihm Angst, vor allem, wenn sie eine Pistole in der Hand hielt.

»Ich knall dich ab, du perverses Arschloch«, schrie sie einen der Jungen an. Dessen Freunde gingen schnell auf Distanz und bildeten einen Halbkreis. Der Junge stand allein da, und die Waffe war auf seine Brust gerichtet. Kaum anderthalb Meter trennten das Mädchen von ihrem Ziel, und Jeffrey sah, dass sie noch einen Schritt vortrat und den Abstand weiter verringerte.

»Mist«, zischte Jeffrey. Als ihm wieder bewusst wurde, dass er ein Telefon in der Hand hatte, befahl er: »Schicken Sie Frank und Matt sofort hierher zu Skatie’s.«

»Die sind drüben in Madison.«

»Dann Lena und Brad«, sagte er. »Leise Anfahrt. Auf dem vorderen Parkplatz befindet sich ein bewaffnetes Mädchen.«

Jeffrey legte den Hörer wieder auf die Gabel und spürte, wie angespannt er war. Seine Kehle war wie zugeschnürt, und seine Halsschlagader trat hervor wie eine pulsierende Schlange. Tausend Dinge gingen ihm rasend schnell durch den Kopf, aber er verscheuchte seinen Gedanken, zog sein Jackett aus, schob das Clipholster nach hinten und atmete tief durch. Jeffrey hielt die Arme seitlich ausgestreckt, als er auf den Parkplatz hinausging. Das junge Mädchen sah zu ihm hinüber, als er in ihr Blickfeld geriet, zielte aber weiterhin auf den Jungen. Die Mündung war leicht abwärts auf dessen Unterleib gerichtet, und als Jeffrey näher kam, sah er, dass ihre Hand zitterte. Glücklicherweise hatte sie noch keinen Finger am Abzug.

Jeffrey näherte sich parallel zum Gebäude. Das Mädchen hatte der Rollschuhbahn den Rücken zugekehrt, Parkplatz und Highway lagen vor ihr. Er hoffte, dass Lena so viel Voraussicht walten ließ, Brad von der Seite des Gebäudes auftauchen zu lassen. Man konnte nicht wissen, wie sich die Kleine verhalten würde, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlte. Ein dummer Fehler könnte vielen Menschen den Tod bringen.

Als Jeffrey etwa fünf Meter vom Schauplatz entfernt war, sagte er so laut, dass er die Aufmerksamkeit aller auf sich zog: »He!«

Obwohl sie bereits bemerkt hatte, dass er im Anmarsch war, zuckte das Mädchen zusammen. Sie krümmte den Finger um den Abzug. Die Waffe war eine .32er Beretta, eine kleine Pistole, die aber aus so geringer Entfernung viel Schaden anrichten konnte. Acht Schuss. Wenn das Mädchen gut schoss– und aus so geringer Entfernung würde selbst ein Affe treffen–, hielt sie acht Menschenleben in der Hand.

»Zurück mit euch allen«, befahl Jeffrey den Umstehenden. Nach anfänglichem Zögern schienen sie zu kapieren und zogen sich in den vorderen Bereich des Parkplatzes zurück. Selbst auf diese Entfernung roch es aufdringlich nach Marihuana, und so wie der bedrohte Junge schwankte, musste er eine Menge geraucht haben, bevor ihn das Mädchen überrascht hatte.

»Hauen Sie ab«, forderte das Mädchen Jeffrey auf. Sie war schwarz gekleidet und hatte die Ärmel ihres T-Shirts wegen der Hitze bis über die Ellbogen nach oben geschoben. Sie war knapp dreizehn. Ihre Stimme war leise, aber doch deutlich hörbar.

Sie wiederholte ihre Aufforderung. »Ich habe gesagt, Sie sollen abhauen.«

Jeffrey blieb stehen, und sie wandte den Blick wieder dem Jungen zu und sagte: »Ich bringe ihn um.«

Jeffrey streckte die Hände aus und fragte: »Warum denn?«

Die Frage schien sie zu überraschen. Die Mündung der Pistole neigte sich leicht abwärts, als das Mädchen Jeffrey antwortete.

»Damit er aufhört«, sagte sie.

»Womit aufhört?«

Sie schien zu überlegen. »Das geht niemanden was an.«

»Nein?«, fragte Jeffrey und kam einen Schritt näher, und dann noch einen. Ungefähr fünf Meter vor dem Mädchen blieb er stehen, nahe genug, um zu sehen, was passierte, aber nicht so dicht, dass sie sich bedroht fühlte.

