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Im Herbst 1943 flieht Elisabeth mit ihrer Mutter und der Schwester Anna aus dem von Deutschen besiedelten Dorf Konteniusfeld in der Ukraine. Sie entkommen nur knapp den russischen Soldaten. Denn während des Krieges werden alle in Russland lebenden deutschstämmigen Bürger in Gefangenenlager gesteckt. Die Frauen schaffen es, halbverhungert und zu Tode erschöpft, Deutschland zu erreichen. Doch nach Kriegsende geht der Albtraum weiter: Es kommt zu einer massenhaften Zurückverschleppung der aus Russland stammenden Deutschen. Für Elisabeth, ihre Mutter und die Schwester beginnt wieder ein Wettlauf mit dem Tod. Anna stirbt schließlich in einem russischen Gefangenenlager an Unterernährung. Es dauert über zwanzig Jahre, bis die Familie wieder deutschen Boden betreten darf. Das Buch beruht auf den erschütternden Erlebnissen der Mutter von Nelli Pietsch. Ein Zeitdokument, das dem heutigen Leser die Grausamkeiten des Krieges auf ungeschönte Weise näher bringt.
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Veröffentlichungsjahr: 2014
LESEPROBE zu
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2006
© 2014 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Lektorat und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger & Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
Titelfotos: © Nelli Pietsch
eISBN 978-3-475-54378-4 (epub)
Nelli Pietsch
Verlorene Heimat
Flüchtlingsschicksal zwischen Deutschland und Russland
Im Herbst 1943 flieht Elisabeth mit ihrer Mutter und der Schwester Anna aus dem von Deutschen besiedelten Dorf Konteniusfeld in der Ukraine. Sie entkommen nur knapp den russischen Soldaten. Denn während des Krieges werden alle in Russland lebenden deutschstämmigen Bürger in Gefangenenlager gesteckt. Die Frauen schaffen es, halbverhungert und zu Tode erschöpft, Deutschland zu erreichen. Doch nach Kriegsende geht der Albtraum weiter: Es kommt zu einer massenhaften Zurückverschleppung der aus Russland stammenden Deutschen. Für Elisabeth, ihre Mutter und die Schwester beginnt wieder ein Wettlauf mit dem Tod. Anna stirbt schließlich in einem russischen Gefangenenlager an Unterernährung.
Es dauert über zwanzig Jahre, bis die Familie wieder deutschen Boden betreten darf.
Das Buch beruht auf den erschütternden Erlebnissen der Mutter von Nelli Pietsch. Ein Zeitdokument, das dem heutigen Leser die Grausamkeiten des Krieges auf ungeschönte Weise näher bringt.
Dieses Buch widme ich meiner Mutter,der liebevollsten, geduldigsten undgroßzügigsten Mama, die es gibt,und meinem Vater, den ich bewunderefür seinen Mut, mit Mama und unsdamals kleinen Kindernohne irgendeine Absicherungin ein unbekanntes Land zu ziehen!Ich widme es weiterhinmeinen großen SchwesternErika, Maria, Agathe und Luisesowie dem Andenkenan meine verstorbenen BrüderHarry und David.
Wenn mir meine Mutter Ausschnitte aus den härtesten Jahren ihres Lebens erzählte, war es meist schon spät am Abend.
Sie hatte mit einem warmen Essen auf mein Heimkommen gewartet. Während ich aß und meine Mutter an einem neuen Deckchen häkelte, plauderten wir über belanglose Dinge, die wir an diesem Tag gehört oder erlebt hatten.
Wenn ich mich für das köstlich zubereitete Essen bedankte, ließ sie ihre Häkelarbeit, an der sie unentwegt arbeitete, auf den Schoß sinken. Sie seufzte dann tief, und ihr Blick verlor sich in der Ferne.
Den Rücken leicht gebeugt und den Kopf nachdenklich auf die rechte Seite geneigt, begann sie ihre Erzählung mit dem Satz: »Ja Nelli, du darfst auch wirklich dankbar sein, dass es uns jetzt so gut geht. Als ich in deinem Alter war …«
Der scharfe Geruch von Angstschweiß vermischte sich mit dem herben Duft des Kartoffelackers. Die beiden Mädchen pressten ihre ausgemergelten Körper in das abgeerntete Feld. Um den in der Morgenkühle sichtbaren Atem zu verbergen, mussten sie förmlich in die Erde hinein atmen.
Immer wieder tasteten die riesigen Scheinwerfer das umliegende Feld und die angrenzenden Trampelpfade ab. Sobald der Lichtkegel über ihre Körper hinweggeglitten war, robbten sie ganz langsam auf den Stacheldrahtzaun zu, der das gesamte Kartoffelfeld einfriedete.
