Verlorenes Herz - Lexi Ryan - E-Book
Beschreibung

Wenn es Liebe ist, kehrt sie zu dir zurück … Nach sieben Jahren voller Schicksalsschläge kehrt Cally Fisher in ihre Heimatstadt New Hope zurück, um ihren Schwestern ein besseres Leben zu ermöglichen. Wem sie nicht begegnen wollte, ist ihre Jugendliebe William Bailey. Der Mann, der sie an damals erinnert. An die Dinge, die sie zerstört, und die Zukunft, die sie zurückgelassen hat. Alles wäre so viel einfacher, würde Will sie für ihre Entscheidungen hassen, doch das tut er nicht. Diesmal will er um Cally und ihre Liebe kämpfen. Koste es, was es wolle … NEW HOPE SERIE #1,0 ZERSPLITTERTES HERZ (Asher & Maggie) #1,5 GESTOHLENES HERZ (Novelle - Will & Cally) #2,0 Verlorenes Herz (Will & Cally)

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LEXI RYAN

VERLORENESHerz

New Adult Romance

Aus dem Amerikanischen von Carina Köberl

VERLORENES HERZ

LEXI RYAN

Die Originalausgabe wurde 2013 unter demTitel WISH I MAY von Lexi Ryan veröffentlicht

Deutsche ErstveröffentlichungCopyright © 2014 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH8712 Niklasdorf, AustriaWISH I MAY Copyright © 2013 Ever After, LLC

Covergestaltung: © jdesign.atTitelabbildung: © KolupaevKorrektorat: Melanie Reichert, www.lekorrektorat.de

ISBN-Taschenbuch: 978-3-902972-20-0ISBN-EPUB: 978-3-902972-21-7

www.romance-edition.com

Inhalt

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Epilog

Anmerkung der Autorin

Danksagung

Die Autorin

Prolog

William

Sieben Jahre zuvor

Cally hebt ihr Gesicht dem sternenlosen Abendhimmel entgegen, als würde sie seinen Kuss erwarten. »Ich kann die Sterne nicht sehen.« Sie kneift die Augen zusammen, als würde sie versuchen, sie durch die dichten Sturmwolken zu erkennen, die über uns hängen.

Ich drehe ihr Gesicht zu meinem und ziehe einen Pfad aus flüsterweichen Küssen unterhalb ihres Ohrs und entlang ihrer Kinnpartie, bis sie sich in meinen Armen entspannt. »Wir brauchen sie heute Nacht nicht«, verspreche ich, obwohl ich weiß, dass das nur auf mich zutrifft.

Cally braucht die Bestätigung von Wünschen und dem Schicksal – das Nebenprodukt eines beschissenen Zuhauses und eines eigenwilligen Vaters. In dieser Nacht braucht sie all das mehr als jemals zuvor.

»Sie verhält sich so selbstsüchtig. Reißt uns einfach aus unserem Leben. Reißt mich aus deinen Armen.«

Wir haben dieses Gespräch schon hunderte Male geführt, seit ihre Mom letzten Monat ihren Umzug verkündet hat. Ich weiß, wo es enden wird, doch dorthin werde ich sie nicht gehen lassen. Nicht heute Nacht.

»Gib uns nicht auf.« Meine Stimme ist beharrlich, und ich muss mich zusammenreißen, Cally nicht zu fest zu halten. Ich spüre bereits, wie sie mir entgleitet. »Sie kann dich zwingen, von hier wegzuziehen, aber sie kann dich mir nicht wegnehmen. Du gehörst mir. In New Hope, in Nevada, in Timbuktu. Du wirst immer mir gehören.«

Ich drehe mich über sie und stütze das Gewicht auf meine Ellbogen. Mit den Händen umfasse ich ihr Gesicht. Streiche mit dem Daumen über die blasse Haut ihres Kiefers, die Rötung ihrer Wange und das rosige Pink ihrer von Küssen gereizten Lippen. Sie greift in mein Haar und zieht mich nach unten, um Küsse an meinem Kiefer entlangzuziehen.

»Können wir eine Fernbeziehung wirklich überstehen?«, flüstert sie.

»Es wird nur eine Fernbeziehung sein, wenn wir nicht beieinander sind. Du kommst für den Abschlussball zurück. Wir sehen uns auch im Sommer.«

»Der Abschlussball.«

Ich streiche mit der Hand über ihre Seite nach oben und streife die Unterseite ihrer Brust mit meinem Daumen. »Der Abschlussball. Genau wie wir es geplant haben. Und wenn die Uni losgeht, kannst du mich im Wohnheim besuchen.«

»Du verdienst etwas Besseres«, sagt sie.

Cally öffnet ihre Beine, bis mein Knie dazwischen gleitet und stöhnt an meinem Hals. »Es gibt nichts Besseres als dich.« Ich necke ihr Ohr mit meiner Zunge.

Tränen glitzern in ihren Augen, als ich mich zurückziehe. »Ich will nicht bis zum Abschlussball warten. Ich bin jetzt schon bereit.«

Wir sind seit einem Jahr zusammen und haben uns mit dem Sex zurückgehalten, weil Cally nicht bereit dafür war. Sie hatte Angst, wie ihre Mutter zu werden, wenn sie zu früh Sex hätte. Obwohl die Sorge nicht gänzlich rational war, habe ich es verstanden. »Bist du sicher?«

Sie drängt sich näher und schlingt ihre Beine um meine Taille, bis nur noch unsere Kleider uns voneinander trennen. Bei dem Gedanken, Liebe mit ihr zu machen, pulsieren Adrenalin und Verlangen durch mich hindurch.

Dann rollt eine Träne ihre Wange hinab und ich weiß, ich kann es nicht tun. »Nicht heute Nacht«, flüstere ich. »Nicht, wenn du so traurig bist.«

Sie hebt ihren Blick erneut zu den Wolken empor. »So fühlt sich also Abschied an.«

»Nein«, knurre ich. Die Entschuldigung, die in ihren Augen geschrieben steht, bricht mir das Herz.

»Wir müssen uns voneinander verabschieden«, wispert sie. »Ich gehe in ein paar Stunden.«

Ich wische die Tränen von ihren Wangen. »Wir werden uns nicht verabschieden, weil das nicht unser Ende ist. Es ist erst der Anfang.«

Sie presst ihre Augenlider fest zusammen, als weitere Tränen in ihr Haar rollen. Ich kann nichts weiter tun, als Küsse auf den feuchten Pfad zu drücken, den sie hinterlassen. Ich hasse, wie hilflos ich mich fühle.

»Wenn wir uns nicht verabschieden, was sagen wir dann?«

»Sieh mich an.« Ich spreche nicht weiter, bis sie ihre großen braunen Augen auf mich richtet. »Das hier ist kein Abschied.«

»Wir können nicht so tun, als würde alles beim Alten bleiben.«

»Hallo, Cally.«

»William …«

»Es muss nicht alles beim Alten bleiben. Ich liebe dich und ich sage hallo zu dir.« Meine Brust brennt, so eng fühlt sie sich an, aber ich halte meine Emotionen in Zaum, weil ich uns beide zusammenhalten muss. »Hallo, Cally.«

Sie schlingt die Arme um mich und zieht mich wieder nahe an sich. Eine Träne, die nicht von ihr stammt, tropft auf ihre Wange. Ich vergrabe mein Gesicht an ihrem Hals, um meine eigene Angst zu verbergen.

