Vestalia - Tina Bajza - E-Book

Vestalia E-Book

Tina Bajza

0,0

Beschreibung

Vestalia Di Salvo ist ein Emporkömmling einer angesehenen und einflussreichen Goldschmiedefamilie. Während eines geschäftlichen Aufenthaltes in Rom wird Vestalia Teil einer polizeilichen Ermittlung in einer geheimnisvollen Mordserie innerhalb der Goldschmiedezunft. Bei ihrem Kampf um Wahrheit und Macht gerät die Titelheldin immer tiefer in den Strudel tödlicher Intrigen, Obsessionen und übernatürlicher Kräfte, die sich ihrer zu bemächtigen drohen. Wird sie es schaffen, sich gegen ihre Feinde zu behaupten? Und was ist Wahn und was Realität? Kann sie sich selbst noch überhaupt trauen?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Tina Bajza

Vestalia

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1 Die Feuerprobe

2 Das Kloster

3 Ankunft in Rom

4 Die Rose

5 Mondschein

6 Glühwürmchen

7 Carmine

8 Der Fund

9 Ispettore Sperati

10 Der Sonntag

11 Antonios Diamanten

12 Der Anruf

13 Claudio

14 Sperati und Marsella

15 Der Geschäftstermin

16 In der Bar

17 Das Amulett

18 Stefano

19 Die Suche

20 Die Flucht

21 Die Befürchtung

22 Salvatore

23 Die erste Spur

24 Die Konsequenz

25 Das Geheimnis

26 Der Abschlussbericht

27 Die erste Perle

28 Monte Circeo

29 Das Gebet

30 Das Versteck

31 Die Serenade

32 Die Jagd

33 Mario und das Meer

34 Der Kampf

35 Die nächtliche Audienz

36 Kardinale Laurentius

37 Die Vorahnung

38 Die Observation

39 Im Krankenhaus

40 Die Erkenntnis

41 Unverhofft

42 Alessio

43 Die Jubiläumsfeier

44 Die Mutprobe

45 Elisas Rosengarten

46 Der Glücksfall

47 Das Wiedersehen

48 Die Reue

49 Das Versprechen

50 Obsessionen

51 Im Kerzenschein

52 Die Vorfreude

53 Die Falle

54 Die Kinderarmee

55 Das Verhör

56 Das Angebot

57 Die Bitte

58 Der Tempel

59 Die Entscheidung

60 Das Verhör - Die Fortsetzung

61 Sternennacht

62 Der Abschied

63 Matteo

64 Loyalität

65 Asche zu Asche

66 Der Schachzug

67 Forum Romanum

68 Der achte Zyklus

69 Die Ankunft

70 Die Befreiung

71 Neue Pflichten

72 Eure Heiligkeit

73 Die Wahrheit

Impressum neobooks

1 Die Feuerprobe

Florenz, 1498 n. Chr.

Girolamo Savonarola kniete seit Stunden vor dem Korridor und betete. Wände aus Feuer ragten vor ihm und warteten darauf, von ihm bezwungen zu werden. Was sein größter Triumph werden und seine Gegner endgültig verstummen lassen sollte, drohte ihn nun zu vernichten. Die Hitze brannte auf seinem Gesicht. Die Haut war an mehreren Stellen wund und schmerzte unerträglich. Im Mund konnte Girolamo sein eigenes Blut schmecken. Kein göttliches Donnern, kein Regen, kein Zeichen Seines Beistandes. Hatte Gott ihn verlassen? Seine Verzweiflung stieg. Das durfte nicht sein! Nicht jetzt, wo es darum ging, den Glauben der Menschen in Zeiten des Umsturzes zu festigen. Nicht jetzt, wo er Seine Führung so dringend benötigte! Er wollte doch nur Seinem Willen gehorchen und Ihmfolgen, selbst durch die Flammen hindurch. Aber er konnte das nicht ohne Ihn! Warum versagte Er ihm im entscheidenden Moment Seine Hilfe? Girolamo spürte die verächtlichen Blicke des Bischofs und seiner Gefolgsleute im Nacken. Spürte, wie der Gesandte des Papstes Alexander VI. darauf wartete, dass er versagte. Darauf wartete, dass seine Anhänger ihn verließen. Darauf wartete, dass sich seine engsten Vertrauten gegen ihn wandten.

„Frater Girolamo, Ihr müsst es tun! Die Menschen werden unruhig! Ihr müsst jetzt hindurchgehen, oder wir verlieren sie!“, schrie Frater Domenico, um das überwältigende Tosen des Feuers und die ungehaltenen Gläubigen zu übertönen.

Girolamo versuchte inmitten dieses Sturms, dem Herrn nahe zu sein, Seine Anwesenheit zu spüren, Seine Stimme zu hören. Seine Fingernägel hatten sich im Gebet tief in das Fleisch seiner Handrücken gebohrt. Das getrocknete Blut sah schmutzig aus. Unrein! War er selbst zu einem dieser wankelmütigen Sünder geworden, wie die, von denen er nun mit zunehmendem Misstrauen angesehen wurde?

„Frater Girolamo, Ihr werdet doch nicht etwa an dem Herrn zweifeln? Frater!“, rief Frater Domenico bestürzt.

War es so? Hatte er in der Vergangenheit seinen Glauben zu sehr auf Zeichen gestützt? Und genau hier forderte er erneut eines von Ihm - ein Zeugnis,für alle sichtbar, dass Gott ihn als Hirten auserwählt hatte. Hatte er sich zu hoch erhoben, indem er vom Herrn Anerkennung für seine Treue forderte? Wollte Er ihn Demut lehren? Hinabgestoßen von der hohen Kanzel auf die trockene Erde, lag er nun vor Ihm im Staub, ausgedorrt und gebrochen. Er hatte die Sünde -ihre Sünde- mit Feuer bekämpft, dem Element, über das sie herrschte. Girolamo verstand plötzlich - er hatte sich der Ketzerei schuldig gemacht und Gott verraten! Er war kein Quell des Glaubens mehr.

Seine Ordensbrüder verharrten in Erwartung weiterer Befehle. Doch Girolamo erkannte noch etwas anderes in ihren Augen: Enttäuschung, Zorn, Verachtung! Versagte er heute, würden sie sich gegen ihn wenden. Doch letztendlich erfüllten sie nur ihre Bestimmung. So, wie sie ihm bislang gefolgt waren, würden sie nun zur helfenden Hand seines Henkers werden. Das Feuer, welches er so lange gelenkt hatte, welchem sich tausende Menschen gebeugt hatten, versperrte ihm jetzt den Weg. Das Licht, das ihn bislang geführt hatte, blendete ihn nun und wies ihn ab. Er nahm darin keine Verheißung der Erlösung wahr, sondern Verdammnis.

Girolamo musste sich dem Entschluss des Herrn, dass er am Ende seines Weges angekommen war, ergeben. Er hatte es vor langer Zeit vorhergesehen. Er wusste, die Flammen würden ihn eines Tages einkreisen und verschlingen. Er hatte nur gehofft, dass er genug Zeit haben würde, etwas von Bestand zu erschaffen, und er nicht nur ein Strohfeuer war, über dessen heiße Asche sich jeder Ungläubige barfuß wagte! Es war an der Zeit, Vorkehrungen zu treffen. Girolamo senkte sein Haupt. Er dankte dem Herrn für die Erkenntnis und die Ehre, Ihm gedient haben zu dürfen.

Die wütende Meute um ihn herum kam in Bewegung und musste von den Wachen zurückgehalten werden. Die abfälligen Zurufe häuften sich - ein untrügliches Zeichen für den beginnenden Abstieg! Und noch eher das Feuer erloschen war, hatte sich seine Glaubensgemeinde aufgelöst, um sich vor dem Gold um den Hals seines Feindes zu verneigen.

