Vier Morde und ein Weihnachtsbraten - Angelika Godau - E-Book
Beschreibung

Kaum hat Sabrina ihrem ahnungslosen Freund gebeichtet, dass sie neben zwei Kindern und zwei Katzen auch noch eine zeitreisende Ur-Ur-Großmutter besitzt, wird diese entführt. An ihrer Stelle sitzt nun Grannys Verlobter Heinrich im gemeinsamen Schlafzimmer und bittet verzweifelt um Hilfe. Eine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Frauenleiche und ein im Schlossgraben treibender Entführer machen ausgerechnet ihn zum Verdächtigen, doch Sabrina ist von seiner Unschuld überzeugt. Kann Sabrina ihre Granny retten und Heinrich aus dem Hausarrest befreien?

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Seitenzahl:460

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Angelika Godau

Vier Morde und ein Weihnachtsbraten

Kriminalroman

Zum Buch

Zeitlos Mitten im Umzug nach Heidelberg erhält Sabrina eine Schreckensnachricht und muss ihrem ahnungslosen Freund beichten, dass sie neben zwei Kindern und zwei Katzen auch noch eine zeitreisende Ur-Ur-Großmutter hat. Deren Verlobter Heinrich sitzt nämlich gerade im gemeinsamen Schlafzimmer und bittet verzweifelt um Hilfe bei der Suche nach seiner entführten Braut. Schwierig, über die Jahrhunderte hinweg, aber Sabrina setzt alles dran, ihre Granny lebend zu finden. Als Heinrich auf eine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Frau trifft, verliert er vor Verzweiflung fast den Verstand, aber Sabrina ist sicher, dass es sich bei der Toten nicht um Granny handelt. Deren Stimme hört sie nämlich im Traum und erfährt sogar den Namen des Entführers. Leider treibt dieser kurze Zeit später tot im Schlossgraben und Grannys Zeit wird immer knapper. Wer steckt hinter der Entführung und dem Mord? Und gibt es rechtzeitig ein Weihnachtswunder?

 

Angelika Godau wurde zufällig, wie sie betont, in Bayern geboren, verbrachte aber die ersten zehn Lebensjahre im schönen Detmold. Schon ganz früh entdeckte sie ihr Talent, sich schriftlich auszudrücken. Bereits im zarten Alter von neun Jahren wurde ihr erster Artikel über eine Zirkusprinzessin in der Zeitung veröffentlicht. Kein Wunder, dass sie zuerst einmal Journalistin wurde und für verschiedene Tageszeitungen in Deutschland tätig war. Später studierte sie Psychologie und arbeitete als Therapeutin. Das Schreiben blieb aber ihre heimliche Liebe. Im Gmeiner-Verlag erscheint nun der dritte »Granny-Roman«.

 

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Granny und die Tote im Wald (2016)

Granny, ein Mord und ich (2015)

Impressum

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2017 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Masson / fotolia.com;© pencake / photocase.de

ISBN 978-3-8392-5478-3

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Anfang

Jetzt hör schon auf mit dem Unsinn, Granny, wenn du kommen willst, dann komm, aber verschone mich bitte mit diesen Alpträumen.

Ich zwinge mich, die Augen zu öffnen und richtig wach zu werden, streiche mir die verschwitzten Haare aus dem Gesicht und werfe einen Blick auf meinen Sessel. Der ist nicht da, und mir fällt ein, dass ich gestern umgezogen bin. Umzugskartons stapeln sich als sichtbare Zeichen die Wände hoch, und ich weiß, dass eine Menge Arbeit auf mich wartet.

Ich schüttele den letzten Rest Schlaf ab und versuche mich an meinen Traum zu erinnern: Granny mit angstgeweiteten Augen, wirren Haaren und ausgestreckten Händen. Merkwürdig, warum kommt sie denn nicht einfach, wenn sie etwas von mir will? Es ist ohnehin viel zu lange her, dass mir meine Ururgroßmutter einen Besuch abgestattet hat. Das letzte Mal im Juli 1897, also vor fast eineinhalb Jahren ihrer Zeit. Seither habe ich nichts mehr von ihr gehört oder gesehen. Gilt auch hier: ›Keine Nachrichten sind gute Nachrichten‹? Keine Ahnung, aber ich habe ein ungutes Gefühl, das ich einfach nicht loswerde. Wer jetzt vielleicht glaubt, ich sei etwas wunderlich, weit gefehlt! Ich habe tatsächlich eine Ururgroßmutter, die es schafft, die Gesetze von Raum und Zeit außer Kraft zu setzen, um sich von mir Hilfe bei der Aufklärung ungesühnter Verbrechen zu holen, die sich im vorletzten Jahrhundert ereignet haben. Also, genauer gesagt, vor 118 Jahren. Sie halten mich nicht nur für wunderlich, sondern für total übergeschnappt? Kann ich Ihnen nicht verdenken, denn das war auch mein Verdacht, als Granny das erste Mal bei mir auftauchte und ernsthaft versicherte, 1868 geboren worden zu sein. Der einzige Grund, warum ich sie damals nicht umgehend einweisen ließ, war mein Beruf. Ich bin Journalistin bei einer Tageszeitung und träume, seit ich denken kann, von DER Geschichte, die mich mit einem Schlag aus der Tristesse der Briefmarkensammler und Feuerwehrfeste befreit, über die ich in einer Endlosschleife berichten muss. Mit Granny wollte ich den Olymp der schreibenden Zunft erklimmen, Interviews mit Brad Pitt oder George Clooney ergattern, aber am Ende habe ich einsehen müssen, dass man mich eher für verrückt als für genial halten würde, und es vorgezogen zu schweigen.

Immerhin, etwas hat sich in der Zwischenzeit Positives getan, ich bin nicht mehr Single. Ich habe eines dieser raren Exemplare Mann ergattert, das weder schwul, verheiratet noch bei Mama wohnend ist. Nein, Karsten ist geradezu unheimlich normal, gesetzlich geschieden und beruflich erfolgreich. Was aber noch viel besser ist, er ist ebenso schwer in mich verliebt wie ich in ihn und weitet dieses wundervolle Gefühl auch auf meinen Nachwuchs aus, auf die achtjährige Luise und den sechsjährigen Lasse. Selbst meine beiden Jungkater, Mogli und Balou, behandelt er mit großer Zuneigung, im wahrsten Sinne des Wortes, denn er ist Tierarzt. Nun bin ich also vor nicht einmal 24 Stunden mit Mann und Maus in seine Wohnung eingezogen und habe die herrschende Ordnung in Chaos verwandelt.

Ich gehe langsam durch die Räume, genieße einen Augenblick die wunderbare Aussicht auf den Neckar, streichele einem der Kater über den Kopf und überlege, womit ich anfangen könnte. Die Kids sind noch ein paar Tage bei meinen Eltern, Karsten ist bereits in der Praxis, und mein Chef hat mir großzügig Umzugsurlaub gewährt, so kann ich den Tag in aller Ruhe angehen. Dann also erst einmal Kaffee und eine Zigarette. Ich mache das Radio an – und natürlich ertönt sofort »Last Christmas«. Gibt es eigentlich noch andere Lieder, mit denen man unausgeschlafenen Menschen den Tag verderben kann? Okay, wir hatten gestern den ersten Advent, aber ist das wirklich Grund genug, nun die nächsten 23 Tage mindestens dreimal täglich dieses Grauen ertragen zu müssen? Wie überlebt eigentlich Verkaufspersonal diese ach so besinnliche Zeit? Eine CD in einer Endlosschleife, die müssten meiner Meinung nach Schmerzensgeld bekommen.

»Kind, wo bist du denn nur, und was tust du hier?«

Ich habe es gewusst, Träume lügen nicht, Granny ist da!

»Hier bin ich, Granny, hier im Wohnzimmer, warte, ich komme.«

Ich stoße mit dem kleinen Zeh gegen eine Kiste – und das tut gemein weh, so sehr, dass mir die Tränen in die Augen schießen. »Gottverdammte Scheiße!«, fluche ich und hüpfe auf einem Bein zum Sofa.

»Schäme dich, Kind! Wie kann eine Dame nur so schlimme Dinge aussprechen? Außerdem steht doch geschrieben, dass du den Namen des Herrn …«

»Dann hätte der Herr mir diese Scheißkiste eben nicht in den Weg stellen sollen. Guck dir das mal an, ganz blau, der ist bestimmt gebrochen.«

Ich halte meinen Fuß in die Höhe und schaue Granny an, die gerade den Raum betritt. Sofort vergesse ich meinen Zeh, denn sie sieht furchtbar aus. Leichenblass, tiefe, schwarze Ringe unter den Augen, die Haare wirr, die Kleidung zerdrückt und fleckig. Außerdem trägt sie keinen Hut, und die nackten Füße stecken in karierten Pantoffeln. Sehr ungewöhnlich für meine penible Ururgroßmutter. Ich bin alarmiert.

