Vertrautes Verlangen - Maisey Yates - E-Book

Vertrautes Verlangen E-Book

Maisey Yates

0,0
2,49 €

oder
Beschreibung

Eigentlich sollte sie gleich vor den Traualtar treten, doch die Finanzexpertin Hannah Weston steht in einer fremden Hotelsuite, in ihrem Brautkleid, mit einem anderen Mann: Eduardo Vegas hat sie entführt! Ihr Exmann! Dem Imperium des spanischen Tycoons droht der Ruin, und nur sie allein kann es retten. Weigert sie sich, macht Eduardo ihr dunkles Geheimnis publik … In Barcelona liefern sie einander heftige Machtkämpfe - und erobern mit derselben Leidenschaft den Himmel der Lust. Hanna ist wie im Rausch. Doch darf dieses unbändige Verlangen all ihre ursprünglichen Pläne durchkreuzen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 201

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



IMPRESSUM

Vertrautes Verlangen erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Thomas BeckmannRedaktionsleitung:Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)Produktion:Jennifer GalkaGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2012 by Maisey Yates Originaltitel: „A Game of Vows“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIABand 2126 - 2014 by CORA Verlag GmbH, Hamburg Übersetzung: Simone Calvo

Umschlagsmotive: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format in 04/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733777845

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook.

1. KAPITEL

Hannah Weston fluchte, als sie auf den Saum ihres Hochzeitskleides trat und dabei fast darüber gestolpert wäre. Die Augen fest auf das Display ihres Smartphones gerichtet, verfolgte sie konzentriert die Zahlenkolonnen, die dort in schneller Abfolge erschienen. Sie hatte versprochen, heute ausnahmsweise einmal nicht zu arbeiten.

Sie hatte gelogen.

Die Börse hatte heute zwar geschlossen, aber sie hatte einen Tipp bekommen, den sie unbedingt noch überprüfen musste, bevor sie ihr Eheversprechen abgab. Sie legte großen Wert darauf, dass sich ihre Kunden jederzeit auf sie verlassen konnten. Und Zack würde es ja nicht erfahren.

Ohne von ihrem Smartphone aufzublicken, ließ Hannah sich auf den Rücksitz der Limousine fallen und raffte ihr Kleid zu einer duftigen Wolke aus Satin, um es vor Schmutz und Beschädigung zu schützen, dann schloss sie energisch die Wagentür hinter sich.

„Immer wieder aufregend, so eine Hochzeit.“

Hannah erstarrte. Das Blut drohte ihr in den Adern zu gefrieren, als der Wagen anfuhr und sich in den regen Verkehr der Straßen San Franciscos einordnete. Diese Stimme. Sie kannte diese Stimme!

Sie holte tief Luft und hob dann langsam den Kopf. Im Rückspiegel begegnete sie einem Paar durchdringend blickender dunkelbrauner Augen.

Diese Augen kamen ihr ebenfalls sehr bekannt vor. Sie kannte keinen anderen Mann, der einen ähnlich intensiven Blick hatte. Von Zeit zu Zeit sah Hannah seine Augen in ihren Träumen noch immer vor sich. Und nur allzu oft handelte es sich dabei um Albträume.

Eduardo Vega. Mit ihm hatte sie am allerwenigsten gerechnet.

„Wie recht du hast! Ich werde gleich heiraten. Wenn ich dich also bitten dürfte, ein wenig schneller zu fahren …“ Sie würde sich nicht von ihm in Verlegenheit bringen lassen. Vielmehr würde sie ihn in Verlegenheit bringen. Schon als sie noch in New York gearbeitet hatte, hatte sie mehr Mumm in den Knochen gehabt als so mancher Mann auf dem manchmal ausgesprochen rutschigen Parkett der Börse. An der Wall Street hatte man sie regelrecht gefürchtet. Und nun war sie eine anerkannte Größe in der internationalen Finanzwelt; eine überaus einflussreiche Finanzexpertin, mit der man rechnen musste. Sie kannte keine Angst.

