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Finn Hoffmann ist verschwunden. Ein Junge, der bisher in den Augen der meisten nur ein stiller Nerd ohne nennenswerte Freunde war, wird plötzlich zum Zentrum eines schockierenden Verbrechens. Als ein verstörendes Video auftaucht, das ihn in großer Gefahr zeigt, beginnt für seine Familie, seine Mitschüler und die Polizei ein Wettlauf gegen die Zeit. Kommissar Andreas Müller und sein Team stehen vor einem Rätsel. Das Video, das in den sozialen Medien rasend schnell viral geht, ist brutal und erschütternd. Doch es wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Wo ist Finn? Wer steckt hinter dieser grausamen Tat, und was ist das Motiv? Während die Ermittlungen voranschreiten, stoßen Andreas und seine Partnerin Sarah Lange auf immer mehr Ungereimtheiten. Je tiefer sie graben, desto verworrener wird das Netz aus Lügen, Halbwahrheiten und verdeckten Geheimnissen. Marie Schäfer, eine Schülerin, die Finn seit einiger Zeit heimlich bewundert, wird plötzlich in das Zentrum der Ermittlungen gerückt. Hat sie mehr über Finn gewusst, als sie preisgibt? Und was verheimlicht Claudia Meier, Finns Lehrerin, die eine unerwartete Nähe zu ihm pflegt? Während die Polizei versucht, die Puzzleteile zusammenzusetzen, wird klar, dass niemand in Finns Umfeld wirklich unschuldig ist. Doch das eigentliche Geheimnis liegt tiefer. In einer Welt, in der nichts so ist, wie es scheint, sind Wahrheit und Täuschung eng miteinander verwoben. Mit jedem Schritt, den die Ermittler in Richtung Aufklärung machen, geraten sie tiefer in eine Geschichte, die weit über das hinausgeht, was sie sich vorstellen konnten. "Verzerrte Wahrheit" ist mehr als nur ein Thriller - es ist eine psychologische Reise in die Abgründe der menschlichen Psyche. Ein Spiel mit der Realität, das den Leser bis zur letzten Seite in seinen Bann zieht. Wer ist Opfer, wer ist Täter? Und was passiert, wenn die Grenzen zwischen ihnen verschwimmen? In einer Welt voller technischer Möglichkeiten und manipulativer Macht stellt dieser fesselnde Thriller die Frage: Wie weit würdest du gehen, um dein Leben in die eigenen Hände zu nehmen? Begleiten Sie Kommissar Müller und sein Team auf einer spannenden Suche nach der Wahrheit, die in einem explosiven Finale gipfelt - und entdecken Sie die dunklen Seiten der menschlichen Natur.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Kapitel 1: In den Fängen der Dunkelheit
Kapitel 2: Das virale Bild
Kapitel 3: Am Rande des Möglichen
Kapitel 4: Unklare Spuren
Kapitel 5: Was verborgen liegt
Kapitel 6: Die Nachricht
Kapitel 7: Einbruch der Realität
Kapitel 8: Countdown
Kapitel 9: Am Limit
Kapitel 10: Die Vorahnung
Kapitel 11: Neue Bilder
Kapitel 12: Reaktionen
Kapitel 13: Vertrauen und Zweifel
Kapitel 14: Die Botschaft
Kapitel 15: Abwägen
Kapitel 16: Was davor geschah
Kapitel 17: Plötzlich weg
Kapitel 18: Aus dem Nichts
Kapitel 19: Unter Druck
Kapitel 20: Keine Zeit mehr
Kapitel 21: Die Wahrheit dahinter
Kapitel 22: Entscheidung
Kapitel 23: Neuanfang
Kapitel 24: Epilog
»Was ein Mythos niemals enthält,
ist die kritische Kraft,
seine Wahrheit
von seinen Irrtümern
zu trennen.«
Walter Lippmann
Ich habe nie verstanden, warum Menschen so blind und schwach sind. Sie stolpern durch ihr Leben, gefangen in einem Netz aus Regeln und Illusionen, das sie selbst gesponnen haben.
Schon früh erkannte ich, dass diese Welt nicht für Menschen wie mich gemacht ist – Menschen, die mehr sehen, die mehr verstehen, die bereit sind, das zu nehmen, was ihnen zusteht.
Sie sprechen immer von Disziplin, von harter Arbeit und vom »Verdienen«. Sie glauben, dass man sich Respekt und Erfolg erarbeiten müsse. Narren! Die nicht begreifen können, dass die wahre Macht nicht in der Arbeit liegt, sondern in der Kontrolle! In der Fähigkeit, die Schwächen der anderen zu erkennen und sie für die eigenen Ziele zu nutzen. Vielleicht ist es diese Klarheit, diese Kälte, die mich stark gemacht hat. Das Wissen, dass Liebe und Verständnis nichts weiter sind als Werkzeuge, die man benutzen kann, um seine Ziele zu erreichen.
Denn das ist die Wahrheit: Jeder Mensch ist ein Mittel zum Zweck.
Es gibt Momente, in denen du erkennst, dass die Dunkelheit stärker ist als du. Was passiert, wenn die Dunkelheit, die du beherrschen willst, dich beherrscht?
Diese Frage habe ich mir nie gestellt – bis es zu spät war. Denn egal, wie stark du bist, wie klug oder vorsichtig:
Es gibt Momente, in denen du erkennen musst, dass du nur eine Spielfigur in einem größeren Spiel bist.
In der Dunkelheit gibt es keine Regeln, keine Gnade. Sie stellt keine Fragen, sie gibt keine Antworten. Sie nimmt alles, was du bist, und lässt nur das zurück, was du fürchtest. Ich habe es selbst erlebt. In der Dunkelheit siehst du, wie schnell alles, was du bist, verschwinden kann.
Diese Geschichte ist keine einfache Erzählung von Leid und Erlösung. Sie beginnt dort, wo andere scheitern – in der Dunkelheit.
Es ist die Wahrheit, wie ich sie sehe, wie ich sie gestaltet habe. Und sie beginnt genau dort, wo alles begann. Dort habe ich zum ersten Mal verstanden, was es bedeutet, alles zu verlieren – und alles zu gewinnen.
Vielleicht wirst du denken, dass du verstehst, was hier geschieht. Aber die Dunkelheit hat viele Gesichter, und nicht alle sind so offensichtlich, wie sie scheinen. Jedes Licht wirft Schatten, und manchmal ist es dieser Schatten, der die Wahrheit verbirgt.
Also frage ich dich:
Was wirst du sehen, wenn das Licht erlischt?
