Verlag: neobooks Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Verliebt, Verlobt, Verlogen - Tollpatsch sucht Traumprinz E-Book

Ewa A.  

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E-Book-Beschreibung Verliebt, Verlobt, Verlogen - Tollpatsch sucht Traumprinz - Ewa A.

** Romantischer Liebesroman mit Humor und einer Spur Erotik. ** Die tollpatschige Maskenbildnerin Nina ist eine graue, schüchterne Maus. Nur bei dem schwulen Lukas, den sie als ihre männliche Freundin ansieht, kann sie ihre Schüchternheit überwinden. Allerdings gibt es da ein Problem – das männliche Model Lukas ist gar nicht schwul, sondern findet Nina überaus anziehend. Wie soll Lukas das nur wieder geradebiegen? Ein Plan muss her.

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E-Book-Leseprobe Verliebt, Verlobt, Verlogen - Tollpatsch sucht Traumprinz - Ewa A.

Ewa A.

Verliebt, Verlobt, Verlogen - Tollpatsch sucht Traumprinz

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

EPILOG

Weitere Werke von Ewa A.:

Impressum neobooks

Widmung

Verliebt, verlobt, Verlogen

– Tollpatsch sucht Traumprinz –

Liebesroman von Ewa A.

*

Impressum

Texte: © Copyright by

E. Altas

79423 Heitersheim

ewa.xy@web.de

Cover: 

Bildmaterial:    

pixabay_ball-63917 (www.pixabay.com)

pixabay_cold-1284028 (www.pixabay.com)

pixabay_star-1553436 (www.pixabay.com)

Covergestaltung:   

Sabrina Baur

“Sophia Silver Coverdesign”    

(www.photorina.net)

*

Alle Rechte vorbehalten.

*

Lektorat:

Kornelia Schwaben-Beicht

www.abc-lektorat.de

*

Die Geschichte sowie die Personen und die Orte in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Begebenheiten, Orten, lebenden oder toten Personen sind in keiner Weise beabsichtigt und wären purer Zufall.

*

Soweit die Protagonisten in diesem Roman ihre Meinungen zum Schwulsein kundtun und Begriffe verwenden, die eventuell von Betroffenen als diskriminierend angesehen werden könnten, distanziere ich mich ganz ausdrücklich persönlich davon. Wiedergegeben ist nur das, was Lukas oder Nina (diese besonders in ihrer naiv-kindlichen Art und Weise) darüber denken oder fühlen, manchmal auch unter bewusster Verwendung von Klischees. Dies entspricht nicht meiner persönlichen Meinung und Einstellung dazu. Sollte sich trotzdem irgendjemand  betroffen fühlen, bitte ich ausdrücklich um Entschuldigung. Das war weder beabsichtigt noch so vorauszusehen.

*

Dieses Buch widme ich einer Person, die immer ein Teil von mir sein wird und mein Leben auf so vielfältige Weise bereichert, ohne die Nina nicht so wäre wie sie ist.

Kapitel 1

Der klägliche Rest des Schnees klebte auf der Straße und ließ kleine Pfützen und Rinnsale auf dem Gehweg entstehen. Sie hasste dieses Wetter, das anscheinend nicht wusste, ob es Eisregen oder Sonnenschein bringen wollte. Und das jedes Jahr immer kurz vor Weihnachten. Der Himmel war grau, genauso grau und langweilig wie ihr bisheriges Leben. Ein Auto fuhr an ihr vorbei, und Nina konnte nicht mehr der Fontäne aus dem Weg springen, die sich vor ihren Füßen ergoss. Schmutzige Tropfen spritzten auf ihre schwarze Hose und die braunen Wildlederschuhe.

Sie hätte ihre neuen Schuhe doch nicht anziehen sollen, es würden bestimmt hässliche weiße Ränder von diesen dummen Spritzern zurückbleiben. Dass ihre Hose und der lange dunkelbraune Mantel nicht verschont geblieben waren, war nichts Neues.

Wer hatte sich noch nicht von der Maskenbildnerin schminken lassen, die wie ein durch den Schlamm gezogenes Ferkel aussah? Das konnten nicht allzu viele sein, weil ihr fast jeden Tag auf dem Arbeitsweg so etwas zustieß. Vorgestern war sie im Schnee ausgerutscht und hatte sich an einer Mülltonne festhalten wollen, die aber nicht standhielt, sondern sich über ihr entleerte. Letzte Woche überschüttete ein Fremder sie im Gedränge mit Kaffee, der zum Glück nicht mehr heiß war. Und so könnte man die Liste ihrer „Unfälle“ fortführen.

Naja, Nina musste sich eingestehen, dass sie selbst nicht die beste Reklame für ihr Können war. Jeden Morgen blieb sie so lange im Bett liegen, dass es nur noch zum Waschen und Anziehen reichte, geschweige denn für ein aufwendiges Make-up. Doch sie liebte ihren Beruf. Es machte ihr wahnsinnigen Spaß, mit Menschen zusammenzuarbeiten, sie zu schminken und so zu verändern, dass man danach glaubte, einen ganz anderen vor sich zu haben.

