Vermisst - Bianca Dippel - E-Book

Vermisst E-Book

Bianca Dippel

0,0

Beschreibung

Hamdan al Rashid, schwerreicher Bankier aus Dubai, liegt tot in einem Stuttgarter Luxushotel. Die Suite ist verwüstet, ein Koffer mit einhundertfünfzigtausend Dollar sowie der zehnjährige Neffe des Opfers sind spurlos verschwunden. Die Kommissare Martin Schulz und Anette Hellman von der Stuttgarter Kripo tappen zunächst völlig im Dunkeln. Erst das Auftauchen Mohamed al Rashids, seines Zeichens Chief Commissioner der Dubai Police, Bruder des Opfers und Vater des Jungen, bringt den ersten Hinweis. Al Rashid tischt den beiden Kommissaren eine abenteuerliche Geschichte von einer in Deutschland operierenden Terrorzelle auf, der sein Bruder eigenmächtig das Handwerk legen wollte. Schulz schenkt ihm zunächst keinen Glauben. Doch dann erhält er einen Drohanruf einer Gruppierung, die sich Krieger Allahs nennt. Die Ermittler finden heraus, dass es sich dabei um deutsche Konvertiten handelt, deren Anführer sich Abu Yussuf nennt. Während Schulz, Hellman und al Rashid versuchen, Abu Yussuf aufzuspüren, geschieht das Unfassbare: Ein Bombenanschlag erschüttert die Stuttgarter S-Bahn. Kurz darauf gibt es Hinweise für einen weiteren Terroranschlag, Ziel diesmal: der Stuttgarter Hauptbahnhof. Werden sie die drohende Katastrophe verhindern können?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2013

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Imprint

Vermisst
Roman
Bianca Dippel
Published by: epubli GmbH (Verlagsgruppe Holtzbrinck), Berlin, www.epubli.de
Copyright: © 2013 Bianca Dippel
ISBN 978-3-8442-4316-1

1

Elegante Wandlampen tauchten den von Türen gesäumten Korridor in gedämpftes Licht. Drei Männer eilten mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen und gesenkten Köpfen den Flur entlang. Ein dicker Orientteppich verschluckte jeden ihrer Schritte.

Es war genau dreiundzwanzig Uhr dreißig, als sie vor der Tür mit der Nummer vier-null-vier stehen blieben. Abu Yussuf, so nannte sich ihr Anführer, hob die Hand und klopfte dreimal kurz hintereinander. Die Tür wurde geöffnet. Dicht gefolgt von seinen Begleitern trat er ein, stieß den Öffnenden grob beiseite und durchquerte sofort den Raum. Er ging zu einer Sitzgruppe am Fenster und warf sich unaufgefordert in die Ecke eines Sofas. Seine Mitstreiter fläzten sich in zwei tiefe Sessel, die das Sofa flankierten.

Dem Mann, der die Tür geöffnet hatte, blieb nichts anderes übrig, als einen Stuhl heranzuziehen und ihn so zu platzieren, dass er den drei Männern gegenüber saß.

Abu Yussuf musterte sein Gegenüber. Er registrierte den maßgeschneiderten Anzug, die Rolex am Handgelenk, die sorgfältig manikürten Fingernägel, dann sah er sich im Raum um.

Der zur Schau getragene Luxus widerte ihn an. Verachtung kroch in ihm hoch. Verachtung für sein Gegenüber und all jene, die waren wie er. Männer, die auf einem Millionenvermögen hockten und nichts anderes im Sinn hatten, als die Anhäufung von Statussymbolen. Deren einziges Bestreben darin bestand, sich ein möglichst angenehmes Leben zu machen. Eines nicht allzu fernen Tages, dessen war sich Abu Yussuf sicher, würde Allahs Zorn herniederfahren, um alle, die Seiner mit ihrer unerträglichen Prunksucht spotteten, vom Antlitz der Erde zu tilgen. Doch bis dahin galt es, die Mittel dieser Männer intelligent zu nutzen.

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Mann zu und stellte die alles entscheidende Frage: „Haben Sie das Geld?“

2

Ines Neuman tat ihren Job, wie sie ihn in den vergangenen fünf Jahren immer getan hatte. Routiniert und tüchtig. Sie schob den schweren Servicewagen vor die Suite mit der Nummer vier-null-vier, nahm einen Stapel Handtücher und vollzog das ewig gleiche Ritual. Zweimal klopfen, dann der Ruf: „Housekeeping!“ Noch einmal klopfen, die Schlüsselkarte durchziehen und rein. Sie stieß die Tür mit der Schulter auf, trat in den kleinen Flur und blieb wie angewurzelt stehen.

