Verlorene Kinderseelen - Sabine Schönmann - E-Book

Verlorene Kinderseelen E-Book

Sabine Schönmann

0,0

Beschreibung

Hier wird die Leidensgeschichte eines Mädchens und der schwierige Lebensweg als junge Frau erzählt. Eindringlich wird beschrieben, wie machtlos Außenstehende dem Geschehen sexueller Gewalt gegenüberstehen, wie das Trauma bis weit in das Erwachsenenleben hineinwirkt und den Alltag der Betroffenen über lange Zeit hinweg bestimmt. Eine verlorene Kindheit kann nicht zurückgebracht werden, aber sowohl Außenstehende wie auch Betroffene können Ansätze finden, wie den Opfern - hier Anna - geholfen werden kann. Das Trauma sexuelle Gewalt sowie die Folgen sind mit alternativen Therapiemethoden erfolgreich behandelbar und bringen Lebensfreude zurück. Jedes 3./4. Mädchen und jeder 7./8. Junge wird sexuell missbraucht. 3 von 4 Psychiatriepatienten/-innen sind als Kind sexuell missbraucht worden. Ein Kind muss bis zu 7 Mal erzählen, was ihm widerfahren ist, bevor ihm jemand glaubt. (Auszüge aus folgender Quelle aus dem Jahr 2013: www.weggeschaut.de/zahlen-und-fakten.html) Mir ist es ein persönliches Anliegen als Betroffene von sexueller Gewalt zur Enttabuisierung beizutragen. Mit diesem Ratgeber möchte ich effektive alternativmedizinische Behandlungsmethoden aufzeigen, die zur Bewältigung von Traumata eingesetzt werden.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für meinen Vater

- von meinem Vater -

Bleibe dir stets treu,

gehe unbeirrt deinen Weg,

ungeachtet dessen,

was andere über dich denken.

Nur du allein weißt,

was das Beste für dich ist.

Inhalt

Dank

Tabuthema sexuelle Gewalt

Einleitung

Vorwort

Annas Leben

Erste Erfahrungen mit der Schulmedizin

Neue Wege durch die Alternativmedizin

Zweifel

Sexuelle Gewalt und die Folgen

Das geheime Spiel

Vergangenheit und Zukunft

Die Wut

Die Trauer

Weitere Folgen

Verzeihen

Dem Täter verzeihen

Alternative Methoden

Was ist Krankheit?

Was ist Heilung?

Bachlüten

Dr. Edward Bach, Entdecker der Blütenessenzen

Dr. Bachs Vision

Wirkungsweise der Bachblüten

Merkmale und Einnahme der Bachblüten

Die 39. Bachblüte

Die Blüte „Star of Bethlehem“

Die Blüte „Rock Rose“

Die Blüte „Impatiens“

Die Blüte „Cherry Plum“

Die Blüte „Clematis“

Huna

Die Geschichte

Huna und die moderne Psychologie

Die Grundlagen der Huna-Lehre

Das Untere Selbst

Das Mittlere Selbst

Das Hohe Selbst

Mana, die Lebenskraft

Die Aka-Schnur als geistige Verbindung

Kala, die Reinigung

Kinesiologie

Geschichte der Kinesiologie

Wie funktioniert Kinesiologie?

Der Indikatormuskel

Was ist Kinesiologie?

Psycho-Kinesiologie nach Dr. Klinghardt

Das Unterbewusste

Gespräch mit dem Unterbewussten

Seelische Konflikte, die noch unerlöst sind

Sexuelle Gewalt und Psycho-Kinesiologie

Rückführung

Wie entstand die Rückführung?

Die Reinkarnationslehre

Die Hypnose

Rückführung nach Dr. Sigdell

Wie funktioniert die Rückführung?

