Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Vier Tage am Fluss - Erika Noll

Conrad lebt mit seinem Enkel Jonas in einer sehr engen Beziehung. Aber es gibt ungeklärte und in ihrer Konsequenz belastende Ereignisse aus der Vergangenheit, die die Beziehung überschatten. Verlust und Schuld, die aus den Folgen des 2. Weltkriegs und der Diktatur des Nationalsozialismus erwachsen sind, engen nicht nur das Leben von Conrad und Jonas ein, sondern auch das von Helen, Conrads Tochter. Conrads Lebenstage sind gezählt und sein Wunsch ist, Jonas nicht in diesem Nebel zurückzulassen, doch es liegt nur begrenzt in seiner Hand, ob das gelingen kann.

Meinungen über das E-Book Vier Tage am Fluss - Erika Noll

E-Book-Leseprobe Vier Tage am Fluss - Erika Noll

Conrad lebt mit seinem Enkel Jonas in einer sehr engen Beziehung. Aber es gibt ungeklärte und in ihrer Konsequenz belastende Ereignisse aus der Vergangenheit, die die Beziehung überschatten. Verlust und Schuld, die aus den Folgen des 2.Weltkriegs und der Diktatur des Nationalsozialismus erwachsen sind, engen nicht nur das Leben von Conrad und Jonas ein, sondern auch das von Helen, Conrads Tochter. Conrads Lebenstage sind gezählt und sein Wunsch ist, Jonas nicht in diesem Nebel zurückzulassen, doch es liegt nur begrenzt in seiner Hand, ob das gelingen kann.

Erika Noll, geboren 1950, lebt und arbeitet

als Psychoanalytikerin in Köln.

Es knirscht etwas unter den schweren alten Schuhen, die viele Jahre so treue Begleiter gewesen sind auf all den langen und kurzen Wegen, den überflüssigen und notwendigen, den schweren und den beschwingten. Conrad hat sie lieb gewonnen, sie sind zu einem Teil von ihm geworden, geben ihm den richtigen Halt und ein Gefühl von Geschlossenheit durch den ganzen Körper. Er lächelt sanft vor sich hin, wieder so eine kleine Ecke von all dem, was man nicht vermitteln kann. Ob man es mitnimmt, wenn eines Tages der Abschied kommt? Wer kann einem das schon sagen, es gibt keinen, der als Erfahrener mit Rat und Tat zur Seite steht. Bin ich nicht selbst der, der der Ältere ist? Aber was weiß ich schon, was weiß ich noch und was wusste ich mal?

Tief atmet er ein und lange, fast gierig zieht er die sommerlicheAbendluft durch die weit gestellten Nasenlöcher. Er weiß noch genau, wie es riechen müsste, so würzig und doch mild, so voll und doch leicht. Unruhig sucht er nach den Schmetterlingen, die sich immer zu dieser Tageszeit zu ihrem Tanz treffen, aber es gibt nicht mehr so viele, wird die Natur auch alt oder täuschen ihn nur die Erinnerungen? Mit den Schmetterlingen ist es wie mit den Worten und Gedanken. Wie sind sie doch früher in seinem Kopf durcheinander geflogen, bunt, schillernd, vage, stark und sie mussten gar nicht eingefangen werden, sie waren da und mit ihnen unzählige Geschichten. Jetzt werden sie immer weniger, sie fliegen davon, bevor man sie lange genug anschauen konnte, sich an ihnen erfreuen, etwas verstehen und einordnen oder zu dem Folgegedanken hüpfen konnte. Aber es gibt auch noch schöne, eindrückliche, manchmal blitzen sie auf und nehmen ihn völlig ein wie die atemberaubende Schönheit eines Schmetterlings.

