Verwehte Wege - Udo Kollatz - E-Book

Verwehte Wege E-Book

Udo Kollatz

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Beschreibung

Was ist aus Themen geworden, die den Verfasser sein Leben lang beschäftigt haben? Kann man ihre Substanz vermitteln? Sind Wahrheiten überhaupt zu erkennen? Sogar echte Fotos verfälschen Realitäten oft stärker als von vornherein auf Täuschung angelegte Schlagwörter. Im Rückblick zeigt der Verfasser einige der Mechanismen, die dabei walten. – Weshalb konnte Entwicklungshilfe sich so weit von ihren Aufgaben entfernen? – Warum werden in Deutschland Themen so einseitig diskutiert? Steckte im Fall Gäfken/Daschner nicht preußische Zivilcourage? – Kann es gelingen, Vertrauen in Recht und Gesetz wiederherzustellen, nachdem wichtige Regeln der Europäischen Verträge – angeblich alternativlos – kurzerhand beiseite gewischt wurden, gerade als es auf sie ankam? Die Rechnung dafür wird uns noch präsentiert werden und wird uns teuer zu stehen kommen. – Ähnlich in Rußland. Putin konnte zwar eine orientalische Despotie wiederherstellen. Aber imperialer Glanz, flankiert und geschützt von einer Gängelung des Fernsehens, kann nicht verhindern, daß die Kosten dieser Politik gerade jenen Kreisen deutlich werden, auf die es bei einer Modernisierung Rußlands ankommt. – Praktizieren wir in Deutschland noch eine Schulpolitik mit Augenmaß und ruhiger Hand, die doch immer noch die besten Früchte trug? Bei aller Skepsis sind U. Kollatz' Rückblicke auf Verwehte Wege nicht düster. Und bei alldem ist es ihm nie um die eigene Person oder Position zu tun, sondern um Aufklärung, Demokratie und Freiheit. Gerade die ist bedroht. Die fröhliche Offenheit der Nachkriegszeit ist längst einer ferngesteuerten anonym inszenierten Verklemmtheit gewichen. 2007 erschien im Karin Fischer Verlag Udo Kollatz' erster Erinnerungsband »Kreuzwege – Wegkreuzungen, Jugenderinnerungen eines alten Mannes«. 2010 folgten ebenda weitere Erinnerungen unter dem Titel »Weite Wege – Aus dem zweiten Leben eines alten Mannes«.

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Verwehte Wege

Rückblicke eines alten Mannes

Udo Kollatz

Verwehte Wege

Rückblicke eines alten Mannes

karin fischer verlag

Du wirst vergehn, und Deiner Füße Spurwird bald kein Auge mehr im Staube finden …Wo kommst Du her? Wie lang bist Du noch hier?Was liegt an Dir?Unsterblich duften die Linden –

Ina Seidel

Inhalt

Warum ich weiter schreibe

I. Verblendungen

II. Fatale Signale – Leuchtfeuer oder Irrlichter?

III. Nelken, Blüten, Orange(n) und Mandarine(n)

VI. Tabus und Tabubrüche

V. Bildungen

VI. Knotenpunkte und Verknüpfungen

VII. Urteile, Vorurteile und Fragezeichen

VIII. Sinneswandel

IX. Frühlingserwachen in Finnland

X. Unerhörte Versuchungen

XI. Krebsgang

Epilog

Personenregister

Abkürzungen

Warum ich weiter schreibe

Längst bin ich über achtzig Jahre alt. Das ist nicht dramatisch, eher belustigend. Ich freue mich, daß ich entgegen aller Erwartung noch lebe. Nach meiner schweren Verwundung Ende März 1945 in Pillau gab es große Zweifel, ob ich auch nur den Abtransport überstünde, um danach bei gutem Verlauf vielleicht noch einige Zeit im Rollstuhl zu vegetieren. Zum Glück kam es anders. Jetzt habe ich – nicht zuletzt dank der großartigen Unterstützung durch meine Frau – die Folgen eines üblen Zusammenbruchs im Frühsommer dieses Jahres überstanden und komme allmählich wieder zu Kräften. Da höre ich zuweilen, daß ich noch ganz gut beieinander sei. Das ist wohl wahr, durchaus als Kompliment gemeint – aber ist es das wirklich?

Das Leben reduziert sich mehr und mehr aufs bloße Dasein. Aber auch das bringt Freude. Das Haus ist bestellt. Allerdings bin ich langsamer geworden. Alles kostet viel Kraft. Selbst bei alltäglichen Verrichtungen vergeht vom Entschluß bis zur Ausführung mehr Zeit. Zugleich genieße ich, daß ich mich nicht mehr zu beeilen brauche. Interessiert mich etwas, finde ich Muße genug, Einzelheiten nachzuspüren. Beschwerlichkeiten nehmen zu. Freunde sterben. Feinde verschwinden. Das ist normal. Man weiß, daß jeder Tag der letzte sein kann, den man ohne finales Siechtum verbringt.