IN DEN FÄNGEN DER DUNKELHEIT
Die Luft in diesem Raum ist so schwer, dass sie sich wie eine unsichtbare Last auf meine Brust legt, jede Bewegung, jeder Atemzug ist mühsam. Der modrige Geruch von feuchtem, verrottetem Holz und abgestandener Luft beißt in meiner Nase und zwingt mich, flach zu atmen. Es ist, als würde dieser Gestank wie giftiger Schleier meine Lungen füllen und mich von innen heraus zersetzen.
Meine Hände sind hinter meinem Rücken an den Stuhl gefesselt, die groben Seile schneiden in die Haut meiner Handgelenke und lassen meine Finger langsam taub werden. Jeder kleinste Versuch, mich zu bewegen, schickt Schmerzwellen durch meine Arme, die sich wie heiße Drähte durch meinen Körper ziehen. Die Panik droht mich zu überwältigen, doch ich kämpfe verzweifelt dagegen an.
Jetzt nicht. Nicht in diesem Moment.
Die Dunkelheit ist allumfassend, und meine Augen haben längst aufgegeben, nach irgendeinem Licht zu suchen. Sie finden nichts.
Kein Anhaltspunkt, keine Orientierung.
Es ist, als wäre ich in einem schwarzen Loch gefangen, ohne Anfang und ohne Ende. Die Stille, nur durchbrochen von meinem eigenen Herzschlag und dem leisen tropfen von Wasser irgendwo in der Ferne, verstärkt das Gefühl der Isolation. Es ist, als ob die Zeit selbst hier keinen Einfluss mehr hat, dehnt sich endlos aus, während ich warte – auf was genau, weiß ich nicht.
Meine Gedanken rasen, springen von einem Punkt zum nächsten, ohne sich festzuhalten. Ich spüre, wie meine Hände leicht zittern, nicht nur vor Angst, sondern auch vor dem Unwissen, was als Nächstes kommen wird. Bilder und Erinnerungen flackern vor meinem inneren Auge auf, doch sie sind verschwommen, ungreifbar wie Nebel, der in der Dunkelheit verloren geht.
In einem verzweifelten Versuch klammere ich mich an diese flüchtigen Erinnerungen, versuche, einen klaren Gedanken zu fassen, doch es ist, als würde mir alles durch die Finger gleiten. Die Zeit scheint stillzustehen, dehnt sich endlos in der Finsternis, während ich warte.
Dann, ganz plötzlich, durchbricht ein Geräusch die erdrückende Stille.
Schritte.
Sie hallen durch den Raum, schwer und gleichmäßig, wie das unaufhaltsame Ticken einer Uhr. Meine Muskeln spannen sich an, mein Atem wird flacher.
Die Tür öffnet sich mit einem langsamen, quälenden Quietschen, und ein greller Lichtstrahl dringt in den Raum, schneidet durch die Dunkelheit und trifft mein Gesicht.
Ich blinzele, die plötzliche Helligkeit schmerzt in meinen Augen, und ich drehe den Kopf zur Seite, weg von dem Licht. Aber bevor ich reagieren kann, packt eine Hand grob mein Haar und zwingt meinen Kopf nach oben.
»Sieh mich an!« Die Stimme ist tief, verzerrt und unmenschlich, als käme sie aus einer Maschine. Sie lässt keinen Raum für Widerstand. Meine Augen tränen, doch ich zwinge mich, in das Licht zu schauen.
Die Silhouette einer Gestalt tritt aus dem blendenden Schein hervor, groß und bedrohlich. Ich kann nicht viel erkennen, nur den Umriss, und das Glänzen von etwas Metallischem in ihrer Hand – eine Pistole.
Mein Atem stockt.
Es ist eine Makarov PM, ein syrisches Modell, alt, aber tödlich. Das Schwarz des Metalls ist stumpf, doch die Kanten sind scharf. Ein solches Stück sieht man nicht oft – sie hat eine Geschichte, das ist klar. Eine Geschichte, die mit Gewalt und Schmerz geschrieben wurde. Der Anblick der Waffe lässt mir das Blut in den Adern gefrieren, und ich spüre, wie die Panik, die ich so verzweifelt unterdrückt habe, erneut in mir aufsteigt.
»Sag es!« Die Stimme ist eisig, dringt direkt in meinen Kopf. Ich zögere, aber nur für einen kurzen Moment. Ich muss sprechen. Sie dürfen nicht denken, dass ich widerstehe.
»Bitte ...«, meine Stimme ist ein Flüstern, kaum mehr als ein Hauch, die ganze Situation ist surreal. »Ich ... ich brauche Hilfe. Sie verlangen Geld ... viel Geld. Wenn es nicht bezahlt wird ... dann ...«
Ich stocke.
Tränen laufen über meine Wangen.
Die Kamera, die auf mich gerichtet ist, bleibt regungslos, als wäre sie das Auge eines Raubtiers, das seine Beute beobachtet.
Mein Herz schlägt wie ein Vorschlaghammer in meiner Brust, doch ich kämpfe darum, ruhig zu bleiben. »Ich flehe euch an, helft mir! Ich will hier nicht sterben!«
Ein Klicken.
Ich kenne dieses Geräusch – die Pistole wird entsichert. Kaltes Metall drückt sich plötzlich unter mein Kinn, zwingt mich, den Kopf weiter nach oben zu neigen, zwingt mich in das emotionslose Kameraauge zu blicken.
Ich spüre die Kälte der Waffe, die wie Eis meine Haut berührt. Die Kälte sticht wie eine Rasierklinge. Sie breitet sich wie ein Strom aus und durchzieht meinen ganzen Körper.
»Sag es!«, befiehlt die Stimme, ruhig und kontrolliert.
»Bitte ... ich ... ich werde alles tun, was ihr wollt.« Ich blicke direkt in die Kamera und suche Hilfe in den Augen des Betrachters des Videos. »Bitte, helft mir ... ich kann das nicht ... ich kann das nicht länger ertragen.«
Meine Worte sind zittrig, und ich spüre, wie meine Kehle trocken wird, wie die Panik versucht, die Kontrolle zu übernehmen. Tränen laufen nun in Strömen über meine Wangen, echte Tränen, geboren aus der Angst und der Verzweiflung dieses Moments.
Es ist, als würde ich mich selbst von außen betrachten, gefangen in einem Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt.
Die Gestalt beugt sich vor, und ich spüre ihren heißen, feuchten Atem auf meiner Wange, ein widerlicher Hauch, der nach abgestandener Zigarette und billigem Alkohol riecht. Ein Zittern durchläuft meinen Körper, doch ich bin machtlos.
»Gut ...«, sagt die Stimme, jetzt leiser, doch umso bedrohlicher. Der Hauch von Zufriedenheit in ihren Worten lässt einen kalten Schauer über meinen Rücken laufen.
