Verrat - Jim Butcher - E-Book
Beschreibung

Wenn es um den Weißen Rat geht, kommen Harry sofort Gedanken wie schwarzes Schaf oder Opferlamm in den Sinn, und niemand schafft es, Dresden mit mehr Geringschätzung zu behandeln als Morgan, ein Wächter-Veteran, der einen Groll gegen jeden hegt, der die Regeln bricht. Doch diesmal steckt Morgan in ernsthaften Schwierigkeiten. Er wird eines kaltblütigen Mordes beschuldigt - eines Verbrechens, für das es nur eine finale Strafe gibt. Nun ist Morgan auf der Flucht und versucht, seinen Namen reinzuwaschen. Hierzu benötigt er einen echten Underdog - jemanden wie Harry, der für ihn den Verräter im Rat ausfindig macht und dabei selbst nicht unter Verdacht gerät. Andernfalls könnte es jemandes Kopf kosten, und dieser Jemand könnte Dresden selbst sein.

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Seitenzahl:764

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Sammlungen



Autor: Jim Butcher

Deutsch von: Dorothee Danzmann

Lektorat: Oliver Hoffmann

Art Director: Oliver Graute

Umschlagillustration: Chris McGrath

© Jim Butcher 2009

© der deutschen Übersetzung Feder&Schwert 2012

E-Book-Ausgabe

ISBN 978-3-86762-161-8

Originaltitel: Turn Coat

Verrat ist ein Produkt von Feder&Schwert unter Lizenz von Jim Butcher 2011. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Jim Butcher.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

Für Bob. Schlaf gut.

Danksagung

Ich möchte mich bei meiner wunderbaren Lektorin Anne Sowards, bei meiner Agentin Jenn Jackson und bei meinen armen Testlesern bedanken, die bestimmt vorher nicht gewusst haben, worauf sie sich einließen. Dieses Buch hat mir Probleme beschert, von denen ein Autor normalerweise nur träumen muss, und ihr wart mir eine unschätzbare Hilfe – irgendwann fällt mir bestimmt auch noch ein, wie ich mich bei euch für die investierte Zeit und Mühe revanchieren kann.

Außerdem gilt mein Dank wie jedes Mal Shannon und JJ, die mich gern haben, selbst wenn ich immer mal wieder für ganze Tage in meinem Kopf verschwinde.

1. Kapitel

Die Sommersonne brannte emsig auf den Asphalt von Chicagos Straßen. Mich ließen brutale Kopfschmerzen schon den halben Tag lang in der Horizontale dahinvegetieren, und jetzt hämmerte auch noch irgendein Idiot mit voller Wucht an meine Wohnungstür.

Ich ging aufmachen. Vor mir stand Morgan, eine Gesichtshälfte blutüberströmt. „Die Wächter sind hinter mir her“, japste er. „Verstecken Sie mich. Bitte.“

Sprach’s, verdrehte die Augen, bis sie im Schädel zu verschwinden drohten, und brach zusammen.

Oha.

Na wunderbar!

Eigentlich hatte ich gedacht, Schlimmeres als die Schmerzen in meinem Kopf könnte mir an diesem Tag nicht widerfahren.

„Von allen verdammten ...“ Hilflos starrte ich Morgans reglose Gestalt an. „Das darf doch nicht wahr sein!“ Ich war echt schwer versucht, die Tür zuzuschlagen und das Häufchen Elend davor liegen zu lassen. Verdient gehabt hätte der Typ es allemal.

Einfach nur dastehen und gar nichts tun ging natürlich auch nicht.

„Harry, du bist nicht ganz dicht im Kopf!“, knurrte ich vor mich hin, während ich meine Schutzzeichen – das magische Sicherungssystem, mit dem ich meine Wohnung ausgestattet habe – deaktivierte, Morgan unter den Achseln packte und in meine Bude zerrte. Der Mann war groß, gut einen Meter neunzig, und reichlich mit Muskeln bepackt, die gerade sämtlich den Dienst quittiert hatten. Obwohl ich selbst kein zartes Püppchen war, hatte ich Mühe, die schlaffe Gestalt über meine Schwelle zu bugsieren.

Sobald das geschafft war, knallte ich die Tür hinter ihm zu und richtete die Schutzzeichen wieder auf. Ein Dutzend im Zimmer verteilter Kerzen erwachte flackernd zu Leben, nachdem ich mit der Hand vage auf meine Wohnung gedeutet, meinen Willen gebündelt und „Flickum Bicus“ gemurmelt hatte. Dann kniete ich mich neben den bewusstlosen Morgan, um mir seine Verletzungen anzusehen.

Die bestanden zum einem aus einem guten Dutzend übler Schnittwunden, aus denen Blut sickerte und die hässlich, wohl auch recht schmerzhaft, aber nicht lebensbedrohlich waren. Dann hatte links unter dem Arm die Haut über den Rippen Blasen geworfen und sah versengt aus – an dieser Stelle zierte ein großes Brandloch das weiße Hemd –, und oben am Bein hatte jemand mit etwas, das wie ein Küchenhandtuch aussah, ungeschickt eine sehr tiefe Wunde bandagiert, an die ich mich nicht herantraute. Ich mochte noch nicht einmal den Verband abnehmen, musste ich doch befürchten, dass die Wunde wieder zu bluten anfing. Meine Medizinkenntnisse waren nicht gerade so, dass ich jemandes Leben darauf verwetten wollte.

Selbst Morgans Leben nicht.

Hier war ein Arzt gefragt.

Aber wenn die Wächter des Weißen Rates tatsächlich hinter Morgan her waren, dann wussten sie höchstwahrscheinlich auch von seinen Verletzungen und beobachteten besonders Krankenhäuser mit Argusaugen. Von einem Besuch in einer der Notaufnahmen unserer Gegend bekam der Rat innerhalb weniger Stunden Wind.

Also rief ich einen Freund an.

***

Waldo Butters untersuchte Morgans Verletzungen eine Zeitlang schweigend, während ich ihm nervös über die Schulter sah. Waldo war ein feingliedriges, drahtiges kleines Männchen, dem die schwarzen Haare wie immer wirr um den Kopf standen wie das Fell eines verschreckten Kätzchens. Er trug grüne OP-Kleidung und Turnschuhe, und seine Hände arbeiteten flink und geschickt. Hinter der runden Brille mit dem schwarzen Stahlrand blitzten dunkle, sehr intelligente Augen. Insgesamt allerdings wirkte der Mann, als hätte er seit mindestens zwei Wochen nicht mehr geschlafen.

„Ich bin kein Arzt“, sagte Butters.

Diese Arie sangen wir nicht zum ersten Mal. „Du bist der mächtige Butters“, sagte ich, „dem nichts unmöglich ist.“

„Ich bin Gerichtsmediziner. Ich schneide Leichen auf.“

„Nenn es eine Präventivautopsie, wenn dir dann wohler ist.“

Butters warf mir einen schwer zu deutenden Blick zu. „Kannst ihn nicht in eine Klinik schaffen, was?“

„Du hast es kapiert, Mann.“

Er schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ist das nicht der Typ, der mal an Halloween versucht hat, dich umzubringen?“

„Nicht nur damals an Halloween. Auch davor schon mehr als einmal.“

Butters klappte sein Arztköfferchen auf und fahndete nach etwas. „Wobei ich nie ganz verstanden habe, warum.“

Ich zuckte die Achseln. „Als ich jung war, habe ich jemanden getötet. Mit Magie. Ich wurde von den Wächtern geschnappt, und es kam zu einem Prozess vor dem Weißen Rat.“

„Wo du dann ja offenbar freigesprochen wurdest.“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Aber sie waren der Meinung, ich hätte noch eine zweite Chance verdient. Der Mann, den ich umgebracht habe, wollte nämlich eigentlich mich mit Hilfe von Magie umbringen, und ich habe mich nur verteidigt, um mein Leben zu retten. Die Strafe wurde quasi zur Bewährung ausgesetzt. Morgan war mein Bewährungshelfer.“

„Bewährung?“, erkundigte sich Butters.

„Beim nächsten Regelverstoß sollte er mir den Kopf abschlagen. Das hätte er auch zu gerne getan, weswegen er praktisch ständig hinter mir herschlich, um einen guten Grund auszumachen.“

Butters warf mir einen fragenden Blick zu.

