Verstrickung - Edda Helmke - E-Book

Verstrickung E-Book

Edda Helmke

4,9

Beschreibung

Im beschaulichen Berliner Ortsteil Pankow wird der Manager einer Immobilienfirma brutal erschlagen. Ein politisches Motiv scheint auf der Hand zu liegen – doch bald ist sich Kommissar Schade da gar nicht mehr so sicher. Bei seinen Ermittlungen zwischen Bioläden, Szenecafés und Kunstgalerien stößt er auf ein Geflecht von Liebe, Hass und Korruption, in dem es von Verdächtigen nur so wimmelt. Selbst die Betreiberin des Wollladens "Faden der Ariane", die dem Kommissar so hilfreich zur Seite steht, scheint ein dunkles Geheimnis vor ihm zu verbergen … "Ein unterhaltsamer, dichter Kriminalroman." FOCUS ONLINE (über Edda Helmkes "Der Tag nach dem Klassentreffen")

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Seitenzahl: 356

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Edda Helmke

VERSTRICKUNG

Kriminalroman

Die Personen und Handlungen dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichem Geschehen und Örtlichkeiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

© berlin.krimi.verlag im be.bra verlag GmbH

Berlin-Brandenburg, 2018

KulturBrauerei Haus 2

Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin

[email protected]

Lektorat: Gabriele Dietz, Berlin

Umschlag: Ansichtssache, Berlin

ISBN (print) 978-3-89809-549-5

ISBN (E-Book) 978-3-8393-4131-5

www.bebraverlag.de

Inhalt

Mittwoch, 6. August

Donnerstag, 7. August

Sonntag, 10. August

Montag, 11. August

Dienstag, 12. August

Mittwoch, 13. August

Donnerstag, 14. August

Freitag, 15. August

Samstag, 16. August

Sonntag, 17. August

Montag, 18. August

Dienstag, 19. August

Mittwoch, 20. August

Donnerstag, 21. August

Freitag, 22. August

Samstag, 23. August

Freitag, der 12. September

Die Autorin

Mittwoch, 6. August

In einem anderen Leben wäre sie Auftragskiller geworden.

Aber da der liebe Gott ihr dieses gegeben hatte, musste sie das Beste draus machen. Sie war dreieinhalb Minuten zu früh dran, aber das war egal. Sie zog die Handschuhe aus weichem, burgunderrotem Leder über die Finger und stieg aus dem Wagen. Als sie sich der Galerie näherte, kam ihr ein Mann mit einer Promenadenmischung entgegen. Der Mann starrte sie neugierig an. Als sie zurückstarrte, senkte er den Blick zu seiner Töle hinab.

Das Tor zum Skulpturengarten stand weit offen. Das war in der Planung nicht vorgesehen. Die Galerie hatte noch bis Montag Sommerferien. Sie ging durchs Tor zum Galeriegebäude, um nachzusehen, was los war. Wenn die Galeristin früher zurückgekommen war, konnte sie die Aktion abblasen. Aber das Eingangsportal war verschlossen, alles ruhig, bis auf die Fliegen, die in der Nachmittagsschwüle surrten. Sie kehrte der Galerie den Rücken zu und ging zu dem remisenartigen Nebengebäude, hinter dem sich der Durchschlupf zum Nachbargrundstück befand. Er hatte direkt davor geparkt. Deshalb also das offene Tor. Die Tür der Remise stand eine Handbreit offen. Sie verbreiterte den Spalt mit der Stiefelspitze und trat in einen kurzen dunklen Flur, von dem rechts eine Tür abging, auch diese nur angelehnt. Lautlos schob sie sich durch den Spalt, die Hand an der rechten Hüfte, wo sie die Pistole in der Jacke spüren konnte. Der Raum war überraschend hell. Zwischen ein paar von den Wänden gerückten Möbelstücken standen Kisten und Kartons, als sei jemand im Umzug begriffen. Am Ende des Raums trennte ein schwerer brauner Vorhang eine Nische ab. Der Stoff zitterte leicht. Mit einigen schnellen Schritten ging sie auf den Vorhang zu und schlug ihn auseinander.

Sie sah das hohe Fußteil eines altertümlichen Bettgestells und einen Rücken, der sich über eine zweite Person auf dem Bett beugte. Intuitiv griff sie nach der Metallskulptur, die rechts von ihr auf einem Jugendstilsekretär stand, und holte zum Schlag aus.

Das scharfkantige Metalldreieck am Kopf der Skulptur blieb in seinem Schädel stecken. Eine Sekunde lang sah es aus, als wolle er sich aufrichten, aber dann geriet sein Körper ins Schwanken und kippte übers Bett. Sie riss die Skulptur aus dem Kopf und ließ sie auf den Boden fallen. Dann zog sie die Pistole aus der Jackentasche und zielte auf die Frau. Sie zielte genau zwischen die Augen.

Donnerstag, 7. August

Ariane bekam kaum Luft, so schwül war es. Heftig atmend lehnte sie sich gegen das steinerne Brückengeländer. Nach dem Unwetter der letzten Nacht war der Wasserstand höher als gewöhnlich. Außerdem hatte der Regen allerlei Unrat aus dem Ufergebüsch gelöst, der nun in der Panke trieb. Zum Beispiel einen braunen Herrenschuh, der, Ferse nach oben, aus dem Wasser ragte. Aber der Schuh trieb nicht. Der Schuh steckte fest.

Sie löste die Hände vom Geländer und ging, immer noch mit spürbar beschleunigtem Puls, auf die kleine Grünanlage, von der ein paar flache Betonstufen zum Flussbett führten. Fluss war leicht übertrieben war. Normalerweise war die Panke hier nicht mehr als ein sanft plätscherndes Bächlein. An warmen Sommertagen ließen die Anwohner ihre Kinder darin spielen.

Der Mann, dessen Fuß in dem Schuh steckte, lag bäuchlings im Wasser, ungefähr dreißig Zentimeter vom Ufer entfernt. Sie hätte ihn berühren können.

Sie ging in die Hocke und stützte ihre Unterarme auf die Schenkel, die vom Joggen leicht brannten. Sie spürte den Atem durch ihren Körper fließen, während sie sich zwang, den Toten anzusehen.

Er trug eine dunkle Stoffhose und ein weißes Hemd. Das braune Haar breitete sich in der leichten Strömung wie ein Fächer um seinen Kopf. An einer Stelle schimmerte hell die Kopfhaut durch. Das Hemd blähte sich in der Strömung rhythmisch auf, als wolle es signalisieren, dass es im Gegensatz zu seinem Träger noch lebte.

Sie schloss die Augen und konzentrierte sich wieder auf ihren Atem. Weglaufen ging nicht. Weglaufen hatte noch nie funktioniert.

Sie musste etwas tun. Aber was? Die Polizei rufen, oder die Feuerwehr?

Wen rief man in solchen Situationen eigentlich an?

Sie hatte nicht einmal ihr Handy dabei. Sie nahm es nie mit, wenn sie laufen ging.

Sie stieg die Stufen hoch und machte ein paar Dehnungsübungen auf der Wiese, um die Verkrampfung im Brustbereich zu lösen. Es funktionierte nicht. Ihre Brust war wie zugeschnürt.