2 Das Kloster

Tiefstes Schwarz. Langsam fing die Dunkelheit an, sich in Facetten zu teilen. Schatten tanzten über ihr und lockten sie, ihre Augen zu öffnen. Es wurde allmählich heller und sie erkannte deutliche Umrisse.

„Signorina! Signorina Vestalia!”

Die Männerstimme bohrte sich messerscharf in ihren Kopf. Zuerst setzte das Pochen in der rechten Schläfe ein, und breitete sich augenblicklich zu einem rasenden Schmerz über die ganze Stirn aus. Sie musste ihre Augen zusammenkneifen. Sie presste ihre Finger auf die pulsierende Ader. Abwechselnd übte sie leichten Druck aus und ließ wieder los. Nach einigen Wiederholungen ließ der Schmerz nach.

„Signorina, ist alles in Ordnung?“, hörte sie die schrille Stimme fragen.

Vestalia wagte einen zweiten Versuch. Es brauchte eine Weile, bis sie sich an das Sonnenlicht gewöhnt hatte. Schließlich sah sie in das besorgte Gesicht eines Mannes mit dunklen, buschigen Augenbrauen. Als sie sich umsah, stellte sie fest, dass sie sich in einem karg eingerichteten Raum befand. Es erinnerte sie an ein Krankenzimmer, jedoch war hier kaum mehr als das Notwendigste an Mobiliar vorhanden: die Pritsche, auf der sie lag; ein Instrumententisch, darauf eine Schüssel mit blutigen Stofffetzen; ein Hocker, auf dem der Mönch saß; und zuletzt eine hölzerne Arzneikommode am Fenster. Es fiel ihr wieder ein - sie war im Kloster des Dominikanerordens. Sie hatte eine Autopanne auf der Landstraße gehabt und die Mönche waren ihr zu Hilfe geeilt. Während sie darauf gewartet hatte, dass der Reifen ausgetauscht wurde, hatte Frater Federico mit ihr eine Führung durch das Kloster gemacht.

„Signorina Vestalia, wie geht es Ihnen? Ist Ihnen schwindelig?“, drängte sich Frater Federico in ihre Gedanken.

„Nur leichte Kopfschmerzen“ Vestalia richtete sich auf.

„Langsam, Signorina! Sie sollten lieber noch ein wenig liegen bleiben.“, versuchte der Mönch sie zu warnen.

Zu spät. Vestalia wurde schwindlig und sie kippte nach hinten. Frater Federico fing sie gerade noch rechtzeitig auf.

„Das war wohl zu schnell“, bemerkte sie verlegen.

„Sie sollten keine hektischen Bewegungen machen. Richten Sie sich langsam auf.“ Er setzte sich neben sie und stützte sie ab, während sie sich vorsichtig aufsetzte.

„Was ist passiert?“, fragte sie, als der Raum aufgehört hatte, sich um sie zu drehen.

„Sie wissen es nicht mehr?“

„Sie haben mir das Kloster gezeigt“

„Si“, bestätigte Frater Federico.

„Zuletzt waren wir in der Zelle von Frater Girolamo. Sie erzählten mir von ihm und ich wollte mir sein Bild näher ansehen, als…“

Sie erinnerte sich, wie sie ein beunruhigendes Gefühl bekommen hatte, als sie sich das Portrait von dem Mönch Girolamo Savonarola angesehen hatte. Es hing an der Wand in der Kammer, welche er zu Lebzeiten bewohnt hatte. Es war, als wäre er mit ihr im Raum gewesen, ganz nah bei ihr. Vielleicht hatte es aber auch nur an den lebhaften Schilderungen von Frater Federico gelegen. Das war jedenfalls der Moment gewesen, wo sie gestolpert war.

„Ich bin mit meinem Absatz hängen geblieben.“ Vestalia schlug die Hände vors Gesicht. „Oh, wie peinlich!“

Frater Federico lachte gönnerhaft.

„Kein Grund sich zu schämen, Signora Vestalia! Im Gegenteil, ich hätte Sie warnen müssen. Das ist ein altes Kloster und stellenweise ein wenig renovierungsbedürftig. Wir tun zwar unser Bestes, aber hier und da gibt es immer noch kleine Fallen. Ich hoffe, Sie können mir verzeihen!“

„Sie sind zu freundlich, Frater.“

„Gott sei gedankt, dass nichts Ernsthafteres passiert ist! Es ist nur eine kleine Beule und eine winzige Platzwunde. In ein, zwei Tagen dürfte es so gut wie nicht mehr zu sehen sein.“

„Passt perfekt zu meiner Reifenpanne. Damit dürfte mein Soll an Fauxpas für heute erfüllt sein.“, scherzte Vestalia.

„Nicht nur für heute, hoffe ich. Apropos, der Reifen ist gewechselt. Ihr Auto steht startklar im Hof. Aber bevor Sie weiterfahren, sollten Sie zuerst noch etwas essen, damit Ihr Kreislauf wieder in Schwung kommt. Immerhin waren Sie eine Zeitlang ohnmächtig.“

„Wie lange eigentlich?“ Unwillkürlich sah sie auf ihre Uhr.

„Eine Stunde“, bestätigte Frater Federico, als Vestalia ihn ungläubig ansah.

„Ist das normal für eine harmlose Platzwunde?“ Sie ertastete das Pflaster auf ihrer Stirn.

„Ich nehme an, dass die lange Autofahrt Sie erschöpft hat, auch wenn Sie es selbst wahrscheinlich gar nicht gemerkt haben. Sie müssen darauf achten, dass Sie bei dieser Hitze draußen ausreichend trinken.“, riet er ihr an und hielt ihr ein Glas Wasser hin.

„Grazie!“ Sie war tatsächlich durstig.

„Und jetzt bringen wir Sie wieder auf die Beine“ Frater Federico stand auf und reichte ihr die Hand. Immer noch leicht zittrig, ergriff Vestalia sie.

„Langsam“ Frater Federico hielt sie fest.

Der jüngere Mönch, der ebenfalls bei der Führung durch das Kloster dabei gewesen war, stützte sie von der anderen Seite. Vestalia spürte, wie ihr Körper zusammensacken wollte, aber sie blieb entschlossen stehen, bis der drohende Schwächeanfall vorüber war. Als sie endlich einen sicheren Stand hatte, ging sie ein paar Schritte.

„Bene“, nickte Frater Federico. „Ich denke, wir können uns in die Messe wagen. Dort nehmen Sie eine kleine Stärkung zu sich und danach dürften Sie wieder ganz hergestellt sein.“

Frater Federico schien mit seiner Diagnose zufrieden zu sein. Vestalia war erleichtert. So nett die Mönche auch waren, fand sie die Brüder dennoch ein wenig unheimlich. Sie liefen entweder paarweise oder im Rudel, nie einzeln. Und während der Führung war sie teilweise auffällig gemustert worden. Sie war sich wie in einem Männergefängnis vorgekommen. Bei diesem Gedanken überkam sie der Drang schnellstens davonzurennen. Sie ermahnte sich selbst, höflich zu bleiben. Also, anstatt Frater Federico und dem jungen Mönch die Ellenbogen in die Rippen zu rammen und zu flüchten, antwortete sie brav.