„Der Typ hat mir in den ersten Jahren meines Lebens als Erwachsener ziemliche Kopfschmerzen bereitet. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, ich müsste mich umschauen, nachsehen, ob er gerade da ist. Er hat mich bedrängt und belästigt. Eine Weile hatte ich schreckliche Alpträume, in denen er die Hauptrolle spielte.“ Wenn man es genau nahm, plagten mich diese Träume, in denen mich ein erbarmungsloser Killer im grauen Umhang mit einem fies kalten Schwert in der Hand verfolgte, immer noch.

Butters schickte sich an, die Beinwunde von ihrem durchnässten Verband zu befreien. „Aber jetzt hilfst du ihm?“

Ich zuckte die Achseln. „Er hielt mich für ein gefährliches Tier, das eingeschläfert gehört. Das war seine ehrliche Meinung, und er hat sich einfach entsprechend verhalten.“

Butters bedachte mich mit einem raschen Seitenblick. „Aber jetzt hilfstdu ihm?“

„Er hatte Unrecht, was mich betrifft“, erklärte ich. „Ein Schurke ist er deswegen nicht. Ein Arschloch schon, aber kein Schurke, und nur weil jemand ein Arschloch ist, bringt man ihn nicht gleich um.“

„Ihr habt euch versöhnt, was?“

„So kann man das nun auch wieder nicht sehen.“

Butters lüpfte die Brauen. „Was ist mit ihm? Warum wendet er sich ausgerechnet an dich, wenn er Hilfe braucht?“

„Da müsste ich raten. Ich würde drauf tippen, dass er hier ist, weil meine Wohnung der letzte Ort sein dürfte, wo man ihn vermutet.“

„Himmel hilf!“, murmelte Butters, der inzwischen den improvisierten Verband gelöst hatte und nun eine Wunde von vielleicht sechs Zentimetern Länge vor sich sah, nicht groß also, dafür aber tief. Die Wundränder kräuselten sich wie die Lippen eines kleinen Mundes, und zwischen ihn sickerte sofort wieder Blut hervor. „Wie eine Messerwunde, nur größer!“

„Stammt wahrscheinlich auch von so was wie einem Messer“, sagte ich. „Nur größer.“

„Ein Schwert?“, fragte Butters. „Das kann nicht dein Ernst sein.“

„Die vom Rat sind noch von der alten Garde und altmodisch“, erklärte ich, „und damit meine ich echtaltmodisch.“

Butters schüttelte den Kopf. „Du hast ja gesehen, wie ich mir die Hände gewaschen habe. Wasch sie dir genauso. Zwei bis drei Minuten sollte es schon dauern. Dann zieh dir OP-Handschuhe an und komm wieder her. Ich brauche Hilfe.“

„Mensch, Butters ...“ Ich musste schlucken. „Ob ich da der Richtige ...“

„Oh, leck mich am Arsch, Magierknabe!“ Butters klang verstimmt. „Komm mir nicht mit faulen Ausreden. Wenn es nichts ausmacht, dass ich kein Arzt bin, macht es auch nichts aus, dass du kein Pfleger bist. Wasch deine verdammten Händen und hilf mir, ehe uns der Typ hier wegstirbt.“

Hilflos starrte ich meinen Freund eine Sekunde lang an, dann ging ich mir die verdammten Hände waschen.

Eins kann ich Ihnen verraten: Hübsch war die OP nicht. Irgendwie schwebte da ständig ein ganz lächerliches Gefühl in der Luft, als würde einem hier Intimeres eines anderen Menschen präsentiert, als eigentlich schicklich sein konnte. Was sich ungefähr so anfühlte, als träfe man unverhofft und unbeabsichtigt Vater oder Mutter im Adamskostüm an. Nur war bei einer OP mehr Blut im Spiel. Bestandteile des Körpers lagen frei, die deutlich nicht ins Freie gehörten, und diese Körperteile waren voller Blut. Das Ganze war vage peinlich, ekelerregend und gleichzeitig ganz schön aufwühlend.

„Das hätten wir“, verkündete Butters eine halbe Ewigkeit später. „Du kannst loslassen. Nimm die Hände da weg! Die sind mir im Weg.“

„War die Arterie getroffen?“, wollte ich wissen.

„Grundgütiger, nein! Wer immer da zugestochen hat, die Arterie hat er kaum angekratzt. Sonst wäre der Mann nicht mehr am Leben.“

„Aber jetzt ist alles geregelt, oder?“

„Kommt drauf an, wie du ‚geregelt’ definierst. Das hier eben war eine Küchentisch-OP der denkbar primitivsten Sorte, aber die Wunde dürfte geschlossen bleiben, wenn unser Mann damit nicht groß rumläuft. Dennoch sollte er sich so schnell wie möglich von einem richtigen Mediziner untersuchen lassen.“ Butters runzelte konzentriert die Stirn. „Ich brauche noch eine Minute, ja? Dann ist alles dicht.“

„Lass dir Zeit! Ich habe es nicht eilig.“

Schweigend nähte Butters den Schnitt und deckte die Wunde mit Verbandsmull ab, ehe er sich den kleineren Verletzungen zuwandte. Bei den meisten reichte eine Bandage, eine besonders hässliche musste er mit ein paar Stichen nähen. Die Brandwunde versorgte er mit einem örtlich wirkenden Antibiotikum und schützte sie vorsichtig mit einer Lage aus feiner Verbandsgaze.

„So!“, sagte er schließlich. „Es ist alles so gut es ging steril, aber wenn trotzdem eine Infektion auftritt, würde mich das nicht groß wundern. Wenn er fiebert oder sich eine sehr starke Schwellung bildet, hast du die Wahl – entweder du schaffst ihn in ein Krankenhaus oder ins Leichenschauhaus.“

„Verstanden“, sagte ich leise.

„Jetzt gehört er aber erst einmal ins Bett. Er muss es warm haben.“

„Gut.“

Wir hoben Morgan gleich mit der Papierabdeckung hoch, auf der er lag, und schafften ihn in das einzige Bett in der Wohnung, das schmale Einzelbett in meinem Schlafzimmer. Dorthinein passte kein größeres Bett, das Zimmer selbst war ja kaum geräumiger als ein Kleiderschrank. Wir deckten Morgan zu.

„Eigentlich gehört er an einen Tropf mit einer Kochsalzlösung“, meinte Butters. „Eine Einheit Blut könnte auch nicht schaden, wenn wir schon mal beim Thema sind, und Antibiotika braucht er auf jeden Fall, aber ich kann keine Rezepte ausstellen.“

„Das regele ich schon“, sagte ich.

Butters verzog das Gesicht. Er schien ein paar Mal etwas sagen zu wollen, überlegte es sich aber immer anders.

„Harry?“, fragte er schließlich doch noch. „Du bist ja selbst im Weißen Rat, oder?“

„Bin ich.“

„Wächter bist du auch, habe ich das richtig verstanden?“

„In der Tat.“

Butters schüttelte den Kopf. „Dann sind also deine eigenen Leute hinter dem Typen her? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Freundsprünge machen, wenn sie ihn hier bei dir vorfinden.“

Ich zuckte die Achseln. „Über irgendwas regen die sich immer auf.“

„Ich meine das ernst, Harry. Du kannst dir eine Menge Ärger einhandeln. Warum willst du ihm helfen?“

Einen Moment lang starrte ich schweigend auf Morgans blasses, erschlafftes Gesicht.

„Weil Morgan nie gegen die Gesetze der Magie verstoßen würde“, sagte ich leise. „Nie. Auch dann nicht, wenn es ihn das Leben kosten würde.“

„Da scheinst du dir ganz sicher zu sein.“

Ich nickte. „Da bin ich mir absolut sicher, und ich helfe ihm, weil ich weiß, wie es ist – wenn die Wächter wegen einer Sache, die man gar nicht gemacht hat, hinter einem her sind.“ Ich stand auf und wandte mich von dem Ohnmächtigen in meinem Bett ab. „Das weiß ich besser als jeder andere. Jeder andere Lebende.“

Butters schüttelte den Kopf. „Irgendwie bist du ganz schön verrückt.“

„Vielen Dank für die Blumen!“

Er begann, alles zu säubern, was er während der improvisierten OP aus seinem Köfferchen geholt hatte. „Wie steht es mit deinen Kopfschmerzen?“

Ich litt seit ein paar Monaten unter ständig heftiger werdenden Migräneanfällen. „Prima.“

„Ja, klar“, meinte Butters trocken. „Mir wäre es wirklich lieb, wenn du es doch noch einmal mit einem MRT versuchen würdest.“

Magier und Technologie – das war eine heikle Sache. Von friedlicher Koexistenz konnte man da kaum sprechen, und so ein MRT gehört nun mal leider in den Bereich Technologie. „Eine Taufe mit Feuerlöschschaum pro Jahr reicht mir völlig“, wehrte ich ab.