»Nein, Sir«, antwortete das Mädchen, und diese höfliche Anrede beruhigte ihn ein wenig. Mädchen, die »Sir« sagten, erschossen niemanden.

»Hör mal«, fing Jeffrey an und überlegte, was er sagen sollte. »Weißt du, wer ich bin?«

»Ja, Sir«, antwortete sie. »Sie sind Chief Tolliver.«

»Stimmt«, sagte er. »Wie soll ich dich nennen? Wie heißt du?«

Sie ignorierte die Frage, aber der Junge regte sich, als hätte sein von Marihuana umnebeltes Hirn plötzlich geschnallt, was los war. Er sagte: »Jenny. Sie heißt Jenny.«

»Jenny?«, fragte Jeffrey sie. »Was für ein hübscher Name.«

»Ja, al-also«, stammelte Jenny, ganz offensichtlich verblüfft. Doch sehr schnell hatte sie sich wieder gefasst und sagte: »Bitte seien Sie still. Ich möchte nicht mit Ihnen reden.«

»Vielleicht doch«, sagte Jeffrey. »Ich habe nämlich den Eindruck, dass du eine ganze Menge auf dem Herzen hast.«

Sie schien das in Erwägung zu ziehen, richtete aber ihre Beretta wieder auf die Brust des Jungen. Ihre Hand zitterte noch immer. »Gehen Sie weg, oder ich knall ihnab.«

»Mit der Waffe da?«, fragte Jeffrey. »Weißt du, wie es ist, jemanden zu erschießen? Kannst du dir vorstellen, was für ein Gefühl das ist?« Er beobachtete, wie sie daran zu schlucken hatte, und war sicher, dass sie keinen Mord fertigbringen würde.

Jenny war dick, sie hatte wahrscheinlich fünfundzwanzig Kilo Übergewicht. In ihren schwarzen Klamotten wirkte sie wie eines jener Mädchen, die sich für ein Leben als graue Maus entschieden haben. Der Junge, auf den sie die Waffe richtete, war hingegen ein gut aussehendes Bürschchen und wahrscheinlich das Objekt einer unerwiderten Schwärmerei. Zu Jeffreys Zeiten hätte sie ihm einen fiesen Brief in den Spind gelegt. Heutzutage fuchtelte sie mit einer Pistole herum.

»Jenny«, fing Jeffrey an, während er sich fragte, ob die Waffe überhaupt geladen war. »Jenny, was ist denn eigentlich los? Der Typ da ist es doch gar nicht wert, dass du dir seinetwegen Ärger einhandelst.«

»Hauen Sie ab«, wiederholte Jenny, etwas weniger bestimmt als zuvor. Mit der freien Hand fuhr sie sich übers Gesicht. Jetzt fiel ihm auf, dass sie weinte.

»Jenny, ich glaube nicht…« Er hielt inne, als sie die Waffe entsicherte. Das metallische Klicken tat ihm beinahe körperlich weh. Er griff hinter sich, legte die Hand auf seine Waffe, zog sie aber noch nicht.

Jeffrey bemühte sich, ruhig und vernünftig zu klingen. »Was geht hier vor, Jenny? Warum reden wir nicht darüber? So schlimm kann es doch nicht sein.«

Sie fuhr sich wieder über das Gesicht. »Doch, Sir«, sagte sie. »Ist es aber.«

Ihre Stimme klang so kalt, dass Jeffrey eine Gänsehaut bekam. Er unterdrückte das Frösteln, als er seine Pistole aus dem Halfter gleiten ließ. Jeffrey hasste Waffen, denn als Cop bekam er einfach zu oft zu sehen, was für einen Schaden sie anrichteten. Er trug eine Waffe, weil er musste, nicht weil er wollte. In den zwanzig Jahren, die er bei der Polizei war, hatte Jeffrey sie höchstens ein halbes Dutzend Mal gezogen und auf einen Verdächtigen gerichtet. Und zweimal hatte er dabei auch gefeuert, doch niemals direkt auf jemanden gezielt.

»Jenny«, versuchte er es nochmals mit autoritärer Stimme. »Sieh mich an.«

Unverwandt starrte sie eine kleine Ewigkeit lang den Jungen an. Jeffrey blieb stumm, damit sie das Gefühl hatte, Herrin der Lage zu sein. Dann ließ sie langsam den Blick zu Jeffrey wandern und senkte ihn, bis sie die Neunmillimeter entdeckt hatte, die er seitlich am Körper hielt.

