Verschollen - Jörg Benne - E-Book
Beschreibung

Als Tristans Schwester Svenja verunglückt, erfährt er, dass sein Vater gar nicht auf einer Ölbohrinsel arbeitet, sondern wie einige andere Menschen  in der Parallelwelt Nuareth als Paladin für Recht und Ordnung sorgt. Sie verfügen dort über magische Kräfte, die sie auch noch eine Weile nach ihrer  Rückkehr zur Erde einsetzen können. In dem Glauben, dass diese Kräfte der im Koma liegenden Svenja helfen können, betritt Tristan die fremde  Welt. Doch dort muss er zunächst das ungewisse Schicksal der Paladine klären, denn seit einigen Tagen sind sie alle Verschollen.

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Seitenzahl:400

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Bibliografische Information derDeutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet überhttp://dnb.dnb.deabrufbar.

Copyright ©2018 by Papierverzierer Verlag, Essen

Herstellung, Satz, Korrektorat: Papierverzierer Verlag

Lektorat: André Piotrowski

Cover: Sebastian Watzlawek

Karte: Martin »Lhûgion« Oder

Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

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ISBN 978-3-95962-275-2

www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
Das Schicksal der Paladine – Verschollen
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Karte
Jörg Benne
Danksagung

Kapitel I

»Wieso ist Papa immer noch nicht da?« Tristan war aufgebracht. Es war ihm egal, dass die anderen Leute im Krankenzimmer neugierig zu ihm und seiner Mutter herüberschauten. »Ich meine, Svenja und ich liegen im Krankenhaus und er kommt nicht. Was kann so wichtig sein?«

»Ich – ich habe ihn nicht erreicht«, sagte Tristans Mutter leise und schaute verlegen zu Boden. »Ich erkläre es dir gleich. Komm, pack deine Sachen.«

Tristan machte den Mund auf, um seinem Ärger weiter Luft zu machen, doch der Ausdruck im Gesicht seiner Mutter ließ ihn stumm bleiben. Las er da Angst in ihrem Gesicht? War etwa auch noch etwas mit Papa passiert?

Hastig packte er die wenigen Dinge, die er während seines kurzen Krankenhausaufenthaltes gebraucht hatte, in die Tasche. Nur eine Gehirnerschütterung hatten die Ärzte diagnostiziert. Er wünschte, seine Schwester Svenja hätte ebenso viel Glück gehabt. Doch sie lag auf der Intensivstation im Koma, und das schon seit zwei Tagen. Was in aller Welt konnte Papa davon abgehalten haben zu kommen? Je länger Tristan darüber nachdachte, desto mehr Angst bekam er selbst.

Kaum hatten sie das Zimmer verlassen, platzte es aus ihm heraus. »Also, was ist mit Papa, sag schon. Ist auf der Bohrinsel etwas passiert?«

Seine Mutter schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Aber ich kann ihn nicht erreichen.«

»Nicht erreichen? Das kann doch nicht sein!«, ereiferte sich Tristan. »Was ist mit dem Büro seiner Firma? Was sagen die, wo er steckt? Die müssen doch eine Erklärung haben und ihm wenigstens eine Nachricht weiterleiten können.«

Seine Mutter schnäuzte sich, schüttelte den Kopf und wieder war da dieser Ausdruck von Furcht in ihrem Gesicht, der Tristan beunruhigte. »Lass uns zu Svenja gehen«, wechselte sie das Thema.

Sie verließen die Station und fuhren mit dem Aufzug zum Intensivbereich. Nur einer von ihnen durfte gleichzeitig zu Svenja. Tristan ging als Erster, zog sich den Umhang, die Handschuhe und den Mundschutz über und trat in den Raum.

Svenjas Kopf war dick bandagiert, Schläuche kamen aus Mund und Nase, eine Maschine piepste, eine andere pumpte Luft in und aus ihren Lungen. Tristan saß lange bei ihr und hielt ihre Hand, bat sie stumm um Entschuldigung.

Er konnte sich nur vage an den Unfallhergang erinnern. Ein dummer Streit wegen Papa, ob er zu Svenjas Geburtstag von der Bohrinsel kommen würde oder nicht. Svenjas Worte hatte Tristan noch im Ohr. »Weil er das Spiel deiner doofen Bayern verpasst hat, glaubst du, er kommt auch nicht zu meinem Geburtstag?«, hatte sie gesagt. »Er kommt! Er weiß doch, was wirklich wichtig ist.« Daraufhin war Tristan erbost aus dem Schulbus gestürmt, der gerade anhielt.

Den Rest hatte seine Mutter ihm im Krankenhaus erzählt. »Sie hat dich weggestoßen und ist selber von dem Auto angefahren worden, das dich sonst getroffen hätte«, hatte sie geschluchzt und Tristan würde nie wieder diesen einen Blick vergessen, den sie ihm in diesem Moment zuwarf.

Nachdem er die Intensivstation verlassen hatte, musste er draußen im Flur warten, während seine Mutter bei Svenja war. Er stierte auf den Linoleumboden und erinnerte sich an all die Enttäuschungen, die er mit seinem Vater schon erlebt hatte. Verdammte Bohrinsel! Warum konnte sein Vater nicht irgendwo im Büro arbeiten wie andere auch?

Seine Mutter sah furchtbar aus, als sie aus der Intensivstation kam. Die Augen verheult, den Mund verkniffen, führte sie ihn wortlos aus dem Krankenhaus und zum Auto. Während der Fahrt hing Tristan weiter seinen düsteren Erinnerungen nach und merkte erst nach einer Weile, dass sie gar nicht nach Hause fuhren.

»Mama, wo fahren wir hin?«

»Zu Papas Firma«, antwortete sie knapp. »Ich … Da hat sich zuletzt niemand mehr gemeldet, keiner geht ans Telefon. Ich will wissen, was da los ist. Sie haben uns einiges zu erklären. Vor allem dir.« Sie hielt an einer Ampel, straffte sich und sah Tristan in die Augen. »Dein Vater arbeitet nicht auf einer Bohrinsel«, eröffnete sie ihm unvermittelt. »Das hat er noch nie, er war nur mal auf einer, um die Fotos zu machen, die dann mit der Post kamen. Er ist ein …« Es hupte hinter ihnen, die Ampel war grün geworden. Sie fuhr los und konzentrierte sich auf den Verkehr, da sie abbiegen wollte.

Tristan schossen die wildesten Gedanken durch den Kopf. Was war Papa? Ein Verbrecher? Ein Geheimagent? Ein Soldat? Ein …

»Eins musst du wissen, Junge. Dein Vater ist ein guter Mensch. Er hilft anderen in … sehr weit weg jedenfalls. Und wenn er nicht nach Hause kommt, dann muss es etwas sehr Wichtiges sein, was ihn davon abhält.«

Tristan runzelte die Stirn. »Was ist er denn nun?«

»Ein Paladin«, erwiderte sie knapp.

»Einwas?« Tristan sah sie verständnislos an.

Seine Mutter seufzte. »Das ist alles furchtbar kompliziert zu erklären und wahrscheinlich würdest du mich für verrückt halten, wenn ich es versuche.« Sie machte wieder eine Pause wegen des Verkehrs, bog ab und fuhr Richtung Innenstadt.

