Vier Stücke - Daniel Kehlmann - E-Book

Vier Stücke E-Book

Daniel Kehlmann

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Beschreibung

Seit etwa zehn Jahren schreibt Daniel Kehlmann mit Erfolg auch fürs Theater – vier seiner Stücke wurden bisher aufgeführt. „Geister in Princeton“, ausgezeichnet mit dem Nestroy-Theaterpreis, ist eine historische Phantasie über Kurt Gödel, den größten Logiker des 20. Jahrhunderts, der an Geister glaubte und im amerikanischen Exil, gepeinigt von seinen Ängsten, an Hunger starb. In der Komödie „Der Mentor“ treffen ein berühmter alter und ein ehrgeiziger junger Schriftsteller zu einem Seminar aufeinander, das zum verbalen Zweikampf wird. Im Echtzeit-Krimi „Heilig Abend“ verhört ein Polizist am Weihnachtstag eine Philosophieprofessorin, weil er sie verdächtigt, um Mitternacht einen Anschlag verüben zu wollen – sie streitet alles ab, doch die Zeit läuft. Und schließlich geht es, in „Die Reise der Verlorenen“, um die Irrfahrt des Passagierschiffs St. Louis, auf dem die Nazis im Jahr 1939 knapp tausend Juden aus dem Land ließen; da weder Kuba noch die USA den Flüchtlingen die Einreise erlaubten, mussten sie nach zähen Verhandlungen wieder nach Europa zurück. Mal dramatisch, raffiniert und spannend, mal feinsinnig, geistreich und mit Witz – Daniel Kehlmanns Stücke sind nicht weniger lesbar als seine großen, gefeierten Romane.

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Daniel Kehlmann

Vier Stücke

Geister in Princeton • Der Mentor • Heilig Abend • Die Reise der Verlorenen

Über dieses Buch

Seit etwa zehn Jahren schreibt Daniel Kehlmann mit großem Erfolg auch fürs Theater – vier seiner Stücke wurden bisher aufgeführt. «Geister in Princeton», ausgezeichnet mit dem Nestroy-Theaterpreis, ist eine historische Phantasie über Kurt Gödel, den größten Logiker des 20. Jahrhunderts, der an Geister glaubte und im amerikanischen Exil, umzingelt von Ängsten, an Hunger starb. In der Komödie «Der Mentor» treffen ein berühmter alter und ein ehrgeiziger junger Schriftsteller zu einem Seminar aufeinander, das zum verbalen Zweikampf wird. Im Echtzeit-Krimi «Heilig Abend» verhört ein Polizist am Weihnachtstag eine Philosophieprofessorin, weil er sie verdächtigt, um Mitternacht einen Anschlag verüben zu wollen – sie streitet alles ab, doch die Zeit läuft. Und schließlich geht es, in «Die Reise der Verlorenen», um die Irrfahrt des Passagierschiffs St. Louis, auf dem die Nazis im Jahr 1939 knapp tausend Juden aus dem Land ließen; da weder Kuba noch die USA den Flüchtlingen die Einreise erlaubten, mussten sie nach zähen Verhandlungen wieder nach Deutschland zurück.

Mal dramatisch, raffiniert und spannend, mal feinsinnig, geistreich und mit Witz – Daniel Kehlmanns Stücke sind nicht weniger lesbar als seine großen, gefeierten Romane.

Vita

Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, wurde für sein Werk unter anderem mit dem Candide-Preis, dem WELT-Literaturpreis, dem Per-Olov-Enquist-Preis, dem Kleist-Preis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet, 2018 wurden ihm der Friedrich-Hölderlin-Preis und der Frank-Schirrmacher-Preis verliehen. Sein Roman «Die Vermessung der Welt» ist zu einem der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit geworden, und auch sein Roman «Tyll» stand monatelang auf der Bestsellerliste und findet begeisterte Leser im In- und Ausland. Gleich für das erste seiner Theaterstücke, «Geister in Princeton», bekam er 2012 den Nestroy-Preis verliehen. Daniel Kehlmann lebt zurzeit in Berlin und New York.

Inhaltsübersicht

Geister in PrincetonPersonenDer MentorPersonenHeilig AbendPersonenDie Reise der VerlorenenPersonen

Geister in Princeton

Uraufführung am 24. September 2011 im Schauspielhaus Graz

Regie: Anna Badora

Personen

Kurt Gödel

Gödel als Kind

Gödels Alter Ego

 

Adele Gödel

Harry Woolf

Hao Wang

Botschaftsrat Strinetzki

 

Moritz Schlick

Johannes Hahn

Otto Neurath

Friedrich Waismann

John von Neumann

Hans Nelböck

 

Kulakin

Mirkutkin

 

Albert Einstein

I

Eine Aufbahrungshalle in Princeton, New Jersey. Vor einem Sarg, in dem Kurt Gödel aufgebahrt liegt, stehen Harry Woolf, Direktor des Institute for Advanced Study, Hao Wang, ein chinesischer Mathematiker und Assistent Gödels, Adele Gödel und Kurt Gödel selbst, den allerdings keiner bemerkt. Auch wenn er spricht, können die anderen ihn nicht hören.

Adele Gödel, die gerade erst eine Hüftoperation überstanden hat, stützt sich auf einen Stock, wird immer wieder von Wang gestützt und ist sehr gebrechlich. Aus einem Lautsprecher ertönt von einem Tonband die Stimme eines Kantors, der das Kaddisch singt.

Woolf Ich weiß gar nichts über ihn.

Hao Wang Ich auch nicht.

Adele Gödel Ich weiß sehr wenig.

Wang Ich habe ihn zum ersten Mal im Supermarkt gesehen. Ich bin so erschrocken.

Woolf Er hat nur am Telefon mit mir gesprochen. Zwei Jahre lang. Seit ich Direktor des Instituts war. Einmal habe ich ihn zu Hause besucht, ganz am Ende. Das hat ihm nicht gefallen.

Wang In seinem Einkaufskorb lag eine Dose Erbsen. Und Maiskonserven. Zehn oder zwölf davon. Als ich ihn gegrüßt habe, hat er den Korb hingestellt und ist weggelaufen.

Woolf Er hatte immer Angst, ich würde ihm kündigen.

Adele Gödel Da ist er noch einkaufen gegangen. In den letzten Jahren wollte er überhaupt nicht mehr aus dem Haus.

Wang Er ist wirklich gelaufen, ganz schnell, mit großen Schritten. Er trug zwei Regenmäntel, einen über dem anderen. Und eine Wollmütze.

