Verlag: Lukeman Literary Management Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Verschwunden (ein Riley Paige Krimi—Band 1) E-Book

Blake Pierce  

4.64130434782609 (92)
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E-Book-Beschreibung Verschwunden (ein Riley Paige Krimi—Band 1) - Blake Pierce

Frauen werden im ländlichen Virginia tot aufgefunden – alle auf groteskte Weise getötet – und als das FBI den Fall übernimmt sind sie ratlos. Ein Serienmörder ist unterwegs, die Abstände zwischen den Morden werden immer kürzer und sie wissen, dass nur ein Agent gut genug ist um den Fall zu lösen: Spezialagentin Riley Paige. Riley ist beurlaubt, um sich von ihrer Begegnung mit dem letzten Serienmörder zu erholen, und so zerbrechlich wie sie ist, widerstrebt es dem FBI ihren brillianten Kopf zu nutzen. Trotzdem nimmt Riley, die sich ihren eigenen Dämonen entgegenstellen muss, den Fall an und ihre Suche führt sie durch die verstörende Subkultur von Puppensammlern, in die Häuser von zerbrochenen Familien, und in die dunkelsten Ecken des Verstandes eines Mörders. Während Riley sich Schicht für Schicht durch den Fall arbeitet wird ihr bewusst, dass sie es mit einem Killer zu tun hat, der verdrehter ist als sie es sich hätte vorstellen können. In einem wilden Wettlauf mit der Zeit wird Riley bis an ihr Limit gebracht – ihr Job steht auf dem Spiel, ihre eigene Familie ist in Gefahr und ihre zerbrechliche Psyche kurz vor einem KollapsAber sobald Riley Paige einen Fall annimmt gibt sie nicht auf, bis er gelöst ist. Er vereinnahmt sie, führt sie in die dunkelsten Ecken ihres eigenen Verstandes, verwischt die Grenze zwischen Jäger und Gejagtem. Nach einer Reihe von unerwarteten Wendungen führen ihre Instinkte sie zu einem schockierenden Finale, das alle überrascht.VERSCHWUNDEN, ein düsterer Psychothriller mit Spannung die für Herzklopfen sorgt, ist das Debüt einer fesselnden neuen Serie – und einer faszinierenden neuen Heldin – die uns bis spät in die Nacht wachhält.Band 2 in der Riley Paige Serie ist bald erhältlich.

Meinungen über das E-Book Verschwunden (ein Riley Paige Krimi—Band 1) - Blake Pierce

E-Book-Leseprobe Verschwunden (ein Riley Paige Krimi—Band 1) - Blake Pierce

VERSCHWUNDEN

(EIN RILEY PAIGE KRIMI—BAND 1)

B L A K E   P I E R C E

Blake Pierce

Blake Pierce ist eine begeisterte Leserin und schon ihr ganzes Leben lang ein Fan des Krimi und Thriller Genres. ONCE GONE ist Blakes Debütroman. Blake liebt es von Ihnen zu hören, also besuchen Sie www.blakepierceauthor.com, wo Sie sich für den Email Newsletter anmelden können, um ein kostenloses Buch und Hinweise auf kostenlose Giveaways zu bekommen. Verbinden Sie sich mit ihr auf Facebook und Twitter und bleiben Sie in Kontakt!

Copyright © 2015 Blake Pierce.

Aus dem Englischen von Marina Sun.

Alle Rechte vorbehalten. Außer durch eine Genehmigung nach dem U.S. Copyright Act von 1976, darf kein Teil dieses Buches ohne ausdrückliche Genehmigung der Autorin vervielfältigt, vertrieben oder in irgendeiner Form übermittelt, in Datenbanken oder Abfragesystemen gespeichert werden.

Dieses E-Book ist nur für ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Es darf nicht weiterverkauft oder an Dritte weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit anderen teilen möchten, erwerben Sie bitte für jeden Empfänger eine zusätzliche Kopie. Wenn Sie dieses Buch lesen, aber nicht gekauft haben, oder es nicht für Sie gekauft wurde, geben Sie es bitte zurück und erwerben Sie eine eigene Kopie. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit der Autorin respektieren.

Dieses Buch ist eine fiktive Geschichte.Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind von der Autorin frei erfunden oder werden fiktiv verwendet. Ähnlichkeiten mit echten Personen, lebendig oder verstorben, sind zufällig.

CONTENTS

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Prolog

Ein schmerzhafter Muskelkrampf ließ Rebeccas Kopf nach oben schnellen. Sie riss an den Seilen, die ihren Körper fesselten. Ihr Bauch war vertikal an das Rohr gebunden, das in der Mitte des kleinen Raumes durch Schrauben an der Decke und am Boden fest verankert war. Ihre Handgelenke waren vor ihr gefesselt und ihre Knöchel waren ebenfalls mit einem Seil zusammengebunden.

Sie bemerkte, dass sie weggedöst sein musste und war sofort hellwach als die Angst sie wieder durchfuhr. Sie wusste, dass der Mann sie töten würde. Stück für Stück, Wunde für Wunde. Er hatte es nicht auf ihren Tod abgesehen und auch nicht auf Sex. Er wollte nur ihren Schmerz.

Ich muss wach bleiben, dachte sie. Ich muss hier raus. Wenn ich wieder einschlafe, dann sterbe ich.

Trotz der Hitze in dem kleinen Zimmer zitterte ihr nackter Körper vor kaltem Schweiß. Sie sah an sich herunter. Ihre Füße standen barfuß auf dem Hartholzboden. Die Fläche um ihre Füße herum war übersät mit getrockneten Blutflecken; ein sicheres Zeichen dafür, dass sie nicht die erste Person war, die er hier festgehalten hatte. Ihre Panik vertiefte sich.

Er war weggegangen. Die einzige Tür im Raum war verschlossen, aber er würde zurückkommen. Er kam immer zurück. Und dann würde er alles tun, was er konnte, um sie zum Schreien zu bringen. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt und sie hatte keine Ahnung, ob es Tag oder Nacht war. Das einzige Licht kam von einer nackten Glühbirne die an der Decke baumelte. Wo auch immer dieser Ort war, es schien als könnte sie niemand schreien hören.

Sie fragte sich, ob dieses Zimmer früher einmal das Schlafzimmer eines kleinen Mädchens gewesen war; es war, auf groteske Weise, pink mit Verschnörkelungen und Märchenmotiven an den Wänden. Jemand—sie nahm an ihr Kidnapper—hatte seitdem den Raum verwüstet. Kleine Tische und Stühle waren zerbrochen und der Boden war übersät mit den zerrissenen Körpern von Kinderpuppen. Kleine Perücken—die der Puppen, dachte Reba—waren wie kleine Skalpe an die Wand genagelt. Die meisten waren aufwendig geflochten, aber alle hatten die unnatürlichen Farben von Spielzeug. Ein heruntergekommener, pinker Schminktisch stand aufrecht an einer Wand; sein herzförmiger Spiegel war in kleine Stücke zersprungen. Das einzige andere noch intakte Möbelstück war ein schmales Himmelbett mit einem zerrissenen pinken Baldachin. Ihr Kidnapper ruhte sich manchmal dort aus.

