Versuchung der Engel - Carolyn Lucas - E-Book

Versuchung der Engel E-Book

Carolyn Lucas

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Beschreibung

Gibt es einen größeren Liebesbeweis, als die Unsterblichkeit aufzugeben? Sammelband von "Verrat der Engel" und "Vermächtnis der Engel", der Geschichte von Sarah und Rafael Nichts hasst die 25jährige Buchhändlerin Sarah mehr als Veränderungen. Als der charismatische Rafael in ihre Wohngemeinschaft einzieht, fühlt sie sich magisch von ihm angezogen. Doch bald bekommt Sarah das Gefühl, dass ihr Geliebter etwas vor ihr verbirgt. Rafael ist ein Engelssohn, der Sarah im Krieg der Engel auf seine Seite ziehen soll. Während sie an ihm zweifelt, schmiedet Rafael einen riskanten Plan, damit sie miteinander leben können. Schließlich ist er gezwungen, eine furchtbare Wahl zu treffen. Nach Rafaels Entscheidung hat Sarah einen Neuanfang in Kalifornien gewagt. Doch jede Nacht erwacht sie aus dem immer gleichen Traum – sie sucht ihren Geliebten, den sie schmerzhaft vermisst. Ein Mann kommt in der Wüste Nevadas zu sich. Er weiß weder, wer er ist, noch, wo er herkommt. Nur an eins erinnert er sich – an den Namen Sarah. Getrieben von Sehnsucht der Unbekannten begibt er sich auf eine verzweifelte Suche. Werden Sarah und Rafael einander wiederfinden oder bleiben sie für immer getrennt? Eine dramatische Roman-Dilogie über die wahre Liebe, die sich dem Vergessen entzieht. Eine absolut mitreißende, romantische Liebesgeschichte, die direkt ins Herz trifft. (Bloggerin)

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Inhaltsverzeichnis

Versuchung der Engel

Vermächtnis der Engel

Verrat der Engel

Carolyn Lucas

Versuchung der Engel

Die Geschichte von Sarah und Rafael

Impressum

„Versuchung der Engel“ ist ein Sammelband der Dilogie „Vermächtnis der Engel“ und „Verrat der Engel“.

Herausgeberin:

AIKA Consulting GmbH

Dalwigkstraße 17

34130 Kassel

[email protected]

Coverdesign: © Grit Bomhauer, www.grittany-design.de

Bildmaterial: © depositphotos – MSSA | EdwardDerule | curaphotography

Das Buch

Gibt es einen größeren Liebesbeweis, als die Unsterblichkeit für dich aufzugeben?

Die gescheiterte Studentin Sarah wünscht sich, dass ihr ruhiges Leben mit ihrer besten Freundin und ihren Katern immer weitergeht. Als der geheimnisvolle Rafael bei ihnen einzieht, ist bald nichts mehr, wie es war.

Im ersten Roman „Vermächtnis der Engel“ findet Sarah ihre Bestimmung und ihre große Liebe. Doch die Engel sind nicht bereit, einen der ihren aufzugeben.

„Verrat der Engel“ erzählt, wie Sarah und Rafael nach den erschütternden Ereignissen versuchen, ein neues Glück zu finden. Doch kann man die wahre Liebe wirklich vergessen?

„Versuchung der Engel“ – eine romantische Geschichte über die wahre Liebe und die Opfer, die sie fordert.

Die Autorin

Carolyn Lucas ist das Pseudonym der Autorin Christiane Lind, unter dem sie Fantasy-Geschichten schreibt. Wie ihre Hauptfigur Sarah hat Carolyn lange Zeit in einer verschlafenen Studentenstadt in einer Wohngemeinschaft gelebt. Mit Sarah teilt sie außerdem die Zuneigung zu Katzen und Pferden sowie den Job als Buchhändlerin. Einen gefallenen Engel hat sie allerdings noch nicht kennengelernt.

Mehr auf: www.christianelind.de oder https://de-de.facebook.com/ChristianeLind

Versuchung der Engel

Impressum

Das Buch

Die Autorin

Der Krieg der Engel

Die Engelskinder: Naphalim und Lilithuhim

Vermächtnis der Engel

Impressum

Das Buch

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Epilog

Verrat der Engel

Impressum

Das Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Hintergrund und Danksagung

Der Krieg der Engel

Die Engelskinder: Naphalim und Lilithuhim

Vor tausenden von Jahren stiegen einundzwanzig Engel vom Himmel und verliebten sich in menschliche Frauen. Mit ihnen zeugten sie zehn Söhne und zehn Töchter sowie ein Kind, das beiden Geschlechtern zugehörte. Nachdem die Sintflut ihre Väter vernichtet hatte, trennten sich die Wege der Engelstöchter und der Engelssöhne. Beide Seiten bekriegten sich um das elfte Kind mit der Macht des Orakels.

Vor Jahrhunderten schlossen sie einen zerbrechlichen Frieden, der bedroht war, als ein weiteres Orakel geboren wurde.

Die Engelssöhne, die Naphalim, sind der Meinung, dass Engel sich nicht in das Leben der Menschen einzumischen haben. Sie bekämpfen ihre Schwestern, die immer wieder versuchen, den Menschen richtigen Weg zu weisen.

Das Dasein der Naphalim ist von strikten Regeln und einem starken Pflichtbewusstsein gezeichnet. Sie sehen sich als Kinder der Sünde und ihr Leben als Buße für die Fehler ihrer Väter. Sie führen ein abgeschiedenes Leben in Askese und (Männer-)Gemeinschaft und trachten danach, ihre menschlichen Anteile, vor allem die Gefühle, zu beherrschen. Daher gilt Liebe in ihrer Welt als Verrat. Naphalim, die sich in Menschen verlieben, müssen die Gemeinschaft verlassen und verlieren ihre Unsterblichkeit.

Die Engelstöchter, die Lilithuhim, hingegen sehen es als ihre Aufgabe an, dem Vorbild ihrer Engelsväter zu folgen. Sie wollen den Menschen durch Anleitung und Unterstützung zur Seite stehen. In ihrer Weltsicht gelten die Engelsväter als Gnade, aber auch als Verpflichtung, den Menschen zu helfen und ihnen den richtigen Weg zu zeigen. Liebe zu Menschen gilt ihnen als Geschenk. Allerdings müssen auch Lilithuhim, die mit einem Menschen leben wollen, ihre Unsterblichkeit opfern und die Gemeinschaft verlassen.

Die Namen der Naphalim

Semjasa, Rauel, Asael, Danel, Urakib, Arameel, Akibeel, Tamiel, Ezeqeel, Saraqujal

Die Namen der Lilithuhim

Armaros, Zaqebe, Betraal, Anani, Samsaveel, Sartael, Tumael, Turel, Jomjael, Arasjal

Vermächtnis der Engel

Die Geschichte von Sarah und Rafael 1

Roman

Impressum

Herausgeberin:

AIKA Consulting GmbH

Dalwigkstraße 17

34130 Kassel

[email protected]

Lektorat: Stefanie Proske, www.blueten-lese.de

Korrektorat: Lektorat Schmeinck – Korrekturen mit Herz

3. Auflage August 2019

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung der Autorin. Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugswiesen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten. Dies gilt ebenso für das Recht der mechanischen, elektronischen und fotografischen Vervielfältigung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Handlung und die handelnden Personen sowie deren Namen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die Zitate sind dem Buch Henoch entnommen.

Das Buch

Würdest du deiner großen Liebe verzeihen, dass er ein Engel ist?

Nichts hasst die 25jährige Buchhändlerin Sarah mehr als Veränderungen. Als der charismatische Rafael in Sarahs Wohngemeinschaft einzieht, fühlt sie sich von seiner geheimnisvollen Aura magisch angezogen. Sehr schnell schlägt ihr Herz für ihn – und auch er scheint Interesse an ihr zu haben. Beide könnten sich voll und ganz ihrer Liebe hingeben, hätte Sarah nicht das Gefühl, dass ihr Geliebter etwas vor ihr verbirgt.

Als sie ein verhängnisvolles Gespräch belauscht, bricht für sie eine Welt zusammen. Sarah muss glauben, dass Rafael ein falsches Spiel mit ihr spielt.

Während Sarah an ihm zweifelt, schmiedet ihr Geliebter einen riskanten Plan, damit sie miteinander leben können.

Um seine große Liebe zu retten, ist Rafael gezwungen, eine furchtbare Entscheidung zu fällen.

Vermächtnis der Engel – ein Roman über die wahre Liebe und die Opfer, die sie fordert.

Prolog

Herbst, vor 16 Jahren

»Sarah! Sarah, sag doch was!«

Wie durch Watte hörte sie Fabiennes Stimme. Sarah wollte ihrer Freundin antworten, wollte etwas Beruhigendes sagen, aber sie brachte kein Wort heraus. Von einem Moment zum anderen hatte Sarah die Kontrolle über ihren Körper verloren und war auf den Betonboden des Schulhofs gestürzt. Sie war in das Zittern ausgebrochen, das sie kannte und fürchtete. Das Zittern, das ankündigte, dass sie bald wieder von einer Vision, wie ihr Vater es nannte, geplagt würde. Hier, auf den grauen Steinen, vor der ganzen Klasse, die sich in der großen Pause versammelt hatte. Endlich ließen die Krämpfe etwas nach, sodass Sarah Worte flüstern konnte.

»Hilf mir.« Flehend streckte sie die Hand aus. Ihr Blick, durch Tränen vernebelt, suchte nach Fabienne. »Hilf mir, bitte.«

Fabienne kniete sich neben sie, nahm Sarahs Kopf auf den Schoß und strich ihr die Haare aus der schweißfeuchten Stirn.