»Aber, dass erst Anfang ...«, fügt sie hinzu, mit einer fast genüsslichen Langsamkeit. »... Es gibt viel mehr, was du durchmachen.«
Die Worte hallen in meinem Kopf wider, bohren sich wie Nadeln in mein Bewusstsein, und ich weiß, dass jede Sekunde hier ein weiterer Schritt in Richtung meines unausweichlichen Untergangs ist.
Ein Schauer läuft über meinen Rücken, und ich kann das Zittern in meinen Beinen nicht unterdrücken.
Was meinen sie damit?
Wie weit werden sie gehen?
Der Gedanke, dass dies alles nur ein Vorgeschmack ist, lässt meine Nerven vibrieren. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich das noch ertragen kann.
Die Pistole wird langsam von meinem Kinn entfernt, doch die Erleichterung, die ich spüre, ist nur von kurzer Dauer. Die Kamera bleibt auf mich gerichtet, und ich weiß, dass jede Sekunde dieses Albtraums festgehalten wird.
Die Stimme spricht wieder, diesmal fast beiläufig »Noch letzte Worte für jetzt?«
Mein Mund öffnet sich, aber kein Ton kommt heraus. Meine Gedanken rasen, doch ich finde keine Antwort.
Ich schüttle kaum merklich meinen Kopf.
Plötzlich, ohne Vorwarnung, trifft mich ein harter Schlag an der Schläfe. Die Wucht des Schlags trifft mich mit der Kraft eines Vorschlaghammers.
Schmerz durchzuckt meinen Schädel.
Ein greller Blitz, der meine Welt in zwei Hälften spaltet.
Für einen schrecklichen Moment bin ich mir nicht sicher, ob mein Schädel nicht einfach zerborsten ist, so intensiv ist der Aufprall.
Das warme Blut, das über meine Wange läuft, hinterlässt eine feuchte, klebrige Spur. Die Dunkelheit kehrt zurück, diesmal noch tiefer und alles verschlingend. Mein Bewusstsein schwindet, und das Letzte, was ich fühle, ist die Kälte des Bodens, der mich in die Tiefe zieht.
DAS VIRALE BILD
Das Bild auf dem Bildschirm friert ein. Das letzte Bild des Videos zeigt das blutverschmierte Gesicht des Jungen, den ich schon so oft auf Schulbildern in der Zeitung gesehen habe – Finn Hoffmann. Sein Kopf ist zur Seite geneigt, das Haar klebt ihm an der Stirn, und aus der Schläfe sickert Blut, das sich langsam über seine Wange zieht. Die Kamera ist starr, emotionslos, sie zeichnet jeden grausamen Moment auf, ohne ein Zeichen von Mitleid oder Gnade.
Ich starre auf das Bild, unfähig, meinen Blick abzuwenden. Die Stille im Raum ist erdrückend, nur das monotone Summen des Computers durchdringt die Luft. Mein Magen zieht sich zusammen, ein Gefühl, das mir nur allzu vertraut ist. Es ist, als ob ein eisiger Knoten sich in meinen Eingeweiden zusammenzieht, ein dunkler Schatten, der jedes bisschen Wärme und Hoffnung verschlingt.
Wie oft habe ich solche Szenen schon gesehen?
Zu oft.
Und doch trifft es mich jedes Mal wieder, wie ein Schlag in die Magengrube.
Aber es war meine eigene Entscheidung. Als Kriminalhauptkommissar beim Bundeskriminalamt habe ich mich bewusst dafür entschieden, mich dieser Dunkelheit zu stellen, die Abgründe der menschlichen Seele zu ergründen und das Schlimmste zu sehen, was Menschen einander antun können. Es ist der Preis, den ich für diese Berufung zahle.
Doch manchmal frage ich mich, wie viel von mir selbst ich dabei verloren habe. Wie viele dieser Szenen ich noch ertragen kann, bevor die Dunkelheit auch mich verschlingt.
Die Kälte, die in diesen Videos steckt, die gnadenlose Brutalität, mit der das Leben eines Menschen zur Schau gestellt wird – es lässt mich nicht los.
Es ist, als würde ich jedes Mal ein Stück von mir selbst verlieren, wenn ich so etwas ansehen muss. Doch dieses Mal fühlt es sich noch anders an, noch schwerer.
Ich atme tief ein, versuche, meine Gedanken zu ordnen, doch sie wirbeln wie ein Sturm durch meinen Kopf, lassen mich keinen klaren Gedanken fassen. Finn Hoffmann, 17 Jahre alt, gerade mal ein Junge, der sein ganzes Leben noch vor sich hat, auch wenn er eher wie 2θ aussieht.
Dieses ist jetzt in den Händen von jemandem, der offensichtlich keine Skrupel hat, es zu beenden.
Oder schlimmer: es Stück für Stück zu zerstören. Meine Finger ballen sich unwillkürlich zu Fäusten, die Nägel graben sich in meine Handflächen, als könnte ich den Schmerz damit unterdrücken. Es bringt nichts, hier sitzen zu bleiben und das Bild anzustarren. Es gibt Arbeit zu tun.
Finn ist noch irgendwo da draußen, lebendig, wenn auch nicht mehr lange, wenn man dem Video Glauben schenken darf. Doch ist es echt? Oder nur eine weitere grausame Inszenierung, um uns in die Irre zu führen?
Verdammte Social Media.
Früher wurden solche Videos nur an die Familie geschickt, als eine letzte, grausame Botschaft.
Heute verbreiten sie sich in Sekunden über das Netz, finden ihre Wege zu Millionen von Menschen, die auf ihren Bildschirmen gaffen und schaudern. Jeder Klick, jeder Like treibt diese Wahnsinnigen nur weiter an.
Und dieses verdammte Video? Es ist schon überall! Wir können es nicht mehr löschen lassen. Es ist einfach überall ... schöne neue Welt ...
Ich zwinge mich, aufzustehen, reiße meinen Blick von dem Bildschirm los. In meinem Kopf formt sich ein Plan, Schritte, die unternommen werden müssen. Aber der Gedanke, dass dieses Video jetzt in den Händen von Tausenden, vielleicht Millionen Menschen ist, die es teilen und weiterverbreiten, macht mich krank.
Der Gedanke, dass Finns Leiden zum Schauplatz für die Sensationsgier einer entfesselten Masse wird, lässt mich erschaudern.
Was muss in einem Menschen zerbrochen sein, um so ein Video zu machen?
Was für ein Monster muss man sein, um so etwas zu tun?
Und was für ein Monster ist in der Lage, solche Taten zu genießen?
Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich das frage, aber eine Antwort habe ich nie gefunden.
Ich greife nach meinem Telefon, wähle die Nummer meines Teams. Es gibt keine Zeit zu verlieren. Jeder Moment, den wir zögern, bringt Finn seinem Tod näher. Aber es ist nicht nur das. Es ist mehr als das. Es geht darum, diese Menschen zu stoppen, bevor sie noch mehr Schaden anrichten können.