Der Mann beobachtete sie dann von dort mit dunklen, wachsamen Augen unter seiner Skimaske. Zuerst hatte sie in der Tatsache, dass er eine Maske trug, etwas Trost gefunden. Wenn er nicht wollte, dass sie sein Gesicht sah, hieß das doch, dass er nicht vorhatte sie zu töten und sie vielleicht gehen lassen würde, oder etwa nicht?

Aber sie verstand bald, dass die Maske einen anderen Zweck erfüllte. Sie konnte trotz der Maske sehen, dass sich dahinter ein fliehendes Kinn und ein schiefe Stirn versteckten, und sie war sich sicher, dass die Gesichtszüge des Mannes schwach und einfältig waren. Er war stärker als sie, aber kleiner, was ihn vermutlich unsicher machte. Sie nahm an, er trug die Maske um furchteinflößender zu wirken.

Sie hatte aufgehört zu versuchen ihn durch reden davon abzuhalten sie zu verletzen. Zuerst hatte sie gedacht sie könnte es schaffen. Sie wusste schließlich, dass sie hübsch war. Oder zumindest war ich das einmal, dachte sie traurig.

Schweiß und Tränen mischten sich auf ihrem zerschrammten Gesicht und sie konnte das getrocknete Blut in ihren langen blonden Haaren fühlen. Ihre Augen brannten; er hatte sie gezwungen Kontaktlinsen einzusetzen und sie erschwerten es zu sehen.

Gott weiß wie ich jetzt aussehe.

Sie ließ den Kopf fallen.

Stirb jetzt, flehte sie sich selber an.

Das sollte einfach genug sein. Sie war sich sicher, dass andere vor ihr hier gestorben waren.

Aber sie konnte es nicht. Nur daran zu denken ließ ihr Herz schneller schlagen, ihren Atem heftiger werden, sich gegen das Seil um ihren Bauch wehren. Langsam, als sie verstand, dass sie ihrem unmittelbaren Tod bevorstand, stieg ein neues Gefühl in ihr auf. Es war weder Panik noch Angst. Es war keine Verzweiflung. Es war etwas anderes.

Was fühle ich?

Dann wurde ihr klar, es war Wut. Nicht auf ihren Kidnapper. Sie hatte ihre Wut auf ihn schon lange verbraucht.

Ich bin es, dachte sie. Ich tue was er will. Wenn ich schreie und heule und schluchze und bettele, dann tue ich was er will.

Jedes Mal, wenn sie die kalte, fade Brühe schluckte, mit der er sie durch einen Strohhalm fütterte, tat sie, was er wollte. Jedes Mal, wenn sie erbärmlich jammerte, dass sie die Mutter zweier Kinder war, die sie brauchten, bereitete sie ihm größtes Vergnügen.

Ihr Verstand klärte sich mit neuer Entschlossenheit und sie hörte auf sich gegen die Seile zu drücken. Vielleicht musste sie eine andere Taktik probieren. Sie hatte sich so stark gegen die Seile gewehrt. Vielleicht war das der falsche Ansatz. Sie waren wie diese kleinen Bambusspielzeuge—die chinesischen Fingerfallen, wo man seine Finger jeweils in ein Ende steckte und je stärker man zog, desto weniger konnte man seine Finger befreien. Vielleicht war der Trick einfach sich zu entspannen; absichtlich und vollkommen. Vielleicht war das ihr Weg nach draußen.

Muskel für Muskel ließ sie ihren Körper erschlaffen und fühlte dabei jede Wunde, jede Verletzung, wo ihre Haut die Seile berührte. Und langsam merkte sie, wo die Spannung der Seile lag.

Sie hatte gefunden, was sie brauchte. Da war eine kleine Lockerung um ihren rechten Knöchel. Aber es würde nichts bringen zu ziehen, zumindest noch nicht. Nein, sie musste ihre Muskeln entspannt halten. Sie wackelte sanft mit ihrem Knöchel, ganz leicht, bis sich das Seil lockerte und sie mit mehr Kraft zog.

Schließlich, zu ihrer Freude und Überraschung, sprang ihre Ferse aus dem Seil und sie konnte ihren ganzen rechten Fuß herausziehen.

Sie suchte sofort den Boden ab. Nur etwa dreißig Zentimeter entfernt, inmitten der verstreuten Puppenteile, lag sein Jagdmesser. Er lachte immer, wenn er es dort liegen ließ, so quälend nah. Die Klinge, verkrustet mit Blut, blitze verlockend im Licht auf.

Sie schwang ihren freien Fuß in Richtung Messer. Sie schwang hoch und verpasste es.

Sie ließ ihren Körper wieder erschlaffen. Sie sank Zentimeter für Zentimeter an dem Rohr herunter und streckte ihren Fuß aus, bis das Messer in Reichweite war. Sie klammerte ihre Zehen um die dreckige Klinge, zog es über den Boden und hob es dann vorsichtig mit ihrem Fuß an, bis der Griff in ihrer Handfläche lag. Sie griff das Messer mit tauben Fingern und drehte es, um langsam das Seil durchzusägen, das ihre Handgelenke hielt. Die Zeit schien stillzustehen, während sie den Atem anhielt und hoffte, betete, dass sie das Messer nicht fallen ließ. Dass er nicht zurückkommmen würde.

Schließlich hörte sie einen Riss und sie war fast geschockt zu sehen, dass ihre Hände frei waren. Sofort durchschnitt sie mit klopfendem Herzen das Seil um ihren Bauch.

Frei. Sie konnte es nicht glauben.

Für einen Moment war alles was sie tun konnte dort zu hocken, als ihre Hände und Füße durch die wiederkehrende Blutzirkulation fast schmerzhaft kribbelten. Sie fasste nach den Kontaktlinsen auf ihren Augen, dem Verlangen widerstehend sie einfach herauszureißen. Sie schob sie vorsichtig zur Seite, griff sie mit den Fingerspitzen und zog sie heraus. Ihre Augen schmerzten fürchterlich und es war eine Erleichterung als die Linsen heraus waren. Sie betrachtete die zwei kleinen Plastikscheiben in ihrer Hand und die Farbe machte sie krank. Die Linsen waren ein helles, unnatürliches Blau. Sie warf sie zur Seite.

Mit pochendem Herzen zog Reba sich nach oben und humpelte schnell zur Tür. Sie griff nach dem Türknauf, aber drehte ihn nicht.

