Verliebt in Lady Boss - Celia Martin - E-Book

Verliebt in Lady Boss E-Book

Celia Martin

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Beschreibung

Was, wenn sie dein Herz bricht? Taff, taffer, Penelope Smith! Seit Ankunft der neuen Chefin weht ein kühler Wind in der Firma. Nur Tessa findet die Neue auf eine Art aufregend, die ihr Herz zunehmend schneller schlagen lässt. Dumm nur, dass die nichts als ihre Karriere im Sinn hat und von Romantik so gar nichts wissen will. Denn sie hat ein Geheimnis zu wahren. Ganz besonders vor Tessa … Die Geschichte zweier ganz unterschiedlicher Frauen. Tessa ist romantisch und braucht Harmonie wie die Luft zum Atmen. Penelope hat nur ihre Karriere im Sinn und kämpft auch mal mit harten Bandagen. Kein Wunder, dass recht bald nach Ankunft der "Neuen" in der Firma der Haussegen schief hängt. Dumm auch, dass Tessa schnell zwischen die Fronten gerät. Denn sie kann sich der Anziehungskraft von Lady Boss immer weniger entziehen. Mit Ankunft der zielstrebigen Unternehmensberaterin Dora verändern sich plötzlich die Vorzeichen. Und Tessa muss sich fragen, ob man mit der rosaroten Brille vielleicht doch nicht so gut sieht.

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Seitenzahl: 314

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Celia Martin

Verliebt in Lady Boss

Lesbischer Liebesroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Titelei

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Celia Martin

 

 

Verliebt in Lady Boss

 

Lesbischer Liebesroman

Sämtliche Personen und Geschehnisse sind erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder verstorben, wären rein zufällig.

 

 

 

Copyright

 

Text: © 2020/2021 Celia Martin

Cover unter Verwendung von Motiven von

Shutterstock (73683154) und

Pixabay

Herzornament und Smiley: Pixabay

 

Dieser Roman ist auch als Taschenbuch erhältlich.

 

 

Das Werk unterliegt dem Urheberrecht.

Es darf, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der

Autorin wiedergegeben werden.

Über die Geschichte

 

Was, wenn sie dein Herz bricht? Taff, taffer, Penelope Smith! Seit Ankunft der neuen Chefin weht ein kühler Wind in der Firma. Nur Tessa findet die Neue auf eine Art aufregend, die ihr Herz zunehmend schneller schlagen lässt. Dumm nur, dass die nichts als ihre Karriere im Sinn hat und von Romantik so gar nichts wissen will. Denn sie hat ein Geheimnis zu wahren. Ganz besonders vor Tessa …

Die Geschichte zweier ganz unterschiedlicher Frauen. Tessa ist romantisch und braucht Harmonie wie die Luft zum Atmen. Penelope hat nur ihre Karriere im Sinn und kämpft auch mal mit harten Bandagen. Kein Wunder, dass recht bald nach Ankunft der „Neuen“ in der Firma der Haussegen schief hängt. Dumm auch, dass Tessa schnell zwischen die Fronten gerät. Denn sie kann sich der Anziehungskraft von Lady Boss immer weniger entziehen. Mit Ankunft der zielstrebigen Unternehmensberaterin Dora verändern sich plötzlich die Vorzeichen. Und Tessa muss sich fragen, ob man mit der rosaroten Brille vielleicht doch nicht so gut sehen kann.

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

Traditionsunternehmen Schulz & Söhne von chinesischer Holding übernommen

 

Chinesische Investoren haben das Mittelstandsunternehmen Schulz & Söhne Gewächshausbau, übernommen. Man habe sich auf einen »sehr guten Plan« geeinigt, der es dem zuletzt stark gebeutelten Familienbetrieb ermöglichen soll, unter neuer Leitung zu alter Stärke zurückzufinden und zukünftig auch am internationalen Markt eine größere Rolle zu spielen, so eine Vertreterin des jetzigen Eigentümers Zhang Industries. Man strebe ein sozialverträgliches Engagement an. Alle Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben.

 

Ich hatte den Artikel in der Regionalzeitung noch nicht fertiggelesen, als am Fenster unseres Büros Aufruhr entstand.

»Sie sind da«, rief jemand. Zwei Stockwerke tiefer hielten drei schwarze Limousinen vor dem Haupteingang. Ein Empfangsmitarbeiter stürzte auf die erste davon zu und riss die Tür auf. Heraus stiegen zwei Chinesen mittleren Alters, die Laptoptaschen über die Schulter gehängt und eine zierliche Chinesin in einem dunkelblauen Businesskostüm.

»Ob sie das ist?«, murmelte meine Kollegin Karlotta.

»Quatsch, viel zu jung«, antwortete unsere Chefbuchhalterin Sigrid Notrott und schob ihre Brille etwas höher auf die Nase.

Der zweiten Limousine entstiegen nur zwei Personen, eine Weiße, vermutlich Anfang dreißig, in einem schicken schwarzen Hosenanzug und eine untersetzte Chinesin, deren grau meliertes Haar in dicken Locken gedreht auf die Schulter fiel.

»Das ist sie«, wisperte jemand.

»Oh Gott«, entfuhr es mir. Denn im selben Moment hatte die Frau nach oben geblickt und uns eine missmutige Miene präsentiert.

Dem dritten Wagen entstiegen drei ältere Herren, allesamt ernst, bebrillt und kaum voneinander zu unterscheiden. Eilig gingen alle ins Haus und wir traten oben von den Fenstern zurück.

»Meine Güte«, jammerte die Notrott. »Die neue Geschäftsführerin sieht so bärbeißig aus, die macht mir jetzt schon Angst.«

Wenn ich ehrlich war, ging es mir ähnlich. Wir alle vermissten unseren alten Chef schmerzlich. Er war eine Seele von Mensch, für den man gerne arbeitete. Wir betrachteten uns als eine große und überwiegend glückliche Familie. Aber nun schien es, als ob neue Saiten aufgezogen würden. Die gesamte Belegschaft war schon seit Monaten wie elektrisiert von der Aussicht, dass ab dem heutigen Tag alles anders werden würde. Gearbeitet wurde an diesem Morgen nicht, vielmehr redeten wir uns die Köpfe heiß und den Mund fusselig mit all den Spekulationen, die mit dem Verkauf und den neuen Eigentümern verbunden waren.

