Verliebt ist auch verrückt - Mira Morton - E-Book

Verliebt ist auch verrückt E-Book

Mira Morton

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3,99 €

Beschreibung

Unglücklich im regnerischen Wien? Dann doch lieber frisch verliebt und barfuß in Miami ... Gloria Stein hat die Schnauze voll! Kurzerhand hat sie einen langweiligen Ex-Freund mehr, einen Chef, der leider auch gleichzeitig ihr Vater ist, weniger und sogar eine neue Frisur. Nicht, dass einer der beiden das bemerkt hätte. Die Immobilienverwalterin schmeißt alles hin und setzt auf eine Karte: ihre beste Freundin in Miami. Kaum in der Sonne angekommen, wird Gloria schnell klar, dass Leas Leben in Miami nicht ganz so rosig wie angenommen ist. Trotzdem zieht sie zu Lea ins Büro und verfolgt ihr großes Ziel: endlich abzunehmen. Doch dann fällt ihre beste Freundin in den Pool einer vierzig Millionen Dollar teuren Villa und Gloria muss Leas Existenz retten. Bald auch ihr eigenes Herz, wie Gloria gleich beim ersten Zusammentreffen mit dem verdammt attraktiven, aber auch einschüchternden Milliardär Raphael Schwarz feststellt ... Die neue Reihe von Mira Morton spielt vor traumhafter Kulisse, ist romantisch und amüsant. Der Roman ist in sich abgeschlossen. "Miami Girls"-Reihe: (1) Verliebt ist auch verrückt – Gloria – Wien, Miami, Las Vegas (2) Solitaire. Liebe doch nicht inbegriffen – Lea – Namibia, Miami (3) Erscheint im Winter 2020 – Lulu – Miami, Tirol Alle Romane sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. In der genannten Reihenfolge macht die Reihe allerdings noch mehr Spaß beim Lesen. "Verliebt ist auch verrückt" ist eine Pink Crown Edition-Neuauflage von "Barfuß in Miami".

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 314

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 - Das Büro

2 - In Miami

3 - Im Café

4 - Die Assistentin

5 - Der Besichtigungstermin

6 - Die Nacht

7 - Das Date

8 - Das Office

9 - Die Schokolade

10 - Las Vegas

11 - Die Beichte

12 - Der Besuch

13 - Die Scheidung

14 - High Heels im Sand

Alle bisher erschienenen Romane von Mira Morton

Leseprobe aus: ›Solitaire. Liebe doch nicht inbegriffen‹

Danke!

Quellennachweise

Die Autorin

Impressum

Viel Spaß mit meinem Roman

und keep on dreamin´!

Herzlichst,

Facebook:www.facebook.com/MiraMorton.Autorin

www.miramorton.com

[email protected]

Mira Morton

Verliebt ist auch verrückt

Roman

Das Büro

Mittag

Ich drücke auf ›Senden‹. Sehe dem E-Mail wie in Zeitlupe dabei zu, wie es aus meinem Postausgang verschwindet, und stelle mir vor, wie seine Glupschaugen noch größer werden, wenn er es öffnet. Reflexartig greife ich in die oberste Lade meines Schreibtischs, doch meine Hand ertastet bloß Kulis und Bürozeug. Wo ist die verdammte Schoko?

Ein heißer Schauer durchfährt mich.

Mist. Er ist schuld daran: Philipp. Beinahe habe ich schon wieder vergessen, dass ich ja seit acht Stunden ein neues Leben führe. Und dieses E-Mail war der letzte wichtige Punkt auf meiner Liste von dringend notwendigen Veränderungen. Ich lehne mich in meinem Noch-Schreibtischsessel zurück und sehe zum Fenster hinaus. Der Ausblick ist so lala. Bloß die hellgelbe Fassade des gegenüberliegenden Hauses ist zu sehen. Aber ich bin ja auch mitten in Wien. Soll ich vor meinem Mutanfall Angst bekommen? Vermutlich. Aber ich bin gerade in der Mir-ist-alles-egal-Phase. Hinterlasse eben auch ich einmal verbrannte Erde. Na und? Andere tun das doch auch. Genau genommen ein anderer: mein nunmehriger Ex-Freund.

Und ehrlich, wenn du dich lieber mit Schoko vollstopfst, als mit deinem Freund ins Bett zu gehen, dann ist es Zeit, etwas zu ändern. Und genau das habe ich soeben getan. Ich habe Philipp in die Wüste geschickt. Weil ich Schiss habe, es ihm direkt ins Gesicht zu sagen, habe ich es ihm gemailt. Selbst beim Schreiben sind mir meine Argumente, warum ich ihn verlasse, etwas verworren vorgekommen. Das mag auch daran liegen, dass ich es nicht übers Herz gebracht habe, ihm die wahren Gründe schwarz auf weiß zu schicken. Man schreibt doch seinem Freund nicht, dass man ihn verlässt, weil er im Schlafzimmer unter der Decke furzt, dass mir von seinen stinkenden Socken schlecht wird und ich deshalb beim Befüllen der Waschmaschine Gummihandschuhe anziehe. Nicht einmal nach der Dusche riecht er so, dass ich ihn vernaschen will. Im Gegenteil. Ich schaufle mir einen Liter Cremeeis oder Schokodrops rein. Reine Verzweiflung. Aber seit gestern Abend ist mir klar, dass ich auch ein anderes Leben führen kann. Telenovela sei Dank! Ich kann Philipp einfach nicht mehr riechen und ich kann ein neues Leben beginnen. Schließlich bin ich weder mausearm noch von ihm abhängig. Also keine Gegenargumente, die mich von meiner Mission abbringen können.

Diese Erkenntnis hat zwar gedauert und mein Elend hat mich fünfzehn Kilos gekostet. Allerdings habe ich sie mir angefuttert, statt sie abzunehmen. Aber genau damit ist jetzt Schluss. Schon heute früh habe ich die gesamte Schoko rüber zu Manuela verfrachtet. Meine Assistentin ist leider auch zuckersüchtig. Allerdings im Gegensatz zu mir gertenschlank. Keine Ahnung, wie sie das hinbekommt. Vielleicht isst sie ja sonst nichts. Schlank sind meiner Ansicht nach ohnehin nur diejenigen, die nichts essen. Der Rest ist Lüge.

Aber egal. Das wird mein nächstes Ziel: Ich will wieder ich sein. Und schlank.

So. Und jetzt?

Jetzt warte ich auf meinen Vater.

