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"Villette" von Charlotte Brontë präsentiert sich als vielschichtiger Roman, der das Schicksal der Protagonistin Lucy Snowe ins Zentrum rückt und zugleich ein eindringliches Bild einer fremden, von französischen Einflüssen geprägten Gesellschaft zeichnet. Nach einem schweren Verlust verlässt Lucy ihr Heimatland, um in Villette, einer fiktiven Stadt, eine Stelle als Lehrerin anzutreten. Dort angekommen, gerät sie in den Mikrokosmos eines Mädchenpensionats, das von der strengen, zugleich rätselhaften Mademoiselle Beck geleitet wird. Der Alltag im Internat ist von festen Regeln und stillen Zwängen bestimmt, die Lucy zunächst fremd sind. Unter stetiger Beobachtung und mit nur wenigen vertrauten Personen in ihrer Nähe versucht sie, sich einen Platz im neuen Umfeld zu erkämpfen. Dabei entstehen enge Verbindungen zu einigen Kolleginnen und Schülerinnen; gleichzeitig begegnet sie dem einfühlsamen, jedoch unberechenbaren Dr. John Graham Bretton, dessen Anteilnahme an ihrem Schicksal das emotionale Gefüge des Romans maßgeblich beeinflusst. Nicht minder bedeutend ist die spätere Bekanntschaft mit Monsieur Paul Emanuel, dessen komplexer Charakter und Widersprüche Lucy zugleich anziehen und irritieren. Im Verlauf der Handlung entfaltet Brontë eine dichte psychologische Studie: Die innere Zerrissenheit Lucys, geprägt von ihrer Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe, tritt in Konflikt mit der gesellschaftlichen Rolle, die von ihr erwartet wird. Atmosphärische Elemente, wie vermeintliche Geistererscheinungen und rätselhafte nächtliche Vorfälle, betonen Lucys labilen Seelenzustand. Zugleich offenbaren Dialoge, Beobachtungen und introspektive Passagen das stetige Ringen zwischen Vernunft, Pflichtgefühl und persönlichem Verlangen. In seiner Gesamtheit wirkt "Villette" wie eine ebenso scharfsinnige wie anrührende Auseinandersetzung mit weiblicher Identität und Selbstbehauptung. Durch die gekonnte Verschränkung von Handlung und Innerlichkeit zeigt der Roman eindrücklich, wie sich die äußere Welt in das Innenleben seiner Heldin einschreibt. So erweist sich "Villette" als unverzichtbares Werk, das die literarische Bedeutung Charlotte Brontës auf nachhaltige Weise untermauert.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Meine Pathe wohnte in einem hübschen Hause in der reinlichen alten Stadt Bretton. Die Familie ihres Mannes hatte seit Generationen ihren Aufenthalt da gehabt und führte sogar den Namen ihres Geburtsortes Bretton von Bretton ob aus zufälligem Zusammentreffen, oder weil irgend ein Vorfahr in alter Zeit eine so wichtige Person gewesen war, um seiner Umgebung seinen Namen zu hinterlassen, weiß ich nicht.
Als kleines Mädchen besuchte ich Bretton jährlich zweimal und ich freute mich stets darauf. Das Haus und dessen Bewohner gefielen mir ganz besonders. Die großen stillen Zimmer, die wohlgeordneten Möbels, die hellen breiten Fenster und der Balcon außen, der in eine schöne alterthümliche Straße sah, in welcher es immer Sonn- und Feiertag zu sein schien, so ruhig war die Luft, so rein das Pflaster, alles sprach mich an.
Ein Kind in einer Familie erwachsener Personen wird gewöhnlich ganz besonders berücksichtigt, und in geruhiger Weise that dies mit mir auch Mrs. Bretton, die, ehe ich sie kennen lernte, mit einem Sohne verwittwet war, da ihr Mann, ein Arzt, gestorben, als sie noch jung und hübsch gewesen.
In der Zeit, als ich mich ihrer erinnere, war sie nicht jung, aber noch hübsch, groß, schön gewachsen und hatte, obwohl für eine Engländerin von dunkelm Teint, auf ihrer bräunlichen Wange die reine Farbe der Gesundheit, wie in den schönen freundlichen schwarzen Augen das Feuer und Leben derselben. Die Leute meinten, es sei Schade, daß sie ihre Farbe nicht auf ihren Sohn übergetragen habe, dessen Augen blau waren obgleich in seiner Knabenzeit schon recht scharf und die Farbe seines langen Haares von einer Art, welche Freunde nicht näher zu bezeichnen wagten, ausgenommen wann die Sonne darauf schien; dann nannten sie es goldig. Die Züge seiner Mutter erbte ex indes, auch ihre guten Zähne, ihre Gestalt (wenigstens die Aussicht auf dieselbe, da er noch nicht ganz erwachsen war) und, was noch besser, ihre tadellose Gesundheit, wie ihre Stimmung in dem Zone, welcher für den Besitzer mehr werth, ist als Reichthum.
In dem Herbste des Jahres befand ich mich in Bretton, da meine Pathe selbst mich von den Verwandten abholte, bei denen ich damals meinen festen Aufenthalt hatte. Ich glaube, sie sah damals schon deutlich Ereignisse kommen, deren Schatten ich noch nicht errieth, während eine schwache Ahnung von denselben schon hinreichte, mich mit ruheloser Trauer zu erfüllen und Ort und Personen mit Freuden zu verlassen.
Bei meiner Pathe floß mir die Zeit stets glatt dahin, nicht mit stürmischer Eile, sondern sanft, wie ein voller Strom durch eine Ebene gleitet. Meine Besuche bei ihr glichen dem Aufenthalte Christians und Hoffnungsreichs an einem gewissen freundlichen Strome mit grünen Bäumen an jedem Ufer und Wiesen voll Lilien das ganze Jahr hindurch. Es fehlte der Reiz des Wechsels und die Erregung durch mancherlei Vorfälle, aber der stille Frieden gefiel mir so wohl, und ich suchte Aufregung so wenig, daß sie mich fast störte, wenn sie kam, und ich wünschte, sie möchte lieber fern geblieben sein.
Eines Tages kam ein Brief an, dessen Inhalt Mrs. Bretton offenbar überraschte und einigermaßen beunruhigte. Anfangs glaubte ich, ex sei aus meiner Heimath, und ich zitterte, da ich eine traurige Mittheilung erwartete; ich erfuhr indeß nichts und die Wolke schien vorüberzuziehen.
Am Tage darauf, als ich von meinem langen Spaziergange zurückkam, fand ich eine unerwartete Veränderung_in meinem Schlafgemache. Außer meinem Vorhangsbette in seiner schattigen Nische stand in einer Ecke ein weißumhülltes Bettchen, und außer meiner Mahagoni - Kommode eine kleine von Rosenholz. Ich blieb stehen und blickte gedankenvoll umher.
„Was bedeuten diese Dinge und zeigen sie an?“ fragte ich. Die Antwort konnte nicht zweifelhaft sein. „Ein zweiter Gast kommt; Mrs. Bretton erwartet noch andern Besuch.“
Bei Tische folgten Erklärungen. Ein kleines Mädchen, wurde mir gesagt, würde bald meine Gespielin sein, die Tochter eines Freundes und entfernten Verwandten des seligen Dr. Bretton. Das kleine Mädchen, hieß es weiter, habe vor kurzem die Mutter verloren, ein Verlust, wie Mrs. Bretton gar bald hinzufügte, der nicht so groß sei, als er auf den ersten Blick erscheine. Mrs. Home (so schien der Name zu lauten) sei eine sehr hübsche, aber eine leichtsinnige, sorglose Frau gewesen, die ihr Kind vernachlässiget und ihren Mann getäuscht und um den Lebensmuth gebracht habe. Die Che sei so wenig eine passende gewesen, daß endlich die Trennung erfolgt wäre, eine Trennung in gegenseitiger Einwilligung, nicht in gesetzlichen Formen. Bald darauf habe sich die Frau nach den Anstrengungen eines Balles erkältet und sei nach kurzer Krankheit gestorben. Ihr Gatte, ein Mann von sehr weichem Gefühl, sei über allen Ausdruck durch die plötzliche Mittheilung dieses Vorfalles erschüttert worden und könne nun, wie es scheine, kaum von dem Glauben abgebracht werden, daß er durch zu große Strenge, durch Mangel an Geduld und Nachsicht, ihren frühen Tod mit herbeigeführt habe. Mit diesem Gedanken habe er sich getragen, bis sein Geist ernstlich gelitten; die Aerzte drängen darauf, daß eine Reise als Heilmittel gebraucht werde und Mrs. Bretton habe sich erboten, seiner kleinen Tochter unterdeß sich anzunehmen. „Hoffentlich“, setzte meine Pathe zum Schlusse hinzu,,,wird das Kind nicht wie seine Mutter eine so thörichte und leichtfertige Kokette als je eine ein verständiger Mann zu heirathen schwach genug war. Ein verständiger Mann“, sagte sie, „ist Herr Home in seiner Art, wenn auch kein eben praktischer; er liebt die Wissenschaft und verbringt sein halbes Leben in einem Laboratorium mit Experimenten, was sein Schmetterling von einer Frau weder begreifen noch ertragen konnte. Mir selbst freilich“, gestand meine Pathe, „würde es nicht gefallen haben.“
Auf eine Frage von mir erzählte sie mir ferner, ihr seliger Mann habe immer gesagt, Home habe diese wissenschaftliche Richtung von einem Oheime mütterlicher Seits, einem französischen Gelehrten, denn er sei halb französischer, halb schottischer Abkunft und habe noch lebende Verwandte in Frankreich, von denen mancher ein de vor seinen Namen schreibe und sich adelig nenne.