Aspekte der Rückführung nach Dr. Sigdell

Der Zeitfaktor

Nicht-hypnotische Rückführungstherapie

Die Bedeutung des Urproblems

Gefühle loslassen und verwandeln

Die Versöhnung

Der innere Helfer und das Hohe Selbst

Gefahren der Rückführungstherapie

Beispiel einer Rückführung

Alte Gefühle positiv verwandeln

Motivation für Neues

Lichtkreismethode

Zurück ins Hier und Jetzt

Verzeihen

Nachwort

Literaturhinweise

Dank

Mein ganz besonderer Dank gilt meinem Heilpraktiker Ralf Elster, der über Jahre hinweg Fachkompetenz, Verantwortungsbewusstsein, Engagement, Geduld, Einfühlungsvermögen sowie Empathie bewies und mich bei der Bewältigung meines Traumas begleitete. Seine alternativmedizinischen Methoden führten zum Erfolg, die mir Lebensfreude zurückbrachten.

Michael war es, der mir die größte Chance in meinem Leben ermöglichte. Ich durfte durch ihn meinen Heilpraktiker kennenlernen - ein herzliches Dankeschön.

Dr. Thomas Castorph stand mir in der Anfangsphase meines neuen Lebens, das damals für mich noch völlig fremd war, zur Seite. Auch ihm möchte ich meinen Dank aussprechen.

Besonderer Dank geht an meine Mutter, die mich bestärkt hat, das Buch zu veröffentlichen sowie an meinen Bruder für die Illustrationen.

Zuletzt danke ich allen, die in schwierigen Zeiten an mein Durchhaltevermögen appelliert haben und mir Trost und Mut spendeten.

Tabuthema sexuelle Gewalt

Was ist sexuelle Gewalt? Dies liegt dann vor, wenn ein Kind gezielt von einem Jugendlichen oder Erwachsenen für dessen eigene sexuelle Befriedigung benutzt wird. Es gibt verschiedene Formen von sexueller Gewalt: Zungenküsse, Einführen von Fingern oder Gegenständen, das Berühren des Kindes an den Geschlechtsteilen, Aufforderung zu Handlungen am Täter/an der Täterin oder am eigenen Körper sowie an anderen Kindern, Geschlechtsverkehr, aber auch Exhibitionismus und die Vorführung oder Herstellung pornographischer Bilder oder Filme und vieles mehr. Meist kommen die Täter und Täterinnen aus der eigenen Familie und dem nahen Umfeld, was zu erheblichem Vertrauensmissbrauch und zur totalen Verwirrung der kindlichen Gefühle führt, denn das Kind liebt den Täter/die Täterin trotz allem.

Zitat des Vereins Schotterblume (Kontakt- und Informationsstelle für Opfer von seelischer, körperlicher und sexueller Gewalt in der Kindheit und Partnerschaft e.V.):

„(…) Sexueller Missbrauch ist nicht nur körperliche Gewalt, sondern zusätzlich schwerste seelische Gewalt. (…) Der sexuelle Missbrauch durch einen Erwachsenen ist wohl die zutiefst in die Persönlichkeit eingreifende Störung, die einem Kind passieren kann. Es ist eine unglaubliche Leistung, diese Schädigung seelisch, geistig und körperlich zu überleben.“

Bei den Betroffenen von sexueller Gewalt können als Folge Krankheiten wie Depressionen, Angstzustände, Magersucht, selbstverletzendes Verhalten oder auch die Sehnsucht nach dem Tode ausgelöst werden. Äußerlich sichtbare Anzeichen für sexuelle Übergriffe können körperliche Verletzungen sein, Schlafstörungen, Konzentrations- oder Sprachstörungen. Auch ständiges, sehr gründliches Waschen, aggressives Verhalten, das Abkapseln von Familie und Freunden können auf sexuelle Gewalt hindeuten.