»Granny, um Himmels willen, was ist passiert? Bist du krank, ist was mit Heinz, mit Heinrich? So rede doch endlich.«

»Mein Heinz liegt im Sterben«, sagt sie, mit einer Stimme, die heiser ist von vielen Tränen. »Der ›Würgeengel der Kinder‹ sitzt an seinem Bett und lässt ihm keine Luft zum Atmen. Der Doktor sagt, er kann nichts mehr für ihn tun, wir müssten mit dem Schlimmsten rechnen. Du musst mir helfen, Sabrina, bitte, hilf mir schnell, bevor es zu spät ist.«

Sie fällt auf das Sofa neben mich und verbirgt das Gesicht in den Händen.

Ich lege einen Arm um ihre zuckenden Schultern und streichele mit einer Hand über ihre Haare.

»Granny«, sage ich energisch, »Granny, hör mir zu! Was immer dein Heinz auch für eine Krankheit haben mag, er wird daran nicht sterben! Ganz sicher nicht. Ich muss es schließlich wissen, er war doch mein Urgroßvater, der Vater meiner Großmutter, stimmt’s?«

Granny lässt die Hände sinken und schaut mich fragend an. »Na, überleg doch mal. Würde er jetzt sterben, wie könnte er dann in etwas über 20 Jahren ein Kind zeugen? Also, beruhige dich und erzähl mir genau, was er hat. Den Würgeengel kenne ich nämlich nicht.«

Granny greift nach meinen Händen und drückt sie sanft. »Kind, du hast recht, daran habe ich in meiner Angst überhaupt nicht gedacht, aber er ist so krank und leidet schrecklich. Er hat die Bräune, genau wie damals der kleine Franz von Kohlenhändler Blancke, und der ist daran gestorben, wie du dich erinnern wirst. Doktor Pohlmann sagt, diese Krankheit wird auch ›Würgeengel der Kinder‹ genannt, weil sie ihnen die Luft abdrückt, so sehr ist der Hals zugeschwollen. Sie husten Tag und Nacht, behalten überhaupt nichts bei sich, und nur der Herrgott kann sie schließlich von ihrem Leiden erlösen.«

»Komm, lass den Herrgott aus dem Spiel, ich verlasse mich lieber auf Antibiotika.«

Ich greife mir mein Smartphone vom Tisch und gebe ›Bräune‹ ein.

»Aha, hier steht’s ja … Diphtherie! Au wei, das muss wirklich übel gewesen sein. Die Krankheit hat viele Opfer gefordert, überwiegend Kinder. In deiner Zeit war dagegen noch kein Kraut gewachsen, Flemming mit der Erfindung des Penicillins noch nicht so weit, darum konnte man nicht viel tun außer abwarten und beten.

Heutzutage spielt die Diphtherie kaum eine Rolle, weil bereits sehr früh dagegen geimpft wird, und sollte trotzdem mal ein Fall auftreten, nun ja, dafür wurde das Penicillin erfunden.

Bleibt allerdings die Frage, woher ich das kriegen soll?

Ist verschreibungspflichtig, das heißt, ein Arzt muss es mir rezeptieren.«

»Dann geh schnell hin und lass es dir geben, wir dürfen keine Zeit verlieren.«

»Leider geht das nicht so einfach, Granny, ich bin schließlich nicht krank, schon gar nicht so krank, dass ich ein Antibiotikum brauchen würde.«

»Aber du bist doch mit einem Arzt befreundet, der gibt es dir sicher, wenn du ihn darum bittest.«

»Karsten ist Tierarzt, und auch er würde wissen wollen, wozu ich es brauche.«

»Dann sag ihm, dass mein Heinz so krank ist, aber mach schnell jetzt!«

»Granny, das Problem ist, dass ich noch keine Gelegenheit gefunden habe, ihm von dir zu erzählen«, sage ich und spüre, dass ich ein bisschen rot werde.

Ich habe es bisher tatsächlich vermieden, das Thema »Granny« anzuschneiden, zu groß ist meine Sorge, Karsten könnte mich für übergeschnappt halten. Dieser Mann ist mir sehr wichtig, und ich will nicht riskieren, dass eine zeitwandelnde Ururgroßmutter unsere Beziehung gefährdet. Es ist ja ohnehin nicht so einfach, mit zwei lebhaften Kindern und vielen schlechten Erfahrungen im Gepäck eine neue Partnerschaft einzugehen, da braucht es nicht noch eine derart abgefahrene Verwandte. Echt nicht. Daher kann ich also nicht mal eben runter in die Praxis laufen und ihn um Penicillin bitten. Abgesehen davon, dass ich nicht einmal weiß, ob man das in der Veterinärmedizin überhaupt anwendet.

Granny hat mich nicht aus den Augen gelassen und rutscht unruhig auf dem Sofa hin und her.

»Sabrina, du musst etwas tun, du musst mir helfen! Soll mein Heinz weiter leiden, nur weil du so ein verzagtes Herz hast? Es steht doch geschrieben: ›Dein Glaube hat Dir geholfen – gehe hin in Frieden.‹«

Na, wer sagt es denn? Kaum hier, schon kommt der erste Bibelspruch.

»Genau, Granny, gehe hin in Frieden und glaube daran, dass dein Heinz auch ohne Penicillin wieder gesund werden wird.«

»Das habe ich aber nicht gemeint, Kind. Du solltest daran glauben, dass dein Verehrer dich liebt und dass du keine Geheimnisse vor ihm haben musst. Erst dann wird Segen auf dieser Verbindung liegen.«

»Ja, war klar, du drehst alles immer so, wie es für dich am besten passt. Okay, ich werde es versuchen, auch wenn ich echt keinen Plan habe, wie. Karsten kommt heute Mittag hoch, dann rede ich mit ihm, versprochen.«

Sie seufzt erleichtert, drückt meine Hand – und weg ist sie.

Auf Kartonsauspacken habe ich jetzt noch weniger Lust als vor ihrem Besuch, daher koche ich mir erst einmal einen Kaffee und gehe dann mit einer Zigarette auf den Balkon. Es ist saukalt, höchstens drei Grad, aber wer rauchen will, darf nicht zimperlich sein. Zwischen zwei Zügen wärme ich mir die Hände an der heißen Tasse und grübele darüber nach, wie ich das Gespräch mit Karsten anfangen soll. Nach knapp drei Minuten drücke ich die Kippe aus und flüchte zurück in die warme Wohnung und gleich weiter unter die heiße Dusche.

Als gegen halb eins mein Liebster gutgelaunt zur Tür reinkommt, habe ich es immerhin geschafft, ein Mittagessen zu kochen. Das bringt mir einen liebevollen Blick und einen besonders zärtlichen Kuss ein. Liebe geht offenbar auch bei ihm durch den Magen. Ich kriege keinen Bissen runter, stochere auf meinem Teller herum und schiebe das Essen von rechts nach links.

»Hör mal«, beginne ich dann, »ich muss dir etwas erzählen. Ich weiß, du wirst mich bestimmt für übergeschnappt halten, was ich dir nicht verdenken kann, aber ich schwöre, jedes Wort ist wahr.«

Karsten hat sein Besteck zur Seite gelegt und guckt mich beunruhigt an.

»Raus damit, ich bin auf alles gefasst. Wer ist der Kerl, wie heißt er, was macht er und was hat er, was ich nicht habe?«

»Hör mit dem Scheiß auf«, unterbreche ich ihn, »es geht nicht um einen anderen Mann, es geht um meine Ururgroßmutter. Die heißt übrigens auch Luise und war heute Morgen hier, weil ihr Sohn Diphtherie hat und sie daher Penicillin braucht.«

»Aha«, sagt Karsten, »deine Ururgroßmutter. Die muss aber eine eiserne Gesundheit haben, wie alt ist die Dame denn? Hundert?«

»Sie wurde 1868 geboren und ihr Sohn 1890, aber momentan ist sie erst 29. Vielleicht auch schon 30, so genau weiß ich das nicht.« Das verwirrt mich ein bisschen, und ich verliere den Faden. Ich weiß tatsächlich nicht, wann genau Granny geboren ist. Ob sie das überhaupt schon einmal erwähnt hat?