An demselben Abend, um neun Uhr, wurde ein Diener dem Wagen entgegengeschickt, mit welchem unser kleiner Gast ankommen sollte. Wir, Mrs. Bretton und ich, saßen allein in dem Zimmer und warteten auf die Kleine. John Graham Bretton war zum Besuch bei einem Schulfreunde auf dem Lande. Meine Pathe las das Zeitungsblatt; ich nähete. Es war ein nasser Abend; der Regen schlug an die Fenster und der Wind klang rauh und unheimlich.
„Das arme Kind!“ sagte Mrs. Bretton von Zeit zu Zeit. „Was für ein Wetter hat die Kleine zu ihrer Reise! Wäre sie doch schon wohlbehalten hier!“
Kurz vor zehn Uhr meldete die Hausthürklingel Warrens Rückkunft und kaum war die Thür aufgemacht, so eilte ich in den Flur hinunter. Da stand zwischen einem Koffer und einigen Schachteln eine Person wie ein Kindsmädchen und unten an der Treppe Warren mit einem Shawlbündel in den Armen.
„Ist das das Kind?“ fragte ich.
„Ja, Miß.“
Ich hätte den Shawl abwickeln und einen Blick nach dem Gesicht thun mögen, aber es wendete sich rasch von mir ab nach der Achsel des Dieners hin und als dieser die Zimmerthür öffnete, sagte ein Stimmchen:
„Laß mich herunter! Nimm mir den Shawl ab,“ setzte die Sprecherin hinzu, indem sie mit der kleinen Hand die Nadel herauszog und mit ärgerlicher Hast die plumpe Umhüllung abwarf. Das Wesen, das nun zum Vorscheine kam, machte einen linkischen Versuch den Shawl zusammenzulegen, aber er war zu schwer und groß, als daß solche Hände und Arme ihn hätten halten oder handhaben können. „Gieb ihn der Jette“, sagte sie dann, sie kann ihn wegthun.“ Darauf drehete sie sich um und richtete ihre Augen auf Mrs. Bretton.
„Komm her, liebes Kind“, sagte die Frau; komm, laß mich sehen, ob Du kalt und nas bist, und Dich am Feuer wärmen.“
Das Kind ging sogleich zu ihr. Nachdem sie von der Umhüllung befreit war, sah sie außerordentlich klein und zart aus; sie war aber ein nettes, vollkommen gebildetes, zierliches, gerades Figürchen. Auf dem weiten Schooße meiner Pathe glich sie einer Puppe; ihr wachsweißer Hals und die seidenen Locken an ihrem Kopfe erhöheten, wie mir es vorkam, die Aehnlichkeit.
Mrs. Bretton sagte einige liebreiche Worte, während sie die Hände, Arme und Füße des Kindes wärmte. Anfangs erhielt sie dafür einen ernsthaften Blick, bald aber antwortete ihr ein Lächeln. Mrs. Bretton ging mit Liebkofungen nicht verschwenderisch um; selbst gegen ihren innig geliebten Sohn war sie selten sentimental zärtlich, oftmals das Gegentheil; als aber diese kleine Fremde sie anlächelte, küßte sie dieselbe und fragte:
„Wie heißt meine Kleine?“
„Miß.“
„Außer Miß noch?“ „Mariechen, sagt Papa.“
„Wird Mariechen gern bei mir bleiben?“
„Immer nicht, aber bis Papa wiederkommt. Papa ist fort.“ Sie schüttelte dabei den Kopf ausdrücksvoll. „Er wird zu Mariechen kommen oder sie holen lassen.“ „Nicht wahr? Wissen Sie's?“
„Ich glaube es.“
„Jette glaubt's nicht; wenigstens, sagt sie, wird's lange dauern. Er ist krank.“
Ihre Augen wurden naß. Sie entzog Mrs. Bretton die Hand und machte eine Bewegung, als wolle sie deren Schooß verlassen. Die Wittwe widerstand, das Kind aber sagte:
„Ich will fort, laß mich... Ich kann auf keinem Stuhle then.“
Sie durfte nun von dem Knie heruntergleiten, nahm ein Fußbänkchen, trug dies in eine Ecke, wo dunkeler Schatten war und setzte sich da nieder. Mrs. Bretton, sonst eine strenge Frau, die in ernsten Sachen unbedingten Gehorsam verlangte, blieb in Kleinigkeiten oftmals gleichgiltig und ließ auch jetzt dem Kinde den Willen. Zu mir sagte sie: „achte jetzt nicht auf sie;" aber ich achtete doch auf sie; ich sah, wie Mariechen ihren kleinen Elnbogen auf das kleine Knie und den Kopf auf die Hand stützte; ich beobachtete, wie sie ein Puppentaschentuch aus der Puppentasche ihres Puppenkleidchens zog und hörte sie dann weinen. Andere Kinder weinen, wenn sie Kummer oder Schmerz haben, laut, ohne sich zu schämen oder sich Zwang anzuthun; weinte Mariechen wirklich, so verrieth nur gelegentlich das allerkleinste Schluchzen ihre Bewegung. Mrs. Bretton hörte es nicht und das war auch gut. Es währte nicht lange, so fragte eine Stimme aus der Ecke: „Kann nach der Jette geklingelt werden?“
Ich klingelte, die Wärterin wurde gerufen und erschien. „Ich will zu Bett,“ sagte die Kleine. „Frage, wo mein Bett ist.“
Das Mädchen antwortete, sie habe darnach schon gefragt. „Frage auch, ob Du bei mir schläfst.“
„Nein, Miß,“ antwortete das Mädchen. „Du schläfst in dem Zimmer der jungen Dame da.“
Sie stand von ihrem Sitz nicht auf, ich sah aber, daß ihre Augen mich suchten. Nach einigen Minuten stiller Beobachtung kam sie aus ihrer Ecke hervor.
„Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht,“ sagte sie zu Mrs. Bretton. An mir ging sie stumm vorüber. „Gute Nacht, Mariechen,“ sagte ich.
„Wir brauchen nicht gute Nacht zu sagen, da wir in einem Zimmer schlafen,“ lautete die Antwort, nach der sie aus dem Zimmer verschwand. Wir hörten, daß die Wärterin draußen sich erbot, sie die Treppe hinaufzutragen. „Das ist nicht nöthig,“ antwortete die Kleine, nicht nöthig" und ihre kleinen Beine müheten sich die Treppe hinauf.
Als ich eine Stunde darauf zu Bett ging, fand ich sie noch völlig wach. Sie hatte die Kissen so gelegt, daß sie eine sitzende Stellung erhielt. Ihre verschlungenen Hände lagen mit einer altväterischen, fast unkindlichen Ruhe auf der Decke. Eine Zeit lang enthielt ich mich mit ihr zu sprechen, aber als ich das Licht auslöschen wollte, empfahl ich ihr sich niederzulegen.
„Nach und nach,“ antwortete sie.
„Du wirst Dich erkälten.“
Sie nahm irgend etwas von ihrem Anzuge von dem Stuhle neben ihrem Bettchen und bedeckte sich damit die Schultern. Ich ließ sie gewähren. Eine Zeit lang lauschte ich im Dunkel und bemerkte wohl, daß sie noch immer wach war und sich streckte, ruhig und vorsichtig.
Als ich mit dem Morgen erwachte, hörte ich Wasser tröpfeln. Siehe da, sie war aufgestanden, auf einen Stuhl neben dem Waschtisch gestiegen, und hatte mit Mühe und Anstrengung den Wasserkrug (den sie nicht heben konnte) geneigt, um den Inhalt in das Becken zu gießen. Es war gar merkwürdig zu sehen, wie sie, so klein, so emsig, so geräuschlos, sich wusch und ankleidete. Offenbar war sie wenig daran gewöhnt, dies selbst zu thun, und die Knöpfe, Bänder, Heftel und Schlingen gewährten Schwierigkeiten, denen sie eine Ausdauer entgegensetzte, daß man seine Freude daran haben mußte. Sie legte ihren Nachtanzug zusammen, strich ihr Bett glatt, begab sich in eine Ecke, in welcher der weiße Vorhang sie verbarg und verhielt sich still. Ich richtete mich halb auf und streckte den Kopf vor, um zu sehen, was sie thue. Sie kniete, hatte die Stirn auf die Hände gesenkt und betete.
Ihr Wärterin klopfte jetzt an die Thür und sie stand rasch auf.
„Ich bin schon angezogen, Jette,“ sagte sie; ich habe mich selbst angezogen, aber es paßt nicht recht. Putze mich.“
„Warum ziehst Du Dich selbst an?“
„Still! Nicht so laut, damit Du das Mädchen nicht aufweckst" (sie meinte mich, denn ich lag mit geschlossenen Augen da.),,Ich zog mich an, damit ich es kann, wenn Du fortgehst.“
„Soll ich fortgehen?“
„Wenn Du unfreundlich bist, habe ich Dich oft fortgewünscht, jetzt nicht. Binde mir den Gürtel gerade und mache mir das Haar glatt.“
„Der Gürtel ist gerade genug. Wie eigensinnig genau Du bist!“
„Sei so gut und binde mir den Gürtel anders.“
„Gut. Wenn ich fort bin, muß die junge Dame Dich ankleiden helfen.“
„Nein.“
„Warum nicht? Sie ist eine ganz artige junge Dame,
Du wirst hoffentlich Deine Art nicht gegen sie zeigen.“ „Sie darf mich nicht ankleiden.“
„Komisches kleines Ding!“
„Du ziehst den Kamm nicht gerade durch mein Haar; der Strich wird krumm werden.“
„Es ist Dir heute nichts recht zu machen. Ist's so gut?“
„Ganz gut. Wohin gehe ich, wenn ich angezogen bin?“ „Wir gehen in's Frühstückszimmer.“
„So komm.“
Sie gingen nach der Thür. Da blieb sie stehen.
