Verrat - Bettina Auer - E-Book
Beschreibung

Seit einem Jahr lebt Sarlia glücklich an Shirafs Seite am Hof von Perséi und hat einen Weg gefunden, sich in der fremden Welt zurechtzufinden. Alles erscheint perfekt, bis Talia auftaucht und Karem heiratet. In ihr scheint die Prinzessin ihre ärgste Feindin gefunden zu haben.Doch dann geschehen merkwürdige Dinge, die auch Sarlias Leben bedrohen und alles auf den Kopf stellen. Nichts scheint mehr, wie es sein sollte. Werden sie denjenigen finden, der für all die Anschläge verantwortlich ist?

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Seitenzahl:193

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Darum geht es in diesem Buch:

Seit einem Jahr lebt Sarlia glücklich an Shirafs Seite am Hof von Perséi und hat einen Weg gefunden, sich in der fremden Welt zurechtzufinden. Alles erscheint perfekt, bis Talia auftaucht und Karem heiratet. In ihr scheint die Prinzessin ihre ärgste Feindin gefunden zu haben.

Doch dann geschehen merkwürdige Dinge, die auch Sarlias Leben bedrohen und alles auf den Kopf stellen. Nichts scheint mehr, wie es sein sollte. Werden sie denjenigen finden, der für all die Anschläge verantwortlich ist?

Weitere Informationen zur Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2018 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-903-4

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www.papierverzierer.de

Table of Contents
Verrat (Prinzessin der Wüste 2)
Inhalt
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Bettina Auer
Danksagung

Kapitel 1

Sarlia hielt Yarims verkrampfte Hand. Sie war schwitzig und zitterte unkontrolliert wie sein ganzer Körper.

»Schtt … alles wird gut«, beruhigte sie den Jungen und tupfte mit einem nassen Lappen den Schweiß von der Stirn. Hilfesuchend warf sie ihrem Mann einen Blick zu. Dieser saß am Bettende und hatte den Kopf vor Verzweiflung in den Händen vergraben.

»Shiraf …«, flüsterte Sarlia seinen Namen und sie keuchte auf, als der Junge ihre Hand fester packte.

»Er wird gleich da sein«, flüsterte Shiraf. Die Prinzessin hoffte, dass er recht behielt.

Seit einer gefühlten Ewigkeit warteten sie auf den Heiler, nach dem der Prinz hatte schicken lassen. Yarim würde nicht mehr lange durchhalten, wenn der Quacksalber nicht endlich erschien!

»Mein Prinz. Ihr habt mich rufen lassen.«

Sie seufzte hörbar auf, als sie die Stimme des Arztes vernahm. Er stand im Türrahmen und der ältere Mann machte nicht den Eindruck, als hätte er es eilig gehabt hierherzukommen. In Shirafs Augen trat ein zorniges Funkeln und mit einem Satz war er auf den Beinen.

»Wo wart Ihr?!«, schrie er den Mann an, packte ihn am Kragen seiner Tunika und zog ihn zu sich.

»Ich …«, begann er stotternd, aber der Prinz ließ ihn nicht ausreden.

»Mein kleiner Bruder ist todkrank, und Ihr wagt es, nach Stunden zu erscheinen?!«

»Shiraf.« Sofort schwenkte sein Kopf zu Sarlia, die ihren schüttelte.

»Bitte, lass ihn«, bat sie ihn flehend. Er seufzte und ließ den Mann frei.

»Ihr werdet alles daran setzen, dass er heute Nacht nicht stirbt! Sollte er sein Leben aushauchen, dann werdet Ihr morgen bei Sonnenaufgang hängen«, drohte Shiraf dem Mann, der erbleichte.

»Natürlich, mein Prinz«, stotterte der Heiler, bevor er sich Yarim zuwandte.

Shiraf nahm Sarlia an der Hand und verließ das Zimmer. Die Prinzessin warf einen letzten besorgten Blick zu dem Jungen. Noch immer hatte er die Augen geschlossen und wimmerte leise. Sie schluckte schwer und betete im Stillen, dass er die Nacht überlebte.

***

Shiraf tigerte im Zimmer auf und ab, was Sarlia nervös machte. Sie saß im Schneidersitz auf dem Bett und beobachtete ihn.