Auf der anderen Seite der Ossietzkystraße sah sie zwei Jogger aus dem Schlosspark kommen. Sie riss beide Arme in die Höhe und winkte wie wild.

Die Frau, die ihm von innen die Ladentür aufschloss, trug ein enges, schwarzes Kleid und hochhackige Holzpantoletten. Das dunkle Haar hatte sie auf der Schädelmitte zu einem Knoten zusammengezwirbelt, aus dem zwei Stäbchen ragten, mit denen er unwillkürlich Stricknadeln assoziierte. Für die Inhaberin eines Wollfachgeschäftes sah sie eigentlich ziemlich sexy aus. Aber wegen der Brille war ihr Alter schlecht zu schätzen. Bei Frauen war vierzig seine magische Grenze.

»Frau Keppler?«

»Ariane Keppler«, erwiderte sie und gab ihm die Hand. »Kaffee?«

Er folgte ihr durch ein mit Wollknäueln vollgestopftes Hinterzimmer und stand vor der fettesten Kaffeemaschine, die er jemals in Privatbesitz vorgefunden hatte. Das Ding war mindestens fünftausend Euro schwer.

Sein Journalistenhirn begann umgehend zu rattern:

1.) War so eine Kaffeemaschine allen Ernstes steuerlich absetzbar, wenn man einen Wollladen hatte?

2.) Beruhte der Name des Geschäftes »Der Faden der Ariane« auf einem Defizit in griechischer Mythologie oder auf einem ausgeprägten Sinn für Selbstironie? (Er stand total auf Ironie. An der Selbstironie arbeitete er noch.)

4.) Gehörte sie zu diesen reichen Neu-Pankowerinnen, die sich von ihren schwergewichtigen Ehemännern kleine Hobbys wie zum Beispiel einen Wollladen finanzieren ließen? (Ja, vermutlich.)

3.) Wie alt war sie hinter ihrer Brille wirklich? (Die Wadenmuskulatur war für über vierzig jedenfalls spektakulär.)

»Schießen Sie ruhig schon mal los, Herr Lorenz.« Ariane Keppler kippte Bohnen aus einer Gourmetpackung in die Maschine.

Meik Lorenz arbeitete für die Freie Presse, eine links-alternative Tageszeitung, an einer Serie über Berliner Kiezfeste. Ursprünglich hatte er Pankow gar nicht auf dem Plan gehabt. Aber dann hatte Moni, seine Chefin, ihn auf die Florastraße aufmerksam gemacht. Die Florastraße war die einzige Straße in der Altstadt Pankow, wo der Altersdurchschnitt unter fünfzig lag. Laut Moni erlebte Alt-Pankow gerade eine große Zuwanderungswelle junger Familien. Eine Zielgruppe der FP, die ihm persönlich eher nicht so am Herzen lag. Ehrlich gesagt waren ihm Kleinkinder sogar ein Gräuel. Er durfte sich diese Haltung erlauben. Er war erst siebenunddreißig.

Die erste Portion Kaffee schnurrte in die Tasse und verbreitete betörenden Duft.

Er räusperte sich.

»Das Motto des diesjährigen Flora-Straßenfestes lautet ›Spiel und Spaß für Groß und Klein‹. Mit welchen Attraktionen werden Sie sich denn ins Programm einbringen?«

Sie reichte ihm seinen Kaffee, leider schwarz. Frauen ihres Kalibers nahmen weder Milch noch Zucker.

»Knäuelweitwerfen und Nadelfechten.«

»Echt?«

Sie grinste. »Kleiner Scherz. Mein Laden bleibt natürlich zu. Zuckerwatte auf Kaschmir macht sich nicht so gut …« Das Kling-Klang des Windspiels an der Ladentür unterbrach sie.

Sie ging nach vorn, er folgte ihr. Im Verkaufsraum stand eine Ordnungshüterin mit den berufstypischen eingefrorenen Gesichtszügen.

»Ist das Ihr Wagen da draußen im Parkverbot?«

Ariane Keppler trippelte auf ihren Holzabsätzen zum Schaufenster.

»Leider nicht.«

Der blaue Audi Cabrio war ihm vorhin schon aufgefallen. Sein Besitzer hatte vergessen, das Verdeck zuzumachen, und es hatte in der Nacht ziemlich geschüttet.

»Dann lass ich den jetzt abholen«, sagte die Politesse in entschiedenem Ton. »Oder kennen Sie jemanden in der Nachbarschaft, dem der gehören könnte?«

Ariane Keppler hob bedauernd die Schultern.

»Wenn man sich so einen Wagen leisten kann, sollte man vielleicht ein bisschen besser darauf aufpassen«, sagte er, als die Politesse gegangen war.

»Vielleicht.« Offensichtlich interessierte sie sich nicht für Autos.

»Also, was für Highlights erwarten uns auf dem diesjährigen Fest?«, nahm er den Faden wieder auf.

»Zum Beispiel Flora Couture, eine Modenschau der ansässigen Mode- und Designerläden.«

»Die da wären?«

»Die Boutique ›Bullerbü‹ am S-Bahnhof Pankow, die ›Knopfkiste‹ hier gegenüber und ›gut behütet‹, das Hut-Atelier in der Gaillardstraße. Lee-An Tau, die Inhaberin, war als Hutmacherin an den führenden Opernhäusern Europas tätig, unter anderem in Sydney.«

Beeindruckend. Nur dass Sydney leider nicht in Europa lag. Aber das sah man im guten alten Pankow vermutlich nicht so eng.

Er lächelte zuckersüß.

»Ich sehe, Sie sind international aufgestellt. Verraten Sie mir noch, wie Sie auf die Idee kamen, ausgerechnet ein Wollgeschäft in der Florastraße zu eröffnen? Bestimmt sind Sie eine leidenschaftliche Strickerin.«

Ihre Brauen zuckten über den Rand ihrer Nana-Mouskouri-Brille.

»Ganz bestimmt nicht! Ehrlich gesagt bin ich über Leprabinden nie hinausgekommen.«

Er hatte sich wohl verhört. »Leprabinden?«

»In den Achtzigern. Wir haben Tonnen davon gestrickt. Meine längste war viereinhalb Meter lang. Ich habe mehrere Knäuel dafür gebraucht.«

Alles klar. Sie verarschte ihn. Blöde Kuh!

Er reichte ihr die Hand.

»Wirklich hochinteressant. Aber ich glaube, ich muss mal weiterziehen.«

»Klar.« Sie griff in ein Körbchen auf der Ladentheke und hielt ihm eine Karte entgegen.

»Falls Sie Lust haben, bei unserer Modenschau mitzumachen, rufen Sie einfach an. Wir sind immer auf der Suche nach attraktiven männlichen Models.«

Vor dem Laden drehte er noch eine Runde um den blauen Audi. Was für ein Prachtstück! Der Fahrer musste besoffen gewesen sein, als er den mit runtergeklapptem Verdeck stehen gelassen hatte. Eine dünne Frau mit Adlernase und rostfarbenen Rasta-Nudeln auf dem Kopf beobachtete ihn von der gegenüberliegenden Straßenseite aus. Das musste Madeline Mittmann sein, die Inhaberin der »Knopfkiste«. Sie gehörte neben der Keppler, Lee-An Tau und Bente Köslick zum Organisationskomitee des diesjährigen Straßenfestes und wäre seine nächste potenzielle Interviewpartnerin gewesen. Leider waren Rasta-Frauen nicht so sein Ding. Sie stanken nach Räucherstäbchen und hatten total vorhersehbare Ansichten. Er probierte besser gleich die Chinesin.

