Versuchsreihe 13: Die Epidemie - Uwe Hermann - E-Book

Versuchsreihe 13: Die Epidemie E-Book

Uwe Hermann

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Beschreibung

Hamburg unter Quarantäne.
Mit Nanorobotern infizierte Menschen laufen Amok und töten jeden, der sich ihnen in den Weg stellt. Die Ausbreitung der Seuche scheint unaufhaltsam, selbst der Tod kann sie nicht stoppen. Florian Richter, ehemaliger Polizist und Leiter eines Reanimierungsteams, starb und wurde wiederbelebt. Seitdem trägt er den Ursprungsstamm der Nanobots in sich – die Versuchsreihe 13.
Er erwacht in einer Isolationskammer in einem Geheimlabor und macht sich auf die Suche nach seiner Partnerin, gejagt von Infizierten und Männern, die es auf die Nanoroboter in seinem Blut abgesehen haben.

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EPILOG

PERSONEN DER HANDLUNG

Das Amt für versäumte Ausgaben

Uwe Hermann

Versuchsreihe 13 – Die Epidemie

Eine Veröffentlichung des Atlantis-Verlages, Stolberg Juni 2017 Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin Titelbild und Umschlaggestaltung: Timo Kümmel Lektorat und Satz: André Piotrowski ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-502-0 ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-516-7 Dieses Paperback/E-Book ist auch als Hardcover-Ausgabe direkt beim Verlag erhältlich Besuchen Sie uns im Internet:www.atlantis-verlag.de

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Es dauerte fast drei Tage, bis Florian Richter erwachte. Jedes Mal wenn sein Bewusstsein einen Weg aus der Dunkelheit zu finden schien, injizierte das Computersystem ihm neue Drogen und der ehemalige Hamburger Polizist fiel zurück in ein künstliches Koma. Erst als der Vorratsbehälter geleert war und keine neuen Betäubungsmittel in seinen Körper gelangen konnten, kam er zu sich.

Richter schwebte in einer öligen, klaren Flüssigkeit, umgeben von Dunkelheit und Stille. Ein System aus Schläuchen versorgte ihn mit Sauerstoff und Nahrung, Sensoren überwachten seine Lebensfunktion.

Desorientiert streckte er die Arme aus. Seine Finger stießen gegen die Innenseite der Scheibe. Auch rechts und links von ihm trafen sie auf Widerstand. Sein Herz fing wie wild an zu schlagen. Er steckte in einer Isolationskammer!

Richter versuchte sich herumzudrehen und prallte mit den Ellenbogen gegen die Seitenscheiben. Platzangst lähmte seinen Verstand. Er strampelte mit den Beinen und schlug mit den Armen um sich. Eine Infusionsnadel löste sich aus seiner Vene und malte eine rote Linie aus Blut in die Flüssigkeit. Richter spürte den ekelerregenden Geschmack eines Kunststoffschlauches in seinem Mund. Ein Fremdkörper steckte in seiner Luftröhre. Er würgte, kämpfte dagegen an, sich übergeben zu müssen. Luftblasen stiegen vor ihm in die Höhe. Rasend vor Panik packte er die Schläuche in seinem Körper und riss sie heraus. Blut und Medikamente aus den Infusionsschläuchen vermischten sich in der Nährflüssigkeit zu einer schimmernden Wolke. Richter schlug so heftig um sich, dass er sich Knie und Ellenbogen prellte. Reihenweise lösten sich Sensoren von seinem Körper. Unvermittelt wurde ihm schwindlig. Sein Kreislauf brach zusammen.

Auf der anderen Seite der Isolationskammer, unsichtbar für ihn, registrierte ein Computer seinen kritischen Gesundheitszustand. Rote Warnlampen leuchteten auf. Ein Alarmton rief heulend nach menschlichem Personal.

Als niemand erschien, gab der Computer den Befehl, die Dosis der bewusstseinsbetäubenden Drogen zu erhöhen. Die Infusionspumpe bestätigte und forderte eine größere Menge der Trägerlösung aus dem Vorratsbehälter an, doch dieser war leer.

Richter fühlte den nahenden Zusammenbruch. Wie ein grauer Nebel legte er sich über seinen Verstand, verengte sein Blickfeld. Nun bestimmte Panik Richters Handeln. Er griff nach dem Kunststoffschlauch in seinem Mund. Teils spuckend, teils ziehend, würgte er ihn heraus. Aufsteigender Sauerstoff wirbelte in der Isolationskammer umher. Er schnappte nach Luft, doch seine Lungen füllten sich nur mit einer öligen Flüssigkeit. Als er zu ersticken drohte, setzte auch der letzte Rest seines Verstandes aus. Er schlug unkontrolliert um sich.

Auf der anderen Seite der Isolationskammer registrierte der Computer den sinkenden Sauerstoffverbrauch. Er kam zu der Einschätzung, dass ein akutes Problem das Leben der Person in der Kammer bedrohte. Eine rote Warnlampe über der Eingangstür blinkte hektisch und die Software schickte eine Textnachricht an das Smartphone des Abteilungsleiters. Gleichzeitig gab sie den Befehl, die Isolationskammer zu öffnen.

Kräftige Pumpen drückten Sauerstoff hinein, andere saugten die Flüssigkeit ab. Rasch leerte sich die Kammer.

Der Computer öffnete die Verriegelung der Kammer. Richter stürzte nach vorne. Die letzten Versorgungsschläuche lösten sich schmerzhaft aus seinem Körper. Er stolperte über die untere Kante der Isolationskammer und schlug auf dem Fußboden auf. Der heftige Schmerz bewahrte ihn vor der Bewusstlosigkeit. Eine gefühlte Ewigkeit lang rang er nach Luft und erbrach Nährflüssigkeit. Ihm wurde schwarz vor Augen. Mit aller Kraft kämpfte er dagegen an. Richter wusste, dass er wieder in der Isolationskammer enden würde, wenn man ihn fand. Die Vorstellung vertrieb die Dunkelheit aus seinem Verstand. Mühsam hob er den Kopf. Über ihm an der Tür blinkte ein rotes Licht, das sich in den grau melierten Marmorfliesen des Fußbodens widerspiegelte.

Richter schaffte es kaum, sich umzusehen. Seine Muskeln schmerzten, als hätte er sie eine Ewigkeit lang nicht mehr benutzt. Er lag auf dem Fußboden in einem verlassenen Laboratorium. An der Wand hinter sich erkannte er fünf leere Isolationskammern. Vier von ihnen parkten in der waagerechten Ruheposition; die fünfte, die, in der er gesteckt hatte, stand aufrecht. Daneben blinkten auf der dazugehörigen Kontrolltafel etliche Warnlampen im Takt einer nervtötenden Alarmsirene. Sonst gab es in dem Raum kein Licht. Die Leisten unter der Decke leuchteten nicht und waren ebenso stromlos wie die Computeranlage im Hintergrund. Einzig die Isolationskammer und deren Überwachungssystem liefen noch, versorgt durch ein Notstromaggregat in einem Nebenraum, auf das ein Schild an der Tür hinwies. Vor einer anderen Wand stand eine lange Reihe aus Tischen mit eingelassenen Tastaturen und Touchscreen-Monitoren, allesamt ausgeschaltet.

Richter wollte aufstehen. Sofort wurde ihm wieder schwindlig. Neben ihm auf dem Boden lagen Ordner, herausgerissene Papiere und Folien, als wäre der Raum fluchtartig verlassen worden. Vergeblich versuchte er sich daran zu erinnern, wie er hierher gekommen war. Dann begriff er, dass er sich in einem Anfall blinder Panik den Atemschlauch aus der Lunge gerissen hatte. Was für eine Dummheit. Er hätte sterben können!

Nein, dachte Richter voller Galgenhumor, gestorben wäre er wohl kaum. Er war ja bereits tot. Vor einer gefühlten Ewigkeit hatten Robert Grunewalds Killer ihn ermordet, um an die Nanoroboter der Versuchsreihe 13 zu kommen. Richter spürte noch immer den Schmerz, als die Kugeln in seine Brust einschlugen, und die Verzweiflung, als er begriff, dass sein Leben zu Ende war.

Er hatte kein gleißendes Licht gesehen, wie viele Verstorbene nach ihrer Nahtoderfahrung behaupteten, er hatte nur unsägliche Schmerzen verspürt, die schwächer wurden, je mehr das Leben seinen Körper verließ. Danach erinnerte er sich an nichts mehr: keine himmlischen Klänge, keine sich öffnenden Tore. Nicht einmal Dunkelheit! Der Tod war kein Neuanfang. Er war das Gegenteil vom Leben. Er war das Ende! Ihm fröstelte, als er sich daran erinnerte.

Die Bloggerin Johanna Thomas injizierte ihm die Nanoroboter der Versuchsreihe 13. Sie reanimierten seinen toten Körper. Jetzt schlug sein Herz wieder. Er atmete, dachte und fühlte. Doch Richter wusste nicht, wie lange die Nanoroboter ihn am Leben halten würden. Sie konnten jederzeit mutieren, ihn endgültig töten und andere Menschen in seiner Umgebung infizieren.

Johanna und er flohen in die Einsamkeit des Bayerischen Waldes. Dort spürten Grunewalds Männer sie auf. Sie sperrten Richter in eine Isolationskammer und holten sich die letzten Nanoroboter der Versuchsreihe 13, die es noch gab: die in seinem Körper.