»Shiraf, bitte. Du kannst im Moment nichts machen. Leg dich ins Bett«, versuchte sie ihn zu beruhigen. Er blieb stehen und sah sie besorgt an.

»Du hättest nicht so lange bei ihm bleiben sollen. Nicht, dass dir und dem Kind etwas geschieht.«

Sie lachte auf. »Ich werde nicht so schnell krank. Nur weil ich schwanger bin, heißt das nicht, dass ich mich vor allem verstecken muss.«

»Ich weiß, aber ich habe Angst um dich. Ich will nicht, dass dir und dem Kind etwas passiert. Ich könnte es mir nie verzeihen«, seine Stimme war sanft und aus seinen bernsteinfarbenen Augen sah er seine Frau schmerzerfüllt und trotzdem voller Liebe an.

»Ich könnte es nicht ertragen, Yarim, dich oder das Kind zu verlieren«, flüsterte er in die Stille. Sarlia lächelte liebevoll und streckte die Hand in seine Richtung. Eine Geste, die bedeutete, dass er zu ihr kommen sollte, und der Shiraf gerne nachkam. Er setzte sich neben sie auf das Bett und wurde von seiner Prinzessin liebevoll empfangen. Sarlia strich sanft mit den Fingerspitzen über seine Wange.

»Du wirst mich nicht verlieren; du wirst keinen von uns verlieren, versprochen.«

Sie küsste ihn auf die Stirn. »Ich bleibe bei dir – wir bleiben bei dir«, versprach sie weiter und er strich über ihren leicht gewölbten Bauch, den man unter den seidenen Gewändern erkennen konnte.

»Ich liebe dich, meine kleine Meerkatze.« Sarlia kicherte, als er sie kurz auf die Lippen küsste.

Meerkatze. Seit geraumer Zeit hatte er sich diesen Kosenamen für sie ausgedacht. Ihr war bisher noch keiner für ihn eingefallen.

Ein sachtes Klopfen erhaschte seine Aufmerksamkeit. »Ja?«, rief Shiraf und der Heiler trat ein. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß und er deutete eine Verbeugung an.

Sarlias Herzschlag setzte für einen Moment aus.

Shirafs Augen verregneten sich.

»Was?«, seine Stimme war schneidig wie ein frisch geschliffenes Schwert. Die Prinzessin wusste, er würde eines holen, sollte der Mann ihm das Unaussprechliche verkünden.

»Euer Bruder, Hoheit, schläft. Ich konnte das Fieber senken, aber er braucht die nächsten Tage absolute Ruhe. Mein Gehilfe wird morgen früh nach ihm sehen und Euch regelmäßig Bericht erstatten.«

Shiraf nickte dem hageren Mann zu. »Ich danke Euch.« Der Arzt verneigte sich, dann verließ er das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

Der Prinz seufzte vor Erleichterung und legte den Kopf in den Nacken.

»Siehst du? Ich habe dir doch gesagt, dass du ihn nicht verlieren wirst«, sagte seine Frau und schlang die Arme um seinen Hals.

»Ja, du hattest recht.«

»Ich habe immer recht!«, beharrte sie und sog seinen Duft nach Weihrauch und Mandeln ein. Shiraf warf ihr einen schiefen Blick zu und hob die Augenbrauen.

»Meistens«, berichtigte er sie und lächelte leicht. Er küsste sie auf die Stirn. »Wir sollten schlafen, morgen wird ein langer Tag.«

»Ja, das stimmt. Karems Hochzeit wird sicherlich aufregend«, erwiderte sie und zog eine Grimasse. »Mir tut er irgendwie leid. Aber er hat sich dieses Biest selbst ausgesucht.«

»Sarlia!«, zischte er leise.

»Was denn? Wir sind unter uns. Da darf ich sagen, was ich denke! Ich meine, erkennt er, wie sie wirklich ist, oder ist er blind?«, fragte sie ihren Ehemann und kroch unter die leichte Bettdecke. Er warf ihr einen intensiven Blick zu.

»Liebe macht oft blind, Sarlia.«

»Und du? Bist du auch blind vor Liebe?«, wollte sie keck von ihm wissen.