Heute muss ich Helen anrufen, unbedingt, sie denkt sonst, sie wäre mir gleichgültig. Liebes Kind, wie soll ich dir das erklären, ich habe es doch früher selbst nicht verstanden und nicht verziehen und es passt ja auch nicht zusammen. Ich denke an dich, ich sehne mich nach dir, ich sorge mich um dich, aber ich vergesse, dich anzurufen. Himmel, manchmal weiß ich nicht, bin ich überhaupt noch ein Mensch oder bin ich jetzt erst damit konfrontiert, was Menschsein bedeutet.

„Opa, Opa, da bist du ja, ich suche dich schon eine ganze Zeit lang. Du wolltest doch mit mir zum Angeln gehen. Versprochen ist versprochen.“

Freudig schlägt sein Herz schneller, Jonas weiß gar nicht, was er vermag. Er holt ihn immer wieder in die Welt zurück und gibt ihm Kraft, Kontur und vor allem Leichtigkeit und Freude. „Nichts habe ich vergessen, wo bleibst du denn, du Schlingel?“

„Opa, wer ist hier der Schlingel, jetzt tust du wieder so, als hättest du auf mich gewartet, aber in Wirklichkeit warst du wieder mal auf Reise. Das bringt ein Eis vor dem Losgehen, sonst verzeihe ich dir nicht.“

„Du kleiner Erpresser, Schokolade oder Zitrone?“

„Schokolode und Zitrone, was sonst.“

Kleine Hand in großer Hand, gibt es eine bessere Beschreibung für Glück? An der freien Hand schlägt Conrad den Daumen nach innen, als Erinnerung, dass er Helen anrufen will.

„Opa, warum tut Warten weh?“

„Wo tut es dir denn weh?“

„Es zieht so ganz schlimm hier drin“, Jonas legt ihm seine kleine Hand auf die Brust, „und auch ein bisschen im Pullermann. Aber man sieht gar nichts. Tut dir das auch weh, wenn du warten musst?“

„Hm, ja, es pritzelt dann so und ich kriege auch schlechter Luft. Auf wen hast du denn gewartet?“

„Ach, schon gut. Was ist jetzt mit dem Eis?“

Die Sonne brennt und es tut gut, sie brennt das Denken aus und das Fühlen ist nicht mehr an Gedanken gekoppelt, als gäbe es keine Gründe mehr zum Fühlen. Wie einfach es doch sein kann. Wenigstens für eine kurze Weile.

„Sag mal, Opa, eigentlich will ich gar kein Eis, aber es ist unser Spiel.“

„Du willst kein Eis?“

„Ne, es ist nur, bei keinem weiß ich vorher, was er sagt, nur bei dir. Weißt du auch immer, was ich sage, bevor ich es gesagt habe?“

„Ich weiß nicht, aber mir macht unser Spiel auch Spaß.“

Ist es ein Spiel, das da zwischen ihnen wie eine alte Schallplatte immer wieder von neuem aufgelegt wird? Ja, es ist ein Spiel, nur im Spiel fließt alles ohne Ketten und Zäune. So ein kleiner Mensch und so viele Fragen und komplizierte Gedanken und so ein alter Veteran, der davon lebendig wird. Ohne Scham und nicht getriggert durch Schuld, beziehungsweise deren Vermeidung oder Abarbeitung, einfach nur durchströmt von Freude. Am liebsten möchte er in dem Gefühl verharren, darin baden. Er spürt die kleine Hand, die fast rhythmisch zuckt, nur ganz zaghaft, aber die Aufforderung ist angekommen.

„Nun sag schon, wo drückt heute der Schuh?“

„Opa, du warst gerade wieder so weit weg und doch ganz nah, wie geht das denn? Mama würde sagen, also entweder oder. Und eigentlich hat sie ja Recht, es kann nicht heiß und gleichzeitig kalt sein oder ich kann doch nicht hungrig und gleichzeitig satt sein.“

„Hm. Aber wenn man sich ganz nahe ist und seinen Gedanken nachhängt, ist vielleicht beides möglich.“

Bald sind sie am Fluss, aber nicht erst beim Angeln, schon auf dem Weg dorthin verlieren sie sich in ihren flüchtigen Gedanken und Gefühlen, jeder Schritt vermittelt Erdung und doch ist es wie ein Schweben. Ein Glück, das man nicht fassen kann, aber es füllt und verbindet, ohne dass es sich wirklich zeigt. Schon komisch, was auf einmal neben so einem kleinen Menschenkind möglich ist.