Die Zeit am Theater war für sie am interessantesten gewesen, weil die Arbeit dort über das Schminken hinausgegangen war. Sie knüpfte Perücken, Bärte oder Haarteile, erstellte Masken, erschuf eine Person neu und hob nicht nur ihre Vorzüge hervor oder kaschierte Makel, wie es gewöhnlich bei den Aufträgen, die sie zurzeit hatte, der Fall war. Nur eine Zeit lang hatte sie dort gejobbt, weil sie vielfältige Erfahrungen sammeln wollte.

Jetzt war sie unterwegs zu einer Modenschau, die ihre Agentur ihr vermittelt hatte. Bei einer Modenschau zu schminken, war nicht ganz so toll, wie sie zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn geglaubt hatte. Stress herrschte dort vor, verursacht durch die Aufregung und den Zeitdruck, den eine Liveshow mit sich brachte. Alle Mitwirkenden waren deswegen meist ziemlich genervt. Nichts da mit „schön Zeit lassen“ und lange Schwätzchen halten, da hieß es „hopp, hopp!“.

Wesentlich angenehmer war es, beim Film oder bei Fotoshootings zu schminken. Da konnte sie in aller Ruhe ihre Fähigkeiten entfalten, ohne von irgendwelchen hysterisch aufgeregten Modeschöpfern zu olympischen Bestzeiten angetrieben zu werden.

Bei stressigen Modenschauen und anderen Aufträgen konnte sie weitere – nicht nur berufliche – Erfahrungen sammeln, und diese Arbeitsaufträge waren es, die ihr einsames Leben abwechslungsreicher machten.

Doch irgendwann, wenn sie genügend Geld beisammen und keine Lust mehr auf das „Heute-hier-Morgen-da-Leben“ haben würde, plante sie, ein Kosmetikstudio aufzumachen. Dann könnte sie den alten Damen Antifaltenmasken auftragen, Gesichtshärchen auszupfen und die Nägel lackieren, während sie ihnen erzählen würde, welche Berühmtheiten sie schon geschminkt hatte. Naja, das würden dann wohl keine langen Gespräche werden, weil sie bis jetzt noch niemand wirklich Berühmtes geschminkt hatte, abgesehen vielleicht von der Blondine aus der Strumpfhosenwerbung, die zurzeit in aller Munde war.

Nina musste über sich selbst lächeln. Ihre braunen Korkenzieherlocken hüpften, als sie die Treppe des Hotels, in dem die Modeschau stattfinden sollte, in großen Schritten hocheilte.

Marius, der schlaksige Designer, erwartete sie schon hinter der Bühne. Seine winzigen Augen blickten sie vorwurfsvoll an, und seine Nase wirkte dadurch noch spitzer als sonst.

„Da bist du ja endlich. Mein Gott, Kindchen, du solltest dich etwas früher auf den Weg machen.“

Nina schenkte ihm dafür nur einen mürrischen Blick.

"Schau mich nicht so mit deinen großen braunen Augen an. Zu spät ist zu spät", meckerte Marius weiter.

Auf dem Weg zum Schminktisch zog sie ihren Mantel aus. Einige Models kannte sie schon von früheren Aufträgen. So auch Luisa, die schon auf dem Stuhl saß und auf sie wartete. Marius begleitete Nina, um ihr damit in den Ohren zu liegen, wie sie welches Model mit jenem oder diesem Kleid schminken und frisieren sollte.

Nina wusste, es war ihr Job, die Models so zu stylen, dass es genau den Wünschen des Designers entsprach, aber Typen wie diesem Marius hätte sie am liebsten mit ihrer Pinzette jedes Nasenhaar einzeln herausgerissen. Nach fünf „Kindchen“, wie er sie ständig betitelte, zählte sie nicht mehr mit und lauschte nur noch nebenbei dem Singsang seiner Stimme. Mit viel Trallala verließ er sie endlich, und sie konnte sich in Ruhe auf ihre Arbeit konzentrieren.

Greta, die ebenfalls Maskenbildnerin war und sich mit ihr den Raum teilte, verdrehte nach Marius‘ Abgang gekonnt die Augen. Nina wusste, dass sie beide das Gleiche dachten, und konnte vor Lachen fast nicht mehr an sich halten. Soviel sie verstanden hatte, trug seine Kollektion den Namen „Blühender Sommer“, und die Mannequins sollten blumenähnliche Frisuren haben. Schmetterlinge, Blüten- und Blätterranken sollten Haut und Haare zieren.

Nina schluckte ein weiteres Kichern hinunter, als sie die männlichen und weiblichen Models in abartigen Pseudokleidungsstücken herumlaufen sah, die wahrscheinlich kein normaler Mensch anziehen würde. Zumindest nicht in nüchternem Zustand.

Greta bearbeitete bereits ein anderes Model, das Nina nicht kannte. Luisa, der Nina gerade die Grundierung auftrug, unterhielt sich aufgeregt mit Gretas „Arbeit“.

„… Ja, Lukas, das wäre schon ein Volltreffer ... wenn er nicht schwul wäre.“

Das andere Mädchen beugte sich sichtlich erschrocken vor, um Luisa ins Gesicht sehen zu können. Dabei entriss sie ihr Haar Gretas Händen, und diese musste mit ihrem Werk von Neuem beginnen. Nina konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, als sie Gretas mörderischen Blick sah, den sie dem Model zuwarf.