Eltern sollten daher ihren Kindern keine Angst, sondern Mut machen. Denn: Wenn gute Schülerinnen oder Schüler plötzlich schlecht werden, mittags nicht nach Hause wollen, wenn sie lebhaft waren und sich nun zurückziehen, schweigsam und traurig wirken, wenn ein ruhiges Kind aggressiv wird, dann kann das auf sexuelle Gewalt hindeuten. Besteht der Verdacht auf mögliche sexuelle Gewalt, sollten Eltern ihre Kinder zum Erzählen animieren. Den Kindern sollte beigebracht werden, wie zwischen guten und schlechten „Geheimnissen“ unterschieden werden kann. Schlechte „Geheimnisse“ sind die, die Bauchschmerzen machen, und die darf man auch weitererzählen. Außerdem: Kinder dürfen sich wehren, denn es ist ein Kinderrecht, unhöflich zu Erwachsenen zu sein, wenn das Kind nicht respektiert wird.

Auf der Suche nach den geeigneten Therapiemöglichkeiten sind vor allem die Betroffenen von sexueller Gewalt in der Familie weitestgehend auf sich allein gestellt. Nicht nur verunsicherte Familienmitglieder, die in der Regel auf diese Problematik nicht vorbereitet sind - Tabu! - auch Erzieher/-innen, Tagesmütter, Lehrer/-innen, Leiter/-innen von Freizeiteinrichtungen und viele andere sind oft nicht oder nur unzureichend in der Lage, mögliche Lösungswege aufzuzeigen. Sogar Therapeuten/-innen reagieren meist hilflos, wenn im Anschluss an einen Klinikaufenthalt eine weiterführende ambulante psychosomatische oder ähnliche Betreuung für die Bewältigung und/oder Folgen des Traumas notwendig wird. Ganz zu schweigen von den Behandlungs- oder anderweitigen Kosten, die entweder nicht oder nur teilweise oder nur zeitlich befristet von den Krankenkassen oder anderen Institutionen übernommen werden.

Ebenso schwierig ist auch die berufliche Resozialisierung, vor allem wenn durch eventuellen Verlust des Arbeitsplatzes die nötige finanzielle Grundabsicherung nicht gewährleistet ist. Auch der Weg in die berufliche Selbstständigkeit als alternative Existenzsicherung ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, denn eine „psychiatrische Karriere“ bleibt bei den Krankenkassen und anderen Versicherungen offensichtlich zum Nachteil der Betroffenen erhalten.

Zahlen und Fakten zu sexuellem Missbrauch Auszüge aus folgender Quelle aus dem Jahr 2013:www.weggeschaut.de/zahlen-und-fakten.html

Jedes 3. / 4. Mädchen und jeder 7. / 8. Junge wird sexuell missbraucht.

Experten gehen davon aus, dass jährlich schätzungsweise 80.000 bis 300.000 Kinder in Deutschland sexuell missbraucht werden.

90 % der Täter kommen aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis des Opfers. Dementsprechend ist der Tatort meist eine dem Kind vertraute Umgebung. Die Übergriffe finden also an Orten statt, an denen sich Kinder normalerweise besonders sicher und geborgen fühlen.

Ca. 80-90 % der Täter sind Männer und ca. 80-90 % der Opfer sind Mädchen oder Frauen.

Täter haben in der Regel im Laufe ihres Lebens viele Opfer, die sie missbrauchen.

Von den zur Anzeige gebrachten Fällen führen nur etwa 10 % zu einer gerichtlichen Hauptverhandlung. Davon wiederum enden nur ca. 10 % mit einem Schuldspruch des Täters, der nur in weiteren 10 % in einer freiheitsentziehenden Maßnahme endet. Die übrigen 90 % werden mit einer Geld- oder Bewährungsstrafe belegt.

Betroffene von sexueller Gewalt sind Kinder aller sozialer Schichten und aller Altersgruppen, auch Kleinkinder und Säuglinge.