»Chinesen haben andere Vorstellungen von Mitbestimmung«, hatte uns unser Betriebsratsvorsitzender düster erklärt.

»Womöglich müssen wir jetzt alle Chinesisch lernen«, fürchtete die Notrott, die bereits die Tage bis zu ihrem Renteneintritt in zwei Jahren zählte.

»Keiner weiß, wie viele von uns entlassen werden«, munkelte es im Schreibpool.

 

Ich selbst hatte versucht, cool zu bleiben. Klar, es standen vermutlich einschneidende Veränderungen an. Unser bisheriger Chef war im Vorjahr 70 geworden. Keines seiner drei Kinder hatte Interesse gezeigt, den Betrieb zu übernehmen. Vielleicht auch, weil die nötige Fortune am Absatzmarkt ausgeblieben war. »Die Konkurrenz aus Fernost hat uns bereits an den Rand gedrängt. Dort wird einfach billiger produziert. Das lohnt sich hier nicht mehr«, hörte man allenthalben. Tja, und nun hatte uns eben diese Konkurrenz geschluckt.

»Wäre es euch lieber gewesen, unser alter Chef hätte einfach dichtgemacht und wir wären alle auf der Straße gestanden?«, hatte Karlotta uns vor ein paar Monaten gefragt. Natürlich nicht. In unserer etwas im Abseits zwischen Frankfurt und Stuttgart gelegenen Kleinstadt gab es nicht die ganz große Auswahl an Arbeitsplätzen. Dennoch war es uns äußerst unbehaglich zumute gewesen. Zumal sich keiner der neuen Eigentümer persönlich bei uns hatte blicken lassen. Heute nun war die Zeit des Wartens vorbei.

***

 

Im Damen-Waschraum im 2. Stock herrschte lautstarke Aufregung. Die weibliche Belegschaft aller Abteilungen hatte es sich angewöhnt, sich hier zu versammeln, wenn es etwas zu besprechen gab. Karlotta saß auf dem breiten Sims vor der halben Wand, die die Kabinen von den Waschbecken abtrennte.

»Diese Frau Zhang, die sieht so aus, als ob sie kleine Kinder zum Frühstück isst«, gluckste sie und zog direkt unter dem »Rauchen verboten«-Schild genüsslich an ihrer Zigarette.

»Da muss ich wohl aufpassen«, krähte unsere Azubine Becky, wobei sie mit angestrengt hochgezogenen Brauen ihre Wimpern zum x-ten Mal tuschte, sodass sie aussah, als habe sie ein Fell über den Lidern.

»Die schönen Zeiten hier sind auf jeden Fall vorbei«, gab nun auch die Notrott ihren Senf dazu, während sie einen gewaltigen Stoß Haarspray in ihre hochgenudelten Haare sprühte. Unwillkürlich befürchtete ich, Karlotta würde mitsamt ihrer glühenden Zigarette in Flammen aufgehen, aber zum Glück geschah nichts.

»Pfui Teufel, das stinkt!«, kreischte dafür eine unserer Sekretärinnen.

Karlotta und ich lachten, es war das Übliche. Es wurde gefrotzelt, gelacht, getratscht, heimlich geraucht.

»Mist! Schon so spät, ich kriege gleich einen wichtigen Anruf.« Karlotta rutschte nach einem Blick auf ihre Uhr eilig vom Sims, löschte ihre Zigarette sorgfältig unter fließendem Wasser und warf den Stummel in den Papierkorb. Als habe sie damit das Startsignal für die Rückkehr an die Schreibtische gegeben, räumten alle ihren Kram in die Taschen und eine nach der anderen verließ den Waschraum. Ich war die Letzte, wusch mir noch die Hände, als die Tür hinter unserer Empfangsdame Anita lautstark zuknallte. Gedankenverloren zog ich eines der Papierhandtücher aus dem Spender. Was würde aus mir werden? Mein Job bestand darin, das Image der Firma nach außen zu tragen und zu pflegen. Ob das jetzt einer dieser jungen, in allen sozialen Netzwerken fitten Chinesen übernehmen würde? Womöglich musste ich ab sofort damit rechnen, einem von denen zuarbeiten zu müssen. Denn einen Uniabschluss konnte ich nicht vorweisen. Vielmehr war ich Quereinsteigerin und dank der bisher geltenden mitarbeiterfreundlichen Aufstiegschancen an meinen jetzigen Platz geraten. Mir gefiel mein Job, ich war für meine Begriffe durchaus erfolgreich und obwohl ich den Verkauf der Firma und alle damit zusammenhängenden Fragen bisher verdrängt hatte, wurde ich jetzt doch ein wenig nervös. Ich sah auf die Uhr. In einer Stunde war Mitarbeiterversammlung. Dann stellten sich die Neuen vor. Vermutlich erfuhren wir dabei endlich, was man mit uns und dem Betrieb vorhatte.

Hinter mir rauschte eine Wasserspülung und ich blickte zum Durchgang zu den Toiletten. Ich hatte mich alleine hier gewähnt. Gleich darauf erklangen Schritte. Als die Frau im schwarzen Hosenanzug in den Vorraum trat, zuckte ich zusammen.

»Oh«, sagte sie mit einer dunklen, etwas rauen Stimme. »Ich dachte nicht, dass noch jemand hier ist.« Seelenruhig trat sie zu einem der Waschbecken und seifte sich die Hände ein.

Mir war unwohl. Ich hatte das sichere Gefühl, sie habe all unsere Gespräche belauscht. Würde sie es ihrer Chefin erzählen?

»Ich war schon auf dem Sprung«, presste ich heraus.

Sie sah zu mir herüber und der Blick ihrer dunkelblauen Augen nagelte mich fest.

»Die Belegschaft ist nicht sehr erfreut, von Chinesen übernommen zu werden.« Es war keine Frage, es war eine Feststellung.

Ich schluckte hart. »Wir wissen alle nicht, was uns erwartet«, entgegnete ich leise.

»Weiß man das denn jemals im Leben?« Ruhig betrachtete sie mich, während sie dicht an mir vorbei zu dem Spender mit den Papierhandtüchern griff. Verwirrt trat ich einen Schritt zur Seite und atmete ihren Duft ein. Wie dunkler Honig mit einem Hauch Sandelholz. Sie trocknete sich sorgfältig die Hände ab und unwillkürlich sah ich ihr dabei zu. Lange, schön geformte Finger mit kurzen Nägeln, gepflegt aber unmanikürt. Sie trug keinen Ring und ich fragte mich, warum mir das überhaupt auffiel.

