Verlust der Mitte - Wilfried Schnitzler - E-Book

Verlust der Mitte E-Book

Wilfried Schnitzler

0,0

Beschreibung

Stell dir ein Leben vor über hundert Jahren in Zentralamerika vor. Das ist kaum möglich. Wildheit, unberührte Natur, Schönheit, Intrigen, Brutalität, Einfalt. Da hinein versetzt dich die Geschichte von 'Verlust der Mitte'. Unvorstellbar, die Erlebnissen eines jungen Mannes. Unterhaltung pur!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 293

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Wilfried Schnitzler

Verlust der Mitte

Historischer Roman

Verlust der Mitte

Text: Wilfried Schnitzler

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagsbild: Nena Sanchez

Wandbild im Hafen von Willemstad auf Curacao

Hauptakteure

Rufus, Priester in Panama, Costa Rica und Jamaika. Ehemann, Privatier und Buchautor in Honduras. Sein Leben wird von Leidenschaft getrieben.

Jakob Jung, Gärtner aus Leipzig, den Rufus während der Überfahrt auf der MS Lenau von Le Havre nach New York als 'Koje-über-den-Gang-Nachbar' kennen lernt.

Maître Paul Barbier, Advokat von Toulouse und Rufus Reisegefährte auf der SS Athos von New York nach Colón in Panama; Insolvenzverwalter der bankrotten Panama-Kanal-Gesellschaft des Grafen Lesseps.

Manuel Mendoza, Bischof von Panama, der Rufus zum Priester weiht und später nach Costa Rica entsendet.

Heinrich Grünbaum, Ladeninhaber in Panama-Stadt, der Rufus zu seiner ersten Landpartie im Zweispänner einlädt, ihm einen Panamahut schenkt und eine Schreibmaschine.

Don Fernando und Doña Rodriguez auf einer Zuckerrohr-Hazienda in Panama, die Rufus mit Grünbaum besucht.

Bischof Riem, Oberhirte von Costa Rica und Pater Severin Krautwein, sein treuer Gefährte aus dem Vinzentinerorden, die Rufus in seine neue Gemeinde nach Limón schicken.

Mario, Rufus treuer Gefährte, seine rechte und seine linke Hand und in mancher Hinsicht sogar sein Instinkt und Gewissen, allemal sein bedachter, verständnisvoller Aufpasser und manchmal sogar Ratgeber.

Don Pedro Almacan Acosta, Alcalde von Limón, gebürtiger Kolumbianer und Rufus Gönner, der für sein Pfarrhaus sorgt und ihm eine Kirche baut.

Alfons Ponier, der Schulmeister, ein gebildeter Spaniard aus Jamaika, der die Straßenkinder Limóns unterrichtet und Rufus anbietet, ihm Kreol-Jamaikanisch beizubringen.

Señora Marginette Hudson de Roderick, junge Witwe und heißblütige Kreolin, die Rufus in die Kunst der Liebe einweiht.

Priester und Captain der Pocomania-Sekte, der Rufus furchtbar verprügeln lässt und ihn mit einem Voodoo-Zauber verhexen will.

Jezabel oder Bella, wie ihre Freunde sie rufen, Tochter von Shlomo und Abigail Baruch und Ehefrau von Rufus in Trujillo.

Ariel Cohn de Lara, Rabbi von La Ceiba, der Rufus und Jezabel in Trujillo traut.

Barry Lavinson, Manager einer Bananenplantage nahe Trujillos, der Rufus die Geschichte der Garifunas erzählt, die ihn überfallen und zusammengeschlagen hatten.

Bondilla, Rebellengeneral und wiederholt Präsident von Honduras mit seinen drei Compadres, die zusammen einen Regierungsumsturz planen: Floyd, Hasardeur und Söldner, Malkony, Waffenexperte aus dem Burenkrieg in Südafrika und Bram, skrupelloser, amerikanischer Geschäftsmann und zukünftiger Bananenbaron in Honduras.

Quentin, Abt eines Benediktinerklosters auf Jamaika. Er gibt Rufus nach seinem Schiffbruch Zuflucht und verschafft ihm in Trinity Ville in den Blue Mountains eine neue Pfarre.

Chief Inspector Ridley mit seinem Assistenten Sergeant Godfrey Morgan, die einen Mord in Trinity Ville aufklären sollen.

EINS

Kalter Wind fegte dünnen Regen über den Ausländerkai von Le Havre und ließ die ungeduldig Wartenden frösteln. Die betagte 'Lenau' rüttelte und zerrte an ihren Haltetauen. Matrosen schleppten immer noch voluminöse Kisten, Pakete und Postsäcke unter Deck. Am Heck wurde Kohle für die mächtigen Dampfkessel gebunkert. Aus dem Schlot wälzte sich bereits eine dicke Wolke aus schwarzem, übel riechendem Kohleruß.

Rufus stand etwas abseits von zwei anderen Gruppen und trippelte von einem Fuß auf den anderen. Er spürte die Kälte bis in die Knochen, nur in seinem Anzug, ohne Kappe und Mantel. Die feinen Damen da drüben hatten sich in mondäne Umhänge gewickelt. Ein Schal unter dem Kinn hielt vorsorglich ihre übergroßen Hüte gegen den Wind fest. Die Herren schützte schicke, eng anliegende Mäntel, mit weißem Schal im Ausschnitt und Glaceehandschuhen, sich nach der neuesten Mode auf einen Silber beknauften Spazierstock stützend, als fürchteten sie umzufallen. Auch die Kinder waren fein herausgeputzt. Elegante Koffer und Taschen stapelten sich um sie herum. Sie gönnten den Leuten keinen Blick, die ins Massenquartier des Zwischendecks ziehen musste. Die waren deutlich ärmlicher gekleidet, beladen mit Rucksäcken, Leinwandbeuteln, Kisten und hölzernen Fässchen.

