Versuchung küsst finnisch - Mary Kuniz - E-Book
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Beschreibung

Ein unverhoffter Kuss, wiederentdeckte Gefühle und jede Menge Chaos. Hat die Liebe zwischen Emilia und Panu eine Chance? Band 1 der romantischen Finnland-Reihe von Mary Kuniz. Emilia Fahnenbruck hat sich mit zweiunddreißig Jahren bereits mit ihrem eintönigen und lieblosen Leben in ihrer Heimatstadt Mainz abgefunden. Von ihrem Mann und ihrer Mutter fühlt sie sich unverstanden und geht wie betäubt durchs Leben. Auf dem Konzert einer finnischen Band trifft sie jedoch auf den drei Jahre jüngeren Rockstar Panu, der ihre Welt ins Wanken bringt. Ein flüchtiger, jedoch sehr intensiver Kuss verändert alles. Emilia erwacht aus ihrer gefühlskalten Trance und begehrt auf einmal gegen ihren Mann und ihre Mutter auf. Doch die Schwierigkeiten, die ihr begegnen, sind mehr als die eigentlich introvertierte junge Frau ertragen kann. Hin und her gerissen zwischen dem Leben, das sie gewohnt ist, und ihren Gefühlen und der Leidenschaft, die Panu in ihr entfacht, muss Emilia eine Entscheidung treffen ... Es handelt sich um eine überarbeitete Ausgabe des bereits unter diesem Titel selbst publizierten Werkes der Autorin. »Versuchung küsst finnisch« von Mary Kuniz ist ein eBook von feelings*emotional eBooks. Mehr von uns ausgewählte romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite. Genieße jede Woche eine neue Liebesgeschichte - wir freuen uns auf Dich!

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Leseprobe zu:

Mary Kuniz

Versuchung küsst finnisch

Roman

Knaur e-books

Über dieses Buch

Ein unverhoffter Kuss, wiederentdeckte Gefühle und jede Menge Chaos. Hat die Liebe zwischen Emilia und Panu eine Chance? Band 1 der romantischen Finnland-Reihe von Mary Kuniz.

Emilia Fahnenbruck hat sich mit zweiunddreißig Jahren bereits mit ihrem eintönigen und lieblosen Leben in ihrer Heimatstadt Mainz abgefunden. Von ihrem Mann und ihrer Mutter fühlt sie sich unverstanden und geht wie betäubt durchs Leben. Auf dem Konzert einer finnischen Band trifft sie jedoch auf den vier Jahre jüngeren Rockstar Panu, der ihre Welt ins Wanken bringt. Ein flüchtiger, jedoch sehr intensiver Kuss verändert alles.

Emilia erwacht aus ihrer gefühlskalten Trance und begehrt auf einmal gegen ihren Mann und ihre Mutter auf. Doch die Schwierigkeiten, die ihr begegnen, sind mehr, als die eigentlich introvertierte junge Frau ertragen kann. Hin- und hergerissen zwischen dem Leben, das sie gewohnt ist, und ihren Gefühlen und der Leidenschaft, die Panu in ihr entfacht, muss Emilia eine Entscheidung treffen …

Inhaltsübersicht

1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. KapitelI Will Get YouDanksagung
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Für Inna …

… und alle Träumer, so wie ich es einer bin.

Träume müssen nicht immer wahr werden,

sie können nicht immer wahr werden –

aber sie sind es immer wert, ausgiebig geträumt zu werden!

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1.

»You catched my eyes and I didn’t realise …«

Brav sitze ich mit meinen Eltern an einem Tisch in der Ecke des großen Saals. Vor uns stehen drei Gläser Wein, und der Raum ist festlich dekoriert.

Ich trage ein zartrosafarbenes Kleid mit weit schwingendem Rock und Spaghettiträgern.

Mein sonst so herzlicher Vater starrt mürrisch auf die Bühne, auf der ein paar Kellner und Gäste verzweifelt versuchen, ein Klublied zu singen – mehr schlecht als recht. Meine Mutter schaut missmutig zu mir herüber – zu mir, der Bösen. Ich habe meine Eltern enttäuscht, vor allem meinen Vater. Wie konnte ich mich auch in einen Mann unter meinem Stand verlieben?!

Nie hätte ich gedacht, dass mein Vater so ein Snob ist. Für mich war er stets ein Abbild der Gerechtigkeit und Fürsorge. Alle Menschen sind gleich, so hat er es mir beigebracht. Aber in diesem Fall habe ich mich geirrt. Gleich sind nur die, die finanziell abgesichert leben. Für einen einfachen Tänzer hat man in diesen Kreisen kein Verständnis.

Johnny, was soll ich tun, ich liebe dich doch.

Meine Gedanken sind nicht bei der Sache, und ich achte kaum auf das, was vorn auf der Bühne vor sich geht. Bis, ja, bis zu dem Moment, als meine Schwester hoch und schrill zu singen anfängt. Meine Schwester? Ich habe doch überhaupt keine Geschwister! Als ich noch darüber nachdenke, was es mit der Schwester auf sich hat, kommt ein junger Mann schnellen Schrittes an unseren Tisch.

Johnny, endlich!

Er baut sich vor meinem Vater auf und sagt forsch: »Mein Baby gehört zu mir, ist das klar!«

Erschrocken sehe ich meinen Vater an, der in diesem Moment langsam aufblickt. Doch statt in sein vertrautes Gesicht starre ich zu meinem Entsetzen in eine schrecklich verzerrte Fratze, aus deren Augenhöhlen Würmer kriechen. Ich höre die Stimme meiner Schwester immer intensiver, sie schreit mir förmlich ins Ohr: »Kellermanns will come together …«

Meine Mutter durchbohrt mich mit ihrem Blick, in dem jetzt blanker Hass liegt. Sie keift schrill: »Schau ihn dir an! Daran bist du schuld, du hast deinen Vater umgebracht, du, du, du …«

Panik überkommt mich. Ich muss hier weg! Verzweifelt suche ich Johnny, meine große Liebe. Da ist er und reicht mir seine Hand. Glücklich darüber, endlich Halt zu finden, fasse ich danach.