»Aha«, sagt Karsten wieder, »deine Ururgroßmutter ist also ein paar Jährchen jünger als du. Das ist ungewöhnlich. Aber was soll’s? Wir haben bald Weihnachten, und da geschehen bekanntlich oft Wunder. Bisher dachte ich doch tatsächlich, Ururgroßmütter wären alt, sehr alt und meist sogar schon eine Weile tot.«

»Na ja, sicher, normalerweise ist das auch so, und wenn du aufhören könntest, alles, was ich sage, ins Lächerliche zu ziehen, könnte ich erzählen, es sei denn, du möchtest mich weiterhin ständig mit dummen Sprüchen unterbrechen.«

Ich bin, ohne es zu wollen, laut geworden, Karstens Reaktion ärgert mich, auch wenn ich sie erwartet habe. Meine Angst nimmt zu, dass es mir nicht gelingen wird, ihn zu überzeugen. Er schaut mich mit ziemlich ausdrucksloser Miene an, nickt dann aber und sagt: »Okay, dann erzähl mal, bin gespannt auf das, was kommt.«

Ich rede eine geschlagene Stunde, und er unterbricht mich nicht. Isst seinen Teller leer und hört mir zu.

»Ja, das war’s in groben Zügen, und ich schwöre dir, ich lüge nicht, es ist alles wahr. Ich lüge nicht, ich spinne nicht, höre keine Stimmen und habe auch ansonsten meine fünf Sinne gut beieinander. Meine Mam hat mir auch nicht glauben wollen, aber mittlerweile haben wir sie überzeugt, obwohl sie Granny weder sehen noch hören kann.«

Ich schweige erschöpft und warte auf eine Reaktion von ihm. Er steht auf, vergräbt die Hände in den Hosentaschen, geht zum Fenster und schaut schweigend hinaus.

»Das ist wirklich mal eine abgefahrene Geschichte, so abgefahren, dass sie schon fast wieder stimmen könnte, auch wenn ich nicht die allerleiseste Ahnung habe, wie das funktionieren sollte. Das stellt mein Weltbild so was von auf den Kopf, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Gibt es irgendwelche Beweise? Ich will dir ja gern glauben, aber es würde mir leichter fallen, wenn ich etwas Handfestes hätte, nicht nur eine Erzählung.«

»Ich habe dieses Medaillon von ihr bekommen und Mam das Tagebuch von Otto, aber so wirkliche Beweise sind das natürlich nicht, ich weiß. Die Dinge könnte ich schließlich Gott weiß woher haben.«

»Sag ihm, ich hätte mir schon gedacht, dass er ein ungläubiger Thomas ist. Darum habe ich etwas mitgebracht, um ihn zu überzeugen.«

Ich komme nicht mehr dazu, ihn zu warnen, schon schwebt ein großes Blatt Papier durch die Luft. Kars­ten streckt reflexartig die Hand danach aus und starrt es an.

»Es ist die Lippische Zeitung von heute, das müsste doch als Beweis ausreichen, oder?«

»Karsten? Granny ist hier, und das, was du da gerade anstarrst wie das achte Weltwunder, ist die Tageszeitung von heute. Also, nicht von heute, sondern von … ja, von wann denn? Granny, welches Datum ist gerade bei dir?«

»Sie ist vom 1. Dezember 1898«, sagt Karsten mit einer Stimme, die völlig ohne Atem ist, »und die Druckerfarbe ist frisch.«

Er lässt sich langsam auf das Sofa fallen, die Zeitung in der Hand, und schüttelt dabei ein um das andere Mal den Kopf.

»Ich glaube das nicht, das gibt es nicht, völlig unmöglich, wahrscheinlich bin ich überarbeitet. Sabrina, sag was, ich drehe sonst durch.«

»Ich habe dich gewarnt, mein Lieber, ssich an eine Ururgroßmutter aus dem Jahr 1898 zu gewöhnen, dazu gehört Nervenstärke, aber tröste dich, ich habe auch eine ganze Weile gebraucht und meine Mutter noch länger.«

»Das tröstet mich jetzt wirklich ungemein«, knurrt er, »wenn ich nicht gleich wieder in die Praxis müsste, würde ich mich volllaufen lassen. Aber Moment mal, das ist doch ein Fake, hier steht nämlich Donnerstag, und wenn ich mich nicht irre, haben wir heute Montag?«

Triumphierend hält er die Zeitung in die Höhe, bevor er sie samt seinen Schultern wieder sinken lässt. »Schon klar, Schaltjahre und so. 1898 fiel der 1. Dezember also auf einen Donnerstag, wie gut, dass ich das jetzt weiß!«

Seine Stimme ist immer noch sarkastisch, als er sich erhebt, die Zeitung auf den Tisch legt und sagt: »Okay, wie dem auch sei, ich muss arbeiten, um Weihnachtswunder kümmere ich mich später.«

»Vorher muss er mir aber das Penicillin geben«, lässt Granny sich vernehmen, und ich gebe ihren Wunsch schnell an Karsten weiter.

»Ich habe keine Medikamente aus der Humanmedizin, das weißt du doch, außerdem habe ich keine Ahnung, wie ich ein Kind dosieren sollte, dass weder geimpft, noch jemals mit Antibiotika in Berührung gekommen ist. Ich weiß nicht, wie groß und wie schwer dieser Junge ist, ich weiß nicht, ob er wirklich Diphtherie hat, ja, ich weiß nicht einmal, ob er überhaupt existiert. Ja, ja, schon gut, ich weiß, er heißt Heinz und ist der Sohn deiner Ururgroßmutter. Ich gebe es auf, gehe in die Praxis und schaue, was ich dahabe.«

Er schüttelt weiter mit dem Kopf, und gleich darauf fällt die Tür hinter ihm ins Schloss.

Nach knapp fünf Minuten ist er wieder da, sein Gesichtsausdruck ist resigniert, aber in der Hand hält er eine kleine Schachtel.

»Es geht eigentlich nicht! Alles, was ich an Penicillinmustern habe, muss gespritzt werden, weil es sonst überhaupt nicht wirkt. Ich weiß allerdings nicht, ob es deiner ominösen Ururgroßmutter möglich ist, dem behandelnden Arzt zu erklären, woher sie ein Präparat hat, das erst in 30 Jahren erfunden wird. Das Einzige, was ich habe und was vielleicht wirkt, ist das hier, ein Antibiotikum in Tablettenform. Es ist völlig unverantwortlich, was ich hier mache, aber …«

»Es wird wirken, da bin ich ganz sicher, der Herrgott wird es segnen! Sag das deinem Verehrer und richte ihm meinen Dank aus.«

Ein Griff, ein Satz und Granny ist weg.

»Ich soll dir ausrichten, dass es wirken wird, weil der liebe Gott es segnet.«

»Mhm, ja, das muss er auch, ansonsten … ach, ich weiß nicht. Keine Wirkung wäre wahrscheinlich das Beste, was passieren kann, über mögliche Nebenwirkungen möchte ich gar nicht erst nachdenken«, seufzt mein Liebster und starrt auf seine leeren Hände, in denen sich gerade noch eine Medikamentenschachtel befunden hat.

»Dann tu es doch einfach nicht. Sie hat es so gewollt, und wenn Granny etwas will, dann kann man sagen, was immer einem einfällt, sie lässt nicht locker.«

»Das spricht tatsächlich für ein Verwandtschaftsverhältnis«, murmelt er, und dann etwas lauter: »Na gut, ich muss wieder runter, aber heute Abend würde ich doch sehr gern in Ruhe mit dir reden, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Klar«, sage ich erleichtert, »kein Problem, ich erzähle dir gern alles, was ich weiß!«

Als sich die Tür hinter ihm erneut schließt, atme ich erst einmal ganz tief durch und rufe dann Mam an.

Sie hört natürlich mal wieder sofort, dass was los ist, riecht sie förmlich.

»Was ist passiert?«, ist daher ihre erste Frage.

»Granny war hier, Heinz hat Diphtherie, sie wollte Medizin, ich musste Karsten von ihr erzählen, er hält mich für bekloppt, um es kurz zu machen.«

Mam lacht doch tatsächlich, die hat vielleicht Nerven. Mein Leben droht in einem Scherbenhaufen zu enden – und meine Mutter lacht.

»Na ja«, schnieft sie, »ist für den armen Mann ja auch nicht ganz leicht zu verkraften, dass er neben zwei Kindern und zwei Katzen nun auch noch eine Ururgroßmutter an der Backe hat.«

»Haha, sehr witzig«, grummele ich in den Hörer, muss mir aber selber ein Lachen verkneifen.