»Holt Hilfe. Holt Frau Schütte oder Herrn Langmeier«, schnauzte Fabienne die anderen Kinder an, die um sie herumstanden, als gäbe es etwas Spannendes zu beobachten. »Glotzt nicht. Helft uns!«

Doch ihre Mitschüler der vierten Klasse schreckten zurück, als wäre Sarah ansteckend: Sie wichen von ihr, als könnte eine Berührung dazu führen, dass sie sich ebenfalls auf dem Boden wälzen und seltsames Zeug brabbeln würden.

»Feuer. Schmerz«, murmelte Sarah. Sie spürte die kühlen Pflastersteine in ihrem Rücken, fand aber nicht die Kraft aufzustehen. Zu verwirrend waren die Worte, die ihr Kopf formulierte und die ungefiltert aus ihrem Mund drangen. »Lege unter ihn scharfe und spitze Steine und bedecke ihn mit Finsternis. Er soll für ewig dort wohnen, und bedecke sein Angesicht mit Finsternis, damit er kein Licht schaue.«

Obwohl sie sich mit aller Kraft bemühte, den Mund geschlossen zu halten, gelang es den schrecklichen Sätzen immer wieder, ihr zu entwischen. Im letzten Jahr war es schlimmer geworden. Zu jeder Zeit, an jedem Ort konnten das Zittern und die Visionen Sarah überfallen. Gestern hatte sie ihre Eltern belauscht, die überlegten, sie auf eine Schule für besondere Kinder zu schicken.

Allein.

Ohne Fabienne.

Wie sollte Sarah dort überleben? Ohne ihre Freundin wäre sie den Anfeindungen der anderen hilflos ausgeliefert.

»Die spinnt voll«, hörte Sarah jemanden sagen. Ein Kichern folgte diesen Worten, ein Kichern, dem sich bald andere anschlossen. Es klang, als wären sie erleichtert, als erlöste das Lachen sie von dem Grauen, das die Kinder spürten.

»Ich kenn die. Das hat die öfter«, erklang eine zweite Stimme. Bösartig und kalt.

Obwohl ihr weiterhin seltsame Sätze durch den Kopf strömten, erkannte Sarah den Sprecher. Finn. Seit der ersten Klasse machte er ihr das Leben schwer. Wie gern hätte sie den Mut aufgebracht, sich gegen ihn zu wehren. Aber jetzt konnte sie nur die Worte ausstoßen, die in ihr brodelten wie ein Vulkan. Sätze, die an die Oberfläche drängten, selbst wenn sie die Zähne so fest zusammenbiss, dass ihre Kiefer schmerzten.

»Wenn sich ihre Söhne untereinander erschlagen, und wenn die Väter den Untergang ihrer geliebten Söhne gesehen haben werden, so binde sie für 70 Geschlechter unter die Hügel der Erde bis zum Tag ihres Gerichts und ihrer Vollendung, bis das ewige Endgericht vollzogen wird.«

»So ein Blödsinn!« Wieder erklang Finns gehässige Stimme. Eine kurze Pause. Dann folgte ein gemeines Lachen: »Los, wir holen Wasser. Das kippen wir auf sie. Das hilft bestimmt.«

Aufstehen, ich muss aufstehen, dachte Sarah. Aber ihr Körper wehrte sich gegen ihre Wünsche, als hätte jemand anderes die Macht über ihn ergriffen. Sie spürte Tränen aufsteigen. Tränen der Erniedrigung und Tränen der Wut, weil sie keine Möglichkeit besaß, sich gegen Finns Angriff zu wehren. Schlimm genug, dass ihr furchtbarer Anfall alle Aufmerksamkeit auf sie lenkte. Aber wie würden die anderen Kinder erst lachen, wenn sie nass und zappelnd hier läge. Sarah schmeckte Blut. In ihrer Angst hatte sie sich die Unterlippe zerbissen. Selbst der Schmerz erlöste sie nicht von ihrem Anfall. Auch Fabiennes Anwesenheit half nicht.

»Wenn du Sarah auch nur mit einem Tropfen Wasser bespritzt, lasse ich dich Regenwürmer fressen«, drohte Fabienne. »Du weißt, dass ich das tue.«

»Vor dir habe ich keine Angst«, antwortete Finn großspurig, aber Sarah hörte seinem Tonfall an, dass er sich vor ihrer Freundin fürchtete. Denn Fabienne hatte Finn einmal so fest auf die Nase gehauen, dass diese geblutet hatte. Das war, als er Sarah wieder einmal die Brille weggenommen hatte.

»Holt endlich Hilfe«, stieß Fabienne hervor, als Sarahs Körper sich aufbäumte wie ein Fisch auf dem Trockenen. »Los.«

Keines der Kinder bewegte sich. Weder um Wasser zu holen, wie Finn es vorgeschlagen hatte, noch um Hilfe zu suchen, wie Fabienne sie zweimal aufgefordert hatte. Sie bildeten einen Kreis um Sarah und Fabienne wie eine undurchdringliche Mauer.

»Was macht ihr da?«

Kaum hörten die Kinder die Stimme der Fremden, einer Erwachsenen, da stoben sie auseinander und liefen davon. Schließlich mussten sie schon längst in den Klassenräumen sein.

»Was ist mit dir? Soll ich dir beistehen?« Die Frau ließ sich auf die Knie nieder und legte Sarah eine angenehm kühle Hand auf die Stirn. Unvermittelt hörten deren Gliedmaßen auf zu zucken, als leitete die Fremde Strom durch Sarahs Körper. »Bleib liegen.«

»Sind Sie Ärztin?«, fragte Fabienne mit ängstlicher Stimme. »Können Sie Sarah helfen?«

»Arme Kleine«, sagte die Frau, ohne auf Fabiennes Fragen einzugehen. »Wie sehr musst für die Sünden deiner Vorväter büßen.«

Mühsam gelang es Sarah, den Blick zu fokussieren. Ihr ganzer Körper schmerzte, als hätte sie viel zu viel Sport gemacht. Einen schreckerfüllten Moment fürchtete sie, blind zu werden, weil sie die Frau kaum erkennen konnte. Endlich bemerkte sie, dass sie ihre Brille verloren hatte. Mit der rechten Hand tastete sie über den Boden, bis sie das vertraute Gestell in den Fingern hielt. Sie zog die Brille zu sich heran und setzte sie auf. Trotzdem musste Sarah noch zweimal blinzeln, bis sie die Fremde deutlich sehen konnte. Die Frau musterte Sarah mit prüfendem Blick.

Sarah hielt den Atem an. War sie gestorben und im Himmel? So eine schöne Dame musste einfach ein Engel sein. Sie sah so aus wie die Frauen auf den Covern der Heftromane, die Tante Anne immer las. Langes, goldfarbenes Haar floss in weichen Wellen über schmale Schultern, ihre Augen schimmerten blau wie der Sommerhimmel. Als die Frau lächelte, blitzten strahlendweiße Zähne auf. Wie Perlen, dachte Sarah. So hieß das immer in den Romanen. Die Dame trug ein weißes Kleid aus einem glänzenden Stoff, so hell, dass es schmerzte, ihn anzuschauen.

Wäre nicht Fabienne gewesen, die neben der Frau stand und von ihr zu Sarah und wieder zu der bezaubernden Dame schaute, wäre Sarah sicher gewesen, im Himmel zu sein. So musste es eine andere Erklärung für den Engel geben.

»Komm«, sagte die Frau. Sie hielt Sarah die Hand hin. »Komm mit mir.«

Sarah blinzelte. »Ich darf nicht mit Fremden mitgehen.«

»Eigentlich eine kluge Vorschrift, aber in diesem Fall ziemlich dumm.«

Verwirrt schüttelte Sarah den Kopf und schaute Fabienne hilfesuchend an. Ihre Freundin kniete sich neben sie und griff nach Sarahs Hand.

»Du …« Die Frau sah Fabienne an. »Du wirst vergessen, was hier geschehen wird. Du wirst dich niemals an mich erinnern.«

Fabienne, die sich sonst von niemandem etwas vorschreiben ließ, nickte brav. Wie ein Roboter oder wie ein Mensch, der unter dem Einfluss geistiger Kontrolle stand. Das hatte Sarah einmal im Fernsehen gesehen. War die elegante Fremde etwa eine Außerirdische, die Sarah jetzt mit in ihr Raumschiff nehmen wollte, um abscheuliche und grausame Experimente an ihr vorzunehmen?

»Und du, Tochter der Naphalim …«, nun wandte sie sich Sarah zu. Erneut schaute sie das Mädchen kritisch an. Sarah fühlte sich, als wäre sie – wieder einmal – nicht gut genug.

»Sie … Sie irren sich«, stammelte Sarah. »Sie verwechseln mich. Meine Eltern heißen Berghort. In meiner Familie heißt niemand Nafalem.«

Daraufhin lachte die Dame, als hätte Sarah etwas sehr Witziges gesagt. Noch einmal legte sie ihre eleganten Finger auf Sarahs Stirn. Seltsamerweise fühlte die Hand sich plötzlich heiß an, als hätte die Frau Fieber. Sarah wollte ihren Kopf zurückziehen, aber sie konnte sich nicht bewegen. Ein stechender Schmerz breitete sich hinter ihren Augen und dann im ganzen Kopf aus. Obwohl es furchtbar wehtat, konnte sie nicht schreien.

»Wehr dich nicht, Kleines.« Der Tonfall ihrer Stimme klang ruhig und gelassen, was Sarah nur noch mehr Angst einjagte. »Ich nehme dir fürs erste deine Bürde und die Erinnerung.«

Nachdem die Dame mit ihren Fingern ein Muster auf Sarahs Stirn gezeichnet hatte, fühlte diese sich müde und hungrig.

Für einen Moment schloss sie die Augen. Als Sarah sie öffnete, kniete vor ihr eine Frau, die sie noch nie zuvor gesehen hatte.