Richter dachte an Johanna. Er hatte keine Ahnung, was aus ihr geworden war. Vielleicht hatte Grunewald sie töten lassen, um zu verhindern, dass sie gegen ihn aussagte. Oder sie hatte sich bei ihm infiziert und saß irgendwo in diesem Gebäude in einer weiteren Isolationskammer. Der Gedanke an Johanna gab Richter Kraft. Er kroch zu einem der Tische hinüber und zog sich hoch. Für einen Moment drohte sein Kreislauf zusammenzubrechen. Zitternd hielt er sich an der Tischplatte fest und wartete, bis sich die flimmernden Punkte vor seinen Augen zurückzogen. Dann bewegte er sich langsam weiter. Richter musste aus dem Gebäude heraus, bevor ihn jemand entdeckte. In seiner jetzigen Verfassung war er für niemanden ein wirklicher Gegner. Seine nassen Füße hinterließen dunkle Abdrücke auf den Fliesen. Er war nackt und fror erbärmlich. Wenn er nicht noch mehr Kraft verlieren wollte, brauchte er etwas zum Anziehen.

Auch auf dem Flur brannte nur noch die Notstrombeleuchtung. Ihr Schein sorgte für ein schwaches Licht.

Richter lehnte sich aus der Tür und lauschte. Er hörte weder Stimmen noch andere Geräusche. Anscheinend hielt sich niemand auf dieser Etage auf. Der einzige Lärm kam von dem Alarmton der Isolationskammer im Raum hinter ihm.

Er trat in den Flur.

Auf dem Boden lag ein fallen gelassener Kaffeebecher, dessen Inhalt auf der ansonsten makellosen, blauen Auslegeware einen braunen, lang gezogenen Fleck hinterlassen hatte. Richter wusste nicht, warum, aber der Anblick entsetzte ihn mehr als alles andere. Hier stimmte etwas nicht! Als Inspektor bei der Hamburger Polizei hatte sein Instinkt ihm mehrmals das Leben gerettet. Damals, bevor man ihn erschossen hatte.

Richter blickte in beide Richtungen. Er überlegte, welchen Weg er einschlagen sollte. Es gab keine Fenster und der Flur sah überall gleich aus. Kurz entschlossen wandte er sich nach links.

Nachdem er anfänglich nur an grauen Türen, mit der Aufschrift Lager und einem Buchstaben dahinter, vorbeigekommen war, sah er jetzt auf beiden Seiten des Flures deckenhohe Sichtscheiben, hinter denen er Tische mit Versuchsaufbauten und gewaltige, von der Decke hängende Apparaturen erkannte. Offensichtlich befand er sich in einem Labortrakt. Auch hier herrschte eine Unordnung, als wäre das Personal in heilloser Panik geflohen. Die Türen zu den Laboratorien standen offen. Richter warf im Vorbeigehen einen kurzen Blick hinein, aber wie zuvor in den Lagern fand er auch hier keine Spur von Johanna.

In immer kürzeren Abständen legte er jetzt eine Pause ein. Er fühlte sich so schwach, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Vor seinen Augen flimmerten abermals schwarze Punkte und er bildete sich ein, dass es die Nanoroboter waren. Er spürte Schmerzen, ohne genau sagen zu können, wo in seinem Körper sie ihren Ursprung hatten.

Ringend nach Luft blieb er stehen. Er lehnte sich an die Wand. Die Flüssigkeit aus der Isolationskammer war längst auf seiner Haut getrocknet, trotzdem fror er noch immer. Warum war es nur so verflucht kalt? Er schloss die Augen und genoss für ein paar Sekunden die Ruhe.

Richter zuckte zusammen, als ihm klar wurde, dass er eingenickt war. Er zwang sich aufzuschauen. Er dachte an die Isolationskammer; die Vorstellung, dass man ihn dort wieder hineinsteckte, trieb ihn an. Ein zweites Mal würden sie ihn nicht bekommen! Er stützte sich mit der rechten Hand an der Wand ab und wankte langsam weiter.

Auf die Laboratorien folgten mehrere Wasch- und Umkleideräume. Richter öffnete die erste Tür und kam in einen Raum voller Kleiderspinde. Vor vielen der Schränke hingen Vorhängeschlösser, andere waren leer, aber in einem fand er einen weißen Laborkittel. Er nahm ihn heraus und sein Blick fiel auf das Namensschild an der Brusttasche. Richter musste sich zusammenreißen, um nicht aufzulachen. Auf dem Namensschild stand Max Elbersbach.

Was für eine verrückte Welt!

Mit dem Tod von Max Elbersbach hatte alles begonnen. Richter hatte damals bei der Hamburger Polizei ein Reanimierungsteam geleitet und zusammen mit seinem Partner Dr. Erik Siegmann den Mord an Elbersbach untersucht. Dazu hatten sie ihm Nanoroboter injiziert, die dessen toten Körper für zweihundertvierzig Sekunden zurück ins Leben holten. Sie wollten ihn nach der Tat befragen, doch Elbersbach hatte sich geweigert und gesagt, andere Dinge wären wichtiger. Im Verlauf der Untersuchung fanden Siegmann und er heraus, dass es eine Versuchsreihe dieser Nanoroboter gab, die einen Toten länger als für zweihundertvierzig Sekunden zurück ins Leben holen konnte: die Versuchsreihe 13. Diese Nanoroboter versprachen Unsterblichkeit. Gleichzeitig aber konnten sie mutieren und sich wie eine Nanoseuche verbreiten.

Sollte es eine höhere Macht geben, die sich das alles hier ausdenkt, hat sie gerade viel Spaß, dachte Richter in einem Anflug von Sarkasmus und zog sich den Kittel über. Er war zu kurz und viel zu weit geschnitten, aber er bedeckte seine Blöße und half ein wenig gegen die Kälte. Als er seine Hand in die Tasche steckte, berührten seine Finger einen Schokoriegel. Im Stillen bedankte er sich bei Max Elbersbach und biss in die Schokolade. Mit der anderen Hand drückte er die Tür des Spindes zu und glaubte im gleichen Moment ein weit entferntes Geräusch zu hören. Richter erstarrte augenblicklich. Er hielt den Atem an und lauschte.

Alles schien ruhig. Nur am anderen Ende des Flures heulte noch immer der Alarm der Isolationskammer. Richter öffnete wieder Max Elbersbachs Schrank, aber die Scharniere waren es nicht gewesen, deren Quietschen er gehört hatte.

Leise trat er zurück in den Flur. Dort horchte er erneut, doch auch hier umgab ihn nur Stille. Er überlegte, ob er nach Johanna rufen sollte. Letztlich unterließ er es. Er wusste ja noch nicht einmal, ob man sie wirklich geschnappt hatte. Und wenn sie in einer Isolationskammer saß, würde sie ihn sowieso nicht hören – andere, die sich auf dieser Etage aufhielten, aber schon. Obwohl Richter nicht mehr daran glaubte, dass sich außer ihm noch jemand hier aufhielt. Wenn doch, wäre dieser längst von dem hartnäckigen Alarm der Isolationskammer angelockt worden. Trotzdem hörte er auf seinen Instinkt und verhielt sich leise.

Richter hatte lange Jahre bei der Hamburger Kriminalpolizei gearbeitet und war nur einmal erschossen worden. Das war vielleicht nicht die beste Quote, aber er beschloss dennoch weiterhin seinem Instinkt zu vertrauen.

Ohne Lärm zu veranstalten, schlich er weiter. Der Traubenzucker im Schokoriegel brachte einen Teil seiner Kraft zurück – und mit ihm Hoffnung. Vielleicht schaffte er es ja doch aus diesem Gebäude heraus.

Der Flur führte Richter vorbei an einer verlassenen Raucherecke, mit grauen Ledersesseln, einem Tisch und einem Kaffeeautomaten (der leider ebenfalls keinen Strom hatte). Er endete schließlich in einer kleinen Eingangshalle mit zwei Personen- und einem breiten Lastenaufzug. Die Digitalanzeigen über den Türen waren dunkel.

Richter betrat durch eine Brandschutztür neben dem Lastenaufzug das Treppenhaus. Er ließ die Tür leise ins Schloss gleiten. Hier leuchtete nicht einmal mehr die Notstrombeleuchtung. Es war so dunkel, dass er kaum die Stufen nach oben und unten erkennen konnte. Unschlüssig blieb er stehen. Wenn er sich im Keller befand, lag das Erdgeschoss und damit der Ausgang über ihm. Hielt er sich aber in einem der obersten Stockwerke auf, würde er seine Lage nur noch verschlimmern, wenn er weiter hinaufging. Seine Erfahrung plädierte zwar für den Keller – dort würde ein Gefangener am wenigsten auffallen –, aber sicher konnte er sich nicht sein. Er wusste ja noch nicht einmal, in welchem Gebäude er sich aufhielt. Richter vermutete zwar, dass man ihn in die Firmenzentrale von Schubert & Ahlhorst gebracht hatte, nur gab es dafür keine Beweise. Er hatte auf seiner Flucht keine Fenster nach draußen gesehen, was ebenfalls für den Keller sprach. Andererseits hätte ein Labor in den oberen Stockwerken auch nicht unbedingt Öffnungen, durch die Wirtschaftsspione ins Innere des Gebäudes blicken konnten.

Die Entscheidung wurde Richter abgenommen, als er über sich eine Tür ins Schloss fallen hörte. Stimmen schallten zu ihm herunter. Eine Gruppe Menschen kam die Treppe herab.

Richter hatte keinen Zweifel, dass sie seinetwegen solche Eile an den Tag legten. Also hatte am Ende doch jemand auf den Alarm des Computers reagiert.