»Hallo«, flüstert sie.

1. Kapitel

Cally

»In dreißig Metern biegen Sie links auf die Dreyer Avenue«, weist mich mein Navi an.

Ich rutsche nach vorn und luge durch die Windschutzscheibe. Dabei suche ich den geradezu manikürten Rasen auf der linken Seite nach einem Zeichen für eine Straße ab, obwohl da nichts weiter als Gras ist.

»Berechne neue Route«, teilt mir die computerisierte Stimme mit. Ihr Ton deutet auf Frustration hin, die mit meiner Unfähigkeit, einfachen Anweisungen zu folgen, zusammenhängen könnte. »In dreißig Metern wenden Sie, dann rechts abbiegen in die Dreyer Avenue.«

»Da ist keine verdammte Dreyer Avenue.« Ich versetze dem Lenkrad einen Schlag. Das ist das fünfte Mal, dass dieses Mistding versucht, mich in jemandes Vorgarten zu dirigieren, seit ich nach Indiana – das von nichts als Maisfeldern umringt wird – zurückgekehrt bin. Vor dreißig Minuten hat es mich immer wieder angewiesen, in den verdammten Fluss zu fahren. Glücklicherweise habe ich beschlossen, die Mädchen im Hotel unterzubringen, als wir angekommen sind, sonst würden sie dabei zusehen müssen, wie ihre große Schwester wegen eines Elektrogeräts zur Mörderin wird.

Mit unnötiger Gewalt reiße ich am Lenkrad und fahre den Wagen an den Straßenrand, wo ich ihn parke. Meine Brust ist eng und meine Augen brennen vor Tränen, die ich geschworen habe, heute nicht zu vergießen. Ich habe es ohne Tränen durch den letzten Monat geschafft. Ich werde auch jetzt nicht weinen. Es ist schlimm genug, dass ich mich auf das hier einlassen muss. Schlimm genug, dass ich mich auf meinen Vater verlassen muss, der mir fremd ist. Schlimm genug, dass ich versuchen muss, seinen Hippiehintern aufzuspüren, weil er so gottverdammt paranoid ist, um ein Handy bei sich zu tragen. Trotz allem bin ich hier.

»Du solltest ihn nicht so sehr hassen«, sagte mir meine Mom vor sechs Monaten. »Er hatte kein einfaches Leben.«

»Ich hasse ihn nicht. Er ist mir gleichgültig.«

Aber das war vor Moms Herzattacke (ein Code für Überdosis, obwohl ich mir nicht sicher bin, dass meine Schwestern daran glauben). Das war vor der Beerdigung und der Trauer und den Rechnungen. Das war, bevor sich mein Leben um mich herum aufgelöst hat, als bestünde es aus nichts weiter als Staub.

Ich bin erschöpft. Eine Schwester hasst mich, die andere spricht kein Wort, und von den vielen Stunden in diesem Auto ist mein Hintern wund. Frische Luft. Das ist alles, was ich brauche. Dann werde ich der Straße zurück zum Highway folgen und einen Angestellten bei der Tankstelle um Hilfe bitten.

Ich löse den Sicherheitsgurt und steige aus; unter meinen Füßen die gepflasterte Straße. Gott, fühlt es sich gut an, sich zu strecken. Ich kann nicht glauben, wie grün hier alles ist. Es scheint, als hätte ich vergessen, dass diese Farbe in der Natur existiert. Der Duft von geschnittenem Gras ist für meinen Geisteszustand beinahe so belebend wie eine anständige Mütze voll Schlaf. Die Luft ist warm und schwül, und in einem der Vorgärten spielen die Kinder unter einem Rasensprenger.

Ich erinnere mich, das als Kind auch gemacht zu haben. Vor dem Umzug. Bevor die Welt, wie ich sie kannte, aufhörte zu existieren. Ist es zu spät, meinen Schwestern eine Chance auf diese Kindheit zu ermöglichen? Zweifel setzt sich wie ein feuchter Knoten in meinem Hals fest.

»Kann ich Ihnen helfen?«

Erschrocken sehe ich hoch. »Nein, ich bin okay. Ich …« Mein Blick trifft den Besitzer der Stimme und ich verliere die Fähigkeit zu sprechen.

»Heilige Scheiße.« Der Adonis aus meiner Vergangenheit verengt die Augen. »Cally?«

Das Erklingen meines Namens aus seinem Mund katapultiert mich sieben Jahre zurück. Plötzlich bin ich wieder sechzehn und seine kühlen Baumwolllaken liebkosen meine Haut, während er mit den Fingerspitzen meinen Kiefer entlangstreicht, dann weiter über die Kuhle an meinem Hals, bis hinunter zu der Kurve meiner Hüfte. Ich bin wieder sechzehn und lecke süßen Erdbeerwein von seinen Lippen.

Die Zeit hat es mit William Bailey gut gemeint. Mit nacktem Oberkörper und vom Schweiß glänzender Haut hat er einen iPod um seinen festen Bizeps gewickelt und ein T-Shirt seitlich in seine Laufshorts gesteckt. Er ist breiter, als er es mit achtzehn war, muskulöser, was etwas heißen will, nachdem er damals der Starfootballspieler der New Hope Highschool war. Mein Blick wandert abwärts, wird aber von den Bewegungen der Muskeln seines Waschbrettbauches und dem Pfad blonden Haars gefangen, der unter dem Bund seiner Hosen verschwindet.

Heiliger Jesus.

Das Geräusch seines Räusperns bringt mich dazu, ihn wieder anzublicken.

»Sieh mal einer an. Du bist erwachsen geworden.« Er grinst und meine Knie werden ein bisschen schwach. Wie konnte ich die Wirkung vergessen, die das Lächeln dieses Mannes auf meine Knie hat?

»Ich könnte dasselbe von dir behaupten.« Ich beiße mir auf die Lippe. Hoffentlich ist mir kein Sabber entkommen.

Das kniezerstörende Grinsen wird breiter. Ich bin erledigt.

Das habe ich nicht erwartet. Nicht, dass ich von William irgendetwas erwartet hätte. Ich habe gehofft, ich könnte ein paar Tage in der Stadt überstehen, ohne ihn zu sehen, aber natürlich ist daraus nichts geworden. Hier ist er. Und sieht allem Anschein nach aus, als wäre er glücklich, mich zu sehen, obwohl er mich hassen sollte.

»Du wohnst hier? Ich meine, hier in …« Scheiße. Wie soll ich einen zusammenhängenden Satz konstruieren und gleichzeitig seine nackte Brust ansehen? Und das, ohne die Erinnerungen näher in Betracht zu ziehen, die bei seinem Anblick meine Gedanken durchfluten. Ich mag nie Sex mit ihm gehabt haben, aber ich habe genügend Erinnerungen an alles andere, das wir getan haben, um meine kreativsten Fantasien in den Schatten zu stellen.

In seine dunkelblauen Augen zu sehen, macht es auch nicht besser. Ein Mädchen vergisst nicht, wie diese Augen es beobachtet haben, während ihr Besitzer seine Hand zum ersten Mal zwischen die Beine dieses Mädchens geschoben hat.