Er grinste. »Nun, manchmal schon. Aber ich wusste vorher schon, was ich mir mit dir in den Palast hole. Eine wunderschöne, etwas ruppige Prinzessin.«

»Hast du nicht das ungehorsame, sture und ungebildete vergessen?«, setzte sie nach. Er krabbelte zu ihr unter die Decke und nahm sie in die Arme. Sie legte ihren Kopf auf seine Brust und sah ihn an.

»Ich habe nur deine Vorzüge aufgezählt – das Schlechte habe ich geflissentlich weggelassen.«

»Wie charmant.«

Er zog sie enger an sich und schloss die Augen, atmete ihren Duft ein. Sarlias Herzschlag beruhigte ihn. Er konnte nicht in Worte fassen, wie glücklich er mit ihr war. Er liebte sie und würde sie für nichts auf der Welt hergeben – egal wie hoch der Preis sein würde, sie gehörte ihm und niemand anderem.

Nur ihm. Für immer.

Kapitel 2

Saras laute Stimme weckte sie aus ihren Träumen. Genervt öffnete Sarlia die Augen und sah ihre Vertraute an, die die Vorhänge des Zimmers mit solch einer Inbrunst aufriss, als wäre es das Wichtigste auf der Welt.

»Guten Morgen meine Liebe!«, rief sie und trippelte fröhlich an die Bettseite der Prinzessin. »Komm. Auf, auf! Dein Mann ist schon lange wach. Du dagegen musst dich noch für die Zeremonie fertigmachen!«, flötete Sara.

»Ich will aber nicht. Sag einfach, mir ist schlecht oder das Kind kommt.«

Die Bedienstete runzelte die Stirn. »Sarlia, du bist erst im vierten Monat. Dass dir übel ist, glaube ich dir schon lange nicht mehr. Mich kannst du nicht mehr hinters Licht führen. Jetzt steh auf. Ich habe dir einige schöne Kleider rausgesucht; du musst eines davon heute tragen.«

Sarlia liebte Sara wie eine Schwester, aber morgens könnte sie sie umbringen. Ihre fröhliche Art und das Geplapper brachten sie jeden Tag aufs Neue auf Mordgedanken.

»Ich steh ja schon auf«, nuschelte die Prinzessin und kroch mühselig aus dem Bett. Sie folgte der gut gelaunten Sara ins Ankleidezimmer, in dem ihre Freundin um sie herumschwirrte wie eine Biene.

Sie ließ alles über sich ergehen und hoffte, dass Sara endlich zum Ende kommen würde. Sie hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass sie ständig an ihren Haaren und ihrer Kleidung zupfte.

Manchmal wünschte sie sich zurück auf das Schiff, auf dem ihr niemand sagte, wie sie sich zu kleiden hatte – aber nur, wenn Sara sie gewaltig nervte.

»Herrin?«, eine Stimme erklang zögerlich hinter der dünnen Tür und Sara zog verärgert die Stirn kraus. Sie hasste es, wenn sie gestört wurde, während sie Sarlia für den Tag vorbereitete.

»Ja?«, fragte die Prinzessin, bevor die Vertraute ihre Schimpftirade auf das arme Mädchen losließ, das um die Ecke spähte.

»Prinzessin Talia wünscht, Euch zu sprechen.«

Sarlia stöhnte auf. Auch das noch …

»Sagt ihr, ich bin in einer halben Stunde bereit.«

Die Dienerin verschwand und die beiden Freundinnen sahen sich verwundert an.

»Was will sie? Sie heiratet in zwei Stunden und möchte vorher mit dir reden?«, Sara schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es nicht. Sicherlich will sie keinen Rat von mir, sondern mir irgendwas unter die Nase reiben. Sie ist verbittert darüber, dass ich schwanger bin. Du hättest ihr Gesicht sehen sollen, als sie es erfahren hat. Ich dachte, sie würde Shiraf und mir bei lebendigem Leibe die Haut abziehen.«

Sara kicherte, während sie ein letztes Mal an den schwarzen Haaren ihrer Freundin zupfte.