Mich wundert zuweilen, daß ich im Rückblick manches in anderem Licht betrachte, es etwas anders beurteile als früher. Nicht alles, aber einiges. Zwar mußte ich meine früheren Ansichten noch nirgendwo total korrigieren, doch hier und dort ein wenig zu justieren waren sie schon. Dabei halte ich mich mit Bewertungen jetzt nicht mehr zurück. Längst abgehakte Fragen stellen sich plötzlich erneut in anderem Kontext. Was heute anders ist als früher, läßt manche Konturen des Vergangenen schärfer hervortreten, als sie damals wahrgenommen wurden. Man sieht deutlich, was wir seither gewonnen, aber man erkennt zugleich, was wir verloren haben.

So kommt es nach Kreuzwege – Wegkreuzungen, Jugenderinnerungen eines alten Mannes, wo ich mein Überleben in und nach dem Krieg und die wechselhafte Karriere bis zum Ausscheiden aus dem öffentlichen Dienst beschrieb, der Fortsetzung dieses ersten Berichts unter dem Titel Weite Wege, Aus dem zweiten Leben eines alten Mannes, worin die Entwicklung der Familie und die zweite Hälfte meines beruflichen Wirkens geschildert ist, jetzt zu einer abschließenden Retroperspektive: Verwehte Wege, Rückblicke eines alten Mannes. Es sind Betrachtungen aus größerer Distanz.

Wiederum geht es mir dabei nicht so sehr um die eigene Person. Wichtiger ist die Realität, in der sich das abspielte. Die erlebte Realität in einer sich ändernden Welt will ich schildern. Möglichst ohne altersbedingte Besserwisserei und Geschwätzigkeit. Ich hoffe, daß mir das einigermaßen gelingt, wo nicht, bitte ich um Nachsicht. Meine Perspektive bleibt subjektiv und individuell. Eben das ist ja die Her ausforderung: Was wirklich geschah, entspricht nicht immer jenen Klischees, unter denen Fakten und Epochen mit großem Eifer abgelegt werden, vor allem von »68ern« in ihrer verträumten Selbstbezogenheit. Andererseits behielt ich nicht immer recht, wo ich die Dinge zunächst anders einschätzte.

Aber kann man Realität wirklich vermitteln? Wahrheit erkennen? Noch gibt es die Felder, auf denen ich in der Gemarkung Büttelborn nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft im Sommer 1947 Kartoffeln gelesen oder Unkraut gejätet habe. Ich kann sie den Enkeln zeigen. Doch begreifen heutige Kinder, wie lang eine solche Ackerfurche damals sein konnte, wieviel Mühsal und Schmerzen im Kreuz diese Arbeit mit sich brachte? Nur um etwas mehr zum Essen zu haben. Schließlich will ich die Enkel weder mit so alten Geschichten belasten noch permanent langweilen.

Die Straße bis zur Bahnstation für die tägliche Fahrt zur Schule ist heute asphaltiert. Da fahren Autos. Damals war das je nach Wetterlage ein staubiger oder ein bei Regen sofort tief verschlammter Feldweg. Können die Enkel verstehen, was der Fußmarsch zur Bahn Tag für Tag bedeutete? Wenn das einzige Paar Schuhe jeweils über Nacht getrocknet und so gepflegt werden mußte, daß es am nächsten Tag wieder zu gebrauchen war? Wo sie doch ganze Regale voller Schuhe für jedes Wetter und jede Sportart haben. Die Kinder werden einen mitleidig und zugleich ratlos anschauen, ist es für sie doch selbstverständlich, bei Bedarf auch jederzeit über ein Fahrrad zu verfügen. Aber bei der Entlassung aus dem Lager brachten wir nur mit, was wir selbst vorher auf die Flucht hatten mitnehmen und tragen können. Vor der Währungsreform war es unmöglich, ein Fahrrad zu ergattern, und danach, als es wieder Fahrräder gab, blieben Räder für uns Flüchtlinge noch lange Zeit unerschwinglich. Diese Realität ist heute kaum noch zu vermitteln. Doch das verständliche Unverständnis der Enkel erinnert – bei geänderter Rollenverteilung – an die französische Königin Marie Antoinette. Die fragte, warum jene Leute, die da vor Hunger nach Brot schrien, dann nicht lieber Kuchen äßen.

Was also kann ein Rückblick leisten? Da sehe ich mich als Pathologen. Wie sich Ärzte erzählen, kann der Chirurg fast alles, obwohl er nichts versteht. Der Internist weiß zwar viel, kann aber wenig ausrichten. Erst der Pathologe erkennt und erklärt (nach der Obduktion) schließlich alles, nur nützt das dem verstorbenen Patienten nichts mehr. Durch Erfahrung gewitzigt, durchschaue ich vieles auf Anhieb. Den schaumschlagenden Wichtigtuer ebenso wie die Risiken oder Gefahren, die sich in manchen zunächst noch harmlos anmutenden Maßnahmen verstecken. Aber war es nicht offensichtlich, daß zum Beispiel eine Einrichtung wie facebook eine Mausefalle sein mußte, bei der privateste Dinge später auch für fremde Zwecke ausgewertet und kaum noch in die Privatsphäre zurückgeholt werden konnten? Millionen von Nutzern benötigten gleichwohl mehr als ein Jahrzehnt, um die Gefahren einer dauerhaften Speicherung intimer Äußerungen in kaum durchschaubaren Zusammenhängen zu erkennen – und darüber dann umso heftiger zu erschrecken.