»Ich hoffe, wir treffen uns nie wieder«, sagte die Fremde, bevor sie sich umdrehte und zu einem roten Sportwagen ging. »Ich wünsche, dass die anderen niemals von dir erfahren.«

»Wer war denn das?« Fabienne blinzelte und gähnte, als wäre sie aus einem Traum erwacht.

»Ich weiß nicht.« Sarah schüttelte den Kopf, um eine dumpfe Müdigkeit abzuwehren. »Sie hat nach dem Weg zur Reithalle gefragt.«

»Aber warum will sie dich nie wiedersehen?«

»Ich weiß nicht«, wiederholte Sarah. Als sie mit der Zunge über ihre trockene Unterlippe fuhr, schmeckte sie Blut. Hatte sie wieder einen Anfall gehabt? »Ich … ich erinnere mich nicht.«

Kapitel 1

Als er tapsende Schritte hörte, blickte Rauel in die Kristallkugel, mit der er alles überwachen konnte, was in der Zitadelle geschah. Sie zeigte ihm einen blinden Mönch in einer dunkelbraunen Kutte, der durch den schmalen Gang eilte, behände wie ein Sehender. Nur ab und zu blieb er stehen, um mit den Händen an den Steinmauern zu tasten. Die Flammen der Fackeln flackerten und verzerrten seinen Schatten zu dem eines Riesen, eines Wesens aus den Tiefen der Dunkelheit.

»Siebzehn, achtzehn, neunzehn«, zählte der Mönch leise. Bei »siebenundzwanzig« blieb er stehen und hob die Hand. Vorsichtig streckte er sie aus, um über das Holz der Tür zu streichen, die sich vor ihm befand. Er ballte die Finger zur Faust und klopfte. Sanft, aber energisch.

»Was willst du?«, fragte Rauel. Abweisend und in einem Ton, der deutlich zeigte, wie sehr er sich durch das Klopfen in seiner Ruhe gestört fühlte. »Ich arbeite. Verschwinde.«

Die Kristallkugel zeigte deutlich, wie der Mönch kurz zusammenzuckte, aber er wich nicht von seinem Auftrag ab. Zögernd öffnete er die Tür, trat zwei Schritte in den Raum, in dem es nach Pergament roch. Nach Pergament und altem Leder, wie in der Bibliothek des Klosters. Suchend streckte der Mönch den Kopf nach vorn, schnupperte, als verriete ihm seine Nase etwas über den Menschen, der in diesem Raum lebte.

»Nun rede schon.« Wieder zeigte Rauel durch den ungehaltenen Ton seiner dunklen Stimme dem Mönch deutlich, wie unerwünscht er war. »Ich habe zu tun.«

Der Mönch verneigte sich, bevor er antwortete. »Entschuldigt, Edler Rauel. Der oberste Meister möchte Euch sehen. Sofort.«

Schweigen. Dann ein Seufzen. »Sag Semjasa, ich komme gleich. Ich will nur die Kopie beenden.«

Die Feder kratzte über Pergament, als wollte sie die eben gesagten Worte unterstreichen.

Nach einer weiteren Verneigung verließ der Mönch das karge Zimmer. Rauel schaute sich in dem Raum um, als wollte der den blicklosen Augen des Mönchs nachspüren. Was dieser wohl wahrgenommen hatte?

Wenn er wüsste, wie sehr meine Kammer seiner Mönchszelle gleicht, dachte Rauel. An der hinteren Wand des weiß gekalkten Raums befand sich ein schmales Bett, auf dem eine Wolldecke straff gespannt war. In der Mitte des Zimmers hatten ein Tisch und zwei Stühle ihren Platz, auch sie aus dunklem Mahagoniholz geschnitzt. Den schlichten Möbeln konnte man die Handwerkskunst ansehen, die in ihnen steckte. Auf dem Tisch befand sich ein Krug mit Quellwasser neben einer blauen Schale, die Brot und Äpfel enthielt.

Den einzigen Luxus stellte ein riesiger Bücherschrank, in dem sich Folianten stapelten. Viele von ihnen waren in Leder gebunden und mit einer Goldprägung versehen. In Rauels Bibliothek fanden sich einige der kostbarsten Bücher, die die Menschen je geschaffen hatten. Selbst einige Werke aus Alexandria hortete er, die er vor den alles vernichtenden Flammen hatte retten können. Rauel legte das Pergament, an dem er geschrieben hatte, beiseite. Mit einer fließenden Bewegung erhob er sich vom Stuhl, trank einen Schluck Wasser und ging ans Fenster. Sein Blick glitt über die hohen Mauern des Klosters, gebaut aus dunkelrotem Stein, von der Farbe des Blutes der Menschen.

Der Schnee war früh gekommen in diesem Jahr und hatte bereits das geheime Tal erreicht, in dem sich die Bruderschaft vor neugierigen Blicken verbarg. Doch im Innenhof des Klosters herrschte ewiger Frühling. Apfel- und Kirschbäume standen in voller Blüte und verbreiteten einen milden Duft. Rauel beugte sich etwas vor und konnte erkennen, dass die Gemüsebeete in diesem Jahr eine reiche Ernte einbringen würden. So wie jedes Jahr, seitdem die Naphalim in dieses Tal gezogen waren. Wie friedlich alles wirkte. Allerdings fürchtete Rauel, dass sein Frieden bald gestört würde. Was nur mochte Semjasa von ihm wollen?

Schnell kehrte er zu seinem Schreibpult zurück, um erneut in die Kristallkugel zu blicken. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem winzigen Lächeln. Wenn Semjasa ahnte, dass Rauel über diese Magie verfügte, müsste er einen hohen Preis dafür zahlen. Doch das Wissen, das er mit Hilfe der Kugel gewann, war Rauel das Risiko wert.

Er beobachtete, wie der Mönch im Gang erneut seine Schritte zählte, bevor er vor einer anderen Tür stehen blieb, die er nahezu lautlos öffnete. Mit festen Schritten betrat er das Zimmer, dessen Mobiliar sich deutlich von Rauels Kammer unterschied. Von mönchischer Bescheidenheit hielt Semjasa wenig.

Der Mönch verbeugte sich. »Herr Rauel wird Eurem Wunsch nachkommen, Edler Semjasa.«

»Danke. Lass mich allein.«

Semjasa ging zu seinem Tisch, der mit üppigen Schnitzereien verziert war. Er nahm einen Pokal und atmete tief das Aroma eines schweren Rotweins ein. Der Duft mischte sich mit dem von reifem Käse, begleitet vom würzigen Geruch des Holzes, das im Kamin brannte und eine behagliche Wärme im Raum verbreitete.

Semjasa wartete, bis der Mönch die Tür hinter sich geschlossen hatte, bevor er wieder aus dem Fenster sah. Auf seinen Wunsch hin hatten die Gärtner vor seinem Gemach nur Blumen gepflanzt, deren Anblick seine Augen erfreute. Als Semjasa einatmete, gewahrte er den süßlichen Duft der Lilien, die unter seinem Fenster blühten. Missmutig verzog er das Gesicht. Er musste den Gärtner bitten, dort weniger stark riechende Pflanzen anzusiedeln, die seine Askese nicht beeinträchtigten. So vieles bedurfte seiner Aufmerksamkeit. Mit der Leitung des Klosters war er hinreichend beschäftigt, und so hatte er es in letzter Zeit versäumt, die Außenwelt gebührend wahrzunehmen. Die Nachrichten, die ihn heute erreicht hatten, hatten ihn überrascht und ließen ihn sich durch das schneeweiße Haar streichen. Wie sehr hatte er die Ruhe und den Frieden der letzten Jahre genossen, jedoch stets in dem Wissen, dass dieser Zustand nicht von Dauer wäre. Der Krieg der Engel war nicht beendet, auch wenn er seit Jahrhunderten nur mehr schwelte und nicht brannte wie in den dunklen Zeiten.

Wo nur Rauel blieb? Semjasa unterdrückte den Ärger, der ihn überkam, weil sein Untergebener ihn warten ließ, als ahnte er, dass ein unangenehmer Auftrag auf ihn wartete. Auch Semjasa wäre es lieber gewesen, wenn er einen anderen hätte schicken können. Einen, der weniger zweifelte als Rauel. Einen, der jedem Befehl gehorchte und nicht dessen Sinn hinterfragte. Aber nur Rauel erschien ihm geeignet, die Aufgabe zu erfüllen, die sich aus den Neuigkeiten ergeben hatte.

Feste Schritte kamen näher. Nach einem kurzen Klopfen trat Rauel ein und verneigte sich. Semjasa musterte ihn. War Rauel wirklich die richtige Wahl für die schwierige Mission, die sie zu bewältigen hatten? Sein Bruder war ein Grübler, ein Denker, dessen Fragen manchmal an Häresie grenzten. Aber Rauel war auch einer der besten Kämpfer und derjenige, der die Welt außerhalb der ruhigen Mauern am umfassendsten studiert hatte. Gemeinsam mit Asael würde er alles Unheil abwenden. So zumindest hoffte Semjasa. Er drehte sich um und wies auf einen der beiden Stühle.

»Rauel. Nimm Platz.«

Beide Männer musterten sich schweigend. Wäre sein Anliegen nicht so bedeutsam gewesen, hätte sich Semjasa länger auf das stumme Kräftemessen eingelassen. Doch heute standen dringendere Themen auf der Tagesordnung als ein Sieg des Willens.