„Du meinst, dieser blendend aussehende Kerl mag keine…?“

„Ja, Süße, er steht leider nur auf Männer. Wäre er wenigstens bisexuell … aber er ist ein reinrassiger Schwuler.“

„Oh nein, warum müssen die besten Männer immer verheiratet oder schwul sein?“ Nina hörte nicht mehr weiter zu, weil sie ganz in Gedanken versunken war.

Lukas? Lukas? Ja, das war das Model mit diesen unwahrscheinlichen Augen. Nina bekam feuchte Hände und Hitzewallungen vor Scham, als sie daran dachte, wie sie den Typ schon ein paar Mal geschminkt hatte, und jedes Mal war es in einer absoluten Katastrophe geendet. Dank ihrer unfassbaren Tollpatschigkeit.

Blaugrüne Augen, welche ganz intensiv leuchteten, in einem wirklich gut aussehenden Gesicht. Er hatte richtig schwarze Haare, keine dunkelbraunen wie die meisten Schwarzhaarigen, nein, seine waren pechschwarz. Sein Hautton war recht dunkel, und seine kräftigen schwarzen Bartstoppeln zauberten einen verwegenen Hauch auf seine ausgeprägten Wangenknochen und das eckige Kinn, was ihn wahnsinnig männlich wirken ließ. Ja, er war eines dieser Models, vor denen man ehrfürchtig stehen blieb, weil ihre Schönheit buchstäblich in den Augen schmerzte und Atemstillstand verursachte.

So jemanden zu schminken, war die Hölle, besonders, wenn es ein Mann war, den man ungeheuer sexy fand. Und dieser Kerl mit dem Körper, der Adonis wie ein Milchmädchen aussehen ließ, sollte schwul sein??! Nicht zu fassen!

Aber im Nachhinein überraschte es Nina nicht, denn sie hatte ihn noch nie mit einer Frau zusammen gesehen. Dabei sah er doch so gut aus, dass er locker zehn schmachtende Weiber an jedem seiner Finger und Zehen hätte haben können. Bei Gott, das war wirklich ein harter Schlag für die Frauenwelt!

Nur für Nina war es ausgezeichnet. Wieder einer weniger, den sie soooo gerne beeindruckt hätte, wozu sie aber niemals im Leben eine Chance haben würde, vor allem nicht nach der letzten Peinlichkeit … Ja, wenn man wusste, dass er auf der gleichen Seite jagte, war er ein Konkurrent und keine Beute mehr, und somit völlig uninteressant.

„Woher weißt du das eigentlich, Luisa? Mir fiel an ihm nie was auf.“

Luisas blasse Schönheit färbte sich auf einmal rosa, was sich mit ihrem grellroten Lippenstift biss. „Nun ich ... ich weiß es von ihm selbst.“

„Nein – sag bloß, du hast ihn angemacht, und er hat‘s dir mit ner Abfuhr gesteckt?“

„Ich kann dir gar nicht sagen, wie peinlich das war.“

Die gelben Margeriten, die die zwei Models jetzt darstellten, waren fertig und standen auf, um sich zu ihren Kolleginnen zu gesellen.

„Nina, magst du auch ne Tasse Tee? Ich hol uns welchen.“ Greta war eine nette Kollegin und hätte auch eine gute Freundin sein können, wäre sie nicht mit Mann und Kindern bis zum Anschlag ausgelastet gewesen.

„Ja danke, das wär super.“ Nina schaute ihr sehnsüchtig nach. Insgeheim beneidete sie Greta, weil sie so zierlich war und eine schöne, gleichmäßig schlanke Figur hatte, mit der sie alles tragen konnte. Einzig gemein hatten sie die braune Haarfarbe, denn Gretas Augen waren blau wie das Meer. Nina hingegen kam sich mit ihrem braunen Haar und ebensolchen Augen ganz gewöhnlich vor. Wäre sie eine Farbe, wäre sie ein dumpfes Graubraun. Eintönig, langweilig, alltäglich.

Nina traute sich nicht, eng anliegende Kleider oder Pullis zu tragen. Sie war nicht dick – nein. Sie hatte schlanke Beine und Arme, schmale Hüften, eine zierliche Taille und einen Busen. Und genau der war das Problem, denn davon hatte sie einfach zu viel – für Ninas Geschmack. Zu viel im Verhältnis zu ihrem restlichen schlanken Körper.

Wenn sie einen engen Pulli trug, flogen unweigerlich alle Blicke der Männer und die der neidischen Frauen, was Nina nun wirklich verstand, zu ihr. Sie hasste diese Situationen wie die Pest, weil sie wusste, es geschah nicht wegen ihres Gesichtes. Vielmehr fragte sich jeder, ob der Busen echt war und wie sie wohl oben ohne aussehen würde. Sie konnte den Leuten förmlich ansehen, wie sie sie in Gedanken auszogen, und fühlte sich dann, als wäre sie tatsächlich nackt.

Aus diesem Grund trug sie immer weite Hemden und Pullover, die ihr weit über den Po reichten. Da ihr Vorbau aber so ausgeprägt war, dass die Pullis immer frei in der Luft hingen, entstand der Eindruck, Nina sei am gesamten Oberkörper korpulent und habe nur schlanke Beine.

Aber Nina war es lieber so, denn so ging sie in der Menge unter und wurde nicht beachtet, wenn ihr nicht gerade ein Ungeschick passierte und sie spöttische Blicke auf sich zog. Leider machte man weder als Mollige noch als Tollpatsch einen positiven Eindruck auf Männer.