»Müller hier«, sage ich in den Hörer, meine Stimme ist rauer, als ich erwartet habe. »Wir müssen alles in Bewegung setzen. Finn Hoffmann, 17 Jahre alt, ist in akuter Lebensgefahr. Und sein Entführer spielt mit uns. Bringen Sie das Team zusammen, wirtreffen uns in der Einsatzzentrale. Sofort.«
Ich lege auf, werfe einen letzten Blick auf das eingefrorene Bild auf dem Bildschirm. Finns blutverschmiertes Gesicht hat sich tief in mein Gedächtnis gebrannt. Es wird mich verfolgen, bis wir ihn finden – lebendig oder tot.
»Ich werde dich finden, Finn«, murmele ich leise, fast als Versprechen. »Das schwöre ich dir.«
Die Tür zur Einsatzzentrale fällt hinter mir ins Schloss, und ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Es ist früh am Morgen, doch das grelle Neonlicht und das stetige Summen der Computerbildschirme machen deutlich, dass hier keine Zeit für Müdigkeit oder Pausen ist. Mein Team ist bereits versammelt, die Gesichter angespannt, alle Augen auf mich gerichtet. Es gibt keinen Raum für Smalltalk, keine Zeit für Aufwärmübungen. Was ich ihnen gleich zeigen werde, duldet keinen Aufschub.
Sarah Lange, meine Partnerin, steht an einem der Bildschirme und wirft mir einen fragenden Blick zu, als ich den Raum betrete. Ihre braunen Augen verraten, dass sie ebenso erschüttert ist wie ich, auch wenn sie es nicht offen zeigt.
In all den Jahren, die wir zusammenarbeiten, hat sie gelernt, ihre Emotionen in solchen Momenten zu kontrollieren. Aber heute, das weiß ich, ist es anders. Heute geht es um ein junges Leben, das auf der Kippe steht, und das Gefühl der Anspannung ist allgegenwärtig.
»Andreas, was hast du für uns?« Sarahs Stimme ist ruhig, aber ich spüre die Spannung darunter. Sie versucht, ihre Gefühle zu verbergen, doch ich kenne sie zu gut. Das leichte Zittern in ihrer Stimme verrät ihre innere Unruhe.
Ich nicke ihr zu und gehe zum zentralen Bildschirm, der in der Mitte des Raumes thront. »Ich habe gerade ein Video erhalten. Es ist Finn Hoffmann, der vermisste Junge. Es wurde heute Morgen auf mehreren Social-Media-Plattformen hochgeladen. Das Video ist bereits viral gegangen.«
Ein leises Raunen geht durch den Raum, als ich mein Handy mit dem Beamer verbinde und das Video lade. Die Atmosphäre ist zum Zerreißen gespannt. Ich spüre, wie das Gewicht der Verantwortung auf meinen Schultern lastet, schwer wie ein Betonsack, der mich zu Boden zu drücken scheint. Wenn dieses Video echt ist – und davon gehe ich im Moment aus, auch wenn es wie inszeniert aussieht – dann bleibt uns nicht viel Zeit. Ich denke, wir haben es hier mit Profis zu tun.
Das Video startet, und sofort sind alle Augen auf die Leinwand gerichtet. Finn erscheint und ich betrachte den Wahnsinn erneut.
Am Ende sieht man ihn gefesselt an einen Stuhl, das Gesicht zur Seite geneigt und Blut sickert aus einer Wunde an seiner Schläfe. Die Kamera ist starr, emotionslos, zeichnet jeden Moment auf, als ob sie nur darauf wartet, dass etwas noch Schrecklicheres passiert. Der Anblick ist unerträglich, und ich höre, wie das Atmen meiner Kollegen stockt.
»Das ist echt?« Einer meiner Kollegen, ein junger Ermittler, den wir erst vor kurzem ins Team geholt haben, stellt die Frage, die uns allen im Kopf schwebt. Seine Stimme zittert leicht, als hätte er Angst vor der Antwort.
»Es sieht zumindest so aus«, antworte ich, ohne den Blick vom Video zu nehmen. »Wir haben keine Hinweise darauf, dass dieses Video bearbeitet wurde. Er ist in Gefahr. Wir analysieren jedes Frame ...«
Sarah tritt einen Schritt näher, die Arme vor der Brust verschränkt, ihr Blick fest auf das Standbild gerichtet. Ihre Lippen sind zu einer schmalen Linie zusammengepresst, und ich sehe, wie sie sich anstrengt, ihre Fassung zu bewahren. »Diese Wunde ... sie sieht übel aus, aber nicht tödlich. Sie wollen ihn am Leben halten, zumindest für den Moment.«
»Erpressung«, murmelt einer der anderen. »Sie wollen Lösegeld.«
Ich nicke langsam. »Ja, das scheint der Fall zu sein. Aber wir müssen davon ausgehen, dass sie nicht zögern werden, ihn zu töten, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Wir wissen nicht, wie weit sie gehen werden.«
Sarah seufzt leise und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, eine Geste, die sie immer macht, wenn sie versucht, ihre Gedanken zu ordnen. »Was wissen wir über den Ort? Irgendwelche Hinweise?«
»Leider nichts Konkretes«, sage ich und spüre, wie die Frustration in mir aufsteigt, ein heißer, brennender Knoten, der sich in meiner Brust festsetzt. »Der Raum ist spärlich beleuchtet, kaum etwas zu erkennen. Das könnte überall sein. Kein Fenster, kein Anhaltspunkt ...«
»Die Kamera ist gut positioniert«, bemerkt Sarah. »Sie wollen, dass wir alles sehen. Es ist eine Inszenierung, ja, aber das macht es nicht weniger gefährlich. Diese Leute wissen genau, was sie tun.«
Ich starte das Video von Neuen, Finns flehende Worte dringen durch die Lautsprecher. »Bitte ... helft mir... ich will hier nicht sterben!« Seine Stimme zittert, und ich sehe, wie sich einige meiner Kollegen unbehaglich bewegen. Es ist schwer, so etwas anzusehen, selbst für uns, die wir schon so viel gesehen haben.
Doch dieses Video hat eine andere Qualität. Es ist nicht nur ein Beweis der Gewalt, es ist eine kalkulierte, kaltblütige Inszenierung, die genau darauf abzielt, unser Mitgefühl und unsere Angst zu wecken.
Dann kommt der Schlag. Der Moment, in dem die Pistole Finns Kopf trifft und er bewusstlos zur Seite fällt. Das Geräusch des Aufpralls scheint den Raum zu erschüttern, und für einen Augenblick halte ich den Atem an. Die Kamera bleibt starr, das Bild friert ein, und für einen Moment ist es totenstill im Raum. Es ist, als ob die Zeit selbst für einen Sekundenbruchteil angehalten hat, als ob das Grauen, das wir alle spüren, die Welt kurz zum Stillstand gebracht hat.