»Meine Späher haben mir berichtet, dass es eine Tochter der Ersten unter den Menschen gibt.« Semjasa genoss die Mischung aus Überraschung und Erschrecken, die sich auf Rauels Gesicht abzeichnete. Auch ihn hatte diese Neuigkeit unvermutet getroffen, aber er hatte mittlerweile Zeit gehabt, sich an den Gedanken zu gewöhnen. »Die Lilithuhim hielten sie vor uns verborgen. Sie und alle, die vor ihr kamen.«

»Wie können sie es wagen?«, fuhr Rauel unbeherrscht auf. »Der Pakt gilt seit der großen Flut. Er fordert Offenheit von beiden Seiten. Warum haben sie uns angelogen?«

Semjasa wartete. Wenn Rauel wirklich der Richtige für die Aufgabe war, würde er herausfinden, was ungesagt blieb. Gelassen beobachtete der Meister, wie die unterschiedlichsten Emotionen auf Rauels Gesicht spielten, bis er sich in den Griff bekam.

»Soll ich …«, begann Rauel. Inzwischen hatte er sich vollkommen gefangen. Selbst Semjasa, der gelernt hatte, die kleinste Veränderung der Mimik zu deuten, konnte nicht erkennen, was sein Gegenüber dachte. »Soll ich sie töten? Bevor die Lilithuhim sie für ihre Zwecke nutzen?«

»Auf keinen Fall. Die Frau könnte die sein, von der die Prophezeiung spricht. Die, die das Orakel uns ankündigte, bevor es starb.«

»Ein Weib?« Deutlich war der Zweifel in Rauels Tonfall zu hören. Er sprang auf. »Ein Weib soll uns helfen, die Lilithuhim zu besiegen? Das ist … das ist lächerlich.«

»Warum?« Semjasa blieb ruhig, obwohl auch er sich diese Frage wieder und wieder gestellt hatte. »Wer kann eine Schlange besser verraten als eine andere Schlange?«

»Warum haben die Lilithuhim sie nicht genutzt?« Rauel blieb stehen. Vor einem Gemälde, das den Sturz der Engel zeigte. Der Künstler hatte Verzweiflung und Zorn in den Mienen und Gesten der verstoßenen Himmelsboten wunderbar eingefangen. »Wenn das Weib die Eine ist …«

»Die Lilithuhim glauben nicht an die Prophezeiung. Sie glauben an den freien Willen.« Semjasa lachte. »Nie hätte ich erwartet, dass wir aus ihrer Arroganz Gewinn ziehen könnten.«

Rauel trat näher an das Bild heran. Wie selbstgerecht der Kriegerengel wirkte, der die gefallenen Engel vertrieb. Kein Mitleid zeichnete sich auf seinem Gesicht ab, als er seine früheren Brüder mit dem Schwert bedrohte. Die flehend erhobene Hand eines der Fallenden wirkte wie die letzte Geste eines Ertrinkenden, der gewiss ist, dass ihm keine Hilfe zuteilwird.

»Was erwartest du von mir?«, fragte Rauel schließlich, obwohl er die Antwort bereits ahnte. Noch hoffte er, dass Semjasa ihn nur um Rat fragen wollte. Er hoffte, dass der Oberste gemeinsam mit ihm einen Plan entwerfen wollte, wie sie diese Veränderung im fragilen Gleichgewicht der Mächte beherrschen könnten. »Soll ich zu den Menschen gehen?«

»Ziehe das Weib auf unsere Seite.« Semjasa trat an Rauel heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Nutze deine Macht, um sie zu einer der Unseren zu machen. Nutze alles, um sie für uns zu gewinnen.«

»Ich habe einen Eid geleistet, dem Fleisch abgeschworen«, begehrte Rauel auf, wohlwissend, dass er gegen Semjasa nicht gewinnen konnte. »Es hat unseren Vätern nichts Gutes gebracht, sich mit den Menschentöchtern einzulassen. Erinnere dich an die Strafen. Für sie … und für uns.«

»Den Eid haben wir alle abgelegt«, antwortete Semjasa mit leichtem Tadel in der Stimme. »Genau wie wir geschworen haben, dass die Gemeinschaft uns wichtiger ist als jeder Einzelne.«

Der Meister verstärkte den Druck seiner Finger auf Rauels Schulter. Unwillig schüttelte Rauel die Hand ab.

»Du musst mich nicht an meine Pflicht erinnern.« Rauel drehte sich um, um Semjasa direkt in die Augen zu sehen. Eine Weile maßen sie sich mit ihren Blicken, bis Rauel zur Seite schaute. »Warum ich? Warum nicht Ezegeel? Oder ein anderer?«

»Weil ich dir vertraue.« Ein Lächeln glitt über Semjasas Gesicht, so leicht und schnell, dass es wie ein Schatten wirkte. »Du bist nicht in Gefahr, dem Weib zu verfallen.«

»Weil ich ein Bücherwurm bin?« Ein bitteres Lachen begleitete Rauels Worte. »Ich kenne die Menschen nur aus ihren Werken. Wie kannst du sicher sein, dass ich allen Verführungen widerstehe? Nicht einmal unsere Väter vermochten das. Und sie waren so viel bedeutender als wir.«

»Weil du weißt, wie wichtig es ist, dass wir im Krieg der Engel siegen.«

»Krieg!« Rauel spuckte das Wort aus. »Wenn es denn ein Feldzug wäre. Die verfluchte Armaros. Wir hätten den Kampf bis zum Ende führen sollen. Der Pakt war von Anfang an falsch.«

»Sie haben uns hintergangen. Die Lilithuhim siegen mit List und Tücke, niemals in ehrlicher Schlacht.« Semjasa trat ans Fenster und schaute in die Berge, die ihr Tal umgaben. »Aber wir können es nicht beweisen. Wenn du das Weib auf unsere Seite ziehst, werden wir triumphieren.«

»Und wenn nicht?«

»Du darfst nicht scheitern.« Nur ein leichtes Zögern verriet Semjasas Zweifel. »Asael wird dich unterstützen.«

»Asael?« Rauel lachte laut auf. »Weiß er, wessen Nachfahre das Weib ist?«

»Nein«, sagte Semjasa harsch. »Nein. Und es wäre gut, wenn es so bliebe.«

»Traust du ihm wieder?«

»Dies wird seine Bewährungsprobe sein. Die Strafe hat lange genug gedauert.« Semjasa trat vom Fenster zurück und legte Rauel beide Hände auf die Schultern. »Ich vertraue dir. Du musst ihn aufhalten, sollte er uns betrügen.«

»Wird Asael es nicht spüren?« Nun, wo ihm keine Wahl mehr blieb, wandte sich Rauel den praktischen Fragen zu. »Wird er das Weib nicht erkennen?«

»Die Lilithuhim haben sie durch einen Schleier verborgen, den selbst ich nicht durchdringen konnte.«

»Woher weißt du dann, dass das Weib wirklich eine der Unseren ist?«, fragte Rauel leichthin, bemüht, seine Neugier zu verbergen. »Was für ein Späher hat dir von ihr berichtet?«

»Das musst du nicht wissen.« Semjasas Lächeln erreichte seine Augen nicht. »Saraqujal wird dich in alle Menschendinge einweihen. Meine Hoffnungen ruhen auf dir.«

Rauel entzog sich mit einer Drehung der Berührung des Bruders und verneigte sich. »Ich werde dich nicht enttäuschen.«

Ohne ein weiteres Wort verließ er Semjasa.

»Das hoffe ich, mein Bruder. Das hoffe ich.« Semjasa setzte sich auf seinen Stuhl und schlug einen Folianten auf. »Unser aller Überleben ruht auf deinen Schultern.«

Kapitel 2

Heute, im Winter

Ich blickte erst auf die Uhr und dann nach draußen. Erst 17:00 Uhr, und es war bereits stockdunkel. Der Tag schien kein Ende zu nehmen. Wie ich die Samstagsschicht hasste. Nicht nur, dass sie das Wochenende zerstörte, nein, aus irgendeinem Grund kamen samstags noch mehr schräge Menschen als sonst in den Buchladen. Heute Morgen, kurz nachdem ich alle Rollwagen platziert hatte, war die Greisin in dem abgeschabten Persianermantel wieder einmal aufgetaucht. Wie jedes Mal verteilte sie Gesangbuchseiten auf den Büchertischen. Sie sagte nie etwas, drehte nur ihre Runde, riss eine Seite nach der anderen aus ihrem dunklen Buch und verschwand wieder. Jessica hatte mit den Schultern gezuckt, die Blätter eingesammelt und im Altpapier entsorgt, so wie jedes Mal.

Aber damit war unsere Verrücktenquote für heute noch lange nicht erfüllt. Kurz vor der Mittagspause hatte ich das Vergnügen mit einem asketisch aussehenden Brillenträger mit Halbglatze. Wahllos hatte er sich zwei Bücher aus der Schmuddelecke gegriffen und voll selbstgerechter Empörung auf sie gedeutet.

»Wie können Sie nur so etwas verkaufen?« Seine Unterlippe zitterte, sodass ich das Vergnügen hatte, einen Speichelfaden in seinem rechten Mundwinkel im Takt vibrieren zu sehen. »So einen … einen Schmutz!«

Ich verkniff mir sarkastische Bemerkungen und lächelte nur freundlich. Nach drei Jahren Arbeit im Buchhandel wusste ich, dass Diskussionen hier nichts brachten. Jede Antwort von mir würde das Gespräch nur verlängern und mir den Tag vermiesen. Nach einer ausführlichen Tirade über Pornographie, Zensur und den Schutz unschuldiger Kinderseelen vor nacktem Fleisch ging er endlich und ließ mich in Ruhe arbeiten.

Da es langsam etwas ruhiger wurde, freute ich mich auf einen Kaffee, auch wenn ich die Zigaretten vermisste. Vor einem halben Jahr war es mir als gute Idee erschienen, das Rauchen aufzugeben. Heute vermisste ich es unglaublich. Kaffee ohne Zigarette kam mir unvollständig vor.

„Willst du zuerst Pause machen?“, fragte ich meine Kollegin. „Mit den paar Leuten komme ich allein klar.“

»Was machst du am Wochenende?« Jessica drehte sich eine Zigarette.