Was, wenn er da draußen ist?

Sie hatte keine Wahl.

Reba drehte den Knauf und zog an der Tür, die sich geräuschlos öffnete. Sie blickte den langen, leeren Flur herunter, der nur durch eine Öffnung auf der rechten Seite erleuchtet wurde. Sie schlich nackt, barfuß und leise den Flur entlang und sah, dass das Licht aus einem nur trüb erleuchteten Zimmer kam. Sie hielt inne und starrte. Es war ein einfaches Esszimmer, mit Tisch und Stühlen, alles vollkommen gewöhnlich, als würde eine Familie gleich zum Essen nach Hause kommen. Alte Spitzenvorhänge waren vor den Fenstern.

Ein neuer Horror schnürte ihr die Kehle zu. Diese Gewöhnlichkeit war verstörender als es ein Verließ hätte sein können. Durch die Vorhänge konnte sie sehen, dass es draußen dunkel war. Der Gedanke, dass die Dunkelheit es einfacher machen würde zu fliehen, ermutigte sie.

Sie drehte sich zurück in den Flur. Er endete an einer Tür – einer Tür die einfach nach draußen führen musste. Sie humpelte und lehnte sich schwer auf die kalte Messingklinke. Kalte frische Luft flutete ihre schmerzenden Lungen.

Sie fühlte sich gleichzeitig voller Panik und beschwingt. Die Freude der Freiheit.

Reba machte ihren ersten Schritt, bereit zu rennen – als sie plötzlich den harten Griff einer Hand an ihrem Handgelenk spürte.

Dann kam das vertraute, hässliche Lachen.

Das letzte was sie fühlte war ein hartes Objekt – wahrscheinlich aus Metall – das gegen ihren Kopf schlug. Dann fiel sie in die Tiefen der Dunkelheit.

Kapitel 1

Wenigstens hat der Gestank noch nicht eingesetzt, dachte Spezialagent Bill Jeffreys.

Während er sich noch über die Leiche beugte, konnte er nicht verhindern, dass ihm erste Anzeichen davon in die Nase stiegen. Er vermischte sich mit dem frischen Geruch von Tannen und dem klaren Dunst, der aus dem Bach aufstieg; der Leichengeruch, an den er sich schon vor langer Zeit gewöhnt haben sollte. Aber das würde er wohl nie.

Der nackte Körper der Frau war sorgfältig auf einem großen Felsen neben dem Bach drapiert worden. Sie saß aufrecht, gegen einen weiteren Felsen gelehnt, Beine gerade und gespreizt, ihre Hände an der Seite. Ein seltsamer Knick in ihrem rechten Arm war sichtbar, der auf einen gebrochenen Knochen hinwies. Das gelockte Haar war offensichtlich eine Perücke, strähnig und mit sich beißenden Blondtönen. Ein pinkes Lächeln war mit Lippenstift auf ihren Mund geschmiert.

Die Mordwaffe war noch um ihren Hals gewickelt; sie war mit einer pinken Schleife erdrosselt worden. Eine künstliche Rose lag vor ihr auf dem Felsen, neben ihren Füßen.

Bill versuchte sanft ihre linke Hand anzuheben. Sie bewegte sich keinen Zentimeter.

“Sie befindet sich noch in der Leichenstarre,” sagte Bill zu Agent Spelbren, der auf der anderen Seite neben der Leiche hockte. “Ist nicht länger als vierundzwanzig Stunden tot.”

“Was ist mit ihren Augen?” fragte Spelbren.

“Festgenäht mit einem schwarzen Faden,” antwortete er ohne sich die Mühe zu machen näher hinzusehen.

Spelbren starrte ihn ungläubig an.

“Sehen sie selber nach,” sagte Bill.

Spelbren betrachtete die Augen.

“Mein Gott,” murmelte er leise. Bill bemerkte, dass er nicht vor Abscheu zurückschreckte. Das wusste er zu schätzen. Er hatte mit anderen Agenten gearbeitet—einige davon gleichermaßen erfahren wie Spelbren—die sich spätestens an dieser Stelle die Seele aus dem Leib kotzten.

Bill hatte bisher noch nicht mit ihm gearbeitet. Spelbren war vom Büro in Virginia für diesen Fall gerufen worden. Es war Spelbrens Idee gewesen jemanden vom BAU, der Abteilung für Verhaltensanalyse, in Quantico zu rufen. Deshalb war Bill hier.

Kluge Entscheidung, dachte Bill.

Bill konnte sehen, dass Spelbren einige Jahre jünger war als er selbst, aber er hatte trotzdem ein verwittertes, von Erfahrungen gezeichnetes Gesicht, das ihm sympathisch war.

“Sie trägt Kontaktlinsen,” bemerkte Spelbren.

Bill sah sich die Augen näher an. Er hatte recht. Das schaurige, künstliche Blau brachte ihn dazu den Blick abzuwenden. Es war kühl hier unten neben dem Bach am frühen Morgen, aber die Augen waren schon tief in die Sockel gefallen. Es würde schwer werden den genauen Todeszeitpunkt zu bestimmen. Bill war sich sicher, dass die Leiche in der Nacht hierher gebracht und positioniert worden war.

Er hörte eine Stimme in der Nähe.

“Verdammte FBI Typen.”

Bill blickte auf und sah die drei örtlichen Polizisten, die einige Meter entfernt standen. Sie wisperten jetzt wieder unhörbar, weshalb Bill wusste, dass er die drei Worte hatte hören sollen. Sie waren von Yarnell ganz in der Nähe und nicht froh darüber, dass das FBI aufgetaucht war. Sie dachten, sie könnten mit dem Fall auch alleine umgehen.

Der leitende Parkwächter des Mosby State Park hatte das allerdings anders gesehen. Er war es nicht gewohnt etwas Schlimmeres als Vandalismus, Abfall und illegales Fischen oder Jagen zu sehen und er war sich sicher gewesen, dass die örtlichen Polizisten damit nicht fertig werden würden.

Bill war mit dem Helikopter die mehr als hundert Meilen gekommen, damit er den Tatort erreichte, bevor die Leiche bewegt wurde. Der Pilot war den Koordinaten zu einer Lichtung in der Nähe der Hügelspitze gefolgt, wo der Parkwächter und Spelbren ihn erwartet hatten. Der Parkwächter hatte sie die restliche Strecke über einen kleinen Waldweg gefahren und als sie hielten, konnte Bill den Tatort von der Straße aus sehen. Es war nur ein kurzer Weg bis zum Bach.

Die Polizisten, die ungeduldig in der Nähe standen, waren bereits über den Tatort gegangen. Bill wusste genau, was sie dachten. Sie wollten diesen Fall alleine lösen; ein paar FBI Agenten waren das Letzte, was sie sehen wollten.