Ich mustere den Boden und gestikuliere mit der Hand in die Richtung, in der die Dreyer Avenue definitiv nicht liegt. »Ich suche nach meinem Dad.«

»Du bist in der falschen Nachbarschaft.« Seine Stimme hat nun diesen vorzüglichen Sopran angenommen, der etwas in mir flattern lässt. Als ich durch meine Wimpern einen diebischen Blick erhasche, erwische ich ihn dabei, wie er mich abwägend mustert.

Ich kann mir vorstellen, was er sieht. Wir sind seit zwei Tagen unterwegs und nur stehen geblieben, um zu tanken und Toilettenpausen zu machen. Wir haben letzte Nacht in Kansas angehalten, damit ich ein paar Stunden Schlaf bekommen konnte. Um vier Uhr früh saßen wir wieder im Auto, um heute einen weiteren Tag durchzufahren.

Ich würde meine Erscheinung unter Road-Trip-Chic einordnen. Meine eng anliegende Yogahose endet knapp unter meinen Knien und dazu trage ich ein T-Shirt auf dem Erdnussbutterzeit! steht. Das Outfit wird durch knallorange FlipFlops und den Zopf vollendet, zu dem ich heute Morgen eilig mein Haar zusammengefasst habe. Also, na ja, genau das Outfit, das ich nicht ausgesucht hätte, um es bei einem Wiedersehen mit meiner ersten Liebe zu tragen.

Ich lehne mich in mein Auto, greife nach dem Stück Papier, auf dem Dads Adresse steht und reiche es William. »Kannst du mir helfen, das zu finden?«

Er sieht nicht das Papier, sondern mich an und zieht die Brauen zusammen. »Im Ernst? Du hast dich verlaufen?« Er verstummt für einen Moment. »In New Hope?« Sein Ton lässt anmuten, ich hätte mich in einer Papiertüte verirrt. Okay, New Hope ist verdammt klein, aber ich lebe schon seit sieben Jahren nicht mehr hier und es hat sich einiges verändert. Die netten Orte sehen jetzt alle verwahrlost aus, die Fabriken sind geschlossen und die weiten Flächen an offenem Land neben dem Fluss wurden alle zu schicken Nachbarschaften mit übertrieben riesigen Häusern, die so ausgefallen sind, dass ich die übergroßen Hypotheken praktisch riechen kann.

»Mein Navi will mich immer wieder dazu bringen, in den Fluss zu fahren.«

Das wischt zumindest den finsteren Ausdruck von seinem Gesicht. »Ja, Navigationssysteme sind nicht wirklich auf dem neuesten Stand mit den hiesigen Veränderungen.« Er reibt sich den Nacken, die Bewegung bringt die Muskeln in seinem Arm dazu, sich anzuspannen. Angesichts seines schweißnassen Oberkörpers, in Verbindung mit meinen Erinnerungen hat sich mein Schlüpfer mit ziemlicher Sicherheit bereits in Luft aufgelöst.

Ich räuspere mich und wende mich wieder dem Asphaltstarren zu. Wie schwer kann es sein, sich ein Shirt anzuziehen? »Wenn du mir die Richtung zeigen könntest, lasse ich dich wieder in Ruhe. Ich bin sicher, ich bin die letzte Person, die du heute sehen wolltest.«

Der unglückliche Laut, den er von sich gibt, lässt mich wieder zu ihm hochsehen. Diese blauen Augen, diese wirren blonden Locken. Dieser Mund. »Cally …«

Ich senke die Zähne in meine Unterlippe, als sich unsere Blicke ineinander verfangen. Er macht einen Schritt auf mich zu, bis er mir so nahe ist, dass ich mein Kinn heben muss, um ihm in die Augen zu sehen. Meine Finger zu Fäusten geballt, um mich davon abzuhalten, ihn zu berühren. Er ist verschwitzt und solide und so verdammt gutaussehend.

Ich erwarte, dass er mir sagt, wie grausam ich bin, wegen dem, was ich ihm angetan habe. Dass er mich fragt, warum ich diese Entscheidung traf. Ich weiß nicht, was ich sagen würde. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass New Hope zu verlassen, William zu verlassen, sich einst wie das Schlimmste angefühlt hat, das mir passieren konnte. Ich lag so falsch.

Aber er fragt nicht und bewegt sich nicht von mir fort. Für einen kurzen Moment fällt sein Blick auf meine Lippen, und die Art, wie mein Körper auf seine Nähe reagiert, selbst nach all den Jahren, selbst nach … allem … bestätigt nur, was ich bereits geahnt habe.

Nach sieben Jahren. Nach der lahmsten Trennung in der Geschichte der Trennungen. Nachdem ich sein Herz gebrochen und meines ignoriert habe, gehöre ich immer noch ganz und gar ihm.

William

Cally.

Ich kann kaum atmen. Mein Gehirn hat nicht die Zeit für so etwas Triviales wie Sauerstoff, während es damit beschäftigt ist, ihre Gesichtszüge zu katalogisieren, sich den genauen Ton ihrer moccabraunen Augen einzuprägen, und mit der Wut und der Reue zu kämpfen, die zum Leben erwacht sind, als hätten sie mich ohnehin nie verlassen.

Ich habe nicht damit gerechnet, sie wiederzusehen. Ich dachte nicht, dass ich es wollte.

Im selben Moment, als ich einen Schritt auf sie zumache, erkenne ich meinen Fehler. Ihr nahe zu sein, fühlt sich an wie ein Schluck Wasser auf wüstenverbrannten Lippen. Es lässt etwas durch mich hindurchpeitschen. Erinnerungen, Lust, die erste Liebe. Herzschmerz. Sie neigt ihre Lippen hoch zu meinen und für eine gottverdammt lächerliche Minute denke ich doch tatsächlich, sie zu küssen. Ich will es. Will all meinen Stolz hinunterschlucken und ihr vergeben, nur um sie noch einmal zu kosten.

Ich weiche zurück, bevor ich meinem Impuls nachgeben kann, und ihre Wangen werden flammend rot. Ihr Erröten ist so süß wie der Rest von ihr. Das ist das richtige Wort für sie: süß. Mit ihrem kessen Lächeln und ihrem peppigen Zopf strahlt sie Niedlichkeit regelrecht aus.

Abgesehen von ihrem Hintern. Ihr Hintern befindet sich nicht mal in derselben Stratosphäre wie Niedlichkeit und diese enge, kleine Hose kann diese weichen, runden Kurven auch nicht verbergen. Und ihre Brüste. Da ist definitiv nichts Süßes daran, wie sich ihr T-Shirt über ihre Fülle spannt. Oder an ihren endlos langen Beinen. Nicht zu erwähnen, den schmalen Streifen Haut, der zwischen dem Saum ihres Shirts und dem Bund ihrer Hosen liegt. Ich muss diese paar Zentimeter Fleisch unter ihrem Nabel nur ansehen und ich kann den Erdbeerwein praktisch schmecken.

Mondlicht. Ihre warme Haut unter meiner Zunge. Das Geräusch ihres Stöhnens, als ich mit meinem Mund tiefer sinke. Die Erinnerung erfasst meine Sinne und will nicht loslassen.

Fuck. Ich kann nicht mal mich selbst belügen. Nichts an ihr strahlt Niedlichkeit aus. Alles an ihr schreit förmlich nach Sex. Und meins.