„Es könnte was Ernsthaftes sein“, warnte Butters. „Kopf und Nacken – damit spaßt man nicht. Da gehen zu viele wichtige Dinge ab.“

„Die Schmerzen sind ja auch schon weniger geworden“, log ich tapfer.

„Schwachsinn.“ Butters warf mir einen Blick zu, der es mit einem Schlagbohrer hätte aufnehmen können. „Du hast doch gerade wieder welche, oder?“

Mein Blick glitt von Butters hinüber zu Morgan, der friedlich auf meinem Bett ruhte. „Momentan“, gestand ich seufzend ein, „habe ich höllische Kopfschmerzen.“

2. Kapitel

Morgan schlief.

Meinen ersten Eindruck von diesem Mann würde ich wohl nie vergessen: groß, muskelbepackt, das Gesicht hager und eingefallen. Ein Gesicht, das einen spontan an einen frommen Asketen oder leicht durchgeknallten Künstler denken ließ. Das brünette Haar zeigte schon eisgraue Strähnen, der Bart, obschon stets sauber gestutzt, sah immer so aus, als brauche er noch ein paar Wochen, um ganz dicht zu sein. Zu Morgans hervorstechenden Eigenschaften gehörten der harte, feste Blick und ein Wesen, das große Ähnlichkeit mit dem tröstlichen, beruhigenden Charme eines Zahnarztbohrers aufwies.

Schlafend wirkte er – alt. Zerschlagen. Tiefe Sorgenfalten hatten sich zwischen den Brauen und an den Mundwinkeln eingegraben. Den Händen – große Pratzen mit leicht stumpfen Fingern – sah man das Alter am ehesten an. Ich wusste, dass Morgan mehr als ein Jahrhundert auf dem Buckel hatte, nach Magierbegriffen also so langsam als erwachsen gelten konnte. Über beide Hände zogen sich Narben, die Graffiti der Gewalt. Ring- und kleiner Finger der rechten Hand lagen steif und etwas verkrümmt auf der Bettdecke, als hätte er sie sich irgendwann einmal heftig gebrochen und sie heilen lassen, ohne sie richten zu lassen. Die Augen lagen tief in den Höhlen, die Haut darunter war so dunkel, dass es fast schon nach blauen Flecken aussah. Vielleicht litt ja auch Morgan unter Alpträumen.

Wenn er schlief, fiel es mir schwerer, mich vor ihm zu fürchten.

In der Küchennische erhob sich mein großer, grauer Hund Mouse von seinem angestammten Schlafplatz, um zu mir herüberzuschlendern. Neunzig Kilo stummer, kameradschaftlicher Gesellschaft. Mit ernster Miene musterte er Morgan auf dem Bett, ehe er zu mir hochsah.

„Tu mir einen Gefallen, ja?“, bat ich. „Bleib bei ihm und sorg dafür, dass er mit dem kaputten Bein nicht rumläuft. Das könnte ihn nämlich umbringen.“

Mouse rammte mir den riesengroßen Schädel in die Hüfte, gab ein leises Schnaufen von sich und tappte zum Bett hinüber, wo er sich fallen ließ, lang ausstreckte und sofort wieder einschlief.

Leise zog ich die Schafzimmertür hinter mir ran, ohne sie ganz zu schließen, ließ mich in den Sessel neben dem Kamin fallen, massierte mir die Schläfen und versuchte, Ordnung in meine Gedanken zu bringen.

Beim Weißen Rat der Magier handelte es sich um das Gremium, das den Gebrauch von Magie in der Welt überwachte – er setzte sich aus den mächtigsten Zauberkundigen aus aller Herren Länder zusammen. Die Mitgliedschaft im Weißen Rat ließ sich mit dem Erwerb des Schwarzgurtes in einer der asiatischen Kampfkünste vergleichen – der Beweis dafür, dass man sich selbst gut im Griff hatte und über Fertigkeiten verfügte, die von Gleichrangigen anerkannt wurden. Auf der Grundlage der sieben Gesetze der Magie wachte der Rat über den Umgang seiner Mitglieder mit ihren magischen Talenten.

Gnade Gott dem armen Zauberkundigen, der gegen eins dieser sieben Gesetze verstieß, denn dem schickte der Rat die Wächter auf den Hals, die für die Durchsetzung von Recht und Gesetz zu sorgen hatten. In der Regel bedeutete das die rücksichtslose Verfolgung des straffällig Gewordenen, ein rasches Verfahren und umgehenden Strafvollzug – falls der Missetäter nicht schon vorher umgekommen war, als er sich seiner Verhaftung widersetzte.

Das hörte sich hart an, und genauso war es auch. Nur hatte ich im Laufe der Jahre begreifen müssen, dass ein solches Vorgehen durchaus seine Berechtigung haben konnte. Wer sich schwarzer Magier bediente, vergiftete damit den eigenen Geist, die eigene Seele, das eigene Herz. Das geschah nicht sofort und nie auf einen Schlag, sondern ganz langsam, wie ein Tumor, der sich beim Wachsen Zeit ließ, der einen langsam von innen her auffraß, bis die Gier nach Macht letztlich jegliches Einfühlungsvermögen, jegliches Mitleid, das man anfangs vielleicht noch besessen haben mochte verzehrte. Bis ein Magier ganz dieser Versuchung erlag und zum Hexer wurde, waren Menschen ums Leben gekommen, oder es war ihnen noch Schlimmeres widerfahren. Mit Hexern mussten die Wächter einfach kurzen Prozess machen und bei ihrer Arbeit alle irgend erforderlichen Mittel einsetzen, das war ihre Pflicht.

Aber die Verfolgung Straffälliger war nicht die einzige Aufgabe der Wächter, sie fungierten zudem noch als Soldaten und Verteidiger des Weißen Rates. In den jüngsten kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Vampiren hatten die Wächter, Männer und Frauen mit einem Talent für schnelle, gewalttätige Magier, die Hauptlast getragen, und in vielen, vielen Schlachten dieser Zeit hatte Morgan im Zentrum der Kämpfe agiert.

Auch ich hatte im Krieg mein Scherflein beigetragen, aber eigentlich arbeiteten nur die Neuzugänge unter meinen Wächterkollegen gern mit mir zusammen. Die anderen hatten allzu oft miterleben müssen, wie der Missbrauch von Magie Leben zerstörte, und diese Erfahrungen hatten bei ihnen tiefe Narben hinterlassen. Mit einer Ausnahme konnten sie mich nicht leiden, vertrauten mir nicht und wollten nichts mit mir zu tun haben.

Was mir normalerweise hervorragend in den Kram passte.

Nun hatte der Rat im Laufe der letzten Jahre zu der Erkenntnis gelangen müssen, dass jemand aus unseren eigenen Reihen die Vampire mit Insiderinformationen versorgte. Dieser Verräter hatte inzwischen eine Menge Leute auf dem Gewissen, aber bis jetzt war es noch nicht gelungen, ihn zu identifizieren. Die daraus resultierende allgemeine Paranoia sowie die Tatsache, dass der Rat im Allgemeinen und die Wächter im Besonderen mich wie eben beschrieben herzlich wenig liebten, gestalteten mein Leben seit einiger Zeit höchst abwechslungsreich. Noch abwechslungsreicher war es geworden, seit man mich im Zuge der Kriegsanstrengungen selbst als Wächter dienstverpflichtet hatte.

Die Frage war nun also: Was tat Morgan hier bei mir? Warum bat er ausgerechnet mich um Hilfe?

Sie dürfen mich ruhig für verrückt halten, aber ich war in Vielem zutiefst misstrauisch, und von daher schoss mir als erstes der Gedanke durch den Kopf, dass Morgan hier war, um mich zu etwas Verrücktem zu verleiten, was mir dem Rat gegenüber endgültig den Rest geben würde. So abwegig war dieser Gedanke gar nicht: Der Mann hatte vor ein paar Jahren schon einmal versucht, mich auf eine so miese Tour um die Ecke zu bringen. Aber letztlich entbehrte es in diesem Fall doch jeglicher Logik, denn wenn Morgan eigentlich gar keine Probleme mit dem Rat und den Wächtern hatte, dann durfte ich ihn auch getrost vor nichtexistenten Verfolgern schützen, ohne mich dadurch in die Scheiße zu reiten. Außerdem waren da seine Verletzungen, die eine deutlichere Sprache sprachen als sämtliche Erklärungen: Sie waren nicht vorgetäuscht, sie waren tödlich echt.