Sorry, ihr Hinterwäldler, dachte Bill, aber ihr habt keine Ahnung mit was ihr es zu tun habt.

“Der Sheriff denkt, dass es um Menschenhandel geht,” sagte Spelbren. “Er liegt falsch.”

“Warum sagen Sie das?” fragte Bill. Er wusste die Antwort selbst, aber er wollte einen Eindruck davon bekommen, wie Spelbrens Kopf arbeitete.

“Sie ist Mitte dreißig, nicht mehr sehr jung,” sagte Spelbren. “Schwangerschaftsstreifen, also hat sie mindestens ein Kind. Nicht der Typ, der normalerweise gehandelt wird.”

“Sie haben recht,” sagte Bill.

“Aber was ist mit der Perücke?”

Bill schüttelte den Kopf.

“Ihr Kopf wurde rasiert,” erwiderte er, “ also wofür auch immer die Perücke war, sie dient nicht dazu ihre Haarfarbe zu ändern.”

“Und die Rose?” fragte Spelbren. “Eine Nachricht?”

Bill betrachtete sie genauer.

“Billiges Fabrikat,” antwortete er. “Die Art, die man in jedem billigen Laden findet. Wir werden sie nachverfolgen, aber wahrscheinlich nichts herausfinden.”

Spelbren sah ihn eindeutig beeindruckt an.

Bill bezweifelte, dass irgendetwas, das sie fanden, ihnen weiterhelfen würde. Der Mörder war zu methodisch, zu vorsichtig. Die ganze Szene war mit einem gewissen Stil ausgerichtet worden, der ihn nervös machte.

Er sah, wie die Polizisten näherkamen um einzupacken. Fotos waren gemacht und die Leiche würde jeden Moment abtransportiert werden.

Bill stand auf und seufzte, als er die Steifheit in seinen Beinen spürte. Seine Vierzig Jahre fingen an sich langsam zu zeigen, wenn auch nur ein wenig.

“Sie wurde gefoltert,” kommentierte er bedrückt. “Sehen sie sich all die Schnitte an. Einige verheilen schon wieder.” Er schüttelte düster den Kopf. “Jemand hat sie tagelang bearbeitet, bevor er sie mit dieser Schleife getötet hat.”

Spelbren seufzte.

“Der Täter war über irgendetwas wirklich wütend,” sagte Spelbren.

“Hey, wann können wir denn einpacken?” rief einer der Polizisten.

Bill sah in ihre Richtung und zwei von ihnen grummelten leise vor sich hin. Bill wusste, dass die Arbeit hier getan war, aber er sagte es nicht. Er zog es vor diese Dummköpfe warten zu lassen.

Er drehte sich langsam um und betrachtete die Szene. Es war ein dicht bewaldetes Gebiet, alles Tannen und Zedern und viel Unterholz, mit einem Bach, der an dieser friedlichen und idyllischen Szene vorbei in den nächsten Fluss plätscherte. Selbst jetzt, im Hochsommer, würde es hier heute nicht besonders heiß werden, also würde auch die Leiche nicht sofort verrotten. Es wäre trotzdem besser sie hier rauszubekommen und nach Quantico bringen zu lassen. Die Gerichtsmediziner dort würden sich die Leiche wahrscheinlich gerne ansehen, während sie noch einigermaßen frisch war. Der Wagen des Gerichtsmediziners stand wartend hinter dem geparkten Streifenwagen.

Der Weg bestand aus nicht mehr als parallelen Spurrillen durch den Wald. Der Mörder musste hier ebenfalls entlanggefahren sein. Er hatte aber sicherlich nicht viel Zeit hier verbracht. Auch wenn das Gebiet abgelegen erschien, fuhren die Parkwächter regelmäßig Kontrolle und private Wagen waren hier nicht erlaubt. Er hatte gewollt, dass die Leiche gefunden wird. Er war stolz auf sein Werk.

Und sie war gefunden worden, von einem Pärchen frühmorgendlicher Reiter. Touristen auf gemieteten Pferden laut dem Parkwächter. Sie waren Urlauber aus Arlington, die sich auf einer Western Ranch gleich vor Yarnell eingemietet hatten. Laut dem Parkwächter waren sie vollkommen außer Fassung. Ihnen war gesagt worden, sie sollten die Stadt nicht verlassen und Bill plante sich später mit ihnen zu unterhalten.

Um die Leiche herum schien nichts Ungewöhnliches zu sein. Der Kerl war sehr vorsichtig gewesen. Er hatte etwas hinter sich hergezogen, als er vom Bach zurück zu seinem Auto ging – vielleicht eine Schaufel – um seine Fußspuren zu verwischen. Keine Spur von etwas, das absichtlich oder versehentlich zurückgelassen wurde. Alle Reifenspuren, die möglicherweise da gewesen waren, hatten die Streifenwagen und der Gerichtsmediziner zerstört.

Bill seufzte.

Verdammt, dachte er. Wo ist Riley wenn ich sie brauche?

Seine langjährige Partnerin und beste Freundin hatte Zwangsurlaub, um sich von dem Trauma ihres letzten Falles zu erholen. Und das war ein wirklich schlimmer gewesen. Sie brauchte die Zeit, und um die Wahrheit zu sagen, es bestand die Möglichkeit, dass sie nicht zurückkommt.

Aber er brauchte sie jetzt wirklich. Sie war viel klüger als Bill und es macht ihm nichts aus das zuzugeben. Er liebte es ihrem Kopf dabei zuzusehen, wie er arbeitete. Er stellte sie sich vor, wie sie die Szene auseinandernahm und jedes noch so kleinste Detail beachtete. Sie würde ihn wegen der offensichtlichen Hinweise aufziehen, die ihm mitten ins Gesicht gestarrt hatten.

Was würde Riley hier sehen, das Bill nicht gesehen hatte?

Er fühlte sich ahnungslos und das Gefühl mochte er gar nicht. Aber es gab nichts, was er jetzt noch daran machen konnte.

“Okay, Jungs,” rief Bill den Polizisten zu. “Bringt die Leiche weg.”

Die Polizisten lachten und klatschen sich ab.

“Denken Sie, er wird es wieder tun?” fragte Spelbren.

“Da bin ich mir sicher,” sagte Bill.

“Woher wissen Sie das?”

Bill atmete tief durch.

“Weil ich seine Arbeit schon einmal gesehen habe.”

Kapitel 2

“Es wurde für sie mit jedem Tag schlimmer,” sagte Sam Flores und zeigte ein weiteres, entsetzliches Foto auf einem riesigen Multimedia Bildschirm, der über dem Konferenztisch hing. “Bis zu dem Moment in dem er sie getötet hat.”