Als sie sich halbwegs sicher waren, dass sich die Miliz weit genug entfernt hatte, sprangen sie auf und hasteten in gebückter Haltung nach Hause. Dabei umklammerten sie die in ihren Röcken eingewickelten Kartoffeln mit beiden Händen wie einen kostbaren Schatz. An diesem Morgen hatten sie Glück gehabt, dass der Bauer seine abgerichteten Hunde, die er sonst zur Bewachung der Ernte oft über Nacht auf dem Feld zu lassen pflegte, auf seinen Hof mitgenommen hatte.
Im heimatlichen Dorf angekommen, schlichen sie vorsichtig durch die dunklen Gassen bis zu ihrer Hütte. Maria Bergan wartete schon sehnsüchtig auf ihre beiden Töchter. Sie hatte die ganze Zeit hindurch gebetet, dass ihnen nichts geschehen möge. Es war der quälende Hunger, der sie dazu getrieben hatte, Kartoffeln zum Überleben zu stehlen.
Der Krieg dauerte schon viel zu lange. Sie hatten ihren gesamten Vorrat an Getreide und Eiern bereits aufgebraucht oder auf dem Markt gegen andere lebensnotwendige Dinge eingetauscht. Den Notgroschen, den sie noch zu Lebzeiten des Vaters auf die Seite gelegt hatten, wollten und mussten sie aufheben für den Fall, falls sie doch noch flüchten mussten.
Als der Vater noch lebte, war es kaum jemandem im Dorf besser gegangen als ihnen. Sie hatten stets genug zu essen gehabt und mehrere Ballen Stoffe, aus denen sie die Kleider nähen konnten, die sie benötigten. Fast jede Familie im Dorf hatte sich schon einmal Geld oder Lebensmittel bei ihnen geliehen. Der Vater war ein sehr gutmütiger und großzügiger Mann gewesen und hatte jedem geholfen, der ihn um Hilfe bat – ohne Sicherheiten und ohne sich auch nur einen Schuldschein geben zu lassen, ja meist hatte er sich nicht einmal den Namen des Gläubigers und die geliehene Summe notiert.
Denn der Vater hatte an das Gute im Menschen geglaubt und war sich immer sicher gewesen, dass er das Geliehene eines Tages zurückbekommen würde. Als er dann aber an einer schweren Lungenentzündung verstarb, wollte sich niemand mehr daran erinnern, jemals Geld von ihm geliehen zu haben.
So musste Maria Bergan ihre sieben Kinder irgendwie alleine durchbringen. In dem Dorf, in dem sie lebten, gab es außer Bauern nur noch wenige Handwerker, so fand Maria Bergan keine bezahlte Arbeit. Ihre Tochter Katharina hatte früh die Aussichtslosigkeit der Situation erkannt. Sie hatte bereits vor dem Krieg das Dorf verlassen und eine Anstellung im fernen Deutschland, in Braunschweig, gefunden. Ihre Söhne, Peter, Johann, Gerhard und David, waren zurzeit als Soldaten an der Ostfront. Niemand wusste, wo sie sich befanden, wie es ihnen ging, ja, ob sie noch am Leben waren.
So war Maria Bergan allein mit ihren beiden Töchtern Elisabeth und Anna in dem ukrainischen Dorf zurückgeblieben, und die Mädchen versuchten, durch Hilfsdienste wie Kinder hüten oder Wasser vom Dorfbrunnen holen, ein paar Kopeken zum Überleben zu verdienen.
Das Leben war sehr karg geworden in dem einstmals so behaglichen kleinen Haus. Die Möbel, die der Vater geschreinert hatte, waren auf das Nötigste dezimiert worden, und die selbstgenähten Kleider, auf die Elisabeth und Anna so stolz gewesen waren, hatten sie schon längst am Markt gegen Essbares eingetauscht.
Nun rollten sie vorsichtig die erbeuteten Kartoffeln aus ihren Kleidern. Den Tipp mit dem Kartoffelfeld hatten sie von der Nachbarin bekommen, deren Cousine zurzeit bei der Kartoffelernte half.
Elisabeth und Anna zitterten noch immer die Knie vor Angst. Ihre Gesichter, Arme und Beine und die Kleider waren verschmutzt und mit Erde überkrustet, aber ihre Augen glänzten voller Stolz. Jetzt konnten sie sich wieder ein paar Tage über Wasser halten.
Der nächste Tag war angenehm mild. Der Himmel war wolkenverhangen, aber es hatte aufgehört zu regnen. Das war wichtig, denn bei den üblichen Donnerstagstreffen, zu denen alle jungen Mädchen aus den umliegenden »deutschen Dörfern« zusammenkamen, um Neuigkeiten auszutauschen, gab es keinen Unterschlupf.