„Opa, manchmal mag ich gar nicht in die Schule gehen. Bist du als Kind immer gerne in die Schule gegangen?“

„Nein, nicht immer, aber meistens hatte es einen Grund, wenn ich nicht hin wollte. Was gab es denn bei dir?“ „Eigentlich nichts, aber manchmal stören mich die anderen, auch wenn sie mir gar nichts getan haben, wenn sie mich etwas fragen oder wollen, dass ich mitspiele. Dabei will ich ja eigentlich, dass ich mitspielen kann. Bin ich komisch?“

„Vielleicht verstehen dich die anderen in so einem Moment nicht und du dich eigentlich auch nicht. Sie stören dich, weil du gerade auf einer anderen Reise bist.“

„Störe ich dich auch, wenn du auf einer anderen Reise bist?“ „Ja und nein, nicht wirklich, es ist eher wie ein Aufwachen und wenn du so alt bist wie ich, ist es schön aufzuwachen, weil du spürst, dass du noch lebst.“

Das Gras wird höher, weil hier keiner mehr mit einem Rasenmäher unterwegs ist, es streift an den Beinen, ein bisschen kitzelt es, ein bisschen ist es ein Streicheln. Ein Gewirr von Halmen, die einen schon etwas geknickt, die anderen saftig, grün und aufrecht und hie und da kleine blaue und gelbe Tupfer. Warum gibt es so wenige rote Wiesenblumen?

„Riechst du schon das Wasser?“

„Ja, Opa, heute riecht es besonders.“

„Wie meinst du das?“

„Na, es riecht so nach Hering mit Lakritz.“

„Nach Hering mit Lakritz, wie kommst du denn da drauf?“

„Wenn das Wasser so fließt und gurgelt, sehe ich kleine Fische und schmecke was Salziges, also so in mir.“

„Und jetzt, was siehst du jetzt?“

„Jetzt sehe ich ein Bild.“

„Ein Bild?“

„Ja schau doch mal durch die Astgabel, dann ist das wie ein Bilderrahmen um ein Bild. Irgendwie sieht es dann anders aus als in echt.“

„Hm, stimmt.“

Noch wenige Schritte und dann kommt er wieder, der Seufzer der Erleichterung, weil keiner ihren Platz belegt hat. Dabei belegt niemals jemand ihren Platz. Er ist immer leer, wenn sie kommen. Aber man kann ja nie wissen. Als kleiner Junge hat er nie verstanden, was die Mädchen dabei gefunden haben, sich Ecken herzurichten und mit ihren Puppen in eine kleine Welt abzutauchen. Langweilig, ja fast peinlich fand er diese Vater-Mutter- Kind-Geschichten und dieses ewige Zusammenglucken. Musste man erst ein alter Mann werden, um einen Anflug von dem genießen zu können, was die weiblichen Zeitgenossen schon immer wussten und gelebt haben? Das wohlige Gefühl beim Anblick ihres kleinen Zwergenreichs am Fluss macht ihm eine Gänsehaut. Der Baumstumpf auf der rechten Seite schützt diese Oase und dient gleichzeitig als Tisch für ihre wenigen Utensilien. An der Wurzel, die sich erst unterirdisch und dann in einem kühnen Bogen nach oben über das Niveau des Baumstumpfs erhebt, hängen sie immer ihre Jacken auf. Tisch, Garderobe, ein saftiges grünes Grassofa und die kleine Ausbuchtung am Ufer als Kühlschrank für die mitgebrachte Limonade und die eine Flasche Bier, die er sich an dieser Stelle jedes Mal gönnt. Was will man mehr!