Woolf Aber warum hätte ich ihm kündigen sollen! Er war unser berühmtester Mitarbeiter. Allein dass er im Verzeichnis stand, war unbezahlbar. Als hätten wir Aristoteles angestellt.

Wang Mitten im Hochsommer. Es war glühend heiß.

Woolf Er sprach von unsichtbaren Spezialagenten. Die sich in der Zeit so frei bewegen wie wir im Raum.

Wang Dann habe ich ihm geschrieben und ihn um ein Treffen gebeten. Er hat mich zu Dave’s Diner bestellt, am Stadtrand. Da saß ich und wartete. Irgendwann hab ich was bestellt. Furchtbar fettes Essen. Ich war gerade erst aus China gekommen und nicht an die amerikanische Ernährung gewöhnt. Drei Stunden habe ich gewartet, dann bin ich gegangen.

Woolf Er glaubte wirklich, beim FBI arbeiten Engel.

Wang Todesengel. Inkompetent, aber gefährlich. Davon war er überzeugt.

Woolf Der größte Logiker aller Zeiten glaubte an Engel und Gespenster. Wie soll unsere Zunft damit fertigwerden?

Wang Wir werden es ignorieren.

Woolf Was bleibt uns übrig.

Botschaftsrat Strinetzki tritt auf, unter dem Arm einen Kranz.

Strinetzkimit aufdringlich österreichischem Akzent Bin ich zu spät? Die Trauerfeier für Herrn Professor Doktor Gödel?

Woolf Die ist hier. Ich bin Harry Woolf, Direktor des IAS.

Strinetzki blickt ihn ratlos an.

Woolf Institute for Advanced Study.

Strinetzki Erfreut, Botschaftsrat Strinetzki, österreichisches Generalkonsulat New York. Ich hoffe, ich bin nicht zu spät!

Gödelunterwürfig Bitte nein, durchaus nicht.

Strinetzki Aber darf man denn überhaupt einen Kranz niederlegen bei einer jüdischen Trauerfeier, wie lautet das Protokoll? Wir konnten das nicht so schnell feststellen im Konsulat.

Adele Gödel Wieso jüdisch?

Woolf Er war doch Jude.

Adele Gödel Nein.

Strinetzki Also nach unserer Information …

Woolf gibt ein Zeichen, sofort wird das Kaddisch abgeschaltet. Alle sehen Adele an.

Wang Er war kein Jude?

 

Gödel Ich denke nicht, dass dieses Wort irgendeinen Sinn hat.

Adele Gödel Nein, war er nicht.

Strinetzki Also kann ich den Kranz niederlegen?

Gödel Bitte sehr.

Strinetzki bückt sich schwerfällig und legt den Kranz ab.

Adele Gödelweinend Ich kann es noch immer nicht glauben. Es ist, als wäre er noch hier!

Strinetzkirichtet sich auf und sieht sich um So wenig Leute nur!

Adele Gödel Wir kannten ja keinen! Kurtsy wollte niemanden treffen.

Wang Ich war nicht der Einzige, den er zu Dave’s Diner geschickt hat. Jedem, der ihn treffen wollte, ging es so.

Gödel Das Lokal in der größtmöglichen Entfernung zu meinem Haus im ganzen Umkreis von Princeton.

Wang Warum hat er nicht einfach abgesagt?

Gödel Leute, denen man absagt, stehen irgendwann trotzdem vor der Tür. Unglaubliche Hartnäckigkeit! Aber wenn man eine Zeit und einen Ort ausmacht und dann nicht hingeht, hat man wenigstens einen Moment, in dem man ganz sicher sein kann, dass man sie nicht sehen muss.

Wang Ich habe nie verstanden, warum er mich danach trotzdem empfangen hat. Warum ich sein Assistent werden konnte.

Adele Gödel Weil Sie Chinese sind.

Wang Er mochte Chinesen?

Gödel Durchaus nicht.

Adele Gödel Die Geister haben ihm gesagt, dass ihm von Asiaten kein Unglück droht.

Wang Er hat den Geistern immer geglaubt?

Adele Gödel Sie haben ihm gesagt, dass man ihn vergiften wird. Deshalb musste ich immer vorkosten.

Gödel Und nie war ich mir sicher, ob du nicht mit ihnen im Bund warst.

Wang Ich habe noch ganz am Ende versucht, ihm Essen zu bringen. Hühnchen mit Reis. Er hat nicht aufgemacht.

Woolf Sein großer Beweis. Die Unvollständigkeit. Wie eine Symphonie. Und trotzdem so verdreht und … beinahe verrückt.

Adele Gödel Nennen Sie ihn nicht verrückt!

Gödel So eine Unsicherheit lässt sich auf die Dauer gar nicht ertragen. Kann ich der Frau vertrauen, kann ich essen? Ja, sie liebt mich, aber sie könnte auch gegen eine Doppelgängerin eingetauscht worden sein. Immer war sie gut zu mir, aber dass sie das morgen auch noch sein wird, ist nur ein Schluss aus Deduktion, man weiß es nicht sicher. Man sieht doch nicht hinein in die Menschen. Sie könnte sich all die Jahre verstellt haben. Zum Beispiel der Mörder Trotzkis. Mit Geduld hat er es gemacht, hat sich in die Familie eingeschlichen, war freundlich Jahr um Jahr, bis keiner mehr vorsichtig war, und dann, plötzlich, greift er nach dem Eispickel und schlägt zu. Geduld ist alles.

Wang Dem Wahnsinnigen hilft keine Logik. Und wäre er der schärfste Denker.

Gödel Sie haben mich dann eben doch nicht vergiftet, sondern meine Überzeugung, dass sie mich eines Tages vergiften würden, ausgenützt, um mich ohne Gift zu erwischen.

Woolf Hat er wirklich einen Gottesbeweis geschrieben?

Wang Der Beweis ist stringent. Ich habe ihn abgetippt. Ich kann nicht mehr schlafen seither.

Gödel Hätte ich die Vergiftung nicht kommen sehen, so hätte ich nicht aus Furcht zu essen aufgehört, und sie hätten mich tatsächlich vergiften können, wie ich es ja auch vorhergesehen habe. Da ich aber überzeugt war, ich würde vergiftet werden, wurde ich nicht vergiftet, sondern bin verhungert.

Wang Dass Gott sich beweisen lässt, sagte er zu mir, heißt nicht, dass Gott gut ist.