»Dann weißt du also, wo er ist? Warum rufst du ihn nicht an? Ist sein Handy ausgeschaltet?«

Sie lächelte schwach. »Dort, wo er ist, gibt es keine … keinen Empfang. Und nein«, ihre Stimme schwankte und sie flüsterte nur noch: »Nein, ich habe keine Ahnung, wo genau er ist.« Sie schluchzte und eine Träne rann ihre Wange hinab. Sanft legte sie Tristan eine Hand aufs Bein. »Das ist für dich alles sehr schwierig zu verstehen. Ich weiß auch nicht alles über das, was Papa tut, aber in seinem Büro wird man es dir erklären – hoffe ich.«

Ein Paladin, echote es noch einmal in Tristans Gedanken. Was zum Teufel sollte das bedeuten?

Sie sprachen nicht mehr, bis sie zu einem großen Bürokomplex kamen und anhielten. Dort waren die Niederlassungen vieler Firmen untergebracht und Tristans Mutter führte ihn zum Aufzug und in die siebzehnte Etage. Vor dem Aufzug war ein Flur, der an beiden Seiten Glastüren hatte. Sie wandte sich nach rechts und klingelte an einer Tür mit der Aufschrift »Paladine Limited«, was Tristans Verwirrung nur noch steigerte.

Niemand kam. Seine Mutter klingelte nochmals und schließlich zog sie an der Tür. Sie öffnete sich. »Komisch«, murmelte sie und rief dann laut: »Hallo!« Keine Antwort. Zögerlich trat sie ein und ging den Flur entlang. Er war dunkel, denn er hatte keine Fenster und alle Türen, die abgingen, waren verschlossen. »HALLO!«, rief sie noch lauter. Tristan sah sich beklommen um. An der ersten Tür auf der linken Seite stand »Empfang« und Tristans Mutter klopfte und trat ein. In dem Raum war niemand, ein normales Sekretärinnenbüro mit einem großen Schreibtisch, vielen Ablagen, einem ausgeschalteten PC, alles etwas unordentlich, so wie ein normaler Arbeitsplatz. »Das verstehe ich nicht«, murmelte seine Mutter. Sie öffneten noch zwei weitere Türen: ein Konferenzsaal und das Badezimmer, hier alles aufgeräumt und verlassen. Alle weiteren Türen waren abgeschlossen.

Tristan sah, dass seine Mutter den Tränen nah war, als sie wieder in den Aufzug stiegen, und verkniff sich daher weitere Fragen. Die letzte Hoffnung, seinen Vater zu finden, war offenbar verloren, das begriff Tristan auch so und spürte, wie sich sein Magen verkrampfte. Nicht auch noch Papa! Wortlos fuhren sie nach Hause.

Der Briefkasten ihres Einfamilienhauses quoll über und Tristan fragte sich, wann seine Mutter das letzte Mal zu Hause gewesen war. Auch jetzt ignorierte sie die Post und so war es Tristan, der noch einmal zum Briefkasten ging, um sie zu holen.

Überwiegend war es Werbung, aber es fanden sich auch zwei Postkarten mit Genesungswünschen darunter, eine von seinem Freund Florian, wie Tristan gehofft hatte. Auch von der Schule war ein Brief da, der war sicherlich wichtig. Und dann war da noch einer von … Tristan rannte ins Wohnzimmer.

»Mama, sieh mal. Ein Brief von Papas Firma.«

Seine Mutter hatte gedankenverloren auf dem Sofa gesessen, doch nun sprang sie auf und riss ihm den Brief förmlich aus der Hand. Ein Schlüssel fiel heraus, als sie ihn öffnete, außerdem enthielt er noch zwei Bögen Papier, die sie eilig überflog.

Tristan hatte Mühe, Geduld zu bewahren, und als sie den ersten Bogen umblätterte, fragte er schließlich. »Was steht drin? Was ist mit Papa?«

»Die zweite Seite ist für dich.« Sie reichte ihm beide und er begann zu lesen.

Sehr geehrte Frau von Niehus,

wir haben vor Kurzem wegen Ihres Mannes und Ihrer Kinder telefoniert. Leider muss ich das Büro jetzt recht überstürzt verlassen und kann Ihnen keine neuen Nachrichten von Ihrem Mann überbringen. Genau genommen habe ich seit drei Wochen nichts mehr von ihm gehört. Als er damals durch das Portal ging, hatte er fast alle Paladine zusammengerufen, um einer Gefahr entgegenzutreten. Er sagte, es könne dauern, bis er wiederkomme, und ich solle Ihnen auf keinen Fall etwas sagen, um Sie nicht zu beunruhigen, es würde schon gut gehen.

Nachdem die Paladine aber derart lange nichts von sich hören ließen, haben wir Verbliebenen beschlossen, dass auch wir gehen, denn es war vereinbart, dass nach spätestens zwei Wochen hiesiger Zeit eine Nachricht kommen sollte. Wir machen uns große Sorgen und wollen uns mit vereinten Kräften der Gefahr stellen, was auch immer es sein mag, denn das wissen wir nicht.

Nach dem Unfall Ihrer Kinder ist mir klar, dass Sie mehr als genug Sorgen haben, und Ihren Mann herbeiwünschen, weil er Svenja womöglich helfen könnte – oder irgendeiner der anderen, wenn einer zurückkehrt. Doch ich kann Ihnen nicht sagen, wo sie sind und wann sie zurückkommen werden.

Es gibt aber eine Möglichkeit, die Sie in Betracht ziehen sollten. Tristan könnte uns folgen, sobald er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, und versuchen, wenigstens eine Nachricht von uns zurückzubringen. Es bleibt kein einziger Paladin mehr hier, die Knappen sind alle schon mit der letzten Gruppe gegangen und die übrigen Nachkommen sind zu jung. Tristan ist inzwischen ja sechzehn Jahre alt, wenn ich mich recht entsinne, und damit alt genug, um ihn hinüberzuschicken. Überlegen Sie es sich. Auf der zweiten Seite habe ich einige Erklärungen zusammengefasst, damit er nicht völlig unvorbereitet in die andere Welt kommt.

Ich wünsche Ihnen und vor allem Svenja alles Gute und hoffe, dass Sie Ihren Mann bald wiedersehen, womöglich noch bevor Sie diese Zeilen lesen.

Leben Sie wohl

Jessica Meyhoff

Tristan war vollkommen verwirrt. »Wovon redet sie? Andere Welt, Gefahr, Portal, Knappen?«

»Lies die zweite Seite«, sagte seine Mutter nur. »Das erklärt einiges.«

Lieber Tristan,

ich bin Jessica, die Assistentin deines Vaters und ebenfalls ein Paladin. Ich weiß nicht, wie viel deine Mutter dir erklärt hat, habe aber auch nicht viel Zeit, daher hier nur das Nötigste.

Vor rund 100 Jahren fand eine Gruppe europäischer Archäologen unter den Grabbeigaben eines Pharao ein Amulett. Auf dem Rückweg von der Ausgrabungsstätte wurde ihre Expedition von Grabräubern überfallen, die meisten Funde wurden gestohlen und die Archäologen retteten sich verwundet und erschöpft in die Wüste. Sie drohten zu verdursten, als aus dem Amulett – einem sogenannten Portlet – ein Zylinder aus Licht auftauchte. Auf Rettung hoffend gingen sie hindurch und kamen in eine andere Welt – Nuareth. Genauer gesagt, auf die Insel Nasgareth.