Okay, schon siebzehn Uhr zwölf Minuten. Also langsam könnte er dann aber auftauchen. Vor ihm habe ich mehr Schiss als vor Philipps Reaktion.

Die weiße Doppelflügeltür schwingt auf und da ist er. Zu spät, aber da.

»Entschuldige, Gloria, aber das Essen hat länger gedauert.«

Er küsst mich auf beide Wangen.

»Kein Problem, Papa.«

Ja klar. Bei ihm ist das normal. Er geht um elf zum Essen und kommt nach fünf Uhr zurück. Aber das Schlimmste ist: Gut sieht er aus. Der graue Anzug steht ihm. Auch das sportliche Hemd dazu. Ohne Krawatte kann mein Vater nicht. Nicht einmal im Sommer. Obwohl er vierundsechzig ist, sieht er mit seinem dunklen Haar und seinen beinahe schwarzen Augen sehr jung aus. Außerdem legt bei meinem Vater nichts an. Egal, was er isst. Die Gene sind Mistkerle. Ich hab die von meiner Oma. Mütterlicherseits. Aber nicht mehr lange. Na ja, die Gene werden bleiben, aber ich schlage ihnen ein Schnippchen. Vielleicht nimmt er mich dann ja endlich ernst. Papa ist immer distanziert. Von oben herab. Als wäre ich noch immer die dumme Kleine. Dabei bin ich mittlerweile achtunddreißig. Und die Pummelige. Ich hab das so satt. Nun denn, dann werde ich ihn mal über meine Pläne informieren. Auch wenn ich Schiss habe.

»Ich habe noch einen Termin, also: Was gibts, Gloria?«

Er setzt sich. Immer diese Machtpose. Beine überkreuzt, Arme ganz locker über der Brust verschränkt. Soll gemütlich aussehen.

Ich nehme ihm gegenüber auf der anderen Couch Platz.

»Nichts Geschäftliches, Papa. Und ich mache es kurz, versprochen.«

»Du hast die Angebote für die Sanierung der Rotenturmstraße eingeholt?«

Wir nennen jedes der Zinshäuser, die wir in seiner Hausverwaltung bearbeiten, nur bei ihrem Straßennamen. Aber es trifft mich, dass er jetzt auf sachlich macht. Fällt ihm nicht auf, dass ich beim Friseur war? Ich meine, andere schneiden sich die Haare ab, wenn sie einen Mann losgeworden sind oder eine andere Veränderung verarbeiten müssen. Ich hab Extensions machen lassen. Und ich finde sie sehr gelungen. Jetzt habe ich nicht schulterlanges braunes Haar, sondern lange, wallende Locken, die bis unter die Schulterblätter reichen. Also fast bis zum Po. Na ja, nur fast. Aber ich fühl mich mit der neuen Frisur schon drei Kilo leichter, obwohl das natürlich Blödsinn ist.

»Ja. Habe ich. Liegen schon drüben auf deinem Tisch. Aber ich …«

Ich muss schlucken. Jetzt oder nie.

»Gibt es ein Problem?«

»Nein. Vielleicht doch. Also, ich habe mit Philipp Schluss gemacht, war beim Friseur, wie du nicht bemerkt hast, und nehme mir eine Auszeit.«

Wie aus einem Maschinengewehr habe ich alles auf einmal abgefeuert und ducke mich weg.

Seelenruhig holt mein Vater seine Füllfeder aus dem Sakko und beginnt, sie in seinen Fingern zu drehen. Dabei sieht er mich an. Eine Mischung aus Mitleid und Unglauben.

So kriegt er mich immer rum. Aber heute nicht.

»Was? Hast du Einwände?«

»Ja, und zwar gegen Punkt eins, zwei und drei.«

Ich könnte schreien.

»Echt jetzt? Du magst also meine neue Frisur nicht, willst mir keine Auszeit gönnen und zu allem Überfluss willst du, dass ich mit Philipp zusammenbleibe, auch wenn ich ihn überhaupt nicht liebe?«

Oha. Jetzt schaut er erstaunt. Damit hat er nicht gerechnet. Punkt für mich.

»Gloria, was hab ich als Vater falsch gemacht? Du hast einen Mann, der für dich da ist, gut als Anwalt verdient …«

»Und sein Geld sparen kann, weil er in meiner Wohnung wohnt«, falle ich ihm ins Wort.

Doch er sieht mich tadelnd an und meint lakonisch: »Die ich mitfinanziert habe.«

So kommen wir nicht weiter.

»Ja, die du dankenswerterweise mitfinanziert hast. Aber es ist mein Leben, Papa. Ich will glücklich sein. Habe ich denn gar kein Recht dazu?«

Er steht auf.

Er steht auf?

»Was? Ist das Gespräch für dich jetzt beendet?«

»Ja. Ist es, Gloria. Wenn du eine Auszeit willst: Bitte. Fahr nach Thailand oder Indien in eines dieser Ressorts zum Ausspannen. Gönn dir einen Urlaub, aber wenn du klug bist, holst du Philipp zurück. Etwas Besseres wirst du nicht mehr finden.«

Stille.

Lauter schwarze Punkte.

Langsam stehe ich auf. Ich spüre es: Gleich koche ich über und … »Das denkst du über mich? Dass deine arme, zu dicke Tochter mit der anscheinend für dich scheußlichen Frisur keinen Mann mehr finden wird und gefälligst mit dem zufrieden sein soll, was sie hat?«

Ich raufe mir die Haare.

Mist. Ich darf mir meine neuen Haarsträhnen doch nicht gleich am ersten Tag wieder ausreißen.

»Das habe ich nicht gesagt. Dreh mir bitte nicht die Worte im Mund um.«

»Ach. Was hast du denn gesagt?«

»Fahr in einen Ayurveda-Tempel, spann eine Weile aus und dann sagst du Philipp, dass du nur überarbeitet warst.«

Ich tu ihm was.

»Du hast so was von recht! Ja, ich bin überarbeitet. Weil ich lieber in diesem Büro wohne, als nach Hause zu gehen. Aber dir … dir ist das ja völlig egal, solange ich das tue, was du von mir willst.«

Demonstrativ sieht er auf seine Uhr.

»Ich muss jetzt. Nimm dir die Auszeit, Gloria. Zwei Wochen, dann bist du wieder hier, ja?«

Er kommt zwei Schritte auf mich zu, küsst mich auf den Kopf und tätschelt meine Wange, als wäre ich eine kleine Irre.