Als der Typ von der Freien Presse gegangen war, rief Ariane als Erstes Lee-An an.

»Der Typ von der FP ist gerade gegangen. In einer halben Stunde dürfte er bei dir aufkreuzen. Falls Maddy ihn nicht an Ort und Stelle vernascht.«

Lee-An kicherte nervös. Sie machten sich gern ein bisschen über Maddys Jagdtrieb lustig. Aber eigentlich waren sie drei, beziehungsweise vier, wenn man Bente hinzurechnete, Freundinnen. »Ich hab ihm erzählt, dass du für die Oper in Sydney Hüte gemacht hast.«

»O Ari, du sollst nicht immer so aufschneiden. Der prüft das bestimmt im Netz nach. Aber egal, ich habe immerhin Hüte fürs Schlosspark-Theater gemacht.«

»Na also. Sonst alles okay bei dir?«

»Tote Hose wie immer. Bis später, ja?«

Sie legten auf.

Von dem Ertrunkenen in der Panke hatte sie also noch nichts gehört, was aber nicht weiter erstaunlich war. Lee-An hatte keine Laufkundschaft, sondern einen kleinen, erlesenen Kundenstamm, der sich über die ganze Stadt verteilte. Da auch dieser Kundenstamm nur einen begrenzten Bedarf an Hüten hatte, plante sie jetzt eine Kinderkollektion. Alles was mit Kindern zu tun hatte, lief in der Florastraße nämlich prächtig. Die besten Chancen hatten Angebote, die auf Mütter und Kinder zugeschnitten waren. Aus diesem Grund hieß Bentes Laden auch »Bullerbü – Mode für Groß und Klein«, obwohl sie hauptsächlich Frauensachen in Übergrößen verkaufte. Ihr Geschäft hatte außerdem die beste Lage, nur ein paar Schritte vom S-Bahnhof entfernt. Bente könnte schon etwas gehört haben.

Es dauerte fast eine Minute, bis sie abnahm.

»Ich wollte dir nur sagen, dass der Typ von der FP im Anmarsch ist.«

»Aha. Und wie ist er so?«

»Niedlich. Ich habe ihn gefragt, ob er bei unserer Modenschau mitmachen will.«

Bente lachte. »Ich führe doch gar keine Herrenmode.«

»Und ich war schon immer der Ansicht, dass du es tun solltest. Die Ära der alleinerziehenden Mütter ist vorbei.«

»Ich werde darüber nachdenken. Sag mal, hast du schon von dem Ertrunkenen in der Panke gehört?«

»Kann man in der Panke ertrinken?«

»Es sind schon Leute in der Badewanne ertrunken. Vielleicht war er blau – oder ein Junkie.«

»In Pankow?«

»Die Gentrifizierung schreitet voran. Du, ich muss wieder nach vorne.«

Ariane legte das Telefon zur Seite und brühte sich noch einen Crema auf. Ein Cappuccino wäre ihr lieber gewesen, aber die Maschine war so neu, dass sie noch nicht dazu gekommen war, Milch zu kaufen. Während sie ihren Kaffee trank, blätterte sie in der Gebrauchsanweisung, die mit der Kaffeemaschine geliefert worden war. Dann hängte sie das »Wir-haben-Ferien«-Schild zurück ins Schaufenster und ging zu Maddy rüber.

Maddy war von ihnen allen am längsten in der Florastraße. Sie hatte vor fünfzehn Jahren mit einem Secondhandshop für Mode und Schmuck angefangen. Nach der letzten Mieterhöhung war sie zu dem Schluss gekommen, dass sie ihr Konzept ändern musste, wenn sie weiterexistieren wollte. Sie hatte das Inventar um eine vorsintflutliche Kaffeemaschine und ein paar Klapptische erweitert, die sie bei schönem Wetter auf den Gehsteig stellte. Vor kurzem war eine kleine Speisetheke dazu gekommen, bei deren Bestückung sie allerdings sorgsam darauf achtete, Luigis Enoteca ein paar Häuser weiter keine Konkurrenz zu machen.

Ariane setzte sich auf eines der bunten Kissen im Schaufenstersims und klopfte an die Scheibe.

Ein paar Minuten später trat Maddy mit einem Tablett auf die Straße. Auf dem Tablett standen zwei mit einer dicken, gelb-grünen Flüssigkeit gefüllte Gläser.

»Kiwi-Limette-Ingwer, mein Neuester.«

Ariane probierte vorsichtig.

»Guck mal da!«

Vor ihrem Laden stellte sich ein Abschleppwagen in Position, um den falsch geparkten Audi zu verladen. Maddys Katzenaugen funkelten schadenfroh.

Sie hatte sich schon gedacht, dass es Maddy gewesen war, die das Ordnungsamt informiert hatte. Der Audi gehörte einem der Mitarbeiter der NordInvest, der Wohnungsbaugesellschaft, die den Flora-Park hochgezogen hatte. Und die standen alle auf Maddys Liste.

»Nicht sehr nett, Maddy.«

»Nett ist ein Synonym für dämlich.« Maddy setzte sich auf das Kissen neben ihr. »Der Dippeling glaubt wohl, ihm gehört die ganze Straße. Warum benutzt er nicht den Parkplatz vom Flora-Park?«

»Himmel, Maddy, woher soll ich das denn wissen?«

»Vielleicht kennst du ihn ja besser?«

Maddy musterte sie eindringlich. Die Häuser, in denen ihre Läden lagen, wurden beide von der NordInvest beziehungsweise deren Tochtergesellschaft Kiez am Park verwaltet. Aber nur Maddy hatte im letzten Herbst eine Mieterhöhung erhalten. Außerdem war sie in Sachen NordInvest ein bisschen paranoid.

Ein paar Minuten nippten sie schweigend an ihren Smoothies – das Getränk enthielt entschieden zu viel Ingwer –, dann fragte Ariane vorsichtig: »Wie war es denn mit dem jungen Herrn von der Freien Presse?«

Maddy gab ein missmutiges Schnauben von sich. »Der hat mich ausgelassen. Ist wahrscheinlich gleich zu Lee-An weitergezogen.«

»Du hast nichts verpasst.«

Maddy machte eine wegwerfende Handbewegung. »War sowieso nicht mein Typ.« Dann hellte ihre Miene sich auf. »Weißt du schon das Neueste? Sie haben heute Morgen einen Ertrunkenen aus der Panke gezogen.«

»Im Ernst?«

»Hat Luigi erzählt. Sein Vater hat ihn gefunden.«

»Luigis Vater?«

»Er war mit einem Kumpel im Schlosspark walken. Eine Joggerin hat ihnen von dem kleinen Park am Elisabethweg aus zugewunken und sie auf den Mann im Wasser aufmerksam gemacht.«

»Eine Anwohnerin?«

»Keine Ahnung. Nachdem Luigis Vater die Polizei angerufen hatte, war sie verschwunden.«

»Stand bestimmt unter Schock, die Ärmste.«

»Vielleicht.«

Maddy beobachtete unter finster zusammengezogenen Augenbrauen einen silbernen VW-Kombi, der versuchte, sich auf der gegenüber liegenden Straßenseite in eine Parklücke zu quetschen. Schon wieder einer.