Diese Welt ist der unseren sehr ähnlich, nur leben dort nicht nur Menschen, sondern auch fremdartige Geschöpfe und alles ist auf dem Niveau des Mittelalters. Die Archäologen erkannten bald, dass sie in dieser Welt unbändige Kräfte hatten, und Male erschienen auf ihrer Haut, mit denen sie Zauber wirken konnten, vor allem Heilzauber.

Doch es brach Streit aus, einige von ihnen wollten die Welt erobern, sie ausbeuten, andere hingegen betrachteten es als ihre Verantwortung, die andere Welt zu schützen und zu bewahren. Es kam schließlich zum Kampf, den nur drei überlebten, drei von denen, die Nuareth schützen wollten. Sie blieben lange dort, lernten, ihre magischen Fähigkeiten zu nutzen, und bevor sie schließlich zurückkehrten, sprachen sie einen Zauber über das Portlet auf der anderen Seite, sodass nur noch ihre Nachkommen es durchschreiten können sollten.

Sie brachten das Portlet zurück nach Europa und besuchten Nasgareth immer wieder und ihre Nachkommen tun es bis heute. Dein Vater Darius ist nicht nur einer von diesen Paladinen, wie wir uns nennen, er ist auch unser Anführer.

Den restlichen Brief hatte sie nur noch eilig und in Stichpunkten hingekritzelt:

Schlüssel öffnet die verschlossenen Türen im Büro. Passende Kleidung, Nuareth noch immer Mittelalter

Zeit vergeht dort schneller, eine Woche dort ist etwa ein Tag hier

Heilkräfte halten bei längerem Aufenthalt ein paar Stunden nach Rückkehr aus Nasgareth auch hier, versierter Paladin kann Svenja helfen

Portlet in Abstellkammer. Leg es auf den Boden und schmiere einen Tropfen deines Blutes darauf

Geh Pfad bis Ende, Dorf, Taverne, Wirt Martin, kein Paladin, aber einer von uns

Vernichte den Brief, wenn du nicht gehst

Alles Gute, Jessica

Tristan sah seine Mutter lange an. Was er dort gelesen hatte, klang wie absoluter Unsinn, und doch … Mit einem Mal erinnerte er sich. Damals, als er sich den Arm gebrochen hatte. Der Arzt hatte gesagt, es sei ein komplizierter Bruch, der Gips müsste wochenlang dranbleiben. Dann kam Papa, und als ein paar Tage später kontrolliert wurde, war der Arzt total überrascht. Oder die Grippe, die er einmal einen Tag vor seinem Geburtstag bekommen hatte. Er war so enttäuscht gewesen, endlich kam Papa und er lag krank im Bett. Doch am nächsten Morgen war er gesund gewesen. Konnte das wirklich … »Ist das wahr, Mama?«, flüsterte er.

Sie nickte. »Ist es. Ich hab es erst auch nicht geglaubt, als er es mir erzählt hat. Aber er konnte es beweisen. Er hat Blumen wieder blühen lassen, meinen Schnupfen kuriert und so viel mehr. Vielleicht könnte er auch Svenja retten.«

»Dann fahr mich wieder zum Büro«, forderte Tristan sofort.

»Bist du verrückt?«, herrschte sie ihn an. »Hast du es nicht gelesen? Die Paladine haben dort übermenschliche Kräfte und doch sind sie alle verschwunden. Papa ist fort, Svenja im Koma, ich …« Ihre Stimme brach und sie hauchte nur noch. »Ich will dich nicht auch noch verlieren.«

***

Tags darauf saß Tristan zu Hause am Fenster und stierte dumpf nach draußen. Genau so hatte er dagesessen und sich geärgert, als Papa nicht zu dem Fußballspiel gekommen war, erinnerte er sich. Wie albern und dumm ihm das nun vorkam. Tristan war schuld, dass Svenja im Koma lag, vielleicht nie wieder aufwachte oder, wenn doch, mit bleibenden Schäden, behindert, geistig verwirrt weiterleben musste – was ihm noch schlimmer erschien. Nur seinetwegen. Und nun war da diese vage Hoffnung. Wenn er in das fremde Land ginge und seinen Vater fände oder irgendeinen der anderen Paladine … Aber wie sollte er das anstellen? Und lebten sie überhaupt noch? War sein Vater tot? Der Gedanke schnürte ihm die Eingeweide zusammen.

Seine Mutter war wieder bei Svenja im Krankenhaus, Tristan sollte zu Hause bleiben und sich noch ausruhen. Nächste Woche sollte er wieder zur Schule gehen, auch wenn die Sommerferien kurz danach beginnen würden und in dem Brief von der Schule angeboten worden war, ihn wegen der besonderen Belastung bis dahin freizustellen. Aber seine Gedanken kreisten unaufhörlich um diese fremde Welt, um die Lügen seiner Eltern. Ob sie es ihm wohl je gesagt hätten? Und hatte Svenja etwas gewusst? Hatten sie es nur ihm verheimlicht? Er vertrieb diesen bitteren Gedanken und setzte sich vor den Fernseher, um sich abzulenken.

Als seine Mutter nach Hause kam, war er in einen Film vertieft und grüßte sie nur beiläufig, doch kurz darauf hörte er sie in der Küche schluchzen. Sie weinte heftig und Tristan fühlte wieder Angst. War Svenja …? Er eilte zu ihr. »Was ist, Mama? Ist etwas mit Svenja?«

Kurz versuchte sie, sich zu beherrschen, wandte ihm den Rücken zu, um ihre Tränen zu verbergen, doch dann schüttelte sie ein neuerlicher Weinkrampf. Tristan legte den Arm um sie. »Mama, bitte, sag, was los ist.«

»Eine Woche«, schluchzte sie. »Der Chefarzt … Er meinte, wenn sie in der nächsten Woche nicht aufwacht, dann …«

»Dann, was?«

»Dann sollte man … sollte man in Erwägung ziehen … die Maschinen … abzuschalten.«

»Das hat er dir gesagt?«

Sie schüttelte den Kopf. »Es war Visite, als ich kam.

Sie haben mich nicht bemerkt, als sie miteinander über Svenja sprachen.«

Eine Woche. Es war wie ein Countdown, den man gestartet hatte, und die Zeit verrann nun wie Sand zwischen ihren Fingern. Sein Herz schlug heftig, er atmete zitternd, er wusste, was er sagen musste. Doch der Mut verließ ihn mit jeder Sekunde, die er zögerte. Er ballte die Hände zu Fäusten. Es war seine Schuld, rief er sich in Erinnerung und damit kämpfte er den Feigling in sich nieder. Mit bebender und doch deutlicher Stimme forderte er: »Bring mich ins Büro, Mama.«

»Aber …«

»Sofort!« Nun war seine Stimme fest, er war entschlossen. »Ich werde Papa finden, er kann Svenja retten. Ich muss es versuchen.«

Sie öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, doch dann nickte sie nur und zog ihn in ihre Arme.