Gödel Andererseits, und da liegt der Hund begraben, war ich eben nicht wirklich sicher. Wäre ich sicher gewesen, ich hätte ja essen können, denn dann hätte ich gewusst, dass keine Vorsicht mich vor dem Gift bewahren konnte. Sie konnten meine Überzeugung also nur ausnützen, weil ich eben doch nicht sicher war.

Strinetzki Frau Professor Gödel, mit Ihrem Einverständnis würde die Republik Österreich Ihrem Gemahl bitte posthum den Großen Staatspreis zweiter Klasse verleihen.

Gödel Und mit Recht war ich es nicht. Schließlich bin ich ja auch nicht an Gift gestorben. Wie man es dreht und wendet, es ist alles korrekt.

Adele Gödel Zweiter Klasse?

Gödel Adsel, bitte. Man muss so etwas annehmen, man darf die Obrigkeit nicht wütend machen.

Strinetzkimechanisch und zeremoniell leiernd Als einem verdienten österreichischen Bürger, der in den dunklen Jahren der deutschen Besatzung seiner jüdischen Abstammung wegen …

Wang Aber haben Sie nicht gehört, er ist kein –

Gödel  Wenn einem keiner glaubt, dass man kein Jude ist, dann ist man wohl Jude.

Strinetzki … ins Exil gezwungen, bedeutende Leistungen, international geehrt, wieder ins Bewusstsein zu rücken, als einem Zeugen der großen Zeit österreichischen Denkens, von denen wir hoffen, dass sie eines Tages wieder ihre Heimstatt in der Bundeshauptstadt Wien nehmen wird, darf ich Ihnen, Frau Professor Gödel, in Vertretung Ihres verblichenen Gemahls hiermit … Er überreicht ihr eine Schatulle. … den Staatspreis gemeinsam mit den Grüßen unseres Staatsoberhauptes Herrn Bundespräsident Doktor Rudolf Kirchschläger überreichen.

Adele Gödel Aber wie können Sie jetzt erst kommen, nach all den Jahren, und dann noch zweiter Klasse! Zu Woolf: Und Sie haben ihn verrückt genannt, auf seiner Trauerfeier!

Gödel Adsel, Liebste, keine Angst. Mich beleidigt nichts mehr. Kannst du dir vorstellen, wie gut es tut, nicht mehr zu existieren? Wie geborgen man ist? Er streicht ihr über die Wange. Nur dich vermisse ich noch.

Adele fasst sich an die Wange.

Gödel Aber immer weniger. Man gewöhnt sich schnell ans Nichtsein. Und außerdem verschwindet nichts. Eine Rakete, wäre sie schnell genug, könnte dich zurückbringen zu einem Zeitpunkt, an dem ich noch lebe. Das habe ich bewiesen.

Adele Gödel Er hat immer gesagt, eine Rakete könnte uns zurückbringen in vergangene Zeiten.

Gödel Wir haben uns im Park getroffen. Ich war so jung. Ich wusste noch nichts.

Adele Gödel Wir haben uns im Park getroffen.

Strinetzki Empfehle mich, muss zurück nach New York. Wir haben einen Empfang zu Ehren von Professor Karajan.

Er verbeugt sich, küsst Adeles Hand und geht ab. Woolf senkt vor dem Sarg den Kopf, dann folgt er ihm. Wang zögert noch einen Moment, dann geht auch er. Adele bleibt allein.

Gödel Nachmittag war es. «Gehen Sie hier oft spazieren?», habe ich gefragt. «Sie gehen hier nie spazieren», hast du geantwortet. «Sie wären mir aufgefallen.»

Adele Gödel Meine Wohnung in der Florianigasse.

Gödel So viele Teppiche. Du warst noch –

Adele Gödel Ich war noch verheiratet.

Gödel Meist war er verreist.

Adele Gödel Warum wurde dann alles anders, Kurtsy? Warum konnte es nicht so bleiben?

Gödel Ich bin in etwas hineingeraten.

Adele Gödel  All das Denken. Verwirrt hat es dich.

Gödel Was heißt schon verwirrt? Man darf beim Fragen nicht zurückschrecken. Auch nicht vor dem Wahnsinn. Man sieht einen Spiegel, der sich in einem Spiegel spiegelt, man möchte sich abwenden. Aber man tut es nicht.

Adele Gödel Bist du noch hier, Kurtsy?

Gödel Nein, Adsel, das bin ich nicht.

Adele Gödel Auf irgendeine Art bist du noch da.

Gödel Selbst wenn, es würde mir alles nichts mehr bedeuten.

Adele Gödel Kannst du mich hören?

Gödel Nein, Adsel.

Adele Gödel Du hörst mich. Ich weiß es.

Gödel Adsel, ich bin tot. Ich höre dich nicht mehr.

II

Kurt Gödel steht alleine vor seinem Sarg. Sein Alter Ego tritt auf, in dem gleichen schlechtsitzenden Anzug, ruhig, die Hände in den Taschen. Er geht langsam auf Gödel zu.

Gödels Alter Ego Professor Kurt Gödel?

Gödel Sind Sie auch von der Regierung?

Gödels Alter Ego So kann man es ausdrücken.

Gödel Aber Sie sind doch … ich.

Gödels Alter Ego Und das wundert dich?

Gödel Ist das ein Verhör?

Gödels Alter Ego Ich werde dir ein paar Dinge sagen, die du natürlich schon weißt. Und du weißt sie, weil du ich bist. Die Welt ist vernünftig, aber sie enthält Fehler. Sie hat schadhafte Stellen, Risse. Ist die Vernunft konsistent? Wir können es nicht wissen. Vielleicht ist Vernunft ein Albtraum. Vielleicht sind wir verrückt, wenn wir meinen, am klarsten zu sein. Das hast du gezeigt. Natürlich wurdest du daraufhin verfolgt. Denkst du, wir lassen uns alles gefallen?

Gödel Das habe ich nie gedacht. Was passiert jetzt mit mir?

Gödels Alter Ego Nichts. Das hier ist schon die Strafe. Die Rückschau auf ein Leben, das immer dieses Leben bleiben wird, nie ein anderes, immer nur das eine, und alles, was du versäumt hast, bleibt versäumt in Ewigkeit und wird wieder versäumt, und was du getan hast, tust du von neuem. Jedem seine eigene Hölle. Das ist deine.

Er tritt ein paar Schritte zurück, als wollte er zusehen.