Als Ariane wenig später ihre Wohnung betrat, fiel deren Leere mit aller Macht über sie her. Sie war gestern Abend erst aus dem Urlaub zurückgekommen und nur in den Laden gegangen, weil sie den Termin mit dem Journalisten hatte. Mina, ihre Neunjährige, war noch bei ihrem Vater, bei dem sie die Sommerferien verbrachte. Und Paul, ihr Erstgeborener, befand sich auf einem Auslandsjahr in den USA, wo er in wenigen Stunden seinen achtzehnten Geburtstag feiern würde.

Sie griff nach einem Stapel Strickzeitschriften und ging damit in Pauls Zimmer. Routinemäßig schaltete sie den Computer an, auf dem er Skype installiert hatte, damit sie jederzeit miteinander kommunizieren konnten. Durch die unterschiedlichen Zeitzonen war »jederzeit« ziemlich eingeschränkt, obwohl Paul viel Zeit vor dem Rechner verbrachte. Er gehörte zu jener Spezies digitaler Blumenkinder, die sie nicht ganz verstand. Trotzdem vermisste sie ihn schrecklich.

Sie ließ sich auf seinem schwarz-weiß gewürfelten Sitzsack nieder und schlug die oberste Zeitschrift auf. Es war ein Sonderheft mit dem Titel »In 80 Socken um die Welt«, in dem die ethnologischen Hintergründe komplizierter Sockenmuster erläutert wurden. Ihre Kundinnen würden das Heft lieben. Sie selber strickte wirklich nicht. Der Laden war ihr Job, nichts weiter. Von einer Chefsekretärin erwartete man ja auch nicht, dass sie die Tagesschau mitstenografierte.

Die Leprabinden-Phase hatte es allerdings wirklich gegeben. Eines Tages, es musste in der zwölften Kasse gewesen sein, hatte eine Mitschülerin einen Karton naturbelassenes Baumwollgarn mitgebracht und verteilt. Zwischen zehn und fünfzehn Maschen anschlagen, dann immer kraus rechts, bis das Knäuel aufgebraucht war. Die fertigen Binden gingen an einen Missionsverein, der sie an Leprastationen in Afrika verteilte. Ihre Freundinnen hatten sich damals auch an Pullovern versucht, grobmaschige Kettenhemden aus Naturgarnen, die nach Schaf rochen, wenn man damit in den Regen kam. Sie selbst hatte sich darauf beschränkt, für die Strickkränzchen Tee zu kochen, die Räucherstäbchen anzuzünden und Zigaretten zu drehen. Im Prinzip machte sie heute genau das Gleiche, wenn die Frauen sich dienstags zur »Strickmeditation« im »Faden der Ariane« trafen. Nur dass sie anstelle von Wildkirschtee aus dem Chinaladen biologisch angebaute Kräutertees und anstelle der Räucherstäbchen edle Duftkerzen anzündete, und selbstverständlich wurde nicht geraucht. Dafür verwöhnte sie ihre Strickmädels ab und zu mit einem Bio-Prosecco von Luigi. Mittlerweile war die Strickmeditation zwischen Oktober und März so beliebt, dass sie die Frauen bitten musste, Klappstühle mitzubringen, wenn sie nicht im Lotussitz nadeln wollten. Die Teilnehmerinnen wohnten fast alle im Flora-Park, manche ließen für den Abend sogar einen Babysitter kommen. Und sie konnten sich die edelsten Garne leisten.

Fachlich geleitet wurde die Meditation von Rieke. Rieke war die Tochter ihrer besten Freundin Stine. Sie studierte Modedesign und strickte auch die Modelle fürs Schaufenster. Für das Septemberfenster hatte Ariane einen Strickmantel mit Himalaja-Muster bei ihr in Auftrag gegeben. Sie musste sie unbedingt anrufen und fragen, wie weit sie damit war.

Sie hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als ihr Telefon klingelte. Die Nummer auf dem Display gehörte Stine. Stine hatte eine Praxis für Physiotherapie in der Florastraße. Bestimmt hatte sie gerade von dem Toten in der Panke gehört.

Sie nahm den Anruf entgegen. Aber Stine war gar nicht in ihrer Praxis, sondern bei ihren Eltern in der Uckermark. Sie klang völlig aufgelöst, irgendwas war mit ihrem Vater passiert.

»Kannst du mir einen Gefallen tun und im Kastanienhof einen Zettel an die Tür machen, dass ich bis Ende der Woche weg bin?«

»Was hat er denn?«

»Die übliche Geschichte. Das Herz.«

»Ist er im Krankenhaus?«

»Nicht mehr. Aber ich glaube, es ist besser, wenn ich noch ein paar Tage bleibe. Leider komme ich hier nicht an meine Patientenkartei heran. Die haben hier immer noch kein Netz.«

»Tja, die Freuden des Landlebens.«

Sie tastete auf Pauls Schreibtisch nach einem Stift.

»Was soll ich auf den Zettel schreiben?«

»Irgendwas mit familiären Gründen. Und dass ich Montag zurück bin.«

»Alles klar. Grüß deine Eltern.«

»Danke«, sagte Stine.

Sie machte sich sofort auf den Weg. Das Heilzentrum Kastanienhof befand sich im Gartenhaus des letzten noch nicht sanierten Altbaukomplexes in der Florastraße. Mittelpunkt des Hofes war eine riesige Kastanie. Das Gewitter der letzten Nacht hatte etliche der stacheligen grünen Früchte von den Zweigen gerüttelt, die jetzt das Pflaster sprenkelten. Bye bye Sommer, dachte sie wehmütig.

Sie stellte ihr Rad im Fahrradständer ab und setzte sich für einen Moment auf die Bank, die rund um den dicken Baumstamm angebracht war. Hinter den Fahrradständern wucherte Calendula, neben der Eingangstür stand ein Topf mit zartviolettem Lavendel. Die beiden Heilpraktikerinnen, mit denen Stine sich die Räume teilte, hatten noch ihre Urlaubszettel im Fenster hängen. Stine war die Einzige, die während der Sommerferien durchgearbeitet hatte.

Sie pinnte den Zettel mit zwei Reißzwecken an die Tür.

Liebe Patienten! Wegen einer Familienangelegenheit müssen meine Termine am Donnerstag und Freitag, den 7. und 8. August, leider ausfallen. Am Montag bin ich wieder für Sie da.

Vielen Dank für Ihr Verständnis, Stine Bernau

Die meisten Patienten kannten Stine seit Jahren und konnten sich vorstellen, was passiert war. Ab einem bestimmten Alter ging es bei »familiären Gründen« immer um Vater oder Mutter. Stines Eltern hatten einen Bauernhof. Als Rieke und Paul noch klein gewesen waren, hatten sie dort oft zusammen die Ferien verbracht. Rieke und Paul kannten sich seit dem Kindergarten und waren unzertrennlich gewesen. Ihr und Stine war gar nichts anderes übrig geblieben, als sich ebenfalls anzufreunden. Daher kannte sie auch Stines Eltern ganz gut. Als sie die beiden das letzte Mal gesehen hatte, hatten sie noch einen ganz rüstigen Eindruck gemacht.