Jetzt knüllte sie das Papier zusammen und warf es mit Schwung in den dafür vorgesehenen Papierkorb.

»Sie sollten positiv an die Sache rangehen«, setzte sie das Gespräch fort. »Die Chinesen werden die Firma anders führen als gewohnt, aber es lohnt sich durchaus, sich auch mal auf neue Dinge einzulassen.« Ein leichtes Lächeln teilte ihre schmalen, schön geschwungenen Lippen. Jetzt drehte sie sich zum Spiegel und strich sich ein paar Haare glatt, die aus dem locker gesteckten Knoten gerutscht waren. Ihr Schopf war so dunkel wie Espresso und schimmerte wie lackiert. Ihr Blick suchte erneut den meinen.

»Haben Sie geraucht?«

Ich beeilte mich, den Kopf zu schütteln.

»Gut. Denn das wird in Zukunft innerhalb des Firmengebäudes definitiv nicht geduldet.«

Sie zog sich das Jackett zurecht und bewegte sich in Richtung Tür. »Kommen Sie nicht?«, fragte sie, als sie an mir vorbeiging.

Verwirrt folgte ich ihr auf den Gang hinaus.

»In einer Stunde wissen Sie mehr«, rief sie mir im Weggehen zu. Wieder mit diesem leichten Lächeln.

***

»Die Referentin von der Zhang. Das ist eine ganz knallharte Betriebswirtin.« Becky hatte sich bereits schlau gemacht, vermutlich beim Betriebsrat und jetzt informierte uns unsere Auszubildende über das, was uns ihrer Meinung nach bevorstand.

»Die wird uns hier wegrationalisieren, das geht ruckzuck.«

»Immer mit der Ruhe«, unterbrach ich das in unserem Büro aufgeregt geführte Gespräch zwischen ihr und Karlotta, als ich dorthin zurückkam.

»Vielleicht wird ja alles nicht so schlimm«, beruhigte ich die beiden. »Ich habe gerade mit der Referentin gesprochen, sie macht gar keinen so schlechten Eindruck.«

Das war mal stark untertrieben. Die Neue hatte etwas an sich, das mich leicht unruhig werden ließ. Sie wirkte cool und souverän, gleichzeitig schürte sie in mir das Verlangen, die Frau hinter der Fassade kennenzulernen.

So suchte mein Blick eine knappe Stunde später zuerst nach ihr, als wir uns im großen Besprechungsraum unserer Firma versammelten. Alle sechzig Mitarbeiter fanden dort Platz, man hatte die Stuhlreihen locker im Halbkreis gestellt, die Jalousien gegen die Mittagssonne halb geschlossen und am Eingang stand ein Tisch mit kalten Getränken bereit.

Ich nahm neben Karlotta und Becky in der dritten Reihe Platz. Das Podium vor uns war noch unbesetzt. Lediglich Namenskarten waren aufgestellt.

»Mr Huan«, stand auf einer. »Ms Smith«, auf einer anderen. »Herr Burgs«, das war unser Justitiar, und »Ms Zhang«, von der wir alle wussten, dass sie die Ehefrau des jetzigen Eigentümers und damit unsere zukünftige Geschäftsführerin war. Ein Kärtchen konnte ich nicht zuordnen. »Mr Chin-Parker« stand darauf.

Punkt zwei öffnete sich die hintere Tür, fünf Personen betraten den Raum und nahmen auf dem erhöhten Podium Platz. Chin-Parker war einer der jungen Chinesen, der bei Bedarf als Dolmetscher fungieren würde. Mr Huan war bereits älter, er sei, so erfuhren wir sogleich, der designierte Produktionsleiter neben unserem bisherigen. Der würde in einem Jahr in Rente gehen, sodass wir alle ahnten, worauf das hinauslief.

Ms Zhang war die ältliche Chinesin, die keinen Ton sagte und alles, was gesagt werden musste, ihrer Referentin Smith überließ. Deren dunkelblaue Augen streiften sämtliche Anwesenden, bevor sie sich einmal kurz übers Haar fuhr und mit ihrer dunklen, etwas rauen Stimme zu uns sprach. Ungefähr eine halbe Stunde später verließen wir alle den Raum. Ich denke, dass der Großteil der Belegschaft erleichtert war, denn das, was Frau Smith uns gesagt hatte, hörte sich sehr beruhigend an.

Ja, man müsse den Betrieb neu aufstellen, alles käme auf den Prüfstand, straffer müsse man werden in der Produktion und engmaschiger in der Kommunikation nach innen. Aber nein, es sei zum jetzigen Zeitpunkt keine Verschlankung beim Personal geplant. Natürliche Fluktuation mal ausgenommen. Hier, so sagte sie uns ganz ehrlich, würde auf jeden Fall geprüft, ob und wie eine Neueinstellung nötig sei.

Sie selbst, sagte Frau Smith, werde in jede einzelne Abteilung kommen und sich dadurch einen Überblick verschaffen. Danach berichte sie an Ms Zhang direkt.

»Ganz sicher werden wir alle unsere Schritte eng mit dem Betriebsrat abstimmen«, sie nickte bei diesen Worten nach vorne rechts, wo unsere zwei Personalvertreter saßen. Bisher hatten sie nie viel zu tun gehabt. Ob sich das nun ändern würde?

Darüber hinaus wolle man den Betrieb weder zerschlagen noch weiterverkaufen, sondern für die Zukunft neu aufstellen.

Wenn ich ehrlich bin, atmete ich nach dieser Ansprache innerlich auf. Es hörte sich alles nicht so schlecht an, wie befürchtet. Dennoch ahnte ich, dass die Sache nicht so einfach werden würde. Die düsteren Blicke, die Ms Zhang uns zugeworfen hatte, sprachen nämlich eine ganz eigene Sprache.

***

Chiara, Julie und Abby, meine drei besten Freundinnen, warteten bereits bei unserem Stamm-Griechen auf mich.

