Viral - Chris Martin - E-Book

Viral E-Book

Chris MARTIN

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Beschreibung

Der Einfamilienhaus-Keller in einer deutschen Kleinstadt, aus dem ein Mega-Influencer seinen YouTube-Kanal bestreitet, wird zum Sprungbrett für die Umwelt-Recherchen einer aufgeweckten Schülerin. Begabt, listig und unerschrocken kommt ANNA LOHMANN (19) einem entsetzlichen Verdacht auf die Spur. Annas verwegene Ermittlungen sind jenen der offiziellen Medien stets einen schockierenden Schritt voraus. Je mehr sich ihre Berichterstattung bewahrheitet, desto tiefere Abgründe tun sich auf. Immer wieder müssen höchste Stellen bestätigen, was der unerschrockene YouTube-Kanal als erster bringt. Annas Verbündeter ist NOA (19), Mitschüler, Programmierfuchs und ‚Wissenschaftsredakteur‘ des YouTube-Kanals. Emotional fühlt Anna sich wider Willen hingezogen zu JAN HANSBERG (25) aus der Presseabteilung des Gesundheitsministeriums, der sie mit geheimen Informationen versorgt und schließlich überläuft. Schwer macht das Leben für Anna ihr labiler VATER, der nach dem jähen Tod der Mutter Halt bei einer FRAU sucht, der Anna ihren kleinen Bruder nicht anvertrauen möchte.

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Seitenzahl: 172

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Chris Martin

Viral

Der Tag, an dem die Menschheit stirbt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Hitze

Verdacht

Zuspitzung

Mauer des Schweigens

Tolles Ding

Zucker …

Der Angriff

Mutmaßungen

Stürmische Nacht

Der entscheidende Hinweis

Exklusiv

Offizielles Eingeständnis

Mangelware

Obacht

Station

Lasst alle Hoffnung fahren

Noch drei Monate

Unruhe

Letzter Versuch

Selbstjustiz

Betrogen

Endzeit

Lukas!

Mayerhöhe

Die Straßensperre

Die Berühmtheit

Der Bus

Gunst der Stunde

Dilemma

Tag der Entscheidung

Die Lösung

Taumel

Anna sagt᾽s

Impressum neobooks

Prolog

An einem rätselhaften Ort erinnert sich die traumatisierte Anna an entsetzliche Ereignisse, begreift aber nicht mehr, was geschehen ist. Endlich fällt ihr wieder ihr Name ein. Und wie alles angefangen hatte.

Sie schwitzte. Die letzte der sinnlos im Saal verstreuten mobilen Klimaanlagen war kurz davor, ihren Geist aufzugeben. Die Betten der improvisierten Krankenstation versanken im Hitzemeer. Wie Fieber kroch es in das Loch, das die Kugeln in ihr Trikothemd gerissen hatten und breitete sich aus über dem Wundpflaster auf ihrem Bauch.

Hinter den Panoramafenstern ragten die hohen Bäume in stickiges Sonnenlicht. Die Scheiben knisterten vom anwehenden Staub. Das trostlose Geräusch weckte den Wunsch nach menschlicher Nähe. Doch ihr Inneres war ohne Worte. Bilder gingen dort durcheinander – gleißender Wald – stolpernder Marsch, auf dessen Höhepunkt sie zusammengebrochen war …

Über den Nachbarbetten webte Gemurmel. Von Bussen war darin die Rede, von neuen Freiwilligen, die sie brachten. Nicht die geringste Ahnung hätten die, was hier auf sie zukäm.

Sie versuchte zu schlafen.

Ihr Geist versank in einem mutlosen Taumel. Und doch war es sie. Sie war da! Seit 18 Jahren! Auch, wenn ihr Name ihr gerade nicht einfiel.

Wie konnte alles dermaßen durcheinander geraten sein?

Merkwürdige Bilder tauchten auf. War sie das, die fuchtelnd um sich schlug auf der sonnigen Liegewiese am See? Waren das ihre Arme, ihr Gesicht, die ganz mit Pusteln übersät waren?

Was war bloß geschehen? Sie konnte sich an nichts erinnern.

Dann sah sie sich etwas schreiben: Treibhauseffekt – wissen wir alles? Nicht nur das Klima hat sich verändert.

Aber worum es weiter in dem Text ging, fiel ihr nicht ein. Wenngleich sich ein grimmiger Zug um ihren Mund gebildet hatte.

Plötzlich erhob sich das Bild eines Mannes, und sein Name war ihr unbegreiflicherweise vollkommen klar: Tüchersfeld, der im Bundesinstitut für Infektionskrankheiten arbeitete. Sie sah ihn seine Koffer packen. Während einer noch nie da gewesenen Gesundheitskatastrophe war er im Begriff, fluchtartig das Land zu verlassen.

Zweifellos hatte sie wichtige Informationen besessen. Geheime Informationen. Weil sie Zugang hatte zu entscheidenden Leuten.

Deren Namen aber waren ihr entfallen.