„Grazie mille, das klingt wirklich sehr gut.“

„Bene, folgen Sie mir!“

Der Frater geleitete sie aus dem Krankenzimmer. Sie begegneten auf den Fluren den anderen „Insassen“ und wie erwartet, waren sie wieder paarweise unterwegs. Vestalia versuchte, sie zu ignorieren, so gut sie konnte. In der Messe angekommen, war sie froh, als sie mit Frater Federico alleine war. Bei dem Anblick von aufgeschnittenem Schinken und Käse merkte sie, wie hungrig sie tatsächlich war. Sie setzte sich auf den ihr angebotenen Stuhl und wartete geduldig, bis der Frater sein Gebet beendet hatte. Er selbst aß nichts. Er leistete Vestalia lediglich Gesellschaft bei einer Tasse Kräutertee. Schon nach wenigen Bissen spürte sie, wie sich ihr Magen entkrampfte und beruhigte. Die noch leichte Benommenheit wich vollends.

Frater Federico sah nachdenklich aus dem Fenster. Als Vestalia ihre Gabel niederlegte, erkundigte er sich höflich.

„Hat es Ihnen gemundet?“

„Es war vorzüglich, grazie!“

„Das freut mich! Fühlen Sie sich ein wenig besser?“

„Si, der Schwindel ist verflogen.“

Frater Federico überprüfte ihren Puls und ihre Reaktionsfähigkeit.

„Ihr Blick ist wieder ruhig und klar. Trinken Sie noch einen Tee. Er wird Ihnen gut tun.“

Er schenkte ihr eine weitere Tasse ein und sie unterhielten sich über ihre Reisepläne, wobei Vestalia mit äußerster Vorsicht über ihre Absichten sprach. Tatsächlich, wenn sie ehrlich zu sich selbst war, belog sie den Frater. Ganz recht, sie belog einen Mönch innerhalb der gesegneten Klostermauern, während er um ihr körperliches Wohlergehen bemüht war. Vestalia schwante Böses – das würde sich sicherlich noch rächen. Schließlich erhob Frater Federico sich und lud sie ein, ihm zu folgen.

„Wollen Sie sich jetzt Ihren Wagen ansehen?“ Damit war der fürsorgliche Teil erledigt.

„Gerne“

Sie gingen in den Hof, wo sie bereits von seinen Ordensbrüdern erwartet wurden. Vestalia konnte sich nicht helfen, die ganze Situation kam ihr sehr merkwürdig vor. Es geschah alles wie aufs Stichwort. Sie kam sich vor wie in einem sorgfältig einstudierten Theaterstück. So sehr sie auch versuchte, sich selbst einzureden, dass es nur an ihrer eigenen Paranoia gegenüber dogmatischen Glaubensgemeinschaften lag, konnte sie ihren Argwohn nicht gänzlich abschütteln.

„Frater Federico, das sieht ja richtig gut aus!“, rief sie erfreut und hoffte, dass sie ihre Unsicherheit glaubwürdig überspielen konnte.

„Prego“ Er öffnete ihr die Autotür. Vestalia schwang sich auf den Fahrersitz.

„Perfetto! Keine Schieflage mehr.“, rief sie freudig aus.

Sie bedankte sich bei den Ordensbrüdern und Frater Federico entließ die beiden. Sie gehorchten wortlos und entfernten sich. Der junge Mönch hatte sich zwischenzeitlich wieder zu ihnen gesellt. In seinen Händen hielt er eine hölzerne Schatulle, die er ehrfürchtig Frater Federico überreichte.

„Signorina Vestalia, bitte nehmen Sie dies als ein kleines Dankeschön für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Geduld mit uns.“

„Wenn jemand zuvorkommend war, dann Sie. Ich habe Ihnen so viele Unannehmlichkeiten bereitet. Wie kann ich mich Ihnen erkenntlich zeigen?“

Suspekt hin oder her, immerhin hatten die Mönche ihr den Reifen gewechselt und sie verarztet.

„No, no, Signorina!“, wehrte Frater Federico vehement ab.

„Es war uns eine Ehre, Ihnen helfen zu dürfen. Wir haben selten so einen reizenden Besuch.“

Das glaubte sie sofort! Vestalia lächelte entzückt und nahm das kunstvolle Kästchen an sich. Es war aus Buchenholz und mit aufwendigen Schnitzereien verziert. Auf dem Deckel war eine Gruppe von Ordensbrüdern dargestellt. Einer von ihnen stand im Vordergrund – Savonarola, nahm sie an. Es war ein wenig schaurig, aber dennoch hübsch, auf eine kryptisch-unheilvolle Art und Weise.

„Es ist wunderschön“, und das meinte sie tatsächlich ernst.

Sie sah Frater Federico fragend an. Sie war sich nicht sicher, ob es unhöflich wäre, reinzusehen.

„Prego“ Er nickte und forderte sie mit einer Handbewegung auf, es zu öffnen.

Als sie den Deckel anhob, strömte ihr ein vertrauter Duft entgegen, den sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gerochen hatte – Weihrauch und geweihte Kerzen.

„Wir dachten uns, Sie könnten ein wenig himmlischen Beistand auf Ihrer weiteren Reise gebrauchen. Nun ja …“ Frater Federico lächelte verschmitzt. „… bei Ihrem offensichtlichen Hang zu Missgeschicken.“

„Das ist wirklich sehr frech von Ihnen!“, lachte Vestalia überrascht über diesen unverhofften Scherz. „Grazie! Der Besuch bei Ihnen war sehr …“ Sie suchte nach dem richtigen Wort.

„Umwerfend?“, neckte sie der Frater.

„Si, einfach umwerfend!“

Beide genossen sie noch kurz die ausgelassene Stimmung, bevor sie sich endgültig von einander verabschiedeten.

„Alles Gute für Sie und Ihre Brüder“

„Seien Sie gesegnet und möge Gott über Sie wachen!“

Je mehr Abstand Vestalia zwischen sich und dem Kloster brachte, umso mehr fiel das beklemmende Gefühl von ihr ab und ihr Griff um das Lenkrad wurde lockerer. Es war noch eine weitere Stunde vergangen. Sie musste sich beeilen, wenn sie noch vor Sonnenuntergang in Rom sein wollte.

Hinter den schweren Mauern sah Frater Federico Vestalia von der Aussichtsplattform aus nach. Er hörte schwere Schritte näher kommen. Abt Donatus trat schweigend neben ihn. Zusammen beobachteten sie, wie Vestalia auf der Landstraße davonfuhr.

„Stimmt etwas nicht, ehrwürdiger Abt?“, fragte Frater Federico, als sich Abt Donatus immer noch nicht rührte, selbst nachdem Vestalia aus ihrer Sicht verschwunden war.

„Etwas anderes haftet noch an diesem Mädchen“

„Was meint Ihr?“

„Verdammnis!“, antwortete der Abt.

„Ewige Verdammnis?“, wiederholte Frater Federico sichtlich beunruhigt. „Aber wie kann das sein? Ich meine, immerhin hat…“

„Und dennoch…“, unterbrach ihn Abt Donatus. „… fürchte ich, hat sie noch eine schwere Prüfung vor sich. Das haben alle, die gesegnet sind.“

Frater Federico hatte den Abt selten so besorgt gesehen, doch er wagte es nicht, ihn weiter zu bedrängen.

Abt Donatus ging schweigend wieder ins Innere der Klostermauern. Was auch immer diesem Mädchen innewohnte, es war ihm nicht gestattet gewesen, es zu ergründen.

3 Ankunft in Rom

Vestalia fuhr auf der Autobahn, so schnell es ihr körperlicher Zustand erlaubte. Erst als sie sich den ersten Wohnsiedlungen näherte, drosselte sie die Geschwindigkeit. Bald verdichteten sich die einzelnen Wohnhäuser zu massiven, aneinandergereihten Gebäuden. Es war bereits später Nachmittag und die schwüle Hitze hatte die Stadt aufblühen lassen. Überall auf den Straßen sprühten die Menschen vor Lebenslust, Einheimische sowie Touristen. Im zähen Stop-and-go-Tempo schlängelte Vestalia sich durch den Verkehr. Ihr schweißdurchtränktes Sommerkleid klebte unangenehm am Rücken. Nach einer Stunde endlich hielt sie vor dem von Weinreben umwachsenen Gartentor. Es zauberte immer ein Lächeln auf ihr Gesicht, wenn sie es sah. Sie stieg aus und holte die gold-glänzende Tragetasche vom Rücksitz.