»Ich denke, sie würde das eher ihrem Schatten im Auftrag geben, als dass sie es selbst macht. Weißt du, wie er heißt? Ich habe ihn einmal kurz gesehen; er macht mir furchtbar Angst. Wieso lässt Scheich Marek ihn so ungezwungen herumlaufen? Es ist gefährlich, einem Auftragsmörder so viele Freiheiten zu gönnen.«

»Er heißt Amar und weicht Talia nicht von der Seite, ist so etwas wie ihre Leibwache. Er geht nur, wenn sie ihn darum bittet«, antwortete Sarlia. Sie erinnerte sich daran, wie Talia ihn bei einem privaten Abendessen mit Karem, Shiraf und ihr wie einen Hund weggescheucht hatte.

Sara verzog kurz die Mundwinkel. »Ich wette, sie plant irgendetwas.«

»Ja, ich befürchte dasselbe. Shiraf und ich trauen ihr nicht. Sie verbirgt etwas.«

Die Freundin zog eine Schnute. »Nun ja, sich von ihnen fernzuhalten ist wohl das Beste. Ich bekomme schon eine Gänsehaut, wenn ich an ihn denke«, zur Bestätigung ihrer Worte zeigte sie Sarlia ihren Arm.

Sara ließ von der Prinzessin ab und zeigte ihr im großen Spiegel ihr Antlitz. Sie hatte ganze Arbeit geleistet, wie nicht anders zu erwarten. Sarlias lange Haare hatte sie mit kunstvollen Spangen verziert und es glänzte wie Seide. Ihr Körper umschmeichelte ein bodenlanges blutrotes Kleid mit goldenen Verzierungen. Die Prinzessin spürte den Stoff kaum auf ihrer Haut. Ihre Augen waren nachtschwarz geschminkt und dabei leuchteten ihre grünen Iriden wie zwei Smaragde.

»Sehr schön.«

Shirafs Stimme umspielte ihr Ohr und sie erschrak. Dann drehte sie sich zu ihm um und schenkte dem Prinzen ein Lächeln, der an der Wand lehnte und sie eindringlich musterte.

»Wenn ich dich so sehe, könnte ich dich glatt nochmal heiraten«, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu, und sie errötete.

»Danke.«

Er trug ein schwarzes Hemd mit goldenen Stickereien und eine passende Hose. An seinem Gürtel war ein reich verzierter Säbel befestigt.

»Weißt du, eigentlich können wir hierbleiben. So wichtig ist Karems Hochzeit auch wieder nicht«, flüsterte er und sein intensiver Blick ließ es in ihrem Bauch kribbeln.

»Ich muss zu Talia. Sie möchte mit mir reden«, erwiderte Sarlia schnell, bevor ihr Mann sich zu ihr vorbeugte, um sie zu küssen. Sie wusste genau, wie das sonst enden würde.

Er zog die Stirn kraus. »Was will sie?«

»Ich weiß es nicht.« Sarlia schüttelte den Kopf. »Ich denke, sie will mir wieder einmal sagen, wie viel besser sie ist.«

»Sie ist eifersüchtig auf dich, deinen Stand und dein Glück«, erriet Sara und begrüßte Shiraf mit einer Verbeugung.

»Eifersüchtig?«, wollte Sarlia wissen und der Prinz grinste. Er legte die rechte Hand um ihre Taille und zog sie an sich. Sein warmer Atem umspielte ihr Gesicht.

»Natürlich ist sie das. Sie wird immer die zweite Geige am Hofe von Omar sein. Du meine Liebe, wirst sie in den Schatten stellen. Denn du bist Sarlia, Prinzessin von Perséi und Karesh. Du bist meine Ehefrau. Außerdem wirst du in wenigen Monaten unser Kind auf die Welt bringen, etwas, von dem Talia weit entfernt ist. Davon abgesehen habe ich sie damals verschmäht, dich aber nicht.« Er zwinkerte ihr zu.

Sie lachte leise und ließ sich von ihrem Mann auf die Lippen küssen. Seine Worte beflügelten sie, zeigten ihr, wie viel sie ihm bedeutete.

»Und«, fügte er noch hinzu, »ich bin ein weitaus besserer Fang als Karem.«

»Eingebildet wie eh und je«, kicherte sie und schlug ihm spielerisch auf die Brust. »Ich werde mich zu meiner zukünftigen Schwägerin begeben. Bis gleich.«

Ein letztes Mal küsste sie ihn auf die Lippen. Besitzergreifend drückte er sie an sich und raubte ihr den Atem. Er strich ihr vorsichtig über die Wange und sah sie an. »Lass dich nicht von ihr reizen. Bitte.«

»Wer? Ich?«, sie schnaubte empört.