»Wegbeschreibung?«, fragt sie. »Zum Haus meines Vaters?«

»Willst du, dass ich mit dir dorthin laufe? Es ist nicht weit.«

Sofort bereue ich meinen impulsiven Vorschlag. Ich sollte ihr einfach den Weg weisen, sie ins Auto setzen und zurück aus meinem Leben schicken. Aber ich will ihr eine Minute lang nahe sein, um mir zu beweisen, dass ich besser bin als eine beschissen lahme Trennung, die sieben Jahre zurückliegt. Oder ich will mir beweisen, dass sie mehr ist als nur ein Traum.

Sie kaut auf dieser vollen Unterlippe. Offensichtlich versucht sie, mich zu foltern. Wie kann ich sie so sehr begehren, obwohl ich dachte, ich würde sie hassen?

»Ich beiße nicht, Cally.«

Sie murmelt etwas, das ich nicht ganz ausmachen kann. Es klingt ein bisschen wie verdammt schade, aber sicher bin ich nicht, denn sie schnappt bereits ihre Tasche und weicht meinem Blick aus.

»Bleibst du länger?«, frage ich, als wir losmarschieren. Meine Stimme klingt zu verdammt hoffnungsvoll und ich hasse das. Doch wie groß war bisher die Wahrscheinlichkeit, dass sie wieder hier auftaucht? Ganz zu schweigen davon, dass sie sich direkt vor mein Haus verirrt.

Sie ist hier, um ihren Dad zu sehen, ermahne ich mich. Das sollte mich nicht überraschen, aber soweit ich weiß, ist sie zum ersten Mal seit dem Umzug zurück.

»Nein. Nicht allzu lange. Vielleicht ein paar Tage. Ich … Meine Mom ist gestorben und ich muss meine Schwestern bei Dad unterbringen.«

Ich bleibe stehen und wende mich ihr zu. All meine Bitterkeit und Verärgerung fallen von mir ab.

Sie blickt auf den Boden und diese Kummerfalten erscheinen wieder um ihre Augen. Ich erfasse ihre Hand und drücke sie. »Das tut mir leid.« Ich frage nicht, was passiert ist. Ich habe als Kind meine Eltern verloren und weiß, wie schnell einem diese Frage lästig wird.

»Mir auch.«

Wir wissen beide, es gibt kaum etwas anderes zu sagen, also gehen wir weiter. Sie folgt mir und wir durchqueren meinen Garten bis zu dem gepflasterten Weg unten am Fluss. Ich widerstehe dem Drang, auf mein Haus zu deuten, um ihr zu zeigen, wie gut ich mich gemacht habe. Es wäre ohnehin größtenteils eine Lüge.

»Also lebst du immer noch hier in New Hope?«, fragt sie leise.

»Ich bin nach meinem Bachelor zurückgekommen.«

»Ist noch jemand hiergeblieben?«

Ich verenge die Augen. Kennt sie meine verkorkste Geschichte mit den Thompson Schwestern bereits oder ist ihre Frage ehrlich gemeint? »Ein paar der Typen vom Team – Max, Sam, Grant. Und alle Thompson Mädchen, bis auf Krystal. Sie ist erst letzten Monat mit ihrem Freund nach Florida gezogen.«

Die Erwähnung ihrer alten Freunde zaubert ein Lächeln auf ihre Lippen, das ihr Gesicht strahlen und sie wirken lässt, als wäre sie noch das sechzehnjährige Mädchen. »Lizzy und Hanna sind in der Stadt?«

»Vielleicht kannst du dich mit ihnen treffen, bevor du die Stadt wieder verlässt? Sie würden dich bestimmt liebend gerne sehen.«

Sie antwortet nicht, aber ihr veränderter Ausdruck verrät, dass sie sie nicht ausfindig machen wird. Ich wünschte, ich würde nicht diesen starken Drang verspüren, den Grund dafür zu verstehen. Cally wollte nicht gehen, als ihre Mom mit ihr weggezogen ist. Sie wollte ihre Freunde und ihre Familie nicht verlassen. Wollte das Leben nicht zurücklassen, das sie hier hatte. Sie war entschlossen, mit uns allen in Kontakt zu bleiben und hat sogar davon gesprochen, wieder zurückzukommen, um aufs College zu gehen. Sie war keine zwei Monate fort, als sich all das geändert hat und sie plötzlich mit keinem von uns etwas zu tun haben wollte. Auch mit mir nicht.

Arlen Fishers Hütte steht am Fluss, etwas abseits der Dreyer Avenue. Die eigentliche Straße wurde gesperrt, um eine allgemeine Grünanlage für die neuen Konstruktionen anzulegen. Das war natürlich ein Vorwand. Man wollte nur ein wenig Abstand zwischen die alte, raue Nachbarschaft und die neue, noble bringen.

Als ich vom Weg aus auf Arlens Haus zeige, runzelt sie die Stirn. »Es ist wirklich … klein.«

Ihr Vater ist ein rustikaler Mann. Extrem einfach. Seine Hütte steht knapp außerhalb der Überschwemmungsebene zwischen den Bäumen. Sie ist klein, hat keine unnötigen Dekorationen und ist dabei, auseinanderzufallen.

»Bist du nervös?«

Bewusst oder unbewusst – sie hat ihre Schritte verlangsamt. »Ich habe ihn nur ein paar Mal gesehen, seit wir umgezogen sind.«

Das überrascht mich. Jemand hätte es mir erzählt, wenn sie zurückgekommen wäre. In dieser Stadt gibt es keine Geheimnisse. Allerdings hätte ich erwartet, dass ihr Vater Trips nach Nevada gemacht hat, um alle drei seiner Töchter zu besuchen. »Wirklich?«

Sie zuckt die Achseln. »Wir haben das nicht so geplant, aber unsere Pläne haben ohnehin nie funktioniert. Du kennst meinen Dad. Er hat andere Prioritäten.«

Ich erinnere mich vage. Der Mann mochte Bücher und studierte religiöse Texte. Er verbrachte seine Zeit damit, zu meditieren und gab sein Geld dafür aus, Wahrsager und spirituelle Führer zu besuchen. »Das ist scheiße.«

»Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille«, sagt sie, und ich weiß nicht, ob sie sich seine oder ihre eigene Verantwortung in dieser Beziehung in Erinnerung ruft.

»Was denken deine Schwestern darüber, wieder hierher zu ziehen?«

Sie beugt sich nach vorn und hebt einen knorrigen Ast auf. Er ist so lang wie ihre Beine, und seine wunderschönen Knoten stehen mit der weichen Haut ihrer Hände in Kontrast. Ich wünschte bereits, ich hätte meine Kamera dabei.

»Er hat mir meine Ballettschuhe geschickt«, sagt sie leise. »Nachdem er von Moms Tod gehört hat. Ich wusste nicht mal, dass er sie hatte. Sie sind in diesem Paket aufgetaucht – diese winzig kleinen Schuhe, die Mom und ich zusammen vor meiner ersten Stunde ausgesucht hatten.« Ihre Lippen verziehen sich zu einem Lächeln. »Ich war erst fünf und ich erinnere mich daran, wie er mir gesagt hat: Wenn du eine Ballerina sein willst, musst du nur daran glauben und du wirst eine sein. Es war immer so einfach für ihn.«

Früher war es auch für Cally so einfach. Ich fühlte mich von ihr angezogen, weil dieser uneingeschränkte Optimismus von ihr ausging. Nachdem ich die prägenden Jahre meiner Kindheit in dem Haus meiner zynischen Großmutter verbracht hatte, war Cally für mich wie ein frischer Luftzug.