Er nahm die abwärts führenden Stufen und rannte.

Solange Richter sich ebenerdig fortbewegt hatte, war der Schmerz in seinem Körper zu ertragen gewesen, jetzt allerdings stürmte er eine Treppe hinunter. Er fühlte sich, als verzehrte ein Feuer seine Gelenke. Er biss sich auf die Lippen, schmeckte Blut und humpelte weiter, doch mit jeden neuen Schritt wurde es schlimmer. Die Kraft verließ ihn, als wäre sie Luft, die aus einem Ballon strömte. Die Nanoroboter in seinem Körper versuchten alles, um ihn am Leben zu halten, aber auch für sie gab es Grenzen.

Der Lärm über ihm klang jetzt ganz nah. Richter erwartete, dass seine Verfolger auf der Etage, in der man ihn gefangen gehalten hatte, das Treppenhaus verließen, doch das geschah nicht. Sie kamen weiterhin zu ihm herunter. Als ihm das klar wurde, holte er die letzten Reserven aus seinem Körper heraus. Mehr humpelnd als laufend erreichte er schließlich die Tür des nächsten Stockwerks. Sie war rot gestrichen und trug die Aufschrift:

Sicherheitsbereich! Zutritt nur mit Berechtigungsstufe A.

Neben ihr hing ein Codeschloss an der Wand. Für einen Moment erstarrte Richter. Er hatte nicht mehr die Kraft, um noch eine weitere Etage in die Tiefe steigen zu können. Dann sah er, dass das Eingabefeld nicht leuchtete und die Tür eine Handbreit offen stand. Wahrscheinlich hatten die Mitarbeiter auch diesen Raum fluchtartig verlassen.

Richter drückte die Tür auf.

Sie führte ihn in eine gewaltige Lagerhalle, in der zu seiner Überraschung noch die Notstrombeleuchtung brannte. Links neben dem Eingang standen Gestelle mit Verpackungsmaterialen, Computerterminals und Aktenordnern. Weit hinten zu seiner Rechten gab es einen Lastenaufzug, durch den ein Lkw gepasst hätte. Die Anzeige über den Türen war dunkel. Davor sah er ordentlich in Folie eingewickelte Kanister mit roten Totenkopf- und gelben Biohazard-Warnungen.

Den gesamten hinteren Teil trennte eine in Stahl eingefasste Wand aus Sicherheitsglas ab, durch die eine offen stehende Schleuse in einen Bereich mit deckenhohen Regalen voller Kartons und Kanister führte.

Richter missachtete die Warnschilder, die beim Weitergehen Unbefugter mit hohen Strafen drohten, und hinkte an elektrischen Hubwagen und Palettenstapeln vorbei zu der Schleusentür hinüber. An den Wänden hingen Sicherheitskameras, die seiner Bewegung folgten. Richter hatte keine andere Wahl, als sie zu ignorieren. Er hoffte, dass seine Verfolger keinen Zugriff auf sie hatten.

Richter betrat die Schleuse. Aus dem Boden und der Decke ragten winzige Düsen, die im gleichen Moment einen schwachen Nebel verströmten und ihn einhüllten. Er humpelte weiter und kam durch mehrere senkrecht von der Decke hängende Kunststofflamellen in die Lagerräume.

Richter spürte ein Knacken in den Ohren und stellte überrascht fest, dass im Innern ein Unterdruck herrschte. Er schaute sich um.

Es gab zehn Reihen mit bis zu der Decke reichenden Regalen voller Kartons und Kanister. Sie trugen Codenummern anstatt Beschreibungen, aber Richter hatte keinen Zweifel daran, dass sie Nanoroboter enthielten. Er schleppte sich zu einem der Regale hinüber und ging hinter einer Palette mit übereinandergestapelten 25-Liter-Kanistern in Deckung.

Richter hoffte, dass seine Verfolger diese Etage ignorierten und weiter nach unten liefen, doch diesen Gefallen taten sie ihm nicht.

Die Tür des Treppenhauses flog ruckartig auf und ein junger Mann stürmte herein.

Richter zog den Kopf ein. Vorsichtig schielte er hinter den Kanistern hervor und sah, wie der Mann einen Augenblick lang unschlüssig stehen blieb. Er schaute sich suchend um. Schließlich rannte er auf die Schleuse und das Lager zu, in dem sich Richter versteckte.

Richter verfluchte sich dafür, die Schleusentür offen gelassen zu haben. Er duckte sich noch tiefer hinter seinem Versteck.

Der schlanke Mann vor ihm mochte knapp dreißig Jahre alt sein. Er war einen Kopf kleiner als Richter und hatte lange, schwarze, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundene Haare, die ihm über die Schultern fielen. Eine seltsame Tätowierung aus Nullen und Einsen bedeckte seine rechte Gesichtshälfte. Die Kleidung bestand aus Turnschuhen, Jeans und einer gefütterten Jacke. In der Hand hielt der junge Mann einen Rucksack und eine leuchtende LED-Taschenlampe, deren Lichtstrahl gehetzt über die Wände huschte.

Hinter ihm fiel die Tür zum Treppenhaus ins Schloss, nur um kurz darauf wieder aufgestoßen zu werden. Eine Gruppe zerlumpter, blutüberströmter Gestalten, mit Knüppeln und Messern bewaffnet, drängte herein. In ihren Augen loderte die Gier nach Tod. Einige von ihnen trugen zerrissene Laborkittel, andere die Kleidung des Werkschutzes oder dunkle Anzüge. Viele bluteten aus unzähligen kleineren und größeren Wunden, doch niemand von ihnen schien das zu bemerken. Wie Raubtiere, die in ihrem Blutrausch alles um sich herum vergaßen, verfolgten sie den jungen Mann, der durch den Vorraum zur Schleuse rannte. Richter erstarrte. Sein Herz schlug schneller.

Der Mann erreichte die Schleusenkammer und sprang hinein. Er ließ Rucksack und Taschenlampe fallen und griff nach der schweren, von gewaltigen Scharnieren gehaltenen Sicherheitstür, um sie zu schließen. Die Düsen verströmten unablässig ihren schwachen Nebel aus Desinfektionsmitteln. Der Mann keuchte vor Anstrengung, doch die Tür rührte sich nicht.

Weitere Verfolger kamen durch das Treppenhaus in den Vorraum und schlossen sich der ersten Gruppe an. Diese hatte den Raum zur Hälfte durchquert. Noch immer bewegte sich die Sicherheitstür keinen Millimeter.

Die Angreifer erinnerten Richter an eine Meute von tollwütigen Hunden. Sie sahen aus, als wollten sie den Fliehenden mit bloßen Händen in der Luft zerreißen. Der junge Mann schien das Gleiche zu befürchten und stemmte sich verzweifelt mit aller Kraft gegen die Tür. Richter hörte seinen laut keuchenden Atem bis in sein Versteck.

Den ersten der Verfolger, ein Mechaniker in einer zerrissenen, blauen Latzhose, mit einem 32iger Schraubenschlüssel in der Hand, trennten nur noch fünf Schritte von der Schleuse. Geronnenes Blut bedeckte seinen Kopf und an der Schläfe klaffte eine offene Wunde.

Der junge Mann gab seinen sinnlosen Versuch auf. Sein Blick hetzte durch die Schleusenkammer und entdeckte einen schwarzen, runden Knopf neben sich an der Wand. Er hieb mit der Faust darauf.

Endlich schloss sich die Sicherheitstür.

Die Meute begriff, dass ihr Verfolger zu entkommen drohte, und stürmte los. Bevor sie ihn erreichen konnte, fiel die Sicherheitstür mit einem metallisch klickenden Geräusch ins Schloss. Riegel verschoben sich. Ein grünes Licht im Innern leuchtete auf.

Enttäuscht stieß die Meute einen markerschütternden Schrei aus. Der Mechaniker sprang vor und schlug wie ein Berserker mit dem Schraubenschlüssel auf das Sicherheitsglas ein, als wäre es der Kopf des jungen Mannes. Andere rannten mit voller Kraft gegen die Trennwand, prallten von ihr ab und fielen blutend zu Boden, nur um gleich darauf erneut zu versuchen, sie zu durchbrechen.

Richter hielt vor Entsetzen den Atem an. Jetzt stieß er die Luft keuchend hervor. Diese Angreifer verhielten sich nicht menschlich. Sie benahmen sich, als besäßen sie keinen Selbsterhaltungstrieb mehr, als wären ihnen Schmerz und Tod gleichgültig. Ohne Rücksicht auf sich selbst stürzten sie sich immer wieder gegen die Trennwand. Hatte Richter bei ihrem Anblick zuerst an tollwütige Tiere gedacht, musste er jetzt seine Einschätzung ändern. Tiere töteten sich nicht, um an ihre Beute zu kommen. Aber was waren sie dann? Er suchte nach Worten, fand jedoch keinen passenden Vergleich. Es schien, als folgten sie blind wie Maschinen ihrem Befehl.

Der junge Mann hob seinen Rucksack auf und wich kreidebleich zurück. Schließlich drehte er sich um und rannte durch einen Vorhang aus Kunststofflamellen in den Lagerraum. Sein Blick wanderte über die Codebeschreibungen an den Regalen.