„Ach, Jette, ich wollte ich wäre zu Hause! Ich kenne die Leute hier nicht.“
„Sei gut, Kind!“
„Ich bin gut, aber hier thut es mir weh“, sagte sie, indem sie die Hand auf das Herz legte und wehklagte, während sie wiederholt ausrief: „Vater! Vater!“
Ich richtete mich auf, um dieser Scene ein Ende zu machen, ehe sie sich verschlimmerte.
„Wünsche der jungen Dame einen guten Morgen“, sagte das Mädchen.
„Guten Morgen!“ sagte die Kleine, dann folgte sie ihrer Wärterin aus dem Zimmer hinaus. Dies Mädchen verließ das Haus zeitweilig noch an demselben Tag, um Verwandte zu besuchen, die in der Nähe wohnten.
Als ich hinab kam, saß Pauline (das Kind nannte sich Mariechen, der vollständige Name war aber Pauline Marie) neben Mrs. Bretton am Frühstückstisch; ein Krug mit Milch stand vor ihr und ein Stückchen Brod füllte ihre Hand, die ruhig auf dem Tischtuche lag; sie aß nicht.
„Wie wir das kleine Ding gewinnen,“ sagte Mrs. Bretton zu mir, weiß ich nicht; sie genießt nichts und ihrem Aussehen nach hat sie auch nicht geschlafen.“.
Ich sprach mein Vertrauen auf die guten Wirkungen der Zeit und Freundlichkeit aus.
„Wenn sie eine Zuneigung zu Jemand im Hause bekäme, würde sie sich bald eingewöhnen; bis dahin wird es nicht geschehen,“ antwortete Mrs. Bretton.
Es vergingen einige Lage und es hatte keinen Anschein, als wolle sie Neigung zu Jemandem in dem Hause fassen. Sie war nicht eigentlich unartig oder eigensinnig, nicht im entferntesten ungehorsam und doch konnte man nicht wohl einen Gegenstand sehen, der weniger zur Behäbigkeit, ja nur zur Ruhe beitrug als sie. Sie schmollte und keine erwachsene Person hätte dies unliebenswürdige Geschäft besser ausrichten können; nie trug das gefurchte Gesicht eines Verbannten, der sich bei Europas Antipoden nach Europa sehnte, das Zeichen des Heimwehs leserlicher an sich als dieses Kindes Gesicht. Die Kleine schien alt und überirdisch zu werden. Ich, Lucy Snowe, fühle mich frei von dem Fluche einer umherschweifenden überheißen Phantaste, so oft ich aber eine Zimmerthür öffnete und sie in einer Ecke allein, den Kopf auf die zarte Hand gestützt, sitzen sah, kam mir es vor, als sei es in dem Zimmer nicht geheuer.
Wenn ich wiederum in Mondscheinnächten erwachte und sie in dem weißen Nachtkleide im Bett knieen und beten sah, wie eine begeisterte Katholikin oder Methodistin - eine vorzeitige Fanatikerin oder frühzeitige Heilige - weiß ich kaum, was für Gedanken ich hatte; gewiß waren sie der Gefahr ausgesekt, kaum gesünder und vernünftiger zu sein, als der Geist dieses Kindes es sein mußte.
Selten hörte ich ein Wort von ihrem Gebet, denn sie flüsterte es leise, ja bisweilen flüsterte sie es nicht einmal, sondern betete ohne Worte. Das Wenige, das ich hörte, klang immer wie,Vater, mein lieber Vater!“ Dies verrieth denn ein Wesen mit nur einer Vorstellung, jene Neigung zu Monomanie, welche ich stets für die unglückseligste gehalten habe, deren Fluch einen Menschen treffen kann.
Was das Ende dieses Sichselbstaufreibens gewesen sein würde, wenn es ungehemmt fortgedauert hätte, läßt sich nur muthmaßen. Es erhielt jedoch eine plötzliche Wendung.
Eines Nachmittags hatte Mrs. Bretton sie aus dem gewöhnlichen Aufenthalte in einem Winkel hervorgeschmeichelt und auf den Platz am Fenster gehoben, wo sie, um sich zu beschäftigen, die Vorübergehenden beobachten und zählen sollte, wie viele Damen in einer gewissen Zeit die Straße hinabgehen würden. Sie hatte gleichgiltig dagesessen, kaum hingesehen und nicht gezählt, als ich - denn meine Augen verließen sie nicht - in ihrer Iris und Pupille eine überraschende Umwandlung bemerkte. Die gefährlichen, plötzlich erregten Naturen Sensitive nennt man sie - gewähren gar manch seltsames Schauspiel für die, welche durch kälteres Temperament vor solchem Vorherrschen der Phantasie geschützt sind. Der stiere, starre Blick verschwomm, zitterte und leuchtete wie glühend; die schmale finstere Stirn heiterte sich auf; die gewöhnlichen und matten Züge glänzten; der traurige Gesichtsausdruck schwand und an seiner Statt erschien eine Gier, eine gespannte Erwartung.
„Es ist!“ lauteten ihre Worte.
Wie ein Vogel oder ein Pfeil oder sonst irgend etwas Schnelles war sie aus dem Zimmer hinaus. Wie sie die Hausthüre unten aufbekam, vermag ich nicht zu sagen; wahrscheinlich war sie nur angelehnt; vielleicht befand sich auch Warren in ihrem Wege und gehorchte ihrer Aufforderung, die jedenfalls ungestüm genug war. Ich beobachtete sie von dem Fenster aus und sah sie in ihrem schwarzen Kleidchen und dem kleinen benäheten Schürzchen die Hälfte der Straße hinauf eilen. Eben als ich mich umdrehen und gelassen der Mrs. Bretton anzeigen wollte, das Kind sei irre geworden und müsse verfolgt werden, wurde sie aufgefangen und meiner ruhigen Beobachtung, wie dem verwunderungsvollen Anstieren der Vorübergehenden entzogen. Ein Herr hatte dies gethan, der sie nun mit seinem Mantel verhüllte und nach dem Hause zu trug, aus dem er sie hatte herauskommen sehen.
Ich erwartete, daß er sie den Dienstboten übergeben und sich dann entfernen werde, aber er trat herein und nachdem eine kurze Zeit gezögert hatte, kam er die Treppe herauf.
Aus dem Empfange, den er fand, ergab sich, daß Mrs. Bretton ihn kannte. Sie grüßte ihn, schien aber doch verlegen und überrascht zu sein. Sie sah ihn selbst fragend an und mehr in Antwort auf diese Blicke als auf Worte sprach er:
„Ich konnte nicht umhin, Madame, es war mir nicht möglich das Land zu verlassen, ohne mich mit meinen eigenen Augen zu überzeugen, wie sie sich eingewöhnt.“ „Sie werden sie wieder entwöhnen.“
„Das hoffe ich nicht. Wie geht's Papas Mariechen?“ Die Frage galt Paulinen, während er Platz nahm und sie sanft vor sich stellte.
„Wie geht's Mariechens Papa?“ lautete die Antwort, als sie sich auf seine Kniee stützte und ihm ins Gesicht blickte.
Es war kein ungestümer, kein wortreicher Auftritt, für einen solchen wäre ich dankbar gewesen -- sondern eine Scene von überströmendem Gefühl, die einen peinigenden Eindruck machte, weil der Becher nicht hoch emporschäumte oder wild überfloß. Bei allen Gelegenheiten heftiger, unbeschränkter Gefühlsäußerung kommt dem gelangweilten Zuschauer eine Empfindung von Geringschätzung oder Lächerlichkeit zu Hilfe, während mir jene Art von Gefühlsinnigkeit, die sich freiwillig, eine Riesensclavin, unter die Herrschaft des Verstandes beugt, immer drückend gewesen ist.
Herr Home war ein Mann mit ernsten, ich sollte vielleicht gar sagen, mit harten Zügen, seine Stirn knorrig und seine Backenknochen traten scharf hervor. Sein Gesicht hatte einen ganz schottischen Charakter, aber in seinem Auge lag Gefühl, in seinen jetzt bewegten Zügen Rührung. Sein nordischer Accent beim Sprechen paßte zu seinem Gesichtsausdrucke. Er sah stolz und doch zugleich auch schlicht aus.
Er legte seine Hand auf den nach ihm emporgerichteten Kopf seines Kindes und sie sagte:
„Küsse Mariechen.“
Er küßte sie. Ich wünschte, daß sie laut ausweinte, damit ich selbst Erleichterung erlangte. Sie machte aber bewundernswürdig wenig Geräusch; sie schien alles erlangt zu haben, was sie wünschte, alles, und im wahren Entzücken der Zufriedenheit zu sein. Das Kind war weder dem Aussehen noch den Zügen nach seinem Vater gleich, und doch hatte sie seine Art; ihr Gemüth war von dem seinigen gefüllt worden, wie das Glas aus der Flasche.