Im Raum herrschte ein unbeschreibliches Durcheinander. Das Bettzeug war heruntergerissen, die Matratzen lagen neben dem Bett, Kleidungsstücke aus den durchwühlten Schränken bedeckten den Boden, überall waren Scherben von zerbrochenen Vasen und Aschenbechern verstreut. Die Verbindungstür zum angrenzenden zweiten Schlafzimmer stand offen.

Doch das war nicht das Schlimmste. Wirklich schlimm war der Mann, der blutüberströmt in den Trümmern eines kleinen Tisches lag und mit leeren Augen zur Decke starrte.

Ines Neumans erster Impuls war, laut zu schreien. Dann besann sie sich und bahnte sich stattdessen auf Zehenspitzen einen Weg durch das Schlachtfeld. Sie ging zum Telefon, das ebenfalls auf dem Boden lag, wickelte, wie sie es schon häufig im Fernsehen gesehen hatte, eines der Handtücher, die sie immer noch fest umklammert hielt, um ihre Hand und nahm den Hörer. Vorsichtig, nur mit dem Fingernagel des Zeigefingers, drückte sie die Eins. Eine Stimme meldete sich: „Rezeption. Was kann ich für Sie tun?“

„Ingo? Hier spricht Ines. Hör zu, du musst sofort die Polizei rufen. In vier-null-vier liegt eine Leiche.“

3

Mit einem diskreten Ping beendete der Fahrstuhl seine geräuschlose Fahrt. Die Türen glitten auf, Hauptkommissar Martin Schulz von der Stuttgarter Kripo verließ die verspiegelte Kabine. Er wandte sich nach links und ging den Korridor entlang. Zimmer vier-null-vier, hatte seine Kollegin Anette am Telefon gesagt, doch das wäre gar nicht nötig gewesen. Der Tatort war für jeden als solcher erkennbar. Ein uniformierter Kollege hielt vor der Zimmertür Wache, Kriminaltechnik und Rechtsmedizin waren bereits vor Ort.

Als er über die Schwelle der Suite trat, blickte einer der Kriminaltechniker auf. Er nickte kurz. „Hallo, Martin.“

Schulz nickte zurück. „Morgen, Achim. Wie weit seid ihr?“

„Fast fertig. Pass bitte auf, wo du hintrittst.“

„Ist gut.“ Schulz durchquerte den Raum, nickte einigen Anwesenden kurz zu und gesellte sich zu Anette, die gemeinsam mit der Rechtsmedizinerin Doktor Sofia Reichenbacher am Boden neben der Leiche hockte. „Morgen, Anette.“

Anette blickte kurz hoch. „Hi, Martin.“

„Hallo, Sofie.“

Doktor Reichenbacher blickte nicht auf, sie verdrehte nur die Augen. „Mein Name ist Sofia. Sofia Reichenbacher, Doktor Sofia Reichenbacher, um genau zu sein. Das kann doch nicht so schwer sein, Herr Hauptkommissar Schulz.“

Schulz grinste, dann hob er in einer entschuldigenden Geste die Hände. „Schon gut, schon gut, ich bitte um Verzeihung, Frau Doktor. Also, was haben wir?“

„Bei dem Toten handelt es sich um einen gewissen Hamdan al Rashid wohnhaft in den Vereinigten Arabischen Emiraten, genauer gesagt in Dubai. Hier ist sein Pass, falls du Arabisch lesen kannst.“ Anette reichte ihm einen Plastikbeutel, der den Pass sowie das Handy und die Geldbörse des Toten enthielt.

Schulz betrachtete den Pass mit den fremden Schriftzeichen. Das fing ja gut an. „Woher weißt du, wo der Mann herkommt?“

„Von jemandem an der Rezeption. Hamdan al Rashid hat vorgestern im Hotel eingecheckt und Dubai als Wohnort angegeben.“

„Was hat er hier gewollt?“

„Das werden wir wohl herausfinden müssen.“

„Na schön.“ Schulz wandte sich an die Rechtsmedizinerin. „Was haben Sie für mich, Frau Doktor?“

„Todeszeitpunkt: irgendwann gestern, am späteren Abend. Todesursache ist vermutlich diese Verletzung am Hinterkopf. Sehen Sie?“ Doktor Reichenbacher hob vorsichtig den Kopf des Toten und wies mit ihrer behandschuhten Linken auf eine blutverkrustete, circa fünf Zentimeter breite Wunde, die sich oberhalb des Haaransatzes befand. „Allem Anschein nach wurde das Hinterhauptbein eingedrückt.“ Mit einer fast liebevollen Bewegung ließ sie den Kopf des Opfers wieder sinken.