Morgan war wirklich auf der Flucht.

Ehe ich nicht mehr darüber herausgefunden hatte, was hier eigentlich gespielt wurde, durfte ich niemanden um Hilfe bitten. Bei meinen Wächterkollegen nachhaken und mich beiläufig nach Morgan erkundigen ging schlecht – dann wäre sofort aufgefallen, dass ich ihn gesehen hatte, was umgehend heftiges und potenziell schmerzhaftes Interesse geweckt hätte, und sollte der Rat wirklich hinter meinem alten Kontrahenten her sein, dann wurde jeder, der ihm half, automatisch zum Komplizen, machte sich damit selbst des Verbrechens schuldig, dessen man ihn bezichtigte und setzte sich strenger Verfolgung aus. Also konnte ich wirklich erst einmal niemanden bitten, mir zu helfen.

Besser gesagt: Ich durfte nicht nochjemanden um Hilfe bitten. Das mit Butters hatte sich nicht umgehen lassen, in der Frage war mir keine Wahl geblieben, und da dieser so gar nichts mit irgendwelchen übernatürlichen Umtrieben zu tun hatte, würde man ihm aus einer Komplizenschaft mit mir nicht gleich einen Strick drehen können. Außerdem hatte der Mann beim Rat einen Stein im Brett, nachdem er mir eines Nachts geholfen hatte zu verhindern, dass ein familiengroßer Nekromanten-Mönchsorden einen der Ihren in eine mindere Gottheit verwandelte. Er hatte dabei einem Wächter das Leben gerettet – zweien, wenn man mich mitzählte – und konnte somit als weitaus weniger gefährdet gelten als jeder andere, der Verbindung zu übernatürlichen Kreisen unterhielt.

Wie ich zum Beispiel.

Mann, mein Kopf! Irgendwann würde die Migräne mich noch umbringen.

Intelligentes Vorgehen war erst möglich, wenn ich mehr wusste. Fragen durfte ich keine stellen, das hätte unerwünschte Aufmerksamkeit erregt. Hätte ich mich jetzt kopfüber in hektische Ermittlungen gestürzt, wäre das ein kapitaler Fehler gewesen. Fazit: Ich musste warten, bis Morgan in der Lage war, mit mir zu reden.

Also streckte ich mich auf meiner Couch aus, um nachzudenken. Ich konzentrierte mich auf meine Atmung und versuchte, die Kopfschmerzen zu bannen, indem ich mich entspannte und meine Gedanken ordnete. Das gelang mir so gut, dass ich glatte sechs Stunden liegen blieb, bis der Sommertag vergangen war und sich eine späte Dämmerung über die Stadt gesenkt hatte.

Nein, ich hatte nicht geschlafen, ich hatte meditiert. Das müssen Sie mir jetzt schon glauben.

Ich schreckte auf, als Mouse einen leisen Kehllaut von sich gab, kein richtiges Bellen, aber doch deutlich kürzer und klarer als ein Knurren. Als ich aufstand und in mein Schlafzimmer ging, war Morgan wach geworden.

Mouse stand neben dem Bett und hatte meinem Besucher den schweren, grauen Kopf auf die Brust gelegt. Der kraulte ihn lässig hinter den Ohren, machte bei meinem Anblick allerdings Anstalten, sich aufzusetzen.

Woraufhin sich Mouse ein wenig nach vorn lehnte und ihn sanft wieder aufs Bett streckte.

Morgan bereitete das Atmen sichtlich Unbehagen, und seine Stimme klang krächzend und trocken, als er sagte: „Offenbar hat man mir Bettruhe verordnet.“

„Das kann man so sagen“, antwortete ich gelassen. „Jemand hat Sie schlimm zugerichtet. Der Arzt hielt es für gar keine gute Idee, mit diesem Bein rumzulaufen.“

„Arzt?“ Morgans Blick gewann einiges an Schärfe.

„Immer mit der Ruhe, der Besuch war inoffiziell. Ich kenne da jemanden.“

Morgan schnaubte verdrießlich. Dann fuhr er sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Hätten Sie vielleicht etwas zu Trinken für mich?“

Ich holte ihm ein bisschen Wasser in einer Trinkflasche mit dickem Strohhalm. Er war klug genug, das kalte Zeug nicht gierig in sich hineinzukippen, sondern trank in vorsichtigen, kleinen Schlucken. Dann holte er tief Luft, verzog das Gesicht wie ein Mann, der gleich seine Hand in ein Feuer legen würde und sagte: „Vielen D...“

„Ach, halten Sie doch die Klappe!“, unterbrach ich ihn schaudernd. „DieKonversation kann doch keiner von uns vertragen.“

Vielleicht bildete ich es mir ein, aber ich hatte das Gefühl, dass er sich deutlich entspannte. Auf jeden Fall nickte er und schloss dankbar die Augen.

„Aber jetzt nicht gleich wieder einschlafen!“, mahnte ich. „Ich muss noch Fieber messen, und das könnte peinlich werden, wenn Sie mir nicht helfen.“

„Beim Barte Gottes!“ Morgan schlug eilig die Augen auf. „Das kann man wohl laut sagen!“ Ich ging mein Fieberthermometer holen, eins von diesen altmodischen mit Quecksilber drin, und als ich zurückkam, meinte er: „Sie haben mich also nicht an den Rat übergeben.“

„Noch nicht“, sagte ich. „Ich bin willens, mir anzuhören, was Sie zu sagen haben.“

Morgan nickte. Er nahm mir das Thermometer aus der Hand. „Aleron LaFortier ist tot.“

Woraufhin er sich das Fieberthermometer in den Mund schob – höchstwahrscheinlich wollte er, dass ich vor Spannung umkam. Dieses Schicksal umging ich geschickt, indem ich darüber nachdachte, was das eben Gesagte bedeuten mochte.

LaFortier war Mitglied des Ältestenrats, der sich aus sieben der ältesten und fähigsten Magiern des Planeten zusammensetzte. Er lenkte den Weißen Rat und hatte den Oberbefehl über die Wächter. LaFortier war mager – gewesenmusste ich jetzt wohl sagen. Mager, kahlköpfig und ein scheinheiliger Affe. Ganz sicher war ich mir nicht, da ich zum fraglichen Zeitpunkt eine Kapuze über dem Kopf getragen hatte, aber ich hatte immer den Verdacht gehegt, dass er damals bei meinem Prozess als erster aus dem Ältestenrat die Stimme zum Schuldspruch gegen mich erhoben und sich danach heftig dagegen gewehrt hatte, mir gegenüber Milde walten zu lassen. LaFortier war ein Hardliner. Er gehörte zu den Unterstützern des Merlins, des Oberhauptes des Ältestenrats, der damals voll und ganz gegen mich gewesen war.

Was soll ich sagen? Ein Klassetyp eben.

Gleichzeitig hatte er zu den am besten geschützten Magiern der Welt gehört, denn die Mitglieder des Ältestenrats waren nicht nur einzeln schon echt gefährlich, sondern wurden zudem noch von einer Gruppe von Wächtern bewacht. Seit es im Krieg gegen die Vampire immer wieder zu Mordversuchen gekommen war, hatten die Wächter unglaubliches Geschick darin entwickelt, für die Sicherheit des Ältestenrates zu sorgen.

Rasch zählte ich eins und eins zusammen.

„Das war niemand von außen, das war jemand aus dem inneren Kreis“, sagte ich leise. „Wie der, der bei Archangelsk Simon getötet hat.“

Morgan nickte.

„Ihnen hat man die Sache in die Schuhe geschoben?“

Morgan nickte wieder, nahm das Thermometer aus dem Mund, warf einen Blick darauf und reichte es an mich weiter. Ich sah es mir an: siebenunddreißig und ein paar Zerquetschte.

„Nun?“ Ich beobachtete Morgan. „Haben Sie es getan?“

„Nein.“

Ich grunzte – ich glaubte dem Mann.

„Warum hält man Sie für den Schuldigen?“

„Weil man mich mit der Mordwaffe in der Hand über LaFortiers Leiche gebeugt vorfand. Noch dazu haben sie ein neu eröffnetes Konto aufgetan, das auf meinen Namen lief und auf das vor Kurzem ein paar Millionen Dollar eingezahlt worden waren. Dazu Telefonunterlagen, die mir regelmäßigen Telefonkontakt mit einem bekannten Agenten des Roten Hofes nachweisen.“

Ich hob die rechte Braue. „Himmel, und da hält man Sie gleich für schuldig? Ist ja echt irrational!“

Morgans Mund verzog sich zu einem leicht verkrampften, recht säuerlichen Grinsen.