Mit den Folgen des Missbrauchs haben die Betroffenen oft ein Leben lang zu kämpfen. Auch wenn sie immer schon darunter litten, wird vielen erst im fortgeschrittenen Alter bewusst, was in ihrer Kindheit geschehen ist.

3 von 4 Psychiatriepatienten/-innen und 9 von 10 Prostituierten sind als Kind sexuell missbraucht worden.

Ein Kind muss bis zu 7 mal erzählen, was ihm widerfahren ist, bevor ihm jemand glaubt.

Einleitung

Als ehemalige Betroffene von sexueller Gewalt in der Familie reifte in mir der Entschluss, diesen Ratgeber zu veröffentlichen.

Zum einen möchte ich damit ein Signal setzen zur Aufklärung sexueller Gewalt, die immer noch eine zu hohe Dunkelziffer aufweist und dessen Enttabuisierung leider immer noch ansatzweise stattfindet. Zum anderen kann Betroffenen anhand dieses Ratgebers die mühsame und kräftezehrende Suche nach dem für sie geeigneten Weg der Aufarbeitung verkürzt und erleichtert werden.

Mir ist es ein persönliches Anliegen neben den vom Gesetzgeber angebotenen schulmedizinischen Behandlungsmethoden, die sehr sanften und effektiven alternativmedizinischen Behandlungsmethoden, die unter anderem zur Bewältigung von Traumata eingesetzt werden, zu erläutern.

Im ersten Teil meines Buches wurden authentisch Text und Sprachstil der teilweise diffusen Erinnerungen beibehalten. Die Ausweglosigkeit der Situation wird deutlich; Annas Erinnerungen fließen durch alle Zeitebenen und können nur mit viel Mühe chronologisch geordnet werden. Im Anschluss folgt der fachliche Teil, indem die alternativmedizinischen Behandlungsmethoden erläutert werden. Die Tragweite und Wirksamkeit der angewandten alternativen Methoden wird im dritten und letzten Teil besonders sichtbar. Hier standen die dokumentarische Darstellung der

Geschehnisse sowie wörtliche Aufzeichnungen und Protokolle von therapeutischen Sitzungen zur Verfügung.

Eine verlorene Kindheit kann nicht zurückgebracht werden. Doch: Das Trauma der sexuellen Gewalt als auch die Folgen können bewältigt werden und bringen Lebensfreude zurück!

Vorwort

Sind die Folgen eines wiederholten sexuellen Kindesmissbrauchs überhaupt heilbar?

Die Antwort darauf wird der Leser in der Schilderung einer durchschrittenen Aufarbeitung finden. Dieser Weg kann freilich lang, steinig und von Rückschlägen gesäumt sein: Heilung ist ein Geschenk aufrichtigen Bemühens. Sie erwächst aus Geduld und Ausdauer; sie entspringt vor allem aber aus der inneren Gewissheit, unter irdischer und „himmlischer“ Mithilfe die Krankheit verwandeln zu können.

Die Autorin macht als persönlich Betroffene ihren Leidensgenossen nicht nur Mut, den Weg der Befreiung aktiv zu gehen, sondern weist ihnen auch das Instrumentarium auf.

Aus einer tiefgreifenden Erschütterung des kindlichen Urvertrauens reift allmählich das Vertrauen zu dem All-Guten, auch Gott genannt, heran. Damit entlässt man sich endlich selbst aus der Opferrolle sowie den Täter aus seiner Schuld. Und wo kein Opfer ist, da gibt es auch keinen Täter mehr! Das so genannte Böse verliert nun seine Macht über den Menschen.

So bleibt die Erkenntnis: Nicht zwei Seelen wohnen länger kämpfend in meiner Brust. Nein, die Schattenseele im Du und Ich wandelt sich in meinem steten Vorwärtsschreiten und wandelt sich zur Lichtseele.