»Mach ich. Danke!«

Hab ich das gerade gesagt? Ich will weg. Nicht nur für zwei Wochen.

In der Tür dreht er sich noch einmal um. »Indien. Ich glaube, das wäre was für dich. Ruf Aletta an, die hat es da sehr genossen.«

Weg ist er.

Einen Teufel werde ich tun und seinen Betthasen anrufen. Ich hasse diese Goldgräberin. Sie ist jünger als ich! Und führt sich auf, dass es nur zum Fremdschämen ist.

Ich muss weiter weg als gedacht. Bis vor fünf Minuten wollte ich einfach einen Urlaub in Griechenland oder so buchen und mir dann überlegen, wie es weitergeht. Jetzt muss Lea her.

Die können mich hier alle kreuzweise. Soll sich mein Vater doch mit Philipp zusammentun! Die beiden verstehen sich seit Jahren sowieso besser, als Philipp und ich es tun.

Auf der Stelle muss ich mit meiner besten Freundin sprechen. Ich tippe am Computer herum. Ah! Lea nimmt meinen Skype-Call an und strahlt mir in einem hellrosa Outfit entgegen. Kein Wunder. Sie kann alles tragen. Lea ist schlank, hat langes, glattes blondes Haar und sieht wie ein Model aus. Seit sie in die USA gezogen ist noch mehr als vorher hier in Wien. Sie hat so eine Star-Aura. In meinen Augen zumindest.

»Hey! Wow! Seit wann hast du denn Extensions, Gloria?«

Unwillkürlich fass ich mir in mein nun ebenfalls langes, aber brünettes Haar.

»Seit genau fünf Stunden.«

»Hammer! Steht dir super!«

Und genau deshalb liebe ich Lea. Ihr fällt alles auf. Im Gegensatz zu meiner völlig emotionsunfähigen Familie. Meine Mutter ist ganz gleich wie mein Vater. Und mehr Familie habe ich nicht. Die beiden haben sich scheiden lassen, da war ich zehn. Mein Vater hat es mittlerweile auf zwei weitere Scheidungen gebracht und meine Mutter hat sich einen Verrückten angelacht, von dem sie lebt und mit dem sie durch die Welt gondelt. Wir sind kaputt. Und wir haben gerade wieder einmal bewiesen, wie kaputt wir als Familie sind.

»Danke, Lea. Aber ich ruf dich an, weil ich eine Frage habe.«

»Schieß los.«

»Also: Ich würde gerne ein paar Wochen zu dir nach Miami kommen.«

Äh. Wieso bricht sie nicht in Jubel aus? Jedes Mal, wenn wir reden, fragt sie mich, wann ich sie endlich besuchen komme, und jetzt, wo ich es vorhabe, runzelt sie die Stirn?

»Ja, na ja, natürlich. Ich freu mich total, Gloria.«

Seltsam. Seit sie vor einem Jahr in die USA ausgewandert ist und dort in einem Maklerbüro arbeitet, erzählt sie mir doch andauernd, wie super alles läuft und dass sie es kaum erwarten kann, mir Miami zu zeigen. So haben wir uns auch kennengelernt: bei der Ausbildung zum Immobilienmakler und Hausverwalter. Vor nun beinahe zwanzig Jahren. Gleich nach der Schule.

»Lea, was ist los? Du freust dich ja überhaupt nicht.«

Sie grinst. »Siehst du, wie ich mich freue? Natürlich kommst du! Hast du schon einen Flug?«

»Nein, ich wollte dich zuerst fragen, aber ich buche sofort.«

Jetzt erst recht, denn irgendwas stimmt nicht mit ihr.

»Super! Gib mir Bescheid, wenn du die Flugdaten weißt. Ich komme dich dann am Flughafen abholen. Aber jetzt muss ich weg, eine Besichtigung steht an. Villa mit traumhaftem Blick aufs Meer in Coral Gables.«

»Dann drücke ich dir die Daumen, dass du sie verkaufen kannst, und melde mich, sobald ich den Flug gebucht habe. Ich kann doch bei dir wohnen, oder?«

Nicht dass ich mir nicht ein Hotel leisten könnte, aber Lea hat mir das mehr als ein Mal angeboten und ich will nicht irgendwo weit weg von ihr sein.

»Klar. Kommt her, dann schauen wir weiter.« Plötzlich scheint ihr ein Licht aufzugehen. »Ist was mit Philipp?«

Ach, deshalb ist sie besorgt.

»Ja. Ich hab mich von ihm getrennt. Aber keine Sorge, mir geht es gut. Ich will nur etwas Abstand von allem hier.«

Sie nickt. »Verstehe ich, war ja schon überfällig. So, ich muss jetzt leider weg. Ich drück dich!«

Lächelnd beende ich den Skype-Call. Das war die beste Idee überhaupt. Ich flieg zu Lea, kann wieder einmal Tag und Nacht quatschen und mich darauf konzentrieren, endlich abzunehmen. Wenn es heiß ist, fällt mir das sowieso leichter. Na dann: Jetzt buche ich einen Flug und dann sollen sie hier alle sehen, wie sie ohne mich zurechtkommen.

***

Ich sehe mich in meinem Schrankraum um. Was soll ich noch einpacken außer Schuhe, Unterwäsche, ein paar leichte Kleider und Bikinis? Wenn ich dann meine neue Figur habe, brauche ich meine alten Sachen ja nicht mehr. Das ist eine gute Idee. Ich lasse alles hier und kaufe mir in Florida neue Kleidung, wenn ich abgenommen habe. Ich sehe es deutlich vor mir: Ich, schlank, in einem heißen Minikleid mit Flip-Flops am Strand von Miami.

Wahnsinn!

Da will ich hin, auch wenn ich mich wochenlang kasteien muss. Möglicherweise joggen gehen muss. Ich hasse joggen.

Egal.

Ich schließe den Koffer, auch wenn er halb leer ist. Normalerweise muss ich mich draufsetzen, damit ich ihn zubekomme. Aber wenn ich jetzt meine alten Sachen mitnehme, habe ich weniger Ansporn, mich wirklich beim Essen zusammenzureißen. Zum Glück ist Philipp nicht hier. Er ist heute in der Früh für drei Tage nach Frankfurt geflogen. Geschäftstermine. Anrufen hätte er aber schon können. Ich hätte nicht abgehoben, aber trotzdem. Vielleicht hat er ja mein E-Mail noch gar nicht gelesen. Wäre durchaus typisch für ihn. Eh besser so.