Doch ich greife ins Leere, da ist niemand mehr. Wo ist er hin? Warum hat er mich nicht mitgenommen?

Ich drehe mich zu meinem Vater um, will ihn anschreien, dass er wieder gut mit mir sein und zu mir zurückkommen soll. Aber er kann mich nicht hören. Blutüberströmt, den Kopf unnatürlich nach hinten gebogen, stiert er leblos an die Decke.

In meinem Kopf dreht sich alles, ich höre Schreie, Bremsen quietschen, einen fürchterlichen Knall. Mutters Stimme ist überall in meinem Kopf. »… du hast ihn umgebracht, du, du, du …«

Ich fange an zu schreien, ich kann nicht mehr aufhören zu schreien …

 

»Lia! Wach auf, und hör mit dem Gekreische auf! Du erweckst ja Tote.«

Unsanft wurde Emilia an den Schultern gepackt und durchgeschüttelt. Als sie die Augen aufschlug, erkannte sie Joachim, der sie festhielt. Daneben stand ihre Mutter, sichtlich genervt angesichts der nächtlichen Störung.

Gott sei Dank – alles nur ein böser Traum.

»Was ist denn jetzt schon wieder los?« Vera blickte missbilligend auf Emilia hinab.

»Ich hatte wohl wieder einen Albtraum. Tut mir leid, dass ich euch geweckt habe.« Entschuldigend und noch nicht ganz bei sich schaute sie die beiden an.

Im Gegensatz zu ihrer immer perfekt aussehenden Mutter wirkte ihr Ehemann Joachim verschlafen und zerknautscht.

»Wie spät ist es?«, wollte Emilia wissen.

»Es ist kurz vor halb drei. Ich muss morgen früh raus und brauche meinen Schlaf. Hast du deine Tabletten etwa nicht genommen?«, fragte Joachim murrend.

Kleinlaut antwortete sie: »Die habe ich wohl vergessen.«

»Das dachte ich mir schon. Hier.« Ihre Mutter hielt ihr zwei winzig grüne Pillen und ein Glas Wasser hin.

Widerwillig griff Emilia danach. »Danke, die nehme ich gleich, aber erst mache ich mich frisch. Ich bin total verschwitzt. Ihr könnt ruhig schlafen gehen, ich komme zurecht. Danke.«

Ihre Mutter schritt zur Tür. »Kommst du, Joachim?«

»Ja. Lia, schlaf gut und vergiss bitte nicht, die Tabletten zu nehmen. Du kannst morgen auch erst gegen Mittag ins Büro kommen. Schlaf dich erst mal richtig aus.« Er küsste seine Frau flüchtig auf die Stirn und folgte seiner Schwiegermutter aus dem Zimmer. Emilia sah ihnen gedankenverloren nach.

Seit mehreren Jahren schliefen sie und Joachim in getrennten Räumen. So bekam Joachim ihre immer wiederkehrenden Albträume, die in unregelmäßigen Abständen und unterschiedlich intensiv auftraten, nur in Extremfällen wie heute mit. Zumeist handelten sie vom Unfalltod ihres Vaters. Dass sie sich heute als Baby aus Dirty Dancing gesehen hatte, verwirrte Emilia allerdings. Sie versuchte, sich zu konzentrieren, bekam aber kein Gesicht zu ihrem Traum-Johnny hin. Selbst nach all den Jahren hatte sie den Versuch nicht aufgegeben, ihre Träume zu analysieren, was ihr allerdings zu ihrem Leidwesen nur selten gelang.

Langsam stand sie auf und ging in das angrenzende Badezimmer. Sie liebte diesen hellen Raum, dessen Herzstück die riesige Badewanne in der Mitte war.

Sie ließ sich Wasser einlaufen, ging auf die Toilette, zog ihren Pyjama aus und setzte vorsichtig einen Zeh in die Wanne. Sie war erhitzt und empfand das Wasser als angenehm kühl, in das sie sich hineingleiten ließ. Noch einmal dachte sie über den seltsamen Traum nach. Ihr wurde bewusst, dass sie jedes Mal, wenn sie so schlecht träumte, das Gefühl hatte, als wäre sie gerade zehn Jahre alt und würde in das offene Grab ihres Vaters blicken. Zuvor hatte ihre Mutter sie gezwungen, sich seinen aufgebahrten Leichnam anzuschauen. Dabei hatte sie sich vorgebeugt, Emilia in den Arm genommen und ihr hasserfüllt ins Ohr geflüstert: »Nur weil Daddys kleiner Liebling unbedingt zum Schwimmen wollte, liegt er jetzt hier. Tot! Schau genau hin, das ist alles deine Schuld.«

Von Zeit zu Zeit überlegte Emilia, ob sie sich das Ganze nur eingebildet hatte. Bekanntlich sind Erinnerungen oft trügerisch. Doch sobald ihre Mutter wieder herrisch und gemein zu ihr war, wusste sie, dass die Situation am Sarg ihres Vaters, die Worte ihrer Mutter Vera, nicht ihrer Fantasie entsprangen, sondern damals genauso ausgesprochen worden und bis heute so gemeint waren. Erst durch die Heirat mit Joachim hatten die mütterlichen Attacken allmählich nachgelassen.

Joachim! Seit nunmehr knapp fünfzehn Jahren ihr Ehemann.

Sie spürte, wie sie immer unruhiger wurde – Emilia versuchte, ihre wirren Gedanken zu ordnen. Die Erinnerungen an die Vergangenheit vermischten sich nun mit dem aktuellen Erlebnis vom Samstag letzter Woche. Hatte ihr heutiger Albtraum damit zu tun?