»Und, wie war’s?«, wollten sie wissen. Chiaras grüne Augen zogen sich vor Neugier zusammen wie bei einer Katze. Julies Sommersprossen tanzten auf ihrer Nase, weil sie, wie fast immer, aufmunternd lächelte. Abby sah mich einfach nur interessiert an.

Wir vier kannten uns schon Ewigkeiten und hatten etliche Höhen und Tiefen des Lebens gemeinsam genommen. So unterschiedlich wir alle waren, die kühle Chiara, die heitere Julie, die pragmatische Abby und ich, die ich nach Meinung meiner Freundinnen ebenso hilfsbereit wie romantisch war, wir hielten zusammen wie Pech und Schwefel.

»Merkwürdig«, gab ich zurück und bestellte bei Kostas per Handzeichen ein Glas Wein. »Unsere neue Geschäftsführerin ist eine Chinesin, Frau Zhang. Sie hat kein Wort gesagt, alles ihrer Referentin Smith überlassen.«

Der Wein wurde serviert. »Willst du was essen?«, fragte Kostas. Die drei anderen hatten bereits bestellt und ich verspürte schon beim Gedanken an eine saftige Portion Juvetsi großen Hunger.

»Also, diese Smith«, fuhr ich fort, als der Wirt gegangen war, »die hat doch tatsächlich unseren Klatsch und Tratsch auf der Damentoilette mitgehört. Dabei ist sie total cool geblieben.« Ich trank einen Schluck von meinem Wein, machte »Ahh, das tut gut« und fuhr fort. »Später war sie es, die uns die neue Strategie erklärt hat. Hört sich alles ganz vernünftig an.«

»Also keine Entlassungen«, stellte Abby fest.

»Das ist doch toll«, lachte Julie.

»Warten wir es ab«, dämpfte Chiara meinen Enthusiasmus.

»Machiavelli sagt, begehe die Grausamkeiten am Anfang deiner Regentschaft«, warf Abby ein. »Das zumindest haben sie nicht vor.«

Mein Optimismus geriet in eine leichte Schieflage. »Was denkt ihr denn, was sie vorhaben?«

»Sich alles ansehen und dann kommen die Schnitte.« Chiara untermalte ihre Worte mit dem Messer und fuhrwerkte damit durch die Luft.

»Tessa wird ihren Job behalten«, zeigte sich Julie hoffnungsvoll.

Ich konnte nur hoffen, dass sie recht behalten würde.

Als unser Essen kam, hatten wir bereits das Thema gewechselt. Immerhin gab es auch im Leben meiner Freundinnen Neuigkeiten. Chiara hatte mit ihren grünen Augen eine neue Bekanntschaft becirct, Julie überlegte, den Heiratsantrag ihres Jugendfreundes anzunehmen, und Abby vergrub sich seit Wochen in Arbeit. Ihr machte eine Trennung zu schaffen.

Wie immer verging die Zeit wie im Flug, Chiara verabschiedete sich als Erste und als wir anderen drei das Lokal verließen, ging Julie wie üblich in die eine, Abby und ich in die entgegengesetzte Richtung. Als wir am Kanal entlangliefen, hakte sie sich bei mir unter. »Was macht eigentlich dein Liebesleben?«, wollte sie wissen.

Ich seufzte tief. »Keine Neuigkeiten.« Mein Singledasein dauerte bereits über ein Jahr. Meine letzte Beziehung hatte nur wenige Monate gehalten und war nicht sehr harmonisch verlaufen. Ein Umstand, der mich fast noch mehr runterzog als das Alleinsein selbst. »Manchmal denke ich, dass die Frau meiner Träume auf einem fernen Planeten lebt.«

»Und deine Mitbewohnerin? Kann sie dich ein bisschen aufheitern?«

»Melanie ist einfach viel zu selten hier«, murmelte ich. Die Frau, mit der ich die Wohnung teilte, jettete, seit ich sie kannte, um die Welt. »Zurzeit testet sie Hotels auf Bali«, fügte ich dumpf hinzu.

»Oh, ich kann mir schlimmere Jobs vorstellen«, kicherte Abby.

Mel auch. Sie mochte, was sie tat. Hoteltesterin für einen großen Reiseveranstalter. Da flog man schon mal rund um den Globus.

»Zumindest, solange sie nicht auffliegt«, setzte ich hinzu. Alle Tests hatten anonym zu laufen, das war die Grundvoraussetzung. Würde Mel enttarnt, wäre es vorbei mit der Testerei. Ihr Foto, von einem zum nächsten Hotelier geschickt, das wäre der ultimative Super-GAU für sie. Aber meine Freundin war echt kein Typ für einen Schreibtischjob. Das wusste ich genau.

Wir verabschiedeten uns vor Abbys Wohnung mit einer Umarmung und ich ging weiter. Es waren nur ein paar Meter bis zu mir nach Hause. Dort angekommen checkte ich meine Nachrichten. Zwei von Mel, die mir beschrieb, in was für einem wundervollen Hotel sie sich befand. Eine von meiner Großmutter, die mich fragte, wann ich mal wieder zu Besuch käme. Eine von meiner Zahnärztin, es war die halbjährliche Erinnerung an die Vorsorgeuntersuchung.

***

In den kommenden zwei Wochen spürten wir in der Firma kaum eine Veränderung. Karlotta und ich hatten sowieso ziemlich viel zu tun, denn ein Großteil unserer Kunden stellte Fragen im Zusammenhang mit der Übernahme. Würde sich an der Qualität unserer Waren etwas ändern, oder an den Preisen? Wie sicher konnten sie sein, auch in Zukunft mit Kleinstmengen so schnell wie bisher versorgt zu werden? Dazu kam der Jahresbericht des Vorjahres, der in unserer kleinen Abteilung erstellt und traditionell Anfang Juli präsentiert wurde. Wir arbeiteten mit Hochdruck daran, sämtliche Zahlen, Daten und Fakten zusammenzutragen und hatten kaum Zeit, uns mit dem Firmenklatsch zu beschäftigen.

Ms Zhang kam ein oder zwei Mal pro Woche in den Betrieb. Sie marschierte dann schnurstracks in ihr großes Chefbüro an der Nordwestseite unseres Gebäudes, begleitet von mindestens einem der jungen Chinesen, deren Funktion wir noch immer nicht kannten. Mr Huan hingegen arbeitete sich auf eine äußerst ruhige Weise in seinem Aufgabengebiet ein. Gelegentlich sahen wir ihn mit Kollegen in der Kantine sitzen. Dabei war er immer der Leiseste am Tisch. Und der Höflichste, der jeden anderen stets mit leichtem Nicken und Blickkontakt begrüßte und verabschiedete. Ein echtes Lächeln sah man bei ihm allerdings selten.