„Sieht aus, als hätte es einen Kampf gegeben“, sagte Anette.

„Das denke ich auch“, stimmte die Rechtsmedizinerin zu. „Er hat ganz eindeutig Abwehrverletzungen an den Händen und sein Gesicht sieht nach einer wüsten Schlägerei aus. Wahrscheinlich ist er infolge des Handgemenges in den Tisch gestürzt und hat sich den Schädel eingeschlagen.“

Anette erhob sich. „Und anschließend haben der oder die Täter das Zimmer durchwühlt.“

Sofia Reichenbacher verstaute ihre Utensilien in einem Koffer und stand ebenfalls auf.

„Prima Arbeit, Mädels“, sagte Schulz. „Könnt ihr mir auch sagen, was die Täter hier gesucht haben?“

Doktor Reichenbacher ignorierte ihn mit verkniffener Miene, stattdessen machte sie den wartenden Männern ein Zeichen. Der Tote war bereit zum Abtransport in die Rechtsmedizin.

„Ich melde mich. Tschüss, Anette. Kommissar Schulz.“ Mit einem knappen Nicken nahm sie ihren Koffer und verschwand.

„Sag mal, hast du was mit ihr?“ Anette blickte ihn fragend an.

„Wie kommst du denn darauf? Nein, natürlich nicht.“

„Aber du stehst auf sie, oder?“

Schulz zuckte die Achseln. „Nun ja, sie sieht schon klasse aus. He, bist du etwa eifersüchtig?“

Anette lachte. „Die Zeiten sind längst vorbei, mein Lieber.“ Am Anfang ihrer Zusammenarbeit hatten sie eine kurze, heftige Affäre gehabt, doch inzwischen waren sie nur noch Kollegen. Kollegen und gute Freunde. „Aber im Ernst“, fuhr sie fort, „mich würde einfach interessieren, warum du sie immer provozierst?“

Schulz zuckte abermals die Achseln. „Ehrlich gesagt, es amüsiert mich einfach. Aber jetzt Spaß beiseite. Was glaubst du, haben die Täter gesucht?“

Nun war es an Anette, die Achseln zu zucken. „Keine Ahnung. Irgendwelche Dokumente vielleicht. Ein Raubmord war es jedenfalls nicht, sonst hätten sie seine Uhr mitgenommen. Hast du sie gesehen? Eine echte Rolex Oyster, wenn ich mich nicht irre. Außerdem waren in seiner Brieftasche über tausend Euro in bar und alle gängigen Kreditkarten.“

„Ein armer Schlucker scheint unser Mann jedenfalls nicht gewesen zu sein. Warum gehen wir eigentlich davon aus, dass es mehrere Täter waren?“

Wieder zuckte Anette die Achseln. „Ich weiß auch nicht, aber so wie es hier aussieht, kann ich einfach nicht glauben, dass es nur einer war.“

Die Kriminaltechniker waren inzwischen gegangen, Schulz und Anette waren allein. Schulz sah sich in dem verwüsteten Raum um und versuchte, den Tatort auf sich wirken zu lassen. Er war ebenfalls der Meinung, dass es sich nicht um einen Einzeltäter handelte. Dieser Raum und auch das angrenzende Zimmer waren mit Brachialgewalt durchwühlt worden. Es sah aus, als wäre ein Orkan hindurchgefegt, und auch die sichtbaren Verletzungen des Opfers hatten auf ihn nicht den Eindruck gemacht, als hätte sich der Mann nur gegen einen Angreifer zur Wehr gesetzt. Die Frage war, was tat ein offensichtlich wohlhabender Mann aus Dubai hier in Stuttgart? Urlaub? Wohl kaum. Geschäfte? Schon eher.

Ein zaghaftes Klopfen riss Schulz aus seinen Überlegungen. Er wandte sich zur Tür und öffnete. Dort stand ein etwa dreißigjähriger Mann, die Hand erhoben, wie um erneut an den Türrahmen zu klopfen.