„Ich glaube nicht, dass du heute heiraten wirst, Hannah. Es sei denn, du möchtest wegen Bigamie im Kittchen landen.“

Hannah sog scharf die Luft ein. „Ich bin keine Bigamistin!“

„Du bist nicht ledig.“

„Oh doch, das bin ich. Unsere Scheidung …“

„… wurde nie vollzogen. Und falls du mir nicht glaubst, kannst du gern Nachforschungen anstellen.“

Hannah zog sich der Magen zusammen, ihr wurde ein wenig schwindelig.

„Was hast du getan, Eduardo?“

Seinen Namen auszusprechen hatte nichts Vertrautes. Sie konnte sich auch nicht erinnern, dass das jemals so gewesen wäre. Im Grunde war er ihr immer fremd geblieben – ihr Exehemann.

„Ich?“ Wieder trafen sich ihre Blicke im Rückspiegel. Er lachte spöttisch, weiße ebenmäßige Zähne blitzten auf. „Ich habe gar nichts getan.“

„Ich glaube dir kein Wort! Ich habe die Scheidungspapiere unterzeichnet. Das weiß ich ganz genau.“

„Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn du eine gültige Adresse angegeben hättest, dann hätten dir alle Papiere ordnungsgemäß zugestellt werden können. Denn nur in diesem Fall wäre unsere Scheidung rechtskräftig geworden. Aber das ist ja nicht deine Art, nicht wahr? Läufst du noch immer davon, wenn es brenzlig wird, Hannah?“

Heißer Zorn überwältigte sie. „Du Mistkerl! Du gemeiner Mistkerl!“ Sie schloss den Browser ihres Smartphones und begann, mit hastigen Bewegungen auf den Touchscreen einzutippen.

„Was tust du da, Hannah?“

„Ich rufe die Polizei.“

„Was ist mit deinem Verlobten?“

Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. „Nein. Ich möchte Zack nicht damit belasten …“

„Soll das heißen, du hast ihm nichts von deinem rechtmäßigen Ehemann erzählt? Das ist aber keine gute Voraussetzung für eine Heirat.“

Sie konnte Zack nicht anrufen. Und sie durfte es nicht zulassen, dass Eduardo auch nur in Zacks Nähe kam. Das würde alles zerstören, was sie sich in den letzten neun Jahren mühevoll aufgebaut hatte. Sie war ungeheuer wütend darüber, dass Eduardo diese Macht über sie besaß.

Hannah biss die Zähne zusammen. „Nun, Erpressung ist auch keine besonders gute Grundlage für eine Heirat.“

„Nennen wir es eine Vereinbarung, mi tesoro. Erpressung ist ein sehr hartes Wort.“

„Es war Erpressung. Und so, wie du dich verhältst, sieht es ganz danach aus, als würdest du damit weitermachen wollen.“ Sie atmete tief durch. Sie durfte Eduardo nicht allzu sehr reizen, denn das würde das Problem nicht lösen. Das Problem, das darin bestand, so schnell wie möglich zum Hotel zu gelangen, wo alles für die Hochzeitszeremonie vorbereitet war.

„Bevor ich gleich die Wagentür aufreiße und einfach herausspringe, sag mir: Was willst du von mir? Was kann ich tun, damit ich dich so schnell wie möglich wieder loswerde?“

Eduardo schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, du wirst mich nicht so schnell los, wie du vielleicht hoffst. Ich werde dich jetzt in mein Hotel bringen, wo wir uns in Ruhe miteinander unterhalten können.“

Hannah lächelte spöttisch. „Und was tust du, wenn ich jetzt doch die Polizei rufe und ihnen erkläre, dass ich gerade entführt worden bin?“

„Hannah Mae Hackett!“

Sie zuckte zusammen. Der Name klang eigenartig fremd in ihren Ohren, so lange hatte sie ihn nicht mehr gehört.

„Wage es nicht noch einmal, diesen Namen laut auszusprechen!“, herrschte sie den Mann am Lenkrad an.