Das Tor stand weit offen. Sie schritt hindurch und genoss die betörenden Düfte, die auf sie einströmten. Vor ihr erstreckte sich ein bunter Garten mit den unterschiedlichsten Blumen, und jede einzelne von ihnen umschmeichelte sie mit ihrem eigenen Duft. Mittendrin eingebettet lag das Haus der Scalises. Auf halbem Wege lief ihr der sonnengebräunte Hausherr entgegen.

„Signorina Vestalia, benvenuto! Signorina Vestalia, was ist denn mit Ihnen passiert? Hatten Sie etwa einen Unfall?“, fragte er erschrocken, als er das Pflaster unter ihrem Haar entdeckte.

„Es ist nichts weiter. Ich war nur tollpatschig.“

„Sie sehen auch etwas blass aus. Geht es Ihnen gut? Kommen Sie herein, kommen Sie!“ Er packte sie und trug sie regelrecht ins Haus.

„Rosa, mein Täubchen! Signorina Vestalia hatte einen Unfall, komm schnell!“, rief Andrea aufgeregt nach seiner Frau. Rosa kam sofort aus der Küche herbeigeeilt.

„Dio buono, lassen Sie sich ansehen, meine Liebe!“ Rosa machte Anstalten, ihr das Pflaster von der Stirn zu reißen. Vestalia konnte sie gerade noch davon abhalten.

„Es ist nur eine kleine Beule. Es geht mir gut. Ich wurde bereits verarztet, grazie!“

„Und damit sind Sie Auto gefahren? Mit so etwas ist nicht zu spaßen!“, schimpfte Rosa beherzt mit ihr und wandte sich dann an Andrea. Sie schlug ihren Mann mit dem Küchentuch auf den Arm. „Deshalb ist sie so spät dran. Ich habe dir doch gesagt, dass etwas nicht stimmt!“

„No, per favore! Ich versichere Ihnen, es ist alles Bestens. Kein Grund zur Sorge.“, versuchte Vestalia zu schlichten, so gut sie konnte.

„Ich weiß nicht, vielleicht sollten wir doch lieber einen Arzt holen, nur zur Sicherheit. Warten Sie, ich rufe gleich…“

„Grazie, Signore Andrea, aber ich wurde bereits ärztlich versorgt. Machen Sie sich bitte keine Umstände. Ich fühle mich gut. Nur ein wenig matt vielleicht, von der langen Fahrt - das ist alles.“

Andrea und Rosa sahen sich an, unschlüssig darüber, was sie machen sollten.

„Bene, wir machen Folgendes“, entschied Rosa schließlich. „Sie bleiben zum Essen und ruhen sich ein wenig aus. Und wenn es Ihnen danach immer noch gut geht, fährt Andrea mit Ihnen zu Celias Haus.“

„Einverstanden“

Sie setzten sich auf die Veranda und Andrea tischte das Abendessen auf. Vestalia übergab Rosa die Tragetasche mit dem begehrten Inhalt. Rosa warf einen verstohlenen Blick hinein, um dann mit dramatischen Gesten das Geschenk widerwillig anzunehmen. Vestalia musste jedes Mal über ihr kleines Ritual schmunzeln.

„Ist Signora Favelli wohl auf?“, erkundigte sich Andrea nach Celia, ihrer Geschäftspartnerin.

„Sie sagt uns zwar immer, dass sie das Leben in vollen Zügen genießt, aber auch wir wissen, dass das Führen eines Juweliergeschäftes nicht nur reines Vergnügen ist, selbst wenn man noch so sehr für Gold und Edelsteine schwärmt.“

„Ah, sie ist einfach unermüdlich. Bei Stress blüht sie förmlich auf. Mit Geschäftsleuten zu verhandeln, dafür lebt sie. Nun, Sie kennen sie besser als ich.“

„Sie war schon immer sehr tüchtig, das stimmt. Und ich bin mir sicher, sie kann sich glücklich schätzen, in Ihnen eine so treue Partnerin gefunden zu haben. Loyalität kann nämlich unter Umständen eine sehr komplizierte Sache sein.“, bemerkte Andrea in einem für ihn zu ernsthaften Ton, wie Vestalia fand.

„Tatsächlich ist es das nicht“, hielt sie ihm entgegen.

Nach all den Jahren bestand offensichtlich immer noch ein leises Misstrauen ihr gegenüber. Sie war eine Di Salvo, ein Abkömmling der vorherrschenden Familie der Goldschmiedezunft in Rom. Aber für sie war dieser Teil des Lebens ein abgeschlossenes Kapitel. Sie arbeitete zusammen mit Celia daran, sich als Juwelierin in Venedig zu etablieren. Celia kümmerte sich ums Geschäftliche, sie um das Kreative, und es funktionierte sehr gut. Celia konnte gut mit Investoren und Zahlen, sie mit Künstlern und Edelsteinen. Celia und sie ergänzten sich perfekt. Sie hätte Celia nie für die Di Salvos verraten. Sie empfand sie nicht als ihre Familie. Sie war lediglich hineingeboren worden, sie war kein Teil von ihnen.

„No, nicht für unsere liebe Signorina Vestalia!“ Andrea klatschte fröhlich in die Hände. „Wie lange bleiben Sie?“

„Vorerst eine Woche. Aber das hängt davon ab, was Signora Luci für uns hat. Wenn alles reibungslos läuft, dann bleibt es bei dem einen Termin am Montag.“

„Sie wird sicherlich sehr schöne Steine für Sie haben“

„Davon bin ich überzeugt“

Zum Nachtisch gab es Rosas Tiramisu.

„Ich habe noch eine Speciale im Kühlschrank, nur für Sie.“ Rosa zwinkerte ihr zu. „Sie wissen schon, für nachher, wenn Sie sich entspannen.“

Mit „Speciale“ meinte Rosa, in Alkohol ertränkt. Sie mochte Rosas Tiramisu ganz besonders, auch ohne extra Schuss.

„Das werde ich, grazie!“

Andrea belud seinen Wagen noch schnell mit frischen Lebensmitteln und dann brachen sie auf. Vestalia fuhr ihm in ihrem Wagen, wie gewohnt, in einem rasanten Tempo hinterher. Sie kamen noch vor der Abenddämmerung an Celias Haus an. Ihr Puls raste und sie war wieder schweißgebadet. Sie war kaum zu Atem gekommen, als Andrea schon ihre Autotür aufriss und ihr beim Aussteigen half.

„Na, da hat sie doch prompt etwas Farbe auf ihre blassen Wangen bekommen.“, rief Andrea begeistert.

„Also ich muss sagen, Signore Andrea, dass Sie nach wie vor einen temperamentvollen Fahrstil haben. Sie haben kein bisschen nachgelassen.“

„Meine Liebe, ich bin ein temperamentvoller Mann! Glauben Sie mir, ich hätte sonst meine schöne Rosa nicht so lange halten können. Sie gibt sich nicht mit weniger zufrieden.“ Andrea lachte laut auf, als er sah, wie Vestalia errötete.