Bill hatte sich so etwas schon gedacht, aber er hasste es in so einem Fall recht zu behalten.

Das Büro hatte die Leiche zum BAU in Quantico gebracht, forensische Mitarbeiter hatten Fotos gemacht und im Labor waren alle nur erdenklichen Tests gestartet worden. Flores, ein Labormitarbeiter mit einer schwarzen Brille, zeigte die grausige Präsentation und die riesigen Detailaufnahmen waren eine furchteinflößende Präsenz im BAU Konferenzraum.

“Wie lange war sie tot, bevor sie gefunden wurde?” fragte Bill.

“Nicht lange,” erwiderte er. “Vielleicht seit dem frühen Abend davor.”

Neben Bill saß Spelbren, der mit ihm von Yarnell nach Quantico geflogen war. Am Kopfende saß Spezialagent Brent Meredith mit seinem immer ernsten Gesichtsausdruck. Nicht, dass Bill von ihm eingeschüchtert war – im Gegenteil. Er dachte dass sie viel gemeinsam hatten. Sie waren beide erfahrene Agenten und hatten beide schon so gut wie alles gesehen.

Flores zeigte Detailaufnahmen der Wunden des Opfers.

“Die Wunden auf der linken Seite sind älter,” sagte er. “Die auf der Rechten frischer, einige Stunden oder Minuten bevor er sie mit der Schleife erwürgt hat. Es scheint als wäre er während der Woche, in der er sie gefangen hielt, kontinuierlich gewalttätiger geworden. Es ist möglich, dass der Bruch des Arms die letzte Verletzung war, die er ihr vor ihrem Tod zugefügt hat.”

“Die Wunden sehen mir nach der Arbeit eines Einzeltäters aus,” bemerkte Meredith. “Ausgehend von dem ansteigenden Grad der Aggression vermutlich männlich. Was haben Sie noch?”

“Die leichten Stoppeln auf ihrem Kopf deuten darauf hin, dass sie zwei Tage vor ihrem Tod geschoren wurde,” fuhr Flores fort. “Die Perücke wurde aus verschiedenen Perücken zusammengenäht, alles billiges Material. Die Kontaktlinsen wurden vermutlich online geordert. Und noch etwas,” sagte er und schaute zögernd in die Runde. “Er hat sie von Kopf bis Fuß mit Vaseline eingeschmiert.”

Bill konnte spüren, wie sich die Anspannung im Raum verstärkte.

“Vaseline?” fragte er.

Flores nickte.

“Warum?” fragte Spelbren.

Flores zuckte mit den Achseln.

“Das herauszufinden ist Ihr Job,” erwiderte er.

Bill dachte an die beiden Touristen, die er am Tag zuvor befragt hatte. Sie waren ihm keine Hilfe gewesen, hin und her gerissen zwischen einer morbiden Neugier und Panik darüber, was sie gesehen hatten. Sie konnten es nicht erwarten zurück nach Arlington zu kommen und es hatte keinen Grund gegeben sie festzuhalten. Sie waren von verschiedenen Polizeibeamten befragt und anschließend mehrmals darauf hingewiesen worden, nichts über das Gesehene verlauten zu lassen.

Meredith atmete aus und legte beide Handflächen auf den Tisch.

“Gute Arbeit, Flores,” sagte Meredith.

Flores sah ihn bei dem Lob dankbar an – und vielleicht ein wenig überrascht. Brent Meredith war nicht dafür bekannt Komplimente zu geben.

“Nun, Agent Jeffreys,” wandte Meredith sich an ihn, “informieren Sie uns darüber, wie das alles mit Ihrem alten Fall in Verbindung steht.”

Bill atmete tief durch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

“Vor etwa sechs Monaten,” fing er an, “am sechzehnten Dezember, um genau zu sein, wurde die Leiche von Eileen Rogers auf einer Farm in der Nähe von Daggett gefunden. Ich wurde zu den Ermittlungen gerufen, zusammen mit meiner Partnerin, Riley Paige. Das Wetter war extrem kalt und der Körper war steif gefroren. Es war schwer zu sagen, wie lange sie schon dort war und der genaue Todeszeitpunkt wurde nie festgestellt. Flores, zeigen Sie es ihnen.”

Flores drehte sich wieder zu der Präsentation. Der Bildschirm teilte sich und eine neue Serie von Fotos tauchte auf. Die beiden Opfer wurden Seite an Seite dargestellt. Bill sog scharf die Luft ein. Es war unglaublich. Abgesehen von dem gefrorenen Fleisch des einen Körpers, waren die beiden Leichen in fast der exakt gleichen Verfassung, die Wunden geradezu identisch. Beiden Frauen waren die Augenlider in der gleichen, hässlichen Art und Weise, festgenäht worden.

Bill seufzte, die Bilder brachten alles zurück. Egal wie lange er schon dabei war, es schmerzte ihn jedes Mal ein Opfer zu sehen.

“Rogers’ Leiche wurde aufrecht sitzend gegen einen Baum gelehnt gefunden,” fuhr Bill mit düsterer Stimme fort. “Nicht ganz so sorgfältig positioniert wie die im Mosby Park. Keine Kontaktlinsen oder Vaseline, aber die meisten der anderen Details stimmen überein. Rogers’ Haare waren abgeschnitten, nicht rasiert, aber es gab eine ähnliche, zusammengenähte Perücke. Sie wurde ebenfalls mit einer pinken Schleife erdrosselt und eine künstliche Rose lag vor ihr.”

Bill hielt einen Moment inne. Er hasste, was er als nächstes sagen musste.

“Paige und ich konnten den Fall nicht lösen.”

Spelbren drehte sich zu ihm.

“Was war das Problem?” fragte er.

“Was war nicht das Problem?” gab Bill mit einem unnötig abwehrenden Ton zurück. “Wir konnten keinen einzigen richtigen Hinweis finden. Wir hatten keine Zeugen; die Familie des Opfers konnte uns keine hilfreichen Informationen geben; Rogers hatte keine Feinde, keinen Exmann, keinen wütenden Liebhaber. Es gab nicht einen guten Grund, warum sie gekidnappt und getötet wurde. Der Fall ist sofort im Sand verlaufen.”

Bill wurde still. Düstere Gedanken fluteten seinen Kopf.

“Tun Sie das nicht,” sagte Meredith in einem ungewohnt sanften Ton. “Es war nicht Ihre Schuld. Sie hätten nichts tun können, um den neuen Mord zu verhindern.”

Bill wusste seine Freundlichkeit zu schätzen, aber er fühlte sich unglaublich schuldig. Warum hatte er den Fall nicht vorher lösen können? Warum hatte Riley es nicht gekonnt? Es gab wenige Momente, in denen er so vollkommen ratlos gewesen war.