»Sieh mal an, die Ariane! Etwa auch der Rücken?«

Sie zuckte zusammen.

Die Stimme gehörte Hanka Israel, Honoratiorin Pankows, Galeristin und einträgliche Privatpatientin. Eine Hand in den Lendenbereich gepresst, humpelte sie zur Praxistür und studierte den Zettel.

»Mist! Dabei brauche ich sie so dringend. Ich muss mir was verklemmt haben.«

»Das tut mir leid.«

Hanka musterte sie mit zusammengezogenen Augenbrauen. Sie wusste, dass Ariane sie nicht ausstehen konnte. Der Grund dafür war George. George MacDonald war freier Pankower Kunstmaler, Arianes Ex und Minas Vater. Seit einiger Zeit saß er zusammen mit Hanka im Vorstand des Pankower Kunstvereins. Die beiden waren seit Ewigkeiten befreundet, was Hanka als Legitimation dafür betrachtete, sich in all seine Angelegenheiten einzumischen – und in die seiner Frauen. Hanka hatte die Herrschsucht eines römischen Imperators und trat auch so auf, wenn sie nicht gerade einen Hexenschuss hatte. Sie war einen Meter und achtzig groß, für ihre rund sechzig Jahre ziemlich sportlich und hatte hennarotes Haar, das wie eine Fackel leuchtete. Heute trug sie ein bodenlanges violettes Leinenkleid, das ein wenig an einen Kostümfundus erinnerte, aber vermutlich von einer Künstlerfreundin handgewebt war.

»Sag mal, warst du heute Morgen nicht im Schlosspark laufen?«, fragte sie.

Ariane ging zu ihrem Rad. »Nö, wieso?«

»Mir war so, als hätte ich dich gesehen. Hast du schon gehört, wen sie aus der Panke gezogen haben?«

»Aus der Panke gezogen?«

»Den Dippeling.«

Inzwischen verwendete sogar schon der Kunstverein den von Maddy eingeführten Spitznamen.

»Den, bitte, wen?«

»Stell dich nicht dümmer, als du bist«, fauchte Hanka. »Herr Diplom-Ingenieur Thomas Imhoff von der NordInvest ist dir doch wohl ein Begriff, oder?«

Ariane strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Ach so, der. Was hatte der denn in der Panke zu tun?«

»Keine Ahnung! Jedenfalls hat er’s nicht überlebt.« Hanka schnaufte. »Ich war zwischen halb sieben und halb acht laufen. Auf dem Rückweg sehe ich ein paar Leute auf der Grünanlage am Elisabethweg rumstehen. Dann rückt auch schon Blaulicht an, Feuerwehr, Polizei, das volle Programm. Also stell ich mich unauffällig dazu und werde Augenzeuge, wie sie den erfolgreichsten Investor des Bezirks mausetot aus dem Wasser ziehen.«

»Thomas Imhoff ist kein Investor. Er ist bei der NordInvest angestellt.«

»Er ist Geschäftsführer von Kiez am Park, oder?«

Ariane schwang sich auf den Sattel. »So genau weiß ich das nicht. Hast du der Polizei gesagt, wer er ist?«

»Zahle ich Steuern, um denen die Arbeit abzunehmen? Ich habe ganz dezent die Hufe geschwungen.« Hanka rieb sich wieder ihren Rücken. »Und in dem Moment, in dem ich meine Wohnungstür aufschließen will, schießt es mir voll hier rein … Du hast nicht zufällig ihre Nummer?«

»Stines? Die steht doch da.« Sie deutete auf das Praxisschild.

»Da geht aber keiner ran. Ich meine ihr Handy.«

»Tut mir leid.«

Sie stieß sich mit dem Absatz ab und rollte in die Durchfahrt.

»Dir auch noch einen schönen Tag«, rief Hanka ihr hinterher.

Kurz nach neunzehn Uhr erreichte sie Paul endlich. Dort, wo er sich gerade aufhielt, war es ungefähr Mittag. In seinem rechten Mundwinkel klebte etwas Braunes.

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Sohn. Hast du die Torte schon angeschnitten?«

Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

»Das ist Maplesirup. Jody hat Pancakes gemacht.«

»Jody?«

»Die Dinger sind voll lecker.«

»Jody?«

»Eine Freundin.«

»Aha. Und was ist mit Schule?«

»Fällt aus. Feiertag.«

»Was für ein Feiertag?«

»Mein Geburtstag.«

Er grinste. Sie liebte dieses Grinsen. Das Grinsen ihres nun erwachsenen Sohnes.

»Hast du mein Geschenk bekommen?«

Sie hatte ihm einen Scheck geschickt. Vierhundert Dollar für einen Surf-Kurs.

»Ja, geil, danke.«

»Na, dann viel Spaß damit. Und mit Jody«, fügte sie hinzu.

Er beugte sich vor, sodass der untere Teil seines Gesichtes vom Monitor rutschte. Sie konnte nur noch seine Augen und den Haaransatz sehen. Seine Augen verschwammen zu graubraunen Höhlen. Sie waren eigentlich blau.

»Du hast unsere Abmachung nicht vergessen, oder, Mutter?«

Sie zögerte keinen Moment. »Selbstverständlich nicht. Aber ich würde es dir lieber persönlich sagen.«

»Jetzt geht es aber nur über Skype. Oder soll ich bis nächstes Jahr warten?«

Sie biss sich auf die Unterlippe.

»Das ist nicht besonders befriedigend, wie?«

»Ich würde sagen, es ist unfair. Achtzehnter Geburtstag war ausgemacht.«

Sie seufzte. »Ich finde es schwierig …«

»… über Skype, verstehe. Dann schreibe eine E-Mail.«

»Lass mich kurz darüber nachdenken.«

»Wie lang ist kurz?«

»Ein paar Tage?«

»Geht in Ordnung«, sagte er unerwartet schnell.

Sie hatte das Gefühl, dass jemand ins Zimmer gekommen war. Jody?

»Okay, Mutter, dann mach ich mal Schluss. Wir wollen noch an den Strand.«

»Jody und du?«

»Ich und ein paar Freunde. Mach’s gut.«

Der Monitor wurde schwarz.

Sonntag, 10. August

Er hatte sich den Weg richtig gemerkt. Die Schliemannstraße mündete auf den Helmholtzplatz. Rainer Schade schob die Sonnenbrille ins Haar und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Für neun Uhr morgens war es ganz schön heiß. Und für einen Sonntagmorgen um neun war hier auch ganz schön viel los. Das lag an dem riesigen Spielplatz, der ungefähr zwei Drittel des Platzes einnahm. Kinder waren nämlich Frühaufsteher, besonders gern am Wochenende. Diese Erfahrung hatte er mit seiner Tochter auch gemacht. Als Becca im Buddel-Alter gewesen war, hatte er auch schon mal vor dem Brötchenholen Sandkuchen gebacken. Jedenfalls wenn es sein Dienstplan erlaubt hatte. Dies allerdings auf einem sehr viel bescheidener ausgestatteten Spielplatz in einem Stadtteil, der den meisten Helmi-Eltern so fremd sein dürfte wie Timbuktu. Dabei war Staaken bei Spandau mittlerweile ein anerkannter Ortsteil der Hauptstadt.