Ms Smith war, neben Huan, die Einzige, die jeden Tag ins Büro kam. Sehr früh am Morgen, denn wenn ich auftauchte, stand bereits schon ihr schnittiges BMW-Cabrio auf dem Mitarbeiterparkplatz hinter dem Haus auf einem der für die leitenden Angestellten reservierten Plätze. Abends, wenn ich ging, sah ich es immer noch dort und manchmal fragte ich mich, was sie so lange machte. Aber vermutlich war Ms Zhang eine sehr fordernde Arbeitgeberin.

»Sie heißt Penelope mit Vornamen«, verriet mir ausgerechnet unsere Auszubildende eines Tages. Wir hatten schon herumgerätselt, denn sämtliche neuen Kollegen und Vorgesetzten ließen sich stets mit dem Familiennamen ansprechen. »Ich habe es gehört, als sie ein Telefonat auf ihrem Handy annahm. Penelope hier, sagte sie.«

Penelope Smith, das war vermutlich der Name, der gleich darauf von mindestens der Hälfte der Belegschaft gegoogelt wurde. Doch die Ergebnisse waren nichtssagend und keines traf auf unsere Geschäftsführungs-Referentin zu.

***

»Guten Morgen.« Ich fuhr herum und weil ich die Gießkanne noch in der Hand hielt, mit der ich unsere Büropflanzen gewässert hatte, schwappte ein bisschen Wasser auf den Boden.

Penelope Smith stand vor mir und musterte mich mit ruhigem Blick.

»Guten Morgen«, antwortete ich und stellte die Kanne ab. Ein leichter Hauch ihres Honig- und Sandelholz-Parfüms streichelte meine Nase und zwischen meinen Schulterblättern kribbelte es unpassenderweise. Ms Smith war eindeutig eine Frau, die positive Empfindungen in mir auslöste. Nun ja, jedenfalls, bis sie weitersprach.

»Frau Herold, der Geschäftsbericht muss noch einmal überarbeitet werden.« Sie hob das dicke Bündel an, das sie in der Hand hielt. »Wir benötigen die neue Version schon morgen, damit sie noch ins Chinesische übersetzt werden kann.«

Ich merkte, wie meine Augenbrauen wie von selbst nach oben schossen.

»Karlotta, also Frau Walters, hat heute frei«, wagte ich einzuwenden.

Penelope Smiths Miene veränderte sich kaum, dennoch sah sie mich jetzt mit einem Ausdruck an, der mich verunsicherte.

Kriegen Sie das alleine nicht hin?

Mir wurde mulmig. »Also ich, äh, kann es auf jeden Fall versuchen.«

»Versuchen nützt nichts. Es muss morgen früh fertig sein. Danke.« Sie warf den Stapel Papier auf meinen Schreibtisch und stolzierte auf hohen Hacken aus dem Büro.

Uff! Schon beim Blick auf die ersten drei Seiten verließ mich der Mut. Karlotta und ich hatten den Bericht nach demselben Schema gefertigt wie in all den Jahren zuvor. Nun hatte Ms Smith überall etwas hingekritzelt. Es schien, als gefiele ihr gar nichts daran. Nicht nur, dass die Anordnung der einzelnen Punkte verschoben werden sollte, es gab darüber hinaus detaillierten Nachbesserungsbedarf. Zahlen, Daten, Fakten, die wir bisher nicht einmal erhoben hatten, mussten in das Dokument eingefügt werden. Ich fuhr meinen PC hoch. Nach einem Blick auf den Kalender cancelte ich sämtliche Termine, stellte mein Telefon auf Anrufbeantworter und machte mich ans Werk. Doch je weiter ich vorankam, desto verzweifelter wurde ich. Die Notrott jammerte, als sie die Liste der zusätzlich zu erhebenden Zahlen bekam, die unsere Kunden in schnelle, normale und säumige Zahler kategorisierte. Unser Produktionsleiter verstand die Welt nicht mehr, als ich ihn bat, hoppladihopp die Lagerumschlagsgeschwindigkeit jedes Produktes zu berechnen, und ich raufte mir die Haare beim Versuch, Karlottas und meine Arbeit auf einem Tortendiagramm in »direkter Kontakt mit Kunden«, »Verwaltungstätigkeit«, »Berichte« und einiges mehr einzuteilen. Es wäre mir lieber gewesen, wenn meine Kollegin in diese Aufstellung mit einbezogen würde und ich konnte nur hoffen, dass sie sich mit meinen Ergebnissen, die häufig nur geschätzt waren, einverstanden erklärte.

Penelope Smith sah ich erst am Abend wieder. Sie kam, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Da hatte ich bereits meine Abendverabredung abgesagt und befand mich am Rande eines Nervenzusammenbruchs, weil ich partout keine Übersicht darüber erstellen konnte, wie viele Fotokopien pro Abteilung pro Jahr gefertigt wurden.

»Gibt es keine Erfassung direkt an den Geräten?« Frau Smith war neben mich getreten und blickte erstaunt auf das Gekritzel, das ich auf einem Notizblock angefertigt hatte. Entnervt schüttelte ich den Kopf. »Unser Betriebsrat war dagegen. Hielt es für eine Überwachungsmaßnahme.«

»Der Betriebsrat?«, echote Penelope Smith. Es hörte sich an, als spräche sie über eine Krankheit. Dann kräuselte ein leichtes Lächeln ihre blassen Lippen. »Dann werden wir wohl mal mit den Leuten reden müssen.«

Nach weiteren zwei Stunden war ich die Einzige, die noch arbeitete. Im ganzen Haus war Ruhe eingekehrt. Mir knurrte der Magen, aber ich hielt eisern durch. Irgendwann hatte mich der Ehrgeiz gepackt, ich wollte Frau Smith nicht enttäuschen und bis auf ein paar kleinere Punkte hatte ich alles beisammen. Am Ende druckte ich eine Version des neuen Berichts aus und schickte den Text per Mail an Penelope Smith. Danach saß ich einfach so an meinem Schreibtisch, starrte vor mich hin und überlegte, wo und wie ich jetzt schnellstmöglich meinen Hunger stillen konnte.