Adele tritt auf. An ihrer Haltung ist zu erkennen, dass sie nun deutlich jünger ist als vorher – und ebenso ist es bei Gödel.

Gödel Sie gehen hier oft spazieren?

Adele Gödel Sie gehen hier nie spazieren.

Gödel Woher wissen Sie das?

Adele Gödel Sie wären mir aufgefallen. Ich bin Adele Porkert.

Gödel Mein Name ist Kurt Gödel. Er lacht kindlich. Kurti Gödel bin ich genannt, Österreich mein Heimatland, in Brünn bin ich geboren, dem Himmel auserkoren. Das hat mir Mutti beigebracht, als ich klein war.

Adele Gödel Sie sind Student?

Gödel Ich bin Doktor. Mein Spezialgebiet ist … Er lacht wieder. Egal. Mein Spezialgebiet ist egal. Ich habe Sie tanzen gesehen.

Adele Gödelein wenig enttäuscht Ach so, deshalb.

Gödelerschrocken Nein, ich … ich habe nicht deshalb … Wenn ich nicht wüsste, dass Sie Tänzerin sind, ich hätte Sie genauso angesprochen.

Adele Gödel Du hättest mich genauso angesprochen?

Gödelimmer verlegener Ja, ich … Ich meine, ich hätte … Ist das falsch?

Adele Gödel Gefalle ich dir?

Gödel Sehr. Gefalle ich Ihnen?

Adele Gödel Mir gefallen viele. Aber ich bin verheiratet.

Gödel Warum?

Adele Gödel Was ist das für eine Frage?

Gödel Wollen Sie zu mir mitkommen?

Adele Gödel Du verlierst ja keine Zeit.

Gödel Ich wollte Sie Mutti vorstellen.

Adele Gödelfassungslos Deiner Mutter?

Gödel Ja, vielleicht lieber nicht. Eine Tänzerin!

Adele Gödel Jemanden wie dich habe ich noch nie … Weißt du eigentlich, wie viel älter ich bin als du?

Gödel Nein, wie alt sind Sie?

Adele Gödel Du sprichst nicht oft mit Frauen, oder?

Gödel Sie gefallen mir sehr. Sie sind nicht schön im gängigen Sinn, aber Sie sind so lebendig, und klug sind Sie auch. Und ich glaube, man kann sich auf Sie verlassen.

Adele Gödelentsetzt Du kannst einer Frau doch nicht sagen, dass sie nicht schön ist!

Gödel Mutti wird es gar nicht mögen, dass Sie Tänzerin sind und schon verheiratet. Aber Sie haben wunderbare Beine. Ich würde Sie gern küssen.

Adele Gödel Am helllichten … Wir kennen uns gar nicht!

Gödel Jetzt kennen Sie mich doch.

Er hält ihr seinen Arm hin, zögernd greift sie danach. Die beiden beginnen einen Spaziergang und gehen ab.

Gödel als Kind tritt auf, setzt sich vor ein aufgeschlagenes Schulheft und macht Hausaufgaben. Adele kommt herein, sie ist jetzt Gödels Mutter.

Gödel als Kind Mama, warum –

Adele Gödel Du sollst nicht immer «warum» fragen!

Gödel als Kind Aber –

Adele Gödel Nein!

Gödel als Kind Aber –

Adele Gödel Sag es auf, ich will es hören.

Gödel als Kind Kurti Gödel bin ich genannt, Österreich mein Heimatland, in Brünn bin ich geboren, dem Himmel auserkoren.

Adele Gödel Wer steht über dir?

Gödel als Kind Die Mama. Du.

Adele Gödel Und über mir?

Gödel als Kind Der Herr Papa.

Adele Gödel Und über ihm?

Gödel als Kind Der Bürgermeister von Wien.

Adele Gödel Und über dem Bürgermeister?

Gödel als Kind Seine Majestät, der Kaiser.

Adele Gödel Und über dem Kaiser?

Gödel als Kind Gott der Herr.

Adele Gödel Sehr gut, Kurtsy.

Gödel als Kind Aber wenn wir verlieren? Was wird dann aus dem Kaiser?

Adele Gödel Wenn wir was verlieren?

Gödel als Kind Den Krieg.

Adele Gödel Aber um Gottes willen, Kurtsy, das geht doch gar nicht. Wir verlieren doch nicht den Krieg!

Gödel als Kind Warum nicht?

Adele Gödel Schon wieder «warum»! Nein, wir verlieren nicht! Punktum! Du kannst seiner Majestät vertrauen. Die Dinge sind vernünftig, ordentlich und gut. Droben im Himmel und hier unten bei uns in Österreich.

Gödel als Kind Für immer?

Adele Gödel Immer.

Gödel als Kind Aber das ist so lang, immer. Die Zeit –

Adele Gödel Gibt es in anderen Ländern. Hier gibt es den Kaiser. Mach deine Aufgaben. Sie wendet sich ab.

Gödel als Kind Bin schon fertig.

Gödel tritt auf und blickt über seine Schulter ins Heft.

Gödel Ein Fehler in der zweiten Zeile, dann eine inkorrekte Ableitung. Und da … Er zeigt es ihm. Da hast du dich verrechnet.

Gödel als Kind Ich bin nicht gut in Mathematik.

Gödel Das wird sich ändern.

Gödel als Kind Warum?

Gödel Du wirst bemerken, dass du Rätsel lösen kannst, wenn du dich auf sie konzentrierst.

Gödel als Kind Warum?

Gödel Einfach so. Weil du es kannst.

Gödel als Kind Ich dachte, alles hat einen Grund.

Gödelzunehmend ratlos Ja, schon. Natürlich.

Gödelals Kind Also warum?

Gödel Das ist ja nicht auszuhalten.

Gödel als Kind Ich habe immer solche Angst in der Nacht. Ich habe das Gefühl, dass mich jemand beobachtet. Immer wenn ich meine Augen schließe.

Gödels Alter Egotritt langsam an ihn heran Das Gefühl trügt dich nicht.

Gödel als Kind Mama sagt, der liebe Gott schützt mich.

Gödels Alter Ego Sie irrt.

Gödel als Kind Wird das besser?

Gödel Nie.

Gödels Alter Ego Eine Warnung. Wenn du umkehrst, solange es noch geht … Du bist doch ein kluger Junge. Du könntest Geschäftsmann werden wie dein Vater. Oder Ingenieur.

Gödel als Kind Aber warum –

Gödels Alter Ego Herrgott, unterbrich nicht ständig! Das alles könntest du, aber natürlich wirst du tun, was du tun wirst, weil du es schon getan hast. Das verstehst du noch nicht, aber du wirst es verstehen.