Während Andrea den Wagen entlud, spazierte sie durch Celias Anwesen. Sie strich mit ihren Fingern sanft über die Rosenblüten, welche sich ihr stolz am Gehweg entgegenreckten. Andrea hatte wirklich eine Begabung für die Gartenarbeit. Es gab keine Pflanze, die er nicht kannte, keine Blume, die nicht unter seinen Händen erblühte - ganz im Gegenteil zu ihr. Das Längste, was eine Pflanze je bei ihr überlebt hatte, waren sechs Monate. Andrea kümmerte sich stets gut um das Anwesen. Auch der Garten hinter dem Haus war einwandfrei gepflegt. Die hohen Hecken, die als Sichtschutz dienten, waren ordentlich gestutzt. Die Blumenbeete waren verspielt, aber nicht wahllos, angelegt und ihre Farben gingen ineinander über wie bei einem Regenbogen.

„Signore Andrea, das ist wunderschön! Ich bin ganz hingerissen.“

„Grazie, Signorina Vestalia! Für Sie und Signora Favelli wähle ich nur die schönsten Blumen aus.“ Andrea war sichtlich stolz über ihr Kompliment.

Er trug die restlichen Sachen gleich mit noch mehr Begeisterung ins Haus. Vestalia musste unweigerlich lachen, als sie ihm dabei zusah. Dieser Mann kannte aber auch keine Schwermut! Er pfiff und sang in einem fort. Auch im Haus war alles tadellos: der Staub gewischt, die Räume gelüftet. Andrea hatte im Foyer, im Wohnzimmer sowie in ihrem Gästezimmer frischgeschnittene Blumensträuße arrangiert. So verteilt, durchströmte der Duft der Rosen das ganze Haus. So sehr es ihr auch bei jedem Mal schwerfiel nach Rom zurückzukehren, Rosa und Andrea machten es ihr ein wenig erträglicher. Und durch eben solch kleine, herzliche Gesten, beinahe angenehm.

Als alles eingeräumt war, verabschiedete sich Andrea von ihr und eilte zurück zu seiner erwartungsvollen Rosa. Und wieder lachte er, als Vestalia verschämt zur Seite sah. Er winkte ihr aus dem Lieferwagen zu und brauste davon.

Vestalia hängte als erstes ihr Windspiel über der Tür hinten auf der Veranda auf. Celia hatte es ihr geschenkt, als sie sie zu ihrer Geschäftspartnerin gemacht hatte. Die Goldschmiede, die Vestalia betreute, hatten es eigens für sie angefertigt. Es war aus 24-karätigem Gold und zeigte Vesta, die antike Göttin des Feuers, in einer abstrakten Abbildung als Flamme mit zum Himmel erhobenen Armen. Darunter hingen die Klangornamente in Form von sechs kleineren Flammen, welche Vestas Priesterinnen, die vestalischen Jungfrauen, darstellten. Es war eine Anspielung auf ihre Namensgeberin und sollte sie beschützen. Vestalia betrachtete es einen Moment lang. Die sanften Klänge halfen ihr zur Ruhe zu kommen.

Dann ging sie hinauf ins Badezimmer und gönnte sich eine ausgiebige Dusche. Das Wasser prickelte angenehm auf ihrer Haut. Endlich wusch sie sich den Gestank des Tages von ihrem Körper ab. Als sie aus dem Badezimmer herauskam, fühlte sie sich erfrischt und rein. Sie entschied sich, für den Rest des Abends nur einen Bikini anzuziehen. Hinten im Garten würde sie ja niemand sehen. Auf dem Weg in die Küche nahm sie ihr Smartphone aus der Handtasche und wählte Celias Nummer. Es kam die automatische Ansage. Vestalia schickte ihr also eine SMS: „Bin gut angekommen. Rosa und Andrea haben mich wie immer wundervoll versorgt. Wir hören uns dann morgen. Ciao J“

Sie schaltete das Smartphone aus.

„Genug für heute“, sagte sie zu sich selbst und entließ sich in den Feierabend.

Mit einem Glas frischer Limonade und Rosas Speciale setzte sie sich auf die Veranda. Der stark konzentrierte Alkohol tat bald seine Wirkung. Sie lehnte ihren Kopf zurück und legte die Beine auf das Geländer. Entspannt lauschte sie dem Zirpen der Grillen.

Der Sonnenuntergang färbte den Himmel über ihr rot. Das Licht tauchte Vestalias blasse Haut bald in Bronze, und wie die Sonne immer tiefer sank, in Kupfer. Die letzten Sonnenstrahlen tanzten auf ihrem Gesicht. Sie fühlten sich angenehm warm an.

4 Die Rose

Vestalia stand in einem Meer aus Flammen. Sie hob ihre Arme, um ihre Augen zu schützen, doch es machte keinen Unterschied. Sie spürte, wie das Feuer das Fleisch durchdrang und sich unerbittlich die Atemwege hinabschlängelte. Sie bekam keine Luft mehr. Ihre Kräfte verließen sie und sie fiel auf die Knie. Vestalia versuchte sich mit den Händen abzustützen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht. Sie lag zusammengekrümmt auf dem Boden und war nicht mehr fähig, sich zu bewegen. Der brennende Schmerz breitete sich in ihr aus und wurde unerträglich. Sie wollte Schreien, als wenn es ihr eine Erleichterung hätte verschaffen können, aber ihre Kehle blieb stumm. Sie fing an unkontrolliert zu zittern, und es steigerte sich hin bis zu massiven Krampfanfällen. Ihr ganzer Körper schrie nach Luft, doch stattdessen drang das Feuer immer tiefer in sie hinein und loderte in ihren Lungen. Plötzlich nahm sie eine Präsenz wahr: zornig, unnachgiebig, willensstark - mächtig!

„Gibst Du auf?“, erscholl eine dunkle Stimme in ihrem Kopf.

Aber sie hörte nichts weiter, weder Schritte, noch das Rascheln von Kleidung, auch keine Atemgeräusche. Es machte sie beinahe wahnsinnig vor Angst, nicht zu sehen, was sich hinter ihr heranschlich.

„Gibst Du auf?“

Die Stimme donnerte, dass Vestalia es kaum ertragen konnte. Ihr Schädel drohte zu zerbersten. Der Druck legte sich auf ihre Augen und sie musste ihre Lider fest zusammenpressen, wenn sie nicht wollte, dass sie ihr aus den Höhlen gedrückt wurden. Sie fühlte, wie der Widerstand ihres Körpers ihre Grenzen erreichte und er jeden Augenblick zersprengt werden würde. Sie versuchte, sich dagegen zu wehren. Schließlich überwand ihre Wut die Angst und sie richtete all ihre Gedanken auf das, worin die gierigen Flammen noch nicht eingedrungen waren - auf das schlagende Herz in ihrer Brust! Mit einem gellenden Aufschrei presste sie das verzehrende Feuer aus ihren Lungen.

„No!“

Ihr Körper bäumte sich auf und verdrängte das Feuer nicht nur aus ihrem Inneren, sondern ebenso aus ihrem unmittelbaren Umkreis. Vestalia stand auf, schwer keuchend und nach Luft ringend.

Als hätte die Präsenz nur auf ihre Gegenwehr gewartet, zeigte sie sich ihr nun. Sie erschien direkt vor Vestalia und trat in ihren Kreis ein. Die Luft flimmerte vor Hitze und Vestalia erblickte eine verhüllte, dunkle Gestalt, verzerrt und unwirklich wie eine Fata Morgana. Wohlwollend sah die Gestalt auf Vestalia hinab, das Gesicht bis auf die Augen verborgen im Schatten ihres Gewandes. Sie hielt etwas in ihren Händen, von dem ein schwacher Schein ausging. Als Vestalia genauer hinsah, erkannte sie, dass es eine goldene Rose war. Sie versuchte einen Blick auf die Hände zu erhaschen, die den Stängel der Rose hielten, doch die Ärmel des Gewandes bedeckten sie. Plötzlich begannen die Blütenblätter abzufallen und um sie herum zu schweben. Sie kreisten immer schneller und sahen dabei aus wie kleine Sternschnuppen. Neben ihrem Ohr hörte Vestalia ein leises Summen. Instinktiv griff sie danach. In ihrer Handfläche kitzelte es. Als sie spürte, wie die Bewegungen nachließen, öffnete sie ihre Hand. Es war ein Glühwürmchen. Für einen flüchtigen Moment zauberte es ein Lächeln auf Vestalias Lippen. Doch bevor sich die flüchtige Freude festsetzen konnte, erlosch sein Licht. Entsetzt ließ sie es fallen. Sowie es auf dem Boden aufschlug, fielen auch die anderen Glühwürmchen um sie herum. Ihre winzigen Körper zuckten im Todeskrampf.