Das Läuten der Schiffsglocke ging im einsetzenden Heulen der Sirene unter. Endlich wurde der Landesteg freigegeben, aber eine Reihe Matrosen versperrte immer noch den Aufgang zum Schiff. Man begleitete zuerst die kleine Gruppe Erste-Klasse-Passagiere die Gangway hinauf. Die Reisenden der zweiten Klasse folgten; das waren auch nicht viele. Das Gepäck dieser Herrschaften wurde ihnen beflissentlich hinterher getragen, wogegen man die Habseligkeiten der Reisenden im Zwischendeck vor dem Entern des Schiffes genau inspizierte. Nur was Platz in der eigenen Koje hatte, durfte mitgenommen werden. Die größeren Stücke mussten separat in einem Gepäckraum verstaut werden, der auf See verschlossen und unzugänglich blieb. Entsetzen und Geschimpfe ging durch die Menge, denn die meisten wollten während der Überfahrt an ihr Hab und Gut. Hastig versuchten Betroffene irgendwie umzupacken. Viele waren regelrecht verzweifelt. Aber es gab keine Ausnahmen. Rufus pries seine Umsicht. Er durfte seinen Seesack mit den wenigen Habseligkeiten anstandslos huckepack mit an Bord nehmen.

Lange, enge und niedere Gänge führten über eine separate Treppe zwei Decks tiefer zur Dritten Klasse, direkt über dem Gepäck- und Maschinenraum. Der Weg zum Junggesellenquartier war gut ausgeschildert. Mit jeder Stufe tiefer in den Schiffsbauch spürte Rufus das vibrierende Stampfen der mächtigen Dampfmaschinen.

Als er endlich in den Raum vorgedrungen war, aus dem es während der nächsten Tage kaum ein Entrinnen geben würde, gewahrte er vor sich eine ziemlich große, aber nicht geräumige, lukenlose Behausung mit Kojen links und rechts entlang der Wände, doppelstöckig, eine hinter der anderen. Die beiden Reihen wurden durch einen nicht allzu breiten Korridor getrennt. Schon jetzt staute sich dort allerlei Zeug auf dem Boden oder hing an den Seiten der Bettgestelle herunter. Das Durchkommen mit seinem Sack auf dem Rücken gelang Rufus unter dem Gefluche der Gestörten nur mit Mühe. Die Passagiere, die schon von Hamburg kamen, lagen in ihren Kojen und musterten stumm, manche sogar etwas feindselig, den Neuankömmling. Auf den noch leeren Betten lagen Kleidung und andere Gegenstände, die man nun genötigt war, knurrend für die Zugereisten, wegzuräumen.

Die Nummer 179 auf seinem Ticket war an Rufus' Bettlager deutlich auf einer Blechscheibe eingestanzt und an das Holzgestell einer oberen Koje angenagelt. Glück, denn die obere Etage gab ihm etwa mehr Kopffreiheit, als in der unteren. Er wuchtete den Seesack in seine Koje, die damit schon fast ausgefüllt war.

»Donnerwetter«, entfuhr es Rufus, »hier ist es aber eng, da ist ja kaum noch Platz für mich selbst.« Er schaute in die Runde und bemerkte quer über den Gang, auf gleicher Höhe mit seiner Schlafstelle, einen jungen Mann auf seiner Matte sitzen, hemdsärmelig; seinen offenen Hosenbund hielten breite Gummiträger. Er schlief ohne Betttuch und Decke auf der befleckten Matratze, wie Rufus mit gerümpfter Nase feststellte. Er musste instinktiv auf Deutsch geschimpft haben, denn sein Gegenüber mit den melancholischen Augen hatte ihn verstanden und nickte nur seufzend. Die Kojen waren tatsächlich schmal. Die Matratze quoll an den Längsseiten über die Bettkanten. Die Lagerstatt glich mehr einem Kanu, in das sich der Körper mitsamt dem Gepäck quetschen sollte.

Sein Nachbar beobachtete interessiert, wie Rufus versuchte sein Bett einzurichten. Sein mitgebrachtes Leintuch ließ sich einfach nicht über die Matratzenränder spannen. Das sah er letztendlich ein, war bereit, es in der Mulde einfach liegen zu lassen, obwohl ihm das in seiner etwas pedantischen Art ein wenig zuwider war. Mit der mitgebrachten, ausgebreiteten Decke und dem kleinen Kissen wurde es beinahe zu einem richtigen Kuschelbett. Den Seesack legte er quer über das untere Ende der Koje. Seine nicht überdimensionierte Größe erlaubte die Füße darunter zu stecken. An diesem Platz würde er also nicht nur schlafen, sondern in den kommenden Tagen auch logieren.

Der junge Mann gegenüber langweilte sich mächtig und wartete buchstäblich auf ein Gespräch mit dem Neuankömmling. »Isch bien Jagob Jung.« Sein Sächsisch war unüberhörbar. »Herr Nachbar, wie isch vernähme, sinn se nisch fonn Vrangkreisch?« Er merkte, dass Rufus Schwierigkeiten mit seiner Aussprache hatte und wechselt schnell in ein erträgliches Umgangsdeutsch, so sehr war ihm an einer Unterhaltung gelegen und fuhr fort:

»Weißt du, ich bin Gärtner und von Leipzig und mit meinem Fräulein Schwester, der Lotte, auf dem Weg nach Amerika.« Dabei deutete Jakob mit dem Daumen zum hinteren Teil des Schiffes, wo die unverheirateten Frauen untergebracht waren. Er verzog dabei sein Gesicht in Bedauern oder Geringschätzung, Rufus konnte das nicht so richtig deuten, aber er mochte sofort Jakobs angenehme, sonore Stimme, die irgendwie zufrieden klang. Allerdings amüsierte er ihn auch. Nicht nur, dass Jakob ihn gleich mit ‚du’ angesprochen hatte, mehr noch seine Eröffnung, nach Amerika zu reisen. Wohin denn sonst? Alle hatten das vor in diesem Schiffsbauch. Jakobs wirre, blonde Haare schienen seit seiner Abreise aus Hamburg von keinem Kamm gestört worden zu sein.