„Dein Name gefällt dir nicht? Das wundert mich nicht, wenn man bedenkt, dass du dir einen neuen zugelegt hast.“

„Meine Namensänderung war vollkommen legal. Ich heiße jetzt Hannah Weston.“

„Nun, deine Stipendien hast du dir aber auf illegale Art und Weise erschlichen, genauso wie die Aufnahme für die Universität in Barcelona, für die du deine Abschlusszeugnisse gefälscht hast.“

Hannah biss die Zähne fest aufeinander, ihr Herz raste. Eduardo hatte sie in die Enge getrieben. „Eine ähnliche Unterhaltung haben wir schon einmal geführt. Und – nur für den Fall, dass du dich nicht mehr daran erinnern kannst – danach hast du mich gezwungen, dich zu heiraten. Du hast damals gedroht, mich zu verraten, wenn ich es nicht tue.“

„Die Heirat war doch nur eine Farce.“

„Leider war wohl auch unsere Scheidung nur eine Farce.“

Eduardo stoppte den Wagen vor einem kleinen, aber augenscheinlich sehr edlen Hotel. Marmor, Goldverzierungen und Hotelpagen in tadellos sitzenden Uniformen zeugten von dem luxuriösen Ambiente des Hauses.

Einer der Hotelpagen nahm die Autoschlüssel entgegen, und Eduardo öffnete Hannahs Wagentür. „Moment mal … hast du den Wagen etwa gestohlen?“, fragte sie und zeigte vage in Richtung der eindrucksvollen Limousine.

Als Eduardo sich zu ihr hinunterbeugte, musste Hannah gegen den Drang ankämpfen, vor ihm zurückzuweichen. „Ich habe ihn dem Fahrer abgekauft. Ich sagte ihm, er solle sich einen neuen Wagen kaufen. Einen noch schöneren.“

„Und es hat ihn überhaupt nicht interessiert, dass er eigentlich mich hätte abholen sollen?“

„Ich habe ihm genug Geld für zwei neue Limousinen gegeben. Da hat er wohl das Interesse an dir verloren.“ Eduardo zuckte mit den Schultern. „Die Welt ist voll von eigennützigen und unehrlichen Menschen. Gerade du müsstest das doch wissen, mein Herzblatt.“

Hannah schnaubte, raffte den Rock ihres Kleides bis über die Knie und stieg aus dem Wagen, ohne Eduardos Hand zu ergreifen, die er ihr entgegengestreckt hatte. Dann richtete sie sich kerzengerade auf und ließ den Rock los, sodass sich der Stoff wasserfallartig um ihre Beine ergoss. Mit der rechten Hand griff sie nach ihrem Schleier und strich sich den feinen Stoff mit einer ungeduldigen Geste aus dem Gesicht. „Du sagst das gerade so, als würdest du nicht zu den unehrlichen Menschen zählen, von denen du da sprichst, mein lieber Ehemann.“

Hannah musterte Eduardo. Er war groß und sehr gut gebaut, beeindruckend in seiner ganzen Erscheinung. Er sah fabelhaft aus in seinem gutsitzenden Anzug, das weiße Hemd ließ seinen bronzefarbenen Teint strahlen; seine dichten schwarzen Haare berührten den Kragen seines Hemdes.

Und Eduardo sah nicht nur sehr gut aus – schließlich gab es viele gut aussehende Männer, die nicht den geringsten Eindruck auf sie machten –, nein, Eduardo strahlte eine natürliche Autorität aus, die sie stets bewundert hatte. Auch wenn sie sich das selbst nur ungern eingestand.

Ohne ihn weiter zu beachten, lief sie an ihm vorbei und versuchte, den vertrauten Duft seines Aftershaves und das verräterische Kribbeln in ihrem Bauch zu ignorieren. Sie atmete tief durch. Sie musste sich konzentrieren. Sie musste unbedingt herausbekommen, was Eduardo von ihr wollte, sodass sie so schnell wie möglich wieder von hier verschwinden konnte.

„Mrs Vega, Mr Vega.“ Eine Frau, von der Hannah annahm, sie sei die Hotelmanagerin, kam hinter der Rezeption hervor und näherte sich Hannah mit einem strahlenden Lächeln. „Ich freue mich, Sie in unserem Haus begrüßen zu dürfen! Mr Vega erzählte mir schon, dass er dieses Mal seine Braut mitbringen würde. Das ist ja so romantisch!“

Hannah musste ihre Lippen fest aufeinanderpressen, um nicht einen derben Fluch auszustoßen.