Ich kann es nicht glauben. Mein Timing ist perfekt, auch wenn es irgendwie ungeplant war. Aber er ist selbst schuld. Wäre er mich gestern am Abend nicht beim Fernsehen angeflogen, ob mir meine Figur eigentlich völlig egal ist, nur weil ich ein paar Schokotrüffel gegessen habe, hätte ich heute in der Früh vielleicht gar nicht beschlossen, ihn zu verlassen. Doch möglicherweise habe ich diesen Streit als Schubs gebraucht, um endlich aus meiner Lethargie zu erwachen. Ich habe es nicht notwendig, dass Philipp mir sagt, was ich tun und lassen soll. Soll er doch seine Sauferei in den Griff bekommen. Jeden Abend trinkt er etwas. Wenn es nicht zuhause ein Bier ist, dann sind es ein paar Gläser Wein mit Kunden oder Kollegen. Also wer hat jetzt ein Problem von uns beiden?

Aber in Zukunft ist mir das schnurzegal. Morgen früh fliege ich los. Der Flug war zwar gar nicht so billig, aber das ist es mir wert, um hier wegzukommen. Jetzt brauche ich nur noch meinen Reisepass. Das Visum habe ich schon online erledigt.

Ich nehme den Koffer und rolle ihn ins Wohnzimmer. Im schwarzen Jugendstilschreibtisch von Philipp bewahren wir alle unsere Dokumente auf.

Schublade auf. Jetzt noch das Geheimfach.

Komisch. Da liegen zwar die beiden Mappen mit Staatsbürgerschaftsnachweis, Geburtsurkunde und so weiter, aber weit und breit keine Spur von meinem Pass. Wo habe ich den das letzte Mal verwendet?

Ach ja, als ich mit Philipp nach Weihnachten auf Teneriffa war. Er hatte beide Pässe eingesteckt. So ein Schmarrn, jetzt muss ich seine Jacken und Mäntel durchsuchen, und er hat mehr davon als ich.

Also zurück zum Kleiderkasten.

Ich wühle in allen Außen- und Innentaschen aller infrage kommender Kleidungsstücke. Aber außer ein paar Restaurantrechnungen und Visitenkarten, die er anscheinend an sich genommen und gleich wieder vergessen hat, finde ich nichts. Keine Spur von meinem Pass.

Ah. In diesem Sommermantel steckt etwas Dickeres. Ich ziehe es heraus. Leider wieder kein Reisepass, bloß zwei kleine Karten.

Moment einmal. Auf der Vorderseite steht gar nichts, dafür hinten ›N‹. Wer ist N?

Soll ich?

Man wühlt nicht in fremden Sachen.

Aber er ist mein Freund.

Oder war es bis vor ein paar Stunden.

Mit den beiden Kuverts stehe ich da und weiß nicht, was ich jetzt tun soll.

Ich reiße das erste auf.

Vorne sind lauter unterschiedliche kleine rote Herzen, in deren Mitte ›I love you‹ steht. Mein Herz rast. Das darf jetzt aber nicht wahr sein, oder? Dieser Mistkerl betrügt mich?

Ja.

Tut er.

Oder wie kann man sonst diese Zeilen interpretieren?

›Ich kann es kaum erwarten, dich in Frankfurt wiederzusehen! Und ich hoffe, du liebst mich so, wie ich dich liebe. Dein Kätzchen‹

Dein Kätzchen?

Ich sinke auf den Boden. Mir bleibt die Luft weg. Dieser Mistkerl betrügt mich, und das nicht erst seit gestern, so wie es klingt. Das zweite Kuvert öffne ich mit weit weniger Hemmungen als das erste.

Wie einfallslos. Wieder ein paar Herzchen mit ›I love you‹. Mir fallen fast die Augen raus. ›Die letzte Nacht war so heiß, Philipp! Du bist genau der Mann, den ich mir erträumt habe. Ich werde auf dich warten, wie ich es dir versprochen habe. Ich liebe dich! Dein Kätzchen‹

Mir ist schlecht.

Das bedeutet ja, dass er schon längst mit mir Schluss machen wollte und es, aus welchen Gründen auch immer, noch nicht getan hat. Die beiden feiern sicher gerade mein E-Mail. Oh, wie ich dich hasse, Philipp! Du bist ja das Allerallerletzte! Soll dein Kätzchen doch mit dir glücklich werden. Ich gönn ihr einen Langweiler wie dich.

Mein Reisepass, schießt es mir durch den Kopf.

Behäbig krabble ich wieder hoch und suche in der letzten verbleibenden Jacke. Zum Glück! Er steckt in der Innentasche.

Puh, das ist ja noch einmal gut gegangen. Morgen um kurz vor zehn Uhr heb ich ab. Dann können die mich hier wirklich alle kreuzweise. Am liebsten würde ich noch das Schloss von der Wohnungstür austauschen lassen. Das Gesicht von Philipp würde ich gerne sehen, wenn er von seiner Tussi nach Hause kommt und vor einer verschlossenen Tür steht. Aber jetzt um neun Uhr am Abend wird mir das niemand machen.

Ich lege die beiden Karten und Kuverts mitten auf den Esstisch und schreibe auf ein weißes Blatt Papier eine kurze Nachricht an ihn: ›Du hast sieben Tage Zeit, deine Sachen auszuräumen und aus meinem Leben zu verschwinden! Viel Spaß mit deinem Kätzchen. Gloria‹

Das muss reichen. Ich will diesen Idioten nie mehr wiedersehen. Jetzt schon gar nicht mehr. Morgen starte ich in mein neues Leben. Mal sehen, was es bringt. Die Zeit, wo ich brav funktioniert habe, damit alle Männer, also mein Vater und Philipp, es gut haben, ist endgültig vorbei.

In Miami

Lea springt mir in der Ankunftshalle am Flughafen von Miami direkt in die Arme und schreit schrill: »Glooooria!« Mir ist das peinlich, denn einige Leute sehen zu uns her, aber andererseits kennt mich hier doch niemand. Daher drücke ich sie fest an mich und lache ebenfalls recht laut.

»Du hast dich keinen Tick verändert, außer dass du noch besser aussiehst«, sage ich zu ihr, als sie sich bei mir unterhakt. Wir gehen durch den Ausgang und ich knalle wie gegen eine Wand in die heiße Luft von draußen. Das ist Miami! Ich bin da. Kaum zu glauben.