Fragend sah Vestalia die Gestalt an, doch sie rührte sich nicht. Durch ihr anhaltendes Unverständnis, musste sie wohl ihr Gegenüber in Rage gebracht haben, denn plötzlich wandelte sich das Wohlwollen in Zorn. Die Gestalt stieß ein langes Kreischen von unerträglicher Intensität aus. Unsichtbare Hiebe, wie von einem Dolch, drangen tief in Vestalias Leib. Wieder und wieder stachen die gellenden Schreie der Gestalt in ihre Brust, in ihren Bauch, in ihren Unterleib. Ihr Körper vom Schmerz benommen, machte es ihr unmöglich, sich gegen die Angriffe zu wehren. Regungslos stand sie da und beobachtete nur, wie das Blut ihr Kleid durchtränkte. Unter ihren Füßen bildete sich eine Blutlache und bedeckte die Kadaver der Glühwürmchen. Es gerann und bildete Klümpchen.

Die Gestalt verstummte. Langsam kniete sie sich nieder und hob eines der blutverkrusteten Kadaver auf. Sie strich die Kruste von dem toten Tier ab und es verwandelte sich in ein blutrotes Rosenblatt. Die dunkle Gestalt fing an, einen Kreis um Vestalia zu beschreiben. Sie hob ein Blütenblatt nach dem anderen auf und fädelte sie auf eine goldene Schnur auf. Als sie ihren Kreis vollendet hatte, legte sie Vestalia den Kranz aus Rosen um den Hals.

Vestalia ließ die einzelnen Blätter durch ihre Finger gleiten - fühlte ihre Weichheit, ihre Verwundbarkeit, ihre Vergänglichkeit. Sie verstand. Die Gestalt verlangte Opfer im Gegenzug für ihr Leben. Sie musste diejenigen, deren göttliches Licht erloschen war, dem reinigenden Feuer übergeben.

Vestalia spürte den prüfenden Blick in ihre Seele. Sie wusste, wonach die Gestalt gesucht hatte, als ihre Verwünschungen ihre Seele offengelegt hatten, dass sie blutete. Vestalia nickte.

Die Gestalt zog sich zurück und entschwand in das Flammenmeer.

5 Mondschein

Vestalia konnte sich gerade noch an der Wand festhalten, bevor sie mit dem Liegestuhl umkippte. Sie stieß gegen den Gartentisch. Das kippte um und zerbrach am Teller. Ihr Herz raste. Sie brauchte einige Minuten, bis sie zu sich kam und begriff, dass sie eingeschlafen war. Sie versuchte sich daran zu erinnern, was sie geträumt hatte, aber es wollte ihr nicht einfallen. Es wehte eine leichte Brise und das Atmen fiel leichter. Die schwüle Hitze hatte nachgelassen. Vestalia sah zum Himmel hinauf, wo die Sterne verspielt flackerten. Die Sterne, sie flackerten – die Beobachtung schien ihr aus einem unerklärlichen Grund bedeutsam. Ein beklemmendes Gefühl beschlich sie. Sofort schüttelte sie es wieder ab und machte sich daran, die Glasscherben aufzusammeln. Sie brachte das schmutzige Geschirr in die Küche. Als sie zum Fenster hinaussah, war es nun der Mond, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Wärme wich aus ihren Wangen und Todesangst ergriff sie plötzlich. Sie konnte den Blick nicht abwenden. Der Schein des Mondes färbte sich rot und breitete sich über den ganzen Himmel aus, bis alle Sterne verschwunden waren.

„Bringe mir die Sünder!“ Vestalia erschrak, als sie es sich selbst laut sagen hörte.

Das reicht! Sie musste unter Menschen, wo sie sich von ihren trüben Gedanken ablenken konnte. Es sind doch nur ein paar Tage - versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Den Termin mit Signora Luci würde sie wie gewohnt abwickeln, und dann konnte sie auch wieder weg von hier. Sie sprang auf und lief hoch ins Schlafzimmer. Innerhalb von zehn Minuten war sie angezogen und geschminkt.

Im Auto kurbelte Vestalia an beiden Seiten die Fenster herunter. Während sie durch die belebten Straßen von Rom fuhr, strömte die Luft in den Wagen und wirbelte um sie herum. Sie hielt Ausschau nach einer anregenden Atmosphäre. Schließlich parkte sie vor einem Lokal, aus dem Jazz-Musik zu hören war und einen Außenbereich hatte. Mit jedem Takt wurden ihre Schritte leichter. Sie setzte sich an die Bar nahe der Band und bestellte sich einen roten Hauswein. Es war recht voll. Liebespärchen flüsterten sich Zärtlichkeiten ins Ohr, andere amüsierten sich einfach und tanzten zwischen den Tischen. Über ihnen hingen Lichterketten und bunte Lampions. Vestalia ließ sich von der ausgelassenen Stimmung anstecken.

Nachdem geraume Zeit vergangen war und sie immer noch alleine an der Bar saß, wurde insbesondere ein Verehrer auf sie aufmerksam. Seine Blicke schweiften immer häufiger zu ihr hinüber. Dann war es soweit und der Barmann wurde geschickt, der ihr einen weiteren Glas Wein brachte. Sie lehnte ab, ohne auch nur hinzusehen, von wem die Einladung war. Was nun folgte, war der direkte Angriff. Man wollte sehen, was das Mädchen außer Kopfschütteln noch so drauf hatte.

Angespornt von seinem Freund Stefano, wagte sich Claudio vor. Gleich einem Boxer, der wagemutig in den Ring steigt, schritt er selbstbewusst voran. Breitbeinig, mit geschwollener Brust und siegessicherem Lächeln wollte er die widerspenstige Herzensdame erobern. Das lässige Augenzwinkern ließ er diesmal weg. Davon ausgehend, dass sie sein Vorrücken bemerkt hatte, ließ er sich auf den freien Barhocker neben ihr nieder. Sie aber ignorierte ihn weiterhin. Unschlüssig harrte er einige Minuten schweigend neben ihr aus und sah ebenfalls der Band zu. Schließlich entschloss er sich, ihren Namen in Erfahrung zu bringen. Wenn er ein Gespräch mit ihr anfangen wollte, wäre es doch sicherlich von Vorteil. Er winkte den Barmann herbei und steckte ihm einen Schein zu.

„Natürlich hat sie mir ihren Namen gesagt. Ob sie ihn dir auch sagt, wage ich zu bezweifeln.“, entgegnete Giuseppe hämisch und ging wieder an seine Getränke.

Claudio fluchte leise. Es musste also doch ohne Namen auskommen.

„Ciao!“

Keine Reaktion. Claudio ließ sich nicht verunsichern, er war ja nicht ganz unbewaffnet gekommen. Er lehnte sich vor und wisperte ihr ins Ohr, während er hinter seinem Rücken die ultimative romantische Geste hervorzog.

„Eine so wunderschöne Rose darf den Abend nicht alleine verbringen. Wer auch immer das zulässt, ist ein absoluter Narr.“

Endlich drehte sie sich zu ihm um. Sie lächelte.