Unzweifelhaft besaß Herr Home männliche Selbstbeherrschung, wie er auch in manchen Dingen ins Geheim fühlen mochte. Mariechen,“ sagte er mit einem Blicke auf sein kleines Mädchen, gehe hinunter in den Hausflur; dort wirst Du Papas Ueberziehrock auf einem Stuhle liegen sehen, greife in die Taschen und Du wirst ein Taschentuch finden; bringe das mir.“
Sie gehorchte, ging und kam leise und rasch zurück. Er sprach mit Mrs. Bretton als sie wieder erschien und sie wartete mit dem Taschentuche in der Hand. Es war ein Bild, wie sie in ihrer kleinen Gestalt und ihrem zierlichen Wesen an seinem Knie stand. Als sie sah, daß er weiter sprach, scheinbar ohne zu wissen, daß sie zurückgekommen, erfaßte sie seine Hand, öffnete die widerstandslosen Finger, legte das Taschentuch zwischen dieselben und drückte sie einzeln wieder zusammen. Er schien sie noch immer nicht zu sehen und zu fühlen, allmälig aber hob er sie auf sein Knie; sie schmiegte sich an ihn und beide schienen sich wohl zu fühlen, obgleich sie wohl eine Stunde lang einander weder ansahen noch mit einander sprachen.
Während des Thees beschäftigten die Bewegungen und das Benehmen des kleinen Dinges das Auge vollständig, wie gewöhnlich. Anfangs commandirte sie Warren als dieser die Stühle stellte.
„Papas Stuhl hierher, und den meinigen daneben, zwischen Papa und Mrs. Bretton; ich muß ihm den Thee reichen.“
Sie nahm ihren Platz ein und winkte dann dem Vater mit der Hand.
„Komm neben mich, Papa, als wären wir zu Hause.“ Dann griff sie nach seiner Tasse, wollte den Zucker darin umrühren und den Rahm selbst hineingießen. „Das that ich zu Hause immer für Dich, Papa; Niemand konnte es so gut, Du selbst nicht.“
Während der ganzen Mahlzeit setzte sie ihre Aufmerksamkeiten fort, die allerdings ziemlich thöricht waren. Die Zuckerzange war zu groß für eine ihrer Händchen und sie mußte mit beiden zugreifen; die Schwere des silbernen Rahmgefäßes, des Brod- und Buttertellers, ja der Tasse selbst waren für ihre Kraft fast zu groß, aber sie wollte das erste heben, die andern hinreichen und vollbrachte alles glücklich, ohne etwas zu zerbrechen. Aufrichtig, ich hielt sie für etwas altklug geschäftig, ihr Vater aber, der blind wie alle Väter war, schien sich gern von ihr bedienen zu lassen und sich dabei wohl zu fühlen.
„Sie ist mein Trost,“ sagte er unwillkürlich zu Mrs. Bretton. Diese hatte einen eigenen „Trost“ ohne Gleichen in größerem Maßstabe, wenn er auch für den Augenblick nicht zugegen war und so verstand sie seine schwache Seite und schenkte derselben ihr Mitgefühl.
Dieser zweite „Trost“ fand sich noch im Laufe des Abends ein. Ich wußte, daß seine Rückkehr für diesen Tag bestimmt war und daß Mrs. Bretton ihn schon viele Stunden erwartet hatte. Wir saßen nach dem Thee am Feuer, als Graham in unsern Kreis trat oder vielmehr hereinstürmte, denn seine Ankunft ging nicht ohne Geräusch ab und da Graham hungerte, wurden Speisen gebracht. Er und Home begegneten einander als alte Bekannte; das kleine Mädchen beachtete er für den Augenblick gar nicht.
Als er gegessen und zahlreiche Fragen seiner Mutter beantwortet hatte, wendete er sich von dem Tische an den Kamin. Ihm gegenüber saß Herr Home und neben ihm das Kind. Wenn ich „Kind“ sage, brauche ich freilich einen unpassenden, nicht bezeichnenden Ausdruck, einen Ausdruck, der ein Bild von etwas ganz Anderem giebt, als von einer ernsthaften kleinen Person in schwarzem Kleide und weißer Chemisette die für eine Puppe von anständiger Größe vielleicht gerade gepaßt hätte - auf einem hohen Stuhle neben einem Lischchen, welches ihr Puppen-Arbeitskästchen von weiß lackirtem Holze trug, mit einem ganz kleinen Taschentüchelchen in der Hand, das sie säumte, wie sie that und in das sie ausdauernd mit einer Nadel stach, welche in ihren Fingern fast wie ein Bratspieß aussah und mit der sie sich bisweilen selbst stach, so daß sie den Batist mit einer Reihe kleiner rother Tröpfchen bezeichnete, während sie gelegentlich zuckte, wenn die widerspenstige Waffe sich von ihr nicht beherrschen lassen wollte und einen tieferen Stich als gewöhnlich that, trotzdem aber immer still, fleißig, ganz mit ihrer Arbeit beschäftiget und frauenhaft blieb.
Graham war damals ein hübscher junger Mann von sechszehn Jahren und flatterhaftem, treulosem Aussehen. Ich drücke mich so aus, nicht als ob er wirklich starke Neigung zu Verrath und Schlechtigkeit besessen hätte, sondern weil mir diese Worte zur Bezeichnung des celtischen (nicht sächsischen) Charakters seines Gesichtes, seines lockigen, lichtbraunen Haares, seiner geschmeidigen Symmetrie und seines häufigen Lächelns besonders geeignet zu sein scheinen, dem es weder an Zauber noch an Schlauheit (nicht in schlechtem Sinne) gebrach. Er war in jenen Tagen ein verzogener, eigensinniger und launenhafter Knabe.
„Mutter,“ sagte er, nachdem er die Kleine neben ihm eine Zeit lang schweigend betrachtet und für den Augenblick das Hinausgehen Home's ihn von der halblächelnden Blödigkeit befreit hatte, die das Einzige war, was er von Schüchternheit kannte, ,,Mutter, ich sehe in der Gesellschaft hier eine junge Dame, welcher ich nicht vorgestellt worden bin.“ „Du meinst wohl das kleine Mädchen des Herrn Home,“ entgegnete die Mutter.
„Madame,“ antwortete der Sohn, ich halte diesen Ausdruck für höchst ungalant. Ich würde gewiß Miß Home gesagt haben, wenn ich es gewagt hätte, von der Dame zu sprechen, die ich meine.“
„Graham, ich wünsche nicht, daß das Kind geneckt werde. Schmeichle Dir nicht, als ob ich Dir gestattete, sie zum Gegenstande Deines Spottes zu machen.“
„Miß Home,“ fuhr Graham fort, ohne sich durch seiner Mutter Ermahnungen abschrecken zu lassen, könnte ich die Ehre haben, mich selbst vorzustellen, da Niemand sonst mir und Ihnen diesen Dienst erweisen will? Mit Ihrer Erlaubniß John Graham Bretton.“
Sie sah ihn an; er stand auf und verbeugte sich gravitätisch. Sie legte bedächtig Fingerhut, Scheere und Arbeit hin, stieg vorsichtig von ihrem hohen Sitze herab, knixte mit unbeschreiblicher Ernsthaftigkeit und fragte: „wie befinden Sie sich?“
„Ich habe die Ehre, mich vollkommen wohl zu befinden, nur einigermaßen ermüdet von einer schnellen Reise. Hoffentlich sind Sie auch wohl?“
„Erträglich,“ lautete die ehrgeizige Antwort der kleinen Dame, die dann auf ihren frühern hohen Sitz wieder hinaufzugelangen suchte; da sie sich aber überzeugte, daß dies ohne einiges Klettern und Dehnen sich nicht thun lassen werde eine Opferung des Anstandes, an die nicht zu denken war auch im Beisein eines fremden jungen Herrn jede Hilfe verschmähete, so vertauschte sie den hohen Stuhl mit einem niedrigen Sessel, neben den Graham seinen Stuhl schob.
„Hoffentlich,“ fuhr er fort, erscheint Ihnen Ihre gegenwärtige Wohnung, das Haus meiner Mutter, als passender Aufenthaltsort?“
„Nicht besonders. Ich möchte nach Hause reisen.“
„Ein natürlicher und löblicher Wunsch, dem ich mich aber trotzdem aus allen Kräften widersehen werde. Ich hoffe und glaube im Stande zu sein, von Ihnen Einiges wenigstens der kostbaren Waare zu erlangen, die man Unterhaltung nennt und die mir die Frau Mama wie Mrs. Snowe nicht gewähren.“
„Ich werde bald mit meinem Vater fortgehen und nicht lange bei Ihrer Mutter bleiben.“
„Doch, doch; Sie werden gewiß bei mir bleiben. Ich habe ein Pony, auf dem Sie reiten sollen, und kann Ihnen eine endlose Menge von Büchern und Bildern zeigen.“ „Werden Sie nun hier bleiben?“
„Ja. Freuen Sie sich darüber? Gefalle ich Ihnen?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Sie kommen mir wunderlich und eigen vor.“
„Mein Gesicht, Miß?“
„Ihr Gesicht und Alles. Sie haben langes rothes Haar.“ „Braunes, wenn Sie erlauben; die Frau Mama nennt es braun oder goldig, und alle ihre Freundinnen nennen es so. Aber selbst mit meinem „langen, rothen" Haar (und er schüttelte das volle Haar triumphirend, denn er wußte es recht wohl, daß es braun aussah, und war stolz auf diese Löwenfarbe) kann ich unmöglich mehr wunderlich und eigen sein, als Sie, Mylady.“
„Mich nennen Sie so?“
„Gewiß.“
(Nach einer Pause). „ Ich glaube, ich werde zu Bett gehen.“
„Ein so kleines Ding, wie Sie, sollte schon seit vielen Stunden im Bett sein; Sie blieben wahrscheinlich auch nur auf, weil Sie mich erwarten und sehen wollten?“
„Nein.“
„Sie sehnten sich gewiß nach dem Vergnügen meiner Gesellschaft. Sie wußten, daß ich nach Hause kam, und wollten warten, um mich zu sehen.“
„Ich blieb wegen meines Papa auf, nicht Ihretwegen.“ „Schon gut, Miß Home. Ich werde ein Liebling werden, selbst vor dem Papa bald vorgezogen, das behaupte ich.“
Sie wünschte Mrs. Bretton und mir eine gute Nacht, schien aber mit sich selbst nicht einig zu sein, ob Grahams Reden ihm Anspruch auf gleiche Aufmerksamkeit gäben, als er sie mit einer Hand faßte und mit dieser einen Hand sie über seinem Kopfe schwebend hielt. Sie sah sich so im Spiegel über dem Kamine emporgehoben. Das Unerwartete, das Kecke und Achtungswidrige dieser That war ihr zu stark.