Sie hatte etwas für sie völlig Untypisches getan – etwas absolut Unmögliches.

Mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen schloss Emilia die Augen und rief sich den Abend des Konzerts der finnischen Band Moonset Road im Schlosshof in Alzey nochmals genau ins Gedächtnis …

 

Emilia hatte getanzt und euphorisch mitgesungen. Die Musik war berauschend gewesen, der Wein, den sie bisher getrunken hatte, hatte sein Übriges getan.

Es war heiß … Sie war heiß! Sie empfand eine angenehme sexuelle Spannung beim Hören dieser tiefen, erotischen Stimme des blonden Hünen, der nur wenige Meter vor ihr auf der Bühne stand. Der Leadsänger Panu von der finnischen Band Moonset Road sang gerade eine gefühlvolle Ballade, und Emilia beobachtete unter halb geschlossenen Lidern, wie er von der Bühne in die Menge trat und von allen Seiten von seinen weiblichen Fans angefasst wurde. Sie lächelte sanft, schloss die Augen und bewegte sich wie in Trance zum Takt der Musik. Ihre kurzen Haare waren nass von dem gerade nachlassenden heftigen Regenschauer, und ihr rotes Top schimmerte feucht und entblößte mehr, als es verbarg. Emilia streckte die Arme über den Kopf und wiegte sich, abgetaucht in ihre eigene heile Welt, rhythmisch hin und her.

Auch als sie die Stimme des Leadsängers immer lauter vernahm und das Gekreische um sie herum ohrenbetäubend anschwoll, war sie noch nicht gewillt, aus ihrem Rauschzustand aufzutauchen. Erst als eine kräftige Hand behutsam ihre glänzende Wange berührte, schlug sie ihre Augen verwundert auf.

Sie musste den Kopf ein wenig in den Nacken legen, um den über einen Kopf größeren Sänger, der direkt vor ihr stand, ansehen zu können. Mit einem sehnsüchtigen Blick versank sie in den strahlend blauen Augen des attraktiven Finnen. Ohne lange nachzudenken, legte sie ihre zierliche Hand auf seine und lächelte ihn verzaubert an.

Scheinbar verwirrt von ihrer Reaktion, starrte Panu sie mit offenem Mund an und vergaß dabei weiterzusingen. Doch ganz Profi, fasste er sich schnell wieder, hielt sich das Mikro an den Mund, beugte sich zu ihr vor und hauchte an ihrem Ohr: »… I will kiss you and …« Sachte hob er ihr Kinn an, und sie musste sich strecken, um einigermaßen auf Augenhöhe mit ihm zu sein. Ein leichtes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er sie sanft auf die vollen Lippen küsste.

Das Publikum grölte lautstark.

Emilia hörte nicht, wie die Menge um sie herum zu toben anfing. Sie spürte nur die weichen Lippen, roch den herben Duft und nahm einen leichten Salzgeschmack wahr. Instinktiv griff sie in seinen Nacken, um ihn noch näher an sich zu ziehen, presste sich dabei entzückt ganz dicht an ihn und öffnete verheißungsvoll ihre Lippen.

Augenscheinlich fasziniert von so viel Offenheit, erforschte Panu sekundenlang mit seiner Zunge ihren verlockenden Mund.

Mit derselben Faszination erwiderte sie hungrig seinen Kuss.

Der Leadsänger ließ im Rausch des Augenblicks sein Mikrofon fallen, und erst das immer lauter werdende Kreischen der Menge und das von einem Fan wieder in seine Hand gedrückte Mikro holten ihn in die Wirklichkeit zurück.

Emilia spürte, dass er sich nur widerwillig aus ihrer Umarmung löste, als er sie intensiv ansah und, versunken in ihrem Blick, verschmitzt lächelte.

»I want more«, brachte er noch atemlos hervor und wandte sich schon im nächsten Moment singend zur Bühne um. Er hob die Hände über den Kopf und klatschte seinem Publikum auffordernd zu. »… I will kiss you and I will love you …«

Emilia berührte mit den Fingern ihre Lippen, sie hatte das Gefühl, sie stünden in Flammen. War das soeben wirklich passiert? Wahnsinn, was hatte sie getan?

Sie schaute dem Leadsänger verwundert nach – er stand schon wieder auf der Bühne und zog auf ein Neues das Publikum in seinen Bann. Die Fans tobten. Weibliche Fans schrien ihm Liebesschwüre zu und bildeten Chöre.

»Küss mich! Küss mich!«

Emilia sah sich um. Ein paar Frauen warfen ihr neidvolle Blicke zu. Eine davon, so um die zwanzig, quietschte aufgeregt: »Ich würde mich nie mehr waschen … Oh, hätte er nur mich geküsst.«

Mit einem Mal ergriff sie Panik, und ihr kam in den Sinn, das Konzert fluchtartig zu verlassen. Mit angehaltenem Atem schloss sie die Augen und wartete einen Moment, bis das Angstgefühl allmählich wich. Langsam hob sie die Lider und schaute sich vorsichtig um, doch es beobachtete sie keiner mehr, die volle Aufmerksamkeit der Leute um sie herum war wieder auf die Band gerichtet. Erleichtert presste sie die Luft aus ihren Lungen und gab sich von Neuem glücklich lächelnd ganz der Musik hin.

»… I will hunt you, and when I get you …«, sang Panu voller Enthusiasmus und schaute Emilia dabei direkt in die Augen. »… I will kiss you … and you will love me …«

Mit verzücktem Blick, feuchten, leicht geöffneten Lippen und einem schüchternen, jedoch gleichzeitig verheißungsvollen Lächeln beobachtete Emilia ihn. Ihr war überhaupt nicht bewusst, dass sie für die Männerwelt absolut unschuldig wirkte und sogleich die reinste Versuchung darstellte.