***

Wenig später standen sie wieder an der Bürotür. Seine Mutter gab ihm den Schlüssel. »Ich werde lieber nicht mit hineinkommen, sonst versuche ich doch noch, es dir auszureden.« Sie umarmte ihn. »Du bist ein tapferer Junge. Ich bin stolz, dass du das auf dich nimmst.«

Tristan blickte verlegen zu Boden, allzu tapfer kam er sich im Moment nicht vor. Er hatte Angst. »Was erwartet mich dort?«, fragte er leise.

»Ich weiß es nicht«, antwortete seine Mutter mit zitternder Stimme. »Dein Vater hat nicht oft …«

»Hat Svenja davon gewusst?«, unterbrach Tristan sie.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Ihr solltet es erfahren, wenn ihr 18 seid.« Sie machte eine Pause und setzte dann an: »Tristan, du musst wissen, dass … Papa und ich … es könnte sein, dass …«

»Was?«

»Nicht so wichtig.« Sie brachte ein Lächeln zustande. »Bring ihn zurück.« Sie drückte ihn noch einmal an sich und schluchzte. »Kommt beide gesund wieder.«

»Das verspreche ich«, sagte Tristan und machte sich sanft von ihr los. »Pass du auf Svenja auf.«

Sie strich ihm zärtlich über die Wange. »Und du auf dich.«

»Mache ich«, sagte er, dann wartete er, bis sich die Türen des Aufzugs hinter ihr geschlossen hatten, und ging ins Büro von Paladine Limited, gespannt, was ihn hinter den verschlossenen Türen erwarten würde.

Kapitel II

Tristans Finger zitterten ein bisschen, als er den ersten Raum aufschloss. Vorsichtig öffnete er die Tür und war etwas enttäuscht, auch hier ein ganz normales Büro vorzufinden. Dennoch trat er ein, und als er auf dem Schreibtisch ein Foto von sich und seiner Familie sah und begriff, dass es der Arbeitsplatz seines Vaters war, packte ihn die Neugier. Einen Moment überlegte er, ob er den Computer hochfahren sollte, besann sich dann aber eines Besseren. Er war nicht zum Herumschnüffeln hier und vor allem hatte er nicht viel Zeit.

Also schloss er den nächsten Raum auf und der verschlug ihm die Sprache. Es sah aus wie in einer Theaterrequisite. In Regalen lagen Lederhosen, Strumpfhosen und Hemden übereinander. In einem offenen Schrank waren Mäntel, Tuniken und Kettenhemden aufgehängt, aber vor allem eine Wand fesselte seinen Blick. An ihr hingen Dutzende mittelalterliche Waffen: kurze und lange Schwerter, Dolche, Streitäxte, Morgensterne, Bögen und Armbrüste samt Pfeilen und Bolzen … Tristan blieb eine Weile mit offenem Mund in der Tür stehen. Dann ging er zu den Waffen und besah sie sich genauer. Nein, es handelte sich keineswegs um Attrappen, stellte er fest, als er eine Streitaxt von der Wand nahm, die so schwer war, dass er sie nicht halten konnte und sich beinahe die Zehen abhackte.

Ob er eine Waffe mitnehmen sollte? Er hatte ja keine Ahnung, was ihn erwartete. Den Gedanken vor sich herschiebend, wandte er sich den Kleidern zu. Auch die Kettenhemden waren so schwer, dass er sie kaum hochheben konnte, und so wählte er eine Lederhose, ein weißes Hemd und eine braune Tunika, zog sich bis auf Unterhose und T-Shirt aus und die neuen Kleider an und begutachtete sich im Spiegel. Er musste grinsen. Er sah ein wenig aus wie die Barden auf dem Mittelalter-Weihnachtsmarkt, auf dem er letzten Winter gewesen war. Außerdem waren ihm alle Kleider etwas zu groß.

Sein Blick fiel auf einen Schuhschrank neben dem Spiegel, in dem sich Lederstiefel stapelten. Er suchte nach einem Paar in seiner Größe und probierte sie an. Sie passten zwar, er fand sie aber furchtbar unbequem und zog lieber wieder seine Turnschuhe an. Die Stiefel packte er in einen Rucksack, von denen sich auch ein ganzer Stapel in einem der Schränke fand. Da er nicht wusste, ob es in der anderen Welt kalt sein würde, packte er etwas, das er für Strumpfhosen hielt – es waren Beinlinge –, mit ein. Weiterhin eine hölzerne Flasche, die er im Badezimmer mit Wasser füllte, und da er viele Packungen Zwieback fand, nahm er auch davon eine mit, die lagen sicher nicht ohne Grund dort. Zu guter Letzt wandte er sich wieder den Waffen zu. Er wählte einen schmalen Dolch mit einer Lederscheide und schnallte sich ihn um, hoffte aber, ihn nicht gebrauchen zu müssen.

Nachdem er seine Sachen in einem Spind verstaut hatte, von denen mehrere nebeneinanderstanden, las Tristan noch einmal Jessicas Brief und die darin enthaltenen Anweisungen. Das Portlet sollte in der Abstellkammer sein.

Drei Türen waren noch auszuprobieren. Hinter einer lag ein weiteres Büro, das uninteressant aussah, doch im Hinausgehen bemerkte Tristan eine Karte an der Wand, die mitNasgarethüberschrieben war, und betrachtete sie. Dominiert wurde die Insel von einer Kette von drei Vulkankegeln, in einem steckte eine Nadel als Marker. Ob sein Vater dorthin gegangen war? Tristan trat näher. Mehrere große Städte und einige Dörfer waren eingezeichnet, wie viele Menschen mochten auf der Insel leben? Oder gab es dort überhaupt Menschen? Tristan versuchte, sich einige Dinge einzuprägen, schließlich würde er am Anfang wohl allein sein. Oder erwartete ihn jemand? In der linken Ecke der Karte entdeckte er einen Maßstab. Demnach war die Insel fast 150 Meilen lang und an der breitesten Stelle 100 Meilen breit. Wie sollte er seinen Vater dort jemals finden? Tristan schluckte, ihm wurde mehr und mehr bewusst, wie viel Unbekanntes trotz Jessicas Brief vor ihm lag.

Hinter der zweiten Tür lag ein kleiner Serverraum, die Abstellkammer befand sich ganz am Ende des Flurs, hinter der dritten Tür. Sie war winzig, höchstens zwei Quadratmeter groß, und bot nichts Ungewöhnliches: links ein Regal mit Kästen voll Mineralwasser und Erfrischungsgetränken, rechts ein Regal mit Bürobedarf wie leeren Ordnern, Papier und eine ganze Reihe von Stecknadeln. Ganz und gar nicht das, was Tristan sich unter einem Raum vorgestellt hatte, der ein Weltentor beherbergte, aber vermutlich war das auch die Absicht der Paladine.

Die Stirnwand der Kammer war leer und an ihrem Fuß lag etwas Kleines. Tristan bückte sich und hob es auf. Es war das Amulett, klein und unscheinbar aus grauem Stein, verziert mit einigen Zeichen, die entfernt an Hieroglyphen erinnerten. Und nun? Er las noch einmal Jessicas Brief.Leg es auf den Boden und schmiere einen Tropfen deines Blutes darauf, lautete die Anweisung. »Ziemlich seltsam«, murmelte Tristan, nahm aber eine der Stecknadeln und pikste sich nach kurzem Zögern in den Finger. Er drückte auf die Fingerkuppe, bis sich ein dicker Blutstropfen bildete, und schmierte ihn etwas planlos auf das Amulett. Nichts geschah.