„Verschwinden Sie, das ist ein Tatort.“ Schulz trat einen Schritt auf den Mann zu, aufdringliche Gaffer konnte er auf den Tod nicht ausstehen, als sich Anette einmischte.

„Herr Hartmann, was gibt es denn?“ An Schulz gewandt fuhr sie fort: „Martin, das ist Ingo Hartmann von der Rezeption. Er hat uns über das Opfer informiert.“

„Oh“, sagte Schulz. „Tut mir leid.“

Ingo Hartmann winkte ab. „Kein Problem. Eigentlich wollte ich auch nur fragen, was denn nun aus dem Jungen wird?“

Einen Augenblick starrten Schulz und Anette den Mann fassungslos an.

„Von welchem Jungen reden Sie?“, stieß Schulz hervor.

4

Schulz kochte. Er zerrte sein Handy aus seiner Jackentasche und hieb zornig auf die Tasten ein. Tief Atem holend knallte er sich das Gerät ans Ohr. Es tutete zweimal, dann wurde das Gespräch angenommen. „Herrgott, Martin“, meldete sich Achim. „Was soll die Hektik? Ich bin noch gar nicht im Labor angekommen.“

„Halt den Mund“, fuhr Schulz ihn an. „Erklär mir lieber, wie ihr übersehen konntet, dass in der Suite noch jemand gewohnt hat?“

Ungläubiges Schweigen am anderen Ende, dann erklang Achims Stimme: „Da hat noch jemand gewohnt?“

„Ja, verdammt. Der Neffe des Opfers. Ein ungefähr zwölfjähriger Junge, sagt der Mann von der Rezeption. Achim, das Kind ist verschwunden.“

„Scheiße.“

„Kann man wohl sagen.“

„Verflucht, wie konnte ich das übersehen?“

„Das weiß ich auch nicht.“

„Es tut mir leid, Martin.“

„Okay, aber dafür schuldest du mir was. Beeil dich gefälligst mit der Auswertung.“

„Ist gut, ich melde mich.“

Schulz saß am Schreibtisch und sah zu, wie sich eine scheinbar endlose Papierschlange ratternd aus dem Fax-gerät wand. Er war beeindruckt, erst vor einer Stunde hatte er mit der Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate in Berlin telefoniert und nun bekam er auch schon die gewünschten Informationen. Und nicht nur das, die Dame am anderen Ende der Leitung hatte sich auch ohne Umstände bereiterklärt, die Angehörigen zu verständigen und sich anschließend wieder bei ihm zu melden.

Irgendwie mussten die Angehörigen der Opfer befragt werden. Nur wie? Natürlich sprach er kein Arabisch und ob sein Englisch dafür ausreichte, war mehr als fraglich.

Das Fax beendete seine Arbeit mit einem lauten Pfeifton. Schulz stand auf und riss den Papierstreifen ab, dabei sah er zu Anette hinüber. Sie telefonierte noch. Anhand der Gesprächsfetzen konnte er heraushören, dass sie mit jemandem vom Münchner Flughafen sprach. Er nahm wieder Platz und begann zu lesen.

Schon beim ersten Satz war Schulz irritiert. Hamdan al Rashid war verheiratet gewesen, aber unter der Rubrik Ehefrau standen zwei Namen. Ein Fehler der Botschaft? Nach einigen Sekunden ging Schulz ein Licht auf. Heilige Scheiße! Natürlich, der Mann war Moslem, das hieß, er konnte mehrere Ehefrauen gleichzeitig haben. Großer Gott, auch das noch. Das bedeutete wohl einen ganzen Stall voll Kinder und gleich zwei trauernde Witwen.

Kopfschüttelnd las er weiter. Was die Vermögensverhältnisse des Opfers anging, war seine erste Vermutung durchaus zutreffend. Es handelte sich bei dem Toten keineswegs um einen armen Schlucker, ganz im Gegenteil, sie hatten es mit einem milliardenschweren Bankier zu tun, der sowohl alleiniger Inhaber der Al Rashid Privatbank of Arabia als auch Mitinhaber unzähliger anderer Unternehmen war. Unter anderem befanden sich Ölraffinerien, Rohstofffabriken, Hotels und Einkaufszentren in seinem Besitz. Unglaublich, der Mann hatte über ein wahres Imperium geherrscht.