Seit seiner Scheidung lebte Schade im Großbezirk Mitte, allerdings nicht im historischen oder mondänen Teil, sondern in einer bescheidenen Wohnstraße in Wedding. Die Wohnung lag so, dass er seine Dienststelle innerhalb von dreißig Minuten mit dem Fahrrad erreichen konnte. Das Radfahren war ein guter Ausgleich zu der nervenzehrenden Tätigkeit eines Kripobeamten. Außerdem war er leidenschaftlicher Freizeitläufer. Über die Jahre hatte er sich die Stadt Viertel für Viertel auf seinen Lauftouren erschlossen. Joggen bot das ideale Tempo, um sich unauffällig ein bisschen umzusehen. Wobei er hier vermutlich mehr auffiel, als er befürchtet hatte. Er trug Laufschuhe der vorletzten Saison, Shorts vom Discounter und eines der Witzige-Sprüche-T-Shirts, die Becca ihm so gern schenkte. Und seine verspiegelte Sportsonnenbrille war vermutlich »bisschen prollig, Papa.«

Noch vor ein paar Jahren war der Helmholtzplatz so was wie die kleine Schwester des jenseits der Danziger Straße liegenden Kollwitzplatzes gewesen, alles ein bisschen kleiner und heimeliger. Aber inzwischen wurde der Platz genauso von Touristen überflutet wie der Kolle.

Er konnte sich noch an Zeiten erinnern, als sich an dem Trafohäuschen am Rande des Spielplatzes die Obdachlosen getroffen hatten. Jetzt wurden dort Bio-Macchiato und handgedrechselte Holzmurmeln verkauft. Aus dem guten alten »Dumm und Dämlich« in der Lettestraße war eine Sushi-Bar geworden und im ehemaligen »Wohnzimmer«, was mal eine von Beccas Lieblingskneipen gewesen war, residierten heute Austauschschüler amerikanischer Eliteunis, die sich in den Altbau-Künstler-Stuckdecken-WGs noch ein Zimmer leisten konnten. Ganz unerträglich, fand Becca.

Immerhin, das gute alte »Frida Kahlo« hatte überlebt. Eine dunkelhäutige Schöne mit weißer Schürze über den Hotpants rückte mit trägen Bewegungen die Gehsteigmöblierung zurecht. Aus der offenen Kneipentür drang Geschirrklappern. Das Brunchbüffet wurde angerichtet.

Er ging die Lychener Straße hinunter. Hier hatte Thomas Imhoff gewohnt, der Mann, den die Kollegen am Donnerstag aus der Panke gefischt hatten, Diplom-Ingenieur, Architekt und Geschäftsführer von Kiez am Park, einer Unterfirma der NordInvest. Der Donnerstag war sein vorletzter Urlaubstag gewesen, weshalb sein Vertreter, der seinerseits am Montag seinen Urlaub antrat, Imhoff mehr oder weniger auf Eis gelegt hatte. Die Kollegin aus der Pathologie hatte ihn gestern Mittag angerufen: Imhoff war keineswegs in der Panke ertrunken. Er war mit gespaltenem Schädel in die Panke gelegt worden. Nur damit er schon einmal wusste, was ihn erwartete.

Er blieb vor der Nummer 37 stehen, ein Neubau mit aufwändiger Lamellenverkleidung an der Fassade, in der Imhoff das Penthouse bezogen hatte. Der Mann hatte offenbar eine ordentliche Karriere im Baugewerbe hingelegt. Seine beiden Chefs, mit denen der Kollege noch gesprochen hatte, waren jedenfalls des Lobes voll gewesen: unglaublich zuverlässig, unglaublich fleißig, unglaublich engagiert. Ein unglaublicher Verlust für die NordInvest, das übliche Betroffenheits-Blabla mit schwäbischem Akzent.

Die Schließanlage verfügte über ein Code-System, mit dessen Hilfe sich die Tür zum Hof öffnen ließ. Begrünter Innenhof mit Privatspielplatz, nahm er an, familienkompatibel und sicherheitsbewusst. Leider war heute kein Kiez mehr so freundlich, dass man den Nachwuchs unbesorgt auf der Straße spielen lassen konnte. Es sei denn, man zog nach Staaken.

Er betrachtete die Namensliste mit Klingelknöpfen. Imhoff-Jenssen stand ganz oben, was mit der Lage der Wohnung übereinstimmte. Jenssen war der Name seiner Frau. Nora Jenssen war ebenfalls Architektin, zurzeit allerdings im Erziehungsurlaub. Während Thomas Imhoff in der Panke zu Tode gekommen war, hatte Nora Jenssen sich mit den drei Kindern im Ferienhaus ihrer Eltern auf Sylt aufgehalten. Als die Hamburger Kollegen am Donnerstagnachmittag dort aufgelaufen waren, um sie über den Tod ihres Mannes zu informieren, hatten sie nur ihren Vater angetroffen. Der alte Herr hatte den Beamten nicht gestattet, mit Nora Jenssen, die mit den Kindern am Strand war, persönlich zu sprechen. Er wollte es ihr selber beibringen. Der Mann war in Hamburg irgendeine große Nummer und mit dem Polizeipräsidenten befreundet. Also hatten die Kollegen sich einschüchtern lassen. Inzwischen hatten sie Frau Jenssen aus den Augen verloren. Eine Nachbarin hatte sogar behauptet, sie sei nach Berlin zurückgefahren.

Er sah an sich hinunter. Für einen Hausbesuch gekleidet war er zwar nicht gerade, aber wo er schon einmal hier war … In diesem Moment ging die Tür von innen auf. Vor ihm stand eine junge Frau mit zwei Kindern, einem an der Hand und einem vor dem Bauch.

Er wollte sich an den dreien vorbeischieben, aber die Frau rührte sich nicht vom Fleck.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Nein danke, ich möchte nur jemanden besuchen.«

»Ach! Und wen?«

Klein und zierlich, hatte sie die Figur einer Zwanzigjährigen, aber ihr Gesicht war mindestens doppelt so alt.

»Nora Jenssen.«

»Nova.«

»Bitte?«

»Nova Jenssen. Nova, nicht Nora.«

»Ach so, ja, dann Nova.«

»Nova ist nicht da. Könnten Sie uns jetzt bitte vorbeilassen?«

Sie schob den Kleinen, einen Miniatur-Rubensengel mit blonden Korkenzieherlocken, auf den Gehsteig und zog die Haustür ostentativ ins Schloss. Ihre Schultermuskulatur spielte unter der sonnengebräunten Haut. Sah nach Kraft-Yoga aus.

»Ich wollte eigentlich nur einen Termin mit Frau Jenssen vereinbaren«, sagte er blöde.

Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß, wobei ihr Blick an dem Spruch auf seinem Shirt hängen blieb. »Beißt nicht«, stand da, was immer Becca sich dabei gedacht haben mochte.

Sie grinste mitleidig.

»Nova ist noch im Urlaub. Das können Sie mir glauben, ich wohn direkt unter ihr und gieß die Blumen. Aber morgen kommt sie zurück.«

Sie drehte sich um und folgte ihrem Rubensverschnitt Richtung Helmi.