Ebenso waren die Konstruktionsfehler beim Euro, die uns jetzt so teuer zu stehen kommen, von Anfang an evident. Aber selbst das hoch bezahlte Vorstandsmitglied einer Bank, das ich seinerzeit auf die Problematik eines einheitlichen Zinssatzes für den gesamten Euro-Raum ansprach, weil dieser Zins angesichts der strukturellen Unterschiede für Deutschland hoch, für andere Länder dagegen zu niedrig war, während das Ventil der Abwertung gesperrt blieb, ohne daß bereits eine einheitliche Wirtschaftspolitik in der Eurozone etabliert war, wollte die Gefährlichkeit dieser Diskrepanzen nicht wahrhaben. Ich habe mich damals einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht vor allem deshalb nicht angeschlossen, weil ich – abgesehen von der bescheidenen Erfolgsaussicht in dieser Phase – keine Möglichkeit sah, ein Gerichtsurteil sinnvoll zu vollstrecken, das eine Regierung zu einer besseren Politik verpflichten sollte.

Berühmt ist der Ausspruch von Gorbatschow: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.« Das trifft zu. Aber es ist nicht weniger wahr, daß das Leben oft denjenigen schnöde abblitzen läßt, für dessen Gedanken die Zeit noch nicht reif ist. Das habe ich mehr als einmal bitter erfahren. Später erwuchsen manche meiner zunächst verfrühten Überlegungen zu allgemeinen Überzeugungen. Insofern teilen Ideen das Schicksal technischer Erfindungen, die ihrer Zeit zu weit voraus sind.

Heute ist meine Beurteilung des Zeitgeschehens weder von Zielvorgaben eingeengt noch durch eigene Interessen oder Verpflichtungen getrübt. Ich brauche auch keine Fehler mehr zu machen, nur um daraus zu lernen. Aktiv handeln, konkret umsetzen kann ich in der – wie man jetzt so gerne sagt – vernetzten und globalisierten Welt in der mir bestenfalls noch verbleibenden Zeit ohnehin nichts mehr. Aber auch das bloße Durchdenken der Dinge behält seinen Wert. Zuweilen ergibt sich dabei eine Bilanz, in der Erfahrungen komprimiert sind. Heutige Akteure könnten, sofern es sie interessiert, aus alten Befunden noch manches lernen, was ihnen bei der Lösung ihrer eigenen Aufgaben vielleicht sogar hilft.

Ein letzter Grund zum Schreiben: Nach den Jugenderinnerungen fragte niemand, ob ich noch etwas zu publizieren gedächte. Insofern war der Bericht Aus dem zweiten Leben eines alten Mannes für viele eine Überraschung. Doch kaum waren die Weiten Wege erschienen, wurde ich öfter gefragt, ob jetzt nicht bald ein drittes Buch käme. Ich habe das abgewehrt. Selbst wenn ich dieses oder jenes noch erinnerte oder für wichtig hielt, genügend kompakten Stoff für ein Buch schien das zunächst kaum zu bieten. Deshalb wollte ich auf meine alten Tage allenfalls noch kleine Aufsätze schreiben, Essays, Leserbriefe oder Anmerkungen verfassen.

Aber das Leben ging weiter. Die »großen« Themen, die mich mein Leben lang begleitet hatten, waren keineswegs erschöpft. Alte Probleme wurden unversehens wieder virulent. Vor allem in der Entwicklungspolitik und in Rußland. Religiöser Wahn und Fanatismus ersetzten immer öfter Humanität, Toleranz und Recht. Bildungspolitik blieb ein Dauerbrenner. Andere Fragen stellen sich neu: Wie kann zum Beispiel das – wirklich »alternativlos«? – zerstörte Vertrauen auf die Verbindlichkeit von Gesetzen in unserer Generation wieder hergestellt werden? Zunächst vernachlässigte Details wurden plötzlich wichtig, ja ausschlaggebend. Und fast alles, was ich mir mit viel Phantasie für fiktive Geschichten hätte ausmalen können, verblaßte hinter den Absurditäten des tatsächlichen Geschehens. Für einen an Realitäten orientierten Rückblick war das mehr als genug.

Bei manchen Menschen, die mir auf ihre Art geholfen, mich gefördert und unterstützt haben, habe ich mich leider nicht so bedankt, wie es wohl angebracht gewesen wäre. Heute bereue ich das, kann es ihnen aber nicht sagen, weil ich sie nicht mehr erreiche.

Bonn, im Herbst 2014

I.

Verblendungen

Vieles hat sich verändert. Die gute alte Zeit war keineswegs besonders gut. Sie war allerdings auch nie so muffig, wie jene gerne behaupten, die den Kontrast brauchen, nur um sich selbst als frisch und wegweisend darzustellen. Daß neue Wege zuweilen in die Irre führen, daß eifrig propagierte Neuheiten bei näherer Betrachtung oft uralte Hüte sind, ficht ihre Adepten nicht an. Andererseits können alte Weisheiten neu aufkommende Fragen ebenfalls nicht immer beantworten. Gerade, wo es keine schnellen Antworten gibt oder geben kann, bleibt der nüchterne Blick auf die Fakten besonders wichtig. Doch wie kann man Fakten erkennen, was ist real, was ist wahr? Das wird allzu oft mit Fleiß verstellt, vernebelt oder verblendet.