„Was für eine bezaubernde Rose“, entgegnete sie.

Das verlieh ihm Zuversicht. Claudio legte seinen Arm um ihre Taille wie ein zärtlicher Liebhaber.

„Keine geringere Blume wäre dir gerecht“

„Du magst wohl Rosen“, hauchte sie.

„Es gibt nichts Anbetungswürdigeres, als den Duft und die zarte Berührung einer solch betörenden Schönheit.“

Er streichelte mit der Rosenblüte sanft über ihren Hals. Sie sah ihm tief in die Augen, sah auf seine Lippen. Claudio ergriff eine leise Erregung, die sich gefährlich schnell zu steigern drohte. Er konnte die Hitze spüren, die von ihrem Körper ausging.

„Du vergisst aber, dass Rosen Dornen haben – tödliche Dornen!“, flüsterte sie. „Ich rate dir dringend, dich heute Nacht von ihnen fernzuhalten!“

Erschrocken wich Claudio zurück. Er war sich nicht sicher, ob er sie richtig verstanden hatte. Es hatte wie eine ernsthafte Warnung geklungen.

„Was soll das bedeuten? Von wem fernhalten?", wollte er wissen, aber Giuseppe, voller Schadenfreude grinsend, ging dazwischen.

„Lass es gut sein, Claudio! Die Signorina hat sich unmissverständlich ausgedrückt.“

„No, ich…“

Claudio brachte kein weiteres Wort heraus, als er ihren finsteren Blick sah. Er griff nach seiner Jacke und stürmte aus der Bar. Stefano kam lachend hinter ihm hergerannt.

6 Glühwürmchen

Vestalia war über die Flucht ihres Verehrers erleichtert. Das unheilvolle Gefühl war wieder da, die Musik half nicht mehr. Sie entschloss sich, zu einer wohlgehüteten Adresse zu fahren. Signora Oppia war eine ihrer wohlhabendsten Kundinnen, die es jedoch bevorzugte, anonym zu bleiben.

Die Empfangsdame wirkte im ersten Moment etwas verwundert, führte sie dann aber zur Dame des Hauses. Vestalia begegnete ihr zum ersten Mal persönlich. Signora Oppia stellte sich ihr als eine mondäne Geschäftsfrau vor. Ihr Make-up war dezent, ihr Kostüm klassisch geschnitten. Sie selbst war von einer makellosen Schönheit, grazil und mit ebenmäßigen Gesichtszügen.

„Signora Di Salvo, willkommen in meinem bescheidenen Haus.“

„Signora Fioravanti, mille grazie, dass Sie mich empfangen!“

„Aber ich bitte Sie, nennen Sie mich Oppia. Es ist mir eine große Freude. Ich hege seit geraumer Zeit den Wunsch, Sie persönlich kennenzulernen. Ich wollte Sie nur nicht unnötig in Verlegenheit bringen.“

„Vestalia, und ob notwendigerweise oder nicht, Sie bringen mich nicht in Verlegenheit.“

Sie führten eine angenehme Konversation, in dessen Verlauf Oppia versuchte sie einzuschätzen. Zu ihrer eigenen Überraschung, hatte Vestalia nicht das Bedürfnis sich zu verstellen. Sie unterhielten sich über ihre Erfahrungen als Geschäftsfrauen, Oppia zumindest soweit es ihre Position erlaubte. Sie zeigte sich herzlich und einfühlsam, als das Gespräch allmählich persönlicher wurde. Schließlich bot sie an, das Gespräch im sogenannten Spa-Bereich fortzusetzen. Vestalia wurde von dem Mädchen Severina in ein Zimmer geführt, wo ein seidener Bademantel auf dem Bett für sie bereit lag. Sie legte ihre Kleider ab und folgte dem Mädchen über den Balkon zu den Bädern.

Oppia erwartete sie bereits in einem duftenden Schaumbad. Ihre sanften Berührungen ließen Vestalia in eine Welt weit entfernt von der Realität abtauchen. Ihre geschmeidigen Finger glitten über die erhitzte Haut. Vestalia spürte, wie sich die Verspannungen nacheinander lösten. Auch ihre nervliche Anspannung wich von ihr - keine Erwartungen, die sie zu erfüllen hatte, kein Abdrängen in die typische Rolle der Frau. Sie ließ sich einfach fallen. Sie gab sich ganz ihren Sinnen hin. Wenn sie sich bewegte, war es nur aus ihrem eigenen Verlangen heraus.

Als sie sich einige Stunden später wieder anzog und das Haus verließ, tat sie es mit einem leisen Bedauern. Sie hatte sich hier behütet gefühlt. Alles war so warm gewesen und vertraut. Draußen fröstelte sie trotz der milden Morgenluft. Die Welt erschien ihr plötzlich kälter und bedrohlicher als zuvor. Und der Schmerz kam wieder zurück, sie fühlte sich verlassen.

Vestalia fuhr durch die Straßen in Gedanken bei Oppia. An der Brücke Ponte Sisto entschloss sie sich spontan zu einem kleinen Spaziergang am Fluss entlang. Sie musste ihren Kopf freikriegen. Wie konnte es sein, dass sie für jemanden, dem sie das erste Mal begegnet war, eine solch starke Zuneigung empfand? Woran lag es, dass sie sich Oppia so verbunden fühlte? Vestalia verlor sich in den Lichtspiegelungen des Tiber.

„Glühwürmchen, unglückseliges Glühwürmchen!“

Jemand packte sie am Arm und schleuderte sie herum. Überrascht sah Vestalia in Claudios Gesicht. Es war vor Wut verzerrt und er brüllte irgendetwas. Ihr Verstand konnte dieser Wendung gar nicht so schnell nachkommen. Seine Kleidung war verschmutzt und im Gesicht hatte er Schwellungen von einer Prügelei. Er kam ihr bedrohlich nahe und sie roch seinen nach Blut riechenden Atem. Sie wollte von der Brücke, doch Claudio stellte sich ihr in den Weg. Widerwillig hörte sie sich sein betrunkenes Gerede an. Er hatte sie im Bordell gesehen, und schien wenig begeistert darüber. Er wollte wissen, warum sie ihn verfolgte und von wem sie auf ihn angesetzt worden war.

Angewidert wandte sie sich von ihm ab. Er brüllte, er wäre noch nicht fertig mit ihr und hielt sie fest. In was für Schwierigkeiten er auch immer geraten war, ihre Toleranzgrenze hatte er eindeutig überschritten. Vestalia griff nach seinen Arm und verdrehte ihn so stark nach hinten, bis es im Schulterblatt knackste. Claudio schrie vor Schmerz und schlug nach ihr, aber jetzt war sie noch nicht mit ihm fertig. Er sollte leiden! Er sollte büßen! Er sollte bereuen!Leichter Schwindel überkam sie wie bei einem Rausch. Claudio fluchte, beschimpfte sie als Hure und wünschte sie zur Hölle.

Da geschah es.

„So ein unglückseliges Glühwürmchen“, flüsterte Vestalia ihm ins Ohr.

Sie stieß ihn so hart von sich, dass er das Gleichgewicht verlor und über die Brüstung taumelte. Er fiel rückwärts auf die steinerne Treppe, die zum Fluss hinabführte, und dann kopfüber direkt auf den darunterliegenden Gehweg.