»Jakob, angenehm deine Bekanntschaft zu machen, du kannst mich Rufus nennen. Du bist ein kluges Kerlchen, ja, ich bin auch Deutscher, habe aber die letzten Monate in Frankreich zugebracht.« Viel mehr wollte er zu diesem Zeitpunkt nicht von sich preisgeben.

»Dann willst du also auch nach Amerika?«

Am liebsten hätte Rufus geantwortet: „Ja wohin denn sonst, du Trottel, wenn sich der Kapitän nicht verirren sollte oder wir sonst wie untergehen, dann werden wir wohl alle mit diesem Schiff dort landen.ˮ Aber er verkniff sich lieber diese bissige Bemerkung, letztendlich lagen Tage gemeinsamer Reise auf engstem Raum vor ihnen. Stattdessen erwiderte er weniger spitz: »Wenn wir nicht untergehen oder sich der Kapitän verirrt, dann werden wir wohl alle dort ankommen.« Das war auch nicht gerade viel freundlicher, aber er war wirklich in keiner Unterhaltungslaune, womöglich auch noch über sich zu erzählen, was sein Gegenüber offensichtlich gerne gehabt hätte. Stattdessen schwang sich Rufus in seine, wie er sich einbildete, gemütliche Koje und vergrub sich in seine Matratzenbadewanne. Er tauchte einfach weg. Müde wie er war, wachte er erst wieder durch das fortwährende Beben und Stampfen der Maschinen auf, das durch das ganze Schiff lief. Er zog seine Taschenuhr aus der Westentasche, sein bestes Stück, die ihm zeigte, dass er drei Stunden tiefen Schlafs hinter sich gebracht hatte. In den Raum kam kein Tageslicht, damit blieb die Uhr sein einziger Zeitmesser. Das elektrische Deckenlicht mit den grellen Lampen blendete ein wenig, sobald er die Augen aufgemacht hatte. Vorsichtig über seine Matratzenkante lugend, sah er Jakob immer noch in seiner Koje sitzen. Er hatte seine Socken ausgezogen, seine Füße auf die Bettkante gestemmt und bearbeitete mit den Fingern eingehend jeden Zwischenraum seiner Zehen. Rufus konnte seine Augen nicht von diesen Füßen wenden. So große, knochige Zehe hatte er noch nie gesehen. Er schätzte, die nahmen mindestens ein Drittel von Jakobs Füßen ein, hatten furchtbar lange Glieder, getrennt durch herausstehende Knöchel, am Ende mit langen braunen Nägel. So intensiv, wie Jakob zwischen seinen Zehen herumfummelte, mochte man meinen, er würde immer noch Gärtnererde herausgraben.

Rufus krabbelte zum Fußende seines Bettes, wühlte in seinem Seesack und fand die Äpfel und das Brot, das er vor seiner Abreise eingepackt hatte. Er brach ein Stück herunter, das zusammen mit einem Apfel sein Abendbrot werden sollte. Dabei bemerkte er Jakobs hungrige Augen und konnte nicht anders, als ihm einen seiner kostbaren Äpfel über den Gang zu reichen. Jakobs Hand war schneller ausgestreckt, als Rufus den Apfel loslassen konnte. Es fielen keine Worte, aber Jakobs Blick bot Freundschaft an, viel, viel mehr als nur Dankbarkeit.

Pünktlich um 10 Uhr ging das Licht aus, wie an jedem nächsten Abend um diese Zeit. Er hörte Jakob in der Dunkelheit herzhaft in den Apfel beißen. Auch er hatte Muße, den Rest seines Apfels und die Brotkante zu genießen. Leise wünschte er Jakob einen guten Schlaf, was der in seiner angenehm dunklen Stimme erwiderte. Die Nacht verging sehr ruhig. Es war erstaunlich friedlich. Das Schnarchen blieb in Grenzen, wahrscheinlich, weil für alle im Zwischendeck der Alkohol verboten war. Ab und zu schlurfte jemand durch den engen Korridor, tastete sich an den Betten entlang, um den Abtritt zu finden. Die Raumtemperatur und der Mief blieben erträglich, trotz der vielen Insassen. Die großen Ventilatoren waren zwar geräuschvoll, verbreiteten aber viel Frischluft.

Sobald die Glühbirne am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder zu leuchten begann, erwachte auch das Leben, wie in einem Hühnerstall. Rufus hatte, wie alle, in seinen Kleidern geschlafen, andere sogar mit Mantel und Hut oder Kappe auf dem Kopf. Die Cleveren liefen schnell zur Toilette und zum Waschplatz. Für die vielen Insassen gab es davon zu wenig, und schon bald begann ein Meutern unter den Wartenden. Zum Glück hatte es Rufus nicht eilig. Stattdessen machte er sich mit seinem Blechnapf und Teesäckchen auf die Suche nach der Kombüse. Er fand sie mittschiffs zwischen dem Quartier für die Familien und seiner Behausung. Dort gab es auch einen winzigen Essraum mit ein paar grob gezimmerten Tischen und Bänken. Alles sah sehr provisorisch aus.