In diesem Moment hörte ich, dass ich doch nicht alleine war. Zwei Frauenstimmen erklangen vom Gang her, Schritte näherten sich meiner geschlossenen Bürotür, gingen vorbei. Wer mochte das sein? Ich ging zur Tür und öffnete sie einen spaltbreit. Hinten im Flur verschwand gerade Ms Zhang in einem Besprechungszimmer. Wer bei ihr war, hatte ich nicht erkennen können. Ich stand noch so da, als das Ping des Aufzugs erneut jemanden ankündigte. Fast erschrocken trat ich in mein Büro zurück, ließ die Tür aber einen kleinen Spaltbreit offen. Herr Burgs ging schnellen Schrittes vorüber. Auch er verschwand in dem Raum weiter hinten. Nun war meine Neugier geweckt. Ich wartete noch ein bisschen, aber die kleine Versammlung schien vollzählig zu sein. Neben dem Besprechungszimmer befand sich ein Kopierraum, den ich zügig ansteuerte. Zwar konnte man dort nicht hören, was nebenan gesprochen wurde, aber ich hatte mitbekommen, dass unser Justitiar die Tür nicht geschlossen hatte. Der kleine Raum neigte im Sommer dazu, sich aufzuheizen, wenn man nicht Fenster und Türen offenließ, um für ein bisschen Durchzug zu sorgen. Die drei Personen fühlten sich dabei sicher, weil sie glaubten, alleine im Gebäude zu sein.

Tatsächlich konnte ich Herrn Burgs‘ tiefe Stimme hören. » ... Betriebsrat abzustimmen«, sagte er gerade. Ich spitzte die Ohren, konnte jetzt aber nur Ms Zhang etwas auf Chinesisch sagen hören.

»Die Buchhaltung wird verschlankt«, tönte auf einmal Penelope Smith. »Wir werden ein neues Programm installieren, durch das viele Abläufe automatisiert werden.« Oha! Die Notrott würde vermutlich drei Kreuze machen, wenn sie in zwei Jahren in Rente ginge.

»Die Kommunikationsabteilung wird komplett aufgelöst. Sie wird nach der Fusion überflüssig«, fuhr die Smith ungerührt fort und mir blieb fast das Herz stehen.

Burgs warf etwas ein, das mit Arbeitsrecht und Betriebsrat und Sozialverträglichkeit zu tun hatte, woraufhin Penelope Smith und Ms Zhang sich auf Chinesisch austauschten.

»In Ordnung«, hörte ich die Stimme der Assistentin dann sagen. »Bis zum Ende des Jahres haben wir ja noch Zeit, etwas auszuarbeiten.«

Gleich darauf wurden Stühle gerückt und ich machte mich aus dem Staub. Ich nahm nicht den Lift, sondern rannte die Treppe ins Erdgeschoss hinunter. Niemand sollte mich sehen, niemand wissen, dass ich noch im Büro gewesen war. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Diese falsche Schlange Smith! Am liebsten wäre ich ihr an die Gurgel gegangen. Hatte sie uns nicht versichert, wir müssten keine Angst haben? Und jetzt das! Auf einmal ärgerte ich mich nachträglich darüber, dass ich so schnell bereit gewesen war, unbezahlte Überstunden zu schieben, um diesen blöden Bericht umzuarbeiten. Wütend trat ich gegen einen Abfalleimer, nur um gleich darauf mit schmerzverzerrtem Gesicht weiter zu humpeln. Dass diese Dinger aber auch so hart sein mussten!

***

Bei Kostas war an diesem Abend nicht viel los. »Fußball«, erklärte er lapidar und stellte mir den verlangten Ouzo hin.

»Siehst nicht gut aus«, meinte er dann.

Ich fletschte die Zähne. »Die Chinesen haben unseren Betrieb übernommen. Jetzt wollen sie meinen Job wegrationalisieren. Ist nicht gerade ein Grund zum Feiern.«

Kostas gab ein paar mitleidig klingende Laute von sich, während er mit einem Lappen über den Tresen wischte. »Kannst jederzeit bei mir als Kellnerin anfangen«, erklärte er.

Nein danke. Ich hing an meiner Arbeit. Ich machte sie verdammt gut. Die Kunden waren zufrieden. Seit einem halben Jahr wickelten wir auch noch sämtliche Reklamationen ab. Unfassbar, dass dieser Einsatz nicht gewürdigt wurde.

Während ich mein Elend in Ouzo ertränkte, rekapitulierte ich meine Zeit in der Firma. Wir stellten Gewächshäuser her. Nicht nur große, sondern auch handlichere. Für Menschen gedacht, die sie auf ihren Balkonen oder in ihren Kleingärten aufstellten. Unser kleinstes Modell war so groß wie ein Schuhkarton. Bestückt mit Pflanzkugeln konnte man darin bequem alles mögliche Grünzeug vorziehen. Ob Tomaten oder exotische Gemüsesorten, wir lieferten das hübsche Domizil dazu. Gerade im letzten Jahr hatte ich einen firmeninternen Wettbewerb zu einem neuen Design gewonnen. Ein kleines Glashaus mit pinkfarbenen oder mintgrünen Verstrebungen, das einem Puppenhaus ähnelte, hatte mir den Sieg gebracht. Damit gärtnerten jetzt Mädchen und das Ding kam super an. Unsere Kunden waren Gartencenter und Baumärkte. Zu allen hatte ich einen direkten und persönlichen Draht und wusste daher, dass dieses neue Produkt dort der Renner war. »Petersilie statt Barbie«, hatte ich dazu getextet und den ersten 1.000 Bestellungen lagen ein Tütchen Samen und ein Viererpack Anzuchtballen bei. Karlotta hatte sich schlapp gelacht, aber auch sie hatte ihrer Nichte eines davon gekauft.

»Ich bin ein Star«, murmelte ich nach dem dritten Glas. Kostas achtete nicht auf mich, inzwischen war eine größere Runde eingetroffen. Alle wollten noch schnell was essen und er flitzte mit Souvlaki, Gyros und Juvetsi zwischen der Küche und dem Restaurant hin und her.