In diesem Moment brummte das Handy von Meredith und der Chef nahm den Anruf entgegen.

Das erste was er sagte, war “Scheiße!”

Er wiederholte es einige Male. Dann sagte er, “Sie sind sich sicher, dass sie es ist?” Er hielt inne. “Gab es eine Lösegeldforderung?”

Er stand aus seinem Stuhl auf und verließ den Konferenzraum, wo die anderen drei Männer in verwirrter Stille zurückblieben. Nach ein paar Minuten kam er zurück. Er sah älter aus.

“Meine Herren, wir befinden uns jetzt im Krisenzustand,” verkündete er. “Wir haben gerade eine positive Identifikation des neuen Opfers bekommen. Ihr Name war Reba Frye.”

Bill fühlte sich, als hätte man ihm einen Schlag in den Magen verpasst; er konnte sehen, dass Spelbren ebenso geschockt war. Aber Flores sah weiterhin verwirrt aus.

“Sollte ich wissen, wer das ist?” fragte er.

“Ihr Mädchenname ist Newbrough,” erklärte Meredith. “Die Tochter des Senators Mitch Newbrough – wahrscheinlich Virginias nächster Gouverneur.”

Jetzt verstand auch Flores.

“Ich hatte nicht gehört, dass sie als vermisst galt,” sagte Spelbren.

“Es wurde nicht offiziell bekannt gegeben,” sagte Meredith. “Ihr Vater wurde bereits informiert. Und natürlich denkt er, dass es politisch ist oder persönlich – oder beides. Selbst wenn genau das gleiche einem anderen Opfer vor sechs Monaten widerfahren ist.”

Meredith schüttelte den Kopf.

“Der Senator wird uns Druck machen,” fügte er hinzu. “Eine Presse Lawine ist kurz davor uns zu treffen. Dafür wird er sorgen, um uns Feuer unter dem Hintern zu machen.”

Bill hasste es sich zu fühlen, als wäre er mit einer Situation überfordert. Aber das war genau das, was jetzt in ihm vorging.

Eine ernste Stille legte sich über den Raum.

Schließlich räusperte sich Bill.

“Wir werden Hilfe brauchen,” sagte er.

Meredith drehte sich zu ihm und Bill traf seinen harten Blick. Plötzlich zeigten sich Sorge und Missbilligung auf seinem Gesicht. Er wusste offensichtlich, was Bill dachte.

“Sie ist noch nicht so weit,” antwortete Meredith, dem bewusst war, dass Bill sie zurückbringen wollte.

Bill seufzte.

“Sie kennt den Fall besser als jeder sonst,” erwiderte er, “und es gibt niemanden, der klüger wäre.”

Nach einer Pause gab Bill sich einen Ruck und sagte, was er wirklich dachte.

“Ich denke nicht, dass ich es ohne sie schaffe.”

Meredith tippte ein paar Mal mit seinem Bleistift auf das Notizpapier vor ihm. Es war ihm anzusehen, dass er diese Entscheidung lieber nicht treffen würde.

“Das ist ein Fehler,” sagte er. “Aber wenn sie zusammenbricht, dann ist es Ihr

Kapitel 3

Die Teenagerin die ihm die Tür öffnete, sah aus, als würde sie Bill sie gleich wieder vor der Nase zuschlagen. Stattdessen wirbelte sie herum, ließ die Türe offen stehen und ging zurück ins Haus.

Bill trat in den Flur.

“Hi, April,” sagte er automatisch.

Rileys Tochter, eine mürrische, schlaksige Vierzehnjährige, mit dem dunklen Haar und den nussbraunen Augen ihrer Mutter, gab keine Antwort. Nur mit einem übergroßen T-Shirt bekleidet, ihre Haare durcheinander, ging April um die Ecke und ließ sich auf die Couch fallen. Sie schien außer ihrem Handy und den Kopfhörern in ihren Ohren nichts wahrzunehmen.

Bill stand unbehaglich in der Tür, unsicher was er tun sollte. Riley hatte ihm erlaubt sie zu besuchen nachdem er sie angerufen hatte, wenn auch nur zögerlich. Hatte sie ihre Meinung geändert?

Bill sah sich um, während er weiter durch das düstere Haus ging. Er kam ins Wohnzimmer und sah, dass alles ordentlich und aufgeräumt war – typisch für Riley. Er bemerkte allerdings auch die zugezogenen Gardinen und die dünne Staubschicht auf den Möbeln und das sah ihr gar nicht ähnlich. Auf einem Bücherregal sah er eine Reihe glänzender, neuer Thriller Taschenbücher, die er ihr in der Hoffnung gekauft hatte, dass sie dadurch abgelenkt werden würde. Nicht einer der Buchrücken sah geknickt aus.

Bills Besorgnis vertiefte sich. Das war nicht die Riley, die er kannte. Hatte Meredith recht? Brauchte sie mehr Zeit? Machte er das Falsche, indem er sie in einen neuen Fall zog bevor sie bereit war?

Bill straffte die Schultern und ging weiter, bis er um eine Ecke bog und Riley alleine in der Küche sitzend fand. Sie saß am Küchentisch in ihrem Morgenmantel und Hausschuhen, mit einer Tasse Kaffee vor ihr. Sie sah auf und er bemerkte einen Ausdruck von Verlegenheit, als hätte sie vergessen, dass er kommen wollte. Aber sie erholte sie schnell und überspielte die Verlgenheit mit einem schwachen Lächeln als sie aufstand.

Er trat auf sie zu und gab ihr eine Umarmung, die sie erwiderte, wenn auch nur schwach. In ihren Hausschuhen war sie etwas kleiner als er. Sie war sehr dünn geworden, zu dünn, und seine Besorgnis nahm weiter zu.

Er setze sich ihr gegenüber an den Tisch und sah sie aufmerksam an. Ihre Haare waren sauber, aber nicht gekämmt und es sah aus, als hätte sie seit Tagen nur diese Hausschuhe getragen. Ihr Gesicht sah eingefallen aus, zu bleich, und viel, viel älter als das letzte Mal, als er sie vor fünf Wochen gesehen hatte. Sie sah aus, als wäre sie durch die Hölle gegangen. Das war sie auch. Er versuchte nicht darüber nachzudenken, was der letzte Mörder ihr angetan hatte.

Sie wich seinem Blick aus und beide saßen in einem unangenehmen Schweigen zusammen. Bill war sich so sicher gewesen, dass er genau wusste, was er sagen würde, um sie aufzumuntern, sie wachzurütteln. Stattdessen saß er am Tisch, fühlte sich überwältigt von ihrer Traurigkeit und war sprachlos. Er wollte sie robuster sehen, ihr altes Selbst.