Die Meute außerhalb der Schleuse brüllte und tobte, als wollte sie ihre Wut in Lautstärke freisetzen. Der Mechaniker schlug noch immer auf das Sicherheitsglas ein, andere benutzten Messer und Knüppel, konnten es aber ebenfalls nicht einmal zerkratzen. Neben ihnen stand eine lange Schlange aus Wartenden, die versuchten mit ihrem Körper das Glas zu durchbrechen. Nacheinander rannten sie gegen die Sicherheitsscheibe. Viele von ihnen blieben blutüberströmt, mit gebrochenen Knochen liegen. Doch nach einem Moment erhoben sie sich wieder, um einen erneuten Anlauf zu starten. Es war ein surrealer Anblick, wie eine Szene aus einem Cartoon, aber Richter war nicht zum Lachen zumute.

Der junge Mann durchquerte zielstrebig das Lager. Er rannte zu einem der Regale hinüber und sah plötzlich Richter.

Er fuhr zurück, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen. Für einen Moment stand er wie angewurzelt da. Dann wich er langsam rückwärts, bis ein Rolltisch vor einem der Regale seine Bewegung stoppte.

Richter erkannte, dass der Mann jünger war, als er angenommen hatte. Jetzt schätzte er ihn auf höchstens fünfundzwanzig Jahre. Er trug neben seiner seltsamen Tätowierung in Form eines geschwungenen Binärcodes Augenbrauenpiercings und Ohrringe.

Der junge Mann entdeckte neben sich auf dem Rolltisch, zwischen einem Stapel Adressaufklebern und Rollen mit Klebeband, ein Cuttermesser. Er griff zu, schob die Klinge vor und richtete das Messer drohend auf ihn. »Komm mir nicht zu nahe! Hörst du?«, zischte er.

Richter hatte nicht mehr die Kraft, auch nur an Widerstand zu denken. »Ich … ich tue dir nichts.« Er brachte die Worte kaum heraus und fragte sich, wie lange er wohl in der Isolationskammer gesteckt haben mochte.

Sein Gegenüber zögerte. Schließlich kam dieser zu dem Entschluss, dass Richter keine Gefahr für ihn darstellte. Er senkte das Messer. »Du siehst scheiße aus. Bist du im Endstadium?«

Richter schaute ihn verständnislos an.

Der Junge ließ die Klinge des Messers zurückgleiten und steckte es ein. »Na egal, Hauptsache, du kommst mir nicht zu nahe.«

Er öffnete seinen Rucksack und nahm einen Tabletcomputer heraus. Mit geübten Bewegungen wischten seine Finger über das Display, tauchten tiefer in das System ein und scrollten sich durch eine Datenbank. Anschließend lief er zu einem der Regale hinüber, las die Codebezeichnung und verglich die aufgedruckten Nummern auf den dort gestapelten Kartons mit seiner Liste. Er zog eine Schachtel heraus und steckte sie ein. Die gleiche Prozedur wiederholte er an einem anderen Regal. Zwischendurch warf er Richter immer wieder misstrauische Blicke zu, als befürchtete er, dass dieser aufsprang und ihn angriff.

»Was wolltest du eigentlich hier? Hast du gedacht, hier gäbe es etwas zu plündern?« Sein Blick streifte Richters nackte Beine und er korrigierte sich selbst: »Wohl eher nicht. Sonst hättest du dir sicher etwas angezogen.« Er schnitt eine Grimasse. »Oder ist das so eine Art von Fetisch?«

Richter konnte kaum den Kopf heben. Er würde ohne fremde Hilfe nicht einmal mehr aufstehen können. Wie sollte er es da aus dem Gebäude herausschaffen? Er blickte kurz zu den Gestalten hinüber, die auf der anderen Seite der Wand standen und noch immer gegen das Sicherheitsglas anrannten. Er wollte sich gar nicht ausmalen, was geschah, wenn er ihnen in die Hände fiel. Er brauchte Hilfe. Also entschloss er sich, dem Jungen die Wahrheit zu sagen. »Mein Name ist Florian Richter«, antwortete er. »Ich wurde hier im Gebäude gefangen gehalten.«

Bei der Erwähnung seines Namens sah der Jugendliche Richter mit unverhohlenem Interesse an. »Du bist Versuchsreihe 13? Ich dachte, die hätten dich verlegt?«

Die Erkenntnis traf Richter wie ein Schlag in die Magengrube: Der Junge kannte ihn! Er mobilisierte seine ganze Kraft und zog sich an einem der Kanister hoch. »Gehörst du zu den Leuten, die mich gefangen haben?«

»Beruhig dich«, sagte der Junge. »Du bist mir scheißegal. Ich will nur verschwinden, bevor die da hereinkommen.« Er deutete auf die Meute auf der anderen Seite der blutverschmierten Sicherheitsscheibe.

Richter folgte seinem Blick. »Wer sind die?«

»Ehemalige Mitarbeiter, Angestellte, Besucher – was weiß ich? Alles Infizierte nach dem Endstadium.« Der Junge kam zu dem Entschluss, dass es besser war, sich zu beeilen, und setzte seine Suche fort. »Behalte die Tür im Auge!«, befahl er.

Infizierte! Richter erstarrte. Plötzlich sah er die durchgedrehte Meute mit anderen Augen. Es war passiert! Versuchsreihe 13 war entartet und hatte eine Epidemie ausgelöst. Die Menschen starben nicht mehr, sie veränderten sich. Max Elbersbachs grauenhafteste Befürchtungen hatten sich bewahrheitet.

»Wie schlimm ist es?«, brachte er tonlos hervor.

Der Junge fuhr herum. »Was interessiert dich das? Du bist der Arsch, dem wir das alles zu verdanken haben.«

Richter hatte nicht die Kraft, um ihm die Nase zu brechen. Er war sogar zu schwach, um ihm zu erklären, dass er nicht darum gebeten hatte, ermordet und durch die Nanoroboter der Versuchsreihe 13 wiederbelebt zu werden – nur um dann in einer Isolationskammer zu enden, wo man ihn als Wirt gefangen gehalten hatte. Er und Johanna waren vor Robert Grunewald, dem Vorstandsvorsitzenden von Schubert & Ahlhorst, durch halb Deutschland geflohen, um zu verhindern, dass ihm die Nanoroboter in die Hände fielen. Letztendlich hatte dieser sie doch erwischt. Grunewalds Wissenschaftler hatten die Nanoroboter aus seinem Körper extrahiert und mussten weiter mit ihnen herumexperimentiert haben. Und nun vermehrten sie sich unkontrolliert und infizierten Menschen.

Ihm wurde so kalt, dass er zu zittern begann. Was hatte Grunewald nur getan? Richter würde es herausfinden, doch erst einmal musste er aus dem Gebäude heraus. Und dazu brauchte er die Hilfe des Jungen. Er schaute zu ihm hoch. »Du hast mir noch nicht gesagt, woher du meinen Namen kennst.«

»Ich bin Programmierer, ich arbeite hier.« Der Junge lachte humorlos auf, während er von Regal zu Regal eilte. »Zumindest habe ich hier mal gearbeitet. Deinen Namen schnappte ich in der Kantine auf. Dort kursierten Gerüchte über dich und deine lebensverlängernden Nanoroboter. Ich hab das aber für Schwachsinn gehalten. Nanoroboter, die einen toten Menschen wiederbeleben? Klang damals wie Science-Fiction.«

Richter sah, wie der Junge enttäuscht seine Suche einstellte. »Hast du auch einen Namen?«, fragte er ihn.

»Alexander.«

»Alexander und wie weiter?«

»Nur Alexander, oder hast du vor mit mir auszugehen?« Der Junge fegte einen Karton mit Nanoroboter aus einem der Regale und schaute Richter feindselig an. »Damit das mal klar ist: Wir sind keine Freunde! Deinetwegen ist diese ganze Scheiße passiert. Du alleine bist schuld am Ausbruch der Epidemie! Ohne dich hätte ich noch ein Zuhause und Freunde, die nicht versuchen würden mich zu töten!«

In dem immer gleichen Klang, mit dem die Angreifer gegen das Sicherheitsglas der Trennwand anliefen, mischte sich ein neues Geräusch. Richter und der Junge hörten ein Knacken und Knirschen, als brächen Verbindungen. Eine weitere Gestalt nahm Anlauf. Plötzlich bedeckte ein großer Blutfleck wie ein Rorschachtest das Sicherheitsglas und nahm Richter und dem Jungen die Sicht.

Inmitten des Blutflecks bildeten sich Risse auf der Scheibe, die sich wie öffnende Reißverschlüsse in alle Richtungen verbreiteten.

Das Glas brach!

Alexander sprang herum und schnallte sich den Rucksack über die Schulter. Er schaute zu Richter hinüber. Nach einem Moment des Zögerns kam er zu ihm zurück und half ihm auf die Beine.

»Wir müssen von hier verschwinden!«

Hinter ihnen splitterte das Sicherheitsglas der Trennwand und durch ein tellergroßes Loch streckten sich ihnen Hände entgegen. Die Schläge setzten wieder ein und diesmal zeigten sie Wirkung.

Alexander stützte Richter, bis sie in den hinteren Teil des Lagers gelangten. Hier beendete eine türlose Wand ihre Flucht.

Richter sah sich hektisch um. »Hier kommen wir nicht weiter. Wir sitzen in der Falle!«

»Bleib ruhig«, antwortete Alexander. Er führte ihn bis zur Rückwand des Lagers und Richter hielt sich am Schacht einer Filteranlage fest. Der Junge holte aus seinem Rucksack eine der Schachteln heraus, die er zuvor im Regal gefunden hatte. Im Innern lag eine Glasampulle. Er nahm sie zwischen zwei Finger und warf sie ein paar Meter vor sich auf den Betonboden.