Früher waren auch die Burschen gern dazugestoßen, aber seit im Sommer 1941 Deutschland die Sowjetunion überfallen hatte, bekam man kaum noch ein männliches Gesicht zu sehen. Die meisten Männer, die in die Rote Armee einberufen worden waren, hatten sich bei erster Gelegenheit den Deutschen ergeben, um dann in den Reihen der deutschen Wehrmacht gegen die Russen zu kämpfen. Als Folge wurden alle in der Sowjetunion lebenden Deutschen als potenzielle Vaterlandsverräter angesehen.
Nachdem der sowjetische Diktator Stalin den »großen vaterländischen Krieg« proklamiert hatte, wurden die Deutschen in der Sowjetunion überall systematisch verfolgt. Die einst blühenden deutschen Dörfer wurden ausradiert, die Bewohner in unwirtliche Gegenden verbannt. In anderen Gegenden wurden alle deutschen Männer in die sogenannte »Trudarmee« einberufen. Die Unglücklichen, die dorthin abkommandiert wurden, hat man meistens nie wieder gesehen, da es sich bei dieser Einrichtung weniger um eine Armee als um ein Zwangsarbeitslager handelte, deren Insassen unter unmenschlichen Lebensbedingungen Schwerstarbeit leisten mussten.
Elisabeth und Anna waren froh um diese Donnerstagstreffen, boten sie ihnen doch ein wenig Ablenkung von den quälenden Alltagssorgen. Rasch hatten sie ihre Haushaltspflichten, die heute nicht so umfangreich waren, erledigt.
Die Familie Bergan lebte in einer kleinen, aber sehr sauberen Hütte. Den gestampften Lehmboden hatte der Vater mit Brettern abgedeckt, damit es ein wenig wärmer und behaglicher war. Diesen Boden mussten die Mädchen jeden Tag fegen, und sie taten dies so sorgfältig, dass man auf dem sauberen Boden keinen Krümel finden konnte, weder in der Küche noch im angrenzenden Wohnraum.
Das Dach bestand ebenfalls nur aus Brettern. Die Lücken wurden mit Lehm verschlossen. Die Innenwände hatten der Vater mit weißem Kalk gestrichen, und da er nun den Anstrich nicht mehr ausbesern konnte, geschah es bei starkem Regenwetter schon hin und wieder, dass der Kalk sich löste und auf den Boden bröselte.
»Elisabeth, jetzt komm endlich! Man kann es auch übertreiben!«
Doch Elisabeth ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie ließ ihren Blick noch einmal durch den Raum schweifen. Es war alles sauber. Das Holz lag aufgeschichtet neben dem Ofen, ein großer Eimer mit frischem Wasser stand neben dem Waschbecken in der Küche, und auf dem Herd stand ein blank gescheuerter Kochtopf, in dem die Suppe vor sich hin köchelte.
Schnell lief sie noch einmal zu dem Bett, in dem die Mutter lag, drückte ihr einen Kuß auf die Wange und sagte: »Du brauchst keine Angst zu haben, Mama, wir sind bald wieder da! Wir passen schon auf uns auf.« Müde lächelnd erwiderte die Mutter: »Ich weiß, ich weiß. Nun lauft schon. Aber seid pünktlich zum Mittagessen wieder da!«
»Ja, Mama. Bis bald!«
Nachdem alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt war, beeilte sich nun auch Elisabeth, aus dem Haus zu kommen. Lachend holte sie ihre Schwester am Dorfrand ein. Auch wenn sie es niemals zugegeben hätte – aber auch sie fand es befreiend, einmal ein wenig aus dem Haus herauszukommen, und die Alltagssorgen für ein paar Stunden zu verdrängen. Denn nicht genug damit, dass der Vater auf tragische Weise zu Tode gekommen war, lag nun auch die geliebte Mutter seit Wochen geschwächt und völlig abgemagert im Bett.
Nun rannten die beiden Hand in Hand, so schnell sie ihre Füße trugen. Bald schon sahen sie in der Ferne den Waldrand auftauchen.
Schon seit ein paar Monaten trafen sie sich an diesem abgelegenen Ort, damit sie sich wenigstens im Wald verstecken konnten, falls die Miliz auf die Idee käme, dort nach dem Rechten zu sehen. Es waren bereits fünfzehn Mädchen da. Sie ließen sich völlig außer Atem auf den bunt karierten Decken nieder.