Doch Nina sagte sich, der Richtige würde sie so nehmen, wie sie war. Und dann würde es für ihn hoffentlich eine angenehme Überraschung werden, wenn er ihre wirkliche Figur entdeckte. Mit ihrer Schusseligkeit müsste sich der arme Kerl allerdings abfinden, denn die würde sie wahrscheinlich nie verlieren.

Sie war nicht hässlich, aber auch nicht von erlesener Schönheit. Wenn sie aber ihr ganzes kosmetisches Können einsetzte, dann könnte sie den Eindruck von einer Schönheit erwecken. Aber eben nur den Eindruck, mehr nicht. Deswegen würde sich ihr wahrscheinlich auch nie ein Mann – verzückt über ihre Gesichtszüge – vor die Füße werfen. Leider traurig, aber wahr. Vermutlich würde sie über den bemitleidenswerten Typen stolpern und ihm dabei einen schmerzhaften Tritt in die Weichteile versetzen.

Eine laute Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

„Das hast du wirklich zu ihr gesagt? Kein Wunder, dass sie dir keine Beachtung mehr schenkt.“ Michael kam lachend durch die Tür und setzte sich breitbeinig auf Gretas Stuhl.

„Hi, Nina. Schon wach?“

„Mehr oder weniger.“ Sie lächelte ihn an.

Michael war eines der Männermodels, mit dem sie ganz ohne Ehrfurcht vor seiner äußeren Erscheinung reden konnte. Er war groß und schlank, hatte aber nicht diese atemberaubende Schönheit, die Lukas besaß, der hinter ihm zur Tür hereinkam. Lukas war so groß und breit, dass er den ganzen Türrahmen ausfüllte. Mit einem knappen „Guten Morgen“, an Nina gerichtet, ließ er sich lässig in ihren Schminkstuhl fallen.

Oh nein, nicht schon wieder! Warum muss ich immer diesen Kerl schminken? Sie würde sowieso nur ein wenig Puder bei ihm benutzen müssen, weil er von Natur aus einen ebenmäßigen, makellosen Teint hatte. Seine Wimpern waren so dicht, lang und schwarz, dass ein Nachtuschen völlig unnötig war. Diesen verflixt sinnlichen Mund würde sie etwas dunkler nachziehen, damit er unter dem Puder nicht verschwand. Sein kurzes, glattes Haar saß eh immer, wie es sollte. Wahrscheinlich wachte er morgens schon so unverschämt gut aussehend auf.

Sich Lukas nackt, nur durch ein Laken leicht bedeckt, und herrlich verschlafen in einem Bett vorzustellen, war mehr, als Nina auf nüchternen Magen verkraften konnte. Und scheppernd flog ihr der Kosmetikpinsel aus der Hand.

„Oh ... äh, guten Morgen.“

Unsicher schaute sie Lukas an und bückte sich nach dem Pinsel, blieb aber mit ihrem Absatz an einer Handtasche hängen, die irgendein Idiot am Boden abgestellt hatte, verlor das Gleichgewicht und landete mit ihrem Gesicht mitten in seinen Schoß. Ein leises „Au“ war alles, was Lukas herausbrachte.

Mühsam rappelte sich Nina aus ihrer äußerst pikanten Position auf. Zu allem Übel war das giftgrüne Latexkostüm, das Lukas trug, mit dicken gelben Knubbeln übersät, um die sich nun Ninas wilde Locken rankten und schier festzukleben schienen.

„Es … es tut mir leid … Ich hänge hier irgendwie … Moment, ich hab‘s gleich.“

Verzweifelt nestelte sie an der letzten klebenden Haarsträhne herum, die genau an einer Noppe hing, die über seinem edelsten Teil saß. Geduldig schloss Lukas die Augen und atmete langsam aus. Michael dagegen prustete, um nicht lauthals loszugrölen, in seine Faust, die er sich mittlerweile aus lauter Verzweiflung schon in den Mund steckte. Inzwischen hatte Nina sich wieder erhoben, und eine Röte überzog ihr Gesicht.

„Entschuldigung … ich … ähm ...“

„Ach was, ich glaub, so unangenehm fand er es gar nicht“, warf Michael, noch immer lachend, ein, fing dafür aber einen bösen Blick von Lukas auf.

Wie peinlich! Warum musste ihr das wieder bei ihm passieren? Aber … Halt! Warum war sie denn so nervös? Sie hatte doch eben erfahren, dass Lukas schwul war. Also kein Grund zur Aufregung.

Bei diesem Gedanken musterte sie ihn und musste unwillkürlich lächeln. Sie sah in den Spiegel und bemerkte die steile Falte auf seiner Stirn, als er sie ärgerlich ansah. Noch schmunzelnd schaute sie in seine türkisfarbenen Augen und wandte sich dann wieder ihrer Arbeit zu. Er mochte es anscheinend nicht, wenn sie ihn anstarrte.

Greta kam mit den dampfenden Teetassen herein. Eine davon reichte sie Nina.

„Dein Tee, Nina. Ah, was haben wir denn da für zwei Süße? Ihr wollt wohl noch schöner werden?“

Michael gluckste ein angenehmes, aber ungewöhnliches Männerlachen.