„Wie geht denn Ihre Geschichte?“, wollte ich wissen.

„Ich bin vor zwei Tagen zu Bett gegangen. Aufgewacht bin ich in LaFortiers Arbeitszimmer in Edinburgh, eine dicke Beule am Hinterkopf und einen blutbefleckten Dolch in der Hand. Ungefähr fünfzehn Sekunden später kamen Simmons und Thorsen ins Zimmer gestürmt.“

„Man wollte Ihnen den Mord also anhängen.“

„Nach allen Regeln der Kunst.“

Ich atmete bedächtig und hörbar aus. „Haben Sie Beweise für Ihre Unschuld? Ein Alibi? Irgendwas?“

„Wenn dem so wäre, hätte ich ja wohl kaum aus der Haft fliehen müssen. Sobald mir klar war, dass jemand erhebliche Anstrengungen unternommen hatte, um mich als den Schuldigen dastehen zu lassen, wusste ich, dass meine einzige Chance ...“ Ein heftiger Hustenanfall hinderte ihn am Weitersprechen.

„... darin lag, den wahren Mörder ausfindig zu machen“, beendete ich an seiner Stelle den Satz. Ich reichte ihm die Wasserflasche, er würgte ein paar Schlucke hinunter, und der Husten ließ langsam nach.

Als Morgan wieder sprechen konnte, sah er mich mit müdem Blick an. „Nun? Werden Sie mich an die Wächter übergeben?“

Ich betrachtete ihn wohl eine Minute lang schweigend. „Das würde mein Leben um etliches einfacher gestalten“, sagte ich schließlich seufzend.

„Auf jeden Fall“, meinte Morgan.

„Sind Sie ganz sicher, dass ein Prozess mit einem Todesurteil geendet hätte?“

Irgendwie wirkte sein Blick noch distanzierter als sonst. „Ganz sicher. Ich habe es oft genug erlebt.“

„Ich könnte Sie also problemlos am ausgestreckten Arm verhungern lassen.“

„Das wäre natürlich eine Möglichkeit.“

„Aber wenn ich das täte, würden wir den Verräter nicht finden, und der wäre frei wie ein Vögelchen, weil Sie ja an seiner Stelle verurteilt und hingerichtet wurden. Er könnte fröhlich weitermachen. Noch mehr Menschen könnten umkommen, und der Nächste, dem er die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben versucht ...“

„... könnten Sie sein.“ Morgan hatte prima mitgedacht.

„Bei meinem Pech?“ Ich lachte düster. „Da können wir das könntegleich knicken.“

Wieder tauchte das säuerliche Nicht-ganz-Lächeln auf seinem Gesicht auf.

„Sie werden mit Suchmagie nach Ihnen fahnden“, sagte ich. „Ich gehe davon aus, dass Sie Gegenmaßnahmen ergriffen haben, denn sonst stünden hier längst Wächter auf der Matte.“

Er nickte.

„Wie lange dürften diese Gegenmaßnahmen wohl funktionieren?“

„Achtundvierzig Stunden. Höchstens sechzig.“

Ich nickte langsam und nachdenklich. „Sie fiebern. Ich habe einen Medikamentenvorrat versteckt, den hole ich. Hoffentlich können wir verhindern, dass das Fieber schlimmer wird.“

Morgan nickte, dann fielen ihm die Augen zu. Dem Mann war die Puste ausgegangen. Ich beobachtete ihn noch eine kleine Weile, ehe ich mich daranmachte zu packen.„Pass auf ihn auf, Junge“, sagte ich zu Mouse.

Der machte es sich umgehend neben dem Bett bequem.

Achtundvierzig Stunden. Mir blieben ganze zwei Tage, um den Verräter innerhalb der Reihen des Weißen Rates zu finden – einen Magier, nach dem man jetzt schon ein paar Jahre lang erfolglos fahndete. Waren die achtundvierzig Stunden um, dann würden die Wächter Morgan aufspüren, vor Gericht stellen und hinrichten, und als Nächstes war dann sein Komplize dran, der freundliche Privatdetektiv von nebenan, Ihr ergebener Harry Dresden.

Nichts half einem so nachhaltig auf die Sprünge wie ein knapper Abgabetermin.

Besonders, wenn man das mit der Abgabe ganz wörtlich nehmen durfte, wenn man nämlich bei Nichteinhaltung des Termins mit einiger Wahrscheinlichkeit den Löffel abgeben kann.

3. Kapitel

Ich stieg in meinen zerbeulten, alten VW, den wunderbaren, einzigartigen blauen Käfer, und machte mich auf, um meine Medizinvorräte aus ihrem Versteck zu holen.

Im Grunde hätte sich das Problem mit dem Verräter im Weißen Rat recht einfach lösen lassen müssen, denn bei den aus dem inneren Kreis durchgesickerten Informationen hatte es sich um Interna gehandelt, von denen nur eine begrenzte Anzahl Personen Kenntnis gehabt hatte. Woraus man messerscharf schließen konnte, dass auch nur eine begrenzte Anzahl an Personen als Verräter in Frage kam. Eigentlich war der Kreis der Verdächtigen sogar verdammt klein, schloss allerdings so gut wie den gesamten Ältestenrat ein. Das Problem war nur, dass jeder innerhalb dieses Kreises eigentlich als über jeden Zweifel erhaben gelten konnte.

Was passieren würde, wenn jemand mit anklagendem Finger auf eine dieser illustren Persönlichkeiten deutete, konnte ich mir lebhaft vorstellen: Hektik allüberall. War der so unter Verdacht Geratene unschuldig, würde er unter Garantie genauso wie Morgan reagieren, denn es blieb ihm ja nichts anderes übrig. Jeder wusste, dass der Rat Scheuklappen hatte, wenn es um Recht und Gerechtigkeit ging, auf einen Prozess konnte man nicht vertrauen. Wer sein Leben retten wollte, musste sich wehren.

Wenn sich ein aufmüpfiger junger Magier wie ich gegen das System stellte, war das eine Sache. Ganz anders sah es aus, wenn es einer der Schwergewichte aus dem Ältestenrat tat. Die Ältesten verfügten über vielschichtige Kontakte und Bündnisse im Rat. Hinter ihnen standen Jahrhunderte an Erfahrung und Fähigkeiten, sie waren in der Lage, über riesige Mengen roher Kraft zu verfügen. Entschied einer von denen sich zum Widerstand, dann ging es ganz anders zur Sache als bei einem simplen Magier, der sich seiner Verhaftung widersetzt.

Eine Anklage innerhalb des Ältestenrats und seiner engsten Umgebung würde Auseinandersetzungen in einem Ausmaß nach sich ziehen, wie sie der Weiße Rat noch nie erlebt hatte.

Letztlich liefe das auf einen Bürgerkrieg hinaus, eine Entwicklung, die unter den gegebenen Umständen für den Weißen Rat verheerend war. Ohnehin herrschte unter den übersinnlichen Nationen zur Zeit ein recht prekäres Gleichgewicht der Kräfte, und wir hatten es während des Krieges gegen die Vampirhöfe mit knapper Not geschafft, den Kopf über Wasser zu behalten. Momentan erholten sich beide Seiten davon, nur ging das bei den Vampiren erheblich schneller als bei uns, da die ihre Verluste viel leichter ausgleichen konnten als wir und sich auch schneller regenerierten. Löste sich der Rat jetzt aufgrund interner Streitigkeiten praktisch auf, so würde dies bei unseren Feinden einen regelrechten Blutrausch auslösen.

Morgan hatte sich richtig entschieden, als er getürmt war. Ich kannte den Merlin gut genug, um zu wissen, dass er, um den Rat zusammenzuhalten, ohne mit der Wimper zu zucken einen Unschuldigen opfern würde. Wie viel leichter fiele ihm so eine Entscheidung bei jemandem, der unter Umständen sogar schuldig sein mochte, der Beweislage nach sogar als schuldig zu gelten hatte?

Der Verräter durfte sich derweil in aller Ruhe zufrieden die Hände reiben. Einer aus dem Ältestenrat war bereits ausgefallen, und falls der Rat als solcher in den nächsten Tagen nicht ohnehin implodierte, würden nach einer Exekution des höchst fähigen und erfahrenen Kriegsherrn der Wächter Paranoia und Misstrauen fröhliche Urstände feiern. Da brauchte der Verräter nur noch hier und da ein wenig nachzuhelfen, und früher oder später würde irgend etwas in die Brüche gehen.