„Schämen Sie sich, Herr Graham,“ sagte sie unwillig; „lassen Sie mich herunter.“ Als sie wieder auf den Füßen stand, setzte sie hinzu: ich möchte wohl wissen, was Sie von mir denken würden, wenn ich Sie so behandeln und mit meiner Hand (sie streckte dies gewaltige Glied aus) in die Höhe heben wollte, wie Warren die kleine Katze?“ Und mit diesen Worten ging sie hinaus.
Herr Home blieb zwei Tage und während seines Besuchs konnte er nicht vermocht werden auszugehen. Den ganzen Tag über saß er an dem Kamine, bald schweigend, bald im Gespräch mit Mrs. Bretton, das sich recht wohl für einen Mann in seiner krankhaften Stimmung paßte, da es nicht gerade übermäßig theilnehmend, aber auch nicht kalt und unfreundlich war, vielmehr etwas Mütterliches hatte, was sich wohl rechtfertigte, da sie um ein Ansehnliches älter war als er.
Pauline, seine Tochter, war gleichzeitig glücklich und stumm, geschäftig und aufmerksam. Ihr Vater nahm sie häufig auf seine Knie und sie saß da still bis sie fühlte oder sich einbildete, er werde unruhig. Dann sagte sie:
„Papa, laß mich herunter, ich werde Dir zu schwer.“
Und die schwere Last glitt herunter auf den Kaminteppich, suchte sich da oder auf einem Stühlchen einen Platz und nahm das weiße Arbeitskästchen und das roth gesprenkelte Taschentuch zur Hand. Dieses Taschentuch war, wie es schien, als Andenken für „Papa" bestimmt und sollte vor seiner Abreise fertig werden, weshalb die Näherin sehr fleißig zu sein Ursache hatte, da sie in einer halben Stunde vielleicht zwanzig Stiche machte.
Der Abend brachte uns, seit Graham sich wieder im Hause der Mutter befand (den Tag war er in der Schule) mehr Leben, und dies wurde allerdings durch die Auftritte nicht gemindert, die zwischen ihm und Miß Pauline vorkamen.
Ein zurückhaltendes und stolzes Benehmen war die Folge der unwürdigen Behandlung gewesen, welche sie am Abend seiner Ankunft zu erdulden gehabt hatte. Ihre gewöhnliche Antwort, wenn er sie anredete, lautete:
„Ich kann nicht auf Sie hören; ich habe an andere Dinge zu denken.“
Und wenn sie gebeten wurde ihm zu sagen, an welche Dinge, sagte sie kurz „Geschäfte.“
Graham bemühete sich ihre Aufmerksamkeit dadurch zu reizen, daß er sein Pult öffnete und den mannichfaltigen Inhalt desselben ausbreitete: Siegel, glänzende Wachsstangen, Federmesser und Kupferstiche zum Theil bunt colorirte -. Auch blieb diese mächtige Versuchung nicht ganz wirkungslos : ihre Augen, die verstohlen von der Arbeit sich erhoben, warfen manches Blickchen nach dem mit vielen Bildern bedeckten Schreibtische. Eines, ein Kind, das mit einem Hündchen spielte, flatterte herunter.
„Das hübsche Hündchen!“ rief sie freudig aus.
Graham achtete klugerweise nicht darauf und gar bald schlich sie aus dem Winkel herbei, um den Schaz mehr in der Nähe zu mustern. Die großen Augen und langen Ohren des Hundes, wie des Kindes Hut mit Federn waren unwiderstehlich.
„Ein hübsches Bild!“ lautete ihre gewöhnliche Bemerkung.
„Du kannst es bekommen,“ sagte Graham.
Sie schien zu zögern. Der Wunsch das Bild zu besitzen war stark, aber wenn sie es annahm, gefährdete sie doch ihre Würde. Nein. Sie legte es hin und wendete sich ab.
„Du willst es nicht haben, Mariechen?“
„Ich will es doch nicht nehmen; ich danke.“
„Soll ich sagen, was ich mit dem Bilde mache, wenn Du es nicht annimmst?“
Sie drehete sich halb herum, um zu hören.
„Ich zerschneide es in kleine Stücke, in Fidibus.“
„Nein.“
„Das thue ich.“
„Bitte nein!“
Graham wurde völlig unerbittlich, als er diesen Ton hörte, und nahm die Scheere aus dem Nähkörbchen seiner Mutter. „Da!“ sagte er, und drohete zu schneiden. Gerade durch Fidos Kopf und des kleinen Heinrichs Nase weg!“ „Nein! Nein! Nein!“
„So komm her, geschwind oder ich schneide.“
Sie besann sich, zögerte, kam aber.
„Willst du es haben?“ fragte er, als sie vor ihm stand. „Ich bitte.“
„Aber - umsonst bekommst Du es nicht.“
„Was verlangst Du dafür?“
„Einen Kuß.“
„Erst, mußt Du mir das Bild in die Hand geben.“
Sie sah dabei allerdings aus, als sei ihr nicht recht zu trauen. Graham gab ihr das Bild und sie - entfloh, ging durch, rasch zu ihrem Vater und flüchtete sich auf dessen Schooß. Graham stand scheinbar sehr zornig auf und folgte. Sie versteckte ihr Gesicht in Homes Weste.
„Papa, Papa, schicke ihn fort!“
„Ich lasse mich nicht abweisen.“
Mit abgewendetem Gesichte streckte sie die Hand aus, um ihn abzuhalten.
„Dann küsse ich die Hand,“ sagte er, aber in demselben Augenblicke wurde die Hand eine Miniaturfaust und gab ihm die Bezahlung in kleiner Münze, die nicht Küsse heißt.
Graham, - der in seiner Art so schlau war wie seine kleine Spielgenossin zog sich scheinbar völlig geschlagen zurück, warf sich auf ein Sopha und legte den Kopf auf ein Kissen, als leide er gewaltigen Schmerz. Da er still war, lugte Mariechen bald hervor. Er hielt Augen und Gesicht mit den Händen zu. Sie drehete sich auf dem Knie ihres Vaters herum und blickte ihren Gegner lange und ängstlich an. Graham wehklagte.
„Papa, was ist's?“ flüsterte sie.
„Frage ihn selbst, Mariechen.“
„Thut es ihm weh?“ (Graham wimmerte.)
„Es klingt so, als hätte er Schmerz,“ sagte Herr Home. „Mutter,“ wimmerte Graham, „schicke doch lieber nach dem Doctor. Ach, mein Auge! Mein Auge!“ Wiederum eine Pause, die nur durch Grahams Wehklagen unterbrochen ward. „Wenn ich blind würde!“ fuhr er dann fort.
Das konnte seine Züchtigerin nicht ertragen. Im nächsten Augenblicke stand sie bei ihm. „Zeige mir Dein Auge,“ sagte sie. „Ich wollte das nicht treffen, nur den Mund, und dann glaubte ich auch nicht, daß ich so sehr stark geschlagen.“ Sie erhielt keine Antwort. Ihre Züge begannen sich zu verdunkeln.
„Es thut mir leid, sehr leid,“ begann sie, dann versagte ihr die Stimme, sie schluchzete und weinte.
„Laß es gut sein, Graham, und prüfe das Kind nicht länger,“ sagte Mrs. Bretton.
„Es ist nicht wahr, er verstellt sich, mein Kind,“ fiel Home ein.
Und Graham faßte sie nochmals und hob sie empor; sie strafte ihn nochmals, und während sie seine Löwenlocken zausete, nannte sie ihn den häßlichsten, plumpsten, unartigsten, schlechtesten, falschen Menschen.“
Am Morgen der Abreise des Herrn Home hatte er eine Unterredung mit seiner Tochter in einer Fenstervertiefung. Ich hörte einen Theil davon.
„Könnte ich nicht einpacken und mit Dir reisen, Papa?“ sprach sie leise, aber in vollem Ernste. Er schüttelte den Kopf.
„Würde ich Dir sehr lästig sein?“
„Ja, Mariechen.“
„Weil ich klein bin?“
„Weil Du klein und zart bist. Nur erwachsene starke Leute sollten reisen. Aber sieh nicht so traurig aus, mein Kind; es bricht mir das Herz. Papa kommt bald zu seinem Mariechen zurück.“
„Ich bin gewiß nicht traurig, Papa.“
„Mariechen wird dem Papa keinen Schmerz machen wollen, nicht wahr?“
„Nein, nein, nein.“
„Dann muß Mariechen heiter sein; sie darf beim Abschiede nicht weinen und nachher sich nicht grämen. Sie muß an das Wiedersehen denken und sich Mühe geben unterdeß glücklich zu sein. Kann sie das thun?“
„Sie wird es versuchen.“
„Ich glaube es. So lebe wohl. Es ist Zeit, daß ich gehe.“
„Jetzt? Gerade jetzt?