»Ist ja nicht mehr viel davon übrig, wenn wir hier endlich rausdürfen.« Wie gesagt, ich hasste die Samstagsschicht, konnte aber das Geld gut brauchen. »Im Winter kommen mir die Tage noch länger vor.«

Jessica grinste. »Sei froh, dass Niklas noch nicht auf die Idee gekommen ist, den Laden bis 22:00 Uhr zu öffnen.«

Das fehlte mir grade noch. Schlimm genug, dass wir samstags bis 19:00 Uhr arbeiten mussten.

»Fabienne holt mich nachher ab«, antwortete ich auf Jessicas Frage. »Wir wollen ins Lumière, da läuft ein Uraltfilm über Sacco und Vanzetti, den ich un-be-dingt sehen sollte. Ich fürchte, er ist in Schwarz-Weiß und in einer absolut miesen Qualität.«

Wissend lächelten wir uns an. Meine Kollegin kannte meine Freundin und Mitbewohnerin gut genug, um zu wissen, dass mein Samstagabend verplant war. Wenn Fabienne der Meinung war, dass ich etwas unbedingt sehen, hören, essen oder tragen sollte, hatte ich keine Chance mehr, mich dagegen zu wehren.

»Morgen fahre ich zum Pferd. Abends will Dominik kochen. Montag bleibe ich den ganzen Tag im Bett und überlege mir, was in meinem Leben schiefläuft.«

Jessica nickte. Sie hatte am Montag auch frei und würde den Tag sicher ähnlich verbringen wie ich.

»Ich werde mir nachher noch einen Schmöker mitnehmen.« Ich deutete auf den Bücherstapel, den ich vor zehn Minuten aufgebaut hatte. »‹Das Haus auf der Blumeninsel‹ klingt prima für einen Montag im Bett.«

Jessica zuckte mit den Schultern. Familiengeheimnis-Romane waren nicht ihr Metier. Sie war unsere Krimi-Fachfrau und kannte dort das gesamte Spektrum. »Kommt ein Mord darin vor?«

»Wohl eher nicht.« Ich unterdrückte ein Gähnen. Dezembermüdigkeit. Von der Herbstdepression direkt in den Winterschlaf. »Hast du was Besonderes vor?«

»Das Übliche. Heute Abend erst ins Blue Note und dann tanzen. Falls ich nicht vorher eingeschlafen bin.«

»Ich suche ein Buch für meine Mutter«, unterbrach ein Mann ruppig unser Gespräch. Die Welt wäre so ein freundlicher Ort ohne Kunden.

Weihnachten rückte näher. Jessica verkaufte ihm einen der Bestseller, die feiertagsfreundlich gestern angekommen waren, sodass wir unsere Unterhaltung weiterführen konnten.

»Dienstag fängt wieder eine Neue an.« Nun gähnte auch Jessica. »Chloe oder so was Komisches. Bist du Dienstag nicht auch eingeteilt?«

Ich nickte. Schon wieder eine Kollegin, die nur ein paar Wochen bleiben würde. Solange, bis sie endlich einen festen Job fand oder zu ihren Eltern zurückkehrte, weil sie keine Stelle bekam und vom Aushilfsjob nicht leben konnte. Bei jeder Neuen fürchtete ich, dass Niklas mich rausschmeißen würde, weil ich bereits drei Jahre dabei und damit teurer als Anfängerinnen war. Was nicht hieß, dass ich reich wurde, aber ich kam über die Runden und konnte mir sogar eine Reitbeteiligung leisten. Mein Leben baute darauf auf, dass ich meinen Job behielt. Bisher hatte unser Chef weder meine Stunden reduziert noch etwas in Richtung Personalabbau gesagt. Aber das Damoklesschwert schwebte über mir, seitdem er Maike als Unterchefin eingestellt hatte. Sie und ich passten einfach nicht zusammen. Ich hätte Wetten darauf abgeschlossen, dass Maike mich loswerden wollte.

Als ich schon fürchtete, der Tag würde niemals enden, schaute Jessica auf die Uhr und hob den Daumen. Gemeinsam schoben wir die Bücherwagen in den Laden, drängelten uns an den letzten drei Kunden vorbei, die sich davon nicht stören ließen. Manchmal wollte ich sie anschreien, ob sie samstagabends nichts Besseres zu tun hätten als bis kurz vor Ladenschluss einzukaufen, aber ich brauchte den Job.

»Na, Süße, bereit für Kultur?« Ich hatte Fabienne nicht kommen sehen. Sofort besserte sich meine Laune. Und nicht nur meine. Die beiden Männer, die sich eben noch an die Schmuddelecke herangepirscht hatten, starrten meine beste Freundin an, als wäre sie ein Kalb mit zwei Köpfen. Ich musste mir das Grinsen verkneifen, konnte sie aber verstehen. Fabienne sah aus wie eine Kreuzung aus Model und Basketballspielerin. Sie war so groß wie ich, aber deutlich schlanker, mit endlos langen Beinen. Es musste an den Genen liegen, da Fabienne sich von Sport fernhielt wie der sprichwörtliche Teufel vom Weihwasser.

Wäre sie nicht seit der Schulzeit meine beste Freundin, hätte ich sie für ihre glatten schwarzen Haare gehasst. Gemeinerweise hatte sie auch noch auffallend graublaue Augen und eine Haut, die noch nie einen Pickel gesehen hatte. Kein Wunder, dass die Männer im Laden beinahe zu sabbern begannen. Fabienne merkte nichts von der geballten männlichen Bewunderung. Zu ihrer Ehrenrettung musste man sagen, dass sie wirklich nie etwas davon mitbekam.

Männer interessierten sie nur am Rande. Ihre Welt bestand aus Anti-Materie und winzigen Teilchen: Atomen, Protonen, Leptonen, Quarks, Neutrinos und wie die alle hießen. Für mich war das schon in der Schule nur Kauderwelsch gewesen. Und wenn Fabienne richtig ins Reden kam, verstand ich gar nichts mehr. Was für eine Verschwendung, pflegte meine Stiefmutter zu sagen. Das Mädchen ist schön wie ein Engel und hat nur ihre komische Wissenschaft im Kopf.

Meine beste Freundin und Mitbewohnerin hatte sich im Studium als ein echtes Genie auf ihrem Gebiet entpuppt. Weltweit erfuhr sie Anerkennung und war ständig unterwegs auf Tagungen, Konferenzen und Kongressen. Neben der Forschung engagierte sie sich gemeinsam mit mir für Naturschutz und Menschenrechte. Im Herbst hatten wir uns an einen Baum gekettet, um ihn zu retten. Das hatte leider nicht geklappt, aber es gab spektakuläre Fotos davon.

»Du bist zu gut, um wahr zu sein«, war mein Standardspruch, wenn Fabienne wieder einmal eine ihrer Missionen verfolgte. Nicht dass ich unpolitisch war, aber Fabienne verfolgte alles mit unerbittlicher Energie. Allein vom Zusehen konnte ich müde werden.

Zum Glück hatte Fabienne auch ein paar Fehler. Sonst wäre es unmöglich gewesen, sie zu mögen. Zu meinem Bedauern konnte sie nicht kochen und schaffte es niemals, Ordnung zu halten. Überall lagen Notizen von ihr herum, die ich einsammelte und auf ihrem Schreibtisch deponierte. Wenn Fabienne eine Idee kam, schrieb sie ihre Gedanken auf alles nieder: Servietten, Taschentücher, Zeitungen. Ich hatte ihr schon vorgeschlagen, mich als Sekretärin einzustellen, aber so viel zahlte ihr die Uni leider doch nicht.

Ich verabschiedete mich von Jessica, die den Laden abschließen musste, und wünschte ihr ein schönes Wochenende. Dann hakte ich mich bei Fabienne unter und hörte mir von ihr die Hintergründe des Films an. Klang nach einem anstrengenden Abend. Aber was tut man nicht alles für die beste Freundin.

Kapitel 3

Nach dem Kinobesuch hatte ich ein Bier gebraucht, damit ich nicht völlig deprimiert nach Hause gehen musste. Die Geschichte war überaus bitter und hätte mir locker den Abend verderben können. Im Theaterkeller trafen wir ehemalige Kommilitonen von Fabienne, sodass wir bis nach Mitternacht hängen blieben. Inzwischen gähnte ich nur noch, und auch Fabienne bekam glasige Augen – ein Zeichen, dass wir uns verabschieden sollten.

Die Nacht empfing uns mit einer kühlen Brise und ich zog den Schal fester. Nebel war aufgezogen wie in einem Gruselfilm, der die Stadt, in der ich seit sieben Jahren wohnte und wo ich jeden Winkel zu kennen glaubte, fremd und unheimlich wirken ließ. Ich war froh, dass wir zu zweit waren.

Eingehakt schlenderten wir durch die schmalen Straßen, vorbei an den niedrigen Fachwerkhäuschen, die unsere Stadt zum Touristenmagneten machten. Für einen Samstagabend wirkte die Innenstadt überraschend ausgestorben. Nur ab und zu kam uns jemand entgegen. Ein Schemen im Nebel, unheimlich, bis wir ihn oder sie endlich erkennen konnten.

Fabienne erzählte mir von ihren neuesten Forschungen, begeistert wie immer. Ich begriff nur jedes vierte oder fünfte Wort, nickte aber ab und zu, damit sie sich verstanden fühlte. Für mich hatten ihre Erkenntnisse immer etwas von Star Trek, Warp-Antrieb oder sowas.