Er wollte sich schon ein zweites Mal stechen, als das Portlet zu vibrieren begann. Beinahe hätte er es vor Schreck fallen lassen, dachte dann aber an Jessicas Worte und legte es vorsichtig auf den Boden, nahe der freien Wand, ungefähr so, wie er es vorgefunden hatte. Ein greller Blitz ließ ihn die Augen zusammenkneifen. Aus dem Portlet erhob sich ein Zylinder hellen Lichts, in dem sich nach kurzer Zeit vage ein Bild abzeichnete. Es sah aus wie das Innere einer Höhle oder eines Tunnels.

Tristan trat zögerlich einen Schritt näher, blieb aber auf Armlänge vor dem Durchgang stehen. Er streckte eine Hand aus und hielt sie dicht vor den Zylinder aus Licht. Ihm war, als fühle er einen leichten, angenehm warmen Luftzug. Tristan schluckte und steckte vorsichtig einen Finger in das Licht. Es gab keinen Widerstand, aber auf der anderen Seite war es spürbar wärmer. Er zog den Finger zurück, und während er noch seinen Mut zusammennahm, um durch das Portal zu schreiten, schrumpfte der Zylinder schon wieder und verschwand in dem Portlet.

Tristan seufzte und nahm die Nadel wieder zur Hand. Dabei kam ihm ein Gedanke. Was, wenn er zurückwollte, musste er auf der anderen Seite auch sein Blut auf ein Portlet schmieren? Sicherheitshalber steckte er zwei Nadeln in seinen Rucksack, stach dann nochmals in einen Finger und verteilte sein Blut auf dem Amulett. Als der Zylinder sich aufgebaut hatte, rief er sich das Bild seiner Schwester vor Augen, wie sie mit all den Schläuchen und Geräten auf der Intensivstation lag, straffte sich und trat hindurch.

***

Auf der anderen Seite empfing ihn stickige Hitze, die Luft roch schlecht und zudem war es gleißend hell. Tristan kniff die Augen zusammen und schirmte sie mit seinen Händen ab.

Die Sonne stand über ihm an einem strahlend blauen Himmel, und angesichts der Hitze, die ihm schon den Schweiß aus den Poren trieb, erwartete Tristan, sich in einer Wüste wiederzufinden. Doch um ihn herum war nur Geröll und vor ihm ein Abgrund. Dampf lag als Dunst in der Luft, und als er sich umsah, bemerkte er, dass das Portlet, durch das er gekommen war, vor einer Bergwand lag. Diese wölbte sich einige Meter über ihn. Durch die vor Hitze flirrende Luft erkannte Tristan, dass die Felswand sich in einer ungefähren Ellipse fortsetzte und wie ein Kegel um einen klaffenden Krater in ihrer Mitte schloss. Da begriff er, dass er sich in einem der Vulkankegel befand, vermutlich in dem, der auf der Karte mit der Nadel markiert gewesen war.

Angst kroch in Tristan hoch, er hatte plötzlich das Gefühl, als müsse der Vulkan im nächsten Augenblick ausbrechen. Am liebsten wäre er losgerannt, doch wohin überhaupt? Er wagte sich ein paar Schritte vor. Vor der Stelle, an der das Portlet versteckt lag, gab es ein kleines Plateau, von dessen Rand sich ein schmaler Pfad an der Wand entlangschlängelte. Tristan verzog den Mund, denn der Weg war nur zwei Fuß breit und verlief so dicht an der Wand entlang, dass man sich an einigen Stellen sogar ein bisschen Richtung Krater lehnen musste, um weiterzukommen. Aber was half es, einen anderen Weg gab es offensichtlich nicht und Tristan rief sich zur Ruhe. Vorsichtig tastete er sich Schritt für Schritt weiter. Er hatte schon befürchtet, um den halben Krater wandern zu müssen, der so breit war, dass er in dem Dunst das gegenüberliegende Ende nur vage erkennen konnte, doch nach einigen Metern bemerkte er in der Kraterwand eine Öffnung und der Pfad endete dort.

Tristan starrte unschlüssig abwechselnd in den dunklen Tunnel hinter der Öffnung und hinab in den bodenlos erscheinenden Krater, der wie ein Trichter immer enger wurde und aus dem unablässig heiße Luft aufstieg. Ein Grollen aus der Tiefe, mit dem eine kleine Rauchwolke emporquoll, trieb Tristan schließlich in den Tunnel. Schon nach wenigen Metern war es darin stockfinster und Tristan streckte die Arme aus, um sich an den Wänden entlangzutasten. Er wünschte sich, er hätte ein Feuerzeug und eine Kerze eingepackt. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen.

Der Tunnel machte nach wenigen Schritten eine Biegung, sodass auch der letzte Lichtschimmer vom Krater her verschwand. Dafür war es hier wenigstens nicht so heiß. Ein paar Schritte später weitete sich der Gang und Tristan konnte sich nur noch an einer Wand entlangtasten. Als er gegen einen kleinen Stein trat, der gegen eine Wand prallte, hallte das Geräusch von den Wänden wider. Tristan musste sich in einer großen Höhle befinden. Und er war nicht allein, das spürte er.

Irgendwo bewegte sich etwas in der Dunkelheit und Tristan musste unwillkürlich an die Riesenspinne aus einem Fantasyroman denken. Der Gedanke, er könnte beim nächsten Schritt in ein riesiges Spinnennetz greifen, ließ ihm die Haare zu Berge stehen. Sein Mut schwand, nirgends war Licht, kein Ausgang zu erkennen und er war nicht einmal sicher, ob er zum Eingang zurückfinden würde. Was sollte er nur tun? »Stehen bleiben bringt jedenfalls nichts«, flüsterte er sich selbst zu, um die unheimliche Stille zu durchbrechen.

»Das ist wahr«, antwortete ihm eine sonore Stimme so laut, dass es hallte und Tristan zusammenzuckte. Ihm blieb fast das Herz stehen, er wagte nicht, sich zu rühren. In einer nicht weit entfernten Ecke der Höhle züngelte plötzlich eine Flamme und eine Fackel entzündete sich knisternd. Was ihr Licht beschien, war ganz und gar nicht dazu angetan, Tristan zu beruhigen. Das flackernde Licht wurde von einer Vielzahl glänzender Schuppen reflektiert, die einen Leib von der Größe eines Elefanten bedeckten, nur dass dieser einen langen Hals und einen mindestens ebenso langen Schwanz hatte, dass an den Seiten riesige, gefaltete Schwingen anlagen und am Ende des Halses ein großer Echsenkopf thronte. Aus diesem schoss wieder eine kleine Flamme und eine weitere Fackel entzündete sich, die einen zweiten Hals und einen zweiten Kopf enthüllte.

Beide Köpfe wandten sich Tristan zu und die Blicke der Echsenaugenpaare ließen ihn schaudern. Doch zugleich schlugen die riesigen Pupillen – die des rechten Kopfes waren grün, die des linken gelb – ihn auch in ihren Bann.

»Wer bist du?«, donnerte die Stimme, der rechte Kopf sprach.

Tristan brachte kein Wort heraus, das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er presste sich mit dem Rücken an die Höhlenwand und wünschte sich, er könnte darin verschwinden.