Ich blicke zum Haus hoch. Die Sonne am Himmel ist gesunken und die kleine Hütte ragt dunkel aus dem Schatten der Bäume hervor. »Bist du bereit?«

»Ich denke schon.«

»Willst du, dass ich hier warte?« Erneut überrasche ich mich. Es sollte mir in den Beinen jucken, von ihr und der Erinnerung daran, was sie mir angetan hat, wegzukommen. Aber das alles scheint so lange her zu sein und unwichtig angesichts der letzten beschissenen Jahre. Neben der Neuigkeit um den Tod ihrer Mutter wirkt mein alter Groll regelrecht trivial.

Ihre Schultern sacken zusammen, als sie ausatmet. Sie ist nervös. »Danke.«

Sie manövriert sich durch die Bäume und die steilen Holzstufen hoch zum Haus. Nachdem sie zweimal an die Tür geklopft hat, dreht sie den Ast zwischen ihren Händen und tritt von einem Fuß auf den anderen, während ich zwischen den Bäumen warte. Diese ganze Sache sollte sich viel unangenehmer anfühlen, als sie es tut.

Sie klopft erneut und lehnt sich diesmal nach vorn, um durch das Fenster zu lugen. Zwei Minuten später gibt sie auf und steigt die Stufen nach unten.

»Sucht ihr nach Fisher?«, ruft jemand, als Cally mich erreicht.

Aufmerksam wendet sich Cally um. »Ja. Wissen Sie, wann er zu Hause sein wird?«

Ich erkenne Mrs. Svenderson aus dem Schönheitssalon meiner Großmutter wieder. Sie schlägt nach ein paar Mücken, als sie sich uns nähert. »Keine Ahnung, wann«, sagt sie. »Er ist gerade erst weg, also kann ich mir vorstellen, es könnt’ ein paar Tage dauern. Tut’s normalerweise.«

Ich beobachte Cally, während sie das verdaut. Eine Emotion nach der anderen blitzt in ihrem Gesicht auf – Enttäuschung, Trauer, Frustration und schlussendlich eine Wut, die sich an ihrem Kiefer und um ihre Augen festsetzt. »Danke. Ich weiß es zu schätzen, dass Sie mir das erzählt haben.«

»Ich dachte, du wärst dir zu fein dafür, deinen alten Dad zu besuchen«, sagt Mrs. Svenderson. »Was hat’n dich jetzt hierher gebracht?«

Cally schickt ihr ein höfliches Lächeln, beantwortet die Frage aber nicht. Die alten Frauen in dieser Gegend reden nicht um den heißen Brei herum. Ich schätze, sie denken, das Leben wäre zu kurz, um die Fragen nicht zu stellen, die sie interessieren.

»Es war nett, Sie kennenzulernen«, sagt Cally, als wäre die Frau nicht gerade unhöflich gewesen. »Danke für Ihre Hilfe.«

Als sie meine Seite erreicht, drehen wir uns zusammen um und machen uns auf den Weg zurück den Fluss entlang.

»Hat er gewusst, dass ihr kommen werdet?«

»Er wusste es.« Wieder blitzt Wut in ihren Augen auf. Es sieht aus, als fühle sie sich dort wohl, als wäre Cally des Öfteren wütend. Das Mädchen, das ich kannte, war nicht so, aber in sieben Jahren kann sich viel verändern.

»Hast du eine Bleibe? Wo sind deine Schwestern?«

»Ich habe sie bei dem kleinen Motel oben am Highway abgesetzt. Ich wollte sichergehen, dass Dad für uns bereit ist. Sie wurden in letzter Zeit oft genug böse überrascht.«

Welches Motel am Highway? »Warte. Das Cheap Sleep?«

Sie zuckt die Achseln. »Scheint so.«

Cally und ihre Schwestern leben bestimmt nicht auf großem Fuß, wenn das der Ort ist, an dem sie derzeit wohnen. »Dir ist klar, dass die Leute nicht dorthin kommen, um zu schlafen, oder?«

Sie gluckst. Ich mag das Geräusch. Es ist nicht das mädchenhafte Lachen, das sie früher hatte, aber es ist auch nicht die sorgfältig konstruierte Nachahmung eines Erwachsenen. Es ist weich. Süß. Ehrlich. »Wir kommen zurecht. Es ist ja nur für ein paar Nächte. Bis Dad nach Hause kommt und ich sie bei ihm unterbringen kann.«

Für ein paar Minuten laufen wir still nebeneinander her. Das einzige Geräusch ist das Rauschen des Flusses und das Auftreten unserer Schuhe auf dem gepflasterten Weg.

»Lebst du hier in der Nähe?«, fragt sie. »Oder bist du in der Stadt mit deiner Großmutter?«

Als wir wieder durch meinen Garten zu ihrem Auto gehen, nicke ich in Richtung des Hauses. »Das ist meins.«

Es ist seltsam, es durch ihre Augen zu sehen. Ich bin stolz auf das Heim, das ich gebaut habe. Es ist ein zweistöckiges Backsteinungeheuer mit einer atemberaubenden Fliesenterrasse im Hinterhof. Als ich zusehe, wie sie es in sich aufnimmt, ist mir der Exzess jedoch beinahe peinlich. Cally und ihre Familie hatten nie viel. Tatsächlich hatten sie kaum jemals genug. Und jetzt wohnen sie im Cheap Sleep und ihr Dad lebt in einer heruntergekommenen alten Hütte. Es hat sich nicht viel geändert.

Sie erzwingt ein Lächeln. »Es ist wunderschön. Ich freue mich sehr für dich.«

Sie entfernt sich von mir, aber ich schnappe mir schnell ihre Hand. »Cally.«

Sie dreht sich mit diesen großen braunen Augen und diesen perfekten rosa Lippen wieder zu mir um.

Es gibt hunderte von Gründen, warum ich nichts mit ihr zu tun haben sollte, aber ich habe zwei, vielleicht drei Tage, bevor sie wieder aus meinem Leben verschwindet. Diesmal vielleicht für immer. Ich kann mit dem Gedanken nicht umgehen, dass das hier das Ende sein könnte und ich will verdammt sein, wenn ich sie in diesem beschissenen Motel bleiben lasse. »Warum kommen du und deine Schwestern nicht her und wohnt bei mir?«

Sie schnaubt. »Bestimmt hast du kein freies Zimmer für uns, neben deiner Frau und den zwei Komma vier Kindern.«

»Keine Frau. Keine Kinder. Nur ich und viel zu viel Platz.«

Sie schüttelt den Kopf. »Das ist lieb von dir, aber uns geht’s gut. Du hast bereits mehr getan, als die meisten getan hätten.« Sie geht zu ihrem Auto, rutscht auf den Sitz und fährt los, ohne sich noch einmal zu mir umzuwenden – und lässt mich allein mit meinen Erinnerungen an Erdbeerwein zurück.