Das Einzige, was ich ungefähr kapierte, war, dass ihr aktuelles Projekt die Energieprobleme und Ölabhängigkeit der Industrieländer aufheben könnte. Aber der Preis dafür wäre der Weltuntergang oder etwas in dieser Dimension. Die Energie, die Fabiennes Team erforschte, ließ Atomkraft harmlos aussehen. Mir blieb schleierhaft, wie Fabienne das mit ihrem Ökobewusstsein vereinbaren konnte. Warum konnte sie sich nicht mit etwas Ungefährlichem beschäftigen oder mit etwas, das kaum jemanden interessierte? Ständig erhielt sie Angebote von Forschungseinrichtungen aus aller Welt. Wunderbare Arbeitsbedingungen, ein Gehalt, von dem ich nicht einmal zu träumen wagte.

Aber bisher hatte sie alles abgelehnt und war hiergeblieben. Hier bei mir. Weil niemand ihr so viel Freiheit biete wie ihr jetziger Arbeitgeber, sagte sie. Ich fürchtete, dass sie nur meinetwegen blieb, weil sie auf mich aufpassen wollte. So wie sie mich schon immer beschützt hatte. Seit unserem ersten Treffen, als sie den Schulhof-Rowdy verdroschen hatte. Finn, der mir jeden Tag die Brille weggenommen hatte und das jedes Mal aufs Neue spaßig fand.

Ich wusste nicht, was ich ohne Fabienne angefangen hätte. Selbst meine Stiefmutter hatte sie zur Seite genommen, als wir gemeinsam zum Studium aufbrachen, und Fabienne gebeten, auf mich achtzugeben. Fabienne hatte Physik und Mathe und ein bisschen Chemie studiert, ich Sozialwissenschaften, weil ich für meinen großen Traum Architektur nicht den Mut aufbrachte. Ganz zu schweigen von den fehlenden Mathefähigkeiten.

Plötzlich verstummte meine Freundin. Ich merkte, wie sich ihr Rücken straffte. Ein Zeichen drohenden Unheils. Daher blieb ich stehen und konzentrierte mich, spähte und lauschte in den Nebel, der uns wie eine graue, feuchte Decke umgab. Schnell erkannte ich die Gefahr. Eine Gruppe kam uns aus den Nebelschwaden entgegen. Fünf Männer, die nebeneinander marschierten und so die Straße blockierten. Wahrscheinlich Burschenschaftler nach einer ihrer trinkfesten Zusammenkünfte. Fabienne und ich sahen uns an.

»Noch können wir umdrehen«, flüsterte ich. Ich ging Streitigkeiten lieber aus dem Weg, vor allem, wenn der Gegner betrunken und in der Überzahl war.

»Nein!« Fabienne schob die Unterlippe vor. Sie rannte stets mit dem Kopf gegen die Wand, als suchte sie den ultimativen Kick. »Ich hab keine Angst vor diesen Typen. Du etwa?«

Halbherzig schüttelte ich den Kopf. »Nee. Unsere Selbstverteidigungskurse müssen sich ja mal lohnen.«

Die Kurse waren Fabiennes Idee gewesen, weil sie abends oft lange im Labor blieb und sich nicht hilflos fühlen wollte. Mich hatten die meisten Techniken, die dort vermittelt wurden, eher abgeschreckt. Ich plante nicht, jemandem die Augen auszukratzen oder den Kehlkopf zu zertrümmern, aber wer wusste schon, was ich für Kräfte entwickelte, wenn es darauf ankäme.

Mit festem Schritt gingen wir weiter, eng aneinander gelehnt, als die Gruppe sich aus dem Nebel schälte. Kurzgeschorene Haare, auffallende Jacken und die typischen Stiefel, mit denen sie ihre politische Meinung nach außen demonstrieren wollten. Fabienne und ich wichen aus; die Kerle kamen drohend auf uns zu.

Der an der Spitze, ein ungeschlachter Typ mit Boxernase, sprach uns an. »Seid ihr Lesben?«

Wir würdigten ihn keines Blickes, sondern gingen etwas schneller, doch die Meute trat uns in den Weg. Langsam erschien mir das Augenauskratzen nicht mehr so grausig, sondern fast verlockend.

»Na los, sag schon, Blondie.« Der Kerl beugte sich vor und pustete mir seinen Bieratem ins Gesicht. »Bist du ‘ne Lesbierin? Spielt die Hübsche die Frau?«

Bevor mir eine schlagfertige Antwort einfiel, ließ mich ein seltsames Geräusch aufhorchen. Ich drehte mich um. Hinter uns erklang ein lautes Rauschen, das an Flügelschlagen erinnerte. Gewaltige Flügel. Gab es nachtaktive Raubvögel – hier in der Stadt? Oder wurde ich verrückt? Kehrten die Anfälle zurück? Mein Herz schlug schneller.

Boxernase kam noch einen Schritt näher, bis er mir beinahe auf die Zehen trat. Es schien ihm nicht zu gefallen, dass er nicht meine volle Aufmerksamkeit erhielt.

»Lass uns in Ruhe!« Fabiennes Nasenflügel bebten vor Zorn. Sie hatte die Fäuste geballt und hätte dem Kerl sicher eine gelangt, wenn nicht eine weitere Gestalt aus dem Nebel aufgetaucht wäre.

Ein dunkler Schemen, ein Mann, größer als der Anführer der Schlägertruppe. Als er sich näherte, sah ich, dass er einen dunklen Anzug und einen anthrazitfarbenen Wollmantel trug, die extrem teuer aussahen.

»Gibt’s hier ein Problem?«, fragte er mit einer Stimme, die mir einen Schauer über den Rücken jagte. Dunkel und sexy klang sie, wie der Synchronsprecher von Brad Pitt. »Kann ich helfen?«

»Hau besser ab«, schnauzte einer aus der Meute, der sich wohl in der Gruppe stark fühlte.

Der Dunkle griff in die Tasche seines Mantels und zückte einen Ausweis. »Polizei. Noch einmal, gibt es hier ein Problem?«

»Nee, nee, Meister, alles klar. Wir wollten die Damen nur nach dem Weg fragen.« Genauso schnell wie sie gekommen waren, verschwanden die Typen auch wieder. Der Nebel verschluckte sie, als lösten sie sich auf.

»Danke.« Ich musterte unseren Retter. Dunkle Haare, dunkle Augen. Leichter Schatten eines Barts. Durchtrainiert. Viel zu gut gekleidet. Ein Ritter auf dem weißen Pferd, wie man ihn sich in so einer Situation wünschte. Warum nur schnürte sich meine Kehle dann so zusammen? Je länger ich unseren Helfer anschaute, desto mehr Panik kroch in mir hoch, bis ich nur noch weglaufen wollte.

Vielleicht ist das eine verspätete Reaktion auf die Bedrohung durch die Männer, versuchte ich mich zu beruhigen. Oder es geht wieder los, sagte die Stimme in meinem Hinterkopf, von der ich gehofft hatte, dass sie für immer schweigen würde. Glücklicherweise übernahm Fabienne das Reden.

»Danke für Ihre Hilfe, aber wir wären auch allein klargekommen.« Es klang beinahe so, als ob meine Freundin bedauerte, dass sie ihre Selbstverteidigungs-Kenntnisse nicht hatte anwenden können. »Das waren nur größenwahnsinnige Deppen.«

»Da bin ich mir sicher, aber wer möchte sich sonntagsmorgens mit betrunkenen Dummköpfen prügeln?« Er lächelte. Fabienne lächelte zurück. Mir schenkte keiner von beiden auch nur ein Fitzelchen Beachtung.

Normalerweise konnte ich damit leben, dass Männer sich nur für meine Freundin interessierten, doch jetzt wollte ich Antworten. Ich wollte wissen, was mit dem Fremden nicht stimmte. Warum reagierte ich derart stark auf ihn, warum jagte er mir Angst ein? Ein plötzliches Stechen kündigte Kopfschmerzen an. Das fehlte mir gerade noch.

»Warum haben Sie die Kerle nicht festgenommen?«, fragte ich ungnädig. »Wer weiß, wen die jetzt noch aufmischen werden.«

»Erstens haben sie nichts angestellt. Zum Glück.« Er grinste mich an, ließ seinen Charme spielen. Ich lächelte nicht zurück. Von Männern wie ihm hatte ich die Nase gestrichen voll. Wäre Sebastian weniger charmant gewesen, wären wir heute vielleicht noch ein Paar. Und ich hätte nicht das Gefühl, beinahe zwei Jahre meines Lebens vergeudet zu haben. Außerdem löste unser Retter in mir immer noch den Renn-so-schnell-du-kannst-Reflex aus.

»Und zweitens …« Sein Lächeln wurde breiter. »Eine Jahreskarte für die Bahn gibt einem leider keine Befugnis, andere Menschen zu verhaften.«

Er zeigte uns seinen Ausweis. »Rafael«, konnte ich erkennen. Den Nachnamen verdeckte ein geschickt platzierter Finger. Rafael? Wer hieß denn so? Als er noch einen Schritt auf uns zukam, konnte ich es nicht mehr aushalten. Alles in mir wollte flüchten und ich gab dem Impuls nach.

»Also danke noch mal«, sagte ich und zog Fabienne hinter mir her, so schnell ich konnte. Über meine Schulter rief ich: »Falls wir uns mal sehen, gebe ich ein Bier aus. Aber jetzt müssen wir nach Hause.«

»Gern geschehen. Auf Wiedersehen.«

»Warum warst du so unhöflich?« Fabienne schaute mich mit dem Blick an, der mich dazu brachte, sofort und grenzenlos mit der Wahrheit herauszuplatzen. »Er hat uns wahrscheinlich größeren Ärger erspart. Und sah ganz nett aus.«

Ganz nett – das war das Understatement des Jahrtausends. Der Typ war so heiß wie … Mir wollte kein Vergleich einfallen, der seiner Attraktivität gerecht geworden wäre. Aber all das war zurückgetreten hinter dem Entsetzen, das er in mir hervorgerufen hatte. Wie sollte ich Fabienne das erklären? Sicher, sie kannte mich lange genug, um sich noch an die schrecklichen Anfälle zu erinnern, die mich bis zu meinem zehnten Geburtstag geplagt hatten. Aber ich hatte ihr und meinen Eltern verschwiegen, dass mich immer noch Träume verfolgten, in denen Feuer vom Himmel fiel und alles Leben vernichtete. Nur alle drei, vier Monate suchten sie mich heim, aber wenn ich aus ihnen erwachte, war ich jedes Mal schweißgebadet. Panik überwältigte mich, so wie eben, als uns unser Helfer gegenübergetreten war.