„Opa, ich hätte doch ein Eis nehmen sollen. Ich habe Hunger.“ Conrad kramt in seiner Tasche, ein kurzer Schreck fährt ihm durch die Glieder. Hat er die leckeren Waffeln vergessen? Nein, zum Glück, etwas lädiert, aber auf jeden Fall da.

„Hier, was hältst du hiervon?“

„Lecker, aber jetzt ist die Limonade noch nicht kalt.“

„Stimmt auch wieder, dann müssen wir erst noch ein bisschen Wasser gucken.“

Wasser gucken, sie lieben es beide und schon will jeder der Erste sein. „Also, ich sehe eine gekräuselte Bahnlinie.“

„Und ich einen Kraterrand.“

„Aber siehst du auch den Kreis, der sich immer wieder von Neuem nach außen verliert?“

„Opa, es ist gemein, dass es nicht nur die Glücksmarie gibt, sondern auch die Pechmarie.“

„Wieso fällt dir das denn jetzt ein?“

„Ich glaube, auch wenn ich manchmal traurig bin, meistens bin ich eine Glücksmarie, aber dann muss ja jemand anderer die Pechmarie sein. Muss jemand unglücklich sein, damit ich glücklich sein kann?“

Wieviel Dummheit und Ignoranz bieten wir Menschen oft einander im Kontakt an, wo doch schon so viel Tiefe in uns ist von Anfang an. „Das könnte man meinen, aber nur auf den ersten Blick. So wie die Kreise, die sich immer wieder auflösen, um dann wieder neu zu entstehen, so ist man mal die Glücksmarie und mal die Pechmarie. Wichtig ist nur, dass es sich immer wieder neu bewegt.“

„Opa, meinst du, dass man jemanden zur Pechmarie macht, wenn man ihn nicht wieder zur Glücksmarie werden lässt, und dass der, der immer die Glücksmarie sein will, so erst den anderen zur Pechmarie werden lässt?“

„So könnte man es sagen. Was meinst du, ist die Limonade jetzt kalt, damit ich die Waffeln servieren kann?“

Helen sieht aus dem Fenster. Es gibt nur noch wenige Straßen mit Pflastersteinen und wenn dann noch der eine oder andere Löwenzahn sich neben den vereinzelten Grasbüscheln im Rinnstein eingenistet hat, ist man wie in alten Zeiten angekommen. Uneben und dadurch in einer fast kitschigen Weise schön, sie liebt diesen Blick auf ihre vertraute Straße mit den abgenutzten Bürgersteigen.

Gleich werden sie zurück sein und sie hat mal wieder nicht das geschafft, was sie sich vorgenommen hatte. Natürlich ist das normal, aber es frustriert immer wieder von neuem. Als wolle sie den aufkommenden Unmut wegwischen, macht sie eine unwillkürliche Handbewegung. Denn eigentlich fühlt es sich ganz gut an, ihr Leben. Dabei ist es recht überschaubar, ihr kleines Leben. Da ist dieser wunderbare Jonas, der ihr auf seine unbeschreibliche Art immer wieder ein Stück von dem schenkt, weshalb es sich zu leben lohnt. Und da ist ihr Vater, der früher alles für sie war, als die Mutter fehlte und das Leben weiter gehen musste.