Emilia strahlte Panu offen an, vergessen waren das kurzzeitige ungute Gefühl, und sie genoss die Energie, die der Frontman der Band entwickelte, als er euphorisch das Songfinale anstimmte – und damit die Menge erneut zum Toben brachte. Als das Lied endete, eilte Panu seitlich an den Bühnenrand, dabei streifte sein Blick immer wieder suchend durch das Publikum. Emilia löste ihre Augen nur widerwillig von ihm und richtete sie auf den Gitarristen, Miro, der nun seinen großen Auftritt hatte. Er ließ seine E-Gitarre erzittern und riss mit seinem ekstatischen Spiel und leidenschaftlichen Gesang die Fans in seinen Bann.

Doch Emilias volle Aufmerksamkeit bekam er nicht. Noch immer beobachtete sie Panu, der mit einem seiner Roadies sprach und dabei ganz offensichtlich auf sie deutete. Ihr wurde heiß und kalt zugleich – was hatte sie getan? Was bedeutete das alles? Hastig überlegte sie erneut, ob sie das Konzert nicht besser verlassen sollte. Noch nie hatte sie so unüberlegt gehandelt. Sie wusste daher nicht, wie sie mit der unwirklichen Situation umgehen sollte. Sie beschloss, sich durch die Menge nach hinten zu stehlen, und von dort aus das Ende des tollen Konzerts abzuwarten.

Sie stellte sich unter einen Baum im hinteren Teil des Alzeyer Schlosshofs und beäugte alles aus sicherer Entfernung. Langsam wurde es richtig dunkel, die Lichter gingen an und ließen den Hof und die Bühne in traumhaften Farben erstrahlen.

Nachdem sie sich einen Wein geholt hatte, obwohl Wasser wahrscheinlich besser für sie gewesen wäre, blickte sie, immer noch erstaunt über sich selbst, zur Bühne. Panu war wieder ganz in seinem Element und sang, sprang, tanzte, kniete und rannte begeistert auf der Bühne herum, als ob er heute sein letztes Konzert geben würde. Und auch seine drei Bandmitglieder gaben alles.

Das gefiel Emilia. Man merkte ihnen an, dass sie Freude an dem hatten, was sie hier taten, und ihren Fans etwas zurückgeben wollten. Sie spürte, wie sich ihre Eingeweide bei seinem Anblick zusammenzogen und ihr Herz wie wild zu pochen anfing.

Nichts hatte Emilia darauf vorbereitet, dass sie am heutigen Abend von diesem begehrenswerten Sänger geküsst werden würde und sie seinen Kuss auch noch mit so viel Leidenschaft erwiderte, von der sie gar nicht wusste, dass sie in ihr steckte. Zudem hatte sie nicht mit den Gefühlen gerechnet, die sich danach in ihr breitmachten. Am liebsten wäre sie noch mal nach vorn gegangen, um das Ganze zu wiederholen. Sie hätte vielleicht doch abwarten sollen, was passiert wäre, wenn der Mann, mit dem Panu gesprochen hatte, zu ihr gekommen wäre. Was hätte er ihr wohl gesagt? Beinahe war sie versucht, es auszutesten.

Als sie noch darüber nachdachte, sich wieder weiter nach vorn zu schieben, kündigte Panu das nächste Lied an. Fasziniert lauschte sie seiner tiefen Stimme.

»Dieser Song ist für alle Paare, die schon jahrelang zusammen sind, die gemeinsam Höhen und Tiefen meistern, die trotz vieler Versuchungen nicht vom Weg abkommen. Hier ist: Share Your Life With Me.«

Emilia horchte erschrocken auf. Versuchung?! Augenblicklich wurde ihr bewusst, dass sie dabei war, wegen eines kurzen Moments der Versuchung alles andere zu vergessen. Sie war immerhin verheiratet.

Erregt und von der für sie absolut neuen Situation überfordert, lief sie schnellen Schrittes in Richtung Ausgang. Am Torbogen des Schlosses angekommen, schaute sie noch einmal zurück. Sie wollte wenigstens einen letzten Blick auf ihn werfen.

»… forever … always … anywhere … everywhere … share your life with me …«

Peinlich berührt hatte sie seinem Gesang gelauscht. Für immer … teile dein Leben mit mir. Emilia war förmlich aus dem Schlosshof gerannt …

 

Oh Gott, wie kann mich ein eigentlich so unbedeutender kurzer Moment dermaßen durcheinanderbringen, schoss es ihr durch den Kopf. Sie ließ sich tiefer in die Wanne gleiten – spürte, wie das angenehm kühle Wasser ihr vor Erregung gerötetes Gesicht erfrischte. Sie fühlte sich, wie so oft in ihrem Leben, verwirrt – und einsam. Sie hatte das Gefühl, dass sie alles hatte und doch nichts. Als sie wieder auftauchte, summte sie leise die Melodie von Whitney Houstons Welthit Greatest love of all vor sich hin. Nach wenigen Minuten reichte ihr das Summen nicht mehr, und sie begann zu singen. Ihre Stimme hallte durch das große Badezimmer. Emilia hatte die Augen geschlossen und beruhigte sich langsam. Ihr Gesang gab ihr Selbstvertrauen und stärkte die Hoffnung in ihr, dass irgendwie, irgendwann alles gut werden würde.

Außer ihrer besten Freundin Eva hatte sie noch nie jemand singen hören. Emilia tat dies eigentlich nur, um sich wie jetzt zu beruhigen oder um Eva ab und zu eine Freude zu bereiten. Eva hatte schon oft versucht, Emilia zu überreden, aus ihrem außergewöhnlichen Talent mehr zu machen, bisher jedoch ohne Erfolg. Sie war viel zu schüchtern – zu introvertiert –, und sie konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen, vor fremden Menschen zu stehen und zu singen. Allein der Gedanke trieb ihr schon die Schamesröte ins Gesicht.