Sie zerbrach in einer Wolke aus glitzernden Partikeln, die sich wie eine Decke über den Boden ausbreiteten.

»Sind das Nanoroboter? Was sollen die tun? Unsere Angreifer wiederbeleben?«, fragte Richter sarkastisch.

»Bei dir hat das doch auch geklappt«, giftete Alexander zurück. Er half Richter und führte ihn bis zu der Stelle, an der die Scherben der zerbrochenen Ampulle lagen. »Bei Schubert & Ahlhorst werden auch noch andere Nanoroboter als Versuchsreihe 13 hergestellt – eine ganze Menge sogar.«

»Und du kennst sie alle?«

Alexander warf ihn einen finsteren Blick zu. »Ich habe doch gesagt, dass ich hier gearbeitet habe. Ich weiß schon, was ich mache.«

Hinter ihnen zersprang das Sicherheitsglas der Trennwand und die Infizierten stürmten herein.

Richter zuckte erschrocken zusammen. Alexanders Gesicht wurde blass vor Furcht.

Die Infizierten überschwemmten das Lager wie eine Flutwelle. Nun, da die Trennwand aus Sicherheitsglas nicht mehr existierte, hielt nichts mehr sie auf. Ihr Ansturm war so groß, dass eines der Regale umstürzte und Kartons und Kisten durch die Luft flogen. Ein paar der Angreifer fielen auf die Palette mit den 25-Liter-Kanistern; die anderen stürmten unbeirrbar weiter auf sie zu. Richter sah sie näher kommen. Er zwang sich seinen Blick von den blutverschmierten, nach Tod gierenden Gestalten zu lösen und sah sich verzweifelt nach einem Ausgang um. Doch selbst wenn eine Tür in der Nähe gewesen wäre, hätte er sie in seinem jetzigen Zustand niemals erreicht. Außerdem war der Raum hermetisch abgeriegelt.

Alexanders Maske aus Zuversicht zerbrach beim Anblick der heranstürmenden Meute. Er keuchte erschrocken und ließ Richter los. Für einen Moment schien es, als wollte er davonlaufen, doch er wich nur einen Schritt zurück. Richters Beine knickten ein und er sackte zu Boden. Er schaute zu dem Jungen hinauf. »Wir müssen hier weg!«

Alexander schüttelte den Kopf. »Warte!«

Plötzlich knirschte der Boden unter ihren Füßen. Die glatte Oberfläche des Betons bekam Risse und brach ein wie das Eis auf einem zugefrorenen See. Richter und Alexander stürzten mitsamt der Stahlverschalung des Untergrundes in die Tiefe. In einer Wolke aus zerbröseltem Beton, Staub und Armierungsstahl schlugen sie ein Stockwerk tiefer auf.

Richter spürte einen stechenden Schmerz, der ihm fast das Bewusstsein raubte. Sein Kopf schlug irgendwo dagegen und dröhnte, dass er Sterne sah. Neben ihm polterten weitere Steinbrocken zu Boden. Bei ihrem Aufprall zerplatzten sie wie Samenkapseln und eine Wolke aus Staub und Dreck deckte Alexander und ihn zu.

Ein infizierter Mann in einem teuren Anzug landete neben Richter und streckte sofort den Arm nach ihm aus, um ihn zu packen. Alexander ergriff sein Bein und riss es zurück. Der Mann stieß einen Schrei aus, als er außer Reichweite seiner Beute rutschte. Weitere Infizierte erschienen über ihnen am Rand der Öffnung und ließen sich herunterfallen. Alexander sah sie und rief Richter eine Warnung zu. Dieser rollte sich seitwärts, doch sein rechtes Bein verfing sich in den Resten einer Matte aus Armierungsstahl. Richter zog an seinem Bein, bis der Boden erneut nachgab und sie wieder in die Tiefe stürzten.

Diesmal war der Aufprall noch härter. Richter schlug auf einen Heizungskessel auf und hörte das Knacken, als sein Arm brach. Ein Schmerz fast so heftig wie die Kugeln, die ihn vor Ewigkeiten getötet hatten, raste durch seinen Körper und trieb seinen Verstand in Richtung Bewusstlosigkeit. Richter rutschte vom Heizungskessel herunter und knallte ein weiteres Mal mit dem Kopf auf den Boden. Für ein paar Sekunden drehte sich der Raum um ihn und Schwärze verbarg die Infizierten, die von oben herabfielen.

Alexander hatte mehr Glück gehabt. Er kam mit ein paar Prellungen davon.

Sie befanden sich in einem Heizungsraum. Richter lag neben ihm und hielt sich stöhnend den Kopf. Der Infizierte im Anzug stand wankend neben dem Heizungskessel. Sein Gesicht blutete heftig. Um ihn herum schlugen weitere Gestalten auf. Einige hatten das Glück, auf den Betonboden zu treffen, andere brachen sich auf dem Kessel das Genick oder blieben mit verrenkten Gliedern auf der Heizungsanlage liegen.

Der Boden bebte. Richters Blick klärte sich. Er sah, wie sich um ihn herum bereits wieder Brocken aus dem Estrich lösten und den Blick auf weitere Stahlmatten freigaben. Gleich würden sie erneut in die Tiefe stürzen!

Alexander sprang über eine verbogene Matte aus Eisenstangen hinweg auf ihn zu und zog ihn mit sich. Obwohl Richter nach der Zeit in der Isolationskammer kaum noch etwas wog, keuchte der Junge vor Anstrengung.

Hinter ihnen krachte es laut, als der Heizungskessel in die Tiefe stürzte. Aus abgerissenen Leitungen spritzte Wasser heraus und verteilte sich rasch auf dem Betonboden. Aus einem Leck trat Gas aus. Das Loch, durch das der Kessel in die Tiefe gestürzt war, verbreitete sich immer rascher. Mehr und mehr des Betonbodens und der Stahlverstrebungen verschwanden in der Dunkelheit.

Alexander zog Richter keuchend bis zum Eingang des Heizungsraumes. Kaum hatte er ihn erreicht, da gab der Boden ein drittes Mal nach. Die Heizung, mehrere Schaltschränke und der halbe Fußboden fielen mit ohrenbetäubendem Gepolter vor ihm in die Tiefe. Die Anstrengung und die Armverletzung waren für Richter zu viel. Sein Bewusstsein suchte endgültig Schutz in der Dunkelheit.

 2

Als Richter zu sich kam, fühlte er kaum noch Schmerzen. Selbst sein gebrochener Arm ließ sich problemlos bewegen. Erstaunt richtete er sich auf.

Alexander saß vor ihm, mit dem Rücken gegen die Tür des Heizungsraums gelehnt, und hörte Musik. Das Licht der Notstrombeleuchtung fiel auf sein tätowiertes Gesicht und die Ohrstöpsel, die zu einem Player in seiner Jacke liefen. Als Alexander sah, dass Richter sich rührte, zog er sie heraus und steckte sie ein. »Endlich wach? Ich wollte schon ohne dich weitergehen.«

Richter fühlte sich wie neugeboren und erschauderte. Er bekam kaum ein Wort heraus. »Was hast du mit mir gemacht?«

»Wenn du noch ein Mensch wärst, würde ich sagen, ich habe dein Leben gerettet, aber du bist ja bereits tot.«

»Du hast mir irgendwelche Nanoroboter gespritzt.«

Alexander widersprach: »Nicht irgendwelche, sondern die der neuen Versuchsreihe 13. Sie wurden aus dem Ursprungsmaterial entwickelt, das man dir entnommen hat.«

Die Antwort traf Richter wie ein Schlag. Der Junge hatte ihn mit entarteten Nanorobotern infiziert! Er würde sterben. Nein, schlimmer: Er würde zu einer dieser unmenschlichen Kreaturen werden, vor denen sie gerade erst geflohen waren.

Seine Hände packten Alexander am Kragen seiner Jacke. »Was hast du getan? Diese Nanoroboter sind gefährlich. Sie werden mich umbringen!«

Alexander riss sich los. »Nimm die Finger weg! Ich hatte keine andere Wahl. Du hattest nicht mehr genug Nanoroboter in deinem Körper, um überleben zu können. Du wärst gestorben und nie wieder aufgewacht – oder als einer von diesen Durchgeknallten. Ich musste dir Nanoroboter injizieren!«

»Aber es war nicht der Originalstamm der Versuchsreihe 13, sondern irgendeine, in den Laboratorien zusammengepfuschte Version.«

Alexanders Augen funkelten wütend. »Reiß dich zusammen! Es ist nicht gesagt, dass sie die Kontrolle über deinen Körper übernehmen werden. Vielleicht sind ja noch genug der ursprünglichen Nanoroboter in dir, um dich vor ihnen schützen zu können.«

»Aber das kannst du nicht wissen.«

Der Junge grinste. »Spannend, nicht wahr? Aber wenn du stirbst, ergeht es dir wie allen anderen, die deinetwegen infiziert wurden. Das ist doch nur gerecht.«

Richter konnte seine Wut kaum zügeln. Am liebsten hätte er dem Jungen seine Großkotzigkeit zusammen mit den Zähnen ausgeschlagen. Er beherrschte sich mühsam. »Du hättest mich einfach hier liegen lassen sollen.«

»Ich glaube, du hast noch nicht begriffen, in welcher Lage du steckst«, sagte Alexander. »Es gibt niemanden, der auch nur einen Finger für dich rühren würde. Du hast keine Freunde mehr. Ja, du darfst noch nicht einmal deinen Namen erwähnen. Diejenigen, die bereits infiziert sind, töten dich sowieso. Und die, die es noch nicht sind, wollen dich umbringen, weil sie es deinetwegen bald sein werden. So oder so: Töten will dich jeder! Du solltest froh sein, dass wenigstens ich dir geholfen habe!«

»Wenn du es so gut mit mir meinst, warum hast du mir dann nicht geholfen, als ich in der Isolationskammer saß? Du wusstest doch, dass mich dein Arbeitgeber gefangen hält; dennoch hast du nichts dagegen unternommen. Da hätte ich deine Hilfe gebrauchen können«, antwortete Richter zynisch.

