Verzogen - Susanne Fröhlich - E-Book
Beschreibung

Der neue Roman von Bestseller-Autorin Susanne Fröhlich mit Andrea Schnidt! Andrea erfüllt Paul einen lang gehegten Herzenswunsch und zieht mit ihm aufs Land. Und zwar wirklich aufs Land - dahin, wo Fuchs und Hase sich am Waldrand gute Nacht sagen, der nächste Supermarkt eine halbe Autostunde entfernt ist und die Feldwege sich am Dorfausgang in der Unendlichkeit verlieren. Allerdings - so die Vereinbarung - nur zur Probe für ein Jahr! Wie das wohl wird? Während Paul voller Elan die Praxisvertretung für den ansässigen Orthopäden übernimmt, muss Andrea feststellen, dass das Landleben gar nicht so ist, wie sie sich das vorgestellt hat. Keine endlosen Tage in absoluter Abgeschiedenheit und Ruhe. Als Frau Doktor ist Andrea gleich im ganzen Dorf bekannt und spätestens als ihr Ex-Schwiegervater Rudi zu ihnen zieht, wird klar, dass es hier kein Privatleben gibt.

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EPUB

Seitenzahl:367


Susanne Fröhlich

Verzogen

Roman

FISCHER E-Books

Inhalt

Widmung1234567891011121314151617181920212223242526Danksagung

Wer glaubt, der Überwachungsstaat sei eine Erfindung des digitalen Zeitalters, hat nie auf dem Dorf gelebt.

 

Für all meine Freundinnen!

Ich bin sehr froh, dass es euch gibt!

1

Schade, ich kann die Schuld auf niemanden abwälzen. Ich war es, die ja gesagt hat. Laut und deutlich und das, ohne unter Alkohol- oder Drogeneinfluss gestanden zu haben. Ich habe alle Bedenken beiseitegewischt und einfach ja gesagt. Ein klitzekleines Wort, das so verdammt viel ausrichten kann.

Diesem kleinen Wort verdanke ich, dass ich jetzt auf dem Land lebe. Seit knapp sechs Monaten. Sechs Monate, die mein Leben von Grund auf verändert haben. Die gute Nachricht: Ich lebe noch. Aber anders. Ganz anders als bisher.

 

Fangen wir von vorne an. Als mich Paul, der Mann an meiner Seite, fragt, ob ich mir vorstellen kann, mit ihm aufs Land zu ziehen, bin ich zunächst skeptisch. Aber Paul kann sehr überzeugend sein. Seine Visionen vom Leben weit draußen sind malerisch. »Die Natur, die phantastische Luft, die Ruhe und die viele Zeit, die wir für uns haben werden«, schwärmt er mir vor. »Und natürlich all die frischen Tomaten!«

Paul ist Orthopäde und Kinderarzt (Ja, er hat zwei Facharzttitel, und ja, ich finde das sehr toll!) und seit vielen Jahren an einer Klinik angestellt. Ein alter Kollege und Freund hat ihm seine Praxisvertretung angeboten: »Horst will auf Reisen gehen für ein ganzes Jahr, und er braucht jemanden, der ihn vertritt. Wir können sein Haus haben, die Orthopädie-Praxis ist im Erdgeschoss. Es ist die perfekte Chance zu testen, ob wir uns auf dem Land wohl fühlen. Ich will schon so lange raus aus meiner Kliniktretmühle. Das wäre ein Traum für mich. Ich könnte als ganz normaler Orthopäde arbeiten. Und auch für Horst wäre es die perfekte Lösung. Also quasi eine Win-win-Situation.«

Win-win für Horst und Paul. Aber für mich? Auf dem Land zu leben war nie einer meiner Träume. In mir ist keine Sehnsucht nach selbstgezogenem Blattsalat, Gummistiefeln, Heuschobern und Landfrauennachmittagen.

Ganz im Gegenteil. Landleben ist für mich immer eine Art Synonym für Kleingeistigkeit, Spießertum und Langeweile, getränkt in Matsch und von fiesem Güllegeruch durchzogen. Oder sagt man Jauche? Sind Gülle und Jauche überhaupt das Gleiche? Mir fehlt jegliches Land-know-how. Mein Leben in der Peripherie der Großstadt ist mir Landleben genug. Eigentlich will ich, wenn die Kinder aus dem Haus sind, in die Stadt ziehen. Richtig mittenrein ins Leben. Penthouse oder Altbau, Stuck, Parkett, hippe Cafés, Kneipen – einfach das pralle Leben.

Aber wer bin ich, dass ich einen Traum zerstöre? Vor allem den Traum des Mannes, den ich liebe. Warum nicht mal etwas wagen? Für ein Jahr. Es sind nur 365 Tage, sage ich mir wieder und wieder. Eine Art Probezeit.

»Wenn es dir nicht gefällt, finden wir eine Lösung«, verspricht mir Paul, wenn auch ohne genau zu sagen, wie eine Lösung aussehen würde. Aber da habe ich schon ja gesagt. 365 Tage lang kann man viel aushalten, denke ich. Auch das Landleben. Man muss auch mal an andere denken, nicht immer nur ich, ich und noch mal ich.

 

Vom Ja bis zum Umzug dauert es nur sechs Wochen. Sechs Wochen Dauerstress. Sechs Wochen lang Diskussionen mit meinen Kindern, meiner Mutter, meinem Ex-Schwiegervater und meiner Schwester. Und natürlich mit meinem Chef, der alles andere als begeistert ist. Sechs Wochen lang Anrufe von entsetzten Freundinnen. Ja, ich bin nun mal eine Frau mit Familie, Job und zum Glück auch mit Freundinnen – was es eben auch so schwierig macht. Denn mein Umfeld ist sich ausnahmsweise mal einig. Einig darin, dass dieser Umzug eine absolute Schnapsidee ist. Und ich bin ja selbst extrem unsicher und würde am liebsten alles rückgängig machen, aber da verteidige ich den Umzug fast so, als wäre er mein eigenster Herzenswunsch. Denn das Erstaunliche ist ja, je mehr Gegenwind man bekommt, desto mehr kann man sich in eine Idee hineinsteigern. Ich weiß, das klingt verrückt, aber es ist eine Art trotziger Reflex.

 

Meine Kinder, Claudia und Mark, sind vollkommen entsetzt. »Was willst du denn am Arsch der Welt?«, fragt meine Tochter.

»Nächste Großstadt: Fulda!«, schiebt mein Sohn noch ironisch hinterher.

Ihre Anteilnahme rührt mich zunächst sehr, bis ich merke, dass sie eigentlich nur vorgeschoben ist. Sorgen machen die sich nicht etwa um mich, die ich auf dem Land versauern könnte, sondern um unser Haus.

»Du willst unser Elternhaus vermieten? Das Haus, in dem wir aufgewachsen sind? Und dann, wenn du auf dem Land bleibst, was ist dann mit dem Haus?«

»Dann verkaufe ich das Haus!«, ist meine Antwort, und die Kinder führen sich auf, als hätte ich gedroht, sie mit sofortiger Wirkung zu enterben und zeitgleich zur Adoption nach Algerien freizugeben. (Wobei ich bezweifle, dass dort überhaupt ein Interesse an den beiden besteht, vor allem so ganz ohne Erbe!)