Adele Gödel Was soll denn das, Kurtsy, warum machst du deine Aufgaben nicht?

Gödel als Kind Ich bin schon fertig.

Adele Gödel Mit wem hast du gesprochen?

Gödel als Kind Mit niemandem.

Adele Gödel Ich habe dich doch reden gehört!

Gödel als Kind Mit mir selbst, Mama. Nur mit mir selbst.

Die drei Gödels gehen ab, Adele bleibt allein zurück.

Adele Gödel Ich habe Männer gekannt. Das gebe ich zu. Nicht wenige. Ich bin Tänzerin. Warum soll ich mich schämen dafür? Der dann der meine wurde, ist nicht schlechter als andere, besser auch nicht, warum sollte er besser sein. Er ist oft verreist. Wenn er da ist, ist er nicht unfreundlich zu mir. Es stört ihn nicht, dass ich tanze, und dass ich mich dabei ausziehe, ist ihm egal. So wie es mir egal ist, was er auf Reisen treibt. Ich habe es nicht leicht gehabt im Leben, aber ich klage nicht, wer hat es schon leicht. Manchmal bin ich traurig, dass ich kein Kind habe, manchmal bin ich allein. Aber das ist kein Grund, alles zu gefährden wegen eines Jungen, der nicht weiß, wie man mit Frauen spricht, der nicht weiß, was man mit Frauen tut. Soll ich für ihn meinen Mann verlassen, der mich ernährt und mir eine Wohnung gibt?

Während sie gesprochen hat, ist Gödel wieder aufgetreten.

Gödel Du weißt, dass wir heiraten werden?

Adele Gödel Kurt, bitte. Vergiss das.

Gödelungerührt Unmöglich.

Adele Gödel Aber hörst du denn nicht? Du bist wie ein großes Kind. Warum soll ich wegen dir –

Gödel Du hast mit allem recht, aber das hilft nichts. Du weißt, dass wir heiraten werden. Auch wenn du es nicht wahrhaben willst.

Adele Gödel Ich weiß gar nichts.

Gödellachend Du lügst.

Adele Gödel Vielleicht spüre ich etwas. Aber man spürt immer irgendwas. Das bedeutet nichts.

Gödel Du weißt, dass wir heiraten werden, weil wir schon verheiratet waren.

Adele Gödelspöttisch In einem anderen Leben?

Gödel In diesem Leben. Es gibt kein anderes.

Adele Gödel Wann waren wir …?

Gödel In der Zukunft.

Adele Gödel Bist du wahnsinnig?

Gödel Vielleicht, aber nicht jetzt. Zeit ist wie ein Zugfahrplan. Die Ereignisse sind die Stationen, an denen er hält. Aber egal, wo du bist, die anderen Stationen gibt es noch. Sie verschwinden nicht. Und der Zug fährt im Kreis. Jeder Moment ist für immer.

Adele Gödel Dieser bestimmt.

Sie küssen einander.

Adele Gödel Wovon willst du leben?

Gödel Ich weiß nicht.

John von Neumann tritt auf. Er betrachtet die beiden unverwandt, sie bemerken ihn nicht.

Adele Gödel Wirst du unterrichten?

Gödel Unmöglich. Kannst du dir vorstellen, wie dumm Studenten sind? Außerdem muss ich vorsichtig sein. Sie wollen mich umbringen.

Adele Gödel Wer?

Gödel Unsterbliche Wesen. Schon gestorbene Wesen. Ein paar Lebendige sind wohl auch dabei.

Adele Gödel Du bist doch Wissenschaftler! Wie kannst du so etwas sagen? Musst du mir nicht erklären, dass das alles Aberglauben ist und dass ich mich nicht fürchten soll?

Gödel Aber du sollst dich fürchten. Sich zu fürchten ist nie falsch.

Adele, wie um ihn zum Schweigen zu bringen, zieht ihn an sich. Neumann klopft auf Adeles Schulter. Erschrocken lassen die beiden einander los.

John von Neumannmit schwachem ungarischem Akzent Störe ich?

Adele Gödel Wie kommen Sie hier herein?

Neumann Die Tür war offen. Ich bin Neumann Janos aus Budapest. Genannt John. John von Neumann.

Gödel Ich weiß, wer Sie sind.

Neumann Selbstverständlich.

Gödel Der größte Logiker unserer Zeit.

Neumann So sagt man. So dachte ich auch. Bisher. Privatdozent Gödel?

Gödel Das bin ich.

Neumann Am sechsten September neunzehnhundertneununddreißig auf der Tagung für Erkenntnislehre in Königsberg haben Sie die Behauptung aufgestellt, dass es Sätze gebe, die zwar richtig, aber im formalen System der Mathematik unentscheidbar seien. Dass es also Sätze gibt, die wahr sind, aber nicht beweisbar. Und dass sich dies beweisen lässt. Es gab keine Gegenfrage. Niemand hat Sie verstanden.

Gödel Leider nicht.

Neumann Außer mir natürlich.

Gödel Das freut mich.

Neumann Ich habe Ihren Aufsatz gelesen. Es ist eine zweischneidige Freude, der beste Logiker zu sein, nur um als Erster zu erkennen, dass man der zweitbeste ist. Verlassen Sie Wien unverzüglich!

Gödel Ich reise nicht gern.

Neumann Hitler wird an die Macht kommen. Dann werden die Repressionen gegen uns Juden unerträglich.

Gödel Ich bin kein Jude.

Neumann Gute Idee, aber es hilft Ihnen auch nicht. Ich kann ein Visum für die USA beschaffen. Ich bin Berater der Regierung.

Gödelerschrocken Der Regierung?

Neumann Sie haben die wichtigste Entdeckung in der Geschichte des logischen Denkens gemacht. Als ich es begriffen habe, musste ich mich erst mal betrinken. Zum einen, weil nicht ich die Entdeckung gemacht habe. Zum anderen, weil die Mathematik nie mehr sein wird, was sie war. Dann musste ich eine Frau suchen, irgendeine, die bereit war, mich zu trösten. So mache ich es immer. Ich bin sehr melancholisch. Das kommt von der Intelligenz.

Gödel Für welche Regierung arbeiten Sie?

Neumann Für die wichtigste. Für die, die den Krieg gewinnen wird. Gödel, ich bin kein netter Mensch, aber ich bin auf Ihrer Seite. Ich hole Sie heraus aus diesem verrotteten Land.