Ob Conrad die Suppe mag, die sie für heute Abend vorbereitet hat? Zuerst wird er sagen, dass er gar keinen Hunger hat und dann muss Jonas ihn bitten, doch noch ein bisschen zu bleiben und dann wird es meistens sehr schön und gemütlich. In letzter Zeit ist er häufiger wie etwas aus der Welt gefallen. Nachdenklich war er schon immer, aber sein Blick war nicht so nach innen gerichtet. Sofort ist wieder dieses Herzklopfen da, das anschwellende Rauschen im Kopf mit dem diffusen Schwindel. Ein treuer Begleiter, seit sie denken kann, immer wenn das Leben sich anschickt, ihr jemanden wegzunehmen. Sie wehrt sich. Noch ist er da und so wertvoll für sie und Jonas. Warum lässt sie sich dazu verleiten, ihn schon vor seinem eigenen Abschied zu vermissen? Schnell macht sie sich daran, den Tisch zu decken, um die bösen Geister zu vertreiben und legt liebevoll die Vogeltischdecke auf. Sofort breitet sich die wohltuende Wirkung dieses Rituals in ihr aus. Damals waren es nur diese kleinen Rituale, die in ihrer Bedeutsamkeit alles erträglicher werden ließen.

„Opa, gehen wir noch bei Stefan vorbei? Da riecht es immer so lecker und er bringt uns beide jedes Mal zum Lachen.“ Ja, eine Prise Stefan tut gut, auch wenn es doch nur bei einer Prise bleiben kann. „Ok, einen kleinen Abstecher bei Stefan wird die Mama uns bestimmt nachsehen, sie wartet sicher schon auf uns.“

Jonas hüpft vergnügt voraus, als habe er mit einem Mal keine Angst mehr um ihn, seinen alten Großvater. Jetzt fühlen beide sich wieder leicht. Auch Conrad fühlt sich leicht und beschwingt. Als kämen wir von einer Dialyse für die Seele. Aber was und wer haben all die Schwere und die Bedenken aus uns rausgewaschen? Was ist, wenn wir uns beide dafür brauchen und was ist, wenn einer plötzlich fehlt?

Heute muss ich Helen anrufen. Aber sind wir nicht auf dem Weg zu ihr? Gelegenheit verpasst. Ob sie es nachhält, wie oft ich sie nicht angerufen habe? Die gute Stimmung droht, sich einzutrüben.

„Opa, sollen wir Stefan bitten, ob er heute Abend mit uns zu Abend isst?“

„Ich glaube, das ist keine gute Idee, Mama ist bestimmt froh, nach einem langen Tag auch mal etwas Ruhe zu haben.“

„Ach Opa, jedes Mal meinst du, das Beste wäre, wenn man seine Ruhe hat. Das stimmt aber nicht immer, manchmal ist es auch schön, zusammen zu sein.“

Voller Liebe und gleichzeitig bedrückt von der Unmöglichkeit, sich verständlich zu machen, schaut er auf seinen Enkel. So hört es sich an, wenn es noch stimmt, wenn nicht der Schutz vor Schmerz Vorrang hat vor dem Bedürfnis, sich aneinander zu wärmen. „Lass uns das nachher entscheiden, wenn wir bei Stefan sind.“

Eigentlich hat die Zeit ihn schon überholt, doch er liebt seinen kleinen Lebensmittelladen, in dem es fast alles gibt, aber in dem leider nicht mehr jeder alles kauft. Und noch viel mehr liegt Stefan das Café am Herzen, das er im Laufe der Jahre neben den Regalen eingerichtet hat. Nicht nur deshalb, aber auch deshalb hat er seinen Beruf als Historiker aufgegeben und diesen Laden übernommen, dem keiner mehr eine Zukunft zugebilligt hatte. Er wollte etwas gestalten, in dessen Atmosphäre er sich auch einnisten konnte und er wollte sich nicht mehr aus seinem Takt bringen lassen. Schon damals hat er selbst den Hauch des Verschrobenen gespürt, aber gleichzeitig wusste er auch, dass nur er es sich so einrichten konnte, wie es für ihn lebbar war.

„Hallo, Stefan, ich habe bei Opa noch ein Eis gut.“

„Jonas, das ist aber schön, dass ihr zwei wieder bei mir reinschaut. Lass mich raten, Schokolade oder Zitrone?“

„Schokolade und Zitrone und für Opa einen Tee mit was drin.“

Stefan nickt und fährt Jonas über das lockige, weiche Haar.