»Wir müssen so viel unternehmen«, sprudelt Lea los und schiebt sich immer wieder ihr blondes Haar zurecht. Ich muss lachen, denn ihre Frisur sitzt wie ein Helm. Da gibt es nichts, was nicht an seinem angedachten Ort wäre. »Als Erstes fahren wir zum Office, Gloria. Du musst nämlich unbedingt meinen Chef Wolfgang kennenlernen, den nennen wir übrigens nur Wolf, und natürlich Lulu. Und dann gehen wir in mein Lieblingscafé direkt am Meer und nachher …« Sie hält kurz inne. »Du musst sagen, wenn ich zu anstrengend bin. Wenn du müde bist, ist das auch okay, dann kannst du gerne eine Runde schlafen.«

Mir kommt der Flughafen sehr laut vor, doch wir erreichen bereits das Parkdeck. »Nein, nein, schon okay. Ich habe im Flugzeug geschlafen, also alles bestens. Und ich bin sowieso ohnehin neugierig, wie dein Büro wirklich aussieht, und auf deine Wohnung. Danke, dass ich bei dir wohnen darf.« Für einen kurzen Moment sieht sie angespannt aus, drückt aber im nächsten auf ihren Schlüssel und die Lichter eines weißen SUV gehen an. »Oh wow! Du fährst einen BMW?«

Lea hält vor dem Kofferraum inne und strahlt mich an. »Geil, oder? Es ist ein X5. Ich steh auf große Autos. Komm, gib mir deinen Koffer.« Ich gebe ihn ihr. »Sag einmal, wieso ist der so leicht?«, will sie wissen, während sie ihn ins Auto verfrachtet.

»Äh, ich habe nur das Nötigste mit, denn ich habe vor, ab sofort, also eigentlich schon seit gestern, auf Diät zu sein.«

Lea mustert mich. »Und wieso das jetzt auf einmal?«

»Weil ich Frustfressen satthabe und weil ich auch gerne so eine Figur wie du haben will«, grinse ich sie an.

»Okay, das sind zwei durchaus gute Argumente. Dann streichen wir das Café gleich wieder, denn das wäre Folter. Ich sag dir, dort riecht es so gut, da kannst du nicht widerstehen.«

Das ist meine Lea. Sie versteht mich. Nicht wie mein Vater oder Philipp. Sie fährt los. Hier geht es aber echt ziemlich turbulent zu. »Danke! Du bist die Beste.«

Lea sieht ziemlich konzentriert aus, schiebt ihre Karte in den Automaten, um hinausfahren zu können, und meint: »Klar, ich unterstütze dich dabei. Aber da gibt es etwas, das ich dir noch beichten muss.«

Auch wenn ich mich tatsächlich ein wenig schlaff vom langen Flug fühle, jetzt strecke ich mich durch und sehe sie an. »Du hast einen Freund und hast ihn mir verheimlicht?«

Aber Lea schüttelt den Kopf. »Nein, das ist es nicht. Ich weiß, es klingt irgendwie komisch, weil ich ja das teure Auto fahre und immer diese teuren Klamotten trage.« Ja, das tut sie. Alles Designerware. »Aber ich wohne eigentlich im Büro.«

Moment.

Das muss ich jetzt kurz einmal sacken lassen.

Wie jetzt? Wieso wohnt sie im Büro? Und hat sie da überhaupt Platz für mich?

»Schau nicht so entgeistert, Gloria. So schlimm ist es auch wieder nicht. Wir haben einen ersten Stock und da habe ich ein Schlafzimmer und einen zweiten Raum, der mein Ess- und Wohnzimmer mit einer kleinen Küchenzeile ist. WC und Badezimmer gibt es auch.«

Ich atme aus. »Das klingt doch gut.«

Doch ich verstehe es nicht. Lea arbeitet für eine Immobilienfirma, die sich darauf spezialisiert hat, für reiche deutschsprachige Kunden Luxusvillen und Appartements zu vermakeln. Da verdient man doch als Maklerin genügend Geld, um sich eine eigene Wohnung leisten zu können. Schließlich sitzt sie ja noch dazu direkt an der Quelle.

»Na ja, gut ist etwas anderes. Aber weißt du, damit du hier überhaupt ein Netzwerk an Kunden aufbauen kannst, musst du ziemlich viel investieren. In ein Auto, einen Chauffeur, der mich zu Kundenterminen bringt, in mein Aussehen. Das ist nicht so wie in Wien. Diese Leute zahlen Millionen und wollen die Illusion, dass auch ihre Maklerin eine von ihnen ist.«

Ich denke, mir fallen gerade die Augen aus dem Kopf. »Echt? Also darüber musst du mir mehr erzählen. Das klingt ja völlig anders, als wir das Geschäft machen.«

»Oh ja, glaub mir, da liegen Welten dazwischen. Aber du wirst es ohnehin live miterleben, denn wie gesagt, ich wohne dort, wo ich arbeite.«

Sie wechselt von einem Highway auf einen anderen. Wie es aussieht, braucht Lea nicht einmal ein Navi. Ich bewundere das. Selbst in Wien fahre ich nicht ohne. Auch Strecken, die ich wie meine Westentasche kenne.

»Wir sind gleich da. Das Office ist am Ponce de Leon Boulevard.«

Wir kurven nun durch die Stadt und ich öffne das Fenster.

»Bin gespannt! Ich muss die warme Luft riechen, ich hoffe, das stört dich nicht.«

Lea lacht. »Nein, nur zu!«

Sie spricht zum Auto: »Hey, Baby! I want to hear Bruce Springsteen, Born in the USA from my playlist.«

Ich starre auf das Gerät. »Und das geht?«

Anscheinend. Denn schon ertönen die ersten Akkorde von Bruce.

Lea ist sichtlich stolz. »Ja, du kannst dem personal assistant von BMW einen eigenen Namen geben und ich habe ihn Baby genannt. Cool, oder?«

Ja. Cool. Ich bewege mich zum Rhythmus, so gut das angeschnallt auf einem Autositz möglich ist.

Saucool sogar. Die Hitze. Überall die Palmen. Wir fahren schon den Ponce de Leon Boulevard entlang.

»So klingt Amerika, findest du nicht?«

»Jap. Da muss ich dir recht geben, Lea.«

Ich bin im siebten Himmel. Genau diesen Ortswechsel habe ich für meinen Seelenfrieden gebraucht. Sosehr ich damit gehadert habe, Philipp nicht anzurufen und ihn anzuschreien, was er sich eigentlich denkt, mich zu betrügen, so weit entfernt fühlt er sich gerade an. Und ich mag diesen Stadtteil hier. Sehr feine Gegend, wie es aussieht. Alles ist supersauber. Schön gepflegte Häuser. Wir passieren eines, das fünf oder sechs Stockwerke hoch ist. Gelb gestrichen und lauter Nobelkarossen davor.