Er versteckte schnell den Umschlag mit den Unterlagen über den neuen Mordfall auf dem Boden neben seinem Stuhl. Er war sich nicht mehr sicher, ob er sie ihr zeigen sollte. Langsam beschlich ihn das Gefühl, dass es ein Fehler gewesen war zu kommen. Es war offensichtlich, dass sie mehr Zeit brauchte. Tatsächlich hatte er das erste Mal das Gefühl, dass sein Partner möglicherweise nicht mehr zurückkommen würde.

“Kaffee?” fragte sie. Er konnte ihr Unbehagen spüren.

Er schüttelte den Kopf. Sie schien zerbrechlich. Als er sie im Krankenhaus besucht hatte und auch nachdem sie nach Hause gekommen war, hatte er Angst um sie gehabt. Er hatte sich gefragt, ob sie jemals ihren Weg zurückfinden würde aus den Untiefen der Dunkelheit, die durch all den Schmerz und Horror entstanden war, den sie hatte erdulden müssen. Sie war in jedem anderen Fall so unerschütterlich gewesen. Etwas an diesem letzten Fall, diesem letzten Mörder, war anders. Bill konnte es verstehen: der Mann war der gestörteste Psychopath, dem er jemals begegnet war – und das sollte schon etwas heißen.

Während er sie betrachtete fiel ihm etwas anderes auf. Sie sah ihrem Alter entsprechend aus. Sie war vierzig Jahre alt, genauso wie er, aber wenn sie arbeitete, lebhaft und engagiert, hatte sie immer viel jünger gewirkt. Graue Haare fingen an in ihrem dunklen Haar sichtbar zu werden. Nun ja, bei seinem Haar war es nicht anders.

Riley rief ihre Tochter, “April!”

Keine Antwort. Riley rief mehrmals ihren Namen, jedes Mal lauter, bis sie schließlich antwortete.

“Was?” rief April gereizt aus dem Wohnzimmer zurück.

“Wann geht dein Unterricht heute los?”

“Das weißt du.”

“Sag’s mir einfach, okay?”

“Halb Neun.”

Riley runzelte die Stirn und schien sich über sich selbst zu ärgern. Sie blickte zu Bill.

“Sie ist in Englisch durchgefallen. Zu oft geschwänzt. Ich versuche ihr zu helfen sich da wieder herauszuarbeiten.”

Bill schüttelte mitfühlend den Kopf; er verstand nur zu gut. Die Agentur nahm einen großen Teil des Lebens ein und die Familien litten am meisten darunter.

“Es tut mir leid,” sagte er.

Riley zuckte mit den Achseln.

“Sie ist vierzehn. Sie hasst mich.”

“Das ist nicht gut.”

“Ich habe jeden gehasst, als ich vierzehn war,” erwiderte sie. “Du nicht?”

Bill antwortete nicht. Es war schwer sich vorzustellen, dass Riley jemals jemanden hasste.

“Warte bis deine Jungs in dem Alter sind,” sagte Riley. “Wie alt sind sie jetzt? Ich habe es vergessen.”

“Acht und Zehn,” sagte Bill lächelnd und runzelte dann die Stirn. “So wie die Dinge gerade mit Maggie laufen, weiß ich allerdings nicht, ob ich überhaupt noch in ihrem Leben sein werde, wenn sie in Aprils Alter sind.”

Riley legte den Kopf auf die Seite und sah ihn besorgt an. Er hatte diesen warmen Blick vermisst.

“So schlimm, was?” sagte sie.

Er sah weg und wollte nicht weiter darüber nachdenken.

Sie saßen für einen Moment schweigend zusammen.

“Was versteckst du da auf dem Boden?” fragte sie.

Bill blickte nach unten und lächelte; selbst in ihrem momentanen Zustand entging ihr nichts.

“Ich verstecke nichts,” sagte Bill, nahm den Umschlag und legte ihn auf den Tisch. “Nur etwas, über das ich gerne mit dir reden würde.”

Riley lächelte breit. Es war offensichtlich, dass sie genau wusste, warum er wirklich gekommen war.

“Zeig es mir,” sagte sie, fügte dann aber nach einem nervösen Seitenblick auf April hinzu, “komm, lass uns nach draußen gehen. Ich will nicht, dass sie etwas davon sieht.”

Riley zog ihre Hausschuhe aus und ging barfuß in den Garten. Sie setzten sich an den verwitterten Holztisch, der schon dort gestanden hatte, als Riley eingezogen war, und Bill sah sich in dem kleinen Garten ohne einen einzigen Baum um. Er war umgeben von Wäldern und ließ Bill ganz vergessen, dass er auch nur in der Nähe einer Stadt war.

Zu isoliert, dachte er.

Er hatte nie das Gefühl gehabt, das dieser Ort das Richtige für Riley war. Das kleine Haus im Farmhaus Stil lag etwa fünfundzwanzig Kilometer außerhalb der Stadt, war heruntergekommen und sehr gewöhnlich. Es stand neben einer kleinen Straße, mit nichts außer Wald und Feldern in Sicht. Nicht, dass er dachte Leben in der Stadt wäre besser für sie. Er konnte sich Riley nicht auf Cocktail Partys vorstellen. Sie konnte von hier aus zumindest nach Fredericksburg fahren und den Amtrak nach Quantico nehmen, wenn sie zurück ins Büro kam. Falls sie zurückkam.

“Zeig mir, was du hast,” sagte sie.

Er breitete die Berichte und Fotos auf dem Tisch aus.

“Erinnerst du dich an den Daggett Fall?” fragte er. “Du hattest recht. Der Mörder war noch nicht fertig.”

Er sah, wie sich ihre Augen weiteten, als sie die Fotos betrachtete. Eine lange Stille senkte sich über sie, während sie aufmerksam die Unterlagen studierte, und er fragte sich, ob es genau das war, was es brauchte, um sie zurückzubringen – oder ob es sie zurückwerfen würde.

“Also, was denkst du?” fragte er schließlich.

Wieder Stille. Sie hatte immer noch nicht von den Unterlagen aufgesehen.

Schließlich blickte sie auf und als sie das tat, war er erschrocken Tränen in ihren Augen zu sehen. Er hatte sie noch nie weinen gesehen, nicht einmal bei ihren schlimmsten Fällen oder direkt neben einer Leiche. Das war definitiv nicht die Riley, die er kannte. Der Mörder hatte ihr etwas angetan; mehr als er wusste.

Sie unterdrückte ein Schluchzen.

“Ich habe Angst, Bill,” sagte sie. “Ich habe solche Angst. Immerzu. Vor allem.”

Bill schmerzte es sie so zu sehen. Er fragte sich, ob die alte Riley verschwunden war, die eine Person, auf die er sich immer verlassen konnte, die stärker war als er, der Fels auf den er bauen konnte. Er vermisste sie mehr, als er sagen konnte.