Ich schalte das Video aus. »Das ist der Stand der Dinge. Wir haben einen Jungen, der in Lebensgefahr schwebt, und ein Video, das zeigt, wie ernst es den Tätern ist. Sie spielen mit uns, und wir dürfen nicht darauf hereinfallen.«
Sarah nickt langsam, ihr Gesichtsausdruck bleibt ernst. »Wir müssen herausfinden, wo das Video aufgenommen wurde. Jede Kleinigkeit kann uns weiterbringen.« Ihre Stimme hat ihren ruhigen, sachlichen Ton bewahrt, doch ich kann die Besorgnis in ihren Augen lesen, die Unsicherheit, die sich hinter ihrer professionellen Fassade verbirgt.
»Ich will, dass wir uns auf die Spurensicherung konzentrieren«, sage ich und wende mich an das Team. »Untersucht das Video bis ins kleinste Detail. Geräusche, Schatten, irgendetwas, das uns einen Hinweis auf den Standort geben könnte.«
»Verstanden«, kommt die Antwort fast im Chor. Das Team setzt sich in Bewegung, und ich spüre einen Hauch von Erleichterung. Der nächste Schritt ist getan. Doch die Erleichterung ist nur von kurzer Dauer. Der Druck, der auf uns lastet, ist erdrückend, und das Wissen, dass jeder Fehler tödlich sein könnte, lastet schwer auf mir.
Als die anderen sich an die Arbeit machen, wende ich mich noch einmal an Sarah. »Das hier wird nicht einfach«, sage ich leise, obwohl wir beide das längst wissen. Ich weiß, dass sie genauso fühlt wie ich, dass auch sie von der Dunkelheit dieses Falls erfasst wurde.
»Nein«, stimmt sie zu, »aber wir haben schon schlimmere Fälle gehabt.« Sie versucht, Zuversicht zu zeigen, doch ich sehe das leichte Zögern in ihrem Blick, die winzige Unsicherheit, die sie nicht ganz verbergen kann.
»Das stimmt«, antworte ich, auch wenn ich spüre, dass dieser Fall anders ist. Finn Hoffmann ist nicht der erste Junge, den wir retten müssen, aber irgendetwas an diesem Video, an dieser Situation, lässt mich nicht los. Es ist, als würde dieser Fall mich tiefer berühren, als ich es mir selbst eingestehen will. Ich schiebe den Gedanken beiseite. Jetzt ist nicht die Zeit, darüber nachzudenken.
»Wir finden ihn«, sagt Sarah, mehr zu sich selbst als zu mir. »Das werden wir.« Ihre Stimme ist fest, doch ich spüre die leise Verzweiflung, die in ihren Worten mitschwingt. Es ist ein Versprechen, das wir uns selbst geben, doch es fühlt sich hohl an, als ob die Realität uns immer wieder einen Schritt voraus ist.
Ich nicke, auch wenn die Ungewissheit bleibt. »Ja, das werden wir.« Ich stecke mein Handy in die Hosentasche, lasse das Video darin für einen Moment hinter mir. Mein Kopf fühlt sich schwer an, vollgestopft mit Gedanken, die sich überschlagen, ohne einen klaren Weg zu finden.
Sarah bemerkt meinen Blick, wie immer, und deutet mit einem Nicken auf die Kaffeemaschine in der Ecke des Raumes.
»Kaffee?«, fragt sie, obwohl sie die Antwort bereits kennt.
Ich nicke dankbar. »Kaffee!«
Sarah steht auf und geht zur Maschine. Der Duft von frischem Kaffee breitet sich schnell im Raum aus, eine vertraute Ablenkung inmitten des Chaos. Es sind diese kleinen Rituale, die uns manchmal durch den Tag retten, die uns den nötigen Fokus geben, um weiterzumachen. Ich beobachte, wie sie zwei Tassen füllt, die Tassen mit leicht zitternden Händen greift und mir eine reicht.
»Danke«, murmele ich und nehme einen Schluck. Der bittere Geschmack des Kaffees ist ein willkommener Kontrast zu den bitteren Gedanken, die mich nicht loslassen wollen. Ich spüre, wie die Müdigkeit für einen Moment nachlässt, als das Koffein in meinem Körper ankommt. Doch der Druck, der auf uns lastet, bleibt.
Sarah lehnt sich gegen den Tisch und nimmt einen tiefen Schluck. »Das Video gibt uns nicht viel, Andreas. Wir brauchen mehr.«
Ich nicke. »Wollte ich auch gerade sagen. Die nächste Station sind die Eltern. Wir müssen alles herausfinden, was sie wissen. Finns Umfeld, mögliche Feinde, jeder noch so kleine Hinweis könnte entscheidend sein.«
Sarah sieht mich mit einem ernsten Blick an. »Meinst du, sie können uns eine Spur liefern?«
»Vielleicht. Aber zumindest bekommen wir etwas über ihn selbst raus. Mit wem er verkehrt und was er für Hobbys hat. Oft sind die Entführer ja aus dem privaten Umfeld.« Ich stelle die leere Tasse ab und greife nach meiner Jacke. »Wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen.«
»Na dann«, antwortet Sarah und stellt ebenfalls ihre Tasse ab. »Auf zu den Eltern.«
Ich nicke, werfe noch einen letzten Blick auf die nun dunkle Stelle an der Wand, auf der gerade eben noch das Video zu sehen war. Es wird mich verfolgen, bis wir ihn finden.
Wir verlassen die Einsatzzentrale und gehen durch die Flure, die uns zum Ausgang führen. Die kühle Morgenluft schlägt uns entgegen, als wir nach draußen treten. Es ist noch früh, die Stadt erwacht langsam zum Leben. Aber für uns gibt es keinen ruhigen Morgen, keinen langsamen Start in den Tag. Für uns gibt es nur die Jagd.
Die Fahrt zu den Hoffmanns verläuft schweigend. Jeder von uns hängt seinen eigenen Gedanken nach, bereitet sich auf das bevorstehende Gespräch vor.
Finns Eltern sind der Schlüssel zu allem, was als Nächstes kommt. Sie sind unser einziger Anker zu Finn, der jetzt irgendwo in Gefahr schwebt.
AM RANDE DES MÖGLICHEN
Als wir das Haus der Hoffmanns erreichen, hält unser Wagen kurz an, und ich lasse meinen Blick über das imposante Gebäude schweifen. Es ist ein stattliches Anwesen, typisch für die wohlhabenden Vororte der Stadt – makellos gepflegt, mit einem akkurat geschnittenen Rasen und hohen Hecken, die das Grundstück vor neugierigen Blicken schützen.