Sie stieg aus der Wanne und hüllte sich in ein weiches Badetuch. Auf der Ablage unter dem Spiegel lagen die Tabletten, die ihre verdrehten Gedanken stoppen, jedoch auch jegliche Emotionen unterdrücken würden. Wollte sie das überhaupt? Auch wenn sie die letzten Nächte mehr als schlecht geschlafen hatte, konnte sie sich nicht gleich dazu durchringen, ihre Fantasien durch die Einnahme der Pillen so abrupt zu stoppen. Denn nicht nur Albträume waren in den letzten Nächten ihr ständiger Begleiter gewesen, sondern auch das Gesicht des finnischen Sängers war immer wieder aufgetaucht, sobald sie die Augen geschlossen hatte.

Emilia betrachtete sich im Spiegel. Fahrig strich sie sich durch die kurzen Haare und berührte mit den Fingerspitzen ihre Lippen. Noch immer glaubte sie, seinen Kuss zu spüren.

Sie war verwirrt – von ihrem Verhalten, aber vor allem von den Gefühlen, die dieser Kuss in ihr ausgelöst hatte. Sie fühlte sich wie ein Teenager, der seinem Lieblingsstar nähergekommen war. Gab es so etwas überhaupt? Wenn ja, dann doch nur in Teenieserien, Kitschromanen oder Rosamunde-Pilcher-Filmen.

Emilia schloss die Augen und blickte direkt in die stahlblauen Augen des Sängers – fühlte seine große, kräftige Hand auf ihrer Wange und seine Lippen auf ihren. Sie hatte tatsächlich noch immer das Gefühl, ihn zu schmecken, leicht salzig und … ja, was noch? Genau, irgendwie süßlich. Verträumt schmunzelte Emilia vor sich hin. Süßsauer? Sie liebte süßsauer – vor allem im Chinarestaurant! Der Gedanke, dass sie jetzt auch an finnisch süßsauer Gefallen fand, belustigte sie.

Sie schüttelte den Kopf und öffnete die Augen. Sie musste mit diesem Unsinn aufhören. Sie war schließlich eine knapp dreiunddreißigjährige verheiratete Frau, die ein angenehmes, konstantes und vor allem komfortables Leben führte. Sie lebte in einem stattlichen Haus in der Mainzer Oberstadt, und ihr gehörte eine florierende Modefirma, was sie letztendlich ihrem Mann zu verdanken hatte.

In knapp zwei Monaten würden sie bereits ihren fünfzehnten Hochzeitstag feiern. Früh, aus ihrer heutigen Sicht viel zu früh und überhastet, hatte sie mit gerade einmal achtzehn Jahren Joachim in einem kleinen Standesamt in seinem Heimatort in Norddeutschland geheiratet. Sie erinnerte sich nur noch schemenhaft an die kurze und recht unpersönliche Zeremonie.

Für Emilia war der Tag damals wie ein Film abgelaufen, und sie hatte gar nicht alles realisiert. Sie hatten sich auf eine schlichte Trauung ohne Kirche geeinigt. Besser gesagt, Joachim und ihre Mutter hatten es so geplant, und Emilia war viel zu jung und überwältigt von der Situation gewesen, um ihre eigene Meinung zu äußern. Der Standesbeamte hatte unsentimentale und wenig romantische Worte gefunden. Zum Schluss war ihr noch von Joachim protokollgemäß der Ring übergestreift worden – und sie hatten einen schnellen Kuss getauscht.

Das Einzige, was ihr bis heute noch als schönste Erinnerung an diesen Tag im Gedächtnis geblieben war, war die Musik. Eva hatte sie vorher das ein oder andere Mal gefragt, was ihre Lieblingslieder seien, und hatte dann genau den richtigen Song für sie organisiert: Have you ever really loved a woman von Bryan Adams.

In Emilias Erinnerungen mischten sich plötzlich wieder ganz andere Bilder, die mit ihrer Hochzeit so gar nichts zu tun hatten: blaue Augen, sanfte Hände, eine raue Stimme …

Ich muss verrückt sein – was habe ich mir nur bei dieser kindischen Knutscherei gedacht? Missmutig wandte sie sich von ihrem Spiegelbild ab, zog ihr Nachthemd an und ging zurück ins Schlafzimmer. Im Regal stand das Fotoalbum ihrer Hochzeit. Sie nahm es heraus, legte die CD von Bryan Adams ein und ließ sich samt Album aufs Bett fallen.

So! Zurück in die Wirklichkeit! Emilia blätterte das Fotoalbum durch und fühlte sich schon viel besser. Genau, das war die Wirklichkeit. Der Kuss war ein Ausrutscher, ein Spiel gewesen und hatte keinerlei Bedeutung, auch für die Zukunft nicht. Sie war eine verheiratete Frau – und glücklich!

Sie blickte noch einmal auf die Hochzeitsfotos … Glücklich?

Konfus stand Emilia auf und holte sich die Tabletten aus dem Bad – sie brauchte sie jetzt, sie wollte dieses Gefühlskarussell stoppen. Die Wirkung war ihr nur allzu bekannt. Sie würde innerhalb weniger Minuten in einen traumlosen Schlaf fallen, was ihr für den Rest der Nacht die Ruhe bescherte, die sie dringend benötigte.

Sie musste ihr Denken abschalten – das Denken an die Vergangenheit, die Gegenwart und auch an die Zukunft. Außerdem war ihr klar, dass sie einen weiteren Albtraum heute kaum mehr verkraften würde.

Sie füllte sich Wasser in ein Glas und spülte die Pillen schnell hinunter. Aus dem Spiegel starrten ihr weit aufgerissene, kummervolle graue Augen entgegen. Oh Gott …

Sie musste ihr Leben ändern, das wusste sie. Aber wie? Und wann?