»Wo sollen wir denn hin, wenn mal was ist?«, fragen sie.

Aber als ich beteuere, dass, egal wo ich sein werde, es immer einen Platz für sie geben wird, schauen sie mich nur leicht angewidert an.

»Was sollen wir denn da draußen? Das ist ja jenseits jeder Zivilisation, jenseits jedes öffentlichen Nahverkehrs. Da will man ja nicht tot überm Zaun hängen! Wahrscheinlich haben die nicht mal WLAN. Wie soll man denn da leben?«

Ich würde am liebsten antworten: »Weiß ich auch nicht.« Denn ich hab erst recht keine Ahnung, wie ich so leben soll! Aber dass ich dort vielleicht unglücklich sein werde, dass es mir nicht gefällt, dass ich einsam sein könnte, das ist ihre geringste Sorge. Meinen Kindern geht es nur um sich. Das kränkt mich und ärgert mich auch. Was habe ich mir da nur für egomane Geschöpfe herangezogen? Und wieder verteidige ich das Landleben, obwohl ich mit Sicherheit die Allerunsicherste bin, was dieses Thema angeht. Ich führe mich wie eine Oppositionelle auf, die rein aus Widerspruchsgeist handelt.

»Sie werden sich beruhigen!«, sagt Paul immer wieder, und ich beschließe, ihm zu glauben. Letztlich interessieren sich junge Menschen sowieso fast ausschließlich für sich selbst und nur wenig für andere. Sie regen sich schnell mal auf, aber im Normalfall genauso schnell wieder ab. Solange Veränderungen ihr Leben nicht zu sehr betreffen, sind Kinder relativ gleichmütig. Fast schon erschreckend gleichmütig. Sie haben eben alles gerne so wie immer. Das allerdings kann ich gut verstehen. Auch ich habe gehörigen Respekt, um nicht zu sagen Angst, vor der Veränderung. Wie kann ich, ohne den Ort zu kennen, ohne das Haus gesehen zu haben, ja sagen? Wie bekloppt kann man sein?

 

Auch meine Schwester Birgit ist alles andere als beglückt. »Du machst dich aus dem Staub, und ich bleibe mit unserer dementen Mutter allein zurück. Toll, Andrea! Wirklich eine großartige Idee. Echt ganz schön selbstsüchtig von dir. Aber so war es ja schon immer. So ist es halt, wenn man die Älteste ist. Man hat immer die A-Karte. Stefan ist in Hamburg und als kleiner Bruder ja eh fein raus. Immer bleibt alles an mir hängen. Dabei hatte ich mich so gefreut, auch mal Zeit für mich zu haben.« Sie holt tief Luft, um dann mit ihrer Motztirade weiterzumachen: »Die Grabpflege von Papa und jetzt auch noch Mama. Fein. Ich dachte echt, jetzt wäre ich mal dran. Aber die zukünftige Arztgattin macht sich vom Acker auf den Acker. Und ich hocke hier und habe Mama an der Backe. Das ist mal wieder typisch.« Birgit war richtig sauer. Und nach ihrer kleinen Ansprache bin ich es auch. Das könnte sie auch ein wenig charmanter verpacken. Aber die charmante Verpackung ist nichts, was Birgit liegt. War noch nie ihr Ding.

»Du kannst deine Mutter mitnehmen. Es wird ihr gefallen. Das Leben auf dem Land hat viel Beruhigendes und tut ihr bestimmt gut«, hat Paul längst vorgeschlagen, und schon weil ich Birgits Vorwurf nicht auf mir sitzen lassen will, habe ich tatsächlich spontan angeboten, Mama mit umzuziehen. Ich hätte nie gedacht, dass Birgit zustimmt. Vor allem nicht so schnell.

Kaum habe ich den Satz ausgesprochen, antwortet sie schon: »Perfekt, dann verkaufen wir Mamas Haus. Das braucht sie dann ja nicht mehr.«

Ich bin fassungslos. In den letzten Jahren war Birgit immer davon überzeugt, dass nur sie sich richtig um Mama kümmert. Dass nur sie weiß, was gut für Mama ist, und jetzt scheint ihr nichts lieber zu sein, als dass ich Mama mit aufs Land nehme.

»Vielleicht tut ihr das gut da draußen! Ich will ja Mamas Glück nicht im Weg stehen. All die gute Luft. Und Immobilien kann man im Moment wirklich sehr gut verkaufen«, erklärt sie mir milde lächelnd.

»Aber es ist Mamas Haus. Und wir wissen doch gar nicht, ob das gutgeht auf dem Land und ob wir da bleiben. Wo soll sie denn dann hin, wenn das alles nicht klappt?«, wage ich eine kleine Rückfrage und muss dabei an die Bedenken meiner Kinder denken.

»Sie kann da eh dauerhaft nicht bleiben. Wenn das mit euch nicht hinhaut, muss sie ins Heim. Und mal ehrlich, Andrea, sie kann wirklich nicht mehr selbst entscheiden, was gut für sie ist«, sagt Birgit. In ihrem typischen resoluten Siehste!-Tonfall.

»Aber wir können doch nicht einfach ihr Haus verkaufen, selbst wenn sie mit mir mitkommt. Und das muss man ja auch noch mal gründlich besprechen«, wage ich einen weiteren kleinen Einwand.

Birgit ist sofort auf 180: »Ich habe tatsächlich kurz gedacht, dir wäre es wirklich ernst mit Mama. Tja, hätte ich ja wissen müssen. Die Zuverlässigste warst du ja noch nie. Schön doof von mir. Im Dinge-Versprechen warst du ja schon immer groß.«

Wäre Birgit nicht meine Schwester, ich glaube, ich würde aufstehen und gehen. Noch lieber würde ich aufstehen, ihr ein paar scheuern – die sie sich über all die Jahre locker verdient hat – und dann gehen. Aber stattdessen beteure ich, dass es mir mit meinem Vorschlag sehr wohl ernst ist. An ihrem leichten Grinsen merke ich, dass sie sich genau diese Reaktion erhofft hat.

Birgit hat etwas subtil Manipulierendes, und ich falle seit Jahrzehnten immer wieder darauf rein.

»Na, dann hätten wir das ja geklärt. Kurt hält es auch für eine gute Idee. Wenn ihr nicht wisst, wohin mit Malgorzata, kann die zur Not eine Weile bei uns leben«, schlägt Birgit vor. »Kurt meint, sie könne sich im Haushalt bei uns ein wenig nützlich machen. Wir haben wirklich viel um die Ohren. Und sie kocht ja auch echt gut.«

Ach, der Herr Schwager, Mister Besserwisser-Kurt, findet die Idee gut. Sie scheinen schon, bevor ich überhaupt das Angebot gemacht habe, darüber gesprochen zu haben. Wahrscheinlich war Birgits Aufregung nur gespielt und ein strategischer Zug, um mich zu genau diesem Angebot zu drängen.