Mam ist sich ganz sicher, dass Karsten damit fertigwerden wird, beruhigt mich und schickt mich dann an meine Umzugskartons. Natürlich nicht, ohne sich vorher zu vergewissern, dass ich einen Adventskranz auf dem Tisch stehen habe. Sie hält die alljährlichen Traditionen eisern hoch, weil sie das pädagogisch wichtig findet. Adventskranz, ich lache mich schlapp, das totale Chaos um mich herum, einen aus der Bahn geworfenen Lebensgefährten, eine verzweifelte Ururgroßmutter, aber Hauptsache, ich habe einen Adventskranz. Nee, habe ich nicht, aber auch keine Kraft, darüber mit meiner Mutter zu diskutieren. Darum nicke ich energisch und sage im Brustton der Überzeugung, dass ich natürlich einen habe, und sie gibt sich damit zufrieden.

Umzüge sind die reine Pest. Egal, wie sorgfältig ich Kartons auch beschriftet habe, wie systematisch alles gepackt ist, am Ende finde ich nichts mehr wieder, und auf geheimnisvolle Weise ist nichts mehr da, wo es hingehört. Zumindest bei mir ist das so. Ich räume Dinge von einer Ecke in die nächste, hänge Bilder an Wände, die völlig ungeeignet sind, zerdeppere gleich drei Gläser und gebe schließlich genervt auf. Außerdem starren mich aus jedem Karton mindestens zwei vorwurfsvolle Augen an. Katzen hassen wohl Umzüge noch mehr als ich.

Wie üblich, wenn ich auf etwas warte, schleicht die Zeit nur so dahin. Ich gucke alle fünf Minuten auf die Uhr, aber es will einfach nicht später werden.

Endlich, gegen 18.30 Uhr, geht die Wohnungstür auf, und Karsten hat Feierabend. Seine Miene lässt nicht erkennen, wie es in seinem Inneren aussieht, er ist ein Meister der Selbstbeherrschung, kenne ich schon. Mir sieht jeder auf den ersten Blick an, wie ich mich gerade fühle, egal, wie sehr ich mich bemühe. Als Pokerspielerin wäre ich ein Totalausfall, so viel steht mal fest.

»Hast du Hunger?«, eröffne ich ein Gespräch. Kars­ten seufzt und sagt: »Irgendwie schon, aber eigentlich doch nicht. Mir ist etwas ziemlich auf den Magen geschlagen, du ahnst nicht zufällig, was?«

Okay, er möchte es gern auf die sarkastische Art, kann er haben.

»Keine Ahnung, wovon du redest, war was in der Praxis? Möchtest du vielleicht darüber reden? Ich höre dir gern zu, wenn du irgendwelchen Kummer hast.«

Er wirft mir einen Blick zu, den ich beim besten Willen nicht als liebevoll interpretieren kann, schmeißt sich in einen Sessel und schnauft durch die Nase.

»Du weißt genau, was ich meine, tu also nicht so unschuldig. Ich will wissen, was genau es mit dieser Ururgroßmutter auf sich hat. Alles will ich wissen, von Anfang an, und lass ja nichts aus.«

Ich nicke zustimmend, setze mich ihm gegenüber, beginne und ende fast zwei Stunden später mit Grannys heutigem Besuch.

»Das war’s, mehr gibt es nicht zu erzählen, weil ich mehr nicht weiß. Zufrieden?«

»›Zufrieden‹ ist nicht das richtige Wort. Entsetzt, durcheinander, verwirrt, ungläubig oder völlig planlos würde es besser treffen. Was du da erzählst, stellt alle Gesetze auf den Kopf. Zeit und Raum, Leben und Tod, einfach alles. Was würde Einstein nur dazu sagen?«

»Och, ich glaube, der würde eine neue Formel aufstellen, einen facebook-tauglichen Satz sagen und die Gegebenheiten so akzeptieren, wie sie nun einmal sind.«

»Vielleicht, aber ich bin nicht Einstein, ich bin ein schlichter Tierarzt, der bisher gedacht hat, tot ist tot. Für immer, nicht nur zeitweise.«

»Ja, ja, natürlich ist das so, aber Granny ist doch nicht tot. Sie ist in ihrer Zeit 30 Jahre alt und gesund und munter.«

»Stimmt, das habe ich gar nicht bedacht. Das ändert natürlich alles!« Karsten schnaubt wieder durch die Nase.

»Finde ich schon. Mir wäre der Gedanke unangenehm, dass eine Tote mich besuchen kommt, aber so tue ich einfach, als wäre sie eine Verwandte, die ab und an von weit her anreist. Aus Timbuktu zum Beispiel.«

»Du spinnst komplett, aber okay, wenn es nun mal so ist, muss ich mich daran gewöhnen. Ich hoffe nur, sie zaubert nicht wieder eine Leiche aus ihrer Zeit herbei.«

»Nein, nein, davon hat sie kein Wort gesagt, sie wollte wirklich nur Medizin für ihren Jungen. Ich glaube auch nicht, dass sie so bald wiederkommt.«

»Wenn ich hier unerwünscht bin, werde ich mich selbstverständlich fernhalten. Ich dränge mich niemandem auf, das ist nicht meine Art.«

»Äh, Karsten, ich habe mich da wohl geirrt, Granny ist gerade gekommen und hat das Gefühl, nicht willkommen zu sein.«

»Wie kommt sie denn bloß auf eine solche absurde Idee? Wer würde sich nicht über einen Gast freuen, der seit, ach, ich weiß auch nicht wie vielen Jahren tot ist?«

»Vielleicht könntest du deinem Verehrer sagen, er möge nicht über mich sprechen, als sei ich nicht anwesend, das ist unhöflich und darüber hinaus kränkend für mich. Ich bin nur gekommen, um ihm eine Frage zu stellen. Er hat mir nicht gesagt, wie oft und wie viele dieser Pillen ich meinem Heinz geben muss.«

»Hör schon auf, Karsten, sie kann dich doch hören. Außerdem möchte sie nur wissen, wie die Dosierung des Medikamentes aussehen soll.«

»Ach so, na dann, wenn’s weiter nichts ist. Kann sie mir verraten, wie viel ihr Kind in etwa wiegt?«

»Genau weiß ich das nicht, aber er geht mir bis hierher«, Granny zeigt auf eine Stelle kurz oberhalb ihres Busens, »und ich kann ihn kaum noch heben.«

»Solche konkreten Angaben liebe ich, damit kann ich was anfangen«, schnaubt Karsten, nachdem ich das übersetzt habe, überlegt dann einen Augenblick und sagt: »Ich würde es mit dreimal täglich einer Tablette versuchen. Jeweils nach einer Mahlzeit, wenn das Kind denn überhaupt etwas isst. Ansonsten eben ohne. Keine Milch dazu geben, bitte! Notfalls in etwas Saft auflösen.«

»Vielen Dank, mehr wollte ich gar nicht wissen und werde euch nicht länger stören.« Granny spricht’s und verschwindet prompt.

»Sie ist weg, aber du bist echt unmöglich, Granny stirbt fast vor Sorge um ihr Kind und du erschlägst sie mit deinem Sarkasmus. Ist das wirklich nötig?«

Karsten winkt resigniert ab, enthält sich aber weiterer Kommentare. Jedenfalls für den Augenblick.

Dass das Thema für ihn keineswegs beendet ist, merke ich, als er mich später allein ins Bett gehen lässt und keine Anstalten macht, mitzukommen. Auch gut, wer nicht will, der hat schon.

Am nächsten Morgen ist er ungewohnt schweigsam, und sein Abschiedskuss wirkt gezwungen und ist völlig leidenschaftslos. Ich fange an, mir Sorgen zu machen. So war er in der ganzen Zeit, die wir uns jetzt kennen, noch nie und wir kennen uns schon über ein Jahr. Granny muss ihn wirklich aus der Bahn geworfen haben.

»Mach dir keine Sorgen, Kind, dieser Mann wird sich schon wieder beruhigen. Mein Heinrich ist auch oft in sich gekehrt, wenn ihn ein Problem beschäftigt.«

»Granny! Eines Tages erschreckst du mich mit deinem plötzlichen Auftauchen noch zu Tode. Was machst du schon wieder hier, ich denke, du hältst Wache am Bett von Heinz?«

»Mein Junge schläft jetzt. Ich habe ihm die Medizin gegeben, daraufhin wurde er ruhiger und ist eingeschlafen. Ich habe dir doch gesagt, wenn man auf Gott vertraut, wendet sich alles zum Guten.«

»Na, wenn das so ist, wozu brauchtest du dann überhaupt das Penicillin?«

»Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott, so steht es geschrieben.«

»Okay, ich geb es auf. Die Hauptsache ist nun, dass die Behandlung anschlägt und es Heinz bald besser geht. Bleibst du noch etwas, ich würde gern erfahren, was du in den letzten Monaten getrieben hast? Apropos getrieben: Ich habe mich schon gewundert, dass du gar nicht aufgetaucht bist, um Nachschub an Kondomen zu holen. Bist du plötzlich enthaltsam geworden?«

Granny errötet dezent und schüttelt den Kopf.