Im nächsten Moment merkte sie, wie die Wirkung des Medikaments einsetzte und eine bleierne Müdigkeit sie überkam. Emilia schaffte es gerade noch zurück in ihr Schlafzimmer, und bevor sie sich richtig zugedeckt hatte, war sie auch schon eingeschlafen.

Strahlend blaue Augen waren das Letzte, was sie vor ihrem inneren Auge sah …

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2.

»… that a moment like this under blue skies …«

Die Sonne war an diesem schönen Julitag schon lange aufgegangen, als Emilia gegen elf Uhr aus einem traumlosen Schlaf erwachte. Sie brauchte lange, um einigermaßen zu sich zu kommen. Die Tabletten hatten wie immer ihre Wirkung nicht verfehlt, sie hatten Ruhe und Entspannung, aber auch Erschöpfung und Lethargie gebracht.

Sie stand auf, bewegte sich schwerfällig ins Bad, putzte sich energielos die Zähne und schlüpfte in ihren Badeanzug. Langsam, wie auf Eiern laufend, schritt sie die Treppe hinunter. Emilia huschte unter die kalte Dusche, öffnete dann die Tür zum Garten und lief ein paar Stufen hinauf zu dem nierenförmigen Schwimmbecken. Mit einem eleganten Kopfsprung tauchte sie in das kühle Nass ein, durchquerte mit kräftigen Zügen das Becken und zog ohne Unterbrechung eine halbe Stunde ihre Bahnen.

Ihr graute davor, heute auf ihre Mutter zu treffen. Emilia hatte das ungute Gefühl, dass die nächtliche Ruhestörung ihre ohnehin ständig genervte Mutter noch ärgerlicher gestimmt hatte.

Vera war, seit Emilia denken konnte, eine kühle und lieblose Frau gewesen – auf jeden Fall ihr gegenüber. Sie hatte ihrer Tochter über all die Jahre immer wieder unmissverständlich klargemacht, dass sie, Emilia, am Tod ihres Ehemannes schuld sei und ihr Leben zerstört habe. Sie hatte nie wieder geheiratet und auch sonst keine männlichen Bekanntschaften mit nach Hause gebracht.

Emilia vermutete, dass ihre Mutter nie einen andern Mann in Betracht gezogen hatte, weil sie Emilias Vater so abgöttisch geliebt hatte. An mangelndem Interesse seitens der übrig gebliebenen Männerwelt hatte es sicherlich nicht gelegen.

Vera war bildhübsch gewesen. Selbst heute, mit ihren fünfundfünfzig Jahren, war sie noch eine Schönheit. Sie war groß und hatte braunes, leicht gelocktes Haar, das ihr sanft über die Schultern fiel. Aufgrund ihrer Traummaße war sie nicht grundlos bis zu ihrer frühen Heirat als Model sehr gefragt gewesen.

Emilias Vater hatte ein erfolgreiches Modeunternehmen, Fahnenbruck Design, besessen, und Vera war von Anfang an sein Lieblingsmodel gewesen. Aus früheren Erzählungen ihres Vaters, denen sie als Kind immer interessiert und ehrfurchtsvoll gelauscht hatte, wusste sie, dass er ihre Mutter, die russische Schönheit, über Monate umworben hatte. Sie hatte sich zwar zuerst geziert, doch irgendwann von heute auf morgen ihre Meinung geändert und dem Werben des reichen Unternehmers nachgegeben. Mit einundzwanzig Jahren hatte Vera den sechs Jahre älteren Bernhard Fahnenbruck geheiratet und kurz darauf Emilia zur Welt gebracht. Nach Emilias Geburt hatte sie das Modeln dann aufgegeben und sich auf Wunsch ihres Gatten ganz auf Haus, Firma und Familie konzentriert.

Emilias Vater hatte jahrelang äußerst gewinnbringend exklusive Mode aus Italien vertrieben. Nach seinem frühen Tod hatte ihre Mutter zwar die Geschäfte weitergeführt, jedoch waren die Verkäufe ab jenem Zeitpunkt rückläufig gewesen, was durchaus auf die überaus arrogante Art Veras zurückzuführen war. Denkbar wäre jedoch auch, dass sie einfach nicht das richtige Händchen und Einfühlungsvermögen besessen hatte, das nötig war, um eine Modefirma in diesem großen Stil fortzuführen. Durch Emilias Hochzeit mit Joachim und dessen Engagement für die Firma fingen die Geschäfte langsam an, wieder besser zu laufen. Joachim war smart und konnte, wie ihr Vater, die Menschen mit seinem Charme um den kleinen Finger wickeln.

Ein Blick auf die große Uhr über der Seitentür sagte Emilia, dass es kurz nach zwölf Uhr war. Sie stemmte sich aus dem Wasser und hüllte sich in einen der Bademäntel, die seitlich in einem Regal lagen.

Sie musste sich ranhalten, um endlich in Gang zu kommen. Ihr Mann hatte zwar gesagt, dass sie erst mittags im Büro erscheinen konnte, doch sie wusste, dass heute jede Menge Arbeit zu erledigen war.

 

Gegen halb zwei Uhr lief sie frisch geduscht über den Hof ins Nebengebäude des Hauses, in dem sich die Geschäftsräume der Firma befanden. Sie huschte durch den langen Flur und öffnete die Tür zum Großraumbüro. Von hier aus organisierte sie zusammen mit ihren Mitarbeitern die Termine mit den Fabrikanten, Modeagenturen und letztlich den Einzelhändlern. Gleich linker Hand neben der Eingangstür, ihrem Schreibtisch genau gegenüberliegend, ging es in den sogenannten Empfangsraum. Hier lagen unter anderem Stoffe, Präsentationsmappen und Zuschnitte. Außerdem stand ein kleiner Laufsteg für Vorführungen zu Verfügung. In diesem Raum wurden auserwählte Geschäftsleute und Modedesigner mit der Firmenideologie von Fahnenbruck Design vertraut gemacht. Am Ende des Großraumbüros hatten sowohl ihre Mutter wie auch ihr Mann ein kleines Büro, das sie allerdings nur nutzten, wenn sie sich Arbeit vom Hauptsitz der Firma in Frankfurt mit nach Hause brachten.