Aber kein Wunder. Sehr familienorientiert war Kurt noch nie. Der wäre froh, meine Mutter los zu sein. Die Idee mit Malgorzata, Mamas polnischer Pflegekraft, ist allerdings der Hammer. Der tickt wohl nicht ganz richtig.

»Mama braucht Malgorzata und ich auch. Ohne Malgorzata geht Mama nirgendwohin. Das weißt du doch. Sie hängt an Malgorzata. Sie gibt ihr Sicherheit. Und Malgorzata kann gut mit Mama umgehen.«

Birgit ist kein bisschen beschämt, eher im Gegenteil. »Wir wollten dir nur einen Gefallen tun, aber dir kann man es wirklich nicht recht machen. Wie man es macht, ist es falsch.«

Sie dreht und wendet alles immerzu so, dass ich am Ende die Idiotin bin und blöd dastehe. Ich merke, dass ich meiner eigenen Schwester irgendwie nicht gewachsen bin. Ein ätzendes Gefühl. Man sollte doch meinen, dass dieses Große-Schwester-Kleine-Schwester-Gefälle irgendwann keine Rolle mehr spielt. Pustekuchen. Einmal kleine Schwester – immer kleine Schwester.

 

Das Ende vom Lied: Mama zieht tatsächlich mit uns raus aufs Land. Als ich ihr von der Idee erzähle, ist sie völlig gleichgültig. Die Frage, was sie frühstücken möchte, bewegte sie ganz offensichtlich weitaus mehr. Ich hätte gedacht, sie würde an ihrem Haus hängen, aber es ist nicht das Haus, sondern Malgorzata, auf die sie keinesfalls verzichten will.

»Geht die mit?«, fragt sie nur und zeigt mit dem Finger auf Malgorzata, unsere polnische Pflegekraft.

»Ja, na klar!«, habe ich beteuert, und Malgorzata hat sie in die Arme genommen und gesagt: »Ich bleibe bei dir!«

Mamas Erleichterung ist in ihrem Gesicht zu sehen.

»Kann ich das anlassen?«, ist die nächste Frage meiner Mutter, und wieder zeigt sie mit dem Finger. Diesmal auf ihren blassrosa Hausanzug aus Nickistoff, ihre aktuelle Uniform.

»Mama, du kannst anziehen, was du willst. Du bist doch erwachsen. Es spielt gar keine Rolle, was du anhast.« Auf dem Land schon gar nicht, würde ich am liebsten hinzufügen. Wir ziehen ja nicht nach Hipster-Town.

Meine Mutter will ansonsten nichts wissen. Nicht, wo sie hinziehen, nicht, was mit ihrem heißgeliebten Haus passieren, nur was mit Malgorzata und dem Hausanzug sein wird, alles andere ist ihr egal. Ich muss gestehen, das verwundert mich doch sehr. Und stimmt mich auch traurig. Wie klein ihre Welt geworden ist. Wie sehr ihre Bedürfnisse geschrumpft sind. Meine Mutter hat man sich ohne ihr Haus nie vorstellen können. Dass sie jemals freiwillig und, dem Anschein nach, völlig ungerührt auszieht, hätte niemand für möglich gehalten.

»Hier lasse ich mich nur mit den Füßen voran rausbringen!« und »Mein Garten ist mein Lieblingskind« hat sie uns immer wieder erklärt. Und nun ist es ihr geradezu gleichgültig, was mit ihrem »Lieblingskind« passiert.

Erstaunlich, was diese Krankheit bewirkt. Noch immer gibt es Momente, in denen meine Mutter fast wie früher erscheint, aber diese Momente werden zusehends seltener. Immer häufiger wirkt sie abwesend. Manchmal erkenne ich sie kaum. Nicht nur optisch. Sie wiegt inzwischen sicherlich gut 85 Kilo. 20 Kilo mehr als in ihrem früheren Leben. Hätte ihr das jemand vor zehn Jahren prophezeit, hätte sie ihn für verrückt erklärt. Meine Mutter ist immer eine Frau gewesen, der ihr Aussehen extrem wichtig war. Die abends gerne Knäckebrot geknabbert hat und leicht verächtlich auf Menschen herabgesehen hat, die sich »nicht im Griff haben«. »Man darf sich nicht gehen lassen!«, war ihr Credo. Manchmal mag ich die neue Version meiner Mutter lieber als ihr altes, immerzu vollkommen kontrolliertes und unglaublich strenges Ich. Sie ist auf eine spezielle Art heute sehr viel entspannter und lockerer, vor allem mit sich selbst.

Trotzdem habe ich Angst, dass ich ihr mit dem Umzug zu viel Veränderung zumute. Wieder und wieder versuche ich, ihr zu erklären, wo wir hinziehen und wer alles dabei sein wird. Es scheint sie wirklich nicht zu interessieren.

»Alles gut. Mutti kommt mit!«, versucht mich Malgorzata, Mamas neue Pressesprecherin, zu beruhigen.

Und es beruhigt mich tatsächlich. Wenn Malgorzata sagt, es wird gut, dann wird es auch gut.

Malgorzata selbst ist ebenfalls relativ gleichgültig. »Bisschen sehr Land!«, war ihr einziger Einwand. »Aber egal. Eh keine Zeit für Shopping. Und auch kein Geld. Wenn es hat Internet, alles okay. Ist auch näher an Zuhause. Bisschen.«

Auch mein Bruder Stefan ist davon überzeugt, dass der Umzug für meine Mutter kein Problem darstellen wird. »Hauptsache, Malgorzata ist dabei, die Umgebung spielt da keine große Rolle.«

Genau die Rolle, die auch er momentan im Leben meiner Mutter spielt – nämlich keine große. Stefan lebt in Hamburg und schaut nur etwa alle acht Wochen mal bei Mama vorbei. Für meine Mutter sind das allerdings immer besondere Momente. Sie liebt ihren kleinen »Butzi«. Ist er da, will sie ihn eigentlich am liebsten auf den Schoß nehmen und nicht mehr gehen lassen. Aber wenn er weg ist, fragt sie komischerweise nie nach ihm. Offensichtlich ist etwas dran an dem alten Sprichwort: Aus den Augen, aus dem Sinn. Fast so, als würde sie vergessen, dass es ihn überhaupt gibt.

»Komm öfter, sie liebt es, wenn du da bist!«, haben Birgit und ich schon häufig zu unserem kleinen Bruder gesagt.

Er verspricht es immer wieder, hat aber dann auch immer wieder Eins-a-Ausreden, warum es leider doch nicht klappt. Zu viel Arbeit, zu viele Termine und immer wieder diese Sätze: »Ich kann es nicht gut ertragen, sie so zu sehen! Das fühlt sich für mich nicht gut an!« Eine Aussage, die mich jedes Mal wieder auf die Palme bringt. Glaubt der ernsthaft, Birgit und mich würden die Veränderungen unserer Mutter völlig kaltlassen?