Den vierten doppelten Ouzo schenkte ich mir selber ein, beim fünften rutschte ich fast vom Hocker.

»Tessa, du gehst jetzt heim«, befand mein Lieblingsgrieche auf einmal streng.

Leider machte die milde Nachtluft mich überhaupt nicht wach. Vielmehr umhüllte sie mich fast schon unangenehm warm. »Hicks«, tönte es aus meiner Kehle und dann gleich noch einmal. Vor meinen Augen verschwamm alles, ich schwankte wie ein Halm im Wind. Jetzt erst fiel mir ein, dass ich gar nichts gegessen hatte. Meine letzte Mahlzeit lag bereits etliche Stunden zurück und hatte aus einem sehr schnellen Salat in unserer Kantine bestanden. Wie gut, dass ich es nicht weit nach Hause hatte. Doch irgendetwas musste schiefgelaufen sein. Nach ungefähr zehn Minuten Fußmarsch stand ich nicht vor meinem Haus, sondern befand mich direkt vor einem Nachtclub. In diesem unseligen Moment überkam mich der Wunsch, etwas Kühles, Erfrischendes zu trinken. Schon hatte ich die Hand nach der Tür ausgestreckt, sie aufgezogen und marschierte durch einen tunnelähnlichen Gang, in dem rote und grüne Lichter zuckten. Sofort wurde mir schwindelig. Taumelnd ging ich dennoch voran, mein Durst wurde immer schlimmer und vertrug sich überhaupt nicht mit dem Gewummer der Bässe, das aus den Tiefen des Clubs zu mir hinausdrang. Als ich an der Tür mit der Aufschrift »Ladies« vorbeikam, änderte ich daher meine Pläne spontan. Ein kühles Wasser aus dem Hahn würde es unter diesen Umständen auch tun müssen. So stolperte ich in den Waschraum. Eine Frau stand dort an einem der Becken. Sie beäugte mich misstrauisch, als ich mich wie eine Verdurstende unter den Hahn hängte. Kühles, frisches Nass! Mit jedem Schluck schien es mir besser zu gehen und als ich mir zum Schluss auch noch zwei Handvoll Wasser ins Gesicht schaufelte, fühlte ich mich wie neugeboren.

Schwer atmend hob ich den Kopf, strich meine nassen Haare aus dem Gesicht und betrachtete mein Spiegelbild. Normalerweise lockt sich mein blondes Haar auf Ohrläppchenhöhe fluffig ums Gesicht, jetzt hing es nass und schlapp herunter. Meine haselnussbraunen Augen schienen sich aufeinander zuzubewegen und ich war so blass, ich hätte als Gespenst durchgehen können. Immer noch leicht schwankend richtete ich meine Kleidung. Meine zartgelbe Bluse war mir aus der Hose gerutscht und wies einen Fleck auf, der verdächtig nach Ouzo roch. So, wie ich vermutlich auch. Zeit, nach Hause zu gehen, zu duschen und sich ins Bett zu legen. Doch jetzt meldete sich erst einmal meine Blase. Ich nickte der Fremden zu und bewegte mich betont aufrecht auf eine der Kabinen zu. Während ich es plätschern ließ, fiel mir das ganze Elend wieder ein, weswegen ich mich überhaupt betrunken hatte. Ich spülte und blieb noch ein bisschen sitzen. Es war einfach zu bequem hier. Mein Kopf sank nach vorne bis zu meinen auf den Schenkeln verschränkten Arme. Nur ein bisschen ausruhen, dachte ich, dann war ich weg.

***

»Hallo! Hallo Sie da drin! Alles in Ordnung?!« Die Worte wurden durch ein heftiges Klopfen unterstrichen. Ich schrak zusammen, rutschte vom Klodeckel und landete unsanft auf dem Hosenboden. Wenigstens war ich angezogen.

»Moment«, krächzte ich heiser. Betätigte alibihalber noch einmal die Spülung und riss die Tür auf. Davor stand ein halbes Dutzend Frauen in mehreren Stadien der Dringlichkeit. Nebenan rauschte das Wasser, dann öffnete sich auch diese Tür.

»Sie sind schon ewig lange da drin«, schimpfte die Frau, die meiner Kabine am nächsten stand, bevor sie im Eiltempo hineinrauschte und die Tür zuknallte. Was war geschehen? War ich auf dem Klo eingepennt? Mit unsicheren Schritten stakste ich davon. Hinaus aus dem Damenklo, den dunklen Gang entlang. Vorbei an den wummernden Bässen, die mir Magenprobleme bereiteten, aus dem Club hinaus in die inzwischen deutlich abgekühlte Nacht. Schwer atmend blieb ich vor der Tür stehen. Noch immer drehte sich alles in meinem Kopf. Verdammt, daran war nur diese Penelope Smith schuld! Dieses Biest, das mich arbeiten ließ bis zum Umfallen, mich anlog und mich Ende des Jahres rausschmeißen würde!

Ich hob den Kopf und kniff die Augen zusammen. Jetzt erkannte ich, wo ich war. Mühsam machte ich mich erneut auf den Heimweg, dieses Mal in die richtige Richtung. Den Weg wollte ich über einen kleinen Grünstreifen abkürzen. Ich musste dringend in mein Bett. Doch schon nach wenigen Schritten rebellierte mein Magen. Ich schaffte es gerade noch neben einen Strauch, da bahnte sich der Ouzo den Weg ins Freie. Würg, würg. Schwer atmend blieb ich nach der Kotzerei stehen, tastete nach meiner Tasche.

»Hier, nehmen Sie das.« Fast wäre ich vor Schreck in die Höhe gesprungen, so unvermutet kam die Stimme, direkt hinter mir. Eine Hand erschien in meinem Sichtfeld, sie hielt ein hell leuchtendes Taschentuch.

»Öh, danke«, nuschelte ich, wischte mir den Mund ab und straffte die Schultern.

»Geht’s wieder?«

Etwas irritierte mich an der Stimme und als ich bemerkte, was es war, drehte ich mich ganz, ganz langsam um.

»Frau Smith.« Meine Stimme war fast tonlos.

»Wohnen Sie hier in der Nähe?«, wollte sie wissen.

Ich nickte, wie ich fand ruckartig.