»Es hat ihm die Sprache verschlagen«, stellte der linke Kopf fest. Seine Stimme klang melodischer und angenehmer als die des anderen.

»Wohl noch nie einen Drachen gesehen«, pflichtete der rechte Kopf bei. Er senkte sich und schob sich ganz nah an Tristan heran. Der schwefelige Gestank aus den Nüstern des Drachen raubte ihm den Atem, ihm wurde schwindlig und er krallte die Finger in den nackten Fels.

»Wir sind Smurk, Hüter der Pforte. Wir wachen darüber, dass nur die Paladine und ihre Knappen zwischen den Welten wandern.« Der rechte Kopf schnaubte. »Du kommst aus der anderen Welt, aber du bist kein Paladin, wenn du noch nie einen Drachen gesehen hast und hier ohne Leuchtkugel im Dunkeln tappst. Erkläre dich!«

Der Kopf zog sich zurück, Tristan atmete etwas auf, sammelte sich, so gut er konnte, und stammelte: »Ich bin Tristan von Niehus, ich s-suche meinen Vater.«

»Wer ist dein Vater?«, fragte der linke Kopf.

»Sein Name ist Darius.«

»Darius?«, echote der rechte Kopf ungläubig. »Darius hat uns nie etwas von einem Sohn berichtet. Wenn du sein Sohn bist, dann bist du auch ein Paladin, beweise es!«

Tristan kam sich vor wie die Maus vor der Schlange. »Beweisen? Aber wie?«

Die beiden Drachenköpfe wandten sich einander zu. »Er lügt«, sagte der rechte.

»Oder er weiß nichts von seinen Kräften«, ergänzte der linke und wandte sich an Tristan. »Der Stein vor dir, nimm ihn in die Hand.«

Tristan erblickte einen faustgroßen Felsblock vor sich auf dem Boden und hob ihn zitternd auf.

»Nun zerquetsche ihn«, wies ihn der linke Kopf an.

Tristan machte große Augen. »Zerquetschen? Aber womit?«

»Mit deinen Händen«, dröhnte es vom rechten Kopf her. »Wenn du ein Paladin oder der Sohn eines Paladins bist, vermagst du, das zu tun.«

Tristan schluckte, starrte auf den Fels in seiner Hand. Testweise umschloss er ihn mit den Fingern. Kalter, harter Stein, kein Zweifel. Wie sollte er ihn mit den Händen zerquetschen? Jessica hatte zwar etwas von großen Kräften geschrieben, aber das? Oder war es vielleicht ein Rätsel der Drachen? Tristan erinnerte sich an ein Buch, in dem Drachen einem Helden ein Rätsel gestellt hatte.

»Er kann es nicht«, stellte der rechte Kopf fest.

»So scheint es«, pflichtete der linke Kopf ihm bei. »Wenn er kein Paladin ist, hätte er die Pforte nicht benutzen dürfen.«

»Nur die Paladine dürfen von der Pforte wissen«, fügte der rechte Kopf hinzu. »Wir müssen ihn töten, um das Geheimnis zu bewahren.« Der rechte Kopf schob sich wieder nah an Tristan heran. »Zerquetsch den Stein, junger Fremder, jetzt sofort!«

Tristan war starr vor Angst, sein Körper krampfte sich in Erwartung eines tödlichen Feuerhauchs zusammen. So auch seine Finger und auf einmal spürte Tristan, wie der Fels bröckelte, als sei es nur einfacher Sandstein. Mit aller Kraft ballte Tristan seine Hand zur Faust und der Fels zerbarst in Dutzende Splitter, die zu Boden fielen. »Krass!«, murmelte Tristan ungläubig.

»Willkommen, Meister Tristan. Willkommen in Nuareth«, sprachen beide Köpfe gleichzeitig und verneigten sich. »Seht uns die Drohung nach, wir haben nur unsere Pflicht getan. Können wir Euch zu Diensten sein?«

Tristan starrte noch immer fassungslos auf die Kiesel zu seinen Füßen. Seine Hand war unverletzt, schmerzte nicht einmal. Wie war das alles möglich? Und dieses riesige Tier hatte ihn Meister genannt und bot ihm seine Dienste an, unglaublich. Die Köpfe warteten geduldig, bis er sich wieder gefasst hatte. Schließlich fragte er: »Wisst ihr, wo ich meinen Vater finden kann?«

»Darius war lange nicht hier, nicht wahr?«, fragte der rechte Kopf den anderen.

»Es ist viele Mondjagden her, seit er mit anderen Paladinen herkam«, bestätigte der linke.

Tristan war verwirrt. Viele Mondjagden? Was war das denn? Sprachen sie vielleicht von Monaten? »Aber mein Vater ist doch erst vor drei Wochen …« Er brach ab und erinnerte sich an Jessicas Brief. Wenn eine Woche hier etwa einem Tag auf der Erde entsprach, dann waren drei Wochen ja … fast fünf Monate. Die Angst kam wieder in ihm hoch. Konnte sein Vater so lange wegbleiben, ohne dass ihm etwas zugestoßen war? »Ich muss ihn unbedingt finden. Meine Schwester liegt im Sterben, ich muss ihn zu ihr bringen. Oder einen anderen Paladin. Wisst ihr, wo die anderen sind?«

»Es tut uns leid«, sagte der linke Kopf. »Doch wir können Euch nicht helfen Meister Tristan. Darius hat uns nichts über seine Absichten gesagt und die anderen auch nicht. Und wir sind an diesen Ort gebunden, wir müssen die Pforte bewachen. Doch sollte Darius zurückkommen, werden wir ihm sagen, dass Ihr hier seid und ihn sucht.« Damit stützte sich der Drache schwerfällig hoch und wuchtete seinen mächtigen Leib zur Seite, sodass ein weiterer sehr breiter Tunnel sichtbar wurde, den er bislang versperrt hatte. »Lebt wohl, Meister Tristan, viel Erfolg bei Eurer Suche.«

»L-lebt wohl«, wiederholte Tristan die ungewohnte Phrase. »Und vielen Dank.«

Eilig ging er durch den Tunnel, der schon nach wenigen Metern ins Freie führte. Mit noch immer klopfendem Herzen lehnte Tristan sich gegen den Fels und sah kopfschüttelnd über die Schulter zurück. Gerade hatte er mit einem zweiköpfigen Drachen gesprochen und einen Stein mit bloßen Händen zerquetscht. Er konnte es immer noch nicht fassen.

Der Eingang zu Smurks Höhle lag versteckt hinter einem Felsvorsprung und ein Pfad schlängelte sich am Rücken des Berges entlang nach unten. Tristan blieb einen Moment lang stehen, genoss die frische Luft und beruhigte sich. Er sah sich um. Der Hang des Vulkans war überwiegend kahl, doch er stand inmitten eines riesigen Waldes, dessen sattes Grün die Umgebung bestimmte, wo Tristan auch einen See und einen breiten Fluss entdecken konnte. Ein weiterer Vulkan erhob sich in einiger Entfernung. Zur Rechten und zur Linken konnte er am Horizont das Meer sehen.