„Schau mal, was du aus mir rausholen kannst.“

Greta machte sich daran, Michaels lange Nase zu kaschieren, seine unreine Haut abzudecken und seine Augen zu betonen. Nina kämmte unnötigerweise Lukas‘ Haare, die dicht und kräftig waren, sich aber dennoch weich zwischen ihren Fingern anfühlten. Gerade wollte sie den Puder bei ihm auftragen, als Luisa hereinkam.

„Ach, ich hab hier meine Ohrringe liegen lassen. Oh – hi, Lukas. Ist ... Ist das dein F r e u n d?“

Lukas schaute sie überrascht an. Dann schien er zu verstehen, was sie meinte mit der besonderen Betonung des Wortes „Freund“. Er wollte ihr gerade antworten, als Michael seine Hand auf Lukas‘ Knie legte und in einem süßlichen Tonfall sagte: „Schätzchen, sieht man das denn nicht? Dieser süße Junge ist das Zentrum meiner Träume.“

Nina hatte Michael noch nie in dieser Tonlage reden hören, doch nun war selbst ihr klar, wer und vor allem was Michael wirklich war.

Luisa murmelte leise vor sich hin: „Oh, Verzeihung“, schnappte schnell ihre Ohrringe, und weg war sie. Michael brach darauf in sein Gegluckse aus.

Nina hatte die ganze Szene amüsiert verfolgt, während sie mit dem Puder in der Hand vor Lukas stand. Der wiederum schaute sie entgeistert an, als wollte er fragen, was das alles sollte.

Verdammter Mist! Jetzt saß er aber ganz schön tief in der Patsche. Dieser zickigen Luisa hatte er beim letzten Fotoshooting eine ziemlich wilde Geschichte aufgetischt. Wer konnte ahnen, dass sie das auch noch glauben würde? Sie hatte sich ihm so an den Hals geworfen, hatte kein „Nein danke“ akzeptiert, sodass er sich gezwungen sah, zu solch drastischen Maßnahmen zu greifen. Er erzählte ihr, er sei schwul und unsterblich in seinen Freund verliebt, und dass er aus Angst vor Krankheiten nie fremdgehen würde, und schon gar nicht mit einer Frau.

Das Einzige, was an der Geschichte stimmte, war, dass er wirklich eine treue Seele war und er niemals seine Freundin betrügen würde. Vorausgesetzt, er würde endlich eine finden, an der er mal nichts auszusetzen hatte.

Hauptsächlich aus moralischen Gründen würde er nie untreu sein, und nicht aus gesundheitlichen, denn dann könnte er seiner Freundin nicht mehr in die Augen schauen und würde sich außerdem immerzu fragen, ob sie ihn auch betrog. Der Rest seines Lügenmärchens war erstunken und erlogen. Leider war es nicht das erste Mal, dass er diese Story erzählt hatte, zu oft schon hatte er nach diesem Ausweg gegriffen.

In Wirklichkeit war er ein gesunder heterosexueller Mann, der jederzeit gerne seine sexuellen Bedürfnisse befriedigte. Sah er wirklich schwul aus? Es bereitete Lukas Sorgen, dass alle ihm auf Anhieb geglaubt hatten..

Allerdings schien ihn seine kleine Lüge nun auch sexuell einzuschränken, zumindest in diesem Umfeld. Dabei hatte er doch hier gerade eine sehr interessante Entdeckung gemacht: seine Visagistin. Nina, die ihn schon mehrere Mal geschminkt hatte, war wahrscheinlich nicht so langweilig, wie sie aussah.

Schon bei ihrer ersten Begegnung waren ihm ihre wunderschönen samtbraunen Augen mit den langen, schwarzen Wimpern aufgefallen. Sie war nicht gerade eine herausragende Schönheit, doch sie hatte das gewisse Etwas, das sie, kombiniert mit dieser Tollpatschigkeit, wortwörtlich „gefährlich“ für ihn machte.

Ihre beiden letzten Zusammentreffen waren seltsam verlaufen. Beim ersten Mal hatte sie ihm – wohl vor Schreck, weil er sich unbemerkt von ihr in den Schminkstuhl gesetzt hatte – ein Glas Saft über seine nackte Brust geschüttet. Oder, so hoffte er, war sie deshalb erschrocken, weil er nur mit einer knappen Badehose bekleidet gewesen war? Mit hochroten Wangen rieb sie dann seine Brust trocken und versuchte das Gleiche bei seiner Badehose. Die hätte sie ihm dann beinahe vom Körper gestreift, wenn er sie nicht zurückgehalten hätte.

Beim zweiten Treffen knockte sie ihn fast aus. Es wäre ohne größeres Malheur abgelaufen, wenn sie nicht noch seine Schuhe von dem kurz zuvor heruntergefallenen Puder hätte säubern müssen. Mit zu viel Schwung kam sie vom Boden hoch, und er konnte nicht mehr rechtzeitig seinen Kopf zurückziehen, worauf Ninas Kopf ihn mit voller Wucht am Kinn erwischt hatte. Ja, in ihrer Nähe war man nie sicher vor Überraschungen.

Ihr Mund, der ein bisschen zu breit geraten war, sah ausgesprochen verführerisch aus. Die Nase war schmal und gerade geschnitten. Ihre braunen Haare waren beeindruckend, nicht die Farbe, sondern diese wilden Locken, die zügellos über ihren Rücken fielen.