Zu seinem Entsetzen herrschte ein riesiger Andrang in der Küche, ein echtes Tohuwabohu aus Menschen und Essgeschirr. Körper an Körper standen Frauen mit Kochgefäßen in Händen. In einem Herd loderte bereits ein Feuer. Rufus beobachtete eine Weile leicht irritiert das Treiben, wie die Weibsleute sich schubsten und mit den Ellbogen versuchten, ihre Pfanne oder Topf auf die heiße Platte zu stellen, obwohl überhaupt kein Fleckchen mehr frei war. Ein Mann bemühte sich mit einem Korb voller Holzscheite einen Weg zum Herd zu bahnen. Nach einigem Zögern, er war ja keine Konkurrenz an der Herdplatte, wurde er durchgelassen. Rufus erkannte seine Chance, dicht hinter den Mann gedrängt, sich mit nach vorne zum Wasserkessel zu schieben. Er kümmerte sich nicht um das Gemaule, goss rasch heißes Wasser in sein Gefäß, verbrannte sich beinahe die Hände, umschloss mit seinem Taschentuch den heißen Becher und versuchte so schnell wie möglich den lauten Raum wieder zu verlassen. Wenigstens hatte er jetzt seinen heißen Tee. Er plante später, sobald in der Küche die Betriebsamkeit abgeebbt war, sich Pellkartoffeln zu kochen.

ZWEI

Irgendwann während des Tages tauchte in der Kabine der Quartiermeister auf, baute sich, mit den Armen in die Hüften gestützt, wichtigtuerisch im Mittelgang auf und verkündete mit lauter, alles übertönender Stimme: »Männer, alle mal herhören, ich sag’s nur einmal. Also, in diesem Raum herrscht Alkoholverbot, kein Tabak, keine Karten, keine Würfel. Es ist verboten, eure Kleider zu waschen und hier im Raum zum Trocknen aufzuhängen. Keine Waffen! Wer welche hat, abgeben! Er bekommt sie bei der Ankunft wieder zurück. Einer meiner Leute wird nachprüfen, dass alle meine Anordnungen befolgt werden, sonst ···· .« Er ließ offen, was er mit „sonstˮ meinte. Aber er war noch nicht am Ende:

»Ich erwarte, dass ihr jeden zweiten Tag den Boden mit Wasser und Seife schrubbt. Teilt euch selbst dafür ein. Das gilt auch für die Toiletten und den Waschraum. Fragt nach Eimer und Putzzeug.«

Er war auf dem Weg nach oben, als er sich noch einmal umdrehte. »Ach ja, wir haben eure Kojen alle vor dem Ablegen von einem Kammerjäger säubern lassen. Wir sind ein reinliches und komfortables Schiff. Sollte es Läuse, Flöhe oder Wanzen geben, sind die von euch; dann habt ihr das mit euch selbst auszumachen. Findet den Übeltäter. Und da wäre noch etwas ganz Wichtiges. Vor einigen Wochen war auf einem anderen Postdampfer mitten auf dem Atlantik Cholera ausgebrochen. Ich kann euch versichern, das ist eine verdammt ekelige Krankheit, eine ganz schlimme, ansteckende Seuche. Ihr müsst unbedingt melden, wenn einer von euch nicht mehr von der Latrine weg kommt und kotzt. Das hat nichts mit Seekrankheit zu tun. Also alles Auffällige sofort an den Kapitän!«

In der Nacht wachte Rufus auf. Das Schiff rollte bedenklich. Instinktiv hielten seine Hände links und rechts die Matratze umklammert. Er verkroch und presste sich in die weiche Mulde seiner Matratze und fühlte sich plötzlich in seinem gewöhnungsbedürftigen Bett einigermaßen geborgen. Die Dunkelheit verstärkte die empfundene Bedrohung. Um ihn herum hörte er Stöhnen und Jammern. Ein unerträglicher Gestank verbreitete sich im Raum. Er konnte sich denken, woher der kam. Ihm war zwar auch mulmig, aber offensichtlich rebellierte sein Magen weniger mit dem bisschen Brot, dem einen Apfel und Tee und Wasser.

Die See beruhigte sich während des nächsten Tages wieder einigermaßen, aber die meisten Kabineninsassen blieben in den Kojen, umgeben von ihrer nächtlichen 'Orgie'. Die es am übelsten getroffen hatte, waren so apathisch, dass sie das Desaster um sich herum kaum wahrnahmen. Die Übrigen hatten um so mehr darunter zu leiden.

Ein Matrose schaute in den Raum und stellte zwei große Eimer mit Sägespänen an die Tür. »Stinkt ja fürchterlich hier! Raus aus eurer Bütt und verteilt das Holzmehl auf dem Boden und am besten auch gleich in eurer Koje. Wenn alles aufgesaugt ist, fegt den Müll zusammenfegen. Ist ein probates Mittel, das könnt ihr mir glauben! Wenn ihr auch noch Kalk zum Desinfizieren braucht, um den Gestank schneller weg zu bekommen, dann meldet euch.« Damit drehte er sich breitbeinig um und überließ sie ihrer Misere.

Am Heck des Schiffes gab es ein paar Meter, wo man ins Freie treten und frische Luft schnappen konnte. Von einem Promenadendeck war keine Rede. Aber man entkam dem Mief für eine Weile. Rufus trat nach draußen und musste sich sofort an der Reling festklammern, so heftig hob und senkte sich das Schiff. Der Wind schien aus allen Richtungen zu blasen. An den Masten blähten sich die Segel und halfen Kohle sparen. Rufus atmete tief ein und aus und beobachtete die hohen Wellen, die sich im Kielwasser hinter dem Schiff aufbäumten. Unbemerkt war jemand hinter ihn getreten und legte den Arm um seine Schultern. Eine solche Vertrautheit war Rufus nicht gewohnt. Er drehte sich abrupt um, es war Jakob. Er hatte einen Regenmantel an und eine ausladende Kappe fest über die Ohren gezogen. Damit war er besser für das Wetter gerüstet als Rufus, der sich zitternd gegen den Wind stemmte.