»Ja. Schon, aber …« Ich kratzte an meinem Ohrläppchen, wie immer, wenn mir etwas seltsam erschien. Wie konnte ich Fabienne nur warnen, ohne mich zu verraten? »Das war mir alles zu glatt. Die Bedrohung und dann der edle Retter … wie geplant.«

»Du liest zu viele Krimis. Und langsam könntest du Männern gegenüber etwas positiver eingestellt sein.« Fabienne lachte und wechselte sofort das Thema. Der Mann namens Rafael hatte also keinen tieferen Eindruck hinterlassen. »In zwei Wochen fahre ich nach Genf und schaue mir den Teilchenbeschleuniger an.«

Den Rest des Weges verstand ich wieder nur jedes vierte Wort, aber das störte mich nicht. Genauso wollte ich es haben. Fabienne und ich gegen den Rest der Welt.

Zuhause erwarteten uns die beiden Kater, äußerst empört darüber, dass wir erst nach Mitternacht nach Hause kamen. Sie führten sich auf, als hätten sie mindestens vierundzwanzig Stunden nichts mehr zu essen gehabt. Vor zwei Jahren hatten wir Max und Moritz aus dem Tierheim geholt, die wir in Frodo und Sam umtauften. Ab und zu überlegten wir, noch einen Pippin anzuschaffen, aber unsere beiden wirkten nicht so, als ob sie einen Dritten in ihrer Männerfreundschaft dulden würden. Laut Tierheim waren sie Brüder, was ich kaum glauben konnte. Frodo war ein eleganter Kater: schlank, schwarz, mit weißem Brustlatz und Bauchfleck. Ich hatte ihn »James Bond« nennen wollen, aber Fabienne hatte sich mit ihren Vorschlägen durchgesetzt. Sam hingegen war weiß mit schwarzen Flecken, ein riesiger Kuhkater, der Angst vor seinem eigenen Schatten hatte. Inzwischen durften wir ihn manchmal streicheln, aber er liebte nur Frodo. Fabienne und ich waren für ihn lediglich Dosenöffner. Dieser Aufgabe kamen wir heute Nacht noch nach, bevor ich erledigt ins Bett fiel.

Die unerfreuliche Begegnung mit den fünf Männern spukte mir noch im Kopf herum, was mich am Einschlafen hinderte. Warum hatte ich eigentlich so panisch auf unseren Retter reagiert? Hatte Fabienne recht und ich übertrieb mein Misstrauen gegenüber Männern im Allgemeinen? Oder hatte er mir zu gut gefallen und ich fuhr die Stacheln aus, um nicht wieder verletzt zu werden? Oder konnte ich wirklich auf mein Gefühl hören und froh sein, dass wir dem Fremden entkommen waren? Verdammt viele Fragen – ich konnte nicht wissen, dass ich bald schon Antworten erhalten würde, die mir nicht gefielen.

Kapitel 4

Kontakt zur Sterblichen hergestellt. Wie geplant. Keine Vorkommnisse. Keine Spur der Lilithuhim, aber ich bleibe wachsam.

Rauel senkte die Feder. Das Pergament saugte die Buchstaben auf. Sie verblassten und würden in der Burg der Naphalim auf einem zweiten Pergament erscheinen. Während er wartend auf das leere Dokument schaute, strich sich Rauel durchs Haar. Ob Semjasa erkennen würde, dass er ihm etwas Wichtiges verschwieg? Dass die Sterbliche panisch auf ihn reagiert hatte, als ob sie ihn erkannt hätte. Das konnte nicht sein, oder? Menschen konnten nicht hinter den Schleier blicken, mit dem die Naphalim sich tarnten, wenn sie sich unter Sterblichen bewegen mussten. Wieder sah er auf das Pergament, das leer blieb.

Keine Antwort. Wahrscheinlich würde Semjasa sich erst melden, wenn Rauel etwas Berichtenswertes mitzuteilen hätte. Seine Zweifel vielleicht. Misstrauen gegenüber dem Krieg mit den Lilithuhim. Skepsis, ob es wirklich notwendig war, ihre Schwestern auszulöschen. Bedenken über den Weg, den die Naphalim beschritten hatten. Und schließlich, das musste er sich eingestehen, Furcht davor, sich mit einer Menschenfrau einzulassen. Das konnte nur ein fatales Ende nehmen.

Vielleicht war er einfach zu alt und zu müde für diese Aufgabe. Rauel schloss die Augen. Semjasa zweifelte sicher nie. Danel sicher auch nicht. Und Asael? Wann würde sein Bruder sich zeigen? Würde er ihn noch hassen? Welche Hintergedanken verband Semjasa damit, sie beide gemeinsam auf eine so wichtige Mission zu senden? Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn Asael erfuhr, wer die Sterbliche war.

Rauel schüttelte den Kopf, vertrieb die Gedanken und suchte nach einem weiteren Pergament. Er hätte auch ein Notebook nutzen können, denn die moderne Technik nutzten sie in der Zitadelle. Doch für seine grüblerischen, beinahe ketzerischen Gedanken hatte er ein besonderes Pergament erstellt, das nur er lesen konnte.

Sie sind so jung. Die Menschen. So jung und so vertrauensvoll. Gegen seinen Willen umspielte ein leichtes Lächeln Rauels Lippen, als er sich an die Situation erinnerte. Die Frauen, so erleichtert über sein Auftauchen und doch darauf beharrend, dass es ihnen alleine gelungen wäre, sich gegen die Angreifer zu wehren. Die Männer, denen er Geld gegeben hatte, damit sie die Frauen überfielen. Ein alter Trick. Aber immer noch wirkungsvoll. Rauel hob die Feder und zögerte kurz, während seine Gedanken wanderten. Zurück zu den beiden Frauen.

So weich. So wohlriechend. So anders als wir. So anders als die Lilithuhim. Langsam meine ich zu verstehen, warum unsere Väter den Menschenfrauen verfielen. In der Einen spürte ich so viel Schmerz und Angst. Ich hätte ihr gerne all das genommen und sie glücklich gesehen. Woher kam dieser Impuls? Was hat mich an der Frau angezogen?

Rauel zögerte. Konnte er es wirklich wagen, so ehrlich zu sein? Wenn Semjasa einen Weg fände, das Pergament zu entziffern, würde Rauel ein Schicksal erwarten, das schlimmer wäre als das von Asael. Asael hatte nur eine einzige Verfehlung begangen, Rauel hingegen zweifelte an ihrem Glauben und stellte die Werte ihrer Gemeinschaft infrage. Nach einem Moment der Besinnung senkte er die Feder wieder. Jedes geschriebene Wort leuchtete blutrot auf, bevor es verblasste.

Vielleicht ist der Weg unserer Schwestern der bessere? Die Trennung von den Menschen macht uns anfälliger für die Versuchungen, die sie mit sich bringen. Warum muss ich für die Sünden meines Vaters büßen?

Dieser Satz war so ketzerisch, dass Rauel ihn am liebsten ausgelöscht hätte, aber er wollte die Wahrheit nicht länger verleugnen. Nachdem der Naphal die Feder zur Seite gelegt hatte, rollte er das Pergament zusammen und legte sich auf das schmale Bett. Er benötigte keinen Schlaf. Keiner von ihnen benötigte Schlaf, aber wenn er unter den Menschen leben musste, musste er lernen, sich ihrem Gebaren anzupassen.

Der Wecker riss mich aus düsteren Träumen. Wie gerne hätte ich ausgeschlafen, aber mein Teilzeitpferd wartete auf mich. Lausbub war leider weder willens noch in der Lage, seinen Stall selbst sauber zu machen. Also war das mein Job. Frodo und Sam saßen schon vor meiner Zimmertür und sangen den Hungerblues. Barfuß tapste ich in die Küche, verfluchte die kalten Fliesen und musste aufpassen, nicht über die Kater zu stolpern, die sich um meine Beine schlängelten. Selbst Sam vergaß seine Scheu, wenn er auf Futter hoffte.

Nachdem die hungrigen Horden gefrühstückt hatten, setzte ich Kaffee auf, duschte, putzte mir die Zähne und suchte meine Stallsachen zusammen. Der Geruch nach Pferd und Schweiß war fast zu viel für meinen leeren Magen. Uh, die mussten dringend gewaschen werden. Ich goss mir einen Kaffee ein, schrieb eine Nachricht für Fabienne und Dominik, der heute nach Hause kommen würde. Schließlich hatte er uns ein Essen versprochen.

Bin gegen fünf zurück. Einen schönen Sonntag. Kuss. Sarah

Ich gähnte, schaute auf die Uhr und sprang auf. Der Bus in das Dorf, wo mein Teilzeitpferd und seine zehn Freunde standen, fuhr nur dreimal am Tag. Wenn ich den verpasste, wäre meine Tagesplanung im Eimer. Normalerweise fuhr ich mit dem Fahrrad, aber in den letzten Tagen hatte es ständig geregnet und ich konnte mir keine Erkältung leisten. Für Aushilfen gab es keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Erstaunlich, wie viele Menschen am frühen Sonntag unterwegs waren. Ich bekam keinen Sitzplatz im Bus und musste mich an einer Stange festhalten. Meine Augen drohten zuzufallen und ich gähnte. Auf einmal war ich hellwach. Ein Mann rückte immer näher, um sich schließlich eng an mich zu drücken. Perversling.