Nie trug sie Make-up wie ihre anderen Kolleginnen. Greta, zum Beispiel, war mit Farbe so zugespachtelt, dass er sich fragte, wie sie darunter je wieder ihr eigenes Gesicht finden sollte.

Nina dagegen war auch in ihrer Kleiderauswahl sehr zurückhaltend. Greta ließ jeden wissen, wie ihre Figur aussah, bei Nina musste man Vermutungen anstellen, wenn man nicht schon gleich nach dem ersten Blick auf sie aufgab. Ihre Beine gefielen ihm, sie hatte wohlgeformte Beine und schlanke Fesseln, das konnte er sehen, da ihre 7/8-Hosen schmal geschnitten waren. Er musste in sich hineinschmunzeln: Heute konnte er undefinierbare Spritzer auf ihrer Hose und ihren Schuhen entdecken, wo immer die auch wieder hergekommen waren. Bei einem ihrer letzten Termine hatte sie einen riesigen Fleck auf ihrem Pulli, wahrscheinlich hatte sie sich mit Kaffee bekleckert.

Besonders im Gedächtnis war ihm der Tag geblieben, an dem sie, völlig außer Puste, mit mehreren Erdnussschalen im Haar aufgetaucht war. Greta erklärte sie, wegen des Schnees wäre sie beinahe in einer Mülltonne gelandet, wobei er sich gefragt hatte, was sie mit beinahe meinte, denn sie hatte eher nach einer Totalkollision ausgesehen.

Die Kleine war einfach zum Brüllen, und irgendwie machte ihn das total an. Sie hatte winzige Füße – er schätzte ihre Schuhgröße auf 36 –, zierliche Hände mit feingliedrigen Fingern, einen grazilen Hals und ein kleines Gesicht. Mehr konnte er nach einem groben Blick nicht feststellen.

Nichts deutete daraufhin, dass sie dick war, abgesehen von dem weiten Pulli, der einen Bauch vermuten ließ. Doch ihre unförmigen Pullis schwebten immer in der Luft, nie lagen sie am Bauch an. Lukas schien ihr Busen weitaus größer als ihr Bauch. Als sie sich vorhin nach dem Pinsel bückte, bevor sie ihn so unerwartet in heiße Erregung versetzte mit ihren festgehackten Haaren, konnte er einen kurzen Blick auf schmale Hüften und einen süßen kleinen Knackarsch werfen.

Also, was verbarg sich da unter dem fünf Nummern zu großen Pulli? Das wollte er zu gerne herausfinden, aber seine Lügengeschichte kam ihm da jetzt wohl in die Quere. Er hatte ihren amüsierten und anzüglichen Blick gesehen, als Michael mal wieder die Rolle seines schwulen Freundes übernommen hatte.

Michael kannte er schon aus der Schulzeit, und es war für sie beide immer wieder ein Riesenspaß, diese Schwulennummer zu spielen. Ohne Zweifel hatte seine vermeintliche „homosexuelle Neigung“ schon die Runde gemacht. Lukas wusste, dass er das Ganze besser beenden sollte, aber dann hätte er wieder diese Meute von Zicken am Hals, deren Anführerin die furchtlose Luisa war.

Er war sich fast sicher, dass das, was sich unter Ninas Pulli versteckte, eine Süßigkeit sondergleichen war, aber eben nur fast, und deswegen allein würde er sicher nicht seine gelungene Tarnung auffliegen lassen. Vielleicht würde Nina aber auch schweigen, käme er mit der Wahrheit heraus, dass er nicht schwul war, und welche Umstände zu dieser Lüge geführt hatten.

Michael war bereits fertig mit seinem Make-up und Greta schon wieder unterwegs, um etwas zum Essen zu holen. Einen besseren Zeitpunkt würde es nicht mehr so schnell geben.

Nina hatte gerade seine Lippen nachgezeichnet und verrichtete, wie immer die ganze Zeit über schweigend, ihre Arbeit. Heute schien sie aber nicht ganz so ungeschickt zu sein wie bei den letzten Malen, als er in ihrem Stuhl gesessen hatte. Bei den vorherigen Begegnungen war sie fast dauernd auf dem Boden umhergekrochen, um Puder, Pinsel und andere Utensilien zu suchen und aufzuheben.

Er holte tief Luft und fing mit seiner Rede an. „Das mit Luisa ... es ist mir echt peinlich, aber ...“

Sie hielt mit dem Auftragen des Rouges inne und schaute ihn ernst an. „Nein, warum denn? Ich find‘ s ganz okay, wenn man dazu steht, dass man nicht so ist, wie es von einem erwartet wird.“

„Ehrlich?“

Was sollte er auch anderes sagen, nach so einer einfühlsamen Antwort? Er versuchte aber noch einmal, ihr die Wahrheit zu sagen. „Also eigentlich bin ich ...“

Sie schnitt ihm das Wort ab, indem sie ihm brüderlich auf die breiten Schultern klopfte. „Ach komm, ist doch heutzutage voll normal, wenn einer schwul ist.“

Das hörte sich aber gar nicht gut für ihn an. Leicht gekränkt darüber, dass Nina es bei seinem Aussehen nicht bedauerte, dass er homosexuell war, fragte er eine Spur zu gereizt: „Ach – wirklich?“