Gödelsichtlich bestrebt, ihn abzuwimmeln Ich denke darüber nach.

Neumann Aber nicht zu lange. Er verbeugt sich. Verabschiede mich. Herr Privatdozent, gnädige Frau! Muss morgen schon in Paris sein, große Versammlung der Quantenphysiker. Haben Sie sich damit beschäftigt? Die Natur der Materie: Je genauer wir hinsehen, desto verschwommener wird sie. Wir sind alle auf einer tollen Geisterbahnfahrt, und wer kann ahnen, wo sie noch hinführen wird. Passen Sie auf sich auf!

Neumann und Adele gehen ab, Gödel bleibt allein. Er sieht sich irritiert um.

Gödel Wo bin ich?

Gödel als Kind tritt auf.

Gödel als Kind Im Volksgarten in Wien. Hier gehe ich oft mit Mama spazieren.

Gödel Hier habe ich … Hier wirst du Adele treffen. Du träumst?

Gödel als Kind Ich weiß nicht. Deshalb habe ich ja Angst vor dem Einschlafen. Woher weiß man denn, ob man träumt?

Gödel Das kann man nicht wissen.

Gödel als Kind Klug sein hilft nicht, oder?

Gödel Im Gegenteil.

Gödel als Kind Die Lehrerin in der Schule hat von diesem Einstein erzählt. Er scheint keine Angst zu haben.

Gödel Ich glaube, er versteckt sie nur besser. Du wirst ihn kennenlernen.

Gödel als Kind Ob er auch Stimmen hört?

Gödel Hörst du schon Stimmen?

Gödel als Kind Immer kurz vor dem Einschlafen. Als würde sich eine Tür öffnen, hinter der Leute auf mich warten. Wird das schlimmer?

Gödel antwortet nicht.

Gödel als Kind Bin ich verrückt?

Gödel Nein, genausowenig wie ich. Schlaf jetzt weiter. Ich meine, wach auf!

Gödel als Kind geht ab. Moritz Schlick tritt auf.

Schlick Gödel, danke, dass Sie kommen konnten, setzen Sie sich. Ich habe Sie gebeten, schon vor unserer Sitzung zu kommen, weil ich mit Ihnen allein sprechen wollte.

Gödelschüttelt schüchtern, fast unterwürfig seine Hand Guten Tag, Herr Professor Schlick!

Schlick Gödel, so wird das nichts.

Gödel Was bitte?

Schlick Sie sagen nie etwas! Sie sprechen nicht. Was soll das?

Gödel Herr Professor?

Schlick Sehen Sie, Sie tun es schon wieder! Er wartet, aber Gödel sagt nichts. Kollege Hahn behauptet, Sie seien der begabteste Student, den er je hatte. Will ich gern glauben. Kann schon sein. Wir haben Sie zu den Sitzungen des Wiener Kreises eingeladen, wir haben Ihnen die Möglichkeit gegeben, an unserer Diskussion über Wittgensteins «Tractatus» teilzunehmen, aber Sie sagen nichts!

Gödel Ich denke, Herr Professor … Er verstummt.

Schlick Ja?

Gödel Ich denke, Herr Professor, es wird ohnehin zu viel …

Schlick Ja?

Gödel Ich denke, wenn man etwas zu sagen hat, sollte man einen Beweis haben. Es ist zu viel Meinung in der Welt.

Schlick Ach ja. Zu viel Meinung. Und so wollen Sie einen Posten bekommen?

Gödel Will ich gar nicht.

Schlick Es war schwer, Sie als Privatdozent durchzubringen. Neurath und ich haben für Sie gestimmt, aber nur Hahn zuliebe, gute Argumente hatten wir nicht. Von mir aus können Sie der beste Mathematiker seit Gauß sein, so wird das nichts. Pause. Schlick wartet, aber Gödel sagt nichts. Ja?

Gödel Bitte?

Schlick Sie haben nichts zu sagen?

Gödel Im Moment nicht, Herr Professor.

Nelböck tritt auf.

Schlick Also jetzt zum letzten Mal. Ich bin auf Ihrer Seite, Gödel. Aber wenn Sie … Er bemerkt Nelböck. Ach, Nelböck, nur herein. Sie können bleiben, Gödel, vielleicht können Sie Ihrem Kollegen ja helfen. Herr Nelböck hier fühlt sich nämlich von mir verfolgt. Er wartet, aber Nelböck antwortet nicht. Heute ist offenbar meine Sprechstunde für die Schweigsamen. Sie haben sich doch beschwert, Nelböck. Sie haben behauptet, ich hätte dafür gesorgt, dass Sie keine Anstellung an dieser Universität bekommen.

Nelböckverstockt murmelnd Was wahr ist, muss wahr bleiben.

Schlick Sie waren überhaupt nie im Gespräch für eine Anstellung!

Nelböck Ja, wegen Ihnen! Sie haben mich meuchlings verfolgt!

Schlick Warum hätte ich so etwas tun sollen?

Nelböck Sie mögen mich nicht. Mochten mich nie. Juden sind tückisch.

Schlick Nicht, dass es etwas zur Sache tut, aber ich bin kein Jude.

Nelböck Das weiß ich.

Schlick Aber Sie haben doch gerade gesagt –

Nelböck Das ist ja eben das Tückische, dass so viele Juden gar keine sind. Aber mich täuschen Sie nicht, man hat es mir mitgeteilt.

Schlick Wer hat Ihnen was mitgeteilt?

Nelböck Ich höre sie. Abends. Immer.

Schlick Wen hören Sie?

Nelböck Als ob eine Tür sich öffnet, dann kommen die Stimmen. Er will dich töten, sagen sie, er will, dass du arbeitslos bist, er will auch deine Freundin.

Schlick Haben Sie eine Freundin?

Nelböck Nein, und das ist Ihre Schuld, Professor! Sie wollen mich einlullen, aber das gelingt nicht! Ich höre nicht nur Stimmen, ich sehe sie auch. Im Zwielicht oder im Spiegel. Ihre Gesichter. Er zeigt auf Gödel. Fragen Sie ihn, wie das ist.

Gödel Wieso mich?

Nelböck Kommt noch, kommt noch. Bald siehst du sie auch. Zu Schlick: Ich bin nicht fertig mit Ihnen. Er läuft hinaus.

Für einen Moment herrscht beklommenes Schweigen.

Gödel Ich glaube, er hat Sie bedroht.