Für mich bedeutete das alles, dass ich in dieser Sache nicht mehr als einen Versuch frei hatte. Ich musste den Schuldigen finden, und zwar unwiderruflich den richtigen, gleich beim ersten Mal.

Oberst Günther von Gatow mit dem Heizungsrohr im Wohnzimmer.

Jetzt brauchte ich bloß noch irgendeinen brauchbaren Hinweis.

Immer mit der Ruhe. Bloß keinen Stress.

***

Mein Halbbruder lebte in einer teuren Wohnung am Rande des Stadtteils Gold Coast, einer Gegend, in der jede Menge Bürger unserer Stadt mit jeder Menge Geld in den Taschen wohnten. Thomas führte einen ziemlich angesagten Frisiersalon und hatte sich auf Kundschaft spezialisiert, die nichts dabei fand, für einmal Waschen, Schneiden und Fönen ein paar Hunderter auf den Tisch zu blättern. Dass er dabei nicht schlecht fuhr, konnte man unschwer an seiner Adresse erkennen.

Ich stellte den Käfer ein paar Blocks westlich von seiner Wohnung ab, dort, wo man noch nicht ganz so goldküstige Parkgebühren verlangte, und ging die kurze Strecke zu seinem Wohnhaus zu Fuß. Dort lehnte ich mich ein Weilchen auf seine Klingel. Schweigen im Walde. Ich warf einen Blick auf die Uhr in der Eingangshalle, lehnte mich an die Wand neben der Haustür und wartete darauf, dass mein Bruder von der Arbeit nach Hause käme, und richtig: Schon wenige Minuten später bog sein Wagen auf den Parkplatz des Apartmenthauses ein.

Nachdem wir seinen riesigen halben Panzer erfolgreich zu Schrott gefahren hatten, hatte Thomas ihn durch ein brandneues, lächerlich teures Auto ersetzt, einen Jaguar mit allen Schikanen, zahllosen Extras und sage und schreibe Goldbeschlägen im Innern. Natürlich in Schneeweiß, das verstand sich ja praktisch von selbst. Ich hielt mich bedeckt, lungerte im Dunkeln herum und wartete, bis Thomas bei der Tür ankam.

Knapp eine Minute später tauchte er auf. Thomas war vielleicht ein bis drei Haarbreit unter einem Meter neunzig groß, trug eine nachtblaue Lederhose zu einem weißen Seidenhemd mit weiten Ärmeln und das (wahrscheinlich zur Hose passend gefärbte) nachtschwarze Haar fiel ihm in glänzenden Locken bis knapp über die Schulterblätter. Er hatte graue Augen, Zähne, die weißer waren als die Kutten des Klu-Klux-Klans und ein Gesicht, das jedem Modemagazin Ehre gemacht hätte. Dazu noch die passende Figur. Verglichen mit Thomas waren sämtliche Spartaner aus 300 nichts als Weicheier, und das schaffte er ganz ohne technische Hilfsmittel.

Bei meinem Anblick zuckten seine schwarzen Brauen in die Höhe. „’arry!“, sagte er mit diesem lächerlich wohlgesetzten französischen Akzent, den er sich für die Öffentlichkeit zugelegt hatte. „Guten Abend, mon ami.“

Ich nickte ihm zu. „Hallo. Wir müssen uns unterhalten.“

Sein Lächeln schwand, als er sich meiner Körpersprache und meines Gesichtsausdrucks bewusst wurde. Er nickte. „Natürlich.“

Ich folgte ihm in die Wohnung, die wie immer pikobello aufgeräumt und sauber war, die Möbel modern, teuer und absolut im Trend, wofür jede Menge gebürstetes Nickel den besten Beweis lieferte. Ich lehnte meinen Kampfstab neben die Eingangstür und ließ mich auf eins der Sofas fallen, das ich mir daraufhin erst mal genauer anschauen musste.

„Wieviel hast du dafür gezahlt?“, fragte ich ihn.

Er ließ den Akzent fallen. „Etwa so viel wie du für den Käfer.“

Kopfschüttelnd suchte ich nach einer Möglichkeit, es mir auf dem Sitzmöbel bequem zu machen. „Bei der Kohle hätten sie dir ruhig ein paar Kissen mehr geben können. Ich habe schon auf Zäunen gesessen, die gemütlicher waren.“

„Das liegt daran, dass dieses Sofa nicht zum Sitzen da ist“, erklärte Thomas gewichtig. „Man hat es, um zu beweisen, wie reich und modebewusst man ist.“

„Ich habe eines meiner Sofas vom Flohmarkt. Hat mich dreißig Mäuse gekostet. Orange und grün kariert, und wenn man erst mal drauf sitzt, möchte man am liebsten einschlafen.“

„Eine Couch, die zu dir passt.“ Thomas lachte. „Während meine zu mir passt.“ Er ging in die Küche. „Oder zumindest zu der Person, die ich darstelle. Ein Bierchen?“

„Wenn du ein kaltes hast.“

Er kam mit zwei dunkelbraunen, eisverkrusteten Flaschen zurück. Wir ließen die Kronkorken knallen, stießen mit den Flaschenhälsen an, und nach dem ersten Schluck ließ sich Thomas gegenüber der Couch auf einem Stuhl nieder.

„So“, sagte er. „Was liegt an?“

„Scherereien.“ Ich erzählte ihm von Morgan.

Thomas starrte mich ernst an. „Leere Nacht, Harry. Ist bei dir im Kopf wer daheim? Morgan? Morgan!Was ist bloß los mit dir, Mann?“

Ich zuckte die Achseln. „Ich glaube nicht, dass er es war.“

„Wen schert das? Wenn du lichterloh in Flammen stündest, und Morgan käme auf der anderen Straßenseite vorbeispaziert, würde er doch nicht mal zu dir rüberkommen und auf dich pissen! Da kriegt er endlich mal das, was er verdient, na und? Warum solltest du auch nur einen Finger für ihn krummmachen?“

„Weil ich nicht glaube, dass er es war!“, wiederholte ich stur. „Außerdem hast du die Sache nicht gründlich genug durchdacht.“

Thomas fläzte sich auf dem Stuhl herum und musterte mich aus zusammengekniffenen Augen, die Flasche an den Lippen. Ich tat es ihm nach und sah schweigend zu, wie er sich die ganze Sache durch den Kopf gehen ließ. Mit Thomas‘ Kopf von war alles in bester Ordnung.

„Gut“, seufzte er endlich deutlich widerstrebend. „Ich könnte mir ein paar Gründe denken, weswegen du dem mordlüsternen Affen den Arsch retten willst.“

„Ich brauche das Medizinzeug, das ich bei dir untergestellt habe.“

Er stand auf und ging zum Flurschrank, der bis zum Stehkragen mit allem möglichen Haushaltszeug vollgestopft war, das sich nun mal ansammelt, wenn man irgendwo länger haust. Irgendwo zwischen dem Krempel fand er einen weißen Werkzeugkoffer mit aufgemaltem roten Kreuz, den er herauszog, während er gleichzeitig seelenruhig einen Baseball fing, der sich in einem der oberen Regale selbstständig gemacht hatte und es auf seinen Kopf abgesehen zu haben schien. Er schloss den Schrank, holte eine Kühltasche aus dem Kühlschrank und stellte sie und die Werkzeugkiste neben der Couch auf den Boden.

„Sag jetzt bitte nicht, mehr könnte ich nicht für dich tun“, sagte er.

„Mach ich nicht. Es gibt schon noch was.“

Er spreizte die Hände. „Das wäre?“

„Finde heraus, was die Vampirhöfe über diese Großfahndung wissen. Aber halte dich bedeckt, wenn du nachforschst.“

Er starrte mich eine Weile schweigend an. Dann atmete er langsam aus. „Wieso?“

Ich zuckte lässig die Achseln. „Ich weiß nicht, was Sache ist. Meine Leute kann ich nicht fragen, und wenn sich zu sehr rumspricht, dass du Erkundigungen einziehst, dann zählt bestimmt bald mal wer eins und eins zusammen und nimmt Chicago genauer unter die Lupe.“

Mein Bruder, der Vampir, verharrte einen Moment lang vollkommen reglos, so ruhig, wie ein Mensch einfach nie dasitzen kann. Er hörte auf zu sein, selbst seine Anwesenheit im Zimmer war nicht mehr zu spüren. Ich hatte das Gefühl, eine Wachsfigur anzustarren.

„Ich soll Justine einschalten. Darum bittest du mich doch“, sagte er schließlich.