Bilder täuschen

Wenn ein Bild im Fernsehen, auf dem Display des Mobiltelefons oder dem Monitor des Computers erscheint, wird das Gezeigte oft schon aufgrund seines bloßen Erscheinens für wahr gehalten. Hat man es nicht mit eigenen Augen gesehen? Das stimmt. Doch was man da vor Augen hat, ist meistens eine Inszenierung, im besten Fall ein mit Sorgfalt in guter Absicht ausgewählter Ausschnitt aus dem tatsächlichen Geschehen. Das ist leicht zu beweisen.

Bis zum Ende des letzten Jahrhunderts zeigten zum Beispiel Aufrufe zur Hilfe für Menschen in Not fast immer Bilder von Elendsgestalten, vor allem von Kindern, die durch Hunger völlig ausgezehrt waren. Seither ist die Not in solchen Fällen nicht geringer. Alle Kriege sind nach wie vor furchtbar, Überschwemmungen und Erdbeben schrecklich, Siechtum und Armut schlimm. Trotzdem sieht man seit einigen Jahren auf Bildern zur Spendenwerbung fast nur noch strahlende Gesichter. Kinder, die sich über ihre Suppe, über das saubere Trinkwasser oder die Medikamente richtig freuen, die da für sie gestiftet wurden. Die kleinen Krausköpfe, die sich mit ersichtlichem Genuß am Tisch vor dem ärmlichen, aber sauberen Zelt für Kriegswaisen ihren nahrhaften Brei einverleiben, schauen vergnügt in die Kamera. Sie zeigen mit afrikanisch fröhlichem Lachen dem Fotografen ihre blendend weißen Zähne. Ein schönes Bild. Ein echtes Foto. Es ist nicht einmal gestellt. Haben diese Kinder nicht in der Tat allen Grund zur Freude?

Doch von den Eltern dieser Waisenkinder, von den vielen anderen Erwachsenen und von allen weniger glücklichen Kindern, die zuvor auf der Strecke geblieben sind, von den Ursachen des Elends ist dabei nicht die Rede. Den Geretteten, die zum Glück überlebt haben, soll jetzt geholfen werden. Dafür wird um Spenden gebeten. Das ist löblich. Aber reicht das aus? Und was sagt uns diese gekonnt stilisierte Präsentation außerdem über die eifrigen Spendensammler und das Bild, das sie sich von uns als ihren Spendern machen, die sie auf diese Weise mit bester Erfolgsaussicht anzusprechen hoffen?

Wahre Bilder des wirklichen Elends brachten offensichtlich nicht genug Geld. Blanke Not schreckt ab. Folglich werben Hilfsorganisationen, die sich professionell beraten lassen, lieber mit »guten« Fotos. Die sind nicht falsch. Aber sie vermitteln kaum die Wahrheit. Zur gleichen Zeit verschaffen allerdings Bilder eines gekünstelten Ekels aus eigens dazu eingerichteten Dschungelcamps dem Fernsehen lukrative Einschaltquoten. Das Publikum, dem man das wahre Elend nicht zeigt, macht mit prickelnder Gänsehaut bei inszeniertem Elend begeistert mit. Auch das ist ein Faktum.

Schon unter Stalin und bei Hitler gab es Fotos, die für das Regime einen großen Symbolwert hatten und deshalb in entsprechend hoher Auflage offiziell verbreitet wurden. Da konnte es allerdings passieren, daß auf demselben Foto bei einem späteren Nachdruck eine bestimmte Person in der abgebildeten Gruppe nicht mehr zu sehen oder im Hintergrund des Bildes eine Kleinigkeit verändert war. Schließlich durfte das Volk auf keinen Fall durch eine Abbildung, die nun einmal zu den Ikonen des Regimes gehörte, überflüssigerweise auch noch an einen Mitkämpfer erinnert werden, der sich nach der allein maßgeblichen Meinung des Diktators als unzuverlässig erwiesen hatte und deshalb natürlich liquidiert werden mußte. Wurde der Betreffende später rehabilitiert, tauchte er in den Abbildungen plötzlich wieder auf. Dasselbe galt für Symbole, Szenen oder andere Ereignisse im Hintergrund, über die man jetzt lieber schwieg.