»Oh, sind wir schon da?« Rhetorische Frage, denn Lea parkt bereits auf der anderen Seite. Schrägparkplatz. Was sonst. Anders können die Amerikaner bekanntlich nicht einparken.

»Ja, schau, da ist unser Office: Silberschmidt Real Estates.«

Sie deutet auf ein großes Schild direkt neben einem Eingang. Das Gebäude ist lang gestreckt und weiß, einen Stock hoch. Typische Anlage für kleinere Geschäfte. Unten sind nebeneinander Stores mit großen Glasfronten, davor wurden Palmen im schmalen Grünstreifen wie Zinnsoldaten gepflanzt. Auf der anderen Seite, direkt vor dem hohen Haus, gibt es auch eine Palmenallee. Sieht wirklich nett aus.

Wir steigen aus und Lea nimmt meinen Koffer.

»Ich trag den schon selbst.«

»Oh nein, das mache ich. Du musst die Hände frei haben, um Wolf und Lulu begrüßen zu können.«

Schwungvoll öffnet sie die Glastür und eiskalte Luft weht uns entgegen.

»Hey, guys!«, ruft Lea fröhlich in den Raum. Unwillkürlich greife ich mir an den Hals. Wieso stellen die immer die Klimaanlagen auf Gefriertruhenkälte?

Vor mir liegt ein einziger großer Raum mit hypermodernen Schreibtischen in Silber. Vier Arbeitsplätze. An einem sitzt ein schmaler, nicht allzu großer Mann mit Glatze. Zirka vierzig Jahre alt, schätze ich. Hinter ihm auf der anderen Seite steht eine Frau auf. Größer als Lea, schlank, ein Busen zum Niederknien. Afroamerikanerin. Mir bleibt die Spucke weg. Ist die schön! Lea ist auch schön, aber die ist einfach nur wow. Sie kommt auf uns zu und schreit: »Hallöchen!«

Direkt nach dem Eingang gibt es eine riesengroße Couchlandschaft und einen nicht weniger großen Flatscreen an der Wand, auf dem ein Werbefilm von ihnen läuft. Genau hier lässt Lea meinen Koffer stehen und die beiden kommen uns mit offenen Armen entgegen.

»Herzlich willkommen, Gloria!«

Als würden wir einander schon ewig kennen, küsst mich Wolf, denn das muss er sein, auf beide Wangen. Lulu ebenso.

»Wir haben uns schon sehr auf deinen Besuch gefreut«, sagt sie zu meinem Erstaunen in akzentfreiem Deutsch.

»Danke, wie lieb von euch. Aber ich bin jetzt wirklich baff, dass du so gut Deutsch sprichst, Lulu.«

Sie lacht und ihre weißen Zähne blitzen. Wenn ich könnte, würde ich ihr diesen Mund mit diesen Zähnen samt dem Lächeln stehlen.

»Meine Mutter ist Deutsche. Das ist also meine zweite Muttersprache.«

Ah. Klar. Die verkaufen ja auch nur Immobilien an Deutsche. Da ist es hilfreich, wenn alle diese Sprache sprechen.

»Setz dich doch, Gloria. Wir machen selbstverständlich ein Fläschchen zur Begrüßung auf«, sagt Wolf und mir scheint, so wie er sich benimmt, muss er schwul sein. Aber mir gefällts hier.

»Ich will euch aber nicht beim Arbeiten stören.«

»Keine Sorge, es ist kurz vor fünf Uhr und heute haben wir alle keine Besichtigungstermine mehr.«

»Also dann bin ich gerne dabei.«

Ich lasse mich auf das genoppte braune Ledersofa fallen.

Tatsächlich.

Ich bin hier.

In Miami.

Und so wie sich das anfühlt, bleibe ich hier, denn ich mag die beiden auf Anhieb und Lea sowieso.

***

Mittlerweile ist die Sonne untergegangen und so gerne ich mehr über die beiden erfahren würde, sie haben sich auf mein Drama mit Philipp eingeschossen. Und Wolf ist doch schwul. Das hat er mir gerade vorhin gesagt.

»Dieser Philipp gehört erschlagen! Aber ich schwöre, dem werden noch die Augen rausfallen. Also, Gloria, wenn du wirklich abnehmen willst, dann helfe ich dir dabei«, bietet mir Lulu an. Gott weiß warum, aber das war so ziemlich das Erste, das ich ihnen erzählt habe.

»Das würdest du tun? Ich habe nämlich noch gar keinen echten Plan, wie ich es angehen soll. Außer das hier.« Ich hole ein Döschen Tic Tacs aus meiner Handtasche. »Die esse ich seit gestern statt Schoko.«

Die drei biegen sich vor Lachen. »Das ist ja schon mal etwas, Gloria! Aber du musst wissen, Lulu ist erbarmungslos wie ein russischer Leichtathletik-Trainer. Sie war mal Personal Trainerin. Wenn du zu ihr Ja sagst, läufst du die nächsten Wochen mit Muskelkater und Schmerzen herum.«

»Oh yes!«, grinst Lulu.

»Ich machs. Bitte! Ist das okay für dich, Wolf?«

Nicht dass er als Chef hier glaubt, ich stehle seinen einzigen beiden Angestellten die Zeit mit meiner Diät.

»Herzchen, und ob! Und dann gehen wir shoppen. Miami-Style. Ich sehe es schon vor mir! Wenn das nächste Mal unser Fotograf auftaucht, lassen wir ihn ein paar wundervolle Porträts schießen und die kannst du dann deinem Philipp mit besten Grüßen von uns allen schicken.«

»Ihr seid ja der helle Wahnsinn! Wie kann ich euch nur danken?«

Lea kaut auf ihrer Unterlippe.

»Ich wüsste schon etwas.«

»Ja? Dann raus damit.«

»Hilf uns doch einfach ein bisschen mit dem Geschäft. Ich kenne niemanden, der so gut strukturiert und organisiert ist wie du, Gloria. Und wir drei hier, na ja, manchmal sind wir ein wenig chaotisch.«

Ich strahle sie an.

»Das mache ich doch gerne. Ehrensache.«

Wolf strahlt mich an, als sei ich das Christkind. »Dann willkommen im Team Silberschmidt, Gloria.«

Er prostet mir zu, die beiden Mädels auch.