»Du solltest lieber wieder reinkommen, sonst kriegst du noch eine Lungenentzündung. Hast du nichts Wärmeres dabei?« Rufus war noch immer nicht bereit, seinem neuen Bekannten zu eröffnen, dass er eigentlich auf dem Weg in die Tropen war und überhaupt nicht in Erwägung gezogen hatte, dass es zwischen Abreise und Ankunft auch brachial kalt werden konnte.

»Komm, lass uns in die Kantine gehen«, schlug Jakob nochmals vor, »vielleicht finden wir Platz auf einer Bank. Ich glaube, im Augenblick sind nicht so viele Leute unterwegs. Die meisten sind bestimmt noch seekrank. Da steht kaum jemandem der Kopf nach Bauch voll schlagen. Du kannst deinen Tee trinken und ich mein warmes Wasser. Wenn ich doch nur meine Schwester auch zu uns bitten könnte, aber man lässt mich nicht zu ihr.«

Rufus wurde richtig neugierig auf die geheimnisvolle Schwester. War sie so sympathisch wie ihr Bruder? Etwas konstatiert stellte er fest, dass bisher die Weiblichkeit in seinem Leben keine Rolle gespielt hatte − außer Mutter und Schwestern natürlich.

Ein Topf mit noch heißem Wasser stand tatsächlich auf dem bereits erloschenen Herd. Selbstredend teilte Rufus seinen Teeaufguss mit Jakob. Jemand hatte ein paar Stückchen Zwieback auf dem Tisch liegen lassen, den sie sich ohne Hemmung einverleibten. Jakob schien die raue See auch nichts anzuhaben.

Rufus fand es an der Zeit und eine gute Gelegenheit mit seinem 'Kojen-über-den-Gang-Nachbarn' etwas zu schwatzen. »Also du bist Gärtner? Ein echt guter Beruf, da wirst du auch in Amerika nicht ohne Arbeit sein.«

Jakobs sonst etwas traurige Augen leuchteten richtig auf und er nickte heftig mit dem Kopf.

»Genau das habe ich mir auch gesagt, und ebenso, was meine Schwester, die Lotte ist. Übrigens, die Lotte ist Lehrerin, musst du wissen. Du kannst mir glauben, der Entschluss ist uns nicht leicht gefallen Leipzig zu verlassen. Aber ich denke, in Amerika weht ein frischerer Wind als im alten Europa. Lotte unterrichtete an einer Volksschule. Auch ich war im Brot bei der Stadt. Dr. Schreber, einer unserer Bürger, kam auf die brillante Idee, den Kindern Spielplätze in den tristen Arbeitersiedlungen zu bauen. Die Menschen fanden das prächtig und fingen an, darum herum Gemüsebeete anzulegen. Sie bekamen Lust auf die Natur, merkten aber schnell, dass ihre Pflänzchen nicht von alleine wuchsen. Sie brauchten Anleitung zum Gärtnern und das habe ich ihnen beigebracht.«

»Jakob, du hast also den Leuten gezeigt, wie sie zu gutem Gemüse kommen konnten?«

»Ja, dazu gehörte, wie man die Pflänzlein anzieht und pflegt, aber auch was zum weiteren Wachsen und Gedeihen wichtig ist.

Nimm die Blätter, die sind zusammen mit den Wurzeln für die Ernährung der Pflanze zuständig. Sie sind die Lunge und der Magen, denn durch die Poren an den Blättern wird im Sonnenlicht die Kohlensäure eingesaugt, welche in den Zellen der Pflanze in Kohlenstoff und Sauerstoff zersetzt wird. Der Kohlenstoff wird gespeichert, den Sauerstoff haucht die Pflanze zum größten Teil wieder durch die Blätter aus. Das Blatt ist also die Lunge der Pflanze, die ebenso wie wir Menschen zum Atmen des Sauerstoffs bedarf, der aus der Luft aufgenommen, im Blattinnern teilweise mit dem Kohlenstoff verbrennt und als Kohlensäure im Schattendunkel ausgeschieden wird. Bei den Wurzeln ist das anders, die······«

»Stopp, stopp, Jakob, das ist zu viel für mich. Ich hab doch von all dem überhaupt keine Ahnung. Meine Güte, was du alles weißt! Du bist ja ein richtiger Botaniker!«

»Also, ich will nicht unbescheiden sein«, gab Jakob zurück, »aber ich möchte doch sagen, dass ich da noch eins drauf setzten kann. Ich bin mehr als nur ein Pflanzenstudiosus. Ich weiß obendrein, wie man Pflanzen kultiviert, ich meine, in welchem Boden und mit welcher Nahrung, wie man sie gesund erhält und welche Arten sich am besten miteinander vertragen und zusammengepflanzt werden können. Und vieles mehr.«

»Jakob, das ist total faszinierend. Als Gärtner lebst du mitten in der Natur unter Vögeln und Schmetterlingen.«

»Komplett richtig, mein Lieber«, antwortete Jakob etwas zögerlich, »wenn nur in unserem lieben Deutschland das Wetter immer mitspielen würde. Und das Bücken! Manchmal ist mir mein Kreuz richtiggehend abgebrochen.«

»Natürlich, wie recht du hast, Jakob, ich hatte in Gedanken nur die schönen Blumen und den großen Gärtnerhut im Kopf. Zugegeben, ich bin ein notorischer Stubenhocker.«

Um sie herum wurde es lebhafter. Andere kamen in die Küche und setzten sich mit gefüllten Blechnäpfen um den Tisch. Die Erholung nach der rauen See hatte eingesetzt. Ein Blick in die Schüsseln und das Odeur in der Nase genügte, um ihnen den Appetit vergehen zu lassen. Der Schiffskoch servierte fetten Schweinebauch, der in ein grün-graues Gestampfe aus angebranntem, zu Tode gekochtem Kohl eingebettet lag. Im Aufstehen überhörten beide wie einige sich darüber beschwerten, dass das Gepökelte furchtbar salzig sei.