Ihre großen Augen wurden noch runder vor Erstaunen. „Ja natürlich. Außerdem … bei einem Mann mit deinem Aussehen bekommt so eine graue Maus wie ich Komplexe. Verstehst du?“

Unendlich erleichtert, dass sie doch nicht immun gegen seine Erscheinung war, sagte er: „Nein, eigentlich nicht.“

Sie lächelte, wobei er ihr strahlend weißes Gebiss bewundern konnte. „Na, wenn du schwul bist, komm ich nicht in Versuchung und kann mir – ergo – auch keinen Korb holen.“

Jetzt verstand er. Deswegen war sie heute auch etwas ruhiger und konnte mit ihm mehr als zwei Worte reden. Die letzten Male war sie so nervös gewesen, möglicherweise wegen ihm? Seine Karten wurden immer besser. Vielleicht war die Behauptung, ein Schwuler zu sein, doch gar nicht so schlecht? Womöglich eine ganz neue Masche, ein verschüchtertes Mädchen aufzureißen? War sie etwa gar kein Schussel, sondern nur zu aufgeregt, schüchtern oder unschuldig, um mit ihm zu reden? Wenn er jedoch an die Erdnussschalen in ihrem Haar dachte … wohl doch eher ein Katastrophenauslöser. Aber trotzdem sollte er, aus rein wissenschaftlichen Gründen, der Sache nachgehen. Er beschloss, weiterhin den schwulen Lukas zu spielen.

„Schätzchen, du bist die erste Frau, die es so sieht. Hast du nicht mal Lust, mit mir einen Kaffee trinken zu gehen?“

Nina war sich nicht ganz sicher, ob das sooo eine gute Idee wäre. Obwohl sie sich immer wieder sagte, dass Lukas schwul war, reagierte ihr Körper immer noch auf sein männliches Aussehen.

Als sie seine leicht geöffneten Lippen geschminkt hatte, zitterten ihre Hände. Ihr Atem war schon unregelmäßig, als sie seine markanten Züge und die schmale Nase abgepudert hatte.

Diese Unruhe in ihr wollte einfach nicht verschwinden. Dauernd fiel ihr das Zeug aus den Händen, wie immer, wenn sie ihm zu nahe war. Vielleicht brauchte ihr Körper länger als ihr Verstand, um zu verstehen, dass Lukas außerhalb des Jagdgebietes war? Sie beschloss, ihrem Körper zu zeigen, dass Lukas so jemand war wie ... Greta. Genau, wie Greta!

„Ja, klar, wieso nicht!“

Lukas triumphierte innerlich. Hatte er sie erst mal zu einem Date überredet, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis nackt in seinem Bett liegen würde. Er setzte seine Hände beim Sprechen ein, so, wie er es bei Marius gesehen hatte, und ahmte den weibischen Tonfall nach.

„Das wäre ... superb. Kindchen, ich hol dich morgen ab, ja? Nicht, dass dir irgendwelche schlimmen Rüpel zu nahekommen. Also, wo soll ich morgen hineilen?“ Großer Gott, das war ja schwerer zu spielen, als er gedacht hatte, hoffentlich übertrieb er es nicht. Er würde Marius genauer unter die Lupe nehmen müssen.

„Danke, das ist echt lieb von dir. Ich wohne in der Bakerstreet 12. Wie wärs um vier Uhr?“

„Einfach wundervoll, meine Liebe. Ich geh dann mal, ja?“ Lukas fragte sich, ob er als Schwuler anders gehen müsste, beschloss dann aber, bei seinem üblichen Gang zu bleiben, den alle von ihm kannten.

Nina lachte leise, als sie Lukas in dem giftgrünen Anzug mit den gelben Noppen davongehen sah. Er stellte einen blühenden Kaktus dar, und – obwohl das Kleidungsstück lächerlich aussah –, wirkte Lukas noch immer anziehend auf sie. Das Gummiding saß so eng, dass man jeden einzelnen Muskel seines durchtrainierten Körpers sehen konnte – und noch andere Teile. Naja, aber trotzdem blieb es ein giftgrünes Teil mit gelben Noppen, und selbst der Prachtkerl Lukas sah darin ein klein bisschen komisch aus.

Marius, den mittlerweile ebenfalls die Neuigkeit über Lukas‘ Sexleben erreicht hatte, fing ihn im Bühnenbereich ab. „Ich wusste gar nicht, dass wir den gleichen Geschmack haben? Wollen wir darüber nicht bei einer Tasse Wildkirschtee plaudern?“

Das hatte Lukas jetzt gerade noch gefehlt: erst eine Nymphomanin, dann ein tollpatschiges Busenwunder und nun ein schwuler, abgedrehter Schneider. „Kurz und bündig“ war wohl der beste Weg, ihn los zu werden.

„Nein. Und wir haben hundertprozentig nicht den gleichen Geschmack, weder in Kleidung noch in Tee.“ Mit einem durchdringenden Blick ließ er Marius stehen.

„Oh, dieser Schelm, ich liebe diese harten Jungs, wenn sie so tun, als wären sie schwer zu erobern.“ Mit schwingenden Hüften takelte er Lukas aufgeregt hinterher.