Als Schulz die vorliegenden Zahlen überflog, wurde ihm ganz schwindelig. So viele Nullen vor dem Komma bekam er nicht oft zu Gesicht. Doch leider ließen die Vermögens- und Eigentumsverhältnisse Hamdan al Rashids keinerlei Rückschlüsse auf den Grund seines Deutschlandbesuchs zu.

Er blickte auf, als Anette an seinen Schreibtisch trat. „Und?“

Anette sah auf das Blatt Papier in ihrer Hand. „Also“, begann sie, „Hamdan al Rashid, geboren 1969 in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wohnhaft in Dubai, ist vorgestern Vormittag in München angekommen. Er hatte einen Nonstop-Flug bei Emirates gebucht. Natürlich First Class. Laut Auskunft war er in Begleitung des zehnjährigen Mohamed al Rashid. Am Münchner Flughafen nahm er sich einen Leihwagen. Ein S-Klasse Mercedes, mit dem er nach Stuttgart fuhr, wo er am späten Nachmittag gemeinsam mit dem Jungen im Hotel eincheckte.“

„Nicht gerade viel, oder?“

„Wart’s ab, das Beste kommt noch. Laut den Kollegen vom Zoll hatte Hamdan al Rashid einen Koffer mit einhundertfünfzigtausend Dollar in bar dabei. Er hat das Geld ordnungsgemäß deklariert. Angeblich wollte er sich in einer Stuttgarter Privatklinik operieren lassen.“

Schulz pfiff durch die Zähne. „Eine ganz schön teure Operation, aber wenigstens haben wir eine Spur.

„Haben wir nicht. Es gibt keine Operation. Ich habe bereits sämtliche infrage kommenden Kliniken und Arztpraxen abtelefoniert. Ein Hamdan al Rashid hatte nirgendwo einen Termin.“

Schulz schwieg. Er starrte ins Leere und schien Anettes Anwesenheit glatt vergessen zu haben. Sie kannte das bereits. Wenn er intensiv nachdachte, blendete er die Welt um sich herum förmlich aus. Sie setzte sich auf einen Stuhl, griff nach dem Fax und begann zu lesen. Hin und wieder pfiff sie leise durch die Zähne.

Plötzlich zog Schulz das Telefon zu sich heran. Er nahm den Hörer, tippte eine kurze Zahlenfolge ein, wartete und sagte dann: „Achim, ich bin’s. Ja, schon gut, mir ist klar, dass ihr noch nicht fertig seid. Aber hör zu, habt ihr in der Suite einen Koffer mit Geld gefunden?“ Er lauschte, dann sagte er: „Dachte ich mir. Danke. Bis dann.“ An Anette gewandt fuhr er fort: „Sieht aus, als wüssten wir nun, was die Täter gesucht haben.“

Anette nickte. „Das Geld“, sagte sie.

„Richtig, das Geld.“

„Aber warum haben die den Jungen mitgenommen?“

Schulz lehnte sich zurück und schwang die Füße auf die Ecke des Schreibtisches. Mit hinter dem Kopf verschränkten Händen sagte er: „Möglicherweise war er ein unliebsamer Zeuge.“

„Glaubst du, er lebt noch.“

„Ich hoffe es.“ Schulz nahm die Füße wieder vom Tisch. Er beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Tischplatte. „Pass auf, wir machen das folgendermaßen: Wer befragt das Hotelpersonal?“

„Alex und Chris, von den Uniformierten.“

„Gut. Ich möchte, dass du auch noch einmal hinfährst. Überprüfe den Mietwagen. Ich will wissen, ob unser Opfer auf direktem Weg nach Stuttgart gefahren ist. Finde heraus, ob er unterwegs getankt hat, wenn ja, wo. Überprüfe außerdem die Videoüberwachung des Hotels, das heißt, falls es dergleichen überhaupt gibt.“

Anette sprang auf, schlug die Hacken zusammen, salutierte grinsend und rief: „Ay, ay, Sir. Was tust du in der Zwischenzeit?“

„Ich werde einen Fragenkatalog ausarbeiten, den die Botschaft der Familie al Rashid vorlegen soll. Irgendjemand muss doch wissen, was der Mann in Deutschland wollte. Noch dazu mit so scheißviel Kohle.“