Eduardo, der gerade ebenfalls die Hotellobby betreten hatte, stellte sich neben Hannah und legte ihr wie selbstverständlich einen Arm um die Taille. Es war, als würde ihr die Luft zum Atmen genommen. Einen Moment lang, einen verrückten kurzen Moment lang, wollte sie sich an ihn schmiegen. Seinen muskulösen Körper spüren. Aber der Moment ging schnell vorüber.

„Sehr romantisch“, antwortete er und bedachte die Managerin mit einem charmanten Lächeln.

„Ich hoffe, es gibt eine Minibar im Zimmer?“, erkundigte sich Hannah schroff und entfernte sich einen Schritt von Eduardo.

Die Hotelmanagerin, auf deren Namensschild zu lesen war, dass sie Maria hieß, zuckte zusammen. „Wir haben ein Fläschchen gekühlten Champagner auf ihrem Zimmer bereitgestellt.“

„Wir brauchen mindestens drei davon“, entgegnete Hannah.

Wieder zuckte Maria zusammen. „Ich …“

„Sie macht nur einen Scherz“, erklärte Eduardo gelassen.

Hannah schüttelte energisch den Kopf. „Ich habe mich schon vor der Hochzeitszeremonie betrunken. Und ich ziehe es vor, auch den Rest des Tages in diesem Zustand zu verbringen.“

„Wir gehen jetzt wohl besser auf unser Zimmer“, stieß Eduardo zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und fasste Hannah am Ellenbogen.

„Bringen Sie uns mehr Champagner!“, rief Hannah über ihre Schulter hinweg der verdattert dreinblickenden Managerin zu, als Eduardo sie mit einer nachdrücklichen Geste in Richtung Fahrstuhl bugsierte.

Als sich die vergoldeten Türen langsam hinter ihnen schlossen, erlosch das Lächeln in Eduardos ebenmäßigem Gesicht.

„Das war aber gar nicht nett von dir, Hannah.“

Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn triumphierend an. In Wahrheit fühlte sich nicht halb so selbstsicher, wie sie sich gab, aber sie hatte gelernt, sich stark zu geben. „Was hast du denn? Ich war hervorragend als deine frischangetraute Braut! Ich finde, ich bin eine wirklich gute Schauspielerin.“

Er warf ihr einen gelangweilten Blick zu. „Dein ganzes bisheriges Leben war ein einziges Schauspiel. Erwarte jetzt bitte keinen Applaus von mir.“

Hannahs Lächeln gefror zu einer Maske. „Du bist schuld! Du hast mich in diese Situation gebracht. Ich bin völlig verzweifelt.“

„So? Das merkt man dir aber gar nicht an. Ich finde, du wirkst erstaunlich gefasst, wenn man bedenkt, dass dein Bräutigam gerade allein vor dem Altar steht und vergeblich auf dich warten wird.“

Sie biss sich auf die Wange. „Ich habe nicht vor, Zack sitzen zu lassen. Ich möchte nur, dass du mir endlich sagst, was du von mir willst, und dann schnappe ich mir die Schlüssel für die Limousine, die du unrechtmäßig erworben hast, fahre zum Hotel und heirate ihn.“ Hannah sah Zack vor sich, wie er in seinem schwarzen maßgeschneiderten Smoking vor dem Altar auf sie wartete, vor all ihren gemeinsamen Freunden und Geschäftspartnern … bei dem Gedanken daran wurde ihr ganz übel.

„Ob du noch rechtzeitig zu dieser Zeremonie erscheinst oder nicht, ist vollkommen gleich. Die Heirat ist nicht legal, das habe ich dir doch schon gesagt.“

„Das kann nicht sein!“ Hannahs Stimme klang seltsam hohl.