2. Kapitel

Cally

Erdbeerwein.

Ich kann ihn praktisch schmecken, als ich von Will wegfahre und zum Motel zurückkehre. Es ist der Geschmack meines alten Lebens. Von leichtsinniger, jugendlicher Rebellion und der ersten Liebe, von sternenerhellten Nächten auf dem Dock hinter dem alten Warenlager auf der Main Street. William und ich saßen oft auf dem kalten Beton und tranken Erdbeerwein, den er aus dem Weinkeller seiner Grandma geklaut hatte. Der Keller beherbergte eine beindruckende Kollektion von 500 Flaschen Boone’s Farm. Wir haben dem Mondlicht dabei zugesehen, wie es sich auf dem Wasser spiegelte und direkt aus der Flasche getrunken. Manchmal haben wir uns einfach nur angesehen. In wolkenverhangenen Nächten konnten wir kaum etwas erkennen und mussten unsere Hände das Sehen für uns übernehmen lassen – sein Daumen, wie er über meine Lippen, meinen Hals hinab und unter mein Shirt streicht …

Dort habe ich ihm zum ersten Mal gesagt, dass ich ihn liebe. Dort hat er Wein auf meinem Bauch verschüttet und sich vorgebeugt, um ihn aufzulecken. Dort hat er zum ersten Mal meine Jeans aufgeknöpft und sich an meinem Körper hinabgeküsst, bis er seinen Mund – heiß, feucht und so langsam, dass ich sterben wollte – direkt an die feuchte Baumwolle meiner Unterwäsche drückte.

In jener Nacht, bevor ich mit meiner Mom und meinen zwei kleinen Schwestern in den Umzugswagen stieg, waren wir dort auf dem Dock, wo er mich so zärtlich geküsst hat, als wäre ich dieses gläserne Ding und er hätte Angst, er könnte mich zerbrechen. Er hat seinen Mund an meinem Hals nach unten wandern lassen und mein Gesicht in seine Hände genommen, um hallo zu wispern.

Erdbeerwein, William Bailey und ein Leben, das so viel einfacher war.

Als ich wieder bei unserem Hotel ankomme, hat sich meine fünfzehnjährige Schwester Drew auf einem der zwei Doppelbetten ausgebreitet und spielt mit ihrem iPod herum, die Kopfhörer in den Ohren. Sie trägt ein weißes Tanktop und Baumwollshorts auf deren Rückseite You Wish geschrieben steht und mehr von ihrem Hintern offenbaren, als sie verbergen. Ihr langes, dunkles Haar fällt wie ein Vorhang über die Hälfte ihres Gesichts und verbirgt die Züge, die denen von Mom so sehr ähneln.

»Hast du ihn gefunden?«, fragt sie, hebt den Kopf und nimmt einen ihrer Kopfhörer aus dem Ohr. »Dad lebt besser in einem verdammt riesigen Haus mit einem Koch und einem eingebauten Wellness-Bereich.«

Ich schnaube. »Okay, verwöhnte Prinzessin.«

»Dieses sogenannte Hotel ist ekelhaft. Bin ziemlich sicher, dass sie die Räume hier pro Stunde vermieten, Cally.«

Wenn extreme Zickigkeit eine Sportart wäre, hätte meine Schwester Drew den letzten Monat damit zugebracht, für die Weltmeisterschaft zu trainieren.

Sie versucht, Moms Verlust zu verarbeiten. Das muss ich mir immer wieder in Erinnerung rufen. Anstatt tausende von nicht vorhandenen Dollars auszugeben, um einen Psychotherapeuten zu besuchen, der uns sagen würde, dass das ihre Art ist, mit der Trauer umzugehen, muss ich es einfach akzeptieren. Ich muss geduldig sein, bis meine immer noch zickige, aber viel erträglichere Schwester wiederkommt.

»Er ist nicht in der Stadt«, sage ich. Es gibt keinen Grund, ihr zu erzählen, wie unvorbereitet der Mann für Gesellschaft ist. Ganz zu schweigen davon, seine zwei jüngsten Töchter aufzunehmen und für sie zu sorgen. Ich konnte nicht viel durch das kleine Fenster erkennen, aber meine Aussicht ins alte Wohnzimmer hat mich wissen lassen, dass es nicht viel zu sehen geben wird. Bücher, Bücher, Bücher. Nicht mal eine verdammte Couch.

Wir werden uns schon etwas überlegen. Das ist ein Mantra, das ich in den letzten sieben Jahren beinahe völlig abgenutzt habe.

»Es wird schon werden.« Gott, ich klinge kein bisschen überzeugend. Sogar ich bin mir der Weisheit meines Plans unsicher. Aber was soll ich tun? Sie in mein beschissenes, kleines Apartment mit meinen drei Mitbewohnern in Las Vegas einziehen lassen? Soll Johnny meiner Schwester beibringen, wie man einen Joint dreht, während er Drew über den akzeptablen Preis für eine Tüte belehrt? Oder schlimmer – Brandon anflehen, mich zurückzunehmen, damit er sich um uns alle kümmern kann?

Verdammt, nein.

»Mom hat sich den Arsch abgearbeitet, um uns aus dieser kleinen Scheißstadt herauszukriegen«, sagt Drew.

»Also schreiben wir heute die Geschichte neu?«

»Denkst du wirklich, sie würde wollen, dass du uns wieder hierher zurückbringst?«

Ich gebe mir nicht die Mühe, ihr zu antworten. Ich habe es satt, dass sie Mom zu einer Märtyrerin macht, die sie nicht war. Habe es satt, meine Entscheidung zu verteidigen und unseren Vater ausfindig zu machen. Habe es satt, zu erklären, dass es keinen Geldbaum gibt, den wir abernten können, damit sie weiterhin ihr altes Leben leben kann.

»Auch egal.« Drew entlässt mich, indem sie ihre Augen verdreht, sich den Hörer wieder ins Ohr steckt und ihr Handy vom Nachttisch schnappt. Ihre Finger fliegen über den Bildschirm. Ohne Zweifel schreibt sie einer Freundin zu Hause, was für ein abscheuliches Miststück ich bin. Wenn das Mutterschaft bedeutet, kann Gott meine Eierstöcke hier und jetzt nutzlos strafen.

Ich entdecke Gabby in der Ecke. Sie sitzt auf einem ramponierten Holzstuhl und lugt aus dem Fenster auf den Parkplatz darunter. Sie ist zehn, aber sie war ein Frühchen und ihre winzige Form und ihre babyartigen Gesichtszüge haben nie aufgeholt, also sieht sie jünger aus, als sie ist. Sie sieht zu mir hoch und schickt mir ein trauriges Lächeln, als wolle sie sich für Drew entschuldigen.

Mein Herz zieht sich so hart und fest zusammen, dass meine Brust schmerzt und meine Lunge wehtut. Ich brauche diese langen, abgehackten Atemzüge, die mit Tränen einhergehen und den tiefen Schlaf, der darauf folgt. Jeder Moment war voller Ereignisse, seit Mom gestorben ist und ich habe diesem Luxus seit der Beerdigung nicht mehr nachgegeben. Weinen ist ein Luxus, den ich mir für einen einsamen Moment aufspare.

»Wie wäre es, wenn wir Pizza fürs Abendessen bestellen?« Ich zwinge Enthusiasmus in meine Stimme, den ich nicht fühle.