»Heinrich war sehr lange in Berlin und hatte nur selten die Gelegenheit, mir einen Besuch zu machen. Ich erzähle dir gern, was in meinem Leben geschehen ist. Aber vorher muss es mir erlaubt sein, dir zu sagen, dass es hier sehr unaufgeräumt, ja geradezu lieblos aussieht.«

Sie schaut sich mit eindeutig missbilligender Miene um und ihre um eine Winzigkeit zu lange Nase zuckt verächtlich.

»Liebste Granny, ich bin gerade erst hier eingezogen und hatte aus Gründen, die ausschließlich mit dir zu tun hatten, wenig Zeit zum Aufräumen.«

»Das versteht sich von selbst, und das meine ich auch nicht. Ist denn bei dir nicht auch Vorweihnachtszeit, möchtest du es deinen Lieben nicht besonders heimelig machen? Nicht mehr lange, dann wird unser Heiland geboren, und wir feiern das Fest der christlichen Nächstenliebe.«

»Na ja, Granny, ich fürchte, da hat sich in den letzten 120 Jahren einiges geändert. Was wir feiern, hat mit christlicher Nächstenliebe nicht mehr besonders viel zu tun. Weihnachten ist zu einem gigantischen Kaufmarathon geworden, der schon Ende August beginnt, wenn die ersten Weihnachtsmänner in den Läden auftauchen.«

»Ich verstehe dich nicht. Wer taucht in den Läden auf, und was ist ein Marathon?«

»Ach, Granny, lass uns darüber ein anderes Mal reden. Ich habe ja auch keine Ahnung, wie Weihnachten zu deiner Zeit gefeiert wurde, aber im Augenblick beschäftigt es mich mehr, zu erfahren, was du erlebt hast, seit wir uns zuletzt gesehen haben.«

Sie nickt, lächelt und setzt sich wie üblich sehr gerade, die Füße ordentlich nebeneinander, auf das Sofa.

Granny

»Blancke hatte kaum sein verdientes Schicksal ereilt, musste Heinrich zurück nach Berlin. Ich vermisste ihn unsäglich und fühlte mich schrecklich, auch wenn ich Einladungen von halb Detmold bekam. Ich würde in eine sehr bekannte Familie einheiraten, und jeder war plötzlich daran interessiert, sich mit mir gutzustellen. Natürlich ging es den Menschen weniger um mich als vielmehr um Klatsch und Tratsch. Da ich das wusste, dankte ich meist in höflichen Worten und entschuldigte mich unter irgendeinem Vorwand. Nur wenn ich zusammen mit Heinrichs Eltern eingeladen wurde, konnte ich mich nicht entziehen und ging mit. Dann saß ich in irgendeinem Salon, die sich alle ähnelten wie ein Ei dem anderen, lächelte, bis mir die Mundwinkel wehtaten, und beantwortete die immer gleichen Fragen: Ja, ich war sehr glücklich, ja, ich vermisste meinen Verlobten schrecklich, und ja, ich freute mich sehr auf unsere Hochzeit.

Was die Menschen wirklich interessierte, das zu fragen, verbot zum Glück die gebotene Höflichkeit. So wurde die Tatsache, dass ich bereits ein Kind hatte, ohne verheiratet gewesen zu sein, ignoriert. Meine zukünftigen Schwiegereltern betonten immer wieder, wie glücklich sie doch mit der Wahl ihres einzigen Sohnes waren und dass ich wie eine zweite Tochter für sie sei. Saßen wir dann wieder in unserer Kutsche, seufzte Heinrichs Vater oft und sagte:

»Warum sind die Menschen nur so versessen darauf, völlig überflüssige Fragen zu stellen? Sie wissen doch sehr genau, dass sie nichts erfahren, was nicht für ihre Ohren bestimmt ist. Das ist in höchstem Maß ermüdend.«

Trotzdem war klar, dass er auch beim nächsten Besuch wieder lächelnd zwischen mir und seiner Gattin sitzen würde. Auch wenn er sie nicht liebte, er achtete die gesellschaftlichen Verpflichtungen, die seine Stellung ihm abverlangten. Wenn er es nicht um seinetwillen tat, so doch seiner Gattin und nicht zuletzt seinem Sohn und dessen zukünftiger Frau zuliebe.

Abgesehen von diesen Besuchen, die immer und ausnahmslos sonntags um elf Uhr stattfanden, war mein Leben ziemlich eintönig. Ich vermisste die Spannung der letzten Wochen, meine Besuche bei dir, bei Gottfried und Hermann, aber am allermeisten vermisste ich natürlich Heinrich. Ich vermisste sein Lachen, seinen Humor, seine Nähe, seine Wärme und seine Zärtlichkeiten. Die ganz besonders!

Der Sommer verging, ebenso der Herbst, und der Winter kam mit ungewöhnlicher Kälte, Eis und Schnee. Nicht einmal Fritz’ Haus wollte richtig warm werden, egal, wie sehr die Öfen gefeuert wurden. Morgens waren die Fensterscheiben mit Eisblumen bedeckt und das Wasser gefror in den Vasen mit den grünen Zweigen. Die Küche war der einzige Ort, an dem die Menschen sich aufwärmen konnten. Nicht nur aus diesem Grund verbrachte ich dort sehr viel Zeit, auch, weil bereits Weihnachten nahte und ich der Köchin beim Plätzchenbacken helfen wollte.

Auch riesige Christstollen wurden vorbereitet, und wenn man nach dem Walken des schweren Teiges noch fror, hatte man etwas falsch gemacht. Hätte ich an einem dieser Tage geahnt, welch furchtbares Schicksal mich im kommenden Jahr um diese Zeit erwarten würde, ich hätte keine ruhige Minute mehr gehabt.

Heinrich traf zwei Tage vor dem Heiligen Abend in Detmold ein, und ich stand am Bahnhof, ihn zu empfangen. Für einen Augenblick überfiel mich Wehmut, als ich das Fürstenzimmer sah und mich erinnerte, wie ich mit Otto hineingegangen war. In meinem Herzen hatte dieser Mann für immer und ewig seinen Platz, ich würde ihn niemals vergessen, das wusste ich genau, auch, wenn ich es umgehend vergaß, als Heinrich durch die Sperre trat. Ich lief nicht, ich flog auf ihn zu, und auch er breitete seine Arme aus, mich zu umfangen. Der Gepäckdiener schaute verlegen zur Seite, aber ich sah sein grinsendes Gesicht trotzdem. Es war mir gleich, ich war viel zu glücklich, Heinrich endlich wiederzusehen, berühren zu können, zu fühlen, dass es ihn gab.

Wir verbrachten die Zeit bis Anfang Januar so oft wie nur irgend möglich zusammen, wenn auch selten allein. Zu viele Einladungen mussten erwidert werden, zu viele Verpflichtungen warteten auf meinen Verlobten. Immerhin, ein paarmal schafften wir es, uns davonzuschleichen und wundervolle Stunden in seinem Haus zu verbringen. Die Sehnsucht ist ein guter Lehrmeister, und ich gab mich Heinrich mit einer ungeahnten Leidenschaft hin, die er seinerseits ebenso erwiderte. Einmal, als wir, nachdem wir uns geliebt hatten, zusammenlagen, erzählte Heinrich mir, dass er von Seiner Majestät dem Kaiser persönlich den Auftrag erhalten hatte, Oberregierungsrat Reichelt des Landesverrats zu überführen und ihm das Attentat auf den jetzt regierenden Fürsten nachzuweisen. Ich war nach diesem Gespräch sehr aufgeregt, hatte ich doch Reichelt und seinen Cousin Köhler lange verdächtigt, Otto umgebracht zu haben. Ich wusste, dass ich mich geirrt hatte, aber ich war mir nach wie vor sicher, dass sie es zumindest versucht hatten. »Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sie mahlen gerecht«, sagte ich zu Heinrich und erzählte ihm von Ottos Abneigung gegen diese beiden Männer und seinem Verdacht, von ihnen vergiftet worden zu sein. Mein Verlobter hörte mir schweigend zu, nickte hin und wieder und sagte, als ich geendet hatte:

»Ich glaube, sein Verdacht war richtig. Reichelt wollte ihn aus dem Weg schaffen, um die Testamentseröffnung zu verhindern. Nur warum? Ich muss hinter sein Motiv kommen, um ihn überführen zu können. Außerdem bin ich mir ganz sicher, dass auch der Versuch, unseren Regenten zu vergiften, auf sein Konto geht. Nur, was haben diese beiden Fälle miteinander zu tun, welchen Vorteil hätte Reichelt davon gehabt?«

Wir überlegten noch eine Weile, kamen aber zu keinem Ergebnis und wandten uns schließlich wieder sehr viel erfreulicheren Dingen zu.