Er hörte Vögel kreischen, der Wind war leise zu hören, ansonsten war es völlig still, geradezu gespenstisch ruhig. Kein Auto, kein Flugzeug, keine Stimmen – nichts. Mit einem Mal fühlte Tristan sich verlassen und hilflos. Dies war nicht nur eine unbekannte Insel, es war eine fremde Welt. Würde er überhaupt die Sprache der hier lebenden Menschen verstehen? Und was gab es hier außer dem Drachen noch für Kreaturen? Musste er am Ende auf der Hut sein, um nicht von wilden Tieren angefallen zu werden? Sicher, er konnte hier offenbar Steine mit der bloßen Hand zerquetschen, aber in diesem Augenblick, als ihm klar wurde, was vor ihm lag, war ihm das ein schwacher Trost.

Abgesehen von der Fremdartigkeit und den unbekannten Gefahren machte ihm vor allem die Größe der Insel Sorgen. Wenn sein Vater nun schon fünf Monate hier war und auch die anderen Paladine seit Wochen verschwunden waren, wie sollte er einen von ihnen dann finden? Auf gut Glück umherwandern? Dafür war die Insel doch viel zu groß.

Seufzend holte er Jessicas Brief noch einmal hervor. In die Taverne sollte er gehen und mit dem Wirt sprechen. Und wenn der auch nichts wusste, was dann?

Aber nein, so durfte er nicht denken. Er rief sich Svenja ins Gedächtnis, ihre aussichtslose Lage. Auf keinen Fall durfte er aufgeben, schon gar nicht gleich am Anfang. Tristan atmete tief durch und machte sich an den Abstieg. Der Weg war nicht steil und führte zunächst einmal halb um den Berg herum, ehe er begann, sich in Serpentinen zum Fuß des Vulkans hinabzuschlängeln, wo er offenbar in einem Dorf endete.

Als Tristan durch die Pforte gekommen war, hatte die Sonne ungefähr im Zenit gestanden. Nachdem sie den halben Weg zum Horizont hinter sich gebracht hatte, erreichte er ein kleines Plateau, auf dem zwei große Felsblöcke zum Sitzen einluden. Er verschnaufte eine Weile, aß etwas Zwieback und trank seine Flasche fast leer. Seine Füße taten ihm weh und er war froh, dass er nicht die Stiefel angezogen hatte, in denen hätte er sich sicher längst Blasen gelaufen. Es kostete ihn Überwindung, sich wieder aufzuraffen und den Abstieg fortzusetzen. Wandern hatte er nie gemocht und er war bereits müde. Aber er wollte es unbedingt noch bis ins Dorf schaffen, ehe die Nacht hereinbrach.

Die Sonne war nicht mehr weit vom Horizont entfernt, als er die letzte Serpentine vor dem Dorfeingang erreichte. Von hier hatte er einen guten Blick über die Siedlung, die nur aus einigen wenigen Häusern bestand, die zum Teil verlassen wirkten. Aus den Schornsteinen von wenigstens zweien sah er etwas Rauch aufsteigen. Direkt unter ihm lag ein größeres Gebäude, und als er weiterging, erkannte er, dass es zu einem Stollen gehörte, dessen Eingang mit Brettern vernagelt war. Offenbar hatte man das Bergwerk aufgegeben.

Etwas überrascht stellte er am Ende des Pfades fest, dass dieser gar nicht ins Dorf hineinführte, sondern hinter einem der Häuser endete, von dem er Rauch hatte aufsteigen sehen. Als er herumging, sah er, dass es sich um die Taverne handelte. Ein Schild über dem Eingang verkündete, dass sieSniks Herbergehieß, und er trat mit knurrendem Magen und wunden Füßen ein.

Der Schankraum war kaum gefüllt. An einem runden Tisch nahe dem Eingang saßen einige breitschultrige Männer, mit Holzbechern vor sich und Würfeln auf dem Tisch. Sie blickten neugierig auf, als Tristan eintrat, und musterten ihn eingehend. Dabei starrten sie vor allem auf seine Füße und Tristan schluckte, als ihm klar wurde, dass seine Turnschuhe hier womöglich Aufmerksamkeit erregen würden. Zum Glück waren sie von der Wanderung so staubig, dass man sie kaum noch als solche erkennen konnte. Endlich wandten sich die Männer wieder ihrem Spiel zu, ohne ihn anzusprechen. Weitere Gäste konnte Tristan nicht entdecken. Hinter der Theke stand ein großer, schlaksiger Mann, offenbar der Wirt, der Tristan den Rücken zuwandte. Tristan ging zu ihm und flüsterte: »Verzeihung …«

»Ihr wünscht?«, fragte der Wirt routinemäßig, ohne von seiner Arbeit aufzublicken. »Als Tagesgericht haben wir Wildbraten auf Bankelmus, das Met ist frisch gezapft und gerade heute sind frisch gepflückte Beeren eingetroffen.«

Tristans Magen knurrte vernehmlich, aber noch wichtiger war ihm im Moment, eine Spur von seinem Vater zu finden. »Ich suche meinen Vater Darius. Wisst Ihr, wo ich ihn finden kann?«, fragte er deshalb mit gesenkter Stimme.

Endlich drehte der Wirt sich um und musterte Tristan mit gerunzelter Stirn. Er war recht jung, Mitte zwanzig, schätzte Tristan, und doch nicht so schmal, wie es zunächst ausgesehen hatte. Sein Gesicht war voller Bartstoppeln und eine Pfeife hing ihm aus dem Mundwinkel. Der Wirt warf einen Seitenblick auf die Gäste und lächelte jovial. »Natürlich haben wir ein Zimmer frei, junger Herr«, sagte er übertrieben laut und ignorierte Tristans Frage völlig. »Bitte folgt mir doch.« Er trat hinter dem Tresen hervor und bedeutete Tristan mit einem Wink, ihm in den Flur zu folgen, der durch einen Vorhang vom Schankraum getrennt war. Kaum war Tristan in den Flur getreten, zog der Wirt hastig den Vorhang zu, öffnete eine Tür und schob Tristan zwar nicht grob, aber sehr bestimmt hinein.

Kapitel III

Er schloss die Tür, drehte sich zu Tristan um und betrachtete ihn noch einmal von Kopf bis Fuß. Als sein Blick auf die Turnschuhe fiel, weiteten sich seine Augen. »Bist du noch zu retten, so hierher zu kommen? Hat dein Mentor dir nicht beigebracht, entweder im passenden Aufzug hier zu erscheinen oder erst nachts? Zum Glück sind die Schuhe so dreckig; das würde wieder ein Getuschel über die Paladine geben, wenn die das gesehen hätten.« Er schüttelte den Kopf. »Überhaupt, was machst du allein hier? Du bist doch viel zu jung, um ohne Mentor herzukommen. Wer bist du überhaupt?«

Tristan schwirrte von der Standpauke der Kopf. »Ich heiße Tristan von Niehus, ich suche meinen Vater Darius und …«

»Himmel noch mal, Tristan, Sohn des Darius, heißt das hier, hast du denn gar nichts gelernt?«, brauste der Wirt auf.