„Eben jetzt.“
Sie hielt ihm die bebenden Lippen entgegen. Ihr Vater schluchzete, sie nicht, wie ich bemerkte. Nachdem er sie von sich gelassen hatte, reichte er den übrigen Anwesenden.
Die Hand und ging fort. Als die Hausthür unten sich wieder schloß, sank sie an einem Stuhle auf ihre Knie und rief Laut „Papa!“
Der Ton klang klagend und hielt lange an, als wollte sie sagen: „ warum hast Du mich verlassen?“ Einige Minuten lang litt sie, wie ich sah, den höchsten Schmerz. Sie empfand in dieser kurzen Zeit ihres Kinderlebens Gefühle, welche Einige niemals kennen lernen, und es lag in ihrem Wesen, daß sie mehre solche Augenblicke haben würde, wenn sie am Leben blieb. Niemand sprach. Mrs. Bretton vergoß, als Mutter, ein Paar Thränen. Graham, der schrieb, schlug die Augen auf und sah nach ihr hin. Ich, Lucy Snowe, war ruhig.
Das kleine Wesen, das so sich selbst überlassen blieb, that für sich, was sonst Niemand thun konnte, - es kämpfte mit einem unerträglichen Gefühle und gewann binnen Kurzem einigermaßen die Oberhand. An diesem Tage nahm Pauline von Niemandem Trost an, auch am nächsten nicht; später wurde sie gelassener.
Am dritten Abende, als sie, erschöpft und ruhig, am Boden saß, hob Graham, der eintrat, sie sanft auf, ohne ein Wort zu sagen. Sie sträubte sich nicht, ja sie schmiegte sich, wie müde, in seine Arme. Als er sich setzte, lehnte sie ihr Köpfchen an ihn und nach wenigen Minuten schlies sie. Er trug sie hinauf in ihr Bett. Auch wunderte ich mich nicht, daß am andern Morgen ihre ersten Worte die Frage waren: „wo ist Graham?“
Zufällig kam er nicht zum Frühstück; er hatte noch Arbeiten für die Schule zu beendigen und deshalb seine Mutter ersucht, ihm eine Tasse Thee in sein Stübchen zu schicken. Mariechen erbot sich, sie ihm zu überbringen. Mit etwas mußte sie sich beschäftigen, für Jemanden sorgen. Die Tasse wurde ihr anvertraut, denn sie war zwar ruhelos, aber vorsichtig. Da das Stübchen dem Frühstückszimmer gegenüber lag, so sah ich ihr nach.
„Was thust Du?“ fragte sie ihn und blieb auf der Schwelle stehen.
„Ich schreibe,“ antwortete Graham.
„Warum kommst Du nicht zum Frühstück zu Deiner Mutter?“
„Ich habe zu viel zu thun.“
„Willst Du Frühstück haben?“
„Ja wohl.“
„Da.“
Und sie setzte die Tasse auf den Teppich am Boden wie ein Gefängnißwärter, welcher den Wasserkrug eines Gefangenen durch die Thüre hineinstellt, und ging fort. Im nächsten Augenblicke kehrte sie um.
„Willst Du außer dem Thee etwas - etwas zu essen?“ „Etwas Gutes, etwas ganz besonders Gutes. Du bist ein gutes Mädchen.“
Sie kam zu Mrs. Bretton zurück und sagte:
„Schicken Sie doch, ich bitte, Ihrem Sohne etwas Gutes.“
„Du sollst es für ihn selbst aussuchen, Mariechen. Was wird mein Sohn bekommen?“
Sie suchte etwas von allem Guten aus und kam bald zurück, um leise einige eingemachte Früchte zu erbitten, die nicht da waren. Sie erhielt das Gewünschte trotzdem, denn Mrs. Bretton schlug dem Paare nichts ab, und wir hörten bald darauf, daß Graham sie bis in den Himmel erhob und ihr versprach, sie, sobald er ein eigenes Haus habe, zu seiner Haushälterin, vielleicht gar wenn sie Anlage dafür zeige, zu seiner Köchin zu machen. Da sie nicht wieder kam, ging ich nach, um nach ihr zu sehen, und fand sie mit Graham beim Frühstück. Sie stand neben ihm und theilte was er hatte, ausgenommen das eingemachte Obst, von dem sie durchaus nichts annehmen wollte, wahrscheinlich damit es nicht scheine, als habe sie es ebenso in ihrem als seinem Interesse erbeten. So zartes Gefühl und Unterscheidungsvermögen zeigte sie bei jeder Gelegenheit.
Dieses so geschlossene Freundschaftsbündniß wurde auch nicht etwa schnell wieder gelöset, im Gegentheil, Zeit und Umstände schienen es eher fester zu ziehen als zu lockern. So wenig sie beide dem Alter, dem Geschlecht, der Beschäftigung nach zusammenpaßten, hatten sie einander doch immer viel zu sagen. Wie ich bemerkte, trat der kleine Charakter Paulinens nie so recht heraus, außer bei dem jungen Bretton. Nachdem sie im Hause eingewöhnt war, zeigte sie sich ziemlich gehorsam und nachgiebig gegen Mrs. Bretton, aber sie konnte einen ganzen Tag lang auf einem Stühlchen zu den Füßen dieser Dame sitzen, ihre Aufgabe lernen, oder nähen, oder Zahlen auf einer Schiefertafel schreiben, ohne ein einziges Mal zur Originalität sich zu erheben, oder einen einzigen Strahl der Eigenthümlichkeiten ihres Wesens zu verrathen. Ich hörte endlich auf unter solchen Umständen sie zu beobachten. Sobald aber am Abend Graham klopfte, ging eine Verwandlung mit ihr vor und augenblicklich lief sie an die Treppe. Gewöhnlich empfing sie ihn mit einem Tadel oder einer Drohung.
„Du hast die Stiefeln auf der Decke nicht gehörig abgestrichen. Ich werde es Deiner Mutter sagen.“ „Bist Du da, geschäftige Martha?“
„Ja,“
Ich aber Du kannst mich nicht erreichen bin viel höher als Du.“ Und dabei sah sie zwischen den Stäben das Treppengeländer hinunter, da sie nicht über dieselben sehen konnte.
„Mariechen.“
„Lieber Junge!“ (So nannte sie ihn bisweilen, wie sie es von seiner Mutter gehört hatte.)
„Ich falle vor Müdigkeit fast um“, erklärte Graham und er lehnte sich hin als sei er ganz und gar erschöpft. „Dr. Digby" (der erste Lehrer) hat mich gar zu sehr angestrengt; ich kann nicht mehr. Komm herunter und hilf mir die Bücher die Treppe hinauf tragen.“
„Du belügst mich.“
„Nein, nein, Mariechen, es ist wahr. Ich bin schwach wie eine Fliege, komm herunter.“
„Deine Augen sehen ruhig aus, wie die Augen der Katze, aber Du wirst einen Saß machen.“
„Einen Satz? Dazu habe ich die Kräfte nicht. Komm herunter.“
„Vielleicht - komme ich, wenn Du versprechen willst, mich nicht anzurühren, mich nicht emporzuheben und herumzudrehen.“
„Ich? Das bin ich heute nicht im Stande“, antwortete er und sank in dem Flur auf einen Stuhl.
„Dann lege die Bücher auf die erste Stufe und gehe drei Schritte davon.“
Als dies geschehen war, ging sie vorsichtig hinunter und wendete die Augen von dem matten Graham nicht ab. Ihre Annäherung gab ihm natürlich mit einem Male neues sprühendes Leben und es kam zum Haschen und Balgen. Bisweilen wurde sie bös, bisweilen ging es glimpflicher ab und wir hörten sie sagen, während sie ihn die Treppe herauf geleitete:
„Nun, lieber Junge, komm und trinke Deinen Thee. Du mußt recht hungerig und durstig sein.“
Komisch war es, wenn man sie beobachtete, während er aß und sie neben ihm saß. In seiner Abwesenheit war sie immer still, bei ihm aber das diensteifrigste und unruhigste kleine Wesen. Oftmals wünschte ich, sie möchte an sich, denken und still sitzen, aber nein, - sie vergaß sich ganz und gar in ihm; er konnte nicht aufmerksam genug bedient und versorgt werden und war für sie mehr als der Großsultan. Allmälig schob sie alle Teller vor ihm zusammen und wenn man hätte glauben sollen, es sei alles in seiner Nähe was er möglicher Weise sich wünschen könnte, machte sie doch noch etwas ausfindig und flüsterte Mrs. Bretton zu:
„Vielleicht möchte Ihr Sohn ein Stückchen Kuchen haben, von dem süßen, Sie wissen schon..., dort ist noch etwas davon“ und sie wies auf den Anrichtetisch. Mrs. Bretton war jedesmal gegen süßen Kuchen zum Thee, die Kleine aber wiederholte doch die Bitte: „ein ganz kleines Stück nur für ihn weil er in die Schule geht Mädchen, wie ich und Miß Snowe, brauchen so Gutes nicht, aber ihm würde es schmecken.“
Er schmeckte Graham ganz vortrefflich und er erhielt fast immer etwas. Er würde auch - diese Gerechtigkeit muß ich ihm widerfahren lassen gern mit ihr getheilt haben, der er es verdankte, aber das nahm sie nie an und wenn er in sie drang, verstimmte er sie für den ganzen Abend. Sie erwartete keinen andern Lohn als neben seinem Knie zu stehen und von ihm allein beachtet zu werden, an den Kuchen lag ihr wenig.