Bereits in der ersten Januarwoche verließ Heinrich Detmold wieder, um dem Kaiser zu berichten, kam aber wenige Wochen später überraschend zurück. Der Grund dafür war ein sehr ehrenvoller, Heinrich sollte von Fürst Ernst zu Lippe-Biesterfeld durch einen Orden geehrt werden. Ich war sehr aufgeregt und stolz auf ihn, zumal ich als seine Verlobte bei der Zeremonie anwesend sein durfte.

Ich verstand vermutlich viel zu wenig von Politik, aus der ich mich als Frau auch rauszuhalten hatte, um zu verstehen, warum Heinrich dieser Ehrung nicht mit freudigen Gefühlen entgegensah. Auf meine diesbezügliche Frage brummte er nur und sagte dann: »Unser Regent hat die unselige Angewohnheit, Orden und Ehrenzeichen zu verleihen, als handele es sich um Süßigkeiten für Kinder zu Weihnachten. Kaum einer der Bedachten hat es wirklich verdient. Außerdem gerate ich dadurch zu sehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, und das ist für meinen Auftrag eher hinderlich als von Nutzen. Leider kann ich es nicht verhindern, also lass uns nicht mehr darüber reden.«

Die Verleihung war sehr feierlich, und ich stand stolz erhobenen Hauptes neben Heinrichs Eltern und sah zu, wie der Fürst persönlich meinem Verlobten den Orden an die Brust heftete.

»Für außergewöhnliche Verdienste um das Fürstenhaus und meine Person«, sagte der Regent und drückte Heinrich die Hand. Dieser überragte den Fürsten fast um Haupteslänge und sah so wundervoll aus, dass ich es ein weiteres Mal kaum glauben konnte, dass dieser Mann mich in wenigen Wochen heiraten würde. Anschließend gingen wir zusammen in ein schönes Lokal, natürlich ohne den Fürsten, dafür kamen die Deppes mit, auch Emilie, Karla und Heinrichs Eltern schlossen sich uns an. Noch lebten die beiden Frauen im Hause ihrer Eltern, würden aber nach der Hochzeit den geplanen Umzug in die Hauptstadt durchführen.

Ach ja, diese ungewöhnliche Geschichte habe ich noch gar nicht erwähnt, dabei bin ich sicher, dass sie dir gefallen wird. Fritz setzte dem Entschluss seiner Tochter, mit Karla nach Berlin zu gehen, ungewöhnlich hartnäckigen Widerstand entgegen, und daher war diese schließlich auf eine für sie sehr typische Idee verfallen. Sie verlobte sich mit Hermann Maurer, der ja bereits als Staatsanwalt in Berlin lebte. Sozusagen von einem Tag auf den anderen teilte sie ihren Eltern mit, den Mann fürs Leben gefunden zu haben, und stellte ihnen Hermann – als zukünftigen Schwiegersohn – vor. Fritz war nicht wenig verblüfft, letztendlich aber doch äußerst erfreut, dass seine Jüngste nun doch ihr Leben an der Seite eines erfolgreichen Mannes verbringen würde. Auch seine Gattin war sehr erleichtert, hatte sie doch schon sehr lange gefürchtet, ihre Tochter würde ein Leben als alte Jungfer führen, und die Aussicht, sie allein in Berlin zu wissen, hatte ihr sicherlich viele schlaflose Nächte bereitet. Ich vermied es, mir vorzustellen, wie es beiden gehen würde, käme die Wahrheit ans Licht.

Auch wenn ich mit dieser Komödie nicht einverstanden war, spielte ich sie doch mit. Ich gratulierte Emilie und Gottfried, saß während der offiziellen Verlobungsfeier an ihrer Seite und wunderte mich, mit welcher Überzeugung diese zwei Menschen ihre Rollen spielten. Natürlich ahnte von den geladenen Gästen niemand, dass dieses anscheinend so verliebte junge Paar bereits ganz andere Partner hatte, Partner des gleichen Geschlechtes! Emilie liebte Karla, Heinrichs Schwester, und Hermann lebte seit Langem mit Gottfried Baumann, dem Polizeichef von Bielefeld, zusammen. In aller Heimlichkeit und immer in Angst vor Entdeckung, schließlich war Homosexualität eine Straftat und zog empfindliche Strafen nach sich. Von den gesellschaftlichen und beruflichen Folgen ganz zu schweigen. Es war daher nicht so verwunderlich, dass die praktische Emilie auf eine derart ausgefallene Idee gekommen war. Ein bisschen verblüfft war ich dann allerdings, als wenige Wochen später die Verlobung von Gottfried und Karla bekannt gegeben wurde. Da hatten diese vier Menschen sich etwas ganz Ungeheuerliches einfallen lassen, und mir war ein bisschen bange zumute.

Heinrich war eher amüsiert und fand diese ungewöhnliche Lösung für alle Beteiligten perfekt.

»Luise, sieh es doch einmal so: Keiner ist mehr unglücklich, die gesellschaftlichen Normen sind erfüllt, sie tun niemandem weh. Außerdem besteht nicht mehr die Gefahr der Entdeckung, die ihrer aller Leben überschattet hat. Nach der Hochzeit können sie nun ganz offiziell in Berlin zusammen in einem Haus wohnen. Wer des Nachts in wessen Bett schläft, wird wohl keiner kontrollieren, oder?«

Nun ja, auch wenn ich zuerst ein bisschen konsterniert gewesen war, musste ich ihm am Ende zustimmen, war ich doch auch allen von Herzen zugetan.

An diesem Abend feierten wir alle zusammen Heinrichs Auszeichnung, und ich war einfach nur glücklich, ihn an meiner Seite zu haben. Leider dauerte dieses Glück nicht an, denn er musste zurück nach Berlin, kam aber zu meiner Freude im Abstand von einigen Wochen nach Detmold zurück. Das Jahr verging auf diese Weise mal mehr, mal weniger schnell vorbei, und ab Herbst fieberte ich meiner Hochzeit entgegen, die nun auf den Heiligen Abend festgelegt war. Martha und Emilie hatten viel Spaß daran, mit mir zu planen, Stoffe auszuwählen und Brautmodelle anzuschauen. Ich war glücklich wie ein junges Mädchen, und nichts schien dieses Glück trüben zu können. Nun, das Schicksal ist ein launischer Geselle, es schlug zu und veränderte von einem Tag auf den anderen alles. Vor zwei Tagen fühlte Heinz sich nicht ganz wohl und klagte über Halsschmerzen. Sein Zustand verschlechterte sich schnell, er fieberte hoch, hustete und klagte zunehmend über Atemnot. Der von Fritz herbeigerufene Doktor Pohlmann wirkte hilflos und gab offen zu, nicht zu wissen, wie er dem Kind helfen sollte. Da erinnerte ich mich daran, dass du mir einmal von einer Medizin erzählt hattest, die gegen dieses schreckliche Leiden helfen würde, und ich beschloss, dich aufzusuchen. Hätte ich gewusst, dass dein Verehrer mir so unfreundlich gegenüberstehen würde …«

»Wärst du trotzdem gekommen, liebe Granny, hättest ihm ein Bibelzitat entgegengeschleudert und deine Empörung über sein ungebührliches Verhalten noch deutlicher zum Ausdruck gebracht.«

Granny verzieht den Mund auf ihre typische Art und Weise zu einem Lächeln und fühlt sich offensichtlich ertappt.