Justine war die Frau, die um ein Haar ihr Leben für meinen Bruder hingegeben hätte. Um sie zu schützen, hätte er sich wiederum um ein Haar selbst umgebracht. Das, was die beiden verband, „Liebe“ zu nennen, traf es auch nicht ansatzweise. Was ihnen diese „Liebe“ angetan hatte – dafür gab es schlicht keine Worte.

Für meinen Bruder, einen Vampir des Weißen Hofes, war Liebe schmerzhaft. Thomas und Justine würden nie zusammen sein können.

„Sie arbeitet als persönliche Assistentin für die Anführerin des Weißen Hofes“, sagte ich. „Wenn jemand etwas herausfinden kann, dann sie.“

Thomas stand auf – eine Bewegung, die einen Tick zu schnell ausfiel, um die eines Menschen sein zu können – und lief erregt im Zimmer auf und ab. „Justine geht auch so schon ausreichend Risiken ein. Immerhin leitet sie Infos über die Aktivitäten des Weißen Hofs an dich weiter, solange das halbwegs sicher geht. Ich möchte einfach nicht, dass sie noch mehr Risiken auf sich nimmt.“

„Was ich verstehe.“ Ich nickte. „Aber Justine hat sich doch nur für die verdeckte Arbeit entschieden, um in genau so einer Situation wie jetzt vor Ort sein zu können. Deswegen arbeitet sie als verdeckte Ermittlerin.“

Thomas schüttelte nur stumm den Kopf.

Ich seufzte. „Hör mal, ich verlange ja gar nicht, dass sie den Traktorstrahl deaktiviert, die Prinzessin rettet und auf den vierten Mond von Yavin flieht. Ich will doch nur wissen, was sie so gehört hat und was sie herausfinden kann, ohne dass ihre Tarnung auffliegt.“

Thomas tigerte noch ein Weilchen erregt auf und ab, ehe er stehen blieb und mich unverwandt fixierte. „Aber erst versprichst du mir etwas.“

„Was?“

„Versprich mir, dass du sie nicht in noch größere Gefahr bringst und nicht aufgrund von Infos tätig wirst, die sie zu ihr zurückverfolgen können.“

„Thomas!“, sagte ich müde. „Wie soll das denn gehen? Wie soll ich herausfiltern, welche Informationen ich gefahrlos benutzen kann, und wie soll ich echte Infos von Fehlinformationen unterscheiden? Was du willst, geht einfach nicht.“

„Versprich es mir“, sagte er alle drei Worte betonend.

Ich schüttelte den Kopf. „Ich verspreche dir, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um Justine nicht zu gefährden.“

Am Kinn meines Bruders zuckte ein Muskel. Mein Versprechen reichte ihm nicht. Die ganze Situation passte ihm nicht. Er wusste, dass ich nicht für Justines Sicherheit garantieren konnte und dass ich ihm gerade so viel versprochen hatte, wie ich auch würde halten können. Mehr war einfach nicht drin.

Er holte ganz langsam und tief Luft.

Aber dann nickte er.

„Gut.“

4. Kapitel

Etwa fünf Minuten, nachdem ich Thomas’ Wohnung verlassen hatte, ertappte ich mich dabei, wie ich alle paar Sekunden unruhige Blicke in den Rückspiegel des Käfers warf. In mir hatte sich eine gewisse Anspannung breitgemacht, ein Bauchgefühl, das mir sagte, dass ich nicht allein durch die Stadt fuhr. Irgendwo hatte ich mir einen Verfolger eingefangen.

Sicher: Was war schon ein Bauchgefühl? Aber ich war Magier, meine Instinkte hatten sich im Laufe der Zeit reichlich Orden verdient, ich hatte gelernt, auf sie zu achten. Wenn sie mir sagten, dass mir jemand auf den Fersen war, dann wurde es Zeit aufzupassen.

So ein Verfolger musste allerdings nicht gleich etwas mit der momentanen Lage und Morgan zu tun haben. Nicht unbedingt. Allerdings hatte ich nicht schon eine ganze Reihe hässlicher Scharmützel halbwegs heil überstanden, weil ich vom Kopf her etwas langsam war. Gut, manchmal war auch ich nicht der Hellste, aber manchmal eben schon: Klar hatte mein Begleiter etwas mit Morgan zu tun! Um denZusammenhang zu übersehen, hätte ich schon ein Volltrottel sein müssen.

Zum Spaß schlug ich den einen oder anderen Haken, konnte aber nicht feststellen, ob ein Fahrzeug am Käfer klebte. Was nichts heißen musste. Ein erstklassiges, gut aufeinander eingespieltes Überwachungsteam konnte einen verfolgen und dabei mehr oder weiniger unsichtbar bleiben, besonders nachts, wenn man ein Scheinwerferpaar kaum vom anderen unterscheiden konnte. Bloß weil ich sie nicht sehen konnte, hieß das noch lange nicht, dass sie nicht da waren.

Inzwischen hatten sich meine Nackenhaare aufgestellt, und ich spürte, wie meine Schulterpartie von Straßenlaterne zu Straßenlaterne verspannter wurde.

Was, wenn mein Verfolger gar nicht in einem Auto saß?

Himmel! Umgehend lieferte mir meine Fantasie deftige Bilder von geflügelten Horrorwesen, die auf unhörbaren Schwingen oberhalb des Lichtkegels der Stadt durch die Luft glitten, jederzeit bereit, auf den Käfer hinabzustoßen und ihn in Blechfetzen zu zerlegen. Wie immer war in diesem Teil der Stadt allerhand los, eigentlich zu viel, um einen Anschlag zu wagen. Was aber nicht automatisch die Möglichkeit eines Anschlags ausschloss – es wäre nicht der erste auf mich unter ähnlichen Umständen gewesen.

Nervös und nachdenklich kaute ich meine Unterlippe durch. Ich konnte erst zurück in meine Wohnung, wenn ich meinen Verfolger zuverlässig abgeschüttelt hatte. Nur musste ich ihn dazu erst einmal ausfindig machen.

Gut – so ganz ohne Risiko würde es in den nächsten ein, zwei Tagen sowieso nicht abgehen. Warum also nicht gleich ein bisschen Wagemut zeigen?

Ich holte tief Luft, fokussierte meine Gedanken und blinzelte einmal ganz langsam. Als ich die Augen wieder aufschlug, öffnete sich damit gleichzeitig mein Blick.

Der Blick eines Magiers, diese Fähigkeit, die Welt um ihn herum in einem weit vergrößerten Spektrum aus interagierenden Kräften wahrzunehmen, war eine gefährliche Gabe. Egal, wie man ihn nannte – Geistersicht, Innenschau oder drittes Auge –, dieser Blick ließ einen Dinge wahrnehmen, mit denen eine Interaktion sonst nie möglich gewesen wäre. Er zeigte einem die Welt, wie sie wirklich war, zeigte die Materie verwoben mit einem Universum aus Energie, aus Magie. Der Blick konnte einem Bilder von solcher Schönheit offenbaren, dass Engel bei ihrem Anblick demütige Tränen vergossen und Bilder von solcher Grausamkeit, dass der Ziegenbock mit den tausend Jungen es nicht gewagt hätte, sie als Gutenachtgeschichten für seine Zicklein auszuwählen.

Was man mit diesem Blick sah – das Gute, das Schlechte, das, was einen mühelos in den Wahnsinn treiben konnte – blieb auf ewig an einem haften. Man vergaß es nicht. Die Zeit verwischte oder verwässerte die Erinnerung noch nicht einmal. Was man sah, gehörte danach zu einem.

Wer als Magier herumrannte und mit dem Blick arbeitete, wann immer es ihm in den Kram passte, knallte früher oder später durch.

Mein drittes Auge zeigte mir das wahre Chicago – eine Sekunde lang kam es mir vor, als sei ich unversehens in Las Vegas gelandet. Unendliche Energieströme flossen durch die Straßen, Häuser und Menschen wie dünne Lichtschichten, die hierhin und dorthin pulsten, gegen feste Objekte prallten und ohne Unterbrechung der Bewegung auf der anderen Seite wieder herauskamen. Die Energien, die durch die großartigen alten Gebäude der Stadt rannen, zeigten wie die Straßen der Stadt selbst eine gewisse Festigkeit, Stabilität. Aber der Rest, die ganze zufällige Energie, die durch die Gedanken und Gefühle von acht Millionen Menschen entstand, floss völlig ungeplant und unstrukturiert, schimmerte in hektischen, zusammenhanglosen, teils grässlichen Farben.