Aber braucht sie nicht gerade jetzt mehr denn je unsere Hilfe und Unterstützung? Wie egoistisch kann man sein? Ist es nicht piepegal, wie es sich für Stefan anfühlt? Es geht um Mama, nicht um seine verdammten Befindlichkeiten.

Irgendwie seltsam und auch echt ärgerlich, dass Kümmern und Pflege immer, oder jedenfalls fast immer, an den Frauen hängenbleibt. Männer wie mein Bruder schaffen es oft, sich irgendwie aus der Affäre zu ziehen. Vielleicht auch, weil wir Frauen es ihnen zu leicht machen. Ihnen einfach zu viel durchgehen lassen. Klar, im Falle meines Bruders ist es kompliziert. Er wohnt 600 Kilometer entfernt. Das macht regelmäßige Besuche für ihn sehr viel schwieriger als für Birgit und mich. Aber mehr als einmal alle zwei Monate sollte schon drin sein. Den knöpfe ich mir vor, sobald ich das mit dem Umzug hinter mir habe, nehme ich mir fest vor.

Und er ist übrigens auch dafür, Mamas Haus zu verkaufen. Unser Elternhaus! Ich kann mir das nur schwer vorstellen. Und als ich darüber nachdenke, verstehe ich meine Kinder auf einmal sehr viel besser. Ein verkauftes Elternhaus ist weg. Für immer weg. Ein Haus birgt Erinnerungen. Jugend. Unbeschwertheit. Man mag sich nicht vorstellen, dass darin andere Menschen leben, lieben, lachen, glücklich sind. Ein Haus ist Teil des Lebens. Ein Ort zum Andocken.

»Mama hat ihre Rente, sie braucht nicht viel. Und ich finde, wir sollten nicht über ihren Kopf hinweg entscheiden und einfach hinter ihrem Rücken ihr Haus verkaufen«, vertrete ich meinen Standpunkt. Außerdem ist das schon rein rechtlich gar nicht so einfach. Dafür müssten wir Mama entmündigen, und das zu tun hat etwas so Schreckliches und Endgültiges.

Meine Geschwister sind sich in der Frage einig. Sie sehen da keinerlei Problem. »Mama ist das doch total schnurzegal. Die könnten wir ganz leicht überzeugen. Und, Andrea, es ist doch so, sie kann nicht mehr für sich selbst sorgen. Was soll sie auf lange Sicht mit dem Haus?«, meint mein Bruder.

»Sie wird nicht mal bemerken, dass wir sie entmündigen lassen! Also was soll’s?«, ist auch Birgits Meinung.

Ich finde, das hat irgendwie etwas sehr Despektierliches. Mama ist dement, hat aber durchaus eine Meinung. Ihr jegliche Entscheidungsmöglichkeit zu nehmen widerstrebt mir. Vielleicht ist es letztlich vernünftig, aber ich kann mich mit der Idee nicht anfreunden. Allein die Vorstellung, dass jemand so etwas mit mir machen würde!

»Lasst uns ein paar Monate, zumindest ein halbes Jahr abwarten, bevor wir eine Entscheidung treffen. Dann können wir absehen, ob wir auf dem Land bleiben und ob Mama zurück in ihr Haus möchte. Wir müssen ja nichts überstürzen.«

Meine Geschwister willigen schlussendlich ein. Birgit allerdings nur sehr widerstrebend. Aber als sie merkt, dass Stefan meinen Vorschlag gut findet, stimmt sie zu. Das muss man ihr lassen, sie weiß genau, wie ihre Chancen stehen und ob es sich lohnt zu kämpfen. »Sechs Monate, und dann wird eine Entscheidung gefällt. Bis dahin wirst du ja wohl wissen, ob du da draußen bleiben willst oder nicht«, lautete ihr gnädiges Fazit.

Ich willige ein.

Mit meinem Chef, Herrn Klessling, kann ich mich letztlich einigen.

»Es werden sich mir ganz neue Duftwelten eröffnen. Das Land ist so angesagt, da können wir zum Trendsetter werden. Akzente setzen«, versuche ich, ihm meinen Umzug schmackhaft zu machen.

Ekstatisch ist er trotzdem nicht. Aber immerhin: Ich darf im »Homeoffice« arbeiten. Zunächst für drei Monate. »Dann sehen wir weiter, Frau Schnidt!«

Das ist nicht ganz das, was ich mir erwartet habe. Meine Sekretärin bin ich damit natürlich los. Sie bleibt in der Firma, wird zum Glück nicht entlassen und steht mir, wenn ich, wie abgesprochen, zweimal im Monat im Büro bin, zur Verfügung. Ich bin nicht mehr angestellt, sondern arbeite freiberuflich. Sollte ich nach einem Jahr wiederkommen, muss neu verhandelt werden. Das ist das Beste, was ich rausholen kann. Leider ist auch mein Titel »Marketingdirektorin« weg.

»Alles kann man auch nicht haben!«, hat mein Chef bedeutungsschwer gesagt. »Handeln hat eben auch Konsequenzen!«

Jetzt muss ich mir meinen eigenen Standarderziehungssatz um die Ohren hauen lassen. Natürlich ist das mit dem Titel eigentlich schnuppe, aber ich muss sagen, es nagt an mir. Es war schön »Ich bin Marketingdirektorin« zu sagen, egal wie klein die Firma und die Abteilung auch sind. Es klang irgendwie gut. Der Titel hat mir geschmeichelt. War ein Egobooster.

»Du bist doch keine Frau, für die so etwas wichtig ist. Und ich verdiene genug für uns beide!«, beteuert Paul, aber diese Aussage macht mich eher wütend. Ich sehe mich nicht als Frau, die fragen muss, ob sie sich ein Paar Sandalen kaufen darf.

Paul versteht das nicht. »Mein Geld ist auch dein Geld!«, betont er, und ich habe den Eindruck, er meint, was er sagt.

»Aber wenn wir uns trennen, wäre ich angeschissen!« antworte ich, und er ist sehr bestürzt, fast so, als hätte er diese Möglichkeit überhaupt noch nie in Betracht gezogen. Als wäre das die abstruseste Idee aller Zeiten.

»Ich will dich heiraten, da sollte ich wohl positiv denken!«, sagt er und küsst mich.

»Eine Ehe ist heutzutage keine Lebensversicherung mehr!«, antworte ich, und er ist enttäuscht.