»Nun scheint es ja deinem Heinz besser zu gehen, dein Heinrich ist in der Nähe, und eure Hochzeit steht bevor. Du musst doch rundum glücklich und zufrieden sein, zumal ich ja auch so gut wie unter der Haube bin.«

»So gut wie ist nicht genug, mein Kind. Du weißt doch, wie die Männer sind, sie heiraten nicht, wenn sie eine Frau auch so besitzen können.«

»Ach was, sagt wer? Du? Dann wäre ich an deiner Stelle aber mal in heller Aufregung, denn du bist schließlich nur verlobt und noch nicht verheiratet. Was, wenn dein Heinrich auch solche Gedanken hegt?«

»Nein, mein Heinrich ist nicht so einer.«

»Was für einer? So einer wie mein Karsten? Pass auf, was du sagst, zufällig liebe ich diesen Mann, und er liebt mich.«

»Ja, ja, natürlich, das wollte ich auch gar nicht in Abrede stellen, Kind. Ich wollte dich nur vor einer Enttäuschung bewahren, zumindest mir gegenüber war er nicht sehr höflich.«

»Jetzt mach mal ’nen Punkt, Granny, Karsten ist Tierarzt, kein Hellseher, er hat nicht gewusst, dass er sich mit mir, meinen beiden Kindern und zwei Katern noch eine zeitreisende Ururgroßmutter einfangen würde.«

»Die Kater hat er ins Haus gebracht, übertreibe bitte nicht immer so, außerdem rechtfertigt das alles nicht sein schlechtes Benehmen mir gegenüber. Aber ich will nicht richten über ihn, ich bin nicht Gott.«

»Anhören tust du dich aber manchmal so, echt! Karsten ist nicht unhöflich, er ist traumatisiert, er isst kaum etwas, schläft unruhig und geht mir aus dem Weg. Dein Erscheinen hat ihn völlig aus der Bahn geworfen, das muss er erst einmal alles auf den Schirm kriegen. Außerdem wird er sich vermutlich immer noch fragen, ob ich nicht doch eine durchgeknallte Tussi bin, die sich auf seine Kosten amüsieren will. Lass ihm Zeit, er wird es nach und nach akzeptieren, und dann lernst du einen ganz neuen Karsten kennen. Er ist nämlich sehr charmant, amüsant, hilfsbereit, gutaussehend, klug und alles das, was man an einem Mann noch so schätzen könnte.«

»Gut, mein Kind, wenn du das sagst, wird es wohl so sein. Ich muss jetzt gehen, ich will meinen Heinz nicht allzu lange allein lassen. Ich komme wieder, wenn ich sicher bin, dass er außer Gefahr ist.«

Karsten ist tatsächlich komisch und verhält sich mir gegenüber weiterhin distanziert und befangen. Ich habe mehrfach versucht, ein Gespräch über Granny in Gang zu bringen, aber er schaut mich dann so waidwund an, dass ich schnell verstumme.

Auch am Mittwoch ist er in sich gekehrt, räumt ungewöhnlich lange in der Praxis herum, obwohl die heute geschlossen ist. Zum Mittagessen kommt er zwar hoch, bleibt aber einsilbig, und es gelingt mir nicht, eine längere Unterhaltung mit ihm zu führen.

Alter Falter, so langsam nervt mich sein Verhalten. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand schmollt. Wer redet, dem kann bekanntlich geholfen werden, aber dieses maulige Beleidigtsein, damit kann ich nur schlecht umgehen. Daher stehe ich jetzt vom Tisch auf, schnappe mir meinen Teller und das Besteck und setze mich im Wohnzimmer vor die Glotze. Leider geht meine Rechnung nicht auf, er folgt mir nämlich nicht, dafür höre ich kurze Zeit später die Wohnungstür ins Schloss fallen.

Karsten taucht erst am späten Abend auf, und da bin ich sauer, schließlich habe ich mir den ganzen Tag Sorgen gemacht. Blödian! Was fällt dem eigentlich ein? Kann ich etwas dafür, dass ich so eine strange Vorfahrin habe? Der behandelt mich, als hätte ich ein Verbrechen begangen. So langsam reicht es mir. Ich überlege, ob ich ebenfalls einen türenknallenden Abgang hinlegen soll, bin dann aber zu müde und gehe schlicht ins Bett. Ich kann lange nicht einschlafen, horche auf jedes Geräusch aus der Wohnung, hoffe, dass Karsten doch noch kommt.

Irgendwann muss mich der Schlaf überrascht haben, und als ich die Augen öffne, ist es draußen dunkel, aber die Nachttischlampe brennt. Karsten sitzt neben mir im Bett und starrt auf einen Fleck an der Wand.

»Was ist los?«, murmele ich schlaftrunken. »Hast du schlecht geträumt?«

»Schön wär’s, aber ich fürchte, der Kerl da ist echt. Du kannst mir nicht zufällig verraten, wie dieser Weihnachtsmann in unser Schlafzimmer kommt? Vielen Dank auch, nur, weil ich nicht sofort alles schlucken konnte, was du mir aufgetischt hast, schleppst du gleich einen anderen an, noch dazu hierher, in mein Schlafzimmer. Ich muss schon sagen, das ist an Geschmacklosigkeit wirklich kaum zu überbieten. Ganz abgesehen von dieser mehr als peinlichen Verkleidung.«

Karsten macht Anstalten aufzustehen, ich kriege ihn gerade noch an seinem T-Shirt zu fassen.

»Halt! Du bleibst hier und erklärst mir, wovon du redest. Ich verstehe kein einziges Wort. Was für einen Weihnachtsmann habe ich hierhergeschleppt, und seit wann ist das plötzlich wieder dein Schlafzimmer? Kars­ten! Mach den Mund auf!«

Endlich dreht er sich zu mir und sieht mich an. Dann zeigt er über seine Schulter in eine Ecke des Schlafzimmers, dorthin, wo mein alter Sessel steht.

»Den Mann dort meine ich, tu doch bitte nicht so scheinheilig. Ich habe dich erwischt, also steh dazu. Schade, dass wir keinen großen Kleiderschrank haben, dann hätte er sich ganz klassisch darin verstecken können.«

Ach so, jetzt verstehe ich. Er glaubt, ich hätte mir die Geschichte mit Granny nur ausgedacht, und zahlt es mir mit gleicher Münze heim. Na warte, mein Freund, dich kriege ich!

»Ach so, den Mann meinst du, sag das doch gleich. Ja, also, wie soll ich dir das erklären? Das ist unser Nachbar, der wollte mir nur beim Gardinenaufhängen helfen. Du warst ja nicht da gestern, falls du dich erinnern kannst. Wahrscheinlich ist er vor lauter Müdigkeit im Sessel eingeschlafen, kein Grund zur Aufregung.«

Ich winke lässig in die leere Ecke und sage: »Moin, Herr Müller, Sie können gehen, ich brauche Sie nicht mehr, aber vielen Dank für Ihre Hilfe.«

Wieso lacht Karsten nicht endlich? Er muss doch merken, dass ich hinter seine Absichten gekommen bin. Nein, er lacht nicht, er verzieht keine Miene, schüttelt meine Hand ab wie ein lästiges Insekt und starrt weiterhin auf den Sessel.

»Wer sind Sie und was wollen Sie in meiner Wohnung? Wenn Sie sich schon von einer Frau abschleppen lassen, achten Sie das nächste Mal darauf, dass die Dame allein wohnt. Und ziehen Sie sich was Anständiges an. Raus hier, aber schnell!«

»Entschuldigen Sie bitte vielmals mein Eindringen, mein Herr, äh, meine Dame. Ich bin wirklich untröstlich, aber ich habe keine Erklärung, ich weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin. Ich bin, ich habe, ich meine, also, die Sache ist so: Gestern habe ich meine Verlobte aufgesucht, nein, eigentlich nicht, ich habe nur ihr Zimmer aufgesucht, um dieses Kostüm anzuprobieren, weil sie selber nämlich verschleppt wurde. Ganz offensichtlich, der Brief lässt keine Zweifel mehr daran, und so war ich also in ihrem Zimmer, um vielleicht herauszufinden, wie sie es macht.«

Jetzt ist es an mir, mich erneut an Karsten festzuklammern, der sich zwischenzeitlich eine Zigarette angezündet hat, obwohl Rauchen in seiner Wohnung ungefähr so streng verboten ist, wie über rote Ampeln zu fahren. Das realisiere ich noch, dann stelle ich mich der Tatsache, dass ich Stimmen höre. Zumindest eine mir unbekannte, aber sehr sonore Stimme, und die kommt aus dem leeren Sessel unter dem Fenster.

Ich schüttele den Kopf und reibe mir über die Augen, sehe immer noch niemanden und greife nun meinerseits zur Kippe. Wer Stimmen hört, darf auf nüchternen Magen rauchen!

»Karsten, ich höre Stimmen. Na ja, nur eine, aber immerhin. Ich glaube, ich werde verrückt.«

»Nein, wirst du nicht, bist du schon. Oder willst du mir wirklich weismachen, du würdest den Mann im Sessel nicht sehen?«

»Ich will gar nichts weismachen, ich sehe niemanden, aber ich höre eine Stimme, und ich habe einen ganz bestimmten Verdacht.«

»Ach ja? Also nicht Herr Müller von nebenan?«

»Quatsch, natürlich nicht, das war doch nur ein Witz, aber wenn du ebenfalls gehört hast, was der Mann gerade gesagt hat, kann das doch nur eines bedeuten …«

»Nämlich?«

»Na, es muss Heinrich sein, Grannys Verlobter.«

»Ach so, na dann ist ja alles in bester Ordnung. Was rege ich mich auf, lass uns ein Ründchen weiterschlafen.«

»Hör auf mit dem Scheiß, du hast es doch gehört, oder etwa nicht? Er sucht Granny, die ist entführt worden. Wie schrecklich ist das denn?« Ich wende mich entschlossen dem leeren Sessel zu.