Immerhin konnte man früher in dem Bewußtsein, daß selbst Bilder möglicherweise trügen, bei einiger Anstrengung die Wirklichkeit meistens noch erkennen. Lügen waren leichter zu durchschauen. Heute aber erscheint oft erst das als wirklich und wahr, was virtuell inszeniert ist. Wenn zum Beispiel eine Schulklasse vor dem Isenheimer Altar steht, vor dem Bamberger Reiter oder wenn Schüler im Naumburger Dom die Stifterfiguren betrachten sollen, hat es für manche Kinder sein Bewenden damit, daß die Kunstwerke »ja genauso aussehen wie im Internet«, wie auf dem Display des sogleich voller Stolz den Schulkameraden gezeigten Geräts neuester Bauart. Erst solche Apps vermitteln den Schüler Fakten. Was sie hier real betrachten könnten, ist dort ja längst gespeichert, konserviert und jederzeit abrufbar. Allerdings wird eine Generation, die sich sogar bei direkter Konfrontation mit einem großartigen Original lieber auf dessen müdem Abklatsch konzentriert, so wie er auf dem superflachen oder raffiniert gewölbten Bildschirm erscheint, das Fluidum, den wahren Gehalt großer Kunst wohl nie verspüren, also – das ist der nachhaltig wirkende Verlust – im eigenen Leben später auch nie vermissen.

Trickreiche Trendsetter

Journalisten, die mit dem eigenen Namen für ihre Berichte einstehen, erfüllen als Mittler eine wichtige Aufgabe. Beim Netz dagegen weiß man nie so recht, wer hinter den Informationen steht. Journalisten sagen meistens, daß sie allgemeine Trends nicht erfinden, nicht machen, sondern bestenfalls verstärken können. Doch gerade bei den nach ihrer Selbsteinschätzung so objektiven und kritischen Journalisten existiert wiederum ein fataler Herdentrieb. Man nennt das »Rudel-Journalismus«. Wenn eine Person oder ein Thema zur Strecke gebracht werden soll, geht es nämlich kaum noch um eine mehr oder weniger saubere Berichterstattung. Dann geht es nur noch um die Teilnahme an der Jagd.

Andere Themen mögen zur gleichen Zeit wichtiger sein, sich geradezu aufdrängen. Aber niemand packt sie an. Stattdessen rennen alle hinter derselben Sache her, ähnlich wie Hunde hinter einem längst abgenagten Knochen. Ich hörte einmal ein typisches Telefongespräch zwischen einem Verleger/Herausgeber und seiner Redaktion: »Ich sehe da gerade etwas in der X-Zeitung. Haben wir das auch?« Beruhigende Antwort: »Ja, eine Meldung auf Seite 1 und mehr auf Seite 4.« – Die Frage, ob und warum das Thema jetzt wichtig, wahr und richtig war oder ob es überhaupt Beachtung verdiente, spielte keine Rolle. Hauptsache, wir hatten das auch.

Um die wirklich exklusive Meldung, um die große Sensation wird immer hart gekämpft. Da gibt es eine scharfe Konkurrenz. Aber das enge Zusammenhocken von Journalisten in ihren Kneipen, bei Pressekonferenzen und ähnlichen Gelegenheiten, das oft zermürbende gemeinsame Warten auf das Erscheinen sogenannter Prominenz bilden zugleich einen idealen Nährboden für das Aufkeimen des Herdentriebs. Schnell entwickelt sich dabei eine Art stillschweigender Konsens, daß bestimmte Personen oder Sachen jetzt hochzujubeln oder erst einmal zur Sau zu machen sind.

Nicht weniger irreführend sind Reportagen, die keine Fakten ermitteln, sondern vorgefaßte Meinungen der Rechercheure bestätigen und diesen den Anschein der Seriosität verleihen sollen. Ein illustratives Beispiel erzählte mir einmal Egon Bahr. Seiner nicht voll arischen Abstammung wegen von vielem ausgeschlossen, hatte er das Kriegsende in Berlin überlebt. Als dann die ersten Reporter aus dem Westen dort auftauchten, hielten ihn eines Tages zwei Journalisten an: Könne er – als beliebiger Mann auf der Straße angesprochen – wirklich aus eigener Kenntnis bestätigen, daß Russen deutsche Frauen vergewaltigt hätten? Als er das bejahte, ließen sie ihn brüsk stehen. »Da sind wir doch schon wieder an einen verstockten Nazi geraten«, bemerkte der eine Reporter zum anderem im Weitergehen.

Wie erklärt es sich, daß viele Deutsche, die keine Nazis waren, trotzdem in den Ruf kamen, bestimmte Greueltaten in den Konzentrationslagern standhaft zu leugnen? Ich habe dazu keine Statistik, auch keine Theorie. Mir genügt ein plausibles Beispiel. Auf die Frage: »Sie haben doch gewußt, daß die Juden ins Konzentrationslage gebracht und dort vergast wurden?« kam als Antwort ein lautes »Nein«. Um nun zu zeigen, daß er sich nicht so leicht abwimmeln oder gar für dumm verkaufen lasse, vielmehr ganz genau Bescheid wisse, legte der Befrager nach: »Die meisten Juden wurden direkt nach ihrer Ankunft in den Todeslagern in Gaskammern getrieben. Dort wurden sie vergast. Mit Zyklon B.« Und weiter: »Dann hat man den Leichen die Goldzähne herausgerissen und was sonst noch verwertbar war und sie anschließend in riesigen Krematorien verbrannt.« Doch je mehr die Befrager mit diesen und ähnlichen Details aufwarteten, desto heftiger wurde alles abgestritten. Warum? Weil solche Einzelheiten damals wirklich kein Außenstehender wissen konnte. Die Befragten, die das wahrheitsgemäß verneinten, waren keine verstockten Nazis. Im Gegenteil. Doch das, worüber sie jetzt so eindringlich mit konkreten Vorhaltungen befragt wurden, hatten sie tatsächlich nicht gewußt. Andererseits kannten sie insgesamt genügend Fakten, um das Schreckliche deutlich genug zu ahnen. Das hätten sie kaum abgestritten. Aber danach wurden sie nicht gefragt.