»Wir hatten Pizza zu Mittag.« Drew dreht sich auf den Rücken, ohne von ihrem Handy aufzusehen.

Sie hat recht. In einem Versuch ihre sinkende Stimmung zu heben, habe ich heute einen Stopp bei Chuck E. Cheese eingelegt. Der Versuch ging grauenhaft daneben.

Ich ignoriere ihren Einwand – Pizza ist billig und etwas, das sie beide mögen – und sehe Gabby an. »Pizza und dann könnten wir einen Film auf Pay-Per-View bestellen. Was sagst du dazu?«

Gabby nickt, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Fenster und den Parkplatz darunter lenkt. Wonach sucht sie? Oder nach wem?

Der Arzt hat gesagt, dass körperlich alles okay mit Gabby ist. Sie kann sprechen, sie hat sich nur entschieden, es nicht zu tun. Dann wurde uns ein Therapeut empfohlen – schon wieder.

Ich grabe mein Portemonnaie aus meiner Handtasche hervor und zähle die Banknoten, obwohl ich sehr genau weiß, wie viel ich habe. Oder besser gesagt, was ich nicht habe. Ich habe nicht damit gerechnet, dass mein Vater nicht hier sein würde und nun geht das Geld aus. Alles, was übrig ist, sind zwei Dollarscheine, ein Vierteldollar, zwei beinahe überzogene Kreditkarten und ein Bankkonto, das von Moms Begräbniskosten leergefegt wurde. So wie die Lage ist, werde ich Geld von Dad brauchen, um überhaupt nach Hause fahren zu können.

Ich ziehe die Visa-Karte hervor und schnappe mir das Telefonbuch.

Wo zur Hölle bist du, Dad?

William

Die Morgensonne liegt heiß auf meinem Rücken, als ich an die Tür des Zimmers mit der Nummer 132 im Cheap Sleep klopfe und den Atem anhalte.

Was mache ich nur? Cally will nichts mit mir zu tun haben und sie verlässt die Stadt in ein paar Tagen. Ich sollte Meredith anrufen, die Enkelin der besten Freundin meiner Großmutter, seit diese Kinder waren. Alles spricht für Meredith – die Karriere, die Familie, die Persönlichkeit. Fuck, sie ist sogar wunderschön und – wenn man von ein paar der SMS ausgeht, die sie mir geschickt hat – ein wenig versaut, und das im besten Sinne des Wortes.

Ich rufe Meredith jedoch nicht an. Ich habe nicht mal auf die SMS von letzter Nacht geantwortet – ein kreatives Versprechen davon, was sie mit mir anstellen würde, käme ich heute Nacht zu ihr. Nein. Stattdessen bin ich hier und laufe Cally nach – schon wieder.

Meine Gedanken werden unterbrochen, als die Tür aufschwingt. Sie trägt Cut-Off-Shorts, dazu ein Tanktop und ihre Haare sind ihm Nacken zusammengebunden.

Sie erstarrt, als sie mich sieht. »Was machst du hier?«

Ich halte die Box in meiner Hand hoch. »Donuts?«

»Oh Gott sei Dank«, sagt eine Stimme hinter Cally. »Wenn ich noch ein Erdnussbuttersandwich essen muss, werde ich kotzen.«

Eine jugendliche Version von Cally erscheint neben ihr an der Tür und schnappt sich die Box aus meiner Hand. Sie hat Callys dunkles Haar und viel zu wenig an. Ihre kurzen Shorts und ihr Tanktop offenbaren weit mehr, als sie bedecken. Ich bin versucht, ihr mein Shirt anzubieten, um ihre Tugend zu bewahren.

»Drew, sei nicht unhöflich«, sagt Cally.

Ich hebe eine Braue. »Drew? Heilige Schei…Scheibenkleister.«

Natürlich sind Callys Schwestern nicht mehr die kleinen Mädchen, die sie waren, als sie weggezogen sind, aber es ist trotzdem ein Schock. Drew war in der Grundschule, als sie die Stadt verlassen haben und jetzt hat sie ein Dekolleté, das aus ihrem Shirt quillt.

Drew schnaubt. »Du kannst scheiße sagen. Wir sind keine Babys mehr.«

»Drew«, scheltet Cally sie.

»Gabby«, ruft Drew und öffnet die Donutschachtel, ihre ältere Schwester ignorierend. »Callys Freund hat uns Donuts gebracht.«

»Er ist nicht mein Freund«, sagt Cally und schnappt sich einen viereckigen, mit Zuckerguss überzogenen Donut aus der Schachtel. »Esst nicht zu viele. Sonst wird euch schlecht.«

»Dir wird sonst schlecht«, äfft Drew sie nach.

Gabbys Augen leuchten auf, als sie in die Schachtel lugt. Sie holt ein Schokoladencroissant hervor.

»Das hättest du wirklich nicht tun müssen«, sagt Cally.

Das kleine Mädchen sieht mit denselben mörderisch braunen Augen ihrer Schwester zu mir hoch und lächelt mich an. In diesem Moment weiß ich, dass ich meinen morgendlichen Impuls selbst dann nicht bereuen könnte, wenn ich es wollte.

»Gut gemacht, Sis. Wir sind nicht mal einen Tag in der Stadt und du hast schon jemanden abgeschleppt.« Sie hebt die Hände in einer abwertenden Geste. »Meine Schwester weiß, wie man spielt, Mann. Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

»Drew!«, sagt Cally, den Mund voll mit Donut. »Ernsthaft!« Sie tritt zu mir auf den Gehsteig und schließt die Tür hinter sich. Ihre Finger liegen auf ihrem Mund, während sie kaut und schluckt. »Ich entschuldige mich für Drew. Sie sucht nur nach Aufmerksamkeit.«

»Ist schon okay. Ich bin froh, dass ich sie vor der Horrorvorstellung eines weiteren Frühstücks mit Erdnussbuttersandwichs bewahren konnte.«

Sie lächelt mich an. Zuckerguss klebt unterhalb ihrer Lippe. »Warum bist du wirklich hier?«

Ohne nachzudenken, strecke ich meine Hand aus, um den Zuckerguss wegzuwischen und die Luft zwischen uns pulsiert vor plötzlicher Anziehung.

Ihre Zunge blitzt hervor, als sie sich die Lippen leckt. Dabei berührt sie flüchtig meinen Daumen. »Wir können das nicht tun.«

»Warum nicht?« Ich mache einen Schritt nach vorn und schließe den Abstand zwischen uns. Ich schiebe meine Finger in ihr Haar und umfasse ihr Gesicht. Es ist so einfach, sie auf diese Weise zu berühren. Vielleicht ist es bescheuert. Vielleicht sollte ich mich von ihr fernhalten. Aber ich kann nicht. Und ich will es auch nicht. »Geh heute Abend mit mir aus, Cally.«

»Das ist keine gute Idee und das weißt du«, flüstert sie.

»Du wirst wieder gehen. Ich verstehe das. Ich bitte dich nur um eine Nacht. Du, ich …« Ich lächle, weil sie ihr Gesicht bereits in meine Handfläche schmiegt, ebenso betrunken durch die Erinnerungen wie ich. »… und ein bisschen Erdbeerwein.«

3. Kapitel

Cally

Ich sollte nicht mit William Bailey ausgehen. Dabei kann nichts Gutes herauskommen.