“Er ist tot, Riley,” sagte er, mit dem überzeugendsten Ton, den er fertig brachte. “Er kann dir nicht mehr weh tun.”

Sie schüttelte den Kopf.

“Das kannst du nicht wissen.”

“Natürlich weiß ich das,” erwiderte er. “Sie haben seine Leiche nach der Explosion gefunden.”

“Sie konnten ihn nicht identifizieren,” sagte sie.

“Du weißt, dass er es war.”

Sie vergrub ihr Gesicht in einer Hand als sie weinte. Er hielt die andere auf dem Tisch.

“Das ist ein neuer Fall,” sagte er. “Er hat nichts mit dem zu tun, was dir passiert ist.”

Sie schüttelte den Kopf.

“Das ist egal.”

Während sie weinte, steckte sie alle Unterlagen zurück in den Umschlag und hielt ihn Bill hin. “Es tut mir leid,” sagte sie und blickte zur Seite. “Ich denke du solltest gehen.”

Bill, entsetzt und traurig, nahm den Umschlag aus ihren zitternden Händen. Niemals, nicht in einer Million Jahren, hätte er das erwartet.

Bill musste für einen Moment gegen seine eigenen Tränen ankämpfen. Schließlich tätschelte er ihr sanft die Hand, stand auf und ging zurück durchs Haus. April saß immer noch im Wohnzimmer, ihre Augen geschlossen, und nickte im Takt ihrer Musik.

*

Riley saß weinend am Tisch nachdem Bill gegangen war.

Ich dachte ich bin okay, dachte sie.

Sie hatte für Bill okay sein wollen. Und sie hatte gedacht, dass sie es wirklich schaffen würde. In der Küche zu sitzen und über Nichtigkeiten zu reden war auch in Ordnung gewesen. Sogar besser als in Ordnung. Sie hatte sich mitreißen lassen. Ihre alte Lust für ihre Arbeit war aufgeflammt und sie hatte sich wieder mit einem Fall beschäftigen wollen. Sie wusste, dass sie versuchte zu rationalisieren, indem sie diese fast identischen Morde wie ein zu lösendes Puzzle betrachtete, fast als wäre es ein abstraktes, intellektuelles Rätsel. Das war auch okay. Ihr Therapeut hatte ihr gesagt, dass sie das würde tun müssen, wenn sie jemals zurück zur Arbeit gehen wollte.

Aber dann, aus irgendeinem Grund, wurde aus dem intellektuellen Puzzle das, was es wirklich war – eine entsetzliche, menschliche Tragödie, in der zwei unschuldige Frauen unter unvorstellbaren Qualen gestorben waren. Und sie fragte sich plötzlich: War es für sie genauso schlimm wie für mich?

Ihr Körper wurde mit Panik und Angst geflutet. Und Verlegenheit und Scham. Bill war ihr Partner und ihr bester Freund. Sie schuldete ihm so viel. Er hatte ihr in den letzten Wochen beigestanden, als sonst niemand da war. Sie hätte ohne ihn die Zeit im Krankenhaus nicht überlebt. Das Letzte was sie wollte, war, dass er sie in diesem Zustand der Hilflosigkeit sah.

Sie hörte April von der Hintertür aus rufen.

“Mom, wir müssen jetzt essen, sonst kommen wir zu spät.”

Sie hatte das dringende Bedürfnis zurückzurufen, “Mach dir dein eigenes Frühstück!”

Aber sie tat es nicht. Sie war von den vielen Kämpfen mit April erschöpft. Sie hatte es aufgegeben.

Sie stand auf und ging zurück in die Küche. Sie riss ein Küchentuch von der Rolle und nutze es um ihre Tränen wegzuwischen und sich die Nase zu putzen. Sie bereitet sich mental darauf vor zu kochen. Sie versuchte sich an die Worte ihres Therapeuten zu erinnern: Selbst Routineaufgaben werden viel Kraft verlangen, zumindest für den Anfang. Sie hatte sich vorgenommen einen Schritt nach dem anderen zu machen.

Zuerst kamen die Dinge aus dem Kühlschrank – der Karton mit den Eiern, die Packung Schinken, die Butterdose und das Marmeladenglas, weil April im Gegensatz zu ihr Marmelade mochte. Und so ging es weiter, bis sie fünf Schinkenstreifen in die Pfanne auf dem Herd legte und die Gasflamme entzündete.

Sie stolperte beim Anblick der gelb-blauen Flamme zurück. Sie schloss die Augen und alles kam auf einen Schlag zu ihr zurück.

Riley lag in dem engen Zwischenraum unter dem Haus; in einem kleinen, selbstgebauten Käfig. Die Propangasflamme war das einzige Licht, das sie sah. Den Rest der Zeit verbrachte sie in absoluter Dunkelheit. Der Boden bestand aus Erde. Die Dielen über ihr waren so tief, dass sie sich kaum hinhocken konnte.

Die Dunkelheit wurde nicht einmal dann durchbrochen, wenn er die kleine Tür öffnete und zu ihr in den Zwischenraum kroch. Sie konnte ihn nicht sehen, aber sie hörte ihn atmen und grunzen. Er würde ihren Käfig öffnen und hineinklettern.

Dann würde er die Fackel entzünden. Sie konnte sein grausames und hässliches Gesicht in ihrem Licht sehen. Er quälte sie mit einem Teller erbärmlichen Essens. Wenn sie danach griff, stieß er ihr die Flamme entgegen. Sie konnte nicht essen ohne verbrannt zu werden…

Sie öffnete die Augen. Die Bilder waren mit offenen Augen weniger lebendig, aber sie konnte den anhaltenden Strom von Erinnerungen nicht verdrängen. Sie fuhr mechanisch fort das Frühstück zuzubereiten, ihr ganzer Körper zitternd vor Adrenalin. Sie war gerade dabei den Tisch zu decken, als sie wieder die Stimme ihrer Tochter rufen hörte.

“Mom, wie lange dauert es noch?”

Sie zuckte zusammen und der Teller glitt ihr aus der Hand und fiel zu Boden, wo er zersplitterte.

“Was ist passiert?” rief April, die neben ihr erschien.

“Nichts,” sagte Riley.

Sie räumte die Scherben weg und als sie und April zum Essen zusammensaßen, war die stille Feindseligkeit wie immer spürbar. Riley wollte den Kreis durchbrechen, zu April durchstoßen, ihr sagen, April, ich bin es, deine Mutter und ich liebe dich. Aber sie hatte es viele Male probiert und es dadurch nur schlimmer gemacht. Ihre Tochter hasste sie und sie konnte nicht verstehen warum – oder wie sie es ändern konnte.

“Was machst du heute?” fragte sie April.

“Was denkst du denn?” schnappte April. “Ich gehe zum Unterricht.”