Doch heute liegt eine unheimliche Stille darüber, als ob das Haus selbst ahnt, dass es dunkle Geheimnisse hütet, die nur darauf warten, ans Licht zu kommen.
»Bereit?«, fragt Sarah leise, während sie mich von der Seite ansieht. Ihre Augen sind ernst, aber ich spüre die gleiche Anspannung, die auch in mir brodelt.
Ich nicke, atme tief durch, und spüre, wie meine Brust sich unter der Last der Verantwortung schwerer anfühlt.
»Lass es uns hinter uns bringen«, sage ich und steige aus dem Wagen. Sarahfolgt mir, und gemeinsam gehen wir den kurzen Weg zur Haustür – gesäumt von makellosen Blumenbeeten. Als ich die Klingel betätige, hallt das Summen durch das große Haus, und für einen Moment ist es, als würde die Zeit stillstehen.
Es dauert nicht lange, bis Schritte hinter der Tür zu hören sind. Die Tür öffnet sich, und eine zierliche Frau mittleren Alters steht uns gegenüber. Ihre schulterlangen, hellblonden Haare sind wirr und ungepflegt, und ihre blauen Augen sind blutunterlaufen und geschwollen – stumme Zeugen schlafloser Nächte und vergossener Tränen. Ihr Gesicht ist blass und von feinen Linien durchzogen, die den Kummer der letzten Tage widerspiegeln.
Sarah und ich greifen gleichzeitig nach unseren Dienstausweisen und halten sie ihr entgegen. »Frau Hoffmann, wir sind von der Kriminalpolizei«, beginne ich ruhig. »Ich bin Kriminalhauptkommissar Andreas Müller, und das ist meine Kollegin Kriminalkommissarin Sarah Lange. Wir kümmern uns um das Auffinden Ihres Sohnes. Wir haben ein paar Fragen an sie.«
Kerstin Hoffmann wirft einen flüchtigen Blick auf unsere Ausweise, als könnte sie sich kaum darauf konzentrieren, und nickt langsam. Ihre Hände zittern leicht, als sie die Tür weiter öffnet.
»Natürlich. Kommen Sie rein«, sagt sie leise, ihre Stimme rau und von den Tränen der letzten Tage gezeichnet. »Alles, was Sie wissen müssen.«
Ich spüre die Last ihrer Worte, die aus einer Mischung von Sorge und Erschöpfung geboren ist. Wir treten ein, und die Tür schließt sich leise hinter uns. Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee liegt auch hier in der Luft, doch er wirkt nicht beruhigend, sondern eher bedrückend, als ob die Wärme des Kaffees nur das Kalte, das in diesem Haus eingezogen ist, maskieren will. Es ist der Duft eines Hauses, in dem die Hoffnung langsam verblasst, einem Ort, der sich in einen stillen Zeugen von Schmerz und Verzweiflung verwandelt hat.
Sarah und ich folgen ihr in das Wohnzimmer, und ich weiß, dass dies der Beginn eines langen und schwierigen Gesprächs ist. Aber wenn wir Finn finden wollen, müssen wir genau hier anfangen.
Das Wohnzimmer der Hoffmanns ist groß und stilvoll eingerichtet, mit schweren Ledersofas und einem massiven Couchtisch aus dunklem Holz. Die Vorhänge sind zugezogen, wodurch der Raum in ein gedämpftes, fast bedrückendes Licht getaucht wird.
Über dem Kamin hängt ein großes Familienporträt – Finn, zusammen mit seinen Eltern, glücklich und unbeschwert. Es ist ein Bild, das eine Zeit zeigt, die jetzt unerreichbar scheint.
Auf dem Bild ist Finn zu sehen, wie er breit lächelt, seine blonden Haare zerzaust und seine Augen leuchten vor Freude. Er trägt ein schlichtes, aber modisches Hemd, das zu seinem lässigen Stil passt, und seine Haltung strahlt eine Mischung aus jugendlichem Selbstbewusstsein und Unbeschwertheit aus. Dieses Bild ist eine grausame Erinnerung an das, was diese Familie verloren hat.
Kerstin Hoffmann setzt sich mir gegenüber, ihre Haltung ist zusammengekauert, als würde sie versuchen, sich vor der Realität zu verstecken. Ihre zierliche Gestalt wirkt in dem großen Raum verloren, und der Kontrast zwischen dem Bild über dem Kamin und der Frau vor mir könnte nicht größer sein. Ihre blauen Augen, die im Bild über dem Kamin strahlten, sind jetzt rot und geschwollen, vom vielen Weinen gezeichnet.
Michael Hoffmann tritt in den Raum, seine Schritte schwer und müde. Er ist ein großer Mann, etwa Ende vierzig mit einer athletischen Figur, die andeutet, dass er sich trotz seines Alters in guter körperlicher Verfassung hält. Sein dunkelbraunes Haar, durchzogen von grauen Strähnen, ist ordentlich zurückgekämmt, und er trägt einen dunkelblauen Anzug, der zwar gepflegt ist, aber zeigt, dass er in den letzten Tagen nicht gewechselt wurde.
Sein Gesicht ist kantig, mit scharfen Wangenknochen und einem energischen Kinn, doch die Erschöpfung hat tiefe Falten um seine Augen und Mundwinkel gegraben. In seinen stahlgrauen Augen liegt eine Mischung aus Erschöpfung und Verzweiflung, und seine Bewegungen sind langsam, fast mechanisch, als hätte er das Gefühl für die Realität verloren.
Er setzt sich neben seine Frau und greift nach ihrer Hand, als wolle er sie daran erinnern, dass sie in diesem Albtraum nicht allein ist.
Ich warte einen Moment, bis sich alle gesetzt haben, dann beginne ich. »Herr und Frau Hoffmann, wir wissen, dass dies eine unglaublich schwierige Zeit für Sie ist. Unser Ziel ist es, Ihren Sohn so schnell wie möglich zu finden und ihn sicher nach Hause zu bringen. Dazu benötigen wir Ihre Hilfe.« Meine Worte klingen routiniert, aber das Mitgefühl in meiner Stimme ist echt. Es ist schwer, solche Gespräche zu führen, wenn man weiß, dass das Leben eines unschuldigen Jungen am seidenen Faden hängt.
Beide nicken, und ich sehe, wie Kerstin Hoffmanns Augen feucht werden.