Dann dreht er sich etwas steif zu Conrad um und nimmt ihn kurz in den Arm. „Na, Alter, alles in Ordnung?“

„Soweit für einen Alten alles in Ordnung sein kann.“

Jonas schaut die beiden an und schüttelt den Kopf. Irgendwie ist es immer ein bisschen komisch zwischen den beiden, aber er will sich davon seine gute Laune nicht vermiesen lassen.

„Kriege ich eine große Waffel? Immerhin müssen ja zwei Bällchen reinpassen.“

„Also ich würde sagen, wir machen das volle Programm, was meinst du, mit großer Waffel und einmal in Schokolade getunkt.“

„Stefan, du bist der Beste, außer Opa natürlich. Übrigens, hast du Lust, heute mit uns Abendbrot zu essen?“

„Jonas, das hatten wir doch noch gar nicht beschlossen.“

Conrad schaut etwas hilflos auf seinen Enkel. „Wir müssen zuerst mal die Mama fragen, vielleicht hat sie ja gar nicht genug gekocht.“

„Das ist eine gute Idee, aber leider kann ich heute Abend gar nicht“, springt Stefan ein.

„Schade, aber eigentlich hätte ich mir denken können, dass es wieder nicht klappt.“

Sonst weiß Jonas immer, was sein Großvater denkt, aber in dem Punkt versteht er ihn nicht, es ist, als wolle er nicht, dass Stefan zu ihnen kommt.

„Kriege ich denn jetzt wenigstens mein Eis?“

Auf dem Weg nach Hause ist es ganz still zwischen ihnen. Aber es ist nicht so ein verbindendes Schweigen, jeder ist mit sich allein. Wie in einem leeren Raum hinterlässt jeder Schritt seinen Klang. Würde er nicht so traurig aussehen, könnte ich richtig wütend auf ihn sein. Jonas mustert seinen Großvater. Wie eine unsichtbare Wand hat sich etwas zwischen sie gedrängt. Nicht sichtbar, aber undurchdringlich. Er ist wieder auf Reise. Warum kann er mich nicht mitnehmen? Da spürt er den Druck der alten, aber immer noch kraftvollen Hand. Erschreckt und auch gleichzeitig erleichtert muss er feststellen, dass sie die ganze Zeit Hand in Hand gegangen sind. Wie kann das sein oder waren wir doch gar nicht so weit voneinander entfernt? Irgendetwas hindert ihn daran, den Großvater anzusprechen, dabei hätte er so gerne diese unsichtbare Wand eingerissen. Ach, so undurchdringlich ist sie ja gar nicht, immerhin halten wir uns beide an der Hand. Bei diesem Gedanken macht er unwillkürlichen einen Hüpfer.

Conrad schaut zu ihm hin, lächelt und ist schon wieder abgetaucht. Da sind sie wieder, die Bilder. Jonas ist kaum älter als er damals war, als alles aus den Fugen geriet.

Januar 1945. Gerade war es mal für eine kurze Zeit ruhig am Himmel und schon schwillt das Dröhnen wieder an, die Sirenen treiben die Menschen in die Keller und selbst dort tut der Lärm noch in den Ohren weh. Der Schmerz ist nur noch überlagert von der Angst. Gemeinsam bedroht rückt man zusammen oder versucht, Nebenschauplätze zu eröffnen.

„Karla, wo willst du hin?“

„Weiß nicht, ob der Herd abgestellt ist. Wär ja noch schöner, wenn die da oben uns nicht erwischen, aber wir uns selbst in die Luft sprengen.“

„Karla, bleib hier, der Herd ist bestimmt abgestellt, es ist viel zu gefährlich, nach oben zu gehen.“

„Mama, du sollst nicht gehen, ich hab doch nur noch dich.“

Conrad klammert sich weinend an die Jacke seiner Mutter, die aufgelöst in ihrer Angst etwas tun muss und ihn sanft beiseiteschiebt.