»Stell dir vor Anna, Olgas Bruder Rudolf ist für ein paar Tage von der Front heimgekehrt, um sich von einer Verwundung zu erholen! Leider konnte er den langen Fußmarsch hierher nicht wagen, aber wenn ihr morgen Zeit habt, dürft ihr gern auch vorbeischauen, soll ich euch von Olga ausrichten!«
»Oh ja, gern!«, kam es Anna auffällig schnell über die Lippen.
Einige der Mädchen lächelten, aber aus manchen Augen sprachen auch Neid und Eifersucht. Denn es war ein offenes Geheimnis, dass Anna und Rudolf mehr waren als nur gute Freunde, und manches Mädchen aus dem Dorf hatte selbst ein Auge auf den gutaussehenden jungen Mann geworfen.
Am nächsten Tag fielen sich Anna und Rudolf in die Arme. Vor Wiedersehensfreude und Erleichterung liefen ihr die Tränen über die Wangen, als sie sah, dass der geliebte Mann nur ein wenig hinkte, sonst aber unversehrt schien.
»Nun erzähl schon«, drängte Anna. »Wie ist es dir ergangen? Hast du meine Brüder gesehen oder etwas von Ihnen gehört?«
Bedrückt sah Rudolf in Annas Augen. »Du musst jetzt sehr stark sein, Anna: Gerhard ist letzte Woche in der Ukraine gefallen. Wir hatten ein heftiges Gefecht. Es war das gleiche, bei dem mich der Granatsplitter am Bein erwischt hat. Wir machten viele Gefangene, und Gerhard hatte Befehl, sie zu entwaffnen. Plötzlich hat einer der Gefangenen eine versteckte Pistole gezogen und Gerhard aus kürzester Entfernung erschossen. Er musste nicht leiden, Anna! Er war auf der Stelle tot! Es tut mir so leid für euch!«
Rudolf schloss Anna fest in die Arme. Ihr Körper bebte vor Schluchzen. Wie hatte sie auch annehmen können, dass dieser Kelch an ihrer Familie vorbeigehen würde?
Umso inständiger hoffte sie, dass ihre anderen Brüder, David, Peter und Johann, noch am Leben waren. Schließlich wusste sie von einigen Familien, in denen die Väter und alle Söhne gefallen waren. Das Schlimmste an diesem Tod war, dass man nicht einmal Abschied nehmen konnte. Die Gefallenen wurden irgendwo verscharrt, weil niemand die Zeit und die Kraft für eine anständige Beerdigung hatte. Und seit sich das Kriegsglück endgültig von der deutschen Wehrmacht abgewandt hatte, verbarg sich der Tod immer häufiger hinter der trügerische Hoffnung verheißenden Formel »vermisst«.
Der Abschied von Rudolf fiel Anna diesmal ganz besonders schwer. »Bitte komm bald wieder! Ich will dich nicht auch noch verlieren! Paß bitte, bitte auf dich auf!«
Anna klammerte sich wie eine Ertrinkende an Rudolf. Als ihr die furchtbare Endgültigkeit dieser Nachricht allmählich bewusst wurde, löste sie sich langsam von ihm.
Er sah sie ernst an und versprach: »Ich komme wieder, und dann kann uns nichts auf der Welt mehr trennen! Das verspreche ich dir!«
Auf dem Weg nach Hause legte sich Anna schon die Worte zurecht, mit denen sie der Mutter die schreckliche Nachricht vom Tod ihres Bruders Gerhard überbringen würde.
Nachdem diese die Nachricht vom Tod ihres Sohnes vernommen hatte, sank sie blass und kraftlos in ihre Kissen zurück. Sie sagte kein Wort, und Anna hatte das unbestimmte Gefühl, dass die Mutter das Unglück schon irgendwie vorausgeahnt hatte. Elisabeth saß vor dem Bett ihrer Mutter, und beide weinten lautlos vor sich hin.
Aber das Leben musste weitergehen, und in den nachfolgenden Wochen versuchte jeder irgendwie mit seinem Schmerz fertig zu werden. Elisabeth ging den Hausarbeiten noch eifriger nach denn je. Anna war selten daheim, und die Mutter lag noch blasser und stiller in ihrem Bett.
Als Elisabeth an einem trüben, verregneten Morgen am Dorfbrunnen Wasser holte, traute sie ihren Augen kaum, als von einem anhaltenden Pferdewagen ihr Bruder David heruntersprang. Der riss sie in die Arme und wirbelte sie vor Wiedersehensfreude umher.
»Mein Schwesterchen, wie schön, dich endlich wiederzusehen!«
Auf dem Weg zur Hütte erzählte ihm Elisabeth von Gerhards Tod, und wie sehr diese Nachricht die Mutter mitgenommen hatte.