»Dann begleite ich Sie am besten.« Ohne eine Antwort abzuwarten, griff sie nach meinem Ellbogen und dirigierte mich zurück auf den Weg. »Hier entlang?« Sie zeigte in die richtige Richtung, daher musste ich lediglich nicken.

Zehn Minuten später standen wir vor der hohen Eingangstür des Altbaus, in dem ich mir mit Melanie eine schöne Drei-Zimmer-Wohnung mit hohen Decken aber ohne Balkon teilte.

»Hicks«, ertönte es aus der Tiefe meines Bauchraums.

»Haben Sie Ihren Schlüssel parat?«, wollte Ms Smith wissen.

Noch immer stand ich nicht wirklich sicher auf den Beinen und in meinem Kopf herrschte der Nebel des Grauens. Dennoch nickte ich matt und wühlte in meiner Tasche herum. In diesem Moment wurde die Tür von innen aufgerissen, Melanie stürmte heraus wie ein Wirbelwind. Vermutlich verabredet und wie üblich zu spät dran.

»Tessa. Süße. Was ist denn mit dir los?«, rief sie, als sie mich sah.

»Ich glaube, sie hat ein bisschen zu viel getrunken.«

»Ach so? Das kommt bei ihr ja selten vor.«

»Sie sollte auf jeden Fall schleunigst ins Bett.«

»Mache ich. Wir wohnen zusammen.«

»Hey, ich bin anwesend«, meldete ich mich zu Wort.

»Jetzt, wo Sie sicher zu Hause angekommen sind, verabschiede ich mich besser.«

Penelope Smith ließ meinen Arm los, was mich erneut ins Schwanken brachte. Dieses Mal fing Melanie mich auf.

»Wer war das?«, fragte sie und sah Penelope hinterher.

»Meine Neue«, murmelte ich, bevor mich ein unkontrolliertes Kichern schüttelte.

»Oops, dann wollen wir mal hoffen, dass sie keinen schlechten Eindruck von dir bekommen hat.

Wenn du wüsstest, wie egal mir das gerade ist!

Aber ich sagte nichts, sondern ließ mich widerstandslos auf mein Zimmer bringen.

Kapitel 2

 

Am darauf folgenden Tag trudelte ich, dank unserer großzügigen Gleitzeitregelung, zum spätestmöglichen Zeitpunkt im Büro ein. Karlotta saß an ihrem Arbeitsplatz und knabberte an den Fingernägeln. Ich ließ mich vorsichtig ihr gegenüber auf den Bürostuhl sinken und stellte eine große Flasche stilles Mineralwasser auf dem Schreibtisch ab.

»Du siehst ziemlich mitgenommen aus«, teilte meine Kollegin mir mit. Etwas in ihrer Stimme ließ mich aufhorchen.

»Die Smith hat bereits zwei Mal nach dir gefragt«, fuhr Karlotta fort. »Sie braucht noch ein paar Infos zu dem Geschäftsbericht. Die konnte ich ihr nicht geben.« Sie senkte die Stimme. »Du hast da ein paar Dinge reingeschrieben ...«

Ich hatte es ja geahnt, dass meine freizügige Interpretation bei ihr zumindest auf Unverständnis stoßen würde.

»Ich weiß«, flüsterte ich zurück. »Sie wollte Zahlen, Daten, Fakten die wir bisher nie erhoben haben. Oder könntest du aus dem Effeff sagen, wie viel Prozent deiner Arbeitszeit du mit individuellen Kundennachfragen verbringst?«

»Im Zweifelsfall so viel wie möglich«, gab Karlotta zurück. Sie blätterte in dem ausgedruckten Exemplar herum. »Immerhin kann man individuelle Nachfragen nicht mit einem standardmäßigen FAQ-Bereich auf der Firmenwebseite beantworten.«

Ich nickte unvorsichtigerweise ziemlich heftig und stöhnte gleich darauf auf.

»Du hast also bereits geschnallt, wie der Hase hier läuft.«

»Wenn der Hase Penelope Smith heißt, hätte ich jetzt gerne eine Flinte zur Hand«, erwiderte sie düster. Im nächsten Moment flog die Tür auf.

Wenn man von der Teufelin spricht ...

»Frau Walters, ich hatte Sie doch gebeten, mir gleich Bescheid zu geben.« Sie hatte die Stimme nicht erhoben, jedoch gelang es ihr vortrefflich, einen tadelnden Unterton hineinzulegen.

»Ich bin eben erst gekommen«, erklärte ich.

Sie musterte mich einen Moment lang und mir wurde mulmig unter diesem Blick.

»Es gibt noch Gesprächsbedarf. In zehn Minuten in meinem Büro. Danke.«

Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, legte ich die Arme auf den Schreibtisch und meinen Kopf darauf. »Mensch Karlotta, ich saß hier gestern den ganzen Abend noch und habe versucht, sämtliche Anmerkungen, Nachfragen und Kommentare zu unserem Bericht zu bearbeiten. Wenn die mir jetzt noch mit neuen Sachen kommt, flippe ich aus.«

Karlotta hob den angewinkelten Arm und tat so, als ließe sie die Muskeln spielen. »Wir sind zu zweit.« Sie grinste.

Ob ich ihr sagen sollte, was ich am Vorabend gehört hatte? Lieber nicht. Noch nicht. Wir verstanden uns gut, aber Karlotta hatte auch ihr eigenes Netzwerk im Betrieb. Was sie wusste, würde gleich darauf die Runde machen und das hätte wiederum mich in Bedrängnis gebracht. Würde doch jeder wissen wollen, wann und wie ich zu meinen Erkenntnissen gelangt war.

Als ich wenig später Penelope Smiths Büro betrat, telefonierte sie gerade. Sie bedeutete mir mit einer Geste, mich auf den Besucherstuhl vor ihrem Schreibtisch zu setzen und beendete daraufhin ihr Telefonat zügig.

»Geht es Ihnen gut?«, begann sie das Gespräch.

»Tja, also«, ich räusperte mich verlegen und blickte auf meine im Schoß gefalteten Hände. »Ich trinke für gewöhnlich nicht viel Alkohol, aber gestern hatte ich zu wenig gegessen. Aber danke noch einmal fürs nach Hause bringen.«

Sie musterte mich ruhig und winkte dann ab. »Was Sie in Ihrer Freizeit machen, geht uns nichts an. Hauptsache, Ihr Job leidet nicht darunter.«