„Wir sind noch immer verheiratet. Weil dir die fehlenden Unterlagen für eine rechtmäßige Scheidung leider nicht zugestellt werden konnten. So ein Pech.“

„Ich glaube dir kein Wort“, fuhr sie ihn ungehalten an, „du kanntest meine Adresse, du hättest doch dafür sorgen können, dass ich die Unterlagen erhalte!“

Das spöttische Lächeln auf Eduardos Gesicht vertiefte sich. „Es geschehen die merkwürdigsten Dinge auf dieser Welt, tesoro.“

Erst jetzt fiel ihr auf, wie sehr er sich verändert hatte. Er wirkte viel ernster als früher. Wie sehr hatte es ihn damals amüsiert, als er herausgefunden hatte, dass sie nicht die Frau war, die sie vorgegeben hatte zu sein. Noch mehr allerdings hatte es ihn amüsiert, seinen Vater ärgern zu können, der ihm damals aufgetragen hatte, endlich zur Vernunft zu kommen und zu heiraten, da Eduardo eines Tages die Leitung des Familienunternehmens übernehmen sollte. Und so hatte Eduardo sie, eine junge amerikanische Studentin ohne Geld und ohne jegliche Verbindungen, geheiratet.

Von seinem Übermut war nichts mehr zu spüren. Aber sie musste sich eingestehen, dass sie seine neue Ernsthaftigkeit sehr anziehend fand.

„Merkwürdig finde ich, dass du mich am Tag meiner Hochzeit entführt hast, Eduardo.“

„Nun ja, vielleicht bist du nicht ganz freiwillig mit mir gekommen. Aber du hättest dich wehren können. Du hättest die Polizei rufen können. Oder deinen Zack. Das hast du aber nicht getan. Du könntest problemlos dieses Zimmer verlassen und dir ein Taxi rufen, ich würde dich nicht aufhalten, das weißt du.“

„Aber du hast mich in der Hand. Du weißt alles über mich. Und ich …“

„Das ist allerdings wahr. Deine Klienten wären bestimmt sehr erstaunt, wenn sie erfahren würden, dass ihre kostspielige Finanzberaterin als junges Mädchen die Highschool abgebrochen und sich später mithilfe gefälschter Papiere die Aufnahme für eine der besten Universitäten Europas erschlichen hat.“

„Eine solche Information würde meinem guten Ruf als Finanzexpertin nachhaltig schaden.“ Hannahs Stimme klang matt, ein ungutes Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus.

„Das kann ich mir vorstellen. Wenn ich bedenke, wie erschrocken ich war, als ich die Wahrheit über deine Vergangenheit herausfand, damals, als du als Praktikantin in unserem Familienunternehmen gearbeitet hast …“

„Was meinst du, wie erschrocken ich war, als du mich gezwungen hast, dich zu heiraten? So etwas nennt man Erpressung.“

„Schon wieder benutzt du dieses Wort. Ich weiß nicht, ob man es ‚Erpressung‘ nennen sollte.“

„Du bist so unglaublich überheblich!“, fauchte Hannah ihn an. Sie kochte förmlich vor Wut. Laut der Uhr auf dem Nachttisch sollten die Hochzeitsfeierlichkeiten in fünf Minuten beginnen, und sie stand hier, in diesem luxuriösen Hotelzimmer, in ihrem Hochzeitskleid, mit einem anderen Mann. „Du hast immer alles bekommen, was du dir in deinem Leben gewünscht hast, Eduardo. Dein Einstieg in das Berufsleben war leicht, weil dein Vater dir von Anfang an den Weg geebnet hat. Ich hingegen musste mir alles hart erarbeiten, und vielleicht … vielleicht war ich in früheren Jahren nicht immer ganz ehrlich.“

„Nicht immer ganz ehrlich? Nun, ich denke, juristisch gesehen, würde man es wohl schlicht und einfach als Betrug bezeichnen“, erwiderte Eduardo lässig.

„Du hast doch nicht den blassesten Schimmer, wie es ist, wenn man niemanden hat, der einem hilft, und man sich nur auf sich allein verlassen kann.“

„Du hast natürlich vollkommen recht. Ich kann ja gar nicht wissen, was Schwierigkeiten sind, nicht wahr?“ Eduardos Lippen verzogen sich zu einem zynischen Lächeln, sein Blick war hart. Hannah hatte ihn noch nie so gesehen.