»Gefangen hält?« Alexander lachte auf. »Die Nanoroboter haben wohl dein Gehirn gebraten. Du bist tot! Du hast keine Rechte mehr. Grunewald hat dich nicht gefangen gehalten, er hat dich aufbewahrt. Er kann mit dir machen, was er will. Du bist sein Eigentum. Es gibt den Menschen, der du warst, nicht mehr. Das, was du Leben nennst, ist nichts weiter als ein Haufen Nanoelektronik und Software. Wenn die Energie deiner Nanoroboter aufgebraucht ist, unterscheidest du dich in nichts von einer anderen Leiche.« Seine Augen funkelten ihn böse an. »Also erkläre mir, warum hätte ich wegen eines Dings wie dir meine berufliche Existenz aufs Spiel setzen sollen?«

Richter war so schockiert, dass er keine Worte fand. Doch es war nicht die Unverschämtheit, die ihm die Sprache verschlagen hatte, sondern die Tatsache, dass Alexander recht hatte. Als er ermordet worden war, hatte er nicht nur sein Leben verloren – er hatte aufgehört zu existieren. Richter war kein Mensch mehr, er war eine Leiche. Ein Gegenstand, mit dem Grunewald machen konnte, was er wollte. Wenn man ihn wieder einfing und zurück in die Isolationskammer steckte, würde sich niemand darum scheren.

Richter schwankte zwischen Resignation und Dickköpfigkeit. Er könnte aufgeben und hoffen, dass seine Nanoroboter versagten und ihn sterben ließen. Aber er hatte nicht über zehn Jahre als Polizist auf Hamburgs Straßen gegen das Verbrechen gekämpft, um jetzt alles hinzuwerfen. Außerdem wollte er, dass der Mensch, der ihm das angetan hatte, zur Rechenschaft gezogen wurde. Grunewald! Und wenn er ihn selbst erledigen musste.

Die Dickköpfigkeit in ihm siegte. »Nun, dann kann ich wohl nicht damit rechnen, dass die Stadt mein Gehalt weitergezahlt hat«, sagte er.

Alexander griff nach seinem Rucksack und stand auf. »Sind alle Polizisten solche Arschlöcher wie du?«

»Nur die, die man ermordet und durch Nanoroboter wiederbelebt hat.« Richter hörte ein leises Knirschen und schaute auf das riesige Loch im Fußboden hinter sich. Noch immer lösten sich kleine Steine vom Rand und fielen in die Tiefe. »Was für ein Zeug ist das eigentlich?«

Alexander folgte seinem Blick. »Diese Nanoroboter zersetzen Beton und Stahl. Grunewald hat noch mehr von ihnen. Einige seiner Kampfmittel lösen alles auf, mit dem sie in Berührung kommen. Er hat sie für das Militär zum Brechen feindlicher Bunker und Panzer entwickelt.«

Es knirschte erneut. Auf Richter und Alexander regneten Staub und Wassertropfen herunter.

»Wie lange geht das noch so weiter?«

Alexander schaute Richter mitleidig an. »Die Nanoroboter sind schon lange inaktiv. Wenn jetzt noch etwas in die Tiefe fällt, liegt es an der veränderten Statik.«

Es krachte ohrenbetäubend und über ihnen stürzte ein Regal mit Kartons voller Nanoroboter in die Öffnung. Es verkeilte sich und blieb in einem Fünfundvierziggradwinkel darin hängen.

Alexander wurde blass. Er entschied, dass es an der Zeit war, den Heizungsraum zu verlassen. Richter folgte ihm. Er erhob keine Einwände.

 3

Hier unten im Keller gab es keine teure Auslegeware. Boden und Wände bestanden aus grau gestrichenem Estrich und an der Decke hingen schäbige Neonröhren.

Richter und Alexander folgten Gas-, Wasser- und Heizungsrohren, die ihnen wie sich windende Schlangen den Weg wiesen. Über ihnen verliefen Stromkabel. Zwar funktionierte auch hier noch die Notstrombeleuchtung, aber sie schien so schwach, dass sie ohne Alexanders Taschenlampe kaum erkannt hätten, wohin sie gingen. Mehrmals kamen die beiden an Kellerräumen vorbei. Einige waren verschlossen, andere enthielten nur Kisten voller Aktenordner. Richter fror in seinem viel zu kurzen Kittel und ohne Unterwäsche erbärmlich und hätte alles für Kleidung oder auch nur eine Decke gegeben. Er dachte über Alexanders Worte nach. Sein ursprünglicher Plan war es gewesen, aus dem Gebäude zu fliehen und seine Kollegen bei der Hamburger Polizei zu informieren. Doch so, wie es jetzt aussah, würden diese nichts unternehmen. Man hatte ihn nicht entführt – Grunewald hatte ihn allenfalls gestohlen. Richter überlegte, wem seine Leiche wohl gehören mochte. Er besaß keine Angehörigen. Seine Eltern lagen seit Ewigkeiten auf einem Friedhof und Geschwister hatte er nie gehabt. Dann fielen ihm wieder die Nanoroboter der Versuchsreihe 13 ein, die Johanna ihm gespritzt hatte. Sie waren Grunewalds Eigentum. Er hatte also nichts anderes getan, als sich seine Nanoroboter zurückzuholen – wenn auch zusammen mit Richters Körper.

Richter konnte kaum fassen, wie pervers das Schicksal mit ihm umsprang. Dann dachte er an all die Toten, die Grunewald auf dem Gewissen hatte. In seinem Wahn, Versuchsreihe 13 wiederzubekommen, hatte er nicht nur ihn umbringen lassen, sondern auch den Leiter seiner Forschungsabteilung Max Elbersbach, dessen Lustmädchen Irmina Kostilonowa und Philipp Weber. Und wer wusste schon, wen noch? Richter besaß keine Beweise gegen Grunewald, aber es gab einen Menschen, der zumindest seine Ermordung und die von Philipp Weber miterlebt hatte: Johanna, seine geliebte Johanna! Der Umstand, dass er nicht wusste, wie es ihr ging, half ihm über seinen Zustand hinweg. Er würde sie suchen; das war er ihr schuldig. Die Vorstellung, dass auch sie in einer Isolationskammer steckte, angeschlossen an unzählige Schläuche und Überwachungsleitungen, war kaum zu ertragen.

»Du sagtest, dass du in der Kantine Gerüchte über mich und Versuchsreihe 13 gehört hast. Was ist mit Johanna Thomas? Hat man auch über sie gesprochen? Ist sie hier?«, fragte er.

»Von einer Johanna Thomas habe ich noch nie gehört. Wer soll das sein?«

»Eine Bloggerin. Wir waren zusammen, als Grunewalds Männer uns fanden.«

Richter spürte kaum noch seine Füße, so durchgefroren waren sie. Er hielt an und bewegte seine Zehen. »Himmel, warum ist es nur so verflucht kalt?«

Alexander blieb ebenfalls stehen. »Was erwartest du denn? Wir haben Januar und in diesem Gebäude läuft schon lange keine Heizung mehr.«

»Januar?« Richter schaute den Jungen bestürzt an. »Als Grunewalds Männer mich schnappten, war es erst August.«

Alexander zuckte ungerührt mit den Schultern. »Dann hast du wohl länger in der Isolationskammer gesessen als angenommen.«

Jetzt begriff Richter, warum er sich anfangs so schwach gefühlt hatte. Er war fast ein halbes Jahr lang Grunewalds Gefangener gewesen, angeschlossen an ein Lebenserhaltungssystem. Es grenzte an ein Wunder, dass er noch lebte.

Alexander bemerkte das Namensschild an seinem Laborkittel. »Lustig. Weißt du eigentlich, wessen Kittel du da trägst? Das ist der Kerl, der die Nanoroboter der Versuchsreihe 13 entwickelt hat.«

Richter unterließ es, Alexander zu erklären, dass sein Partner Siegmann und er es gewesen waren, die Max Elbersbach tot aufgefunden und den Mord an diesem untersucht hatten.

Alexander kratzte sich am Kinn. »Wenn ich mich nicht täusche, sind wir im fünften Kellergeschoss. Tiefer liegen nur noch die Abfallbeseitigung und die Lagerstätte für gering strahlende radioaktive Stoffe. Ein Stockwerk über uns liegt die Wäscherei. Dort findest du etwas zum Anziehen.«

»Warum hilfst du mir?«

Alexander lachte kurz auf. »Was glaubst du denn? Du hast doch die Infizierten gesehen. Einer alleine hat gegen die keine Chance. Wenn wir überleben wollen, müssen wir zusammenhalten – außerdem konnte ich dich ja schlecht zurücklassen.«

Richter glaubte ihm kein Wort. Alexander war kein Menschenfreund. Er wollte nur seine Haut retten und aus irgendeinem Grund brauchte er ihn. Richter wusste nur nicht, wozu. Er hatte während seiner Zeit bei der Polizei jeden Menschenschlag kennengelernt, auch solche wie Alexander und viele von ihnen waren bessere Lügner gewesen als dieser Junge. Richter beschloss abzuwarten. Er würde früh genug erfahren, was der Junge vorhatte.