5

Aziza al Rashid stand in der Küche ihrer Villa in Dubais noblem Bezirk Jumeirah. Ihre perfekt manikürte Hand hielt ein großes Fleischmesser, mit dem sie Lammfleisch in mundgerechte Würfel schnitt. Zwischendurch warf sie immer wieder einen Blick auf die dreijährige Fatima, die mit ihrem Kindermädchen Amajanti eifrig malend am Tisch saß und ohne Atem zu holen plapperte. Amajanti erwiderte ihren Blick und lächelte. „Sie malt ein Bild für Ihren Mann.“

Aziza lächelte ebenfalls. „Schön“, sagte sie und wandte sich wieder dem Fleisch zu. Irgendwo im Haus konnte sie Shinta mit dem Staubsauger hantieren hören. Gut so, sie wollte, dass alles perfekt war, wenn Mohamed aus dem Büro nach Hause kam. Plötzlich läutete das Telefon. Aziza sah auf das Messer in ihrer Hand. „Geh bitte ran, Amajanti.“

Amajanti nahm den Handapparat, drückte die entsprechende Taste und hielt sich den Apparat ans Ohr. Sie lauschte nur eine Sekunde, dann rief sie: „Madam, ich glaube, es ist etwas passiert.“

Aziza, die sich bereits wieder dem Fleisch zugewandt hatte, drehte sich um. Wortlos reichte ihr Amajanti den Hörer. Sie griff mit der freien Hand danach. Obwohl sie den Hörer noch nicht am Ohr hatte, vernahm sie bereits Geschrei und hysterisches Schluchzen. Als sie die Stimme ihrer Schwägerin erkannte, fuhr ihr der Schreck in alle Glieder. Allah, was ist geschehen? Hastig presste sie den Hörer ans Ohr. Das Geschrei wurde ohrenbetäubend. „Latifa“, rief sie in die Sprechmuschel. „Latifa, so beruhige dich doch. Was ist passiert?“

„Aziza? Aziza, bist du es?“

„Ja, ja, ich bin es. Latifa, ich flehe dich an, beruhige dich und sag mir, was passiert ist.“

„Etwas Schreckliches, Aziza. Etwas ganz Entsetzliches. Hamdan ist …“ Latifas ohnehin schon kaum verständliche Worte gingen in lautem Weinen unter. Aziza fühlte Panik in sich aufsteigen. „Bei Allah dem Barmherzigen, Latifa, ich frage dich ein letztes Mal: Was ist geschehen?“

Schluchzend presste Latifa hervor: „Hamdan ist tot und Mohamed ist verschwunden!“

Die Verbindung brach abrupt ab.

Hamdan tot? Mohamed verschwunden? Mohamed verschwunden?

Als Aziza die Bedeutung der Worte endlich begriff, entglitt ihr das Fleischmesser und landete scheppernd auf den marmornen Fliesen. Übelkeit schlug wie eine Woge über ihr zusammen. Die Küche begann sich um sie zu drehen und ihre Beine drohten nachzugeben. Ein würgendes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle, sie krümmte sich wie unter Schmerzen, dann sackte sie in sich zusammen und erbrach sich auf den Küchenboden.

Fatima beobachtete ihre Mutter aus angstvoll aufgerissenen Augen und begann zu schreien. Amajanti ignorierte das schreiende Kind. Sie sprang hinzu und versuchte ihrer aschfahlen, am ganzen Leib zitternden Herrin aufzuhelfen.

Durch Fatimas Geschrei alarmiert, kam Shinta in die Küche gehastet. Ihr Blick fiel auf das Fleischmesser, das neben einer Pfütze Erbrochenem am Boden lag. Ein saurer Geruch stieg ihr in die Nase. Fatima saß brüllend und mit hochrotem Kopf in ihrem Hochstuhl, während sich Amajanti nach Kräften bemühte, die offensichtlich unter Schock stehende Madam auf den Beinen zu halten.

„Bei allen Göttern“, stieß sie hervor.

Aziza hob mühsam den Kopf. Sie war leichenblass, ihr Haar hatte sich gelöst und klebte ihr in wirren Strähnen im Gesicht. „Shinta“, krächzte sie. „Ruf meinen Mann an. Er muss sofort kommen. Hörst du? Sofort.“

6

Als Anette drei Stunden später wieder ins Büro kam, hockte Schulz wütend und frustriert an seinem Schreibtisch. Der Fragenkatalog, den er so mühsam ausgearbeitet hatte, war ein glatter Fehlschlag gewesen. Laut Auskunft der Botschaft, wusste die Familie nichts. Nichts über das Geld, nichts über den Grund seines Besuchs. Angeblich hatte niemand auch nur die leiseste Ahnung, was Hamdan al Rashid in Deutschland gewollt hatte. Der Familie gegenüber hatte er behauptet, seinem Neffen Mohamed das Land zeigen zu wollen.