»Ich kenne dich, du bist manchmal viel zu aufbrausend. Du musst dich endlich zügeln«, er stupste sie auf die Nase. »Mir zuliebe.«Sie seufzte ergeben. »Ich werde es versuchen – versprechen kann ich es nicht.«

Er küsste sie auf die Stirn. »Das genügt mir. Und jetzt geh, nicht, dass sie zetert, weil man sie hat warten lassen.« Ein letztes Mal schenkte sie Shiraf einen liebevollen Blick, bevor er sie losließ und sie sich auf den Weg zu Talia machte.

***

Sarlia fand die Königstochter in der Vorhalle. Sie saß auf einer Bank und betrachtete gedankenverloren den Springbrunnen.

»Prinzessin Talia«, begrüßte Sarlia sie mit gespielter Freundlichkeit. Die Angesprochene drehte sich zu ihr um. Ihre rotbraunen Augen sahen die Ältere listig an.

»Prinzessin Sarlia, Ihr seid gekommen.«

Talia stand auf und verneigte sich leicht vor ihr. Sarlia erwiderte die Geste mit einem Nicken. Sie würde sich nicht vor ihr verbeugen. Ihr Stand, der über dem von Talia war, verwehrte ihr das. Darüber lächelte sie innerlich breit.

»Ihr wolltet mich sehen?« Talia erhob sich und dabei schweifte ihr Blick über Sarlias Bauch, der inzwischen preisgab, dass darin etwas heranwuchs.

»Wie geht es Euch, Prinzessin? Habt Ihr Beschwerden?«

Sarlia wurde wachsam. »Nein. Es geht mir gut, danke der Nachfrage. Ihr hingegen scheint nicht nervös zu sein, dafür, dass Ihr in nicht einmal zwei Stunden verheiratet seid?«

»Nein. Wieso sollte ich? Ich warte seit fast einem halben Jahr darauf, Karems Frau zu werden. Ich wurde seit meiner Geburt darauf vorbereitet.«

Sarlia hörte den Seitenhieb heraus, doch sie ignorierte ihn geflissentlich. Sie würde sich nicht von ihr reizen lassen – auch wenn es sie viel Überwindung kostete, ihren Zorn herunterzuschlucken. Sie würde diesem Miststück keinen Triumph gönnen.

Talia merkte, dass Sarlia nicht auf ihre Bemerkung einging, und strich ihr honigfarbenes Kleid glatt. Sie musste sich beeilen, immerhin wartete ihr Hochzeitskleid auf sie.

»Und? Habt Ihr schon einen Namen für das Kind?«, wechselte sie das Thema.

Sarlia blinzelte. »Nein.«

»Ich habe schon Namen für meine Kinder«, erwiderte die andere Frau heiter. »Wollt Ihr sie hören?«

»Nein.« Sarlia biss sich auf die Unterlippe.

»Was wollt Ihr von mir, Talia?«, fragte sie unverwandt. Sie hatte keine Lust, sich von ihr hinhalten zu lassen. Die Jüngere lächelte gerissen.

»Euch kann man nicht täuschen, Prinzessin. Gut, ich verrate Euch, was ich will.«

Talia ging einige Schritte auf sie zu und blieb vor ihr stehen. Ihr Lächeln war immer noch dasselbe.

»Ihr glaubt, dass Ihr am Ziel seid, weil Ihr ein Kind in Euch tragt. Aber merkt Euch, dass ich alles dafür tun werde, dass ihr Euer Bestreben nicht erreichen werdet.«

Sarlia lachte kalt auf. »Und deswegen ruft Ihr mich? Um mich einzuschüchtern? Prinzessin Talia, ich weiß nicht, wie es bei Euch üblich ist, aber ich bin als Außenseiterin aufgewachsen. Ich weiß, wie es ist, Drohungen an den Kopf geworfen zu bekommen. Ihr macht mir keine Angst – und Shiraf auch nicht. Seid froh, wenn ich ihm nichts von unserer kleinen Unterhaltung anvertraue. Wer weiß, was er sich sonst einfallen lassen würde.«

Talias Mundwinkel zuckte, dann ließ sie einen verächtlichen Blick über Sarlias Bauch schweifen.