Ralf Elster

Heilpraktiker

Annas Leben

Erste Erfahrungen mit der Schulmedizin

Als Anna erwachte, stellte sie fest, dass sie nicht zu Hause war. Am Fenster waren außen Gitterstäbe angebracht. Ihr erster Gedanke war: Ich bin im Gefängnis!

Was ist passiert?

Vor dem Fenster mit dem Eisengitter stand ein großer blühender Kastanienbaum. Jetzt fiel es ihr wieder ein! Es ist Frühling und vor ungefähr drei Monaten hatte sie ihren vierundzwanzigsten Geburtstag gefeiert.

Aber warum ist sie im Gefängnis? Sie fühlte sich sehr müde und schlapp. Ihre Gedanken wurden langsam etwas klarer. Jetzt bemerkte sie, dass sie in einem weißen Bett lag und an mehrere Geräte angeschlossen war. Eine Nadel kam aus ihrer Ellenbeuge, der Schlauch führte zu einer Infusionsflasche, die an einem Ständer aufgehängt war. Das kann nicht das Gefängnis sein, dachte sie bei sich und fiel wieder in den weißen Nebel zurück.

Nach einigen Stunden Dämmerschlaf wachte sie erneut auf. Matt, aber neugierig blickte sie sich im Zimmer um. Rechts von ihr standen drei weitere Betten. In einem lag eine Frau, die sehr dünn war. Ihr Gesicht war ziemlich blass, sie hatte ganz dunkle Augen. Sie war sehr jung und zitterte am ganzen Körper. Die zweite Frau schien nicht sprechen zu können. Sie gestikulierte in einer Art Zeichensprache mit den Händen. Das dritte Bett war leer.

Jetzt war sie sich fast sicher: Das konnte nicht das Gefängnis sein!

***

Kurz bevor Anna in die Realschule wechseln sollte, wurde sie krank. Sie war gerade zwölf Jahre alt geworden. Ohnmachtsanfälle plagten sie mehrfach am Tage. Gründe für diese Anfälle konnten von den Ärzten nicht gefunden werden. Außerdem waren ihre Füße angeschwollen und sie konnte kaum gehen. An manchen Tagen brauchte sie für hundert Meter Weg mehr als eine Stunde. Die Füße schmerzten sehr.

Ihre Eltern waren mit ihr von einem Arzt zum andern gelaufen. Sie wurde von Kopf bis Fuß durch untersucht; Laboruntersuchungen, Röntgen, EKG, EEG und vieles mehr. Die Untersuchungen dauerten monatelang.

Dann wurden auch ambulante Spezialuntersuchungen in Krankenhäusern durchgeführt. Aber ihre Füße schmerzten weiterhin sehr. Um alles abzuklären und nichts unversucht zu lassen, wurde sie in eine orthopädische Spezialklinik eingewiesen. Es sollte herausgefunden werden, was mit ihren Füßen los war. Die Ärzte waren der Ansicht, dass es sich um Wachstumsstörungen handeln könne und verordneten gegen die Schmerzen Medikamente.

Die verordneten Kapseln waren so groß, dass Anna Mühe hatte, sie überhaupt zu schlucken. Ihre Eltern ließen sich alles Mögliche einfallen, damit sie die Tabletten besser schlucken konnte. Sie lösten die Kapseln in warmem Tee auf, gaben sie in die Suppe oder unter den Schokoladenpudding. Hin und wieder wurden die Schmerzen nach der Einnahme besser; doch meistens halfen die Tabletten nichts.

Sie wollte ihre besorgten Eltern nicht weiter beunruhigen und erzählte ihnen nicht, dass die Medikamente nur sehr wenig halfen. Sie biss sich auf die Zähne und ertrug die Schmerzen.

Im Laufe der nächsten vier Jahre musste sie hin und wieder zu Kontrolluntersuchungen in die orthopädische Spezialklinik, denn die Ärzte waren sich einig geworden, dass es sich bei den Schmerzen in den Füßen um Wachstumsstörungen handelte. Nach und nach besserte sich ihr Zustand und ihre Beschwerden ließen tatsächlich nach.