Hätte der Befrager zum Beispiel auf das erste »Nein« nicht – wie beim normalen Polizeiverhör – mit dem Vorhalt von Details reagiert, sondern sich mit seinen Fragen vorsichtig zurückgetastet, wären alsbald genügend konkrete Kenntnisse zutage getreten. Wer konnte leugnen, daß er vom Abtransport aller Juden aus Deutschland erfahren hatte? Daß von den Weggebrachten keine Lebenszeichen mehr kamen, daß ihre gesamte Habe und das Mobiliar aus ihren Wohnungen sofort geplündert, konfisziert und anderweitig, vor allem an Ausgebombte verteilt wurde? Da konnte, ja mußte man sich doch seinen Reim darauf machen! Das »daß« war demnach durchweg bekannt, nur vom »wo« und vom »wie« erfuhr der normale Bürger wenig Konkretes. Denn wie die Mordmaschinerie mit ihren Techniken bei reichsdeutschen Juden im Detail funktionierte, das blieb in der Tat als »Geheime Reichssache« bis zuletzt unbekannt, zumal die Wehrmacht an den Maßnahmen innerhalb Deutschlands nicht mitwirkte.

Wer damals wirklich Bescheid wußte, der war konkret damit befaßt gewesen, der gehörte zu den engeren Kreisen der Täter und hatte später erst recht allen Grund, darüber zu schweigen. Selbst im Ausland war die Vergasung mit Zyklon B, solange sie stattfand, bekanntlich kein Thema. Sogar die in Deutschland nur unter Lebensgefahr zu hörenden Feindsender, denen solche Informationen mehr als einmal zugespielt wurden, haben darüber kaum berichtet.

Bei meinem Rückblick geht es mir zwar immer um Fakten. Aber nicht nur um die Fakten. Denn was geschah und was wirklich geschieht, ist nur dann zutreffend zu bewerten, wenn auch die Möglichkeiten der Erkenntnis eines Zeitzeugen sowie die Absichten und Ziele jener angeblich objektiven Forscher und Wissensvermittler beachtet werden, die sich im nachhinein damit befassen.

II.

Fatale SignaleLeuchtfeuer oder Irrlichter?

Problematik, Erfolge, Schwierigkeiten und Fehlschläge von Entwicklungspolitik habe ich aus unterschiedlichen Perspektiven erfahren. Zuerst recht naiv bei punktuellen Initiativen der hessischen Landesregierung in Afrika, später professionell und verantwortlich bei der deutschen Bundesregierung (Kreuzwege, S. 303–358), schließlich auch als Gutachter und Berater von internationalen Organisationen und Wirtschaftsunternehmen (Weite Wege, S. 59–76). Doch warum bringt so viel guter Wille bei so viel Aufwand in so langer Zeit nur so wenig Ertrag? Warum führen gut gemeinte Versprechungen auf höchster politischer Ebene oft in die Irre, warum werden feierlich gegebene Zusagen fast nie erfüllt, obwohl die Bürger der Geberländer zu Opfern durchaus bereit sind? Zugleich bemühen sich christliche Kirchen und humanitäre Organisationen in direktem Kontakt mit bedürftigen Partnern abseits vom Tamtam internationaler Gipfelkonferenzen unverdrossen um die Linderung der gröbsten Not. Sie haben, gemessen am Aufwand, bei ihrer Arbeit mehr Erfolg als die staatlichen Geber mit einem viel größeren finanziellen Einsatz. Orientiert sich staatliche Hilfe etwa an falschen Kriterien, hat die Fehlsteuerung offizieller Hilfe vielleicht sogar Methode?

Seit vier Jahrzehnten sollen Geberländer jährlich 0,7 % ihres Bruttosozialprodukts (BSP) für öffentliche Entwicklungshilfe (ODA) aufwenden. Keines der großen Industrieländer hat das geschafft. Dessen ungeachtet wiederholt der Koalitionsvertrag, mit dem die Parteien CDU, CSU und SPD die Aufgaben der von ihnen am Ende des Jahres 2013 gebildeten großen Koalition (GroKo) für die 18. Legislaturperiode des deutschen Bundestages, also bis zum Jahr 2017, umschreiben, ohne weitere Begründung und ohne Differenzierung die Floskel: »Wir halten an dem Ziel fest, 0,7 % des Bruttonationaleinkommens für öffentliche Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung zu stellen.«