Ziemlich angewidert von diesem 'kulinarischen Angebot' wanderten sie zurück zu ihren Kojen. Zu allem Überdruss begann das Schiff wieder zu rollen.

»Komm Rufus, ich hab noch eine schöne große Gurke, die teilen wir uns, bevor sie verdirbt. Ich habe sie schon vor einer Woche geerntet. Da war sie noch ganz frisch.«

»Und ich habe für uns noch Brot und Schmalz, sogar mit Salz drauf.«

Die beiden gewöhnten sich so richtig daran ihre Vorräte zu teilen, wenn auch nicht gerade abwechslungsreich.

In ihrer Kajüte hatten sich bei ihrer Abwesenheit tatsächlich einige nützlich gemacht und auf den Gängen das Sägemehl ausgestreut. Der Mief war ziemlich verflogen. Dafür glich die Kabine nun mehr einem Stall. Rufus versuchte seine Schuhe so vorsichtig es ging von den Füßen zu streifen, um die Streu nicht auch noch auf seiner Matratze auszubreiten. Er wollte ja seine Koje nicht in einen Pferch verwandeln.

Neugierig was sein Gegenüber so trieb, bemerkte Rufus ein Bändchen, in dem Jakob blätterte. Weitere rot gebundene Büchlein lagen um ihn verstreut.

»Was liest du denn da, Jakob?«

»Das ist 'Die Gartenlaube', eine tolle Zeitschrift mit interessanten Geschichten. Ich habe mich reichlich vor meiner Abreise eingedeckt. Greif nur zu. Die sind doch hübsch handlich, oder? «

Rufus griff sich den Band von 1886 und begann zu blättern.

»Jakob, nun hör dir das mal an. Da hat einer einen Artikel über „Das wirthschaftliche Leben der Völker“ geschrieben und glaubt zu wissen, in welchem Land Deutsche die besten und obendrein auch noch die billigsten Arbeiter für ihr Geld bekommen. Bei Gott, so viel Wissen möchte ich in meinem Leben auch einmal zusammentragen und darüber schreiben können!«

»Mensch, Rufus, für was du dich alles interessierst! Du bist mir eine Type. Nun komm endlich und rück heraus, was dich nach Amerika treibt? Du hast doch eine Geschichte?«

»Jakob, rück mal ein wenig, ich komme zu dir rüber.« Damit schwang sich Rufus hinauf zu seinem Zimmergenossen an den Bettrand, wo sie nun beide saßen, ihre Beine, wie Schuljungen, über der Kante baumelnd.

»Jakob, Amerika ist gar nicht mein Reiseziel«, quetschte Rufus zwischen den Zähnen hervor, »ich bin auf dem Weg nach Panama.«

»Nach Panama? Wo liegt das denn? Da brat mir einer einen Maulwurf. Damit kann ich nichts anfangen. Rufus, jetzt erzähl aber!«

»Also gut, Panama ist ziemlich weit weg von dort wohin du und deine Schwester wollen. Das Land liegt viel weiter im Süden, wo schon die Kokospalmen wachsen. In New York muss ich ein anderes Schiff finden, das mich dorthin bringt. Keine Ahnung, wie lange das dauern wird. Jakob, was ich dir nun sage, hab ich selbst noch nicht so recht verdaut. Ich werde dort Priester!«

»Was? Du siehst aber gar nicht wie ein Pfaffe aus und du benimmst dich auch nicht wie einer!«

»Hör doch hin, Jakob! Ich hab dir gerade gesagt, dass ich dort Priester werden will, also noch keiner bin! Klar? Und noch eines, höre auf mich einen Pfaffen zu nennen. Dieses Wort finde ich überhaupt nicht nett. Priester hin oder her. Übrigens Jakob, wie benimmt sich denn nach deiner Meinung so ein Pfaffe«? fragte Rufus gereizt.

»Na ja, ich bin lutherisch, in Leipzig haben wir nicht allzu viele Katholische. Unsere Pastoren sind ziemlich liberal, einige sogar Mitglied bei der Arbeiterpartei. Wusstest du, dass die bei uns in Leipzig gegründet wurde? Ja, ja, wir waren schon immer eine richtige Kulturhochburg. Ach, das ist nun alles vorbei. In Amerika, habe ich gehört, haben sie für so eine wohltätige Organisation überhaupt nichts am Hut. Aber du hast gefragt, wie ich mir einen katholischen Pfarrer vorstelle? Da bin ich nicht wirklich Experte. Aber tragt ihr nicht ständig so ein Buch mit euch herum, indem ihr dauernd lest und mit frommen Sprüchen nur so um euch werft? Hab dich in all den Tagen auf dem Schiff noch nicht ein einziges Mal mit einem solchen in der Hand bemerkt.« Jovial packte er Rufus am Unterarm und nickte zustimmend. »Ganz davon abgesehen, du benimmst dich in meinen Augen ganz normal.«

Jakob hatte Rufus mit seinen treuen Augen von unten herauf angeschaut, so, als wollte er einschätzen, ob er sich da auch wirklich nicht verhört hatte, oder sich mit seinem offenherzigen Kommentar zu viel herausnahm.