»Ich sehe mich nicht als deine Lebensversicherung auf zwei Beinen, sondern als deinen Lebenspartner, der nichts lieber will, als dich zu heiraten. Und du weißt, Andrea, Geld ist nicht wichtig für mich.«

Auch für mich hat Geld keine Priorität (Obwohl ich insgeheim unsicher bin, ob das wirklich so stimmt oder ob ich mir nur selbst etwas vormache, um besser dazustehen), aber mir ist es absolut wichtig, mein Leben selbst finanzieren zu können. Ich fürchte mich davor, im Alter ohne jedwede Absicherung dazustehen. Oder im schlimmsten Fall zu liegen. Wer weiß, was mit Paul wird? Natürlich möchte ich mit ihm leben. Heute und jetzt und morgen bestimmt auch. Aber werde ich das mit hundertprozentiger Sicherheit auch in fünf Jahren noch sagen? Sind solche Prognosen nicht sehr gewagt? Sollte man nicht alle Eventualitäten einkalkulieren? Bin ich zu misstrauisch, oder ist das normal, wenn man schon eine Scheidung hinter sich hat? So oder so, ich will arbeiten und Geld verdienen, nicht nur wegen ein paar läppischer Sandalen. Auch für mein Selbstbewusstsein und meine Eigenständigkeit. Ich möchte nicht finanziell abhängig sein. »Ich werde weiterarbeiten und mir den verdammten Titel zurückholen!«, entscheide ich.

 

Sabine, meine beste Freundin, nimmt den geplanten Umzug fast am entspanntesten auf. »Für die Liebe muss man eben auch Einsatz zeigen.«

Früher, bevor sie mit ihrem kleinen Juan aus Mallorca zusammengekommen ist, hätte sie sicherlich nicht so geredet. Jetzt aber ist sie zu vielem bereit. Niemand hätte auch nur fünf Euro auf die beiden gewettet. Aber sie sind noch immer ein Paar. Und planen ihre Hochzeit.

»Vielleicht gehen wir irgendwann nach Mallorca. Da hat Juan einfach mehr Chancen. Und das Wetter ist auch besser!«, teilt sie mir so ganz nebenbei mit. »Natürlich ist es blöd, dass du jetzt so weit von mir weg wohnst, aber wer weiß, wo ich in einem Jahr bin. Auf mich musst du keine Rücksicht nehmen. Ich bin mobil, da komm ich halt raus zu dir. Und ab und an wirst du ja auch mal in die große Stadt kommen.«

Sabine ist die Einzige, der ich all meine Bedenken mitteilen kann. Meine Ängste.

Sie gibt alles, um mich zu beruhigen: »Vielleicht ist es wunderschön. Vielleicht wirst du es lieben. Du musst dem Landleben eben auch eine Chance geben. Es nicht von vorneherein ablehnen. Außerdem bist du bei dem Mann, den du liebst. Das tust du doch, oder?«

Das kann ich nur bejahen. Ich liebe Paul. Er ist der Mann, mit dem ich leben will. Allein für den Sex mit Paul würde ich aufs Land ziehen.

 

In unserer Nachbarschaft sind alle entsetzt. Vor allem Tamara. Sie hat wahrscheinlich gedacht, dass wir hier noch mit dem Rollator gemeinsam um die Häuser ziehen.

»Ich kann dich nicht verstehen. Das hier ist doch der beste Kompromiss zwischen Stadt und Land. Und du bist nah bei deinen Kindern. Wenn mal was ist, und du lebst da draußen – allein der Gedanke ist schon schaurig.«

Nur Tamara benutzt noch Worte wie »schaurig«.

Aber sie ist noch lange nicht fertig. »Jeder hat Träume, aber nicht jeder Traum kann und muss gelebt werden. Man muss wirklich nicht auf jede spinnerte Idee eines Mannes eingehen. Paul fühlt sich hier doch auch wohl. Und arbeiten muss er auf dem Land auch. Also, ich halte das echt für eine Schnapsidee!« Sie ist richtig wütend. »Anita ist weg, und jetzt gehst auch noch du. Ihr lasst mich hier im Stich. Mit wem soll ich denn Kaffee trinken und schwätzen? Ich werde hier vereinsamen!« Fürs Jammern hatte Tamara schon immer Talent.

»Du hast Zeit, du kommst mich besuchen da draußen. Und du hast doch noch deinen Thermomix«, wage ich einen kleinen Scherz.

»Das ist ja schon ein Tagesausflug, da kann man nicht eben mal auf ein Tässchen Kaffee vorbeikommen. Da muss man sich ja Proviant mitnehmen auf so eine Reise. Und da kommt der Thermomix, über den du immer so blöd ablästerst, wieder ins Spiel. Aber, Andrea, wirklich. Das ist kein kleiner Trip, das ist eine Reise in das Land, wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen. In eine andere Welt.«

Tamara übertreibt gerne mal. Palsdorf ist nicht um die Ecke, das gebe ich gerne zu, aber eine Weltreise ist es nun auch nicht bis dahin. Man fährt von hier aus etwa zwei Stunden mit dem Auto. Paul behauptet, man könne es locker in anderthalb Stunden schaffen, aber das ist eine klitzekleine Beschönigung der Tatsachen.

2

Zwei Wochen nachdem Paul mir das Ja zur Landflucht entlockt hat, fahren wir hin. Ich will wenigstens vorab mal sehen, wohin es mich verschlägt. Ursprünglich hatte Paul Rasdorf gesagt, als es um den Umzug ging, aber auch das war eine klitzekleine Beschönigung. Denn von Rasdorf aus muss man noch tiefer in den Wald fahren, immer tiefer in den Wald, und Palsdorf ist dann der letzte Ort vor dem buchstäblichen Nichts. Ein Sackgassendorf. Dahinter kommt dann nur noch mehr Wald. Man könnte meinen, dass genau dort die Welt endet. Wahrscheinlich tut sie es auch.

»Phantastisch, oder?«, hat Paul geschwärmt. »Keinerlei Durchgangsverkehr! Absolute Stille. Herrliche Ruhe.«

Ich bin entsetzt. Es gibt nur eine Straße, um aus diesem Palsdorf wieder rauszukommen. Zu entkommen. Sofort habe ich Visionen, wie wir, sollte irgendwas passieren, für immer von der Welt abgeschnitten sind.

»Wenn die Straße mal gesperrt ist, sitzen wir hier fest!«, habe ich leicht panisch zu Paul gesagt.

»Warum sollte die gesperrt sein? Das ist keine Gegend für Überschwemmungen oder Erdrutsche«, hat er relativ erstaunt geantwortet.

Ich finde allein den Gedanken, dass es kurz hinter dem Haus nicht mehr weitergeht, verstörend. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr Horrorvisionen tummeln sich in meinem Kopf. Was könnte nicht alles Gruseliges aus dem Wald kommen? Tiere. Verbrecher. Monster? Das Setting wäre wirklich perfekt für einen fiesen Horrorfilm.

Das Haus, in dem wir leben werden, ist groß, ein riesiger, ziemlich dunkler Kasten mit drei Stockwerken. An den Garten, ebenfalls riesig, grenzt – Überraschung – der Wald. Kein Laubwald, sondern ein Tannenwald. Selbst bei Tageslicht erscheint alles dunkel. Furchtbar dunkel. Irgendwann wird uns dieses Dunkel verschlucken. Haps und weg! Sei nicht kindisch, Andrea, rufe ich mich selbst zur Ordnung.