Mit merkwürdiger Schnelligkeit und Bereitwilligkeit ging sie in Gesprächsgegenstände ein, die ihn interessirten. Man - hätte glauben können, das Kind habe gar kein eigenes Leben, keine eigene Seele, sondern müsse in einem Andern leben und sein. Da ihr Vater ihr entrissen war, schmiegte sie sich an Graham und schien durch dessen Empfindungen zu fühlen, in dessen Sein zu sein. In einem Nu kannte sie die Namen aller seiner Schulcameraden und behielt die Charakterschilderung, die er von jedem gab; eine einfache Beschreibung gnügte dazu. Sie vergaß keinen und verwechselte nie Einen mit einem Andern. Einen ganzen Abend hindurch konnte sie so mit ihm über Personen sprechen, welche sie nie gesehen hatte. Einige lernte sie sogar nachahmen; ein Unterlehrer z. B., gegen welchen der junge Bretton eine starke Abneigung fühlte, mochte wohl einige Eigenthümlichkeiten haben. Diese faßte sie nach Grahams Darstellung sofort auf und stellte sie vor, was indeß Mrs. Bretton mißbilligte und untersagte.
Selten zankte das Paar mit einander; einmal aber kam es zum Bruche und die Kleine litt schwer dabei.
An seinem Geburtstage sollten einige Freunde Grahams, Knaben seines Alters, zu Tische im Hause seiner Mutter sein. Pauline interesserte sich sehr für die Ankunft dieser Freunde; sie hatte oft von denselben gehört, denn Graham sprach von ihnen am häufigsten. Nach Tische überließ man die jungen Herrchen sich selbst im Speisezimmer, wo sie bald sehr lustig wurden und großen Lärm machten. Als ich zufällig einmal durch den Flur ging, sah ich Paulinen allein auf der untersten Treppenstuse sitzen. Ihre Augen waren unverwandt auf die glänzenden Felder der Speisezimmerthür gerichtet, auf denen sich das Licht der Flurlampe spiegelte, und ihre kleine Stirn hatte sich in nachdenkliche Falten gezogen.
„Was bedenkst Du, Mariechen?“
„Nichts Besonderes; ich wollte nur, die Thür wäre von Glas, damit ich durchsehen könnte. Die Jungen scheinen so lustig zu sein und ich möchte zu ihnen gehen; ich möchte bei Graham sein und seinen Freunden zusehen.“
„Warum gehst Du nicht hinein?“
„Ich fürchte mich, meinst Du aber, daß ich es versuche? Darf ich anpochen und bitten, daß sie mich hineinlassen?“
Ich meinte, sie würden sie nicht ungern als Spielgenossin haben und redete ihr also zu. Sie klopfte an zu schwach anfangs, als daß sie hätte gehört werden können; nach der Wiederholung des Klopfens aber öffnete sich die Thür und Graham steckte den Kopf heraus. Er schien in der allerbesten Laune zu sein, aber sehr wenig Geduld zu haben.
„Was willst Du, kleiner Affe?“
„Ich will mit zu Dir kommen.“
„Willst Du? Das fehlte mir. Geh zur Mama und Miß Snowe und bitte sie, daß sie Dich zu Bett bringen.“ Der braune Lockenkopf und das geröthete Gesicht verschwand, die Thür wurde zugeschlagen. Sie war wie betäubt.
„Warum spricht er so? Er sagte noch niemals so“, äußerte sie in ihrer Bestürzung.,Was habe ich gethan?“ „Nichts, Mariechen, aber Graham ist mit seinen Schulfreunden beschäftiget.
„Und sie hat er lieber als mich. Er weiset mich fort, da sie bei ihm sind.“
Ich wollte sie trösten und die Gelegenheit benutzen, um ihr einige jener Weisheitslehren beizubringen, deren ich immer einen ansehnlichen Vorrath hatte. Sie unterbrach mich aber, da sie bei den ersten Worten, die ich sagte, sich die Ohren zuhielt und so lang sie war auf die Dielen legte, mit dem Gesicht gegen den Fußboden. Weder Warren noch die Köchin vermochten sie da hinweg zu bringen und so ließ man sie liegen bis sie freiwillig aufstand.
Graham vergaß seinen ungeduldigen Aerger noch denselben Abend und würde sie wie gewöhnlich angesprochen haben, nachdem sich seine Freunde entfernt hatten, aber sie entzog ihm ihre Hand, ihr Auge flammte und sie wollte ihm weder gute Nacht sagen noch ihm in's Gesicht sehen. Am nächsten Tage behandelte er sie mit Gleichgiltigkeit und sie wurde wie ein Stück Marmor. Am zweiten Tage bemühete er sich von ihr zu erfahren, was sie gegen ihn habe, aber ihre Lippen öffneten sich nicht. Natürlich konnte auf seiner Seite kein wirklicher Groll bestehen und so versuchte er sie durch Liebkosen wieder zu besänftigen und zu gewinnen. Warum sie mit ihm bös sei? Was er ihr zu Leid gethan habe? fragte er. Allmälig antworteten ihm Thränen; er streichelte und klopfte sie und sie versöhnten sich wieder. Aber solche Vorgänge blieben ihr unvergessen und ich bemerkte, daß sie seit dieser Zeit ihn nie wieder aufsuchte, ihm nicht folgte, in keiner Weise sich bestrebte von ihm beachtet zu werden. Einmal bat ich sie ein Buch oder etwas der Art zu Graham zu tragen, als er sich in seinem Stübchen befand.
„Ich werde warten bis er herauskommt“, sagte sie stolz; „ich will ihm nicht die Mühe machen aufzustehen und mir die Thür zu öffnen.“
Der junge Bretton besaß ein Pony, auf dem er oft ritt. Vom Fenster aus sah sie ihn stets fortreiten und zurückkommen und ihr Ehrgeiz ging dahin, in dem Hofe auf dem Pony herumreiten zu dürfen, aber sie konnte sich nicht entschließen, um d diese Vergünstigung zu bitten. Eines Tags ging sie hinunter, um ihn absteigen zu sehen. Sie lehnte sich an die Thür und das sehnsüchtige Verlangen nach einem Ritte glänzte in ihrem Auge.
„Komm her, Mariechen Willst Du Dich einmal aufsehen?“ fragte Graham leichthin. Ihr klang es, glaube ich, gar zu leicht hingeworfen.
„Nein, ich danke“, antwortete sie und wendete sich ganz gelassen ab.
„Ich rathe Dir doch dazu,“ fuhr er fort. „Es wird Dir gewiß gefallen.“
„Ich mache mir gar nichts daraus.“
„Das ist nicht wahr. Du hast es der Lucy gesagt, daß Du einmal reiten möchtest.“
„Lucy ist eine Plappertasche,“ hörte ich sie antworten und darauf kehrte sie in das Haus zurück. Als Graham in das Zimmer kam, sagte er zu seiner Mutter:
„Mama, ich glaube, die Kleine ist ein Wechselbalg; sie ist eine wahre Curiositätensammlung, aber ohne sie wäre es langweilig hier und sie unterhält mich weit mehr als Du und Lucy.“
„Miß Snowe,“ sagte Pauline zu mir als sie sich gewöhnt hatte, gelegentlich mit mir zu plaudern, wenn wir Abends allein in unserm Schlafzimmer waren, weißt Du, an welchem Tage in der Woche mir Graham am besten gefällt?“
„Wie kann ich etwas so Seltsames wissen? Ist er an einem Tage von den sieben anders als an den übrigen sechs?“
„Gewiß. Siehst Du das nicht auch? Weißt Du es nicht? Mir gefällt er Sonntags am besten; da haben wir ihn den ganzen Tag, er ist so ruhig und Abends so freundlich!“
Diese Bemerkung war nicht ganz ungegründet. Der Besuch der Kirche u. s. w. erhielt Graham ruhig und den Abend widmete er meist einem heitern, wenn auch etwas trägen Genuß am Kamine. Er nahm Platz auf dem Sopha und rief dann Mariechen.
Graham war nicht ganz wie Knaben in seinem Alter meist sind; er fand nicht seine einzige Freude im Thätigsein; bisweilen versank er in Gedanken; auch las er gern und zwar nicht ganz ohne Wahl; er zeigte darin einen Schimmer von charakteristischer Vorliebe und selbst von instinctmäßigem Geschmacke. Allerdings machte er selten Bemerkungen über das was er las; aber ich sah ihn über das Gelesene nachdenken.
War Mariechen in seiner Nähe, kniete sie auf einem kleinen Kissen auf dem Teppiche, so entstand wohl ein Gespräch, das leise, wenn auch nicht ganz unhörbar geführt wurde. Ich vernahm bisweilen einige Bruchstücke von dem Inhalte und ein besserer Einfluß als der allgewöhnliche schien dann Graham zu einer nicht unfreundlichen Stimmung zu bringen.
„Hast Du diese Woche Lieder auswendig gelernt, Mariechen?“ „Ein sehr hübsches von vier Versen. Soll ich Dir es sagen?“
„Sprich aber deutlich und übereile Dich nicht.“
Hatte sie das Lied hergesagt oder vielmehr halb gesungen, so tadelte Graham dieses und jenes und unterrichtete sie, wie sie es besser zu machen habe. Sie begriff schnell und verstand nachzuahmen; da ihr Vergnügen überdies dar in bestand, Graham Vergnügen zu machen, so war sie eine eifrige Schülerin. Dem Liede folgte Lesen - vielleicht eines Kapitels in der Bibel. Dabei war selten eine Verbesserung nöthig, denn das Kind konnte ein einfach erzählendes Kapitel recht gut lesen und wenn der Gegenstand von der Art waren, daß sie ihn verstehen und sich dafür interesstren konnte, las sie sogar mit bemerkenswerthem Ausdrucke. Ihre Lieblingsstellen waren die Geschichte von Joseph, wie er in die Grube geworfen wird, Daniel in der Löwengrube u. s. w. Das Pathos der erstern namentlich schien sie vollkommen zu fühlen.