Nervös fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen und versuchte offensichtlich, den Ernst der Bedrohung einzuschätzen. Es klang todernst, als sie sagte: »Erschießen Sie mich.«

Er meinte, sich verhört zu haben. Er hatte etwas völlig anderes erwartet.

Sie wiederholte: »Erschießen Sie mich jetzt, oder ich werde den da abknallen.« Jeffrey sah zu, wie sie die Füße bewegte, bis sie schulterbreit auseinanderstanden, und dann die freie Hand auch über den Pistolengriff legte. Ihre Haltung war die einer Person, die genau wusste, wie man eine Waffe hielt. Ihre Hände waren inzwischen ganz ruhig, und mit festem Blick sah sie dem Jungen in die Augen.

Er wimmerte »Oh, Scheiße!«, und dann plätscherte es auf den Asphalt, weil er sich in die Hose pinkelte.

Jeffrey hob seine Waffe, als das Mädchen feuerte, aber der Schuss ging hoch über den Kopf des Jungen hinaus und ließ kleine Stücke von der Überdachung und dem Plastikschild des Gebäudes absplittern.

»Was soll das?«, zischte Jeffrey, der genau wusste, dass Jenny nur deswegen unverletzt am Boden lag, weil der Instinkt seinen Finger davon abgehalten hatte abzudrücken. Sie hatte genau die Mitte des i-Punkts von Skatie’s getroffen. Die wenigsten von Jeffreys Cops hätten in einer so angespannten Situation so präzise schießen können.

»Das war eine Warnung«, sagte Jenny. Jeffrey hatte eigentlich gar nicht mit einer Antwort gerechnet. »Erschießen Sie mich«, wiederholte das Mädchen. »Erschießen Sie mich. Oder ich blase dem da das Hirn raus. Das schwöre ich bei Gott.« Sie leckte sich wieder die Lippen. »Kein Problem für mich. Ich kann nämlich mit dem Ding hier umgehen.« Sie machte eine ruckartige Bewegung mit der Pistole, um zu verdeutlichen, was sie meinte. »Sie wissen, dass ich’s tun werde.« Nochmals stellte sie sich breitbeinig hin, um den Rückstoß der Beretta abzufangen. Sie verschob die Mündung der Waffe ein wenig und zerschoss den Apostroph auf dem Schild. Wenn die Leute auf dem Parkplatz auseinanderstoben oder Schreckensschreie ausstießen, bekam Jeffrey davon nichts mit. Er sah nur den Rauch aus der Mündung ihrer Pistole.

Als er wieder durchatmen konnte, sagte Jeffrey: »Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen einem Schild und einem Menschen.«

Sie flüsterte nur, und er musste sich sehr anstrengen, um sie zu verstehen. »Er ist kein Mensch.«

Aus dem Augenwinkel meinte Jeffrey eine Bewegung wahrzunehmen. Im selben Moment erkannte er Sara. Sie hatte ihre Rollschuhe ausgezogen, und ihre weißen Socken stachen gegen den schwarzen Asphalt ab.

»Kleines?«, rief Sara mit vor Angst schriller Stimme. »Jenny?«, fügte sie hinzu.

»Hauen Sie ab«, fuhr Jenny sie an, aber ihre Stimme klang jetzt bockig, eher wie die des Kindes, das sie noch war, und ganz und gar nicht wie die des Ungeheuers, als das sie sich noch ein paar Sekunden zuvor aufgeführt hatte. »Bitte.«

»Es geht ihr gut«, sagte Sara. »Ich habe sie drinnen gefunden, es ist alles in Ordnung.«

Die Waffe sank nach unten, aber dann gewann Jennys Entschlossenheit wieder die Oberhand, und sie hob die Beretta, bis sie damit direkt zwischen die Augen des Jungen zielte. Mit ihrer Entschlossenheit kehrte auch die Grabesstimme zurück, und sie sagte: »Sie lügen.«

Mit einem Blick auf Sara stellte Jeffrey fest, dass Jenny Recht hatte. Sara war eine miserable Lügnerin. Aber abgesehen davon konnte Jeffrey sogar auf die Entfernung Blutflecken auf Saras Hemd und Jeans erkennen. Augenscheinlich war jemand drinnen auf der Bahn verletzt und möglicherweise, ja, sogar wahrscheinlich, tot. Er sah wieder zu Jenny hinüber und vermochte jetzt das runde Mädchengesicht mit der Bedrohung in Einklang zu bringen, die von dem Teenager ausging.