 

Horst, der Herrscher des Dunkels, begrüßt uns mit einer herzlichen Umarmung. Er sieht aus wie ein kerniger Waldschrat. Groß, vollbärtig, kauzig und ein bisschen so, als müsse er mal generalüberholt werden. Nicht schmuddelig, aber kurz davor. Hätte er gesagt, er lebe in einer Waldhütte, ohne fließend Wasser, ich wäre nicht überrascht gewesen. Aber nett ist er, dieser Horst. Und er passt in seiner Riesigkeit sehr gut zu diesem Haus.

»Ich freue mich, dass ihr mich hier vertreten werdet. Toll, dass du mitmachst, Andrea. Aber Paul hat schon gesagt, dass du eine Wahnsinnsfrau bist. Ihr werdet Spaß haben hier draußen. Und viel Zeit für euch. Seit Heike weg ist, fällt mir hier die Decke auf den Kopf. Ich muss mal raus. Die Welt angucken, bevor ich es nicht mehr kann. So ist es für uns alle ein Abenteuer. Ihr kommt mal raus aus dem Mief der Vorstadt und Paul aus dem Kliniktrott, und ich sehe mal neue Gesichter nach all den Jahrzehnten hier. Schaut euch einfach um im Haus, ich mache derweil einen schönen Kaffee für uns.«

Paul versucht, mich zu begeistern. Führt mich durchs Haus. Innen ist es tatsächlich schön, sehr viel schöner, als das düstere Äußere vermuten lässt. Es ist hell und freundlich. Bisschen viel Holz für meinen Geschmack (Fast so, als würde man in einer Sauna leben!), aber irgendwie gemütlich. Ländlich halt. Im Erdgeschoss ist die Praxis und in den beiden Obergeschossen die Wohnung.

»Ich dachte, wir wohnen im ersten Stock, und deine Mutter und Malgorzata haben ein eigenes Reich im zweiten Stock. Da wäre dann auch Platz für Gäste.« Paul ist verzückt.

Eins muss man dem Haus lassen, groß ist es wirklich.

»Horst lässt alle Möbel da, wir müssen nur die Zahnbürste mitbringen, ist das nicht irre praktisch?«, sagt er, während wir durch die Räume gehen und ich das Haus inspiziere. Irre praktisch ist das. Vor allem für einen Mann, der Crocs als Schuhe schick findet.

»Ein bisschen mehr als meine Zahnbürste würde ich schon gerne mitnehmen!«, wende ich ein.

»Was immer du willst, Andrea. Ich bin so glücklich, dass du meinen Traum mit mir lebst. Ich weiß, es ist ein großer Schritt für dich! Und ich weiß das wirklich zu schätzen!«, antwortet Paul und küsst mich.

»Ich will mein eigenes Bett. Ich mag nicht in Horsts Bett schlafen.« Keine Ahnung, was der Waldschrat allein in seinem Bart so mit sich rumträgt.

Paul guckt überrascht.

Ich füge schnell hinzu: »Wer weiß, wer da schon alles dringelegen hat.«

»Ich glaube nicht, dass da viel los war in den letzten Jahren. Seit Heike, also die Frau von Horst, weg ist, hat er, glaube ich jedenfalls, nichts Neues am Start gehabt. Aber wenn du ein eigenes Bett willst, geht das klar. Daran soll es nicht scheitern. Und wir können unser Haus möbliert vermieten. Jetzt, wo die Brexit-Engländer kommen, ist das sicher sehr begehrt.« Im Moment ist Paul zu allen Zugeständnissen bereit. Ganz im Sinne von Eine-Hand-wäscht-die-andere.

Unser neues Zuhause hat auf der ersten Etage ein großes Wohnzimmer mit Kamin, eine immens große Küche mit Eckbanksitzecke und noch zwei weitere Zimmer. Das Bad sieht aus wie aus den 70er Jahren, ist altrosa gekachelt, hat aber alles, was man so braucht. Und wirkt auf mich natürlich auch riesengroß. Kein Wunder im Vergleich zu unserem Reihenhaus.

»Unsere Wohnung hier hat etwa hundertdreißig Quadratmeter, immerhin fünf Quadratmeter mehr als unser jetziges Haus. Das sollte doch für uns zwei reichen! Vor allem, wenn man bedenkt, dass es noch eine zweite Etage gibt, die fast genauso groß ist«, grinst Paul und schwärmt weiter. »Schau mal, vom Schlafzimmer aus schaut man direkt in den Wald. Wenn das nicht der Gipfel der Romantik ist!«

Ob es romantisch ist, in einen tiefschwarzen Tannenwald zu schauen, vor allem nachts, darüber kann man mit Sicherheit trefflich streiten, aber wenn Paul an meiner Seite liegt, ist alles gut. Noch sind wir in einem Beziehungsstadium, in dem der Blick aus dem Schlafzimmerfenster nicht entscheidend ist. Generell ist mir die Aussicht aufs Kissen neben mir wichtiger.

Die Einrichtung unserer Etage ist auf keinen Fall Schöner-Wohnen-tauglich, aber auch weit davon entfernt, ein Fall für Tine Wittler und ihre Sendung »Einsatz in vier Wänden« zu sein. Es ist eine Wohnung ohne viel Deko, zweckmäßig und stellenweise sogar heimelig. Was weniger an den Möbeln als vielmehr am immensen Holzaufkommen liegt. Holzregale, Holztische, Holzböden und eine Küche auch komplett aus Holz. Man sehnt sich fast nach ein wenig Plastik.

Die zweite Etage ist nahezu identisch. Auch hier gibt es eine Küche, ein Badezimmer und drei weitere Zimmer. Also ausreichend Platz für Mama und Malgorzata.

»So können die beiden, wenn sie mögen, auch ein bisschen für sich sein. Können autark sein. Kochen, wann und was sie mögen. Einfach perfekt«, freut sich Paul.

»Etwas Elementares für Mamas aktuelles Leben und vor allem für ihr Wohlbefinden fehlt noch. Der Fernseher«, wage ich einen kleinen Einwand.

Paul lächelt gelassen: »Wir nehmen ihren mit. Das ist doch kein Problem. Horst ist halt kein Fernsehgucker. Er liest in seiner Freizeit oder streift durch den Wald. Sucht Pilze und verfolgt Tierspuren. Er war schon immer sehr naturverbunden.«

Genau danach sieht er auch aus, denke ich, naturverbunden und auch ziemlich naturbelassen, halte aber meine Klappe. Paul ist nämlich ein ähnlicher Typ. Nicht so zugewachsen und nicht ganz so kauzig, aber es geht in die gleiche Richtung. Paul ist einer der uneitelsten Männer, die ich kenne. Und genau das mag ich auch so an ihm. Er ist gepflegt, aber sein Kosmetiksortiment besteht aus Duschgel, Deodorant und Nivea-Creme. Würde man ihn fragen, was ein Epilierer oder ein Concealer ist, hätte er keinen Schimmer. Das finde ich sehr angenehm. Ich möchte keinen Mann, der morgens erst mal eine Feuchtigkeitsmaske aufträgt. Juan, der kleine Spanier von Sabine, ist ein süßes Kerlchen mit akkurat gezupften Brauen. Das ist mir schon ein Hauch zu viel. Ich mag Männer, die gut riechen, aber noch Achselhaar haben. Männer, die kernig wirken und sind.