Rufus presste die Lippen fest zusammen und schloss für einen Moment die Augen, um nicht wütend mit etwas Unüberlegtem herauszuplatzen. Was hatte er mit seiner Offenheit auch anderes erwartet? Nun war es also gesagt. Er wusste auch nicht, warum er Jakob ins Vertrauen gezogen hatte. Freilich, er brauchte daraus kein Geheimnis zu machen oder sich dafür zu schämen. Aber es fuchste ihn doch, was sich andere Leute so unter einem katholischen Geistlichen vorstellten.

»Jakob, Schwamm drüber! Aber zu deiner Information, das Buch, das du meinst, nennt man Brevier und ist sehr nützlich. Und zu meiner Person. So wie du dir einen Priester vorstellst, so will ich überhaupt nicht werden. Niemals! Hörst du, niemals!«

Vehement kreuzte Rufus dabei die Arme in der Luft. Damit war für ihn das Thema beendet. Jakob nickte, schlang seinen Arm um Rufus' Schulter und reichte ihm seine ausgestreckte Hand. Auf einmal drängte es Rufus weiter zu erzählen.

»Jakob, ich will ehrlich sein, ich habe selbst überhaupt keine Ahnung, was mich da in Panama erwartet. Das hat alles mit meinem bigotten, halsstörrigen Vater zu tun, der nach meinem Studium unbedingt wollte, dass ich Missionar in Algerien werde. Dort arbeitet ein französischer Orden, der die einheimischen Muslime auf den rechten Weg zu Gott bringen will. Diesen Leuten sollte ich mich anschließen und meinen jüngeren Bruder, der sein Theologiestudium noch nicht einmal abgeschlossen hatte, gleich mitnehmen. Eigentlich ging es dem Alten nur um sein eigenes Seelenheil, wofür wir uns nützlich machen sollten. Da konnte ich noch so viele Einwände vorbringen. Meine geliebte Mutter schwieg bei solchen Auseinandersetzungen, und den anderen Geschwister stand kein Mitspracherecht zu.«

»Rufus, das hört sich aber ganz nach einem diktatorischen Familien-Zwangsregime an. Wie konntest du denn damit fertig werden?«

»Gar nicht! Mein kleiner Bruder und ich sind schweren Herzens abgezogen, hatten aber nach einem halbem Jahr in Nordafrika die Nase voll. Nicht die sengende Sonne und die ewige Hitze nervten, das war ja noch auszuhalten. Auch nicht die strengen Regeln im Missionshaus. Jeder Orden hat die. Es waren die Mitbrüder. Sie verweigerten uns die Gemeinschaft, ließen uns links liegen, als ob wir überhaupt nicht anwesend gewesen wären. Wir waren Deutsche unter Franzosen, die die Schmach des verlorenen Kriegs ihrer Nation vor zwanzig Jahren nicht vergessen wollten. Sie sahen uns als Eindringlinge. Dann trieben sie es auf die Spitze und schickten uns alleine zu dem Berbervolk, so unerfahren wie wir waren. Und deren Sprache verstanden wir auch nicht. Da konnte von Missionieren überhaupt keine Rede sein. Wir hatten ziemliche Angst in Schwierigkeiten zu geraten und hauten darum ab. Ein Teppichhändler bot uns auf seinem Boot eine Überfahrt nach Marseille an. Dort trennte ich mich von meinem Bruder, der sich wieder nach Hause wagte − ich weiß nicht mit welchem Mut.

Noch bevor mein alter Herr alles vermasselte und mich nach Algerien schickte, hatte ich mich nach meinem Doktorexamen um eine Dozentenstelle an der katholischen Universität in Lille beworben und auch eine Zusage bekommen. Als ich dort nach meiner Rückkehr von Nordafrika auftauchte, wurde ich tatsächlich angenommen. Das ist der Grund, warum ich erst in Le Havre zustieg.«

»Dein Leben ist ja ein regelrechter Roman, mein lieber Freund. Verzeihung, ich wusste ja nicht − eigentlich muss ich dich jetzt mit 'Herr Doktor' anreden!«

Rufus schaute kurz zu Jakob auf, aber da war kein Spott in seinem ehrlichen Gesicht, nur Bewunderung, ja vielleicht sogar eine gewisse Ehrerbietung.

»Jakob, lass den Blödsinn. Willst du mich auf den Arm nehmen?«

»Entschuldige, Rufus. Nichts liegt mir ferner als das. Überhaupt nicht. Aber ich hatte wirklich keine Ahnung, wer da mein Bettnachbar ist, der sogar mit mir seine Essensvorräte teilt. So einen trifft man doch nicht alle Tage, oder? Einen Studierten, einen Herrn Doktor!«

»Also noch mal, Jakob, ich bin ein ganz kleiner Niemand, ein armer Schlucker, der auf Pump diese Schiffsreise angetreten hat. Du hast wenigsten einen Beruf, mit dem du in der Ferne bestimmt etwas anfangen kann, und ebenso dein Fräulein Schwester. Doch was hab ich? Gar nichts! Und was aus mir in Panama wird, das weiß der liebe Gott. Die erzkatholische Fakultät in Lille wurde für mich schnell zur Zwangsjacke. Nichts als Routine. In diese miese Lage platzte der Brief des Bischofs von Panama an meinen Rektor, der alles veränderte. Der Bischof suchte Anwärter für sein Priesterseminar. Nach der Ausbildung versprach er eine Pfarrstelle. Hört sich für  mich wie ein geregeltes Auskommen an. Ein Wink des gütigen Schicksals. Ich bewarb mich ohne viel zu überlegen. Postwendend erhielt ich das Ticket für diese Seereise. So, da hast du nun meine Geschichte, so wie ich vor dir sitze. Kannst du damit was anfangen? Ich, ehrlich gesagt, nichts. Denn das letzte was ich eigentlich will, ist ein Priester zu werden. Das kannst du mir glauben.«