»Eigentlich wollte ich es euch selbst sagen«, erklärte er mit düsterer Miene. »Aber meine Einheit war in schwere Kämpfe verwickelt, und so hat es ziemlich lange gedauert, ehe ich ein paar Tage Heimaturlaub bekam. Ich hätte mir denken können, dass ihr es schon von jemand anderem erfahren habt. Rudolf habe ich schon lange nicht mehr gesehen.«
David ließ sich nicht anmerken, wie erschrocken er über das Aussehen seiner Mutter war, sondern versuchte, ein wenig Fröhlichkeit und Zuversicht zu verbreiten.
»Schaut her, was ich euch mitgebracht habe!«, rief er und holte ein großes Stück Schinkenspeck, Käse, einen riesigen Laib Brot, eine Flasche Rotwein und eine Tafel Schokolade aus seinem abgewetzten Rucksack hervor.
Wo er die vielen guten Sachen her hatte, wollte er niemandem verraten, und letztendlich war es auch allen egal, Hauptsache David war da.
In den nächsten Tagen blühte die Mutter auf. Bald schon ging es ihr so gut, dass sie aufstehen und wieder leichtere Arbeiten im Haushalt verrichten konnte. Als Elisabeth sie liebevoll dazu ermahnte, sich zu schonen, nahm David sie zur Seite und sagte: »Lass sie nur, sie muss wieder zu Kräften kommen!«
Was er mit diesem Satz wirklich meinte, sollten sie bald erfahren. Denn eines Abends nahm David seine beiden Schwestern zur Seite:
»Solange die deutsche Wehrmacht die Ukraine besetzt hat, seid ihr hier relativ sicher gewesen, aber seit diesem Frühjahr ist alles anders geworden. Die deutsche Front wird immer schwächer und die Rote Armee stärker. Wir sind überall auf dem Rückzug und, was fast noch schlimmer ist, wir haben das Hinterland nicht mehr im Griff. Überall wimmelt es von Partisanen. Für jeden, den wir erledigen, stehen zehn neue auf, und mit jeder Vergeltungsaktion, die wir unternehmen, wächst der Hass. Die Russen überfallen inzwischen nicht nur unsere Soldaten in der Etappe, sondern auch die deutschen Dörfer. Und dabei gehen sie alles andere als freundlich mit den Frauen und Mädchen um. Es hilft jetzt alles nichts mehr, ihr müsst westwärts flüchten. Ich habe bereits alles organisiert. Wir stellen einen Treck zusammen, und der wird versuchen, sich in Richtung Warthegau durchzuschlagen. In zwei Wochen holt euch Erich, ein Freund von mir, ab. Bis dahin müsst ihr das Allernotwendigste gepackt haben! Ich selbst muss übermorgen wieder zurück an die Front.«
Anna weigerte sich zunächst vehement, alles einfach stehen und liegen zu lassen. Schließlich hatte man in der ganzen Gegend noch nie etwas von Übergriffen russischer Partisanen auf die deutschen Dörfer gehört.
Als David merkte, dass er sie mit gutem Zureden allein nicht überzeugen konnte, begann er zu erzählen:
»Unsere Patrouillen berichten immer wieder, dass sie bei ihren Aufklärungszügen verlassene deutsche Dörfer vorfinden. Und dass sie dabei auf Spuren von Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung stoßen. Als ich einmal selbst mit so einer Patrouille unterwegs war, habe ich selbst gesehen, was sie mit den Greisen, Frauen und Kindern angestellt haben, die nicht fliehen wollten oder zu schwach waren! Einen alten Mann haben sie mit der Zunge an den Tisch genagelt, die Frauen vergewaltigt und zu Tode geprügelt. Wir gehen ja auch alles andere als zimperlich mit den Leuten um, wenn wir glauben, dass sie die Partisanen unterstützen. Es ist ein schmutziger Krieg, den wir da führen müssen, und ich möchte nicht, dass ihr hineingezogen werdet.«
»Hör sofort auf, hör auf, ich gehe ja!« stammelte Anna blass vor Entsetzen.
Sie packten nur die Dinge ein, die sie am allernötigsten brauchten. Die wunderschönen, vom Vater selbst geschreinerten Kommoden und Kleiderschränke, die noch im Haus waren, wurden gegen Proviant eingetauscht. Das Geschirr, die Gläser und die Kleidung, die in den Taschen keinen Platz mehr fanden, verschenkten sie an zurückbleibende Familien.
Es hatte sich im Dorf wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass Familie Bergan flüchten wollte. Einige schlossen sich an, andere lachten sie aus, aber es wurden trotzdem noch zwei weitere Trecks organisiert, einer in Richtung Preußen, der andere nach Schlesien.