„Die einzige Schwierigkeit in deinem Leben hat doch darin bestanden, dass dein Vater von dir verlangt hat, dass du dein Leben als Partylöwe und ewiger Junggeselle aufgibst und dir eine Frau zum Heiraten suchst. Und was hast du getan? Du hast dir eine Amerikanerin ausgesucht, die weder katholisch noch in der Lage war, ihrem Ehemann etwas einigermaßen Essbares auf den Tisch zu zaubern. Du hast dich für unglaublich gewitzt gehalten, weil du deinem Vater zwar nachgegeben, dich seinen Wünschen aber nicht wirklich gebeugt hast. Und ich habe natürlich mitgemacht. Was hätte ich denn auch tun sollen? Ich hätte meinen Job verloren. Ich hätte von der Universität abgehen müssen. Für dich war das alles bloß ein unterhaltsames Spiel, aber für mich ging es damals um sehr viel mehr.“

„Du tust gerade so, als hätte ich dir irgendetwas angetan, Hannah, dabei wissen wir doch beide, dass das nicht der Fall gewesen ist. Du hattest dein eigenes Schlafzimmer. Ich habe dir einen Teil des Penthouses zur Verfügung gestellt. Ich habe mich nicht in dein Leben eingemischt und dich zu nichts gezwungen. Ich habe mich an unsere Abmachung gehalten und dich nach sechs Monaten gehen lassen. Und du bist gegangen – mit dem Geld, das ich dir gegeben hatte.“

Hannah ballte ihre Hände zu Fäusten. „Ich habe das Geld nicht angerührt.“ Sie hatte es nicht über sich gebracht, das Geld für sich zu verwenden. Eduardo verlassen zu müssen, oder genauer gesagt, seine Familie und die Stadt verlassen zu müssen, die ihr sehr ans Herz gewachsen waren, war ihr nicht leichtgefallen. Und sie hatte sich für ihre Unehrlichkeit der Familie gegenüber sehr schlecht gefühlt. „Wenn du deine zehntausend Dollar zurückhaben willst, ist das jederzeit möglich. Ich habe das Geld auf einem Konto angelegt. Und die Zinsen kannst du auch haben.“

„Natürlich, du bist ja jetzt eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau, das war mir im Moment entfallen.“

In diesem Augenblick fühlte sie sich ganz und gar nicht wie eine erfolgreiche Geschäftsfrau. „Oh ja, das bin ich.“

Eduardo machte einen Schritt auf sie zu. „Du bist Expertin für Geldanlagen und Finanzgeschäfte.“

„Finanzplanung, Aktiengeschäfte, Anlagestrategien – du sagst es, darin bin ich eine anerkannte Expertin.“

„Und das ist der Grund, weshalb ich dich brauche.“

„Was soll das heißen? Ist das Unternehmen deines Vaters in finanziellen Schwierigkeiten?“

„Das kann man so nicht sagen.“ Er wandte den Blick von ihr ab und sah mit unbewegter Miene zum Fenster hinüber. „Mein Vater ist vor zwei Jahren verstorben.“

Sofort hatte Hannah das Bild des eindrucksvollen Mannes vor Augen, den Eduardo seinen Vater hatte nennen dürfen. Miguel Vega war eine außergewöhnliche Persönlichkeit gewesen. Den Menschen in seiner Umgebung hatte er viel abverlangt. Und doch war er stets voller Güte gewesen – gegenüber seinen Mitarbeitern und gegenüber seiner Familie. Auch gegenüber seinem Sohn, der sich ausschließlich seinen Vergnügungen hingegeben und sich geweigert hatte, das Leben allzu ernst zu nehmen. Und so hatte Miguel Vega im Interesse des Familienunternehmens seinen Sohn Eduardo schließlich dazu genötigt, zu heiraten und Verantwortung zu übernehmen. Eine zugegebenermaßen etwas überzogene Demonstration väterlicher Güte, aber es war sehr viel mehr, als Hannah jemals von ihrem eigenen Vater hätte erwarten dürfen.