Also so lasse ich mir das hier gefallen. Ich habe etwas zu tun, was mich vom Essen ablenken wird, und so wie die drei aussehen, naschen die ohnehin nicht andauernd während der Arbeit, wie ich es getan habe.

»Ich danke euch! Wenn ich gewusst hätte, wie toll es bei euch ist, wäre ich gleich mit Lea hierher gesiedelt.«

Wir trinken alle noch den Wein aus und die beiden verabschieden sich.

Mit Umarmungen und Küsschen.

Lea nimmt die drei Gläser und die leere Flasche, ich meinen Koffer und folge ihr über die Treppe ganz hinten im Büro in den ersten Stock.

»Das ist ja wahnsinnig schön hier. Und so modern.«

Wieso hat sie so getan, als lebte sie im letzten Loch? Der Wohnraum ist komplett in Weiß eingerichtet. Weiße Couch, weiße Lackmöbel. Ein weißes Bücherregal. Nur der Tisch ist aus Holz. Sechs Sesseln drumherum und eine weiße Lackküchenzeile. Zwar klein, aber sehr schön.

»Ja, modern ist es. Hat Wolf eingerichtet. Eigentlich sollte es sein Privatbereich sein oder wenn er mit Kunden alleine sprechen will, aber da ich mir noch immer keine Wohnung leisten kann, zahle ich ihm eine kleine Miete und darf hierbleiben. Hoffentlich nicht mehr allzu lange. Ich muss nur noch zwei größere Deals machen, dann habe ich alles abbezahlt und kann mir eine Wohnung suchen.«

»Und dabei werde ich dir helfen. Wäre ja gelacht, wenn wir das nicht hinbekommen.«

»Oh ja, das werden wir. Das weiß ich. So. Und hier ist unser Schlafzimmer. Das Bett müssen wir uns teilen. Also Affären sind nur mit Männern mit eigenen Wohnungen oder Hotelzimmern möglich. Aber das ist ohnehin besser so. Wer will schon einen armen Schlucker?«

Ich zerkugle mich vor Lachen. Das ist Lea. Ich habe sie so vermisst. Außerdem weiß ich jetzt, dass es richtig war, so gut wie gar nichts mitzunehmen, denn der Raum ist winzig klein. Außer einem großen Boxspringbett gibt es gar nichts. Eine Wand ist mit Schränken verbaut, an den anderen hängen Bilder von Miami. Sehen aus wie Werbefotos. Nicht sehr persönlich, aber was solls. Wenn es für Lea passt, ist es für mich auch wunderbar.

»Danke, dass ich hier sein darf, Lea. Du bist echt die beste Freundin der Welt!«

Sie umarmt mich.

»Du weißt ja nicht, wie schön es ist, endlich wieder mit dir quatschen zu können und nicht darüber nachdenken zu müssen, wie spät es gerade in Wien ist und ob ich dich störe oder nicht.«

»Ja, das ist es. Und mir ist es auch immer so gegangen.«

Und mit der Hilfe von den dreien werde ich es auch schaffen, mir meine Traumfigur zurückzuhungern. Bis dreiunddreißig hatte ich sie ja. Dann kam Philipp. Vielleicht kann mein Körper sich noch daran erinnern? Auf jeden Fall werde ich alles, was nach Bäckerei, Donuts oder Ähnlichem aussieht, meiden und sofort die Straßenseite wechseln, sollte ich an so einem Geschäft vorbeikommen.

»Am besten wird es sein, du machst dich jetzt frisch, hier ist gleich das Bad.« Sie öffnet eine Türe und ich spähe in ein sandfarbenes eingerichtetes Minibad, das dennoch alles hat: Waschtisch, Dusche und zwei kleine Kasterln. Perfekt.

»Mach ich. Und was haben wir dann noch vor?«

»Ich rufe ein Taxi und wir fahren an den Strand. Du wolltest doch so schnell wie möglich ans Meer, oder?«

Ja. Wollte ich. Denn für mich ist das Meer immer wieder etwas Besonderes. Das ganze Jahr über leide ich unter Meerweh.

»Das machen wir. In fünf Minuten bin ich fertig.«

Lea lacht. »Das wird sich ändern, wenn du dich auf den Miami-Style eingegroovt hast. Denn dann heißt es, zuerst Haare waschen, föhnen, stylen, falsche Wimpern aufkleben …«

Ich starre sie an. »Du hast falsche Wimpern?«

»Ja, hab ich. Aber das braucht Übung, bis die so sitzen, doch keine Sorge, ich werde es dir beibringen.«

Ich lache sie an. »Okay, okay. Hab schon verstanden. Im Moment bin ich die Außerirdische aus Europa. Aber mit dem Umstylen beginnen wir bitte erst morgen, heute fehlt mir die Kraft dazu.«

»Geht klar. Also ich rufe dann schon mal das Taxi. Handtücher sind hier drinnen und alles, was du sonst brauchst, hier.« Sie deutet auf den Kasten direkt unter dem Waschbecken und die Fächer gleich neben dem mit kleinen Spots beleuchteten Spiegel.

Wunderbar.

Miami. Ich bin dabei.

Ab morgen startet meine Hardcore-Diät und einen Job habe ich auch. Unbezahlt. Aber dafür darf ich bei Lea wohnen. Wenn das nicht alles wie ein Traum ist?

Und du, Philipp, kannst mir gestohlen bleiben. Und ich schwöre, wenn ich es schaffe, dann lasse ich tatsächlich Wolfs Fotografen Bilder von mir schießen und schicke sie dir. Oder nein, besser, ich stelle sie auf meinen Instagram-Account und lösche alle alten. Dort schaut Philipp immer rein.

Mein Herz pocht und aufgeregt zupfe ich ein frisches Minikleid aus meinem Koffer. Dieses Bild von seinem Gesichtsausdruck, wenn er dann dieses Foto sieht, das muss ich mir merken. Das wird mein Ansporn, falls Lulu mich tatsächlich so quält, wie sie es alle gesagt haben. Aber im Grunde nehme ich nur für mich selbst ab. Nein, das wäre ja völlig verblödet, für diesen Idioten auch noch nach der Trennung etwas zu tun, nur um mich zu beweisen. Ich muss ihm nichts beweisen. Mir selbst jedoch schon.

Aber jetzt dusche ich erst mal.