An einem Abend, als sie gerade gegessen hatten, klopfte es an der Tür. Ängstlich schaute Elisabeth hinter den selbst genähten Gardinen hinaus. Draußen stand ein in einen schmuddeligen Umhang gehüllter Mann, der nervös von einem Bein auf das andere trat. Erst als er nochmals gegen die Tür hämmerte, öffnete Anna, die mutigere der beiden Schwestern, die eher neugierig als ängstlich war.
»Na endlich, ich dachte schon, es öffnet niemand mehr.« Der Mann drängte sich an Anna vorbei und trat in die Wohnstube.
»Seid ihr die Familie von David? Er hat mir euer Haus genau beschrieben. Es geht also los, morgen früh um vier Uhr brechen wir auf!«
Gern hätten sie ihm noch ein paar Fragen gestellt. Wie es David geht, wie weit die Front jetzt weg war und welchen Weg sie morgen nehmen würden, aber so schnell wie David’s Freund aufgetaucht war, so schnell war er auch wieder verschwunden. Die Mutter starrte nur verzweifelt auf die Tischplatte und sagte leise: »Oh Kinder, was wird nur aus uns werden?«
Sie stellten die gepackten Taschen neben die Tür, und obwohl sie wussten, dass sie in dieser Nacht kein Auge zumachen würden, gingen sie zu Bett.
Tatsächlich erschien Davids Freund pünktlich um vier Uhr, um sie abzuholen. Der Wind war in der Nacht zum Sturm geworden und blies an diesem Morgen so stark, dass sie sich aneinander klammern mussten, um nicht fortgeweht zu werden, und der Regen peitschte ihnen so heftig ins Gesicht, dass sie den Mann, der sie abgeholt hatte, kaum erkennen konnten.
Der Fremde eilte mit Riesenschritten voraus, und die drei Frauen versuchten verzweifelt, mit ihm Schritt zu halten. Anna platzte schließlich der Kragen: »He, wer auch immer du bist, ein bißchen langsamer könntest du schon gehen!«, schrie sie.
Der Mann drehte sich um, kam ihr entgegen und blieb direkt vor Anna stehen.
»Ich heiße Erich, und wenn du noch einmal so plärrst, lasse ich euch einfach da. Du hast keine Ahnung, was ich hier riskiere«, zischte er, drehte sich um und ging wieder weiter, allerdings wirklich etwas langsamer.
Die Mutter hatte das Gefühl, keinen Schritt mehr weitergehen zu können, als sie leise das Wiehern von Pferden hörten. Als sie näherkamen, sahen sie, dass die Pferde vor einfach gebaute, große Karren gespannt waren. Die Karren waren hoffnungslos überladen.
Erich befahl allen, von den Karren herunterzusteigen. Er musterte die Ladung mit kritischen Blicken und ordnete sogleich an, alle Möbel und sonstigen sperrigen Gegenstände abzuladen. Niemand wagte es, ihm zu widersprechen.
Obwohl Maria und ihre Töchter auf ihren mitgenommenen Kleidern und Decken saßen, tat ihnen allen bald jeder Knochen weh. Die Karren auf denen sie saßen, ächzten und knarzten bei jedem Schlagloch – und es gab viele Schlaglöcher!
Erich gönnte ihnen keine Pause und trieb den Treck zu größter Eile an. Nur in der Nacht, wenn man die eigene Hand nicht mehr vor Augen sah, wurde am Waldrand angehalten. Dann durften sich die Flüchtlinge im Wald einen Schlafplatz suchen, wo sie sich für einige Stunden auf den mitgenommenen Decken ausstrecken durften.
Marina, ein schlankes, hübsches Mädchen mit langen dunkelbraunen Haaren und verträumtem Blick, holte bei diesen Gelegenheiten ihre Gitarre hervor. Wenn die ersten Klänge ertönten, richteten sich die Flüchtlinge von ihren Lagern auf, um in den Gesang mit einzustimmen. Sie sangen immer und immer wieder das gleiche Lied, und sie sangen sich damit die Todesangst, den Hunger und die Müdigkeit aus dem Leib.
Mächtig tobt des Sturmes Brausenum ein kleines Schiff,hilflos hin und her geworfendroht ihm manches Riff.
Mut, habt Mut, blickt auf den Retterhöret was er spricht:Ich bin bei Euch alle Tage!Ich helfe Euch, verzaget nicht!
Jesus kam uns zu errettenaus dem Weltgebraus,laß Dein Wrack, trau seinem Walten,er führt Dich nach Haus.
Wenn Elisabeth dieses Lied gesungen hatte, ging es ihr ein wenig besser. Es tröstete sie über die Umstände hinweg und gab ihr inneren Halt.