Schlick Seien Sie nicht albern, was soll er mir schon tun! Das ist die Universität Wien, nicht der Wilde Westen! Er war kein schlechter Mathematiker früher. Ich frage mich, was das ist mit der Logik. Es geht ihr um die tiefste Vernunft, aber wer sich wirklich mit ihr beschäftigt, den macht sie ganz verwirrt.

Otto Neurath, Friedrich Waismann und Johannes Hahn treten auf. Sie sind mitten in einer leidenschaftlichen Diskussion.

Hahn … nie im Leben, Neurath, die sind zu dumm, die kommen nicht an die Macht. Und wenn sie an die Macht kommen, halten sie sich nicht.

Neurath Und wenn sie sich halten, werden sie sich disziplinieren. Dann sind sie eine normale Partei. Realpolitik zähmt jeden.

Hahn Hitler ist ein Schauspieler. Schauspieler sind nie gefährlich.

Schlick Meine Herren, wir kommen heute in unserer Lektüre von Herrn Wittgensteins «Tractatus» zu Satz 6.54. Herr Waismann, bitte!

Waismann Ich muss auf Herrn Wittgensteins ausdrücklichen Wunsch voranschicken, dass alles, was Sie von mir hören werden, meine Worte sind und nicht die Worte Herrn Wittgensteins und dass Herr Wittgenstein jede Verantwortung für mögliche Fehler in meinen Formulierungen ablehnt. Als ich vorige Woche also Herrn Wittgenstein in Puchberg aufsuchte, diesmal nicht in Begleitung von Professor Schlick …

Schlicktraurig Bedauerlicherweise wünscht Herr Wittgenstein, mich nicht mehr zu sehen.

Waismann Auch ich musste drei Tage warten, bevor er bereit war, mich zu empfangen. Ich hatte ihn beim letzten Besuch durch eine vorschnelle Gegenfrage verärgert. Also, als ich Herrn Wittgenstein auf Satz 6.54 ansprach, betonte er zunächst noch einmal, dass es nur zwei Kategorien von Sätzen gebe: solche der Wissenschaft und sinnlose. Die Frage nach der Moral zum Beispiel –

Neurath Ha!

Schlick Herr Kollege Neurath, würden Sie ihn bitte ausreden lassen.

Neurath Moral! Das ist Metaphysik!

Waismann Herr Wittgenstein sagt ja gerade, dass Moral sich nicht sprachlich, sondern nur im praktischen Verhalten –

Neurath Ha!

Hahn Lieber Kollege Neurath, lassen Sie ihn ausreden!

Neurath Hahn, ich kann nicht stumm dastehen, wenn ich solchen Wortplunder höre. Moral!

Schlickflüsternd Gödel, sagen Sie auch etwas!

Gödel schweigt.

Neurath Was wir treiben, ist ja nicht bloß Spiel und Spaß. Der Wiener Kreis ist kein Kegelverein! Wir beseitigen Vorurteile, wo sie am schwersten zu finden sind. Nichts ist gewiss, nichts sicher! Aber man kann das aushalten. Es gibt keine Gespenster. Es gibt keinen Gott, es gibt keine Seele. Umso besser. Man kann trotzdem fröhlich sein.

Hahn Nicht mehr lange, dann wird es denkende Maschinen geben, die alle mathematischen Fragen für uns lösen. Und wir können uns ganz den praktischen Dingen widmen.

Neurath Die letzten Könige verjagen. Den Mindestlohn durchsetzen, eine lebenswerte Welt bauen. Die Nazis auslachen, bis sie sich nicht mehr aus ihren Löchern trauen.

Schlick Sehen Sie das auch so, Gödel?

Gödel schüttelt den Kopf. Alle starren ihn an.

Schlick Gödel?

Gödelleise Nie wird eine Maschine für uns denken.

Hahn Junger Mann, Sie erstaunen mich.

Gödel Meinungen, Meinungen. Einer sagt dies, ein anderer das.

Schlick Aber Sie haben einen Beweis?

Gödel Ich habe ihn veröffentlicht, und keinen hat es interessiert. Aber das macht nichts. Es reicht, dass er in der Welt ist. Kein System kann wissen, ob es konsistent ist. Kein System lässt sich abschließen. Es bleibt immer ein Rätsel übrig.

Schlick Sie wollen behaupten, dass Professor Hahn, der bedeutendste Mathematiker Wiens, Ihren Beweis nicht verstanden hat?

Gödel Ich will nichts behaupten. Mehr, als mein Beweis sagt, will ich nicht sagen.

Neurath Der Junge gefällt mir.

Hahn Mein bester Student. Ich wusste allerdings nicht, dass er so aufmüpfig ist.

Schlick Meine Herren, weiter in der Diskussion. Wenn Herr Wittgenstein im Satz 6.54 meint … Herr Waismann, hat er wirklich nicht gesagt, warum er mich nicht sehen möchte?

Waismann Bedaure. Aber Sie wissen ja, es reicht ganz wenig, um ihn wütend zu machen. Ein falsches Wort, eine Geste nur.

Schlick Den Verkehr mit dem Kollegen Hahn hat er abgebrochen, als er in dessen Bibliothek ein esoterisches Buch gesehen hat.

Hahn Von Madame Blavatsky! Ein Klassiker!

Schlick Aber es ist doch sonnenklar, dass man so etwas nicht herumstehen lässt, wenn man Ludwig Wittgenstein zu Besuch hat. Bei mir allerdings fände sich garantiert nichts, was seinen Anstoß erregen könnte.

Hahn War er denn bei Ihnen?

Schlick Nein, aber wenn er käme –

Waismann Er wird nicht kommen.

Schlick Aber wenn er käme! Waismann, hat er wirklich nichts angedeutet?

Waismann schüttelt den Kopf.

Neurath Seltsam. Wittgenstein redet ständig davon, dass man vom Wesentlichen schweigen muss. Aber der Einzige, der tatsächlich schweigen kann, ist Gödel.

Schlick, Hahn, Neurath und Waismann gehen ab.

Adele tritt auf. Sie trägt einen Regenschirm. Gödel ist offenbar gelaufen, er keucht und ist außer sich vor Angst.

Gödel Hast du den Großen gesehen mit dem Bart? Diese Augen. Mein Gott!

Adele Gödel «Jud», haben Sie geschrien, «Jud!» Wenn ich ihm nicht mit dem Schirm ins Gesicht geschlagen hätte, wer weiß, was er noch …

Gödel Der hätte mir wirklich etwas getan.