So ein Schwachsinn. Um ein Land zu zeigen, benötigte man keine einhundertfünfzigtausend Dollar in bar. Schulz gähnte und rieb sich die Augen. „Sag mir, dass du erfolgreicher warst“, sagte er, als Anette an seinen Schreibtisch trat.

„Wie man’s nimmt“, entgegnete sie. „Die Überprüfung des Wagens hat nichts ergeben. Er ist direkt vom Flughafen ins Hotel gefahren. Dann habe ich mir die Bänder der Videoüberwachung angesehen. Stinklangweilig, kann ich dir sagen. Aber …“ Sie machte eine kunstvolle Pause. „… ich habe etwas gefunden. Sieh selbst.“ Sie kramte eine CD-ROM aus ihrer Umhängetasche, ging um seinen Schreibtisch herum, beugte sich über seine Schulter und machte sich an seinem Laptop zu schaffen. Sekunden später erschien eine leicht verschwommene Schwarzweißaufnahme auf dem Bildschirm. Sie zeigte den Hotelkorridor. Drei Männer gingen mit gesenkten Köpfen den Flur entlang. Bei keinem war das Gesicht erkennbar. Vor der Tür mit der Nummer vier-null-vier blieben sie stehen. Einer hob die Hand, um zu klopfen. Als geöffnet wurde, traten sie ein.

„Jetzt geschieht erst einmal eine Weile nichts“, sagte Anette. Sie drückte eine Taste und die Aufnahme sprang vorwärts, bis sich die Tür wieder öffnete und die drei Männer wieder auf den Flur traten. Der, der geklopft hatte, trug nun etwas über der Schulter. Es sah aus wie eine zusammengerollte Decke und war offensichtlich schwer.

Schulz kniff die Augen zusammen und beugte sich vor. „Verdammte Scheiße“, stieß er hervor.

„Denkst du das Gleiche wie ich?“, fragte Anette.

„Da ist der Junge drin.“

Anette nickte. „Das glaube ich auch.“

Schulz schwieg. Lang und anhaltend.

„Es gibt noch eine Aufnahme der Tiefgarage“, sagte Anette in das Schweigen hinein.

„Lass sehen.“

Viel war es nicht. Die Männer gingen zu einem weißen Ford Transit, dessen Kennzeichen unkenntlich gemacht war, das Bündel wurde in den Laderaum geworfen, die drei stiegen ein und fuhren davon.

„Gibt es Aufnahmen von der Lobby?“

„Ja, aber da sind sie nicht zu sehen. Ich vermute, sie sind direkt von der Tiefgarage mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock gefahren.“

„Verdammt, wer sind die?“

Anette zuckte die Achseln. „Keine Ahnung“, sagte sie.

„Wenigstens haben wir eine Uhrzeit“, sagte Schulz und wies an den unteren Rand des Bildschirms.

„Null Uhr acht“, sagte Anette. „Chris und Alex wissen über die Zeit Bescheid, haben bislang aber noch niemanden finden können, der etwas gesehen oder gehört hat.“

„Großartig, also haben wir keine Zeugen.“

„Leider nicht. Ich fürchte, alles was wir derzeit haben, ist ein weißer Ford Transit ohne Kennzeichen und eine Uhrzeit.“

„Einen Toten und ein entführtes Kind, nicht zu vergessen.“

Anette wollte etwas erwidern, als das Telefon auf Schulz’ Schreibtisch läutete. Es war die Kriminaltechnik. „Achim, was gibt’s?“ Schulz lauschte kurz, nickte mehrmals und verzog das Gesicht. „Ist gut. Danke, Achim. Ja, dir auch einen schönen Abend.“ Er legte den Hörer auf. „Nichts“, sagte er. „Es gab zwar jede Menge Material, war in einem Hotelzimmer ja auch nicht anders zu erwarten, aber ohne Gegenprobe ist es für uns wertlos.“ Er stand auf, reckte sich, gähnte, dann fuhr er sich mit allen zehn Fingern durchs Haar. „Lass uns morgen weitermachen. Vielleicht hat Sophia dann etwas für uns.“