Gegen Morgen des fünften Tages begann es zu schneien. Die Flüchtlinge waren alle völlig durchgefroren. Zwar zogen sie alle mehrere Kleidungsstücke übereinander an, aber selbst das reichte nicht aus, um vor der sibirischen Kälte zu schützen. Ausgerechnet in diesem Jahr brach der Winter so früh herein. Die Luft war so eisig, dass sich an den Mähnen der Pferde dicke Eiszapfen bildeten.
Einige der Flüchtlinge waren den Strapazen nicht mehr gewachsen und ließen ihren Tränen freien Lauf. Zu der ständigen Todesangst, die sie vor Anspannung aufrecht hielt, und den leeren Mägen, kam jetzt auch noch die bittere Kälte, der die ohnehin ausgemergelten Körper nichts entgegenzusetzen hatten.
Elisabeth und Anna spähten mühsam unter dem Umhang hervor, den sie sich über ihre Köpfe gelegt hatten und unter dem sie sich aneinanderdrängten. Die Mutter lag ganz still auf ihrem Umhang. Ihr Gesicht schien unnatürlich rosig, und es sah fast so aus, als würde sie es dem Schnee entgegenstrecken.
Leise flüsterte Elisabeth: »Mama, schläfst Du?«
Aber die Mutter rührte sich nicht. Elisabeth richtete sich langsam auf. Jeder einzelne Knochen tat ihr weh. Mit der Rechten tastete sie nach dem Gesicht der Mutter.
»Ihre Stirn ist ganz heiss!«, flüsterte sie der Schwester erschrocken zu. »Wir müssen unbedingt …«.
In diesem Moment gab es einen fürchterlichen Ruck, und das Fuhrwerk stand still. Der Karren war im hohen Schnee steckengeblieben.
Jetzt mussten alle absteigen, um den Wagen anzuschieben. Die beiden Mädchen deckten die Mutter liebevoll zu und begaben sich mit vor Kälte steifen Gliedern hinter den Karren. Nur mühsam gelang es ihnen mit vereinten Kräften, den Wagen Zentimeter für Zentimeter vorwärts zu bewegen. Endlich, als sie schon aufgeben wollten, zog das Pferd an, und der Wagen rollte wieder. So schnell sie konnten, sprangen sie einer nach dem andern wieder auf den Karren.
Elisabeth und Anna wechselten sich bei der Pflege ihrer Mutter ab. Liebevoll wischten sie ihr immer wieder über das glühende Gesicht. Die Sorge um die Mutter ließ sie sogar die Eiseskälte vergessen.
Als sie dann am Abend vor einem verlassenen Gut hielten, waren alle sehr dankbar, dass sie wenigstens in dieser Nacht nicht unter provisorisch aufgestellten Zeltplanen übernachten mussten.
Anna schleppte ihre Taschen ins Haus, während Elisabeth die Mutter aus dem Wagen hob. Daheim war ihr gar nicht aufgefallen, wie abgemagert sie war.
Plötzlich stand Erich vor ihr. Er nahm Maria Bergan auf seine Arme und trug sie ins Haus. Zielstrebig stieg er die breite Treppe hinauf, die zum ersten Stock führte, brachte die Mutter in ein komplett eingerichtetes Zimmer und legte sie behutsam auf ein breites Bett.
Wortlos ging er aus dem Raum, um wenig später mit Holz für den Ofen und einer Kanne heißem Tee wiederzukommen.
Elisabeth fand es bemerkenswert, dass sich der wortkarge Mann dabei sogar zu einem Kommentar aufraffte: »Ich schau später noch einmal vorbei. Wenn Ihr mehr Tee braucht, dürft ihr in die Küche im Erdgeschoss gehen. Die Lebensmittel, die ich gefunden habe, habe ich auf den Tisch gestellt.«
Kaum dass er den Satz beendet hatte, war er auch schon aus dem Raum. Dieser Erich war schon ein eigenartiger Mensch.
Obwohl sie von der Reise ganz erschöpft waren, konnten dir drei Frauen schlecht einschlafen. Irgendwann nach Mitternacht wachte Elisabeth von einem Geräusch auf, das sie nicht einordnen konnte.
Die Mutter wälzte sich im Schlaf hin und her. Sie stöhnte leise und murmelte etwas, wachte aber nicht auf.
Elisabeth legte ihre Hand auf die Stirn der Mutter. Sie schien ihr noch immer fiebrig heiß, und die kleinen Schweißperlen, die darauf standen, verrieten ihr, dass die Mutter ernsthaft erkrankt war.
Da war es wieder, dieses Geräusch!
Langsam erhob sich Elisabeth von ihrem Lager neben dem Bett ihrer Mutter. Die Glieder taten weh und sie musste sich zusammenreißen, um nicht laut aufzustöhnen. Neugierig und ein wenig ängstlich machte sie die Schlafzimmertür auf.