»Was genau ist in den letzten sechs Monaten eigentlich geschehen?«, lenkte er das Gespräch in eine andere Richtung.

Alexander strich sich nachdenklich über seinen Zopf. Die Erinnerungen an das Geschehene verfinsterten sein Gesicht. Dennoch begann er zu berichten: »Im Oktober letzten Jahres ging in der Firma das erste Mal das Gerücht um, dass Grunewald an den Träger der Versuchsreihe 13 gekommen sei. Im Keller wurde eine ganze Abteilung geräumt. Alle Projekte, die dort unten in der Entwicklung gewesen waren, wurden gecancelt und den Mitarbeitern neue Aufgaben zugewiesen. Etwa zu dieser Zeit kursierte auch dein Name in der Kantine. Es hieß, dass man aus deinem Blut das Ursprungsmaterial von Versuchsreihe 13 extrahieren würde und in einer eigens dafür eingerichteten Quarantänestation daran forschte.«

Richter konnte nicht glauben, dass die Mitarbeiter in diesem Gebäude gewusst hatten, dass er in einer Isolationskammer steckte, und niemand etwas dagegen unternommen hatte. Er spürte, wie die Wut in ihm wieder die Oberhand bekam. Wieso hatte er als Polizist so viele Jahre für diese Menschen seinen Arsch riskiert? Letztendlich war er sogar ihretwegen erschossen worden. Was für ein ruhiges Leben hätte er doch als Politiker führen können. Doch Richter wusste, dass er sich etwas vormachte. Als Politiker wäre er nach spätestens einem halben Jahr Amok gelaufen. Er hasste Menschen wie Grunewald – und als Politiker hätte er ständig mit solchen zu tun gehabt.

Alexander erzählte weiter: »Ein paar Wochen später erkrankte der erste Mensch, doch nicht bei uns, sondern in der Sankt-Georg-Klinik in der Lohmühlenstraße.«

Richter horchte auf. »Was hat denn die Sankt-Georg-Klinik damit zu tun?«

Der Junge zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, aber eine ihrer Krankenschwestern erwischte es als Erstes. Zuerst zeigte sie nur die Symptome einer leichten Grippe, doch das Fieber wurde schlimmer und dann schlug die Frau plötzlich wild um sich. Nach kurzer Zeit wurde sie so aggressiv, dass sie einen Pfleger schwer verletzte. Auch er wurde krank. Dann breiteten sich die Nanoroboter rasend schnell aus. Nach kurzer Zeit war das ganze Krankenhaus betroffen, danach die Straße und dann der Stadtteil.«

Richter spürte, wie sein Herzschlag hämmerte. Es war schlimmer, als er angenommen hatte. Wie mochte es inzwischen auf den Straßen von Hamburg aussehen?

»Die ursprüngliche Aufgabe der Nanoroboter war es, ein Mordopfer kurzzeitig wiederzubeleben, um den Ermordeten nach dem Tathergang befragen zu können. Bei der Polizei gab es sogar eine eigene Abteilung dafür. Du warst doch auch ein Bulle, vielleicht hast du ja von ihnen gehört. Man nannte sie Reanimierungsteams.«

Und ob Richter sie kannte! Nicht nur das! Er hatte sogar ein eigenes Team geleitet.

»Nach zweihundertvierzig Sekunden versagten diese Nanoroboter der ersten Generation und das Mordopfer starb ein zweites Mal. Wenn ein Lebender mit diesen Nanorobotern in Kontakt kam, reagierten sie nicht, doch bei der mutierten Version der Versuchsreihe 13 ist das anders. Sie unterscheiden nicht zwischen lebenden und toten Menschen. Sie wollen die Kontrolle über den Körper. Solange der Infizierte noch die Kraft dazu hat, kämpft er gegen sie an, aber die Nanoroboter sind auf Vervielfältigung programmiert. Sie werden ständig mehr – und sie vermehren sich schneller, als sie absterben. Wen sie infiziert haben, hat keine Chance mehr. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Nanoroboter in seinem Körper stark genug sind, um ihn durchdrehen zu lassen. Am Ende stirbt er und die Nanoroboter übernehmen die alleinige Kontrolle.«

»Dann laufen durch Hamburgs Straßen lebende Tote?«

Alexander ahnte, was Richter fragen wollte. »Zombies?« Er lachte laut auf. »Du hast zu viele schlechte Filme gesehen. Nein, die Toten in den Gräbern stehen nicht wieder auf. Zumindest nicht die, die schon vor längerer Zeit gestorben sind. In ihren Gehirnen gibt es nichts mehr, was die Nanoroboter wiederbeleben könnten. Außerdem können sie nicht in die Körper der Toten eindringen. Aber wer erst einmal infiziert ist, stirbt nicht mehr. Er verliert den Verstand und läuft Amok, im Leben wie im Tod.«

Richter musste das Gehörte erst einmal verdauen. Er hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, jedoch was er jetzt erfahren hatte, übertraf seine Ängste bei Weitem. Was hatte Grunewald nur angerichtet? Richter fragte sich, ob es überhaupt eine Möglichkeit gab, diese Epidemie aus Nanorobotern zu stoppen.

»Warum reagieren die Infizierten so aggressiv? Die wiederbelebten Toten der Reanimierungsteams verhielten sich doch auch nicht so.«

Alexander verzog ärgerlich das Gesicht, als müsste er einem Kind die einfachsten Zusammenhänge erklären. »Diese neuen Nanoroboter sind wie schlechte Raubkopien. Mit jeder weiteren Generation von ihnen schleichen sich mehr Fehler ein. Manche der Infizierten haben so starke Schmerzen, dass sie nicht mehr klar denken können, bei anderen spielen die Hormone verrückt oder die Nanoroboter haben aus ihren Gehirnen Gulasch gemacht. Was weiß denn ich!« Alexander wandte ihm den Rücken zu und ließ ihn stehen. Er hatte offensichtlich keine Lust mehr, weitere Fragen zu beantworten. Richter protestierte nicht. Er hatte mehr erfahren, als er verdauen konnte. Wortlos folgte er dem Jungen.

Nach einiger Zeit teilte sich der Flur in drei Richtungen auf. Den Weg nach rechts verbarrikadierten übereinandergestapelte und durch Draht miteinander verbundene Stühle und Tische, den mittleren Weg versperrte eine verschlossene, graue Brandschutztür.

Richter und Alexander hielten sich links und kamen zu einer kleinen Werkstatt. Ein Verbindungsflur führte zu einem angrenzenden Umkleideraum mit mehreren Schränken. Sie standen alle offen und enthielten zu Richters Unmut nichts zum Anziehen.

»Das sind die Räume des Hausmeisters«, sagte Alexander. Er durchwühlte einen Werkzeugkasten, nahm einen langen Schraubenzieher und einen Hammer heraus und hielt sie triumphierend in die Höhe.

»Eine zweite Taschenlampe oder eine Hose hast du nicht zufällig gefunden?«, fragte Richter ironisch.

»Das ist doch besser als nichts.«

Die Schubladen der Werkbank und die Türen der Schränke darüber standen offen. Unrat lag auf dem Boden.

Richter verspürte ein ungutes Gefühl. »Hier war schon jemand vor uns.« Er ging um den Schreibtisch herum und durchsuchte ihn.

In diesem Augenblick hörten sie ein Scharren aus einer Ecke des Raumes. Alexander fuhr erschrocken herum und ließ den Lichtstrahl seiner Taschenlampe durch den Raum huschen, ohne jemanden entdecken zu können.

Richter kniff die Augen zusammen und suchte nach der Quelle des Geräusches. Er entdeckte sie erst, als sich das Scharren wiederholte. Mit schnellen Schritten erreichte er einen Karton an der Rückwand des Raumes. Dahinter endete ein Lüftungsschacht, in dem eine männliche, glatzköpfige Gestalt kauerte und ängstlich im Licht der Taschenlampe blinzelte.

Sofort krabbelte der Mann tiefer in den Schacht hinein. »Verschwinden Sie!« Seine Stimme überschlug sich. »Hauen Sie ab, hauen Sie ab, hauen Sie ab!«

Richter hockte sich hin. Er erreichte aber nur, dass der Mann hysterisch schrie und sich noch weiter in den engen Schacht zwängte. »Lassen Sie mich in Ruhe!«

Richter gab Alexander ein Zeichen und dieser senkte den Strahl seiner Taschenlampe.

»Sie brauchen keine Angst zu haben«, versuchte Richter den Mann zu beruhigen.

»Gehen Sie weg! Sie sind infiziert! Weg! Weg! Weg! Sie werden mich anstecken!« Der Mann zitterte vor Angst.

Richter kam aus der Hocke hoch. »Ich gehe jetzt zurück zur Tür. Dann können Sie herauskommen. Ich verspreche Ihnen, dass wir Ihnen nichts tun werden.« Er wich bis zum Eingang zurück.

Nach einiger Zeit steckte ein abgemagerter, blasser Mann seinen Kopf aus dem Lüftungsschacht. »Haben Sie etwas zu essen? Irgendetwas?«

Richter schüttelte den Kopf. »Leider nicht.«

Die Schultern des Mannes sackten enttäuscht herab.

»Wer sind Sie?«, fragte Richter schnell, bevor der Mann wieder in seinem Versteck verschwinden konnte.