»Ihr werdet schon noch sehen, was Ihr davon habt, Bastardprinzessin!«

Talia spuckte ihr vor die Füße, bevor sie sich umdrehte und ging. Jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, bei dem Sarlia ihr hinterherlief, sie am Haar packte und ihr mitten ins Gesicht schlug. Aber sie riss sich zusammen, schluckte ihren Ärger hinunter und machte sich wutschnaubend auf dem Weg zu ihren Gemächern.

Da sie immer noch stocksauer auf Talia war, merkte sie nicht, dass sie mit jemanden zusammenstieß. Sarlia erschrak, doch bevor sie auf den Boden fallen konnte, packte sie derjenige am Handgelenk und zog sie hoch.

Sie sah in zwei dunkelgrüne, amüsiert dreinblickende Augen – Karems Iriden.

»Danke«, stammelte sie, als sie wieder die Kontrolle über ihr Gleichgewicht hatte. Seine Finger umschlossen immer noch ihr Handgelenk.

»Du siehst … umwerfend aus«, sagte er mit warmer Stimme und Sarlia erschauderte. Sein Blick war durchdringend und es gefiel ihr nicht.

»Danke, du aber auch«, antwortete sie und zwang sich zu einem kleinen Lächeln. Karem trug edle Kleidung aus goldenem Stoff und einen Ziersäbel, der an den von Shiraf erinnerte.

Er zwinkerte ihr zu. »Ich finde es schön, dass wir uns noch einmal sehen, bevor ich Talia heirate.«

Die Freude liegt nicht auf meiner Seite, dachte sie und ihr wurde flau im Magen, wenn sie an seine Annäherungsversuche dachte, die Erfolg gehabt hätten, wenn Shiraf nicht ihr Herz gewonnen hätte.

Karem wusste, dass seine Anziehungskraft bei ihr wirkte und machte schamlos Gebrauch davon.

»Wieso?«, fragte sie zögerlich. Seine Hand hielt sie immer noch fest. Die Wärme seiner Finger machte sie nervös. Wieso kam keiner diesen Gang entlang, verdammt nochmal! Sonst lief hier doch dauernd irgendwer rum.

Karem seufzte und sein Daumen strich über ihr Handgelenk. Eine Gänsehaut breitete sich bei Sarlia aus. »Ich … Ich weiß nicht, ob ich das Richtige tue«, gestand er ihr und seine Stimme wurde etwas leiser.

»Talia und ich. Ist es richtig, sie zu heiraten?«

Sie sah ihn empört an. »Warte. Du kommst kurz vor der Hochzeit auf die Idee, dass es falsch sein könnte?! Meinen Glückwunsch – das fällt dir früh ein!«

Er seufzte niedergeschlagen.

»Zugegeben, ein deutlich schlechter Zeitpunkt. Aber ich habe nachgedacht, über alles. Talia ist wunderschön und ich verstehe mich mit ihr, aber sie ist nicht wie du.«

Ihr Herz setzte für einen Schlag aus. Das Entsetzen musste ihr ins Gesicht gemeißelt sein, denn er wirkte unsicher.

»Karem, ich …« Sie kam nicht weiter, denn er unterbrach sie unwirsch.

»Ich weiß, dass zwischen dir und Shiraf alles perfekt läuft und dass ihr euch liebt … und ich wünsche mir das Gleiche für mich und Talia. Aber ich weiß, dass es bei uns beiden nie so sein wird, wie bei euch. Ich habe mich zwar in sie verliebt, aber ich werde sie niemals von ganzem Herzen lieben können. Das was ich für sie empfinde, ist nicht dasselbe, wie das, was ich für dich fühle. Sarlia, ich …!«

»Hoheit.«

Die kalte, dunkle Stimme unterbrach Karems Redeschwall und sie war froh darüber. Der Prinz ließ ihr Handgelenk los, als hätte er sich daran verbrannt. Karems Blick richtete sich an Sarlia vorbei dem Mann zu, der hinter ihr stand.