Im Café

Einen Monat später …

Ich liebe dieses Café am Strand. Seit meinem ersten Abend hier ist es mein erklärtes Lieblingslokal. Abends stehen an der langen Holztheke viele Einheimische und auch Touristen mischen sich darunter. Rico, dem das Lokal gehört, ist ein echt fescher Latino. Kreole, um genau zu sein. Ihm ist es auch egal, dass ich jeden Abend wieder und wieder Mineralwasser bestelle. Umsatzbringerin bin ich keine. Lea, Wolf und Lulu dagegen schon. Sie gönnen sich gerade den dritten Cocktail. ›Leicht, mit wenig Alkohol‹, wie Lea betont. Ganz und gar nicht leicht fühle ich mich allerdings.

»Lulu, wenn du so weitermachst, sterbe ich eines Tages während des Workouts.«

Sie zieht an ihrem Strohhalm und grinst. »Keine Sorge, ich überwache doch deine Pulsfrequenz. Heute warst du übrigens echt gut.«

»Ja, oder?«

Wer hätte gedacht, dass ich zehn Kilometer in einem Stück die Strandpromenade entlanglaufen kann? Ich, die schon gekeucht hat, wenn ich in einem alten Zinshaus in Wien in den fünften Stock ohne Lift gehen musste.

Doch. Ich bin stolz auf mich. Auch wenn ich noch immer auf diese Glückshormone warte, von denen alle reden, und keinesfalls nicht andauernd ans Essen denke.

»Ruh dich jetzt ja nicht auf diesen Lorbeeren aus, Kleines«, mahnt Wolf und seine hellblauen Augen blitzen spitzbübisch. Ich mag seinen Style. Heute sitzt er mit weißen Jeansshorts da, ein kurzärmeliges fliederfarbenes Hemd dazu und weiße Bootsschuhe, wie man sie auf einer Jacht trägt. Nur dass er selbst keine Jacht besitzt. Aber letzte Woche waren wir auf einer eingeladen. Von einem Kunden von Lulu. War das eine Party. Ich habe mich wie in einer Fernsehserie gefühlt. Sehr cool. Wir sind mit dem Motorboot ein Stück aufs Meer hinausgefahren, um die Skyline von Miami zu sehen. Das ist ein Anblick.

»Ähm, Gloria? Bist du zu geschafft, um zu sprechen?«

»Nein, nein. Sorry. Mir ist nur die Bootsparty gerade wieder eingefallen. Aber glaub mir, bis ich mein Traumgewicht erreicht habe, ziehe ich das durch.« Und wenn ich noch tausend Mal rückfällig werde. Vorgestern habe ich mir heimlich eine riesige Tafel Schokolade gekauft und auf einen Sitz verschlungen. Nach diesem Zuckerschock war mir zwar schlecht, aber für einige Zeit habe ich mich verdammt glücklich gefühlt. Bis Lea aufgetaucht ist, das Papier gefunden und mich zur Rede gestellt hat. Neben dem Verkaufen von Villen am Strand bin ich das Firmenhauptprojekt. Manchmal weiß ich nicht, ob ich das meinem ärgsten Feind wünschen sollte. Sie nehmen es alle drei geradezu persönlich, wenn ich mal danebenhaue. Doch so war ich immer schon. Ich kann diszipliniert sein und dann kommt ein Augenblick, wo ich alles vergesse. ›Binge-Eater‹ nennt mich Lulu deshalb. Und sie hat vermutlich recht. Wenn Essbares in der Nähe ist und ich Zeit habe, dann esse ich. Viel und mit Begeisterung und weit über den Punkt hinaus, wo ich voll bin. Deshalb bin ich so froh, hier zu sein. Leas Kühlschrank ist bis auf ein paar Karotten und Dips immer leer. Mittlerweile weiß ich genau, warum sie so schlank ist: Lea isst einfach nichts.

Oder verdammt wenig. Und wenn, dann ist es Salat, Obst und Gemüse. Ein wenig Joghurt und auf gar keinen Fall Kohlenhydrate. Das sind die ganz Bösen, wie ich mittlerweile gelernt habe. Deshalb meide ich Bäckereien wie der Teufel das Weihwasser. In Wahrheit sind das Giftläden, aber ich weiß, kaum betrete ich einen, kann ich gar nicht genug von Zimtschnecken, Donuts oder diesen kleinen Kuchen mit Beerengelee bekommen. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen und mein Magen knurrt.

Mit »Sag mir sofort, woran du denkst« holt mich Lea unsanft aus der Bäckerei zurück an den kleinen runden Tisch auf dem Teakdeck am Strand.

»Kuchen mit Beerengelee und dass du zwei Tage runter auf die Keys musst.«

Mittlerweile weiß ich, dass sie ab und zu auch Villen auf den Keys bis rauf nach Naples oder auf der anderen Seite in Fort Lauderdale und Boca Raton vermitteln. Es gibt ja kaum andere Maklerbüros, die sich so wie Wolf auf deutschsprachiges Publikum eingeschworen haben. Da er in der Branche einen wirklich guten Ruf und als Sohn angesehener Juden mit einer großen Familie auch beste Kontakte hat, zieht er wirklich immer wieder unglaublich tolle Immobilien an Land, für die Lulu und Lea dann einen Käufer suchen.

»Das würde dir so passen«, lacht Lea. »Aber im Ernst, du machst dich super und kannst echt stolz auf dich sein. Die ersten zehn Kilo hast du geschafft, das ist wirklich toll und steht dir unglaublich gut.«

»Danke. Aber es müssen noch fünf runter.«

»Jap, und deshalb erweitern wir ab morgen unser Trainingsprogramm. Ich habe dich bei mir im Gym angemeldet.«

Meine Augen werden groß. Ich fühle es.

»Ich hasse Fitnessstudios.«

»Wer nicht?«, antwortet Lulu lakonisch.

»Ich«, funkt Wolf dazwischen. »Auch wenn es verboten ist, ich sehe mir gerne die Knackärsche von den heißen Typen dort an.«

»Wolf!«, tadle ich ihn und verdrehe meine Augen. »Du solltest dir endlich einen aussuchen und etwas Fixes eingehen.«

Jetzt rollt er mit den Augen. »Und alle meine Optionen opfern? Mein Leben ist zu kurz dafür, junge Dame.«

»So ein Blödsinn. Dann war einfach noch nicht der Richtige dabei. Und wenn der auftaucht, glaub mir, ab dem Moment wirst du die anderen Männer gar nicht mehr wahrnehmen.«

»Klingt, als ob du wüsstest, wovon du sprichst«, kichert Lulu.