Trotz kam in Tristan hoch. Er war hergekommen, um seinen Vater zu finden, nicht, um von jemandem runtergemacht zu werden wie von einem seiner blöden Lehrer. »Nein, habe ich nicht. Ich habe keinen Mentor und ich wusste bis vor ein paar Tagen auch nichts von dem Portal, dieser Welt und …« Sein Trotz war dahin, Bitterkeit nahm seinen Platz ein »Und über meinen Vater wusste ich offenbar auch nichts.«

Die strengen Züge des Wirtes wurden milder. »Entschuldige. Ich dachte du wärst irgend so ein Flegel, der gegen den Willen seines Mentors hergekommen ist, bevor er die Ausbildung abgeschlossen hat. Ich heiße Martin, ich komme auch von der Erde.«

»Aber du bist kein Paladin?«

Martin lachte schallend. »Ein Paladin als Wirt einer Taverne? Da würden die Leute aber schauen. Nein, ich bin von einem Paladin hergebracht worden, aber stamme von keinem ab. Lange Geschichte. Doch jetzt zu dir, Tristan. Darius ist dein Vater und du suchst ihn hier, obwohl du von dieser Welt so gut wie nichts weißt. Wieso haben sie dich durch das Portal gelassen?«

»Meine Schwester liegt im Sterben, ein Unfall. Und mein Vater kann sie retten.«

»Verstehe, aber wieso kommt nicht einfach ein anderer Paladin her und sucht ihn?«

Tristan klappte der Mund auf. »Aber sie sind doch alle hier. Das weißt du nicht?«

Martin hob die Brauen. »Das ist mir neu. Eine große Gruppe ist vor ein paar Mondjagden hier durchgekommen, dein Vater war dabei. Aber es müssen doch noch ein paar drüben sein. Jessica zum Beispiel.«

Tristan schüttelte den Kopf. »Nein, sie ist mit einer letzten Gruppe hergekommen, sie hat es mir geschrieben. Hier.« Er reichte ihm den Brief.

Während des Lesens ließ Martin sich auf einen Schemel sinken und rieb sich nachdenklich die Stirn. »Oh Mann. Das hab ich nicht gewusst«, murmelte er. »Das muss alles sehr verwirrend für dich sein und …« Ein vernehmliches Knurren von Tristans Bauch unterbrach ihn und Martin grinste. »Okay, du kriegst erst mal ein Zimmer und was zu essen. Komm mit.«

Er führte ihn den Flur entlang, von dem auf beiden Seiten Türen abgingen. An einer der letzten hielt er an und öffnete sie. Dahinter lag eine kleine, fensterlose Kammer mit einem Strohlager, einem kleinen Tisch und einem Schemel. Martin zündete eine Kerze an. »Ich muss mich kurz um die Gäste kümmern, dann bringe ich dir gleich was zu essen.«

Als er allein war, setzte Tristan sich auf das Strohlager, das sich als weicher erwies, als er erwartet hatte. Er zog die Schuhe und die Tunika aus. In der Kammer war es sehr warm, vor allem der Boden, und für einen kurzen Moment dachte er an eine Fußbodenheizung, wurde sich dann aber bewusst, dass das völlig absurd war. Vermutlich sorgte der Vulkan für die Wärme. Gern hätte er sich hingelegt und ausgeruht, aber das piksende Stroh war ihm zu ungemütlich und so blieb er sitzen und wartete auf Martins Rückkehr.

Als der endlich kam, hatte Tristan schon jedes Zeitgefühl verloren. Nur sein fast schon quälender Hunger sagte ihm, dass einige Zeit vergangen sein musste. Zum Glück hatte Martin einen Teller dabei, auf dem einige Stücke Brot, Wurst und Käse lagen, über die sich Tristan sofort hermachte.

»Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Eigentlich ist in letzter Zeit nicht mehr viel los. Seit der Bergbau aufgegeben wurde, ziehen immer mehr Familien von hier weg, aber irgendwer hatte wohl eine Feier und kam mit Besuchern von auswärts. Schmeckt es?«

Tristan nickte kauend.

»Am besten, ich erkläre dir ein paar Dinge, solange du isst«, schlug Martin vor. »Das Dorf hier heißt Tharlan und die Insel, auf der wir uns befinden, Nasgareth, das bedeutet Flammenland. Sie ist ziemlich groß, genau vermessen hat das nie einer, aber von einem Ende zum anderen brauchst du selbst mit einem Reittier viele Tage. Im Norden liegt der Kontinent Nuareth, da gehen die Paladine aber nicht hin, ich war auch nie dort.«

»Warum nicht?«

»Es heißt, die Kraft der Paladine wirke nur in der Nähe des Portals. Auf der Insel hier wohl überall, aber auf dem Kontinent sei es dann vorbei.«

»Also sind die Paladine mit Sicherheit auf der Insel?« Martin nickte. »Und wann hast du zuletzt einen gesehen?«

Martin verzog sorgenvoll die Mine. »Das ist schon lange her. Eine ganze Gruppe von ihnen kam, aber sie sind hier nicht eingekehrt, sondern sofort weitergezogen. Das ist komisch. Normalerweise kommen ständig Paladine an oder kehren von hier aus zur Erde zurück. Nur deshalb betreibe ich die Taverne überhaupt noch.«

»Aber was ist mit Jessicas Gruppe? Das kann doch noch nicht so lange her sein. Sie ist ja erst vor zwei oder drei Erdentagen herübergekommen.«

»Ich kenne Jessica, sie habe ich nicht gesehen. Vielleicht ist ihre Gruppe nachts gekommen, sodass ich sie nicht bemerkt habe.«

»Und du weißt nicht, wo sie alle hingegangen sind?«

Martin zuckte die Schultern. »Ich bin keiner von euch, sie sagen Hallo, erzählen Neuigkeiten von der Erde, aber mehr auch nicht. Und wie gesagt, die letzte Gruppe ist sofort weitergezogen, ich hab sie nur durchs Fenster gesehen.«

Tristan seufzte. »Und was soll ich jetzt machen? Jessica hatte mir doch geschrieben, ich solle zu dir gehen. Ich hoffte, du hättest eine Nachricht.«

Martin kratzte sich an der Augenbraue. »Ich denke, du ruhst dich nun erst mal aus, und dann bringe ich dich morgen zu Meister Johann.«

»Wer ist das?«

»Er war früher der Anführer der Paladine und ist schon Jahrhunderte hier.«

»Jahrhunderte?« Tristan war verblüfft.

»Oh, wir Erdenmenschen altern hier nur sehr langsam. Johann muss an die siebenhundert Jahre alt sein, oder sieh mich an, ich bin auch schon sechzig Jahre hier und eigentlich an die neunzig. Sieht man mir nicht an, oder?« Er grinste. »Johann sollte wissen, was die anderen Paladine vorhaben, denn auch wenn er nicht mehr herumreist und kämpft, ist er immer noch so etwas wie der oberste Rat und trifft die wichtigsten Entscheidungen mit Darius gemeinsam, soweit ich weiß. Außerdem kann er dir einiges beibringen, von dem ich keine Ahnung habe.«

»Wie weit ist es?«

»Anderthalb Tagesritte ungefähr.«

»Und deine Taverne?«

Martin zuckte die Schulter. »Ist ja nicht mehr viel los, die Besucher reisen morgen sowieso ab und ich hab auch noch einen Vertreter. Außerdem«, fügte er hinzu, »möchte ich auch wissen, was mit den Paladinen los ist.« Er stand auf. »Ruh dich aus, das wird ein anstrengender Ritt. Die Latrine ist am Ende des Flures, rechts. Gute Nacht.«