Emilia setzte sich an ihren Schreibtisch und genoss für einen kurzen Moment die Ruhe in dem sonst so betriebsamen Großraumbüro, das sie sich mit mehreren Angestellten und einem Praktikanten teilte. Heute, am Freitag, war sie jedoch um diese Zeit allein, da die Kolleginnen und Kollegen ab dreizehn Uhr Feierabend machen konnten.

Emilia versuchte, konzentriert und effektiv zu arbeiten, spürte die Medikamente jedoch bleiern in ihrem Körper.

Als sie gegen achtzehn Uhr alles erledigt hatte und gerade Feierabend machen wollte, trat ihre Mutter aus ihrem Büro.

»Lia, ich wusste gar nicht, dass du noch hier bist.«

»Hallo, Mutter, ich habe gar nicht mitbekommen, dass du schon zu Hause bist. Ich wollte heute alles erledigen, da ich doch morgen nicht da bin.« Emilia ging auf ihre Mutter zu. »Hast du Joachim gesehen? Ist er auch schon aus Frankfurt zurück? Ich wollte ihn etwas fragen.«

»Ja, er ist …«

In diesem Moment trat Joachim aus Veras Büro und kam auf sie beide zu. »Lia, wie geht es dir? Hast du letzte Nacht einigermaßen entspannt weiterschlafen können?«

»Ja, danke.« Sie schaute von ihrer Mutter zu Joachim. »Hattet ihr eine Besprechung?« Die zwei hatten eigentlich immer etwas zu besprechen. Emilia wunderte sich manchmal, wie oft die beiden zusammenhingen, um die Geschicke der Firma zu leiten.

»Ja, deine Mutter und ich haben uns wegen der Präsentation der neuen Designerin nächsten Monat Gedanken gemacht. Wir haben mit Frau Simer nochmals besprochen, wie ihre erste Kollektion am besten zu präsentieren ist. Sie ist äußerst motiviert, und ihre Stücke sind wirkliche Hingucker. Ich glaube, ihre Modelinie Gieva wird hervorragend angenommen werden. Ich stehe dem Ganzen sehr positiv gegenüber. Deine Mutter sieht das allerdings etwas anders, aber ich denke, ich konnte sie überzeugen. Oder, Vera, was meinst du?«

Vera blickte ihn an und antwortete geringschätzig: »Dass du immer an diesen kleinen Designern Gefallen findest. Sie bringen uns lange nicht das Ansehen, das wir durch Tuzzi, Cavalli oder irgendeinen anderen berühmten Modemacher gewinnen würden.« Sie winkte ab und fügte resigniert hinzu: »Aber da du ja immer so ein gutes Händchen hast, muss ich dem Ganzen wohl oder übel zustimmen.«

Emilia sah bewundernd von ihrem Mann zu ihrer Mutter. Keiner konnte Vera so gewinnbringend überzeugen wie Joachim. Wenn sie sich auch anfangs stets gegen seine neuen Ideen sträubte, am Schluss gab sie meist doch nach. Und der Erfolg des seit Jahren gut gehenden Unternehmens gab Joachim recht. Er war wirklich erstklassig in dem, was er tat.

Joachim wandte sich Emilia zu. »Hast du alles erledigt?«

»Ja, habe ich. Ich wollte von dir nur wissen, ob die Akte von Herrn Marodia abgelegt werden kann oder ihr noch etwas hinzugefügt werden muss?«

»Nein, die kann wieder ins Archiv, danke.«

»Kommst du mit zum Essen? Maja hat heute Abend Lammkoteletts zubereitet«, meinte Vera.

Emilia schluckte. Ihre Mutter wusste genau, dass sie Lamm hasste. »Danke, nein. Ich werde mir ein Brötchen schmieren und dann gleich ins Bett gehen. Ich bin immer noch nicht ganz fit.«

»Gut, Liebling.« Joachim beugte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Wir sehen uns dann morgen.«

»Ja, bis dann.« Emilia drehte sich um und ging zurück zum Schreibtisch. »Ach, übrigens …«, sie hielt kurz inne und blickte abwechselnd zu Joachim und ihrer Mutter, »… ich fahre morgen nach Mainz zum Shoppen und treffe mich abends mit einer Freundin. Ich weiß nicht, wann ich wieder zurück bin.«

Joachim, der bereits an der Tür stand, fragte irritiert: »Mit wem triffst du dich denn? Hast du mir das schon erzählt?«

Über den Kontrollwahn ihres Mannes verärgert, entgegnete Emilia nur kühl: »Es handelt sich um eine alte Klassenkameradin, die du nicht kennst.«

»Gut. Na, dann viel Spaß.« Ohne weiteres Interesse zu zeigen, verließen Joachim und Vera das Büro.

Emilia seufzte erleichtert auf und ließ sich in ihren Schreibtischstuhl fallen. Erneut schossen ihr tausend Bilder durch den Kopf. Ihr Hirn arbeitete auf Hochtouren, und sie grübelte hadernd über ihre Zukunft nach – ihr Leben. Was würde es noch für sie bereithalten?

Sie blickte aus dem Fenster zum Hof und sah die blühenden Weinreben, die sich an der sonnigen Hauswand entlangschlängelten. Ihr Blick wanderte weiter, und sie sah aus dem anderen Fenster auf den Rhein, beobachtete den Ausflugsdampfer, der gemütlich über den Fluss schipperte. Sie dachte kurz darüber nach, wie es wäre, einfach mitzufahren, egal, wohin – nur weg!