Erschreckt registrierte er, dass seine Waffe noch gesichert war. Er entsicherte sie und gab Sara mit einem warnenden Blick zu verstehen, sich im Hintergrund zu halten.

»Jenny?« Man sah an Saras Hals, wie sie schlucken musste. So pseudomelodiös hatte Jeffrey Sara noch nie sprechen hören. Sie behandelte Kinder sonst auch nicht wie Idioten. Was auch immer Jenny Furchtbares auf der Bahn angerichtet haben mochte, es hatte Sara verändert. Jeffrey konnte sich keinen Reim darauf machen. Es waren keine Schüsse zu hören gewesen, und Buell Parker, der Sicherheitsmann der Rollerbahn, hatte gesagt, alles sei bestens, als Jeffrey sich bei ihm erkundigt hatte. Jeffrey fragte sich, wo Buell wohl stecken mochte. War er da drinnen, sicherte einen Tatort und ließ deswegen niemanden hinaus? Was konnte Jenny dort nur getan haben? In diesem Moment hätte Jeffrey alles dafür gegeben, um die Szene, die sich vor ihm abspielte, anhalten zu können, um erst einmal genau herauszufinden, was eigentlich los war.

Jeffrey lud seine Waffe durch. Sara riss bei dem Geräusch den Kopf herum, und streckte ihm eine Hand entgegen, als wolle sie sagen: Nein, beruhige dich. Tu das nicht. Er sah über ihre Schulter hinweg zum Eingang der Bahn. Er hatte erwartet, dort eine Traube von Neugierigen zu sehen, die ihre Nasen an die Scheibe pressten. Aber da war niemand. Was war drinnen nur passiert, das interessanter sein konnte als das, was sich hier vor ihm abspielte?

Sara versuchte es nochmal. Sie sagte: »Es geht ihr gut, Jenny. Komm mit und überzeuge dich.«

»Dr. Linton«, sagte Jenny mit bebender Stimme. »Bitte reden Sie nicht mehr mit mir.«

»Kleines«, erwiderte Sara ebenso zittrig wie Jenny. »Sieh mich an. Bitte, sieh mich an.« Als das Mädchen nicht reagierte, sagte Sara: »Es geht ihr gut. Ich verspreche dir, es geht ihr gut.«

»Sie lügen«, antwortete Jenny. »Ihr seid alle Lügner.« Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Jungen zu. »Und du bist der schlimmste Lügner von allen«, sagte sie zu ihm. »Für das, was du getan hast, wirst du in der Hölle schmoren, du Scheißkerl.«

Der Junge wurde plötzlich wütend und schleuderte ihr ein speichelsprühendes »Da seh ich dich dann wieder, Miststück« entgegen.

Jennys Stimme klang auf einmal gefasst. Etwas schien zwischen ihr und dem Jungen geklärt zu sein, und als sie antwortete, klang ihre Stimme kindlich. »Das weiß ich.«

Aus dem Augenwinkel sah Jeffrey, dass Sara weiter nach vorn ging. Er beobachtete auch, dass Jenny über den kurzen Lauf ihrer Beretta hinweg den Kopf des Jungen ins Visier nahm. Das Mädchen stand wie versteinert da und wartete. Ihre Hände zitterten nicht, ihre Lippen bebten nicht.

»Jenny…«, fing Jeffrey an. Er suchte nach einem Ausweg. Er konnte doch nicht auf ein kleines Mädchen schießen. Er würde niemals seine Waffe auf dieses Kind abfeuern können.

Jenny sah über die Schulter, und Jeffrey folgte ihrem Blick. Endlich war ein Polizeiwagen vorgefahren, und mit gezogenen Waffen stiegen Lena Adams und Brad aus. Mit Jeffrey an der Spitze bildeten sie zu dritt eine Formation wie aus dem Lehrbuch.

»Erschießt mich«, sagte Jenny. Immer noch hatte sie ihre Beretta auf den Jungen gerichtet.

»Waffe runter«, befahl Jeffrey den beiden Polizisten. Brad gehorchte sofort, aber Jeffrey sah, dass Lena zögerte. Er warf ihr einen strengen Blick zu und wollte seinen Befehl wiederholen, da senkte auch sie ihre Pistole.