 

Nach dem Hausrundgang sitzen wir bei Horst in der Küche, die bald unsere Küche sein wird. Mit Stolz führt er uns seine tolle Kaffeemaschine vor.

»Ohne Kaffee kann ich nicht. Ihr werdet begeistert sein. Das ist der Rolls-Royce unter den Kaffeemaschinen. Die würde ich am liebsten mit auf meine Reise nehmen.« Er streicht sanft über die Maschine, gerade so, als müsse er sein Baby in die Obhut von Fremden geben und Sorge haben, ob er es je wiedersieht.

»Wir werden sie wie ein Familienmitglied behandeln«, verspricht Paul schnell und zwinkert mir zu.

Horst nickt freudig. »Ach und da wären noch Heidrun, Hannelore und Hedwig. Die liegen mir auch sehr am Herzen. Vor allem Hannelore. Die lass ich wirklich nur ungern zurück. Aber die Reise wäre nichts für sie. Ich stelle sie euch gleich mal vor. Ich hoffe, ihr mögt die drei bald genauso sehr, wie ich sie mag.«

O mein Gott! Sollen wir seine Lieblingsdorffrauen bespaßen? Sind das einfach nur Freundinnen oder besondere Freundinnen mit speziellen Vorzügen? Hat er mit allen was? Oder nur mit Hannelore? Spielt er mit ihnen Doppelkopf, oder suchen sie gemeinsam Pilze? Ich beschließe, die Frauen erst mal kennenzulernen und mir ein Bild zu machen. Obwohl allein die Namen darauf hindeuten, dass wir wahrscheinlich nicht der gleiche Jahrgang sind. Hannelore, Hedwig und Heidrun, das klingt verdächtig nach der Generation meiner Mutter. Ist Horst der Macron von Plasdorf? Jedem Tierchen sein Pläsierchen, hat meine Mutter immer gesagt, und ich denke nur, warum nicht. Er ist ein Mann ohne Fernseher, und Pilze suchen kann man ja nur saisonal. Irgendwie muss sich der Dorfarzt ja beschäftigen.

»Gibt’s da keine Eifersucht unter den dreien?«, rutscht mir doch eine Frage raus.

»Klar gibt’s die«, kichert Horst, »sie buhlen um meine Gunst. Aber Hannelore war schon immer meine Favoritin. Ich versuche es vor den anderen zu verbergen, aber Hedwig ist ab und an richtig wütend. Heidrun reagiert eher mit Distanz.«

Da sag mal einer, auf dem Land gäbe es keine Aufregung. Kein Drama. Bin schon jetzt gespannt, was die Damen so über Horst erzählen.

»Klar, kümmern wir uns«, verspricht Paul, und ich sehe uns schon dreimal die Woche abends gemeinsam mit den drei Hs vor dem Kamin hocken. Auf Wiedersehen traute Zweisamkeit. Aber vielleicht eignen sich die drei ja als Freundinnen für meine Mutter.

Mamas Freundinnen haben sich mit fortschreitender Demenzerkrankung immer mehr zurückgezogen. »Sie ist jetzt so anders!«, lautet das Argument. Ich glaube, schon deshalb klammert sich Mama so sehr an ihre Malgorzata. Weil ihr ihre Freundinnen fehlen, sie das aber nicht artikulieren kann. Ich finde das für Mama sehr, sehr traurig. Als ich Annemarie, eine ihrer ältesten Freundinnen, darauf angesprochen habe, hat sie kleinlaut gesagt, dass sie sich fürchtet. Dass sie, wenn sie meine Mutter sieht, das Gefühl hat, auch so enden zu können. Dass sie Angst hat und nicht weiß, wie sie mit meiner »neuen« Mutter umgehen soll. »So wie immer!«, habe ich vorgeschlagen, aber Annemarie hat nur gesagt: »Sie ist nicht wie immer. Ich habe das Gefühl, sie ist eine fremde Frau. Eine Person ohne jegliches Feingefühl. Sie hat zu mir gesagt, ich sähe aus wie eine Dörrpflaume. So verhutzelt und abgemagert. Ohne Saft. Nett war das nicht von Erika! Und mal ehrlich, Andrea, sie weiß doch gar nicht zu schätzen, dass ich den Weg auf mich nehme. Das sind immerhin vier Stationen mit der U-Bahn. Ungefährlich ist das heutzutage auch nicht. Einmal musste ich sogar umsteigen, als irgendwas gesperrt war. Und Bridge kann sie auch nicht mehr. Und immer dieser Hausanzug. Das zieht mich alles runter. Und ich habe eh niedrigen Blutdruck.« Nach dieser Tirade habe ich aufgegeben. Ich, Ich und noch mal Ich. Schade.

Natürlich ist es nicht besonders charmant von Mama, ihre älteste Freundin als verhutzelte Dörrpflaume zu bezeichnen, aber treffend ist es durchaus. Und mit ein bisschen Herz und dem Wissen von Mamas Krankheit sollte man darüber lachen können. Ich habe Annemarie immer gemocht, aber das ist irgendwie richtig schäbig.

 

»Wollen wir mal schauen, ob Hannelore in der Stimmung für einen Besuch ist?«, unterbricht Horst meine Gedanken.

Meine Güte, ist diese Hannelore die Königin von Plasdorf? Die nervt mich ja schon, bevor ich sie überhaupt kennengelernt habe. Bevor ich eine schnippische Bemerkung machen kann, stimmt Paul zu. »Gerne, bin schon gespannt auf die drei Ladys!«

»Ach, eins noch, ehe wir losziehen«, dreht sich Paul zum Küchenschrank und kramt darin herum.

Will er uns jetzt noch seinen Staubsauger erklären? Oder zeigen, wo das Bügelbrett versteckt ist? Mitnichten. Paul hat ein Gewehr in der Hand. Mir wird ganz anders. Was soll denn das bedeuten? Ist es hier tatsächlich so gefährlich, wie ich es vermutet habe?

»Mach nicht so ein ängstliches Gesicht, Andrea«, sagt Horst und kneift mich freundschaftlich in die Wange. »Ich tu euch doch nix. Das ist für die Schweine. Oder den Fuchs. Ab und zu verirren die sich in den Garten, und da langt es zumeist, wenn du in die Luft schießt. Du kannst natürlich auch draufhalten, und dann ruft ihr den Wilhelm an, der ist der Förster hier, und der kann die Sau zerlegen, und dann macht ihr lecker Wildgulasch. Am besten mit Wacholder und Preiselbeeren. Pfifferlinge sind auch phantastisch dazu. Aber gebt bloß acht, dass ihr nicht meine Hannelore trefft, wenn sie durch den Garten streift.«

Ich weiß gar nicht, was ich verstörender finde. Dass ich mit dem Gewehr Getier abschießen oder erschrecken soll oder dass seine Hannelore einfach so durch den Garten streift. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich auf Tiere schießen kann. Und die Vorstellung, dass ich dabei Hannelore erwische, macht den Gedanken auch nicht besser.