»Rufus, Rufus, so darfst du nicht reden. Alles hat seine Bestimmung, alles hat seinen Zweck. Und wenn du dich nun entschieden hast nach Panama zu gehen, um Priester zu werden, dann hat das wohl auch seine Richtigkeit und du wirst bestimmt das Beste daraus machen. Davon bin ich fest überzeugt, da brauch ich dich mir doch nur anzusehen. Dass das nicht Zuckerschlecken werden wird, mit all dem Unbekannten, das vor dir liegt, das kann ich mir schon vorstellen. Aber da sitzen wir buchstäblich im gleichen Boot.«

In ihr sehr ernst gewordenes Gespräch, und in das Rütteln und Stampfen des Schiffes, wurde plötzlich die Tür zur Kabine aufgerissen und ein älterer untersetzter Matrose in ziemlich schmutziger Arbeitskleidung verkündete mit lauter Stimme:

»Leute, in sechs Stunden legen wir in Hoboken am Pier 3 an. Bei der Ankunft habt ihr drei Stunden, um euer Gepäck im Stauraum zu finden und klar Schiff zu machen. Aber wir lassen euch erst zu euren Sachen, wenn wir angelegt haben. Das wird durch sechs lange Sirenentöne vom Kapitän bekannt gegeben. Damit ist für euch die Reise zu Ende. Wenn ihr New York sehen wollt, dann geht so in vier Stunden von jetzt an nach draußen. Die Freiheitsstatue am Hafeneingang solltet ihr nicht verpassen. Sie ist das Wahrzeichen der Stadt und eurer neuen Heimat.«

Die Ankündigung löste nicht nur Freude und Erleichterung aus, sondern auch ein klein wenig Bange vor dem Ungewissen. Auf alle Fälle herrschte plötzlich ziemlicher Tumult, obwohl noch reichlich Zeit bis zum Aufbruch war und niemand viel zu packen hatte. Noch vor der Trennung gaben sich Rufus und Jakob das Versprechen in Kontakt zu bleiben.

Rufus, nur mit seinem Handgepäck beladen, war rasch von Bord und reihte sich geduldig in die lange Schlange der Wartenden vor der Einwanderungsbehörde ein, wo Beamte die Personalien eines jeden Ankommenden handschriftlich in lange Passagierlisten eintrugen. Die Prozedur dauerte unendlich lange, vor allem durch die ungewohnten Namen der Ankömmlinge. Dazu kam noch das Verständigungsproblem; kaum jemand sprach Englisch, eingeschlossen Rufus. Ein Glück, dass während der Überfahrt keine Seuche auf dem Schiff ausgebrochen war. Das ersparte peinliche Fragerei, Untersuchungen und womöglich sogar Quarantäne. Den Zoll brauchte Rufus nicht zu passieren, da er Transit nach Panama angegeben hatte, somit gleich in das Durchgangslager verwiesen wurde, wo er bis zu seiner Weiterreise zu bleiben hatte. Das war ihm nicht unlieb, denn das Zimmerchen, in das er für ein paar Dollar gebracht wurde, war zwar spärlich eingerichtet, gewährte ihm aber die lang ersehnte Privatsphäre mit einem richtigen Bett, einer Waschkommode, ein paar Kleiderhaken, einem kleinen Tisch mit Stuhl und sogar einem, schon ein wenig blinden Spiegel an der Wand. Er war entsetzt, was ihm da entgegen starrte. Ein ungewaschenes und unrasiertes Konterfei mit wildem Haarschopf. So hatte man ihn tatsächlich ins Land gelassen?! Es drängte ihn sich schnellstens zu waschen und seine Kleidung zu wechseln. Auf dem Schiff kam mit kaltem, salzigen Seewasser nur die Zahnbürste in die Nähe seines Gesichts. Endlich auch wieder ohne Anzug schlafen.

Das eingezäunte Transitgelände war ziemlich weitläufig. Er fühlte sich ganz und gar nicht eingesperrt. Die frühsommerlichen Temperaturen lockten nach den engen, erbärmlichen Verhältnissen im Schiff an die frische Luft. Er verspürte einen ungeahnten Tatendrang. Mit dem Reisegeld des Bischofs in der Tasche besuchte er ein Badehaus und vertraute einem Friseur Haare und Bart an. Er fühlte sich nun wieder als zivilisierter Mensch und wagte sich in eine Taverne für eine warme Mahlzeit. Ein so saftiges Steak mit Bratkartoffeln und zarten Möhren existierte nicht einmal in seinen Träumen. Im Quartier gab es auch einen kleinen aber gut bestückten Kolonialwarenladen. Die Besitzer, ein Ehepaar, waren vor Jahren aus Deutschland eingewandert. Sie kannten sich aus und schickten ihn zu einer Schiffsagentur am Platz wo er seine Weiterreise regeln konnte.

Die Zeit des Wartens verstrich sehr schnell. Rufus war Stammgast in der Taverne geworden, wo er sich jeden Tag ein reichhaltiges und schmackhaftes Mittagessen genehmigte. Er fand genügend Muße für kleine Spaziergänge ums Quadrat im warmen Sonnenschein. Das gab ihm ausreichend Zeit über seine Zukunft nachzudenken.