Wolken aus Gefühlen, denen Ideen entsprangen wie Funken aus einem Lagerfeuer. Schwer fließende, tiefgehende Gedanken, die träge dahin strömten, und darüber tanzte flammenden Juwelen gleich die Freude. Negative Gefühle setzten sich als Ablagerung an festen Oberflächen ab, färbten sie dunkler, während Träume zerbrechlichen Seifenblasen gleich vielfarbig schimmernd hin zu den Sternen aufstiegen.

Elender Mist! Durch all das Farbengewusel hindurch konnte ich kaum noch sehen, wo ich hinfuhr.

Bei jedem Blick über die Schulter oder in den Rückspiegel erkannte ich die Leute in den Autos hinter mir als hell erleuchtete, weiße Gestalten, über denen ein sich ständig veränderndes Kaleidoskop aus Farben ihren Gefühlen, Gedanken, Stimmungen und Persönlichkeiten Ausdruck verlieh. Mit weniger Abstand hätte ich mehr Einzelheiten wahrnehmen können, wobei sich mein Unterbewusstsein in die Interpretation des Gesehenen eingemischt hätte. Aber selbst aus der Entfernung heraus konnte ich feststellen, dass die Wagen hinter mir mit Sterblichen besetzt waren.

In gewisser Weise war das eine Erleichterung. Einen Magier, der mächtig genug war, um zu den Wächtern zu gehören, hätte ich auch aus der Ferne erkannt. Wenn mich also ein normaler Sterblicher verfolgte, durfte ich fast sicher annehmen, dass der Rat Morgan noch nicht aufgespürt hatte.

Ich warf einen Blick nach oben und ...

Die Zeit stand still.

Stellen Sie sich vor, wie verwesendes Fleisch stinkt. Stellen Sie sich das träge, arhythmische Pulsieren einer von Maden besetzten Leiche vor. Stellen Sie sich abgestandenen Körpergeruch vor, durchmischt mit dem Geruch von Mehltau, dazu das Geräusch langer Fingernägel, die über eine Schiefertafel kratzten, den Geschmack verdorbener Milch und verfaulten Obstes, und nun versuchen Sie, sich auszumalen, Sie könnten all diese Dinge mit den Augen aufnehmen, alle auf einmal, jedes widerwärtige Detail.

Folgendes sah ich: eine Masse, bei deren Anblick sich mir der Magen umdrehte und Angstträume wahr wurden, lichterloh wie der Lichtkegel eines Leuchtturms, auf einem der Gebäude über mir. Dahinter ganz dunkel eine Gestalt, aber so undeutlich, als versuchte ich, durch ungefilterte Abwässer zu sehen. Dieses Etwas war durch und durch fehl am Platz, war ganz einfach falsch, war umgeben von einem Nebel aus Falschsein, durch den hindurch sich keinerlei Details ausmachen ließen. Das Ding sprang von Dachkante zu Dachkante, so schnell, dass es mühelos mit mir mithielt.

Jemand schrie. Höchstwahrscheinlich ich, wie ich am Rande meines Bewusstseins gerade noch wahrnahm. Der Käfer stieß gegen etwas, heulte protestierend laut auf. Ein harter Schlag, noch einer. Ich war gegen die Bordsteinkante gefahren. Durch das Lenkrad hindurch spürte ich, wie sich die Vorderräder verkeilten, trat immer noch laut schreiend mit voller Wucht auf die Bremse und mühte mich ab, mein drittes Auge zu schließen.

Als Nächstes hörte ich das wütende, ungeduldige Protestgeschrei unzähliger Autohupen.

Ich saß auf dem Fahrersitz, das Lenkrad so fest umklammert, dass meine Knöchel schneeweiß schimmerten. Der Motor des Käfers war abgesoffen, auf meinen Wangen hatte sich Nässe gesammelt – wahrscheinlich hatte ich geweint. Oder vor meinem Mund hatte sich Schaum gebildet – auch möglich, wenn man es genau bedachte.

Grundgütiger Himmel! Was um alles in der Welt war das gewesen?

Nur an das Ding zu denken brachte die Erinnerung in all ihren grässlichen Details, den ganzen Schrecken zurück. Ich kniff die Augen zusammen, klammerte mich ans Lenkrad, zitterte am ganzen Leib wie Espenlaub. Ich weiß nicht, wie lange ich brauchte, um mich von der Erinnerung zu befreien, aber als es mir gelungen war, war alles um mich herum, wie es gewesen war – nur lauter.

Die Stoppuhr lief. Ich konnte es mir nicht leisten, wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen zu werden, was die Bullen ganz sicher tun würden, wenn ich mich nicht bald mal wieder in Bewegung setzte. Das, oder ich fuhr den Wagen endgültig zu Schrott ...

Ich holte tief Luft, zwang meinen Willen, nicht an die Erscheinung zu denken ... und sah sie erneut.

Als ich zu mir kam, hatte ich mir die Zunge zerbissen, und meine Kehle fühlte sich an wie mit Sandpapier aufgeraut. Ich zitterte womöglich noch heftiger als zuvor.

Autofahren kam in diesem Zustand überhaupt nicht mehr in Frage. Ein halber Gedanke nur in die falsche Richtung, und ich baute womöglich noch einen Unfall, bei dem jemand ums Leben kam. Aber hier stehenbleiben konnte ich auch nicht.

Mühsam lenkte ich den Käfer über die Bordsteinkante auf den Bürgersteig hinauf, so war er wenigstens schon mal von der Straße. Dann stieg ich aus und ging einfach los, wohl wissend, dass in ungefähr drei Komma fünf Millisekunden der städtische Abschleppdienst in Aktion treten würde. Aber dann war ich weg, und man konnte mich nicht auch noch mitnehmen.

Verzweifelt stolperte ich den Bürgersteig entlang, voller Hoffnung, mein Verfolger, diese Erscheinung ...

Als ich wieder etwas sehen konnte, lag ich zu einem Ball zusammengerollt am Boden. Alle Muskeln taten mir weh, weil ich sie zu sehr angespannt hatte. Fußgänger umrundeten mich in einem weiten Bogen, warfen mir nervöse Seitenblicke zu. Ich fühlte mich so energielos, dass ich mir nicht sicher war, ob und wie weit meine Beine mich tragen würden.

Hilfe. Ich brauchte ganz dringend Hilfe.

An der nächsten Ecke standen Straßenschilder, die ich so lange fixierte, bis mein armes, gepeinigtes Gehirn kapiert hatte, wo es sich befand.

Als ich mich aufgerappelt hatte, musste ich mich auf meinen Stab stützen, um nicht gleich wieder umzufallen. So hinkte ich davon, so schnell ich konnte. Dabei dachte ich an Primzahlen, nur an Primzahlen, so intensiv, als konzentriere ich mich auf einen Zauber.

„Eins“, murmelte ich zwischen fest zusammengebissenen Zähnen hindurch. „Zwei. Drei. Fünf. Sieben. Elf. Dreizehn.“

So stolperte ich durch die Nacht, völlig verschreckt, wortwörtlich so in Angst und Schrecken, dass ich nicht mehr an das dachte, was mir vielleicht folgen mochte.

5. Kapitel

Als ich bei der Zahl zweitausendzweihundertneununddreißig angekommen war, stand ich vor Billys und Georgias Haus.

Im Leben der jungen Werwölfe hatte sich einiges geändert, seit Billy nach Beendigung des Studiums als Ingenieur richtiges Geld verdiente, aber ihre alte Studentenbude hatten sie behalten. Georgia ging weiter zur Uni und studierte irgend etwas mit Psychologie, während die beiden auf ein Haus sparten. Gut für mich – bis in die Vororte hinaus hätte ich es zu Fuß nie geschafft.

Georgia kam an die Tür, eine große, gertenschlanke Frau, die in ihren langen, weitsitzenden Shorts und dem T-Shirt eher klug als attraktiv wirkte.

„Mein Gott“, entfuhr es ihr bei meinem Anblick. „Harry.“

„Hallo, Georgia“, sagte ich. „Zweitausendzweihundert...dreiundvierzig. Ich brauche ein ruhiges, dunkles Zimmer.“

Sie blinzelte mich verdutzt an. „Was?“

„Zweitausendzweihunderteinundfünfzig“, antwortete ich, ohne mit der Wimper zu zucken. „Schick den Wolfsruf raus, die Gang muss her. Zweitausendzweihundert... siebenundsechzig.“ Sie hielt mir die Tür auf und trat zurück, damit ich an ihr vorbeikam. „Harry, was redest du da?“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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