Im Gang war es stockfinster. Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah sie einen schwachen Lichtstrahl vom unteren Stockwerk herauf leuchten. Vorsichtig ging sie Stufe für Stufe hinunter. Sie tastete sich entlang der Wand bis zu dem Zimmer, aus dem der Lichtstrahl kam. Als sie gerade hineinsehen wollte, wurde sie grob am Oberarm gepackt und herum gerissen.
Elisabeth war so erschrocken, dass sie noch nicht einmal einen Laut von sich gab. Erich stand vor ihr und musterte sie mit finsterer Miene. Als er sie erkannte, ließ er sie los und ging voraus in die Küche.
Langsam erholte sich Elisabeth von dem Schrecken und schlich ihm nach.
»Ich … äh … ich hatte ein Geräusch gehört, und wollte nur nachsehen …«, stotterte Elisabeth vor sich hin.
»Ist schon gut«, erwiderte Erich, » ich wollte nur wissen, wer sich hier nachts die Treppe herunter schleicht, ohne Licht zu machen.«
Er setzte sich an den Tisch und rieb sich die Augen. »Ich sehe schon Gespenster, wo gar keine sind.« Traurig und müde blickte er ins Leere. Eine ganze Zeit lang schwiegen beide. Dann fing Erich an zu reden, unaufgefordert, langsam und stockend: »Du wirst dich vielleicht fragen, warum ich nicht an der Front bin, sondern hier mit einem Flüchtlingstreck durch die Landschaft ziehe. Ich komme aus einem Dorf, vielleicht zweihundert Kilometer von dem euren entfernt. In unserer Einheit dienen viele Deutsche aus der Ukraine, und daher kenne ich auch deinen Bruder David. Wir merken natürlich auch an der Front, dass die russischen Partisanen unserem Nachschub schwer zu schaffen machen. Und immer wieder sind Gerüchte durchgesickert, dass sie systematisch Jagd auf die hier lebenden Deutschen machen und dass sie keinen Deutschen verschonen, den sie in den zum größten Teil schon verlassenen deutschen Dörfern vorfinden. Als ich vor ein paar Wochen einige Tage Fronturlaub hatte, fuhr ich sofort heim, um nach meiner Familie zu sehen. Aber ich bin zu spät gekommen. Was sie mit meiner Familie gemacht haben, war einfach bestialisch.«
Erich schluckte und vergrub sein Gesicht in seinen großen, schwieligen Händen. Elisabeth hätte ihn am liebsten in die Arme genommen, aber sie wagte es nicht. So stand sie auf und stellte Teewasser auf den Herd. Als sie mit zwei Tassen Tee zum Tisch zurückkam, erzählte Erich mit Tränen erstickter Stimme weiter:
»Mein Vater, der schon über siebzig Jahre alt war, lag gefesselt am Küchenboden. Von seinem Gesicht war nichts mehr übrig, nur noch eine Masse rohen Fleisches und Gehirn, das über den gesamten Boden verteilt war. Sie haben ihm mit ihren Gewehrkolben den Schädel buchstäblich zu Brei geschlagen. Meine Mutter haben diese Schweine missbraucht und zu Tode gequält. Ihr Körper war übersät mit Brandwunden. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich bei diesem Anblick empfunden habe. Als ich meine kleine Schwester nirgendwo finden konnte, wuchs in mir die lächerliche Hoffnung, dass sie hatte fliehen können. Wenig später fand ich sie tot auf dem Feld hinter dem Haus. Ihr Körper war noch warm. Oh, Gott! Sie war doch erst dreizehn!«
Elisabeth lauschte seinen Worten mit schreckgeweiteten Augen. Eiskalte Schauer liefen ihr über den Rücken.
»Mit dem unvorstellbaren Schmerz kam der Hass auf diese unmenschlichen Bestien. Ich sah ihre Spuren und folgte ihnen. Nach ein paar Stunden fand ich einige Partisanen in ihrem Lager am Waldrand. Ich tötete einen nach dem anderen. Ich erschlug einen nach dem anderen mit der Axt meines Vaters. Es war nicht einmal schwer, weil sie alle sturzbesoffen waren. Im Gras lagen eine Menge leerer Wodkaflaschen. Aber obwohl ich die Meinen gerächt hatte, empfand ich keine Genugtuung. Und in diesem Moment schwor ich mir, dafür zu sorgen, dass anderen Familien dieses Schicksal erspart bleibt. Und jetzt stecken wir hier fest in diesem fürchterlichen Schneechaos und können nur hoffen, dass wir den Russen nicht in die Hände fallen.«
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