»Seien Sie vorsichtig. Ganz, ganz vorsichtig.« Seine Stimme klang heiser. Sein Atem roch nach ungeputzten Zähnen und Schinken. »Nachdem die Menschenkinder sich gemehrt hatten, wurden ihnen in jenen Tagen schöne und liebliche Töchter geboren. Als aber die Engel, die Himmelssöhne, sie sahen, gelüstete es sie nach ihnen, und sie sprachen untereinander: ›Wohlan, wir wollen uns Weiber unter den Menschentöchtern wählen und uns Kinder zeugen.‹«

Wie ich sie hasste, diese Flüsterer, die einem im überfüllten Bus etwas ins Ohr säuselten. Immerhin, das, was er da von sich gab, war neu. Sonst handelte es sich meist um Anmachsprüche, die aus der Mottenkiste gekrabbelt waren, in der sie einem trüben Vergessen entgegengedämmert hatten. Ich drehte meinen Kopf zur Seite, um den Mann zu sehen, der mir die Worte ins Ohr gespuckt hatte. Eigentlich wirkte er eher bieder. Nicht so ein verhuschter Blick wie bei den üblichen Irren. Warum nur war ich zu faul gewesen, mit dem Fahrrad zu fahren?

Ich versuchte, ihm zu entkommen und mich weiter in die Mitte des Busses zu drängeln. Ärgerlicherweise scheiterte der Versuch an der Mauer einer stämmigen Frau, die sich und ihre vier Taschen im Gang aufgebaut hatte und an der niemand vorbeikam. Also setzte ich meinen bösesten Blick auf und sah auf den Flüsterer herab. »Bitte?« Mein Tonfall hätte ihn abschrecken müssen, doch er kam näher heran.

Seine Stimme klang drängend. »Engel kämpfen gegen Engel. Das Ende ist nah.« Seit wann trugen Weltuntergangspropheten zerknitterte graue Anzüge und abgeschabte Aktentaschen? Ich schloss die Augen und hoffte, dass er sich ein anderes Opfer suchte, doch er sprach weiter. »Der Pakt wird gebrochen. Die Flut bricht über uns herein. Wir alle werden sterben.«

»Jetzt ist aber gut!«, zischte ich ihm zu. »Heben Sie sich das für die Kirche auf oder für …« Leider fiel mir so früh am Tag nichts Kluges ein.

Er schreckte zurück, schüttelte den Kopf, als ob er aus einem Traum erwachte, und drehte mir den Rücken zu. Der Tag konnte nur besser werden.

Endlich war ich beim Stall angekommen. Mit vier anderen Frauen teilte ich mir die Arbeit und musste nur einen Bruchteil dessen zahlen, was mich ein eigenes Pferd gekostet hätte. Also gehörte mir ein Fünftel von Lausbub, sicher das hintere Fünftel, wenn ich mir seine Box so ansah. Wie konnte ein Pferd nur so viel Mist produzieren? Ich gab dem Dicken einen Apfel, holte die Schubkarre und krempelte die Ärmel hoch. Nachdem ich Lausbub auf der Stallgasse angebunden hatte, griff ich mir eine Mistgabel und begann damit, das Stroh nach Pferdeäpfeln zu durchsuchen. Schweißperlen glitten mir den Rücken herunter. Vielleicht wurde ich krank. Das könnte auch meine komische Reaktion gestern Nacht erklären.

Endlich hatte ich allen Mist auf die Karre geladen, frische Streu geholt und in der Box verteilt. Jetzt begann der Teil, der Spaß machte. Durch die Zähne pfeifend putzte ich mein Pferd. Man sollte meinen, dass Rappen nicht so schnell dreckig aussehen wie Schimmel, aber Lausbub schaffte es immer wieder, mich zu überraschen. In der letzten Nacht hatte er wohl in seinen eigenen Äpfeln geschlafen und sie über seinen breiten Hintern verteilt. Während ich fluchend die Mistreste aus seinem Fell rieb, füllte sich der Stall mit Leben. Franziska, Steffi und Birgit wollten den Tag ebenfalls mit einem Ausritt beginnen. Ich überlegte, ob ich mich ihnen anschließen sollte, entschied mich jedoch dagegen, weil mir nur zwei Stunden blieben, bis der Bus zurück in die Stadt fuhr.

Also holte ich Sattel und Trense. Lausbub vollführte die üblichen Mätzchen beim Satteln. Zähne blecken, Ohren anlegen, sich aufpusten. Heute konnte ich darüber grinsen. Am Anfang hatte ich nach diesen dramatischen Einlagen den Sattel sofort wieder in die Sattelkammer gebracht und meine Reiterfahrung auf später verschoben. Sechs Wochen lang hatte ich meine Monatsgebühr dafür bezahlt, den Stall auszumisten und ein schlechtgelauntes Pferd zu putzen. Dann endlich war mir der Kragen geplatzt und ich hatte meine Angst überwunden.

Ich führte den Dicken nach draußen, zog den Gurt nach und setzte den Fuß in den Steigbügel. Lausbub hatte nichts Besseres zu tun, als ein paar Schritte zu gehen, sodass ich einbeinig neben ihm her hüpfte.

Pferdehumor.

Endlich gelang es mir, in den Sattel zu klettern. Elegant sah das sicher nicht aus, aber wen interessierte das schon? Hauptsache, ich saß oben. Jetzt konnte es losgehen. Wie auf Kommando blieb Lausbub stehen und seufzte. Ich gab ihm einen aufmunternden Klaps auf den Hals. »Na komm, mein Alter. Ich weiß, es ist kalt und viel zu früh. Aber dann haben wir es bald hinter uns.«

Er blieb weiter stehen wie angewurzelt und seufzte erneut. Aus voller Brust. Ich konnte förmlich spüren, wie er Luft in sich hineinpumpte, um sie dann laut auszustoßen. Schließlich gab ich ihm einen leichten Hieb mit der Gerte, weil er sich sonst nie von der Stelle rühren würde. Das Spiel hatten wir zu oft gespielt. Am Anfang war ich sofort abgestiegen, hatte ihn voller Panik zurück in den Stall geführt, abgesattelt und gefürchtet, dass das arme Pferd sterbenskrank war. Nein, das war es nicht; Lausbub war einfach faul und pfiffig genug, jemanden wie mich auszutricksen. Inzwischen fiel ich nicht mehr auf ihn rein.

Nach einem letzten Seufzer setzte Lausbub sich in Bewegung. Mit langgestrecktem Hals zockelte er die Straße entlang und versuchte, ab und zu ein paar dürre Wintergräser zu fressen, die am Wegrand standen. Ich nahm die Zügel auf und trieb ihn zu einem schnelleren Schritt. Irgendetwas stimmte heute nicht. Immer wieder drehte ich mich um, weil ich mich beobachtet fühlte. Langsam litt ich an Verfolgungswahn. Das lag sicher an den üblen Typen gestern Abend und dem Verrückten eben im Bus. Aber auch mein Dicker kam mir heute nervös vor. Er tänzelte vor sich hin, scheute vor seinem eigenen Schatten und schüttelte immer wieder den Kopf, als wollte er Unmut ausdrücken. Seine Nervosität übertrug sich auf mich und wir waren beide froh, als er wieder heil und gesund in seiner Box stand.

Immerhin hatte ich auf der Rückfahrt meine Ruhe und ließ meine Gedanken zu meinem seltsamen Traum gestern Nacht wandern. Elementarteilchen hatten um den attraktiven Mann, der uns gerettet hatte, getanzt und dabei gesungen: »Vertrauen ist der Anfang von allem.«

Das Abendessen, zu dem unser Mitbewohner Dominik uns eingeladen hatte, obwohl er weder Geburtstag hatte noch sein Examen in die Nähe gerückt war, würde das Highlight des Tages werden. Dominik konnte wunderbar kochen, aber er hasste es, in der Küche zu stehen. Daher kamen Fabienne und ich nur an ausgewählten Festtagen in diesen seltenen Genuss. Was es wohl dieses Mal zu feiern gab? Ein dumpfes Gefühl sagte mir, dass es nichts Gutes wäre.

Dominik hatte sich beim Kochen selbst übertroffen. Bereits als ich die Treppenstufen hochstieg, wehte mir der Duft von Koriander und Curry entgegen. Das ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ich bot ihm meine Hilfe an, was er mit einem Knurren ablehnte. Also ging ich zu Fabienne, um mit ihr fernzusehen, bis Dominik uns zum Essen rief. Drei Gänge erwarteten uns, einer leckerer als der andere, aber etwas störte mich den ganzen Abend. Es kam mir vor, als ob Dominik meinen Blicken auswich. Außerdem wechselte er stets das Thema, wenn ich ihn fragte, was denn der Anlass für unsere Feier wäre. Jetzt allerdings, gesättigt von einem opulenten Mahl, einen Latte macchiato vor mir, hatte ich mich beruhigt. Ich schob mein Misstrauen auf die schräge Begegnung im Bus, die ich beim Abendessen zum Besten gegeben hatte.

»Manchmal kommt es mir vor, als ob die Seltsamenquote von Jahr zu Jahr ansteigt«, sagte Fabienne. »Ob das am Klimawandel liegt?«

Sie brachte ein paar Erlebnisse aus ihren Seminaren an, die mich zum Lachen brachten. Dominik hingegen schwieg und tat mir noch etwas zu essen auf. Er hingegen stocherte nur in seinem Essen, als wäre es vergiftet.

Himmel, was ist nur mit mir los? Warum sollte er uns vergiften? Alles ist gut. Ich bin zuhause, mit meiner besten Freundin und meinem liebsten Mitbewohner. Morgen habe ich frei. Das Leben ist schön.