Er wandte sich wieder dem Klingelbrett zu. Wenn sie direkt unter den Imhoff-Jenssens wohnte, musste sie Streich oder Mercurio heißen. Oder Streich-Mercurio. Er drückte trotzdem auf den Imhoff-Jenssen-Klingelknopf. Aber natürlich meldete sich niemand.

Montag, 11. August

Er beugte sich tief über seinen Teller Fettuccine mit Pfifferlingen, als er Moni zusammen mit dem Chefredakteur die Kantine betreten sah. Die Kuh hatte ihn in der Redaktionssitzung wieder mal auflaufen lassen wie einen Praktikanten. Dabei hatte er bei seinem Heimatblatt sieben Jahre als Politikredakteur gearbeitet. Er hatte es mit allen Themen aufgenommen, die seinen in Ehren ergrauten Kollegen zu heiß gewesen waren. Sein Chef hatte ihm immer wieder beteuert, dass er das beste Pferd im Stall war. Aber als es dann hieß »Personalverschlankung wegen Abonnentenrückgang«, war er der Erste auf der Abschussliste gewesen. Weil er weder Kinder noch Eigenheim noch eine Mitgliedschaft im Heimatverein hatte.

An einen vergleichbaren Job in der Gegend war nicht zu denken gewesen, und nach München wollte er nicht. Schließlich hatte sich sein Chef als Existenzretter aufgespielt und ihm den Job bei der FP vermittelt, wo seine Tochter Lokalchefin war. Berlin, das wäre doch was für ihn, oder? Moni war zwar nicht gerade begeistert gewesen, aber Blut war dicker als Wasser. Vermutlich hatte sie ihrem alten Herrn auch das eine oder andere zu verdanken.

Im Großen und Ganzen war er von dem Job in der Hauptstadt enttäuscht. Nicht nur, weil Moni ihn dauernd wie einen Idioten behandelte, sondern weil das journalistische Klima bei der FP genauso fade war wie der überteuerte Kantinenfraß. Das Einzige, was etwas Abwechslung brachte, war der Sand, der einem hier und da zwischen den Zähnen knirschte. Besonders wenn es Pilze gab.

»Mord in Pankow? Wieso denn Mord?«, hatte Moni gefragt. Wenn die Polizei, »Gewalteinwirkung« vermutete, war das noch lange kein Grund für eine Recherche, jedenfalls nicht für die FP, bei der Gewaltverbrecher prinzipiell Bomberjacken tragen und Gewaltopfer prinzipiell Migrationshintergrund haben mussten. Autos waren nur interessant, wenn sie in den einschlägigen Vierteln brannten. Aber ein Audi 5 mit herabgelassenem Verdeck in Pankow? Bleib mal besser bei deinem Kiezfest, Meik. Während die FP Kleinaktionäre anwarb, um zu überleben, machten die anderen die Schlagzeilen.

Er roch geradezu, dass die Geschichte heiß war. Der Geschäftsführer einer Wohnungsbaugesellschaft liegt mit einer Kopfverletzung in einem Flüsschen in exakt dem Stadtviertel, in dem seine Firma gerade einen Wohnpark mit dreihundert Einheiten hochzieht. Hallo, Leute, so was war doch kein Zufall! Der Mann hieß Thomas Imhoff, war studierter Architekt und von der NordInvest AG als Geschäftsführer für deren Sub-Unternehmen Kiez am Park angestellt worden. Ja, was glaubte Moni denn, dass der Mann gegen eine Schranktür gerannt war? Unter der Regie von Kiez am Park entstand seit zwei Jahren der Flora-Park. Einhundertsiebenundvierzig der dreihundert Eigentumswohnungen waren bereits bewohnt. Der Rest wartete noch auf die Fertigstellung. Wer von den Pankower Ureinwohnern konnte sich diese Maisonettewohnungen, Lofts und City-Villen, oder wie sich das nannte, wohl leisten?

Aber Moni war zu seinen Ausführungen nicht mehr eingefallen als ein lapidares »So what?«. Der Nickelbrillen-Schluffi und das Kultur-Tofuschnittchen, die als Einzige von den Kollegen gerade nicht in der Sommerfrische waren, hatten beifällig geblökt wie die Lämmer.

Nee, Leute, nicht mit Meik Lorenz. Dann machte er die Geschichte eben in eigener Regie. Und ging damit zur Konkurrenz – wenn’s denn unbedingt sein musste.

Er brachte die restlichen Pfifferlinge zur Geschirrrückgabe und ging an die Bar des an die Kantine angeschlossenen »Pressecafés«, das aus unerfindlichen Gründen zu den angesagtesten Läden der Stadt gehörte. Während er auf seinen Espresso wartete, suchte er die Nummer von Kiez am Park in seinem Handy. Die Projektgesellschaft hatte ihren Sitz in der Nähe des Mauerparks. Aktuell hatte die Firma drei Großprojekte am Start, eines auf der Weddinger Seite des Mauerparks, eines in Friedrichshain und eben den Flora-Park. Er hatte schon drei Mal versucht, da jemanden zu erreichen. Die Warteschleifenmusik, irgendwas Jazziges im Stil von Ellington, ging ihm langsam mächtig auf die Nerven.

Aber dann wurde abgehoben.

»Büro Kiez am Park, Meike Lorentz.«

Einen Moment lang hielt er sich für das Opfer einer großangelegten Intrige.

»Hier, äh, auch Lorenz.«

»Bernd?«

»Nee, Meik.«

Schweigen.

»Tut mir leid, Frau Lorentz. Ich heiße wirklich so. Ich arbeite in der Lokalredaktion der Freien Presse. Wir planen …«

»Mit z oder mit tz?«

»Nur mit z.«

»Okay, dann sind wir wenigstens nicht verwandt. Was kann ich für Sie tun, Herr Lorenz?«

Hey, da hatte ja mal jemand Humor.

»Ich arbeite an einer Reportage über das Sommerfest in der Florastraße. Eigentlich hätte ich darüber gern mit Herrn Imhoff gesprochen …«

»Aber da Sie von der Presse sind, wissen Sie natürlich, dass das generell schwierig ist.«

Auf Sarkasmus stand er ja nicht so.

»Ich möchte Ihnen auch unser tiefstes Beileid aussprechen. Darf ich trotzdem fragen, in welcher Form Kiez am Park sich in das Sommerfest einbringen wird?«

»Mit einem Trauerflor! Entschuldigen Sie, aber wir haben jetzt wirklich andere Sorgen.«

»Schon klar. Wie ich erfahren habe, haben Sie das Projekt bereits mit einer großzügigen Spende unterstützt. Gibt es denn die Möglichkeit, während des Fests eine Musterwohnung zu besichtigen oder so?«

»Keine Ahnung. Da müssen Sie sich an die Frau Müller von der NordInvest in Potsdam wenden.«

»Frau Müller?«

»Die organisiert die gesamte Öffentlichkeitsarbeit. Ich geb Ihnen mal die Nummer.«

Sie raschelte mit irgendwelchen Papieren und diktierte ihm schließlich eine Telefonnummer.