Vestalia wartete ab, ob er sich wieder aufrichten würde, doch er rührte sich nicht mehr. Als er sich nach einigen Minuten immer noch nicht bewegte, stieg sie hinunter, um nachzusehen, wie schwer er verletzt war. Sie ging die Treppe hinab. Die Absätze ihrer Schuhe hallten auf den Stufen. Sie blieb stehen und lauschte. Es war still, viel zu still! Ihr verschmähter Verehrer lag bewusstlos am Boden. Nur das leise Rauschen des Flusses war zu hören. Unten angekommen, stupste sie ihn mit dem Fuß an - keine Regung. Sie versuchte es erneut, nur versetzte sie ihm diesmal einen leichten Tritt - wieder nichts. Zögerlich beugte sie sich zu ihm hinunter und fühlte seine Halsschlagader. Kein Puls. Sie drückte fester. Immer noch kein Puls! Ungläubig starrte sie auf den Leichnam vor ihr. Er hatte sich tatsächlich bei dem Sturz das Genick gebrochen! Ihr eigenes Herz begann heftig zu schlagen, wie um sie zu verhöhnen. Sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Eine Hitzewelle durchfuhr ihren ganzen Körper. Das Blut schoss ihr in den Kopf und ließ sie beinahe vornüber auf die Leiche fallen.

Es war kein Zufall gewesen, dass sie Claudio in dieser Nacht begegnet war. Er sollte sterben! Und er sollte durch ihre Hand sterben. Er war der Sünder, das unglückselige Glühwürmchen, das sie für die Gestalt aus ihrem Traum einsammeln sollte. Sie hatte es für einen Albtraum gehalten, eine Einbildung ihres überstrapazierten und übermüdeten Geistes. Sie hatte die letzten Monate ununterbrochen mit den Goldschmieden an der Herbstkollektion gearbeitet. Die Erschöpfung hatte sich in Form von Schlaflosigkeit und gesteigerter Gereiztheit geäußert. Es musste ein Traum sein. Das hier konnte nicht real sein! Aber der Windhauch, der um ihren erhitzten Nacken spielte, bewies ihr das Gegenteil.

Vestalia öffnete ihre Augen und zwang sich, Claudios Leiche anzusehen. Er war real, sie beide waren es. Vestalia überlegte fieberhaft. Sie konnte ihn unmöglich hier liegen lassen. Sie musste die Polizei rufen. Sie nahm das Smartphone aus ihrer Tasche und starrte auf das schwarze Display. Sie erinnerte sich an ihre Worte, mit denen sie ihn in der Bar abgewiesen hatte. Er hatte es sicherlich seinem Freund erzählt, und der Barmann hatte es auch gehört. Würde die Polizei, das hier tatsächlich als einen Unfall einstufen? Das Smartphone glitt ihr aus der Hand. Bilder von Blut auf ihrem Körper und unter ihren Füßen kamen ihr wieder ins Gedächtnis. Bringe mir die Sünder! – schrie es in ihrem Kopf. Mit einem Mal wurde sie ganz ruhig. Sie hörte auf zu zittern und konzentrierte sich. Sie musste eventuelle Spuren von ihr auf der Leiche beseitigen, so gut es ging.

Claudios Augen waren offen und starrten sie entgeistert an. Sie unterdrückte die Übelkeit, die bei diesem bizarren Anblick in ihr hochstieg. Sie schleifte den Leichnam zum Rand des Gehsteiges und hievte ihn vorsichtig in den Fluss. Zunächst schien es, als würde er auf der Stelle bleiben. Es dauerte einige Sekunden, bis die schwachen Wellen den toten Körper erfassten. Der Leichnam fing an sich zu bewegen. Vestalia fürchtete schon, dass er vielleicht doch noch lebte. Sie trat einen Schritt zurück, auch wenn sie wusste, dass es absurd war. Endlich erfasste ihn die Strömung und trug ihn fort. Die Wellen spielten mit seinen Armen und Beinen wie mit einer Puppe. Es war grotesk.

Wie sie Claudio nachsah, wurde sie allmählich müde und die innere Aufruhr wich einer grabähnliche Ruhe.

7 Carmine

Es fiel ihm schwer, seinen Oberkörper aufrecht zu halten. Er sank zunehmend tiefer in den Sitz. Nur noch zwei Kreuzungen bis er zu Hause war. Der Gedanke an seine Wohnung, und dann nichts als Schlafen in seinem großen, sauberen Bett, schwächte seinen Willen. Während er auf die Ampel starrte und darauf wartete, dass sie endlich umschaltete, fielen ihm langsam die Augen zu. Das rote Licht verwandelte sich in eine strahlend-rote Sonne, die ihn vollkommen einhüllte. Er schien auf ihren gleißenden Strahlen zu gleiten. Doch plötzlich waren sie unter ihm verschwunden und er fiel. Das Hupen der anderen Autofahrer riss ihn aus dem Traum. Er fuhr sich mit den Händen über die Augen und versuchte, sich auf die vor ihm liegende Straße zu konzentrieren. Vor seiner Wohnung endlich angekommen, zog er den Koffer unter dem Sitz hervor und beeilte sich, es außer Sichtweite zu bringen. Er lächelte erschöpft, als er vor seiner Wohnung stand. In schwarzen Buchstaben war auf dem goldenen Türschild eingraviert: Carmine Rubinieri - keine Zahlen oder Buchstaben, sondern sein Name.

Er öffnete die Tür und blickte auf den lichtdurchfluteten Raum mit den makellos weißen Wänden. Ein leichter, kaum wahrnehmbarer Duft von Lavendel lag in der Luft. Er hatte sich einer Familie verschrieben, welche die Grenzen des Gesetzes nach Belieben ausdehnte. Aber hier, innerhalb seiner Mauern, galten allein seine Regeln. Nur hier legte er seine Waffe ab. Nur hier konnte er sich ungeschützt bewegen. Außerhalb dagegen war sein einziger Schutz die Gleichgültigkeit. Aber manchmal reichte selbst die nicht aus, um den dunklen Abgrund in sicherer Entfernung zu halten. Und doch war das, was im Abgrund lauerte, ein Teil von ihm.

Die vergangenen Nächte hatte er in verlassenen Lagerhallen und in dunklen Gassen nach einem Schatten gesucht, ohne selbst dabei entdeckt werden zu dürfen. Beinahe wäre es ihm auch gelungen. Doch wegen einem Mistvieh von einer Katze war er aufgeflogen und fast draufgegangen. Er spürte den Lauf der Waffe immer noch an seinem Hinterkopf. Diese verfluchte Katze, hatte so laut gejault, als er ihr auf den Schwanz getreten war, dass es durch die ganze Lagerhalle zu hören gewesen war. Sie wegzuscheuchen hatte auch nichts mehr gebracht, sie hatte seine Position Lombardos Mann längst verraten. Und als dieser ihm gerade das Licht auszuknipsen wollte, hatte sie dieses nachtragende Biest attackiert. Diese Ablenkung von nur wenigen Sekunden hatte ausgereicht, wieder die Oberhand über die Situation zu gewinnen.

Zufrieden legte er den Koffer mit den Diamanten in den Safe. Er würde ihn morgen zu Antonio bringen. Das Adrenalin in seinem Körper baute sich langsam ab. Es reichte gerade noch soweit, dass er eine ausgiebige Dusche nehmen konnte, bevor er sich vollkommen erschöpft in sein weiches Bett fallen ließ.

8 Der Fund

Der Schein der Straßenlaternen spiegelte sich auf der dunklen Wasseroberfläche des Tiber und machten es in der Nacht zu einem Ort, wo zarte Gefühle zwischen Liebenden zu einem Feuer entfachten. Doch Evas Körper bebte nicht vor Erregung romantischer Art, sondern weil die nackte Angst sie ergriffen hatte. In ihren Händen hielt sie immer noch die Rose, die sie von Nino bekommen hatte. Sie gab sich Mühe, ihr Zittern unter Kontrolle zu halten, während sie ihre Aussage machte. Einige Schritte weiter unterhielt sich Agente Trapani mit Evas Begleiter.