Sie nahm ihren MP3-Player vom Schreibtisch, setzte die Kopfhörer auf und lauschte der Musik von Moonset Road. Als der Gesang des blonden Frontsängers ertönte, überlief sie ein Schauer. Er hatte eine der fantastischsten Stimmen, die sie je gehört hatte, und sah obendrein auch noch zum Anbeißen aus – und konnte so wunderbar küssen. Emilia musste lachen.

Wenn sie seiner Stimme lauschte und die Liedtexte für sich übersetzte, überfiel sie jedes Mal ein unglaubliches Glücksgefühl, verbunden mit einem Kribbeln im Bauch, das ihr ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Sie liebte die markante und gefühlvolle Stimme von Panu Turunen – Erotik pur. Sie schüttelte bei dem Gedanken schmunzelnd den Kopf – was verstand sie schon von Erotik?!

×××

Emilia saß an einem der Holztische auf der Terrasse des In-Cafés Alex vor dem Mainzer Staatstheater und genoss einen prickelnden Aperol Spritz. In unmittelbarer Nähe spielte ein junger Straßenmusiker, vermutlich aus Peru, auf seiner Panflöte. Im Moment gab er Guantanamera zum Besten.

Ihr gefiel, was sie hörte. Verträumt beobachtete sie das bunte Treiben um sich herum. Es war ein herrlich warmer Sommertag, und die Menschen wirkten fröhlich. Vom Nachbartisch, an dem sich angeregt ein junges Paar unterhielt, wehte Zigarettenrauch herüber. Emilia schnupperte und bekam plötzlich Lust, auch einmal wieder eine zu rauchen. Sie zögerte. Sollte sie die beiden fragen, ob sie sich eine schnorren dürfe? Sie kaufte sich nur äußerst selten ein Päckchen, denn das bewahrte sie davor, diesem Laster zu oft nachzugeben. »Entschuldigung, wäre es sehr unverschämt, wenn ich Sie um eine Zigarette bitten würde?«

Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Überhaupt nicht. Hier, bitte.« Er hielt ihr sein Päckchen hin und gab ihr Feuer.

»Vielen Dank.« Emilia inhalierte genüsslich den Rauch und lehnte sich zurück. Sie blickte weiter auf das Geschehen um sie herum und fing an zu träumen. Sie dachte an das kleine Seekonzert von Moonset Road, welches in zwei Wochen stattfinden sollte. Ihr war schon klar, dass es ein wenig albern war: An einem Tag versuchte sie, das Ganze zu vergessen, am anderen hoffte sie auf eine Wiederholung. Sie hatte ihrer Freundin Eva erzählt, dass sie gern zu diesem Konzert gehen wollte und es doch ein prima Anlass wäre, sich wieder einmal zu sehen und den Abend dort gemeinsam zu verbringen. Eva hatte nicht nachgefragt, warum oder wieso, sondern sofort zugesagt und Emilia versprochen, ihre Beziehungen spielen zu lassen, um an Karten zu kommen.

Emilia schreckte aus ihren Tagträumen auf, als ihr Handy klingelte. Sie musste etwas länger in ihrer großen Handtasche kramen, um es zu finden. »Ja?«

»Hallo, Süße, sitzt du?«

Erfreut erkannte Emilia die Stimme ihrer Freundin. »Hallo, Eva. Ja, warum, ist etwas passiert?«

»Samstag, den 23. Juli, fahren wir in den Odenwald und hören uns so eine Rockband aus dem hohen Norden an. Eine Pension habe ich bereits gebucht. Ich hole dich ab.«

»Eva, veräpple mich nicht. Ehrlich?«

»Habe ich dich schon jemals belogen? Natürlich ehrlich. Da wolltest du doch so gern hin, oder?«

»Ja …« Emilia lachte erfreut auf. »Das wollte ich wirklich. Wie hast du das geschafft?«

»Betriebsgeheimnis, Süße. Freu dich einfach. Wir beide machen uns mal wieder einen schönen Abend. Ich muss Schluss machen. Bis dann.«

Ungläubig starrte Emilia auf ihr Handy und lächelte dabei selig. Ihre Freundin war wirklich ein Phänomen. Was diese Frau alles fertigbrachte, war beeindruckend. Emilia hätte zu gern gewusst, wie sie die Sache mit den Karten angestellt hatte. Doch eigentlich konnte es ihr egal sein, sie war einfach nur happy, dass sie mit Eva auf das Konzert gehen würde.

Emilia schloss erneut die Augen und ließ ihrer Fantasie freien Lauf.

In Gedanken war sie schon bei dem Samstag des Konzerts. In zwei Wochen würde sie ihn wiedersehen. Ihr Herzschlag erhöhte sich augenblicklich, und ein Ziehen breitete sich in der Magengegend aus. Noch vierzehn Tage!

[...]

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Über Mary Kuniz

Mary Kuniz, geboren 1970 in Offenbach am Main, arbeitete nach ihrer Ausbildung zunächst einige Zeit in Irland und im Anschluss auf einem Kreuzfahrtschiff. Seit 1999 lebt sie mit Ehemann und drei Kindern in einem beschaulichen Dorf in Rheinhessen. Ihren Traum vom Schreiben verwirklichte sie sich mit dem ersten Band ihrer romantischen Finnland-Reihe Versuchung küsst finnisch. Es folgten Band zwei Liebe lebt finnisch und drei Für immer und finnisch sowie der erste Band ihres Zweiteilers Nur dieser eine Tag.

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Impressum

© 2019 der E-Book-Ausgabe Feelings – emotional eBooks

Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Redaktion: Julia Feldbaum

Illustration: Wiktoria Matynia / Shutterstock.com

Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Coverabbildung: © FinePic®, München

ISBN 978-3-426-44559-4

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