Sarah spricht ruhig weiter: »Wir müssen Ihnen einige Fragen stellen. Es ist wichtig, dass Sie uns so viele Details wie möglich geben, auch wenn sie Ihnen unwichtig erscheinen mögen. Manchmal sind es die kleinsten Hinweise, die uns weiterbringen.«
Michael Hoffmann atmet tief durch und drückt die Hand seiner Frau. »Wir werden Ihnen alles sagen, was wir wissen«, sagt er, seine Stimme fest, aber mit einem Unterton von Angst, der seine Ungewissheit verrät.
»Wann haben Sie Finn das letzte Mal gesehen?«, frage ich, um das Gespräch zu beginnen und sehe, wie Kerstin sich noch tiefer in ihren Sessel sinken lässt.
Kerstin spricht zuerst, ihre Stimme ist leise und brüchig, als wäre sie nicht mehr gewohnt zu reden. »Es war am Abend, bevor er verschwand. Vor drei Tagen. Er hatte zu Abend gegessen und sich dann in sein Zimmer zurückgezogen, um zu lernen. Wir dachten, er wäre schon schlafen gegangen, als wir selbst ins Bett gingen.«
Michael ergänzt: »Er bleibt oft lange auf, um zu lernen. Er ist sehr ehrgeizig, will immer gute Noten für die Schule bekommen. Das war uns nichts Neues.« Seine Stimme klingt fest, doch ich spüre die Schuld, die sich wie ein Schatten über seine Worte legt.
Hätten sie es merken müssen?
Hätten sie ihn beschützen können?
»Gab es in den Tagen oder Wochen vor seinem Verschwinden etwas Ungewöhnliches? Irgendetwas, das Ihnen aufgefallen ist? Verhaltensänderungen, neue Freunde, besondere Ereignisse?« Sarah führt die Befragung fort, ihre Stimme sanft, aber gezielt, während sie sich leicht nach vorne beugt, als wolle sie durch ihre Nähe Vertrauen schaffen.
Kerstin schüttelt den Kopf, ihre Augen sind auf ihre zitternden Hände gerichtet, als könnte sie nicht ertragen, uns anzusehen.
Michael jedoch zögert. »Er war ruhiger als sonst«, sagt er schließlich. »Finn ist immer ein bisschen in sich gekehrt, aber in den letzten Wochen schien er ... ich weiß nicht ... besorgter. Ich habe es auf den Stress in der Schule geschoben, die Prüfungen stehen bevor.«
»Hat er mit Ihnen über seine Sorgen gesprochen?«, frage ich und versuche, mehr aus ihm herauszuholen, während ich mich an dem Hauch von Information festklammere.
Michael schüttelt den Kopf, sein Blick wirkt abwesend, als ob er in Gedanken die letzten Wochen immer wieder durchgeht. »Nein, Finn behält seine Gefühle meistens für sich. Er ist ... wie soll ich sagen ... er will uns nicht belasten. Er hat sich immer um seine Mutter und mich gesorgt.« Seine Stimme bricht fast, und ich sehe die Verzweiflung, die sich in seinen stahlgrauen Augen spiegelt.
Sarah nickt verständnisvoll. »Hatte Finn in letzter Zeit Kontakt zu jemandem, den Sie nicht kannten? Vielleicht jemand, der ungewöhnliches Interesse an ihm zeigte?«
Kerstin sieht fragend zu ihrem Mann, als suche sie in seinem Gesicht nach einer Antwort, aber es ist klar, dass beiden nichts einfällt.
»Nicht, dass wir wüssten«, sagt sie schließlich, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. »Finn hat kaum Freunde, er ist eher der Typ, der viel Zeit allein verbringt. Mit seinen Computern. Mit seiner Technik ...«
Das ist ein erster kleiner Anhaltspunkt, denke ich, während ich Sarah einen kurzen Blick zuwerfe. »Was meinen Sie mit Technik? Ist er besonders interessiert an etwas Bestimmtem?«
Michael antwortet, sichtlich erleichtert, endlich etwas Konkretes beitragen zu können. »Er ist ein Technikfreak, könnte man sagen. Finn interessiert sich für alles, was mit Computern zu tun hat – Programmieren, Netzwerke, Hardware. Er verbringt viel Zeit damit, Dinge auszuprobieren und zu lernen. Wir haben ihm sogar einen extra Raum eingerichtet, wo er all seine Sachen unterbringen kann.«
»Hatte er in letzter Zeit etwas Neues, ein besonderes Projekt, das ihn beschäftigt hat?« Sarah fragt weiter, ihre Stimme neugierig, aber sanft, während sie sich leicht nach vorne beugt.
»Er hat immer irgendwelche Projekte, aber er erzählt uns nicht viel darüber was er so macht«, gibt Michael zu, seine Augen flackern unsicher. »Aber es gab da etwas. Er hat in den letzten Wochen sehr viel Zeit in seinem Technikraum verbracht, noch mehr als sonst. Er war sehr verschlossen darüber, aber wir dachten, es wäre einfach nur ein weiteres von seinen Projekten.« Ein Hauch von Unsicherheit liegt in seinen Worten, als ob er sich Vorwürfe macht, nicht genauer hingeschaut zu haben.
»Dürfen wir diesen Raum sehen?«, frage ich und sehe, wie beide Elternteile zögern. Es ist klar, dass dies ein sehr persönlicher Raum für ihren Sohn ist, aber sie verstehen die Notwendigkeit. Die Möglichkeit, hier etwas Entscheidendes zu finden, steht im Raum, und ich sehe, wie Kerstin und Michael diesen Gedanken innerlich abwägen.
Kerstin nickt schließlich, ihre Stimme ist brüchig, doch in ihren Augen liegt eine Entschlossenheit, die fast schon verzweifelt wirkt. »Natürlich. Wenn es Ihnen hilft, Finn zu finden ...«
Wir erheben uns, und Michael führt uns durch das Haus, das in einer gespenstischen Stille liegt, in den Raum, den sie für Finn eingerichtet haben. Es ist ein dicht bestückter Raum, voll mit Computern, Monitoren und allerlei Technik, die für jemanden wie Finn offensichtlich von großem Interesse ist. Mehrere Computer und Monitore flimmern leise vor sich hin, unzählige Kabel schlängeln sich wie schwarze Schlangen über den Boden. Alles ist sorgfältig organisiert, als ob jeder Gegenstand seinen festen Platz hätte. Für Finn muss dieser Raum ein Heiligtum gewesen sein, ein Ort, an dem er die Welt um sich herum vergessen konnte.
Ich werfe einen kurzen Blick zu Sarah. Sie nickt kaum merklich, und wir beginnen, den Raum systematisch zu durchsuchen, wobei wir darauf achten, nichts zu beschädigen oder zu sehr zu stören. Es gibt keinen offensichtlichen Hinweis auf Finns Aufenthaltsort, aber vielleicht kann die Analyse seiner Geräte uns weiterhelfen.