Er kaute auf seiner Unterlippe herum. »Ich bin …« Er überlegte. »Hoffmann. Ja, ich bin Jakob Hoffmann. Ich bin einer der Hausmeister in diesem Gebäude.«

»Sind Sie infiziert, Jakob?«, fragte Alexander geradeheraus.

»Nein!« Er schüttelte entsetzt den Kopf. »Um Himmels willen, nein! Die Anderen schon, aber ich nicht!« Ein Hustenanfall schüttelte ihn.

Richter sah kalten Schweiß auf seiner fiebrig glänzenden Stirn. Die dünnen Haare klebten wie Strähnen an seinem Kopf. Der Hausmeister mochte vielleicht nicht infiziert sein, aber er war mit Sicherheit auch nicht gesund.

»Wie lange verstecken Sie sich schon hier unten?«, fragte Alexander weiter.

Der Hausmeister blinzelte. »Seit die Menschen verrückt geworden sind. Ich habe den Flur verbarrikadiert und mich hier vor ihnen versteckt.« Er kniff die Augen zusammen. »Ihr seid doch nicht infiziert, oder?«

Alexander kam einen Schritt näher. »Ich nicht. Du brauchst keine Angst zu haben. Kannst du uns sagen, wie wir unverletzt nach oben kommen?«

Der Mann zuckte erschrocken zusammen. »Dort ist es gefährlich! Manchmal treiben sich die Anderen dort herum. Sie sind sogar schon bis hierher gekommen. Dann habe ich den Gang verbarrikadiert.« Er schaute von Alexander zu Richter. »Seid ihr auch wirklich nicht krank?«

Alexander kniete sich vor ihm hin. Er streckte seinen Arm aus. »Du brauchst keine Angst zu haben. Komm heraus!«

Nach einem Moment des Zögerns ergriff der Hausmeister Alexanders Hand und ließ sich von ihm aus dem Schacht helfen. Der Mann wog kaum noch etwas. Sein vor Dreck stehender Overall flatterte wie Fahnen um den abgemagerten Körper. Sein Gesicht glich einer eingefallenen Maske.

Richter blieb am Eingang stehen. Er wollte nicht riskieren, dass er den Mann verschreckte.

Sie erfuhren vom Hausmeister, wie die Menschen in dem Gebäude durchdrehten und sich gegenseitig umbrachten. Er sprach davon, dass er anfangs auf der Suche nach Lebensmitteln noch durch die Räume streifte und sich erst in dem Schacht verkroch, als ein Infizierter ihn fast erwischt hätte. Während er Richter und Alexander seine Geschichte erzählte, ließ er die Tür nicht aus den Augen. Der Hausmeister war völlig eingeschüchtert.

»Kannst du uns sagen, wie wir aus dem Gebäude herauskommen?«, fragte Richter vorsichtig.

Der Hausmeister riss seinen Blick vom Eingang los und sah erst ihn und dann Alexander an. »Ihr wollt wirklich nach oben?«

Alexander nickte. »Kannst du uns helfen? Wir nehmen dich auch mit.«

Der Hausmeister prallte entsetzt zurück. »Ich will nicht mit! Ich bleibe hier!«

Richter hob abwehrend beide Hände. »Du brauchst auch nicht mitzukommen! Du musst uns nur sagen, wie wir am sichersten nach oben kommen.«

Zögernd schaute der Hausmeister ihn an. »Haltet euch nur vom Treppenhaus und den Fahrstühlen fern. Dort treiben sich ständig die Anderen herum. Nehmt die Wartungstreppe! Sie verläuft parallel zum Haupttreppenhaus und ist verschlossen.«

Er beschrieb ihnen den Weg und drückte Alexander einen Bund mit Schlüsseln in die Hand. »Einer von denen passt. Und jetzt verschwindet! Lasst mich in Ruhe!« Der Hausmeister krabbelte zurück in den Lüftungsschacht. »Geht! Geht! Geht!«, kreischte er.

Alexander drehte sich um und schlurfte an Richter vorbei, aus dem Raum. »Du hast doch gehört, er will nicht mit.«

Sie gingen wortlos den Weg zurück, den sie zuvor genommen hatten, und standen wieder vor der verschlossenen Brandschutztür. Alexander probierte nacheinander die Schlüssel aus, die ihm der Hausmeister überlassen hatte.

Richter sah nachdenklich zu. »Wir hätten ihn mitnehmen sollen. Alleine wird er nicht lange überleben.«

»Darauf kannst du wetten: Er ist infiziert.«

»Wie kannst du dir da so sicher sein?«

»Weil ich ihn angesteckt habe.«

Richter brauchte einen Moment, um die Worte zu begreifen. »Du trägst Nanoroboter in dir und hast ihn absichtlich infiziert?« Er starrte Alexander fassungslos an.

Der Junge zeigte keine Gewissensbisse. »Na und? In Hamburg ist jeder infiziert. Was macht es aus, ob er einen Monat früher oder später stirbt? Gestorben wäre er auf jeden Fall. Außerdem hätte er uns nicht geholfen, wenn ich ehrlich gewesen wäre.«

Richter packte ihn an der Jacke und knallte ihn gegen die Wand. »Wie konntest du das tun? Er hat uns vertraut!«

»Selber schuld.« Alexander grinste gehässig. »Außerdem – wenn ihn jemand angesteckt hat, dann bist du das! Ohne dich gäbe es die Nanoseuche überhaupt nicht. Du bist derjenige, der an allem die Schuld trägt!«

Richter bebte vor Wut, doch jetzt war nicht der richtige Augenblick, um seinem Retter mit einer gebrochenen Nase zu danken. Er riss sich mühsam zusammen und löste seine Finger vom Revers der Jacke.

»Wie kannst du kleiner Punk es wagen, mir die Schuld an diesem Mist zu geben? Am liebsten würde ich dir eine Kugel in den Kopf jagen.«

Alexander kicherte. »Dumm nur, dass du keine Waffe dabeihast.«

»Du hast sie doch nicht alle!«

Die Augen des Jungen funkelten ihn respektlos an. »Da solltest du erst einmal meinen Vater kennenlernen.« Er hob den Schlüsselbund. »Und jetzt lass mich weitermachen!«

Doch Richter ließ ihn nicht vorbei. »Du hast mir noch nicht gesagt, was du hier im Gebäude machst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Grunewald es gefallen würde, dass du seine Nanoroboter stiehlst.«

»Leck mich!«

Richter packte blitzschnell Alexanders Arm, drehte ihn auf den Rücken, und hebelte ihn nach oben. Der Junge schrie vor Schmerzen auf. Er ließ den Schlüsselbund fallen. Richter fing ihn auf.

»Hör auf! Du brichst mir den Arm!«, schrie Alexander.

Richter zuckte nur mit den Schultern. »Na und? Du bist infiziert. Wenn ich dir den Arm breche, heilen ihn deine Nanoroboter doch wieder.« Er drückte kräftiger zu.

Alexander schrie gellend auf. »Ist ja gut, ich sage dir, was du hören willst!«

Richter löste den Armhebel und der Junge drehte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht herum. Er rieb sich die Schulter. Seine Augen funkelten mordlustig. »Hast du schon vergessen, dass ich dir das Leben gerettet habe?«

Grimmig schüttelte Richter den Kopf. »Keinesfalls, sonst wärst du jetzt bereits tot. Aber wenn du mir nicht sofort die Wahrheit sagst, vergesse ich mich. Also, was hast du hier zu suchen?«

Alexander gab nach. »Grunewald besitzt in einem ehemaligen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg ein weiteres Labor. Ich weiß, dass dort Nanoroboter für das Militär gelagert werden. Die Anlage ist so geheim, dass nur Grunewalds engste Mitarbeiter davon wissen. Du solltest auch dorthin verlegt werden, aber anscheinend hat man dich in dem Chaos, das hier herrschte, schlichtweg vergessen. Ich will in Grunewalds Büro und mir den Zugangscode und den Lageplan für diesen Bunker besorgen.«

Tausend neue Fragen sprangen Richter durch den Kopf. Er spürte, dass der Junge die Wahrheit sagte, das hieß aber nicht, dass dieser ihm alles verraten haben musste. Richter wusste nur eines mit Sicherheit: Er konnte Alexander nicht trauen!

Er versuchte in dessen Gesicht zu lesen. »Warum willst du dorthin? Hast du wieder vor irgendwelche Nanoroboter zu stehlen?«

»Das geht dich nichts an!«, fauchte der Junge. Dann blitzten seine Augen auf. »Außerdem stellst du die falsche Frage. Die richtige lautet: Wenn Grunewald dich dorthin bringen lassen wollte, ist dann vielleicht auch diese Johanna dort?«

 4

Als die Epidemie ausbrach, fuhr Franz Birkenberger wie alle anderen in seiner Straße los, um für sich und seine Frau Vorräte zu besorgen. Doch im Gegensatz zu seinen Nachbarn, die sich mit Lebensmitteln, Wasser und Akkus für ihre Taschenlampen eindeckten oder kistenweise Fischfutter für die Kois in ihrem Garten besorgten, wie der pensionierte Vollzugsbeamte am Ende der Straße, holte Franz sich das, was seiner Meinung nach wirklich wichtig war: Klebeband.

Karton um Karton schleppte er aus dem Baumarkt. Verkäufer gab es längst keine mehr – wenn es denn in irgendeinem Baumarkt jemals welche gegeben hatte – und entsprechend nahm er sich, was er tragen konnte.

Seine Frau Louise und er besaßen ein Einfamilienhaus in Hamburg-Neustadt, in der Nähe von Planten un Blomen