Ihre jüngere Schwester Luisa strotzte dagegen vor Gesundheit. Sie war sehr sportlich und konnte ohne Probleme den ganzen Tag Skilaufen, schwimmen oder mit dem Rad fahren. Auf Anna musste immer Rücksicht genommen werden, da sie kaum ohne Probleme Sport treiben konnte. Sie hasste ihre Schwester dafür, dass diese körperlich gesund war. Aber auch umgekehrt war es für Luisa schwierig, denn immer stand Annas eingeschränkte Belastbarkeit im Vordergrund.

Nach ihrem Realschulabschluss waren die Beschwerden endgültig weg und die Ärzte waren in ihrer Meinung bestärkt, dass es sich um Wachstumsstörungen gehandelt habe.

***

Mit 19 Jahren ist Anna von zu Hause ausgezogen und lebte nun mit ihrem Freund Julius zusammen.

Wie aus heiterem Himmel wurde sie einige Monate später krank. Sie litt unter Magenproblemen. Erneut wurde sie medizinisch durchgecheckt: Magen- und Darmspiegelung, EKG, EEG, Laboruntersuchungen, Röntgen, Sonographie - sprich: alles was medizinischer Standard ist, wurde aufgeboten. Aber die Ärzte waren ratlos und konnten keine körperliche Ursache für ihre Magenprobleme finden. Zu den Magenproblemen stellten sich nach kurzer Zeit Angst- und Panikzustände ein. Auch hier konnte kein Grund gefunden werden. Sie selbst vermutete, dass diese Angst- und Panikzustände irgendwie mit ihrem Wegzug von zu Hause zu tun hatten.

Die Beschwerden verschlimmerten sich immer weiter. Immer noch war keine Ursache zu finden. Ihrem Internisten kam die Idee, dass es eventuell auch seelische Ursachen geben könnte und er schlug vor, eine entsprechende Fachklinik aufzusuchen. Sie ging auf diesen Vorschlag ein und es folgte ein mehrmonatiger Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik.

Ihren Arbeitsplatz hatte sie mittlerweile verloren.

Während des Aufenthaltes in der psychosomatischen Klinik versuchte Anna zusammen mit Hilfe der Therapeuten und Mitpatienten, die Ursache ihrer körperlichen Beschwerden herauszufinden.

Die Therapie bestand aus einer geschlossenen Gruppentherapie - das heißt, dass während dieser Zeit immer dieselben Gruppenmitglieder zusammen waren. Nur ab und zu gab es bei Bedarf auch Einzelgespräche mit einem Therapeuten. Anna hatte große Probleme, sich in der Gruppe zu äußern und zu öffnen. Sie hätte lieber nur Einzelstunden gehabt. Es kostete sie Mühe und große Überwindung, in einer Gruppe vor fremden Menschen über ihre Gefühle, ihre Ängste und über das zu sprechen, was sie innerlich bewegte. Mehr und mehr zog sie sich in sich zurück. Sie sprach nicht mehr viel während dieser Zeit. Völlig überraschend traten in der Klinik fast jede Nacht Albträume auf. Es waren dieselben Träume, die sie schon als Kind geplagt hatten. Sprechen konnte sie darüber nicht.

Sie lernte einige junge Mädchen und Frauen kennen, die sich zu Tode hungerten oder unter Ess-Brechanfällen litten. Die Mädchen und Frauen sahen teilweise aus, als ob sie in einem Konzentrationslager gelebt hätten - total abgemagert. Die Wangenknochen im Gesicht standen hervor, die Schulterblätter konnte man durch die dicken Pullover sehen und die Hosen schlotterten an den Beinen, als ob darunter nur Holzstöcke wären. Später las sie einen Bericht in einer Zeitung, dass viele dieser Mädchen und Frauen, die an Anorexie oder Bulimie litten, früher sexuell missbraucht worden waren.