»Wir werden uns das genauer ansehen«, sage ich zu Michael, der hinter uns steht und die Arme fest vor der Brust verschränkt hat. Sein Blick ist starr auf die Technik gerichtet, als wolle er durch sie hindurch die Antworten finden, die wir so dringend suchen. »Es könnte uns wertvolle Hinweise auf Finns Aktivitäten in letzter Zeit geben.«
»Natürlich«, antwortet er, seine Stimme klingt plötzlich hohl. »Tun Sie, was nötig ist.«
Ich nicke Sarah zu, und wir machen uns daran, den Raum systematisch zu durchsuchen. Ich beginne auf der rechten Seite, während Sarah die linke Seite übernimmt. Meine Finger gleiten über die Tastatureines der Computer, und ich werfe einen kurzen Blick auf den Bildschirm.
Eine Vielzahl von Programmen ist geöffnet – einige davon erkenne ich als Standardanwendungen, andere sind mir völlig fremd.
Sarah beugt sich über einen Stapel Notizbücher, die ordentlich auf einem Regal gestapelt sind. Sie blättert durch die Seiten, die mit handschriftlichen Notizen und Diagrammen gefüllt sind, die auf den ersten Blick wie komplexe Berechnungen wirken.
»Er scheint wirklich tief in dieser Materie zu sein«, murmelt sie, während sie die Notizen durchgeht. »Hier gibt es einige Entwürfe und Algorithmen, die mir nichts sagen. Er muss an etwas Komplexem gearbeitet haben.«
Ich nicke, während ich die Kabel untersuche, die zu einem kleinen Server-Rackführen, das in einer Ecke des Raumes steht. »Das ist mehr als nur ein Hobbyraum. Das hier ist das Labor eines Entwicklers.«
Sarah findet eine Festplatte, die lose auf dem Schreibtisch liegt. Sie hebt sie vorsichtig an und dreht sie in ihren Händen. »Vielleicht gibt es hierauf etwas, das uns weiterbringt. Wir sollten das sicherstellen und im Labor untersuchen lassen.«
Ich drehe mich zu Michael Hoffmann um, der uns wachsam beobachtet hat. »Herr Hoffmann, wir werden ein Spezialistenteam hinzuziehen müssen. Ihre Erlaubnis vorausgesetzt, natürlich. Sie werden in der Lage sein, diese Systeme besser zu analysieren und möglicherweise entscheidende Hinweise zu finden.«
Michael schaut einen Moment lang nachdenklich, bevor er schließlich nickt. »Tun Sie, was nötig ist. Wenn Sie mich brauchen, ich bin im Wohnzimmer.« Er wirft einen letzten Blick auf die Technik, als suche er selbst nach Antworten, bevor er sich abwendet und den Raum verlässt.
Sobald die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, ziehe ich mein Handy heraus und wähle die Nummer des technischen Forensikteams. »Hey Tim. Wir brauchen dich und dein Team sofort im Haus der Hoffmanns. Bringt alles mit, was ihr für eine umfassende Analyse benötigt. Das ist kein einfacher Fall. Es gibt hier mehrere komplexe Systeme, und wir vermuten, dass wichtige Daten darauf gespeichert sind.«
Ich höre das Tippen auf der anderen Seite der Leitung, während die Spezialisten sich Notizen machen. »Verstanden, wir sind in Kürze da.«
Ich beende das Gespräch und stecke mein Handy weg. »Sarah, wir lassen die Spezialisten ran. Das ist mehr, als wir allein bewältigen können.«
Sie nickt zustimmend, ihre Stirn in Falten gelegt. »Das war die richtige Entscheidung. Hier könnte etwas Entscheidendes versteckt sein, und wir dürfen nichts übersehen.«
»Ganz genau«, bestätige ich, während ich einen letzten Blick auf die Geräte werfe. »Wir überlassen nichts dem Zufall.«
Nachdem wir sicher sind, dass alles für das Spezialistenteam vorbereitet ist, verlassen wir den Raum und gehen zurück ins Wohnzimmer.
Als wir eintreten, sehe ich, wie Kerstin in sich zusammengesunken auf dem Sofa sitzt, die Hände fest um eine Tasse Kaffee geklammert. Die Anspannung im Haus ist fast greifbar, aber wir dürfen uns davon nicht ablenken lassen. Es ist klar, dass Finns Eltern am Rande der Verzweiflung stehen, aber wenn wir ihn finden wollen, müssen wir stark und fokussiert bleiben.
»Wir wissen, dass das alles sehr schwer für Sie ist«, sagt Sarah, ihre Stimme weich und voller Mitgefühl. »Aber wir werden alles tun, um Ihren Sohn zu finden.«
Michael nickt, aber seine Augen verraten die Angst, die tief in ihm sitzt. »Bitte finden Sie ihn«, sagt er leise, und ich sehe, wie seine Hand die seiner Frau noch fester drückt. »Wir ... wir wissen nicht, was wir ohne ihn tun würden.«
Ich lege ihm beruhigend die Hand auf die Schulter und schaue ihm fest in die Augen. »Das werden wir, Herr Hoffmann. Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht.«
Kurz darauf trifft das Spezialisten-Team ein – vier Männer und eine Frau, alle in diskreter, dunkler Kleidung, ausgestattet mit stabilen Cases, Notebooks und einem mobilen Analyse-Set. Keine Uniform, keine Abzeichen – ihre Präsenz spricht für sich: kühl, effizient, hoch konzentriert.
Einer von ihnen, ein drahtiger Mann um die fünfzig mit silbernem Haar und stechendem Blick, tritt als Erster in den Raum.
Sarah begrüßt ihn knapp. »Tim. Gut, dass ihr da seid. Wir haben einen Raum der vollgestopft ist mit Technik. Geht rein, analysiert alles – nehmt mir was ihr braucht. Wir brauchen ein klares Lagebild.«
Die Spezialisten nicken wortlos. Keine überflüssigen Fragen, keine Kommentare. Sie verteilen sich in einer stillen, präzisen Choreografie. Ich beobachte sie, wie sie sich mit klinischer Präzision durch das Haus bewegen – jeder Schritt einstudiert, jeder Griff sitzt. Kein Hauch von Sensationslust oder Spekulation. Nur Methodik.
Sarah sieht mich an, während sie dem Spezialisten über die Schulter schaut. »Wenn es hier noch irgendetwas gibt, das wir übersehen haben ... sie werden es finden.«
Als wir kurz darauf das Haus verlassen, spüre ich die Last der Verantwortung schwerer auf meinen Schultern. Es ist klar, dass Finn ein außergewöhnlicher Junge ist, mit Interessen und Fähigkeiten, die vielleicht mehr in sich bergen, als seine Eltern ahnen.
Aber wo ist er jetzt?
Und wer hat ihn in seine Gewalt gebracht?