Steht dahinter Überzeugung, Unwissenheit oder einfach nur Angst? Denn wer das 0,7 %-Ziel in Frage stellt, gilt schnell als schlechter Mensch. Aber kaum jemand versteht oder fragt, was dieses Ziel bedeutet, warum es durchweg verfehlt wird und aus welchen Motiven die Interessenten – wer eigentlich ist das? – unbeirrt daran festhalten. Aufklärung darüber wäre nötig, wird aber unterlassen. Es fällt dagegen leichter, in einen Koalitionsvertrag hineinzuschreiben: »Wir wollen Deutschland weiter auf einem Finanzierungspfad zum 0,7-ODA-Ziel führen.« Ein Papier, auf dem solche Zusagen (?) fixiert werden, muß allerdings spezielle Qualitäten besitzen: Es muß besonders haltbar sein, weil der Weg immer noch weit ist. Außerdem extrem geduldig, weil trotz aller Führung die unverdrossene Wanderschaft auf diesem Pfad ihr Ziel vorerst nicht erreichen wird, wie sehr man sich auch mit starken Worten darum bemüht. Mit dem Bundeshaushalt 2014 werden bisher nur etwa 0,38 % realisiert.

Daß es in den statistischen Definitionen von BSP und ODA im Laufe dieser Jahrzehnte geringfügige Änderungen aus technischen Gründen gegeben hat, fällt bei den Analysen und Berechnungen, denen wir hier nachgehen, nicht weiter ins Gewicht. Wir können diese Details getrost vernachlässigen. Wichtig bleibt die Frage, was sich tatsächlich hinter der Formel von 0,7 % verbirgt, worum es dabei in der Sache eigentlich geht.

Im Märchen »Das steinerne Herz« wünscht sich der unbedarfte Jüngling, immer so viel Geld in der Tasche zu haben wie der von ihm beneidete reiche Dorfprotz. Damit kann er zunächst gut leben. Bis er dem Reichen eines Tages alles Geld beim Kartenspiel abnimmt. Da hat er selbst plötzlich auch nichts mehr.

Hätten uns Banken- und Schuldenkrisen nach dem Jahr 2009 wirklich gravierend gebeutelt, hätte Deutschland bei geschrumpftem BSP mit der Auszahlung der zuvor in den Haushalt eingestellten Beträge das 0,7 %-Ziel fast erreichen können. Wirtschaftlich wäre das für uns allerdings eine Katastrophe gewesen und für die dann endlich einmal ausreichend bedachten Entwicklungsländer kaum weniger fatal. Zum Glück kam es anders. Was also besagt eine Meßlatte, die so funktioniert?

Frieden und Rechtssicherheit werden dabei nicht gewertet. Auch bei direkten Hilfszahlungen gibt es Zweifel. Entscheidender Faktor beim 0,7 %-Ziel ist nämlich das grant element. Was zählt, ist allein das Geschenk. Das hört sich gut an. Aber Maßnahmen, die in den letzten Jahren eine vernünftige Entwicklungsstrategie realisiert, die den Armen tatsächlich geholfen, den Hunger gemindert, Not spürbar gelindert und Fortschritt bewirkt haben, das waren zum Beispiel Kleinkredite, um armen Frauen auf dem Land bescheidene Investitionen zu ermöglichen.

Kredite sind keine Geschenke. Das im Verzicht auf bankübliche Sicherheiten liegende grant element blieb bei diesen Kleinkrediten gering, das Ausfallrisiko war kaum erwähnenswert. Frauen, die solche Kredite bekamen, wirtschafteten solide. Konnten sie doch Haustiere anschaffen, ihre Kinder besser ernähren, Eier und Jungtiere auf lokalen Märkten verkaufen, vielleicht sogar ein Kind zur Schule schicken. Die moderaten Zinsen und Tilgungsraten wurden von ihnen durchweg pünktlich entrichtet. Diese Frauen haben dabei Selbständigkeit erfahren, sich im Rechnen, Denken und Planen über den Tag hinaus geübt. Soweit Hilfsorganisationen bei solchen Projekten als Garanten, Kapitalgeber oder Instruktoren mitwirkten, verrichteten sie gute Werke. Doch beim Erreichen des 0,7 %-Zieles schlug sich das kaum nieder, umso weniger, je besser es funktionierte.

Es gab bei diesen Kleinkrediten ja nicht einmal Umschuldungen oder Schuldenerlasse, die ein anrechenbares grant element wenigstens nachträglich aufgepäppelt hätten. Mithin wurden wichtige Ziele jeder Entwicklungspolitik – nämlich Emanzipation von armen Frauen, Verbesserungen für Kinder – damit effektiv verwirklicht, ohne beim 0,7 %-Ziel zu zählen. Dagegen wäre ein Fehlschlag, also ein Bankrott der Kreditgeber und deren nachfolgende »Rettung« durch offizielle Hilfegeber für das 0,7 %-Ziel »positiv«, als Hilfeleistung nämlich, zu verbuchen gewesen. Doch nur bei den ersten Experimenten mit Kleinkrediten gab es solche Fehlschläge.