Sein ganzer Körper war in Schwarz gehüllt und das dunkle Tuch in seinem Gesicht gab nichts weiter frei als die Augen, sowie einige Strähnen seiner dunkelbraunen Haare.

Amars schwarzbraune Augen glichen einer Drohung, und Karem senkte schnell den Blick. Er verneigte sich tief vor Sarlia.

»Wir reden die Tage weiter«, wisperte er.

»Nein, das werden wir nicht«, stellte sie mit ernster Stimme klar, doch ihre grünen Augen verrieten ihm, dass sie sich belog.

»Natürlich.« Seine Stimme war rau, klang unzufrieden.

Er warf Amar einen letzten Blick zu, dann ging er an dem Assassinen vorbei. Seine Schritte verhallten an den marmornen Wänden.

Sarlia wollte weitergehen, ohne sich zu ihrem Retter umzudrehen, doch der Schatten war schnell. Er ragte plötzlich vor ihr auf.

»Was soll das?«, sie verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ihr solltet Euch von Prinz Karem fernhalten, wenn Euch Euer Leben lieb ist.«

Sie rollte mit den Augen – schon die zweite Drohung heute. Hörte das denn nie auf?

»Sagt das ihm und nicht mir. Ich halte mich von ihm fern.«

»Ihr verfügt über eine gewaltige Anziehungskraft, Prinzessin, und Ihr seid Euch ihrer nicht bewusst. Versucht Euch, von dem Prinzen fernzuhalten. Sein Geist ist schwach.«

Sie zog die Stirn kraus. Es klang wie eine Beleidigung Karem gegenüber, doch sie hütete sich davor, ihn dafür zu tadeln.

Amar war ein Assassine. Auch wenn er seine Waffen nicht offen trug, er hatte sicherlich welche unter seiner Kleidung versteckt. Einen Assassinen zu verärgern, war nie ratsam – genauso wie einen Djinn gegen sich aufzubringen, wie sie von Sara wusste.

»Danke, dass Ihr mich darüber aufgeklärt habt«, erwiderte sie nörgelnd.

»Es ist zu Eurer eigenen Sicherheit, Prinzessin Sarlia. Ich mache mir nur Sorgen um Euer Wohl.«

Sie verkniff sich die spitze Bemerkung und nickte.

»Danke. Ich muss weiter; die Hochzeit findet bald statt«, entschuldigte sie sich und ging an ihm vorbei.

»Natürlich, Prinzessin.«

Sarlia atmete tief ein und lehnte sich erschöpft gegen die nächste Ecke. Sie wünschte sich, dass der Tag heute schnell vorbeigehen würde.

***

Rian lehnte an einer Säule in der Halle und begutachtete das bunte Treiben aufmerksam. Die Zeremonie war seit einigen Stunden zu Ende und die Abendsonne fiel durch das großzügige, lichtdurchlässige Dach. Er beneidete Prinzessin Talia und Prinz Karem. Die beiden waren ein wunderschönes Paar und tanzten lachend zusammen.

Dieser Anblick versetzte ihm einen tiefen Stich ins Herz und er wagte es nicht, in Sarlia und Shirafs Richtung zu blicken. Die beiden Eheleute saßen wenige Armlängen von ihm entfernt und Shiraf unterhielt sich angeregt mit seinem Onkel, während er unter dem Tisch Sarlias Hand streichelte.

Rian biss sich auf die Unterlippe. Er wollte sich abwenden, aus der Halle verschwinden und in die Kammer zurückkehren, die man ihm zugeteilt hatte, doch dann stand auf einmal Sarlia neben ihm. Sie lächelte aufmunternd.

»Na?«, fragte sie.

Sein Herz machte einen Sprung, als er ihre Nähe spürte. Sarlia war wunderschön – das Kleid schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihren Körper und er erahnte ihre langen, schwarzen Haare, die unter einem Halbschleier versteckt waren.

»Ich habe dich gar nicht gehört«, gestand der Freund und seine Hände begannen zu schwitzen.

»Du warst in Gedanken«, erklärte sie und die Prinzessin stellte sich neben ihn zu der Säule. Stumm betrachtete sie das tanzende Brautpaar und Sarlia seufzte wehmütig.