„Der arme Jakob!“ sagte sie bisweilen und ihre Lippen zitterten. „Wie er seinen Sohn Joseph lieb hatte! So sehr,“ setzte sie einmal hinzu, so sehr, Graham, wie ich Dich lieb habe.. Wenn Du sterben solltest“ (sie schlug das Buch wieder auf, suchte den Vers und las) würde ich mich nicht trösten lassen und mit Trauer in die Grube fahren.“
Bei diesen Worten umschlang sie Graham mit ihren Aermchen und zog seinen Kopf mit dem langen Haar an sich. Es fiel mir dies als sehr übereilt auf und machte in mir den Eindruck, den man haben mag, wenn man ein durch Kunst halbgezähmtes, von Natur gefährliches Thier zu unvorsichtig liebkosen steht. Ich fürchtete keineswegs, daß Graham sie verlegen oder rauh zurückweisen würde; ich glaubte nur, sie könne eine ungeduldige Abweisung erfahren, die bei ihr fast schlimmer als ein Schlag sein mußte. Er ließ sich indeß solche Aeußerungen einfach gefallen; bisweilen lächelte sogar eine wohlgefällige Verwunderung über ihre eifrige Zuneigung nicht unfreundlich in seinen Augen. Einmal sagte er:
„Du hast mich fast so lieb, als wenn Du mein Schwesterchen wärest, Mariechen.“
„Ach ja, ich habe Dich lieb,“ antwortete sie, ich habe Dich sehr lieb.“
Die Freude an dieser Charakterbeobachtung blieb mir nicht lange. Sie war kaum zwei Monate in Bretton gewesen, als ein Brief von Herrn Home kam, welcher meldete, er habe sich unter seinen mütterlichen Verwandten auf dem Fest lande niedergelassen, England sei ihm gänzlich verleidet und er werde vielleicht Jahre lang fern bleiben; deshalb wünsche er, daß seine kleine Tochter sogleich zu ihm komme.
„Wie sie diese Nachricht wohl aufnehmen wird?“ sagte Mrs. Bretton, nachdem sie den Brief gelesen hatte. Ich war auch neugierig und übernahm es, sie ihr mitzutheilen.
Ich ging also in das beste Zimmer in dessen stillem geschmücktem Raume sie sehr gern allein war und recht wohl auch allein gelassen werden konnte, da sie nichts angriff oder vielmehr nichts beschmuste oder verdarb was sie angriff. Sie saß da wie eine kleine Odaliske auf einem Divan, von den herabhängenden Gardinen des nahen Fensters halb verhüllt. Sie schien glücklich zu sein und hatte alles, was sie zur Feschäftigung brauchte, bei sich das weiße Arbeitskästchen von Holz, ein Paar Streifen Muslin und ein Paar Bandstückchen, die sie sich gesammelt hatte, um sie zu Putzsachen für ihre Puppe zu verarbeiten. Diese Puppe lag mit Nachtmüze und Nachtkleid in dem Bettchen; sie wiegte sie in den Schlaf und sah aus, als glaube sie fest daran, daß sie schlafen könne; gleichzeitig aber beschäftigten sich ihre Augen mit einem Bilderbuche, das aufgeschlagen auf ihrem Schooße lag.
„Miß Snowe,“ sagte sie halblaut, „das ist ein wunderbares Buch. Candatz" (die Puppe, die von Graham so getauft war und ihrer Farbe wegen" ein ziemlich äthiopisches Aussehen hatte) schläft und ich kann Dir erzählen, aber wir dürfen nicht laut sprechen, damit wir sie nicht wecken. Graham hat mir das Buch gegeben. Es erzählt von Ländern, die weit, weit von England liegen und die kein Reisen der erreichen kann, ohne Tausende von Meilen über das Meer zu fahren. Wilde Menschen leben in diesen Ländern, Miß Snowe, und sie haben ganz andere Kleider als wir, manche haben auch gar keine Kleider, um nicht zu schwitzen, weißt Du, denn bei ihnen ist es sehr warm. Hier ist ein Bild von Tausenden, die in einer Wüste zusammengekommen sind in einer Ebene, die mit Sand bestreut ist und sie stehen um einen schwarzgekleideten Mann herum, einen guten, guten Engländer, einen Missionär, der ihnen unter einem Palmbaume prediget.“ (Sie zeigte ein kleines colorirtes Bild.) „Und da sind noch wunderbarere Bilder als das. Hier ist die große chinesische Mauer und da eine chinesische Frau, die einen kleineren Fuß hat als ich. Hier ist ein wildes Pferd aus der Tartarei und hier das allermerkwürdigste - ein Land von Eis und Schnee, ohne grüne Felder, Wälder oder Gärten. In diesem Lande hat man Mamuthknochen gefunden; jetzt giebt's aber keine Mammuths mehr. Du weist es nicht, was das war, ich kann Dir's aber sagen, weil Graham mir's gesagt hat: ein großes mächtiges Thier, so hoch wie die Stube da und so lang wie der Flur unten, aber gar nicht wild und nicht fleischfressend, meint Graham. Er glaubt, wenn ich einem in einem Walde begegnete, würde es mich nicht todt machen, ich müßte ihm denn gerade in den Weg treten; da würde es mich in das Gebüsch niedertreten, wie ich vielleicht ein Graspfe einer Wiese niedertrete, ohne daß ich es wüßte.“
So plauderte sie weiter.
„Mariechen,“ unterbrach ich sie, würdest Du gern reisen?“
„Jetzt noch nicht,“ lautete ihre kluge. Antwort, „aber nach zwanzig Jahren vielleicht, wenn ich erwachsen bin, so groß wie Mrs. Bretton, kann ich mit Graham reisen. Wir wollen nach der Schweiz gehen und auf den Mont Blanc steigen; einmal fahren wir auch nach Südamerica und gehen hinauf auf den Kim... Kim Borazo.“
„Würdest Du nicht sie gern reisen, wenn Dein Vater bei Dir wäre?
Ihre Antwort - sie sie erst nach einer Pause gab verrieth einen jener unerwarteten ihr eigenthümlichen Temperamentswechsel.
„Was nützt solch albernes Reden?“ sagte sie. „Warum erwähnst Du Papa? Was geht Dich Papa an? Ich fing eben an glücklich zu sein und nicht mehr gar zu viel an ihn zu denken, und nun wird alles wieder vorbei sein.“
Ihre Lippe zitterte, und ich beeilte mich ihr die Ankunft des Briefes und den Wunsch ihres Vaters zu melden, daß sie mit ihrer Wärterin sogleich zu ihm kommen solle. Freust Du Dich nun, Mariechen?“ setzte ich hinzu.
Sie antwortete nicht, ließ ihr Buch fallen und hörte auf die Puppe zu wiegen. Ernst sah sie mich an.
„Gehst Du nicht gern zu Deinem Vater?“
„Gewiß,“ antwortete sie endlich in dem schneidenden
Tone, in welchem sie gewöhnlich mit mir sprach und der sich ganz von jenem unterschied, den sie Mrs. Bretton gegenüber brauchte, und der wiederum ein anderer war als der, welcher Graham galt. Ich wünschte mehr von ihren Gedanken zu erfahren, aber - sie mochte nicht weiter sprechen. Sie eilte zu Mrs. Bretton, fragte sie und empfing die Bestätigung meiner Nachricht. Die Schwere und Wichtigkeit derselben erhielt sie den ganzen Tag über vollkommen ernst. Abends, als man Grahams Ankunft unten hörte, war sie neben mir. Sie fing an ein Band um meinen Hals zu ordnen, nahm den Kamm aus meinem Haar und steckte ihn wieder ein. Bei dieser Beschäftigung traf sie Graham.
„Sag ihm,“ flüsterte sie mir zu, daß ich fortgehe.“ Während des Theetrinkens machte ich die gewünschte Mittheilung. Graham hatte damals, wie es schien, alle seine Gedanken auf eine Schulprämie gerichtet, um die er sich bewarb. Die Neuigkeit mußte ihm zweimal gesagt werden, ehe er darauf achtete, und selbst dann verweilte er nur ganz flüchtig dabei.
„Mariechen geht fort? Wie Schade! Das liebe Mäuschen! Ich werde sie recht ungern verlieren. Mama, sie muß wieder zu uns kommen.“
Er trank hastig seinen Thee, nahm ein Licht und ein Tischchen für sich und seine Bücher allein in Beschlag und war bald ganz mit seiner Arbeit beschäftiget.
„Mäuschen“ schlich zu ihm und legte sich zu seinen Füßen auf den Teppich, mit dem Gesicht an den Boden; stumm und bewegungslos blieb sie in dieser Stellung bis zur Schlafenszeit. Einmal sah ich, wie Graham - der von ihrer Nähe nichts ahnte - mit seinem ruhelosen Fuße sie stieß. Sie rückte ein Paar Zolle weiter. Eine Minute darauf kam eine kleine Hand unter dem Gesicht langsam hervor, auf die sie gedrückt worden war, und streichelte sanft den achtlosen Fuß. Als ihre Wärterin sie rief, stand sie gehorsam auf und ging fort, nachdem sie uns allen traurig gute Nacht gewünscht hatte.