Ich weiß nicht, wie oft ich diese Worte in meinem Kopf wiederholt habe, seitdem er heute Morgen in unserem Hotelzimmer aufgetaucht ist. Gestern habe ich ihn gesehen und in eins Komma fünf Sekunden von null auf lüstern beschleunigt, wofür ich seinen Zustand verantwortlich gemacht habe. Er war verschwitzt, ich hatte freie Sicht auf seinen Oberkörper und mir lief bereits das Wasser im Mund zusammen.

Diese Ausrede hatte ich heute Morgen nicht, als er aufgetaucht ist – respektabel gekleidet in seinen Khakis und einem dunkelblauen Poloshirt, das dieselbe Farbe wie seine Augen hatte. Mit frisch rasiertem Kinn und diesen zerzausten Locken, die noch nass vom Duschen waren. Er hat nach Aftershave und Seife gerochen. Mein Schlüpfer hatte keine Chance.

Ich fühle mich also immer noch zu ihm hingezogen. Und er fühlt sich immer noch zu mir hingezogen. Jedoch ändert das nicht, was ich getan habe. Und es macht ein Date mit ihm nicht zu einer guten Idee. Das rufe ich mir immer wieder in Erinnerung, während ich meinen Einkaufswagen durch die Obstabteilung im Supermarkt schiebe. Ich wiederhole es in meinem Kopf, als ich einen Becher gratis Supermarktkaffee trinke und mich dabei erwische, wie ich mit meiner Hand über die Wange streiche, die er heute Morgen berührt hat.

»Oh mein Gott! Cally Fisher, bist du das?«

Langsam macht mich diese Reaktion der Stadtbewohner fertig. Ich klebe mir dennoch ein Lächeln aufs Gesicht und drehe mich zu der weiblichen Stimme um, die diese Frage gestellt hat. Sobald ich die blonden Korkenzieherlocken entdecke, wird mein Lächeln echt. »Lizzy«, kreische ich. Wir laufen aufeinander zu und umarmen uns wie die besten Freundinnen, die wir einst waren.

Mit dünnen Armen drückt sie mich fest an sich. »Ich habe gedacht, ich würde dich nie wieder sehen! Verdammt, du warst wie vom Erdboden verschluckt, Mädchen!«, quietscht sie.

Meine Kehle wird eng und ich schlucke unverhoffte Tränen hinunter. Was mein früheres Leben hier betrifft, war ich vom Erdboden verschluckt und das aus keinem erfreulichen Grund. »Ich weiß. Ich habe mich schrecklich verhalten.«

Lizzy tritt zurück und schüttelt den Kopf. »Sag das nicht. Du hattest das Recht, dein eigenes Leben zu leben. Du musstest alle Verbindungen hier abbrechen, um weiterzumachen.«

Sie ist wahrscheinlich die Einzige, die es so gesehen hat.

Ich sehe mich im Supermarkt um, lasse meinen Blick über die Gesichter in der Obstabteilung fliegen.

»Hanna ist nicht hier«, erklärt Lizzy, wohl wissend, dass ich nach ihrer Zwillingsschwester suche. »Allerdings kann ich es nicht erwarten, ihr Gesicht zu sehen, sobald sie vor dir steht. Wir sollten sie auf jeden Fall überraschen.«

»Das würde mir gefallen.« Wieder schlucke ich und spüre ein alarmierendes Brennen hinter meinen Augen. Ich hätte mir keine Sorgen darüber machen müssen, dass mir die beiden meine seltenen und übermäßig kurzen Nachrichten übelnehmen würden. Die Thompson Mädchen sind die besten Freundinnen, die man haben kann. Sie haben mir nie das Gefühl gegeben, weniger wert zu sein und nie etwas von mir erwartet, das ich nicht hätte geben können. Tatsächlich haben sie mich nie um etwas gebeten.

Lizzys grüne Augen leuchten auf. »Bist du nächste Woche hier? Wir schmeißen eine riesige Endsommerparty in Asher Logans Haus. Es wird verdammt legendär!«

Ich verschlucke mich an meinem Kaffee. »Aber nicht der Asher Logan, oder?«

Sie wackelt mit den Augenbrauen und grinst. »Doch, der Asher Logan.«

»Er lebt hier? In New Hope?«

»Direkt neben meiner Mama«, sagt Lizzy und hebt vier Finger. »Pfadfinderinnenehrenwort.«

Ich tippe gegen ihren kleinen Finger und sie kichert. »Gott«, murmle ich. »Ich habe meiner Mom doch gesagt, New Hope wäre nicht langweilig.«

»Und halte dich fest! Maggie ist mit ihm zusammen. Sie lebt praktisch bei ihm, obwohl sie ihr altes Haus auf dem Campus noch hat.«

»Maggie ist mit Asher Logan zusammen?«

»Ich schwöre bei Gott! Und würde sie nicht jedes Gramm seines süßen, sexy Arsches verdienen, würden wir sie dafür hassen.«

»Go, Maggie!« Mein Lächeln verschwindet, als ich Drew mit verschränkten Armen und finsterem Blick auf uns zukommen sehe. »Drew, erinnerst du dich an Lizzy?«

»Vage«, sagt sie mit gelangweiltem Ton.

Beim Anblick meiner hübschen kleinen Schwester öffnet Lizzy den Mund. »Drew? Nie im Leben! Du siehst viel zu erwachsen aus!«

Drew verdreht die Augen. Sie scheint genug davon zu haben, diese Worte von jedem zu hören, den wir treffen. »Sie haben keine Veggie Burger.«

»Sei nicht unhöflich«, warne ich sie.

Lizzy winkt meine Sorge ab. »Ihr seid im falschen Supermarkt, wenn ihr eine gute, vegetarische Auswahl wollt. Geht zu Horner’s neben dem Campus. Die werden alles haben, was ihr braucht. Ausgefalleneres Zeug, für ein ausgefalleneres Mädchen.«

Ich zucke zusammen. Ohne Zweifel würde meine wählerische Schwester den protzigen Laden vorziehen, aber ich bin aus einem bestimmten Grund hierhergekommen. Ich habe nämlich nicht genug Geld, um es für Designer-Veggie-Burger auszugeben. Ich bin auch wegen dem gratis Kaffee gekommen, aber hauptsächlich wegen der Preise.

»Gott sei Dank«, sagt Drew atemlos und reckt ihre Nase in die Luft, während sie sich im Supermarkt umsieht.

Sie ist in den letzten paar Jahren zu solch einem überheblichen Snob geworden. Es war eine Sache, als Mom noch da war, um sie zu verhätscheln, aber ich habe die Nase voll davon, dass sie sich benimmt, als wäre sie ein vornehmes Leben gewöhnt, obwohl das nie der Fall war. In Anbetracht unserer derzeitigen Umstände, halte ich ihr momentanes Verhalten kaum aus. Und wenn ich an die Opfer denke, die ich gebracht habe, damit sie die Dinge haben konnte, die sie hat – Essen, Kleider, ein Dach über dem Kopf –, will ich ihr eine Ohrfeige verpassen.

Zu Drews Glück bin ich schlecht genug im Schwestersein, um nur daran zu denken