Drei Monate psychosomatische Klinik gingen dem Ende entgegen und sie hatte das Gefühl, dass sich während dieser Zeit nicht viel geändert hatte. Umsonst war der Aufenthalt aber doch nicht gewesen. Die körperlichen Beschwerden hatten sich gebessert und ihre Angst- und Panikzustände waren ebenfalls schwächer geworden - die Ursache konnte allerdings wieder nicht geklärt, sondern nur vermutet werden: Seelische Gründe?

Sie ging einer ungewissen Zukunft entgegen.

***

Ein Jahr später hatte sie erneut ihre Arbeitsstelle verloren. Immer häufiger machten sich in ihren Gedanken Ideen von Selbstmord breit. Die Angst- und Panikzustände waren schlimmer geworden und wechselten sich mit Depressionen ab. An manchen Tagen hatte sie so große Ängste, dass sie ihre Wohnung nicht verlassen konnte. In dieser Zeit fühlte sie sich in ihrem Bett am sichersten.

Erneut wurde ein Aufenthalt in der psychosomatischen Klinik notwendig. Die Einzeltherapie, in die sie dieses Mal gehen konnte, zeigte erste Erfolge. Sie konnte sich ihrem Psychologen öffnen und anvertrauen. Nur einmal in der Woche fand eine offene Gruppe zur Ergänzung statt.

Endlich lernte sie, ihre Wünsche ein wenig zu äußern, über ihre Gefühle etwas zu sprechen. Nach und nach tauchten verschwommen Erinnerungen aus der Kindheit auf.

Die erste Spur der jahrelangen Beschwerden und ihrer Ursachen wurde sichtbar: Anscheinend war sie als Kind missbraucht worden. Es war eine sehr schmerzhafte Erkenntnis. Wieso ich? Was habe ich verbrochen? Es gab aber keine Antworten! Während dieser Zeit war sie völlig hilflos, fühlte sich klein und ausgeliefert. Wer ihr dies angetan hatte und wie alt sie damals gewesen war, kam noch nicht ans Tageslicht.

Irgendwie war sie aber trotzdem froh, dass sich der Grund ihrer Beschwerden zeigte. Die Zukunft bereitete ihr allerdings großes Unbehagen, denn sie hatte keinerlei Ahnung, wie sie mit dieser Tatsache leben sollte.

***

Vier Jahre lang absolvierte Anna nun dreimal die Woche mit Hilfe ihres Psychotherapeuten eine ambulante Therapie. Anfangs war es ihr nicht möglich, detailliert über das, was geschehen war, zu sprechen und ihre damit verbundenen Probleme zu hinterfragen. Die Erinnerungen, die immer öfter ans Licht kamen, waren einfach noch zu undeutlich - es fehlten viele Details.

Die Angst- und Panikzustände wurden teilweise so unerträglich, dass sie nicht mehr wusste, wie sie die Tage durchstehen sollte. Oft zitterte ihr Körper so stark, dass die Zähne klapperten. Ganz schlimm wurde es, wenn während dieser Angst- und Panikzustände ihr Psychotherapeut nicht erreicht werden konnte. Deshalb wurde die ambulante Psychotherapie mit Medikamenten unterstützt; so waren die Angst- und Panikzustände besser zu ertragen.

Nach und nach versuchte sie sich mit ihrer Thematik „sexueller Missbrauch“ auseinander zu setzen. Neue Depressionen waren die Folge. Erneut fühlte sie sich klein, hilflos und ausgeliefert. Das alltägliche Leben kostete unendlich viel Kraft, die Medikamente machten müde und das Reden über den Missbrauch war sehr anstrengend. Die Emotionen, die während der therapeutischen Sitzungen aufgewühlt wurden, schmerzten sehr. So sehr, dass es Anna nicht einmal möglich war, zu weinen.