Natürlich sind die zum Aufbau einer Infrastruktur notwendigen Investitionen für Straßen, Energie oder sauberes Trinkwasser mit Kleinkrediten nicht zu finanzieren. Aber es ist schon viel gewonnen, wenn solche Kleinkredite ein weiteres Absinken der Menschen in Armut, Hunger und Hoffnungslosigkeit verhindern. Mit vollem Recht hat deshalb der »Erfinder« der erfolgreichen Kleinkredite, Muhammad Yunus, im Jahre 2006 dafür den Friedensnobelpreis erhalten. Seine Verdienste als Chef der von ihm gegründeten Grameen-Bank werden auch nicht dadurch geschmälert, daß seine Verabschiedung nach Erreichen der Altersgrenze mit unerfreulichen Querelen verbunden war. Genauso wenig ist ihm anzulasten, daß seine Idee zuweilen pervertiert wurde. Geschäftemacher und Drückerkolonnen haben für eine schnell kassierte Vermittlungsprovision unerfahrenen Landfrauen Kleinkredite für Konsumzwecke aufgeschwatzt. Dann kam das bittere Ende zwangsläufig. Wer sich mit Hilfe des Kredits zum Beispiel ein Transistorradio anschaffte, geriet schnell in die Zinsknechtschaft. Mit dem Radio war nichts zu verdienen. Jede neue Batterie kostete zudem weiteres Geld. Wurde aber eine Ziege angeschafft, die irgendwie noch mit durchgefüttert werden konnte, gab dieses Tier normalerweise auch Milch und bekam dann und wann vielleicht sogar ein Zicklein. Zinsen und Tilgung des Kleinkredits für solche produktiven Investitionen waren dadurch leichter aufzubringen

Das 0,7 %-Ziel:Allgemein und unverbindlich

Am 19. November 1970 verabschiedete die Vollversammlung der Vereinten Nationen (VN) eine Resolution, nach der sich die Industrieländer anstrengen sollten, spätestens ab 1975 Jahr für Jahr Kapital im Volumen von 0,7 % ihres BSP als öffentliche Hilfe in Entwicklungsländer zu transferieren. Zusammen mit privaten Investitionen sollte der Transfer 1 % betragen. Das hatten angesehene Staatsmänner und Wirtschaftsexperten (Pearson-Kommission) empfohlen. Die Erfahrungen aus den ersten Jahrzehnten nach der Entkolonialisierung zeigten nämlich, daß punktuelle Hilfen, Spenden und Almosen nicht ausreichten, um den Menschen in den vormaligen Kolonien überall in angemessener Zeit zu einem menschenwürdigen Dasein zu verhelfen.

Die Annahme jener Resolution geschah im Konsens. Das ist ein auf internationalen Konferenzen gern geübtes Verfahren, bei dem der Vorsitzende ohne förmliche Abstimmung allgemeine Zustimmung konstatiert. Der Text der Resolution enthielt freilich weder konkrete Verpflichtungen, noch wurden die Leistungen der Geber auf eine Gesamthöhe oder eine Zeitspanne begrenzt. Diese Unbestimmtheit ermöglichte den Konsens. Bei den VN war das Problem damit vom Tisch. Aber die Aufgabe selbst blieb ungelöst. Zugleich war mit dieser Unverbindlichkeit ein Schwelbrand gelegt, der seither das Klima zwischen den westlichen Industrieländern und vielen Entwicklungsländern belastet. Denn wer einem Kranken ein Medikament auf ewige Zeit verspricht, kann von dessen Wirksamkeit nicht überzeugt sein. Mit einer Genesung des Patienten rechnet er kaum. Ebenso wenig hofft ein Kranker auf Heilung, der von nun an auf Dauer ein bestimmtes Medikament einnehmen soll. Davon abgesehen: Jeder normale Beipackzettel warnt aus gutem Grund vor der weiteren Einnahme einer Medizin, wenn die erhoffte Wirkung in einer vertretbaren Zeitspanne ausbleibt.

Wer war damals angesprochen? Die größte zu jener Zeit real existierende Kolonialmacht, die Sowjetunion, fühlte sich nicht betroffen. Jeder Gedanke an eine Wiedergutmachung für imperialistisches Unrecht lag ihr fern. Der Schah von Persien konnte ebenfalls zufrieden sein. Der Iran hatte seine Unabhängigkeit stets irgendwie behaupten können, war also nie unter Kolonialherrschaft geraten. Doch Entwicklungshilfe nahm man – vor der Ölkrise! – auch dort gerne entgegen. Die OPEC spielte erst später eine Rolle.

Geberländer waren im Wesentlichen die USA und Kanada, Japan, Australien und Neuseeland, England, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Österreich und Italien, die Benelux-Länder und die skandinavischen Staaten.

In seiner vagen Form wurde das 0,7 %-Ziel in der Folgezeit des öfteren bekräftigt. Der ursprüngliche Geberkreis blieb im Wesentlichen unverändert. Neue Mitglieder der OECD, der EU oder der Europäischen Währungsunion leisten zwar ebenfalls Entwicklungshilfe, bekennen sich deshalb aber nicht automatisch zum 0,7 %-Ziel. Die arabischen Staaten in der OPEC bilanzierten ihre Leistungen von Anfang an ohnehin separat. China, das sich neuerdings stark in Afrika engagiert, verfolgt damit ausschließlich eigene wirtschaftliche Interessen. Eine Entwicklung Afrikas um der dort lebenden Menschen willen ist kein Ziel der chinesischen Politik. ODA und das 0,7 %-Ziel sind für China ohne Belang.

Motive, Prinzipien und Kontrollen