„Das tut mir wirklich leid“, sagte sie mit gedämpfter Stimme. Aufrichtige Trauer breitete sich in ihrem Herzen aus. Auch wenn ihr Schwiegervater sicherlich nicht sonderlich viel von ihr gehalten hatte. Aber sie hatte nichts anderes verdient. Sie hatte ihn belogen. Soweit er informiert war, hatte sie seinen Sohn verlassen und der Familie den Rücken gekehrt, ohne eine Erklärung abzugeben.

„Ja“, Eduardo sah sie mit noch immer unbewegtem Gesichtsausdruck an, „und er hat mir die Leitung von Vega Communications überlassen.“

„Und das Unternehmen läuft nicht gut?“

Eduardos Augen verengten sich, aber er antwortete nicht.

„Soll ich mir die Bücher einmal ansehen? Das ist kein Problem. Aber das kann ich auch tun, nachdem ich Zack geheiratet habe.“

Er schüttelte den Kopf, seine Augen funkelten vor unterdrücktem Zorn. „Du wirst ihn nicht heiraten können, tesoro.“

Panik stieg in ihr auf. Die Zeremonie hätte längst beginnen müssen. Sie sah alles klar vor sich – die große, prächtig geschmückte Hochzeitskapelle des Hotels, die Dekoration in kräftigem Pink und Weiß, ihre wunderschöne Hochzeitstorte. Keine feierliche Hochzeitszeremonie in einer Kirche, sondern eine Hochzeitsparty, von der man noch lange sprechen würde.

Eine Hochzeit mit einem Bräutigam, der sie zwar nicht liebte, sie aber mochte und respektierte. Ein Bräutigam, der es nicht für einen ungeheuren Witz hielt, mit ihr die Ringe zu tauschen. Zack wollte mit ihr zusammenleben. Er mochte sie um ihrer selbst willen. Der Gedanke gefiel ihr, er war neu für sie, und er verlieh ihr ein gutes Gefühl.

„Es tut mir leid, Hannah, aber du musst mit mir zurück nach Spanien kommen.“ Wieder sah er an ihr vorbei in Richtung des Fensters. „Es ist Zeit, dass ich meine Frau zurück nach Hause bringe.“

„Nein. Ich komme ganz sicher nicht mit dir nach Spanien. Wie kommst du nur auf so eine Idee?“ Hannah trat einen Schritt zurück, der Stoff ihres Kleides knisterte leise, als sie an die Kante des Hotelbettes stieß.

„Es tut mir leid, Hannah, aber du hast keine andere Wahl. Es sei denn, du möchtest, dass ich dich höchstpersönlich zum Altar führe und du all deinen Gästen und deinem Bräutigam erklären musst, warum du ihn nicht heiraten kannst. Und warum du versucht hast, ihn in eine illegale Heirat zu verwickeln.“

„Das war doch keine Absicht! Ich hätte doch niemals eingewilligt, Zack zu heiraten, wenn ich auch nur geahnt hätte, dass unsere Scheidung nicht vollzogen worden ist.“

„Wenn dein Bräutigam erst einmal die Wahrheit über deine Vergangenheit erfährt, wird er dir sowieso nichts mehr glauben. Und falls er dir glaubt, wird er dich vielleicht nicht mehr heiraten wollen.“ Eduardos Mund verzog sich zu einem Lächeln, doch sein Blick blieb ernst. Auf einmal wurde Hannah von dem beängstigenden Gedanken überwältigt, dass ein völlig Fremder vor ihr stand.

Vielleicht hatte der Tod seines Vaters ihn tiefer getroffen, als sie vermutet hätte. Aber darum durfte sie sich nicht kümmern. Sie hatte genug damit zu tun, für sich selbst zu sorgen, so wie sie es schon ihr ganzes Leben lang getan hatte. Niemals hatte sich irgendjemand um sie gekümmert oder ihr geholfen, wenn es ihr einmal schlecht gegangen war.

„Du Mistkerl“, zischte sie.