Die Modenschau war ein Erfolg gewesen, worüber alle, außer Marius, sehr überrascht waren. Nachdem Nina die letzten Models abgeschminkt, ihre Arbeitsmittel gesäubert und verstaut hatte, machte sie sich im schnellen Laufschritt auf den Heimweg. Es war schon dunkel. Der Tag war anstrengend gewesen, und doch … heute hatten ihr der Stress und der laute Trubel nichts anhaben können.

Immer, wenn sie Lukas über den Weg lief, zwinkerte er ihr aufmunternd zu. Sein Lächeln ließ ihr jedes Mal das Herz in die Hose rutschen. Ihr Körper wollte immer noch nicht einsehen, dass Lukas nur eine neue „Freundin“ für sie war.

Sie hatte ihn bei seinen Auftritten auf dem Catwalk beobachtet. Er war – bei Gott – der faszinierendste Mann, den sie je gesehen hatte. Wenn sie Lukas so sah, strahlte er eine solch unbeugsame wilde Männlichkeit aus, dass es wirklich schwierig war, ihn sich mit einem anderen Mann im Bett vorzustellen. Wenn er allerdings zu reden anfing … Aber woran sollte Frau erkennen, ob ein Mann schwul ist, abgesehen vom Kleidungsstil, der Mimik oder Gestik? Sie musste sich damit abfinden: Lukas war schwul. Mit Sicherheit. Warum sollte er sich sonst mit ihr, der unscheinbaren, tollpatschigen Nina Sullivan, zu einem Kaffee treffen wollen? Das war doch der unumstößliche Beweis dafür.

Kapitel 2

Nina schloss die Wohnungstüre auf, und Stille und Einsamkeit empfingen sie. Es war furchtbar trostlos, jeden Abend in ihre Zweizimmerwohnung zu kommen, ohne sich auf einen anderen Menschen freuen zu können. Vielleicht sollte sie sich ein paar Katzen anschaffen, damit sie sich wenigstens auf die freuen könnte, wenn sie nach Hause kam.

Sie zog ihren Mantel aus und warf ihn mit ihrer Handtasche auf den kleinen Esstisch. Wie immer stellte sie das Radio für ihre Lieblingssendung an, die Nick Reed-Show. Eine Sendung, in der die Zuhörer anrufen konnten, um über ihren Liebeskummer zu sprechen oder Liebesgrüße zu versenden. Nina fand es total romantisch, wenn Nick ein Paar wieder zusammenbringen konnte, auch wenn die Sendung vor herzzerreißendem Kitsch nur so triefte.

Sie ließ die Rollläden runter und öffnete lustlos ihren Kühlschrank. Heute hatte sie keine Energie mehr zum Kochen. Nur noch zum Öffnen eines Fertiggerichtes würde es reichen, und so fragte sie sich laut: „Pizza? Oder ... Pizza?“ Und gab sich die Antwort: „Ich nehme ... die Pizza.“

Sie glaubte langsam, irrezuwerden vor Einsamkeit, denn sie führte nicht nur Selbstgespräche, sondern vollkommen behämmerte Selbstgespräche.

Schon der Anblick des einsam und verlassen dastehenden Tellers auf ihrem Tisch machte sie traurig. Sie war ihr ganzes Leben lang einsam gewesen, und jetzt hatte sie die Nase gewaltig voll davon.

Als Nina sechs Jahre alt war, kamen ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall um; danach hatte sie in Heimen gelebt. Sie hatte keine Onkel oder Tanten, und auch die Großeltern waren schon verstorben.

Nicht mehr klein und süß genug, um von jungen Eltern adoptiert zu werden, die sich ein Baby wünschten, nicht alt und reif genug für Eltern, die großen Kindern eine neue Chance für ein gut situiertes Leben geben wollten, sondern gerade in der Zicken- und Trotzphase und immer Unheil verbreitend, war sie nicht aus dem Heim herausgekommen. Dick und schüchtern war sie gewesen, ein in sich zurückgezogenes Mädchen, das sich für nichts und niemanden zu interessieren schien.

Für Nina war es nachvollziehbar, warum sie weder als Kleinkind noch als Teenager adoptiert worden war. Wer hätte denn ein solch hässliches, mit zwei linken Händen ausgestattetes Kind haben wollen? Sie hatte Freundinnen im Heim gehabt, aber die waren gekommen und wieder gegangen, und nur sie war immer wieder einsam zurückgeblieben.

Bei einer Theateraufführung in einem der von ihr bewohnten Heime hatte sie die Aufgabe übernommen, die Darsteller zu schminken, weil sie selbst nicht hatte mitspielen dürfen. Man hatte ihr die Chance gegeben, aber sie vergaß entweder den Text, verpasste ihren Einsatz oder zerlegte das Bühnenbild in Trümmern, weil sie darauf fiel.

Mit sich selbst und ihrem Spiegelbild todunglücklich, begeisterte sie sich sofort für den Beruf der Maskenbildnerin, der ihr die Möglichkeit zu Veränderungen zeigte. Damals schwor sich Nina, sie würde eines Tages an einem richtigen Theater schminken, und sie begann entschlossen, ihr selbst gesetztes Ziel zu erreichen.

Sie erlernte zunächst den Beruf einer Kosmetikerin, um dann zu ihrem Traumberuf der Maskenbildnerin zu wechseln. Dieser Job war für sie eine Offenbarung: Alles war möglich, mithilfe von Farbe und Puder. Nun ja, zumindest fast alles.