»Eine Kleinigkeit noch: Fuhr Herr Imhoff einen blauen Audi 5 Cabrio?«

»Blauer Audi? Ja, fuhr er. Aber was hat das mit dem Straßenfest zu tun? Ach, wissen Sie was, fragen Sie doch Frau Müller!«

Zack, aufgelegt. Temperament hatte sie ja, seine Namensvetterin. Er tippte auf blond mit Knötchen und Twinset. Ein Typ, der ihm normalerweise zu anstrengend war. Er bevorzugte die sanfte asiatische Wesensart, so wie die Hutmacherin in der Gaillardstraße, mit der er am Donnerstag gesprochen hatte. Die war echt süß gewesen.

Ariane sortierte gerade die Sommergarne aus, als das Windspiel an der Ladentür anschlug. Es war Mina. Sie ließ die drei Knäuel Pisa mintgrün auf den Boden fallen und schloss ihre Tochter in die Arme. Endlich wieder der vertraute Duft von Babyshampoo, Erdbeerkaugummi und Schulkantine. Mina hatte fast die ganzen Sommerferien bei George und seiner neuen Familie verbracht.

Mina löste sich aus der Umklammerung und musterte die Knäuel auf dem Boden.

»Stellst du den Sonderangebotskorb zusammen? Kann ich das machen?«

Mina hatte das Gesicht, das George MacDonald als Neunjähriger gehabt haben musste, eine kleine, mit Sommersprossen gesprenkelte Kartoffel. Wenn es lächelte, ging die Sonne auf, wenn es sich verschloss, zerriss es einem das Herz. Zum Glück lächelte Mina fast immer.

Sie zog sie noch einmal an sich und drückte ihre Nase in den weichen rotblonden Lockenschopf.

»Natürlich kannst du das machen!«

Mina liebte den Laden. Sie kam nach Schulschluss immer sofort hierher. Nachdem sie im Hinterzimmer ihre Hausaufgaben gemacht hatte, gestaltete sie am Computer Schilder für die Regale, sortierte neue Ware nach Farben und fertigte Maschenproben an, seit Rieke ihr die Grundlagen des Strickens beigebracht hatte.

Sie nahm Mina die Mappe ab. »Wie war denn der erste Schultagtag so?«

»Cool. Hast du schon von dem toten Mann in der Panke gehört?«

»Hab ich.«

Mina lief in die Küche, nahm ein Glas aus dem Regal und ließ Wasser hineinlaufen. Dann fiel ihr Blick auf die Kaffeemaschine.

»Ist die neu?«

»Chic, was?«

Mina nickte gleichgültig. »Also, der Tote in der Panke … das war echt cool. Die Polizei hat den ganzen Tag Spuren gesucht und wir durften nicht ins Wasser. Du kennst doch die kleine Treppe an der Brücke, wo wir immer reingehen?«

»Wieso warst du denn überhaupt da? Ich dachte, ihr wart in Buch!«

George und seine neue Lebensgefährtin Nadja besaßen neben ihrer Wohnung am Elisabethweg ein Wochenendgrundstück bei Berlin-Buch, wo sie im Sommer mit den Kindern in zwei ausrangierten Wohnwagen kampierten.

»Bei dem Gewitter Mittwochnacht ist ganz viel Wasser in den einen Wagen gelaufen. Deshalb ist Nadja Donnerstag früh mit uns zurück nach Berlin gefahren.«

»Und George ist in Buch geblieben?«

»Nee, der war doch schon in Berlin, weil er seine Malkurse vorbereiten musste.«

George bot über den Kunstverein Malkurse für Kinder an. Die Kurse waren sehr beliebt und stellten zeitweise sein einziges Einkommen dar.

»Papa hat gesagt, den Mann hat entweder einer da reingelegt oder er war hackedicht«, fuhr Mina fort. »Außerdem war er ein Arschloch.«

»Das hat Papa gesagt?«

Mina errötete. »Ich weiß, dass ich das nicht weitersagen darf. Aber ich habe es ja nur dir gesagt.«

Sie nahm Mina wieder in die Arme.

»Stimmt, mir darfst du das sagen. Aber sonst sag es bitte zu niemandem. Wir wollen nicht, dass Papa Ärger kriegt, oder?«

»Schon klar«, sagte Mina.

Nova Jenssen stand vor der Spiegelwand ihres begehbaren Kleiderschrankes. Was sie sah, war das Resultat von zwei Schwangerschaften innerhalb von drei Jahren, wobei die zweite doppelt zählte. Zwillinge mit achtunddreißig waren kein Pappenstiel, zumal sie sich noch kaum von Hanks Geburt erholt hatte. Miley und Kyra hatten ihr dann den Bauchmuskelbruch eingebracht. Die OP im Frühjahr hatte den Schaden nur etwas mildern können, sozusagen vom Hängebauchschwein zum Hamster. Nachkorrekturen waren natürlich jederzeit möglich. Logisch, von irgendwas musste ihr Chirurg ja leben. Er hatte ihr auch angeboten, etwas gegen die Hamsterbäckchen zu tun, die sich passend zum Bauch entwickelten. Und in der Zwischenzeit hatte sich ihr Ehemann, schlank und sportgestählt, seiner Karriere gewidmet und nebenbei die eine oder andere Asiatin gevögelt. Sie hatte nicht einmal geahnt, dass er auf Thai-Frauen stand. Sie hatte gedacht, er sei auf Nicci scharf gewesen, sie Idiotin.

Und jetzt war er tot.

Aber so was von tot.

Tot durch einen Schlag auf den Hinterkopf. Jemand hatte ihm den Schädel regelrecht gespalten. Wer machte denn so was? Wer spaltete einem anderen Menschen den Kopf? Und schmiss ihn dann in die Panke? Die Asiatin? Hatte die Asiatin ihren Tommy umgebracht, aus blanker Wut, weil er sie, Nova, nämlich niemals verlassen hätte?

Oder war es jemand anders gewesen?

Einer seiner ominösen Gläubiger, über die er nicht reden konnte?

Aber spielte das überhaupt noch eine Rolle? Tot war tot. Tot – tot – tot hämmerte es in ihrem Kopf.

Tommy war tot und sie stand nackt und fett vor ihrem gottverdammten Kleiderschrank mit ungefähr siebenhundertfünfzig Teilen, von denen noch zweieinhalb Prozent passten. Und auch in denen sah sie beschissen aus.

Es klopfte an der Verbindungstür zum Schlafzimmer.

»Nova?«

Nicci, ihr russisches Au-pair.

Instinktiv griff sie nach dem Badetuch und wickelte es sich um den Körper. Sie wollte nicht, dass das Mädchen sie nackt sah. Nicci war seit acht Monaten bei ihnen, in denen sie sich von einem graubraunen Frettchen in eine amerikanische Highschool-Diva verwandelt hatte. Das Taschengeld, das sie ihr zahlten, investierte sie in Billig-Kosmetik, Billig-Push-ups und Billigklamotten. Aber sie erfüllten ihren Zweck. Alles, was einen Schwanz in der Hose hatte, entwickelte bei Niccis Anblick Schaum vor dem Mund. Für Männer konnte es gar nicht billig genug sein. Aber die Kinder hingen an ihr, als hätten sie nie eine Mutter gehabt.

Mit einer Hand das Tuch vor der Brust zusammenhaltend, öffnete sie das Wäschefach.

»Was ist denn?«