»Ich tue es«, flüsterte Jenny. Sie verharrte unglaublich still, sodass Jeffrey sich fragte, was wohl in diesem Kind vorging, dass es sich so bedingungslos dieser Situation ergab.

Jenny räusperte sich und sprach gefasst und deutlich: »Ich werde es tun. Ich hab es schon mal gemacht.«

Jeffrey sah Sara an, als suche er ihre Bestätigung, aber ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem jungen Mädchen mit der Pistole.

»Ich habe es schon mal gemacht«, wiederholte Jenny. »Erschießt mich, oder ich werde erst ihn abknallen und dann mich.«

Zum ersten Mal an diesem Abend erwog Jeffrey ernsthaft abzudrücken. Er versuchte sich mit aller Kraft davon zu überzeugen, dass sie für den Jungen, der vor ihr stand, trotz ihres Alters eine unzweifelhafte Gefahr bedeutete. Wenn er sie nur am Bein oder an der Schulter traf, könnte sie immer noch feuern. Auch wenn er auf ihren Rumpf zielte, bestand die Möglichkeit, dass sie mit letzter Kraft einen Schuss abgab, bevor sie zusammensackte. So wie Jenny ihre Beretta hielt, wäre der Junge tot, bevor sie am Boden lag.

»Männer sind so schwach«, zischte Jenny und visierte ihr Ziel an. »Ihr macht nie das Richtige. Ihr sagt, ihr werdet es tun, aber tut es dann doch nie.«

»Jenny…«, bat Sara inständig.

»Ich zähle bis fünf«, warnte Jenny. »Eins.«

Jeffrey schluckte schwer. Sein Herz schlug so laut, dass er das Mädchen nur noch sah und fast gar nicht mehr hörte.

»Zwei.«

»Jenny, bitte.« Sara faltete die Hände wie zum Gebet. Sie waren dunkel, beinahe schwarz vor Blut.

»Drei.«

Jeffrey zielte. Sie würde es nicht tun. Es konnte einfach nicht sein, dass sie es tat. Sie war kaum älter als dreizehn! Dreizehnjährige Mädchen erschießen doch keinen Menschen! Das hier war Selbstmord!

»Vier.«

Jeffrey sah, wie sich ihr Finger um den Abzug schloss, sah, wie sich die Muskeln ihres Unterarms in Zeitlupe bewegten, als sie den Finger krümmte.

»Fünf!«, schrie sie, und ihre Halsvenen traten hervor. Sie befahl: »Erschießt mich, verdammt!«, und wappnete sich gleichzeitig für den Rückstoß der Beretta. Er sah, wie sich ihr Arm anspannte und ihr Handgelenk versteifte. So schleppend verstrich die Zeit, dass er genau erkannte, wie die Muskeln ihres Unterarms arbeiteten, damit ihr Finger auf den Abzug drücken konnte.

Sie bot ihm noch eine letzte Chance, indem sie schrie: »Erschieß mich!«

Und er schoss.

Drei

Mit seinen achtundzwanzig Wochen wäre Jenny Weavers Kind auch außerhalb der Gebärmutter lebensfähig gewesen, wenn seine Mutter nicht versucht hätte, es die Toilette hinunterzuspülen. Der Fötus war gut entwickelt und wohl genährt. Der Hirnstamm war intakt, und mit ärztlicher Unterstützung hätten sich wohl auch die Lungen im Laufe der Zeit ausgebildet. Die Hände hätten zu greifen gelernt, die Füße, sich abzurollen, die Augen zu blinzeln. Und schließlich hätte auch der Mund gelernt, von etwas anderem zu sprechen als von den Schrecken, die er Sara jetzt stumm mitteilte. Die Lungen hatten den ersten Atem empfangen, der Mund hatte nach Leben gelechzt. Und dann war es getötet worden.

Während der vergangenen dreieinhalb Stunden hatte Sara versucht, das Baby aus den Teilen wieder zusammenzufügen, die Jenny Weaver in dem roten Rucksack zurückgelassen hatte, der im Mülleimer der Videospiel-Halle gefunden worden war. Ihre Hände zitterten dabei, und Sara hatte oft ein zweites Mal ansetzen müssen, weil ihr die Finger beim ersten Versuch nicht gehorcht hatten.

Aber es ging nicht. Das Trauma, das dieser werdende Mensch erlitten hatte, ließ sich einfach nicht verbergen. Schließlich gestand sich Sara ein, dass die selbst gewählte Aufgabe ein vergebliches Unterfangen bleiben würde.

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