Adele Gödel Vielleicht müssen wir wirklich weg aus Österreich.

Gödel Nein, das geht vorbei. Schlick und Neurath sind sich sicher. Hahn meint, dass Hitler sich nicht halten kann. Er bricht in Tränen aus. Mein Gott, Adsel, er hat mich an der Schulter gepackt und «Jud!» gerufen, und der andere hat mir die Brille runtergeschlagen!

Adele Gödel Du brauchst einen Ariernachweis.

Gödel Kannst du sie vertreiben? Alle, die Böses wollen?

Adele Gödelnimmt ihn in den Arm Ja, Kurtsy. Ich vertreibe sie.

Gödellegt den Kopf auf ihre Schulter wie ein Kind Mit deinem Schirm? Vertreibst du sie alle?

Adele Gödel Alle, Kurtsy.

Gödel Immer?

Adele Gödel Immer.

Gödel Versprochen, Adsel?

Adele Gödel Immer, Kurtsy. Immer.

Gödel Und das sagst du einfach so?

Adele Gödel Was?

Gödel So leicht mache ich es euch nicht. Er weicht zurück.

Adele Gödel Was meinst du?

Gödel Warum wolltest du ausgerechnet mich? Weil ich dir gefallen habe? Das ist doch absurd! Wieso sollte ich jemandem gefallen!

Adele Gödel Kurtsy!

Gödel Fass mich nicht an! Ich weiß, wer dich geschickt hat.

Adele Gödel Beruhige dich, Kurtsy!

Gödel Bleib weg von mir! Warum soll ich gerade dir glauben? Ausgerechnet vor dir meine Wachsamkeit vergessen, vor einer Tänzerin, vor einer Frau, die so tut, als ob sie nichts versteht?

Adele Gödel Bist du von Sinnen?

Gödel Ich habe viele Feinde. Ich habe Dinge gefunden … Sie werden mich bekommen, Adsel, früher oder später, ich darf keinem vertrauen, auch nicht dir. Besonders nicht dir. Sie sind überall, und ich bin allein. Pause. Hilfst du mir?

Adele Gödelratlos Kurt!

Gödel So, wie du vorhin diese Nazis vertrieben hast. Mit deinem Schirm. Kannst du die Stimmen auch vertreiben? Ich bin so allein.

Pause.

Adele Gödelsehr ernst Ja, Kurtsy, das kann ich.

Gödel Immer?

Adele Gödel Versprochen, Kurtsy. Immer.

Waismann und Schlick treten auf. Adele geht ab.

Waismann Herr Wittgenstein hat gesagt, seiner Familie droht keine Gefahr. Nicht unter Dollfuß, nicht unter den Deutschen. Niemand würde es wagen, sagt er, Hand an einen Wittgenstein zu legen.

Schlick Da hat er wohl recht.

Waismann Aber was unsereinen angeht –

Schlick Hat er wirklich nicht zu verstehen gegeben, was er mir übel nimmt? Ein Wort, eine Geste? Wann fahren Sie wieder zu ihm?

Waismann Er ist auch auf mich nicht mehr gut zu sprechen. Er hat mir untersagt, mein Buch über ihn zu veröffentlichen.

Schlick Ich habe ihm drei Briefe geschrieben. Keine Antwort. Um ehrlich zu sein, das beschäftigt mich mehr als dieser politische Karneval. Die Nazis sind bald wieder weg. Er wendet sich Gödel zu. Wichtig ist jetzt, dass Sie die Fakultät auf Ihre Seite bringen, Gödel, es sieht im Moment wirklich nicht gut aus für eine Assistentenstelle. Ich habe übrigens versucht, Ihren Beweis zu lesen.

Nelböck tritt auf.

Schlick Großer Gott, Nelböck. Schon wieder.

Nelböck Professor Schlick?

Schlick Was soll ich Ihnen denn noch sagen, junger Mann. Ich verfolge Sie nicht! Denken Sie doch einen Moment nach, dann werden Sie verstehen –

Nelböck zieht eine Pistole, feuert aus nächster Nähe zwei Schüsse auf Schlick ab und läuft davon. Schlick bricht zusammen. Waismann weicht mit einem Aufschrei zurück, Gödel bleibt scheinbar ungerührt stehen. Waismann kniet sich neben dem röchelnden Schlick hin.

Schlick Mein Gott, hat er wirklich … Hat er das wirklich … Rufen Sie einen Arzt!

Waismannschreiend Wir brauchen einen Arzt!

Gödel Schon unterwegs, Herr Professor.

Schlick Wo kommen all die Leute her? Es müssen Hunderte sein.

Schlick steht langsam auf. Gödel fasst seinen Arm und hilft ihm. Waismann bleibt in kniender Haltung, die Augen auf die Stelle gerichtet, wo Schlick eben noch lag.

Waismann Ein Arzt! Kommt bald ein Arzt?

Schlick Warum so dunkel? Was ist mit meinen Augen? Und all die Stimmen … Hören Sie das?

Gödel Ja, Herr Professor.

Schlick Ich bin tot, nicht wahr?

Gödel zögert, auch er begreift es jetzt erst. Dann nickt er.

Schlick Ich verstehe. Er blickt sich um. Der Wind. Woher dieser Wind? Er horcht. Allmählich verstehe ich auch, was sie sagen. Pause. Auf Wiedersehen, Gödel. Zu Waismann: Keine Sorge, Sie schaffen es, Sie entkommen nach England. Aber Sie werden dort arm sein und unglücklich, und ziemlich bald sterben Sie auch. Aber sanft und fast ohne Schmerzen. Kann er mich hören, Gödel?

Gödel Nein, Herr Professor.

Schlick Sanft sterben ist viel wert, weiß Gott. Aber was beschwere ich mich! Das große Gewitter beginnt bald. Glücklich, wer vorher noch dran war. Wer mag schon gerne Schlange stehen! Er verbeugt sich. Meine Herren!

Gödel Adieu, Herr Professor.

Schlick Nein, Gödel.

Schlick streckt Gödel die Hand hin, aber der bekommt plötzlich Angst. Statt Schlick die Hand zu schütteln, weicht er zurück.

[...]

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, November 2019

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Alle Werknutzungsrechte an den Stücken (mit Ausnahme der Printrechte): © Thomas Sessler Verlag GmbH, Wien. Alle Rechte vorbehalten.

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Covergestaltung Anzinger und Rasp, München

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

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ISBN 978-3-644-00258-6

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