»Äh, also, ich bin Sabrina, und Granny ist meine Ururgroßmutter, sind Sie vielleicht Heinrich?«

»Oh, meine liebe gnädige Frau, wie bin ich so froh, Sie gefunden zu haben. Meine Verlobte hat mir sehr viel von Ihnen erzählt, sie hat immer auf Ihre Fähigkeiten vertraut, egal, worum es ging. Es ist mir zwar sehr unangenehm, hier hereinzuplatzen, noch dazu zu einer so ungehörigen Uhrzeit und in dieser lächerlichen Aufmachung, aber …«

»Machen Sie sich darüber mal keinen Kopf, das geht in Ordnung, kenne ich ja von Granny. Aber wieso kann ich Sie nicht sehen? Sehen Sie mich?«

»Klar und deutlich, und ich kann nicht umhin, festzustellen, dass Ihr Anblick sehr erfreulich ist.«

Wow! Ein Womanizer des 19. Jahrhunderts, wie cool ist das denn?

»Würden Sie umgehend damit aufhören, meine Lebensgefährtin anzubaggern, noch dazu in meiner Gegenwart. Ich kann Sie nämlich sehen und treffe Ihre Nase, wenn mir danach ist.«

Du heilige Scheiße, nicht einmal Männer, die 120 Jahre Altersunterschied trennt, können es unterlassen, sich wie Gorillamännchen aufzuführen.

»Hör schon auf, der Mann war doch nur freundlich, und außerdem ist er mit mir verwandt.«

»Ich dachte, du siehst nichts!«

»Tue ich auch nicht, aber ich kann ihn schließlich hören, und er hat nichts gesagt, was dein Benehmen rechtfertigen würde. Außerdem gibt es offensichtlich Wichtigeres als deine kindische Eifersucht: Granny ist entführt worden, hast du das nicht verstanden?«

»Ähm, doch, das habe ich gehört, auch wenn ich nicht wirklich verstehe, was hier eigentlich abgeht. Dann ist der Weihnachtsmann da drüben also der Verlobte dieser ominösen Ururgroßmutter und mal eben hierhergekommen, um zu schauen, ob sie gerade mit dir Kaffee trinkt, oder was?«

»Dass meine Verlobte nicht da ist, um Kaffee zu trinken, versteht sich wohl von selbst. Ich erwähnte doch bereits, dass ich ein entsprechendes Schreiben erhielt, das keinen Zweifel daran lässt, dass sie Opfer einer Entführung wurde. Dass ich Ihnen in dieser lächerlichen Kostümierung gegenübersitze, ist einzig und allein dem Umstand geschuldet, dass ich, ach was, Ihnen bin ich keinerlei Rechenschaft schuldig. Sie, gnädige Frau, werden mir doch Ihre Hilfe nicht verweigern?«

Neben mir schnauft Karsten einmal mehr durch die Nase, räuspert sich dann und sagt: »Okay, ich entschuldige mich, und wenn es wirklich etwas gibt, wobei wir helfen können, dann tun wir das selbstverständlich!«

»Ja, vielen Dank, gnädige Frau, mein Herr, genau das ist es, was ich brauche, Hilfe. Ich muss meine Verlobte finden, koste es, was es wolle. Dieser Schweinehund wird nicht davor zurückschrecken, sie zu töten, um seine Forderungen durchzusetzen.«

»Wir werden Ihnen unter allen Umständen helfen, das ist klar, aber erzählen Sie erst einmal, was Sie wissen, dann überlegen wir uns, wie wir vorgehen können. Einverstanden?«

Heinrich sagt sofort ja, und auch Karsten quält sich ein Kopfnicken ab, zu mehr reicht es nicht.

»Gut, dann klären wir zuerst die Frage, wer Granny entführt hat und warum.«

Aus der leeren Ecke erklingt ein energisches Räuspern, und dann erneut die sonore Stimme.

»Ich habe meine Verlobte am Freitagabend aufgesucht, um mich nach dem Befinden des kleinen Heinz zu erkundigen. Sie berichtete mir, von Ihnen ein Medikament erhalten zu haben, nach dessen Einnahme es dem Knaben besser zu gehen schien. Wir haben einen Augenblick im Salon zusammengesessen und uns für den nächsten Tag verabredet, danach habe ich sie nicht mehr gesehen und auch nichts von ihr gehört. Dafür lag dann das erwähnte Schreiben in meinem Flur, offensichtlich nächtens unter der Tür hindurchgeschoben. Da stand in knappen Worten, ich solle alle Untersuchungen umgehend einstellen, wollte ich nicht das Leben meiner Verlobten gefährden. Ich weiß, wer dahintersteckt, und kenne die Motive. Es handelt sich zweifelsohne um Oberregierungsrat Reichelt, den ich in Verdacht habe, vor einigen Jahren einen Giftanschlag auf den Kanzleiminister Otto von Wolffgramm verübt und damit gegen das Fürstenhaus geputscht zu haben. Außerdem bin ich sicher, dass dieser Mann vor wenigen Wochen ein weiteres Mal versucht hat, einen politischen Eklat auszulösen, indem er wiederum Gift in das Glas des neuen Regenten verbracht hat.

Es war Gottes Fügung, dass diese feige Tat nicht zum Tode des Fürsten geführt hat. Ein Lakai stieß ungeschickt gegen das Gefäß und verschüttete dessen Inhalt. Noch bevor er das Malheur beseitigen konnte, schleckte einer der Hunde die Pfütze auf und verendete unter schrecklichen Qualen. Nicht auszudenken, wenn unser Fürst davon getrunken hätte. Der Vorfall wurde unter strenge Geheimhaltung gestellt, um keine Unruhen aufkommen zu lassen, aber nun hat die Überführung und Dingfestmachung des Täters oberste Priorität.

Natürlich habe ich mich umgehend zum Haus der Deppes begeben, aber meine Verlobte nicht angetroffen, und niemand konnte mir über ihren Verbleib Auskunft geben.«

»Sind Sie ganz sicher, dass es Reichelt war? Haben Sie es gesehen – oder vermuten Sie es nur?«

»Hätte ich es gesehen, dann liefe der Schurke nicht mehr frei herum, und er hätte ganz sicher keine Gelegenheit mehr bekommen, meine Luise zu verschleppen.

Ich habe in der Tat einen schrecklichen Fehler begangen, aber wie hätte ich ahnen sollen, zu welchen Mitteln Reichelt greifen würde, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen?«

»Welchen Fehler, wovon reden Sie, und was hat Granny mit dieser ganzen Angelegenheit zu tun?«

»Mein Fehler war es, Reichelt auf den Kopf zuzusagen, dass ich ihn für den Täter halte und alles daransetzen würde, ihn alsbald zu überführen. Hätte ich geschwiegen und im Geheimen recherchiert, wäre meine Verlobte nun nicht in einer derartigen Gefahr.«

»Mhm, stimmt, das hat was, aber das kann man jetzt nicht mehr rückgängig machen. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was wir wissen beziehungsweise was wir rausfinden können. Nur, wo fangen wir an?«

»Wie wäre es, wenn wir mal nach den Ereignissen im Dezember 1898 googeln würden, vielleicht stoßen wir auf etwas?«

Uiii, Karsten redet wieder und das sogar konstruktiv. Na also, geht doch!

»Super Idee, Schatz, bleib nur liegen, ich hole den Laptop.«

Ich springe aus dem Bett, renne ins Wohnzimmer und sprinte zurück unter die Bettdecke.

»Also, das ist das Teil, was Granny als ›internen Kasten‹ bezeichnet, ein Computer oder Laptop, und damit kann man so ziemlich alles rausfinden, wenn man weiß, wonach man suchen muss.«

»Ah, das ist sehr interessant, hochinteressant sogar, ja, meine Verlobte hat mir bereits davon berichtet. Das würde ich gern zu benutzen lernen. Wäre das eventuell möglich?«

»Zuerst einmal bleiben Sie bitte aus meinem Bett raus. Ich erkläre Ihnen später gern einmal, wie dieses Gerät funktioniert und wie es bedient wird. Aber für den Augenblick wäre ich Ihnen für etwas mehr Abstand sehr dankbar. Und wenn Sie bitte aufhören könnten, meiner Lebensgefährtin auf den Hintern zu starren!«

Karsten sieht meinen fragenden Blick und sagt: »Na was