»Ich kann das auf keinen Fall!«, beeile ich mich zu sagen.

Horst lacht. »Was kannst du nicht, Andrea? Schießen oder ein schönes Wildschweingulasch kochen?« Er kriegt sich vor Lachen gar nicht mehr ein.

»Schießen!«, antworte ich. »Schießen natürlich.« Ein Wildschweingulasch kann ja so kompliziert nicht sein. Fleisch ist Fleisch, und Gulasch ist Gulasch.

»Also, so schwer ist das nicht, Andrea. Ich zeig’s dir mal!« Er fasst mich am Arm und zieht mich Richtung Balkon.

Paul guckt unschlüssig. Er als fast Vollzeit-Vegetarier hat sicherlich noch nie auf ein Tier geschossen. Und Wildgulasch steht eher auch nicht auf seinem Speiseplan. Paul räuspert sich und sagt dann: »Horst, ich glaube, Tiere abknallen ist nichts für uns. Und erlaubt ist das mit Sicherheit auch nicht. Wir haben ja gar keinen Waffenschein. Und vor allem auch keine Ahnung, wie das geht mit dem Schießen. Ich war ja nicht mal beim Bund.«

Horst bleibt erstaunt stehen: »Sei doch nicht so ein Schisser, Paul. Hier fragt keiner nach einem Waffenschein. Ich lauf ja nicht mit dem Gewehr durchs Dorf. Und dass man Wildschweine nicht im Garten will, versteht hier jeder. Paul, auf gutes Zureden reagieren die nicht. Wildschweine brauchen ’ne klare Ansage. Da kannst du nichts ausdiskutieren. Du schießt, und das Schwein macht sich vom Acker, sprich vom Gras. Du kannst komplizierte Fußoperationen, da wirst du doch in die Luft ballern können. Laden, zielen, schießen. Wir gehen mal üben. Nicht dass die Säue mir den kompletten Garten umgraben, während ich weg bin.«

Paul sieht nicht sehr überzeugt aus.

»Zeig’s mir!«, sage ich da und bin selbst erstaunt über mich. Aber mal ehrlich, es kann ja wirklich nicht so schwer sein. Und was nützt ein Gewehr im Schrank, wenn man es nicht bedienen kann. Außerdem ist dieser Wald da draußen tatsächlich furchteinflößend, und vielleicht beruhigt es mich zu wissen, dass ich im Fall der Fälle schießen könnte.

»Andrea, du willst schießen?«, fragt Paul, und er hört sich seltsam verstört an.

»Ich weiß nicht … Eigentlich nicht. Können wir nicht diesen Wilhelm anrufen, wenn was ist?«

»Klar, könnt ihr das. Weiß aber nicht, ob der begeistert ist, wenn ihr ihn wegen jeder Sau hierherzitiert. Aber theoretisch geht das natürlich. Entspannt euch, ihr müsst hier nicht Cowboy spielen. Hier ist alles zivilisiert, auch wenn es euch gerade nicht so vorkommt.«

Ich bin erleichtert. »Gut, dann gibst du uns die Nummer von Wilhelm, und wir lassen das mit dem Schießen. Ist nicht nur für die Wildschweine besser. Ich will ja nicht versehentlich deine Hannelore treffen. Obwohl, mal ehrlich, dass die so durch den Garten streift, ist dir das nicht ein bisschen too much?«, wechsele ich das Thema.

»Das stört mich nicht, und sie genießt es. Manchmal schaue ich von hier oben zu, wie sie umherstolziert. Sie hat echt Haltung. Und Anmut.«

Seltsame Sitten auf dem Land. Ist das nicht ein wenig bizarr? Stolziert man sich hier ins Herz oder ins Bett? »Und was meinen Hedwig und die andere, diese Heidrun, dazu? Machen die das auch?«, hinterfrage ich dieses merkwürdige Gebaren.

»Eher selten, die sind häuslicher. Hannelore ist die Wildeste. Und genau das mag ich so sehr an ihr.«

Sofort habe ich Bilder im Kopf, die da nicht hingehören, vom Waldschrat Horst, seiner wilden Hannelore und den geduldig wartenden Zweitfrauen, und bin mehr als bestätigt in meinem Wunsch, mein eigenes Bett hier haben zu wollen. Von wegen beschauliches Landleben. Hier geht es ja ganz schön ab. »Was für ein Typ ist Hannelore?«, wage ich einen weiteren Vorstoß.

»Wild, unberechenbar, aber irgendwie auch süß. Eine Wahnsinnsmischung. Wilhelm findet sie auch außergewöhnlich. Und Petra, meine Sprechstundenhilfe, fürchtet sich ein bisschen vor ihr. Vielleicht ist sie auch eifersüchtig, wer weiß das schon bei den Frauen immer so genau. Na ja, ihr werdet euch ja gleich einen eigenen Eindruck machen können. Es wäre echt schön, wenn ihr euch vertragt. Ihr solltet sie nicht anfassen. Das mag sie nicht. Da ist sie bei Petra ein bisschen unwirsch geworden. Die hat es aber auch ungeschickt angestellt. Kommt!«

Ich bin wirklich gespannt. Heißt nicht anfassen auch nicht die Hand geben? Ich möchte die wilde Hannelore ja nicht direkt vergrätzen. Ich werde auf jeden Fall zunächst mal Abstand halten. Aber vielleicht trägt Horst auch ein bisschen dick auf. Man weiß ja nie. Paul scheint seltsam ungerührt.

Wir trotten hinter Horst her, der das Gewehr wieder im Schrank verstaut hat. Zum Glück. Der Garten ist wirklich unglaublich groß.

»Wie viel Quadratmeter sind das?«, frage ich und habe schon beim Anblick Horrorvisionen von all der Arbeit. Wenn man diesen Rasen fertig gemäht hat, dann wird da, wo man angefangen hat, wahrscheinlich alles schon wieder nachgewachsen sein.

»Knapp zweieinhalbtausend Quadratmeter, aber hinten sind Büsche. Rasenfläche sind knapp tausendfünfhundert Quadratmeter. Ich habe einen Aufsitzmäher«, antwortet Horst.

Beim Wort Aufsitzmäher funkeln Pauls Augen. Wie berechenbar Männer doch sein können. »Echt, Horst, das allein wäre ja ein Grund, hierherzuziehen.« Er macht ein Gesicht wie ein kleiner Junge beim Anblick seines ersten Baggers.

Ich hätte nicht gedacht, dass Paul ein Mann ist, den Aufsitzmäher interessieren. Ein bisschen Klischee ist eben immer. Aber egal, diese Begeisterung garantiert, dass er den Rasen mäht. Diese neue Liebe wird mir sehr viel Arbeit ersparen. So hat alles sein Gutes.

»Ich glaube, sie ist daheim, meine Hannelore, oder seht ihr irgendwo was?«