Vor drei Jahren hatte ihre Tante einmal von einer Geschäftsreise aus Asien eine Bildergeschichte mitgebracht. Es war ein Manga gewesen, der wilde, abenteuerliche Zeichnungen aneinander reihte – von Geistern aus der Unterwelt und einer Prinzessin, die auf Wölfen ritt. Aber sie konnte die Schriftzeichen nicht lesen. Sie kannte auch niemand, der ihr den Sinn der tollen Szenen hätte erklären können. So stand sie jetzt vor den Bildern ihrer Erinnerung.

Ein Pfleger kam in die Behelfsstation. Er bemerkte das Mädchen mit der Schusswunde auf ihrem Bett in Nähe des Panoramafensters.

Er hob die heruntergefallene Decke vom Boden und breitete sie wieder aus über ihrem fiebrigen Körper.

Sie konnte seine Bierfahne riechen und erinnerte sich plötzlich, ihm einmal etwas von sich erzählt zu haben.

Wahrscheinlich wusste er im Moment mehr über sie, als sie selbst.

Die Menschen, die in den umher stehenden Krankenbetten lagen, hatten bemerkt, dass sich noch jemand näherte.

»Herr Doktor! Professor! Davila!«

»Was ist los?« Der Klang seiner Stimme schnitt ihr ins Herz. Sie wusste nicht, warum.

Zwei Sicherheitsleute traten dem müde wirkenden Jeansträger im Arztkittel zur Seite und ließen ihn nicht aus den Augen.

Die Stimmen gingen weiter durcheinander:

»Kommen wir morgen nochmal dran? Wir warten hier schon die ganze Woche.«

»Ich fühle mich gut, meine Frau auch. Haben wir Placebos bekommen?«

»Kann ich im Moment nicht sagen«, antwortete Davila, »ich bräuchte die Unterlagen.«

»Das sind doch Ausreden!« erklang eine zitternde Stimme. »Verarschen können wir uns selber.«

Ein junger Mann in schäbigem T-Shirt strecke etwas in seiner rechten Hand vor. »W-was sagen Sie dazu?«

Davila warf einen Blick auf die Anzeigefläche des ihm unter die Nase gehaltenen Smartphones.

»Wenn Sie glauben, dass es Ihre Chancen erhöht«, sagte er, »versuchen Sie’s. Hier wird keiner zu irgendwas gezwungen.«

Er ging weiter.

»Davila!« rief der junge Mann hinterher. »Bleib stehen!«

Der Arzt drehte sich müde zurück und fragte: »Was wollen Sie von mir?«

Wieder machten seine Worte sie wehmütig. Als hätte sie sie einst gehört – von einer traurigen Stimme, bangen Stimme, die ihr die Brust einschnürte, so oft sie sprach.

Sie wusste weder wann noch wo.

Der junge Mann war ruhiger geworden, sank zurück in seine fleckigen Kissen. Er sagte: »Was ihr hier verzapft, ist doch Kinderkram. Wenn das je vor Gericht kommt, sitzt ihr alle lebenslänglich.«

Davila ging weiter, kam jetzt endlich in ihre Nähe.

Die Sicherheitsleute folgten ihm auf dem Fuß.

»Hallo Anna«, sagte er.

»Hallo«, erwiderte sie schwach.

Anna – war das ihr Name?

»Wissen Sie inzwischen wieder, was Sie getan haben?« fragte er.

Zum dritten Mal hörte sie aus seinem Mund die Stimme, die ihr weh getan hatte. Für einen Moment war ihr, als wüsste sie, wann die traurigen Worte zu ihr gesprochen worden waren.

Doch die Erinnerung verflog schon wieder.

»Geht es ihnen besser«? fragte Davila. »Kann ich etwas für Sie tun?«

»Ich kann mich an nichts mehr erinnern«, sagte sie.

»Was ist denn passiert?«

»Mir dreht sich alles im Kopf.«

Konnte er ihr nicht etwas dagegen geben?

»Vorher sollten wir Sie nochmal untersuchen«, sagte er.

»Aber ich habe so was auch schon früher mal gehabt«, sagte sie wie im Traum.

Sie versuchte, sich an den Namen des Medikamentes zu erinnern, das ihr geholfen hatte.

Davila beugte sich mit einer kleinen Taschenlampe vor und leuchtete ihr in die Augen.

Er sah sie an und erwähnte ein Medikament. Beim Erklingen des Namens leuchtete es kurz in ihr auf.

»Ja, das kann es gewesen sein. Das ist es bestimmt gewesen!«

»Seine Produktion ist inzwischen eingestellt worden.«

»Warum denn?«

»Alle Pharma-Rohstoffe werden jetzt für die Experimente benötigt. Aber ich hab᾽ hier … « Er langte in seinen Kittel und zog etwas daraus hervor. »Probieren Sie das. Ich kann wie immer für nichts garantieren.«

Sie nahm die kleine Glasflasche. »Muss es gespritzt werden?«

»Das wäre zu stark. Trinken Sie es.«

Es schmeckte wie Feuer und nahm ihr den Atem. »Es brennt!« keuchte sie.

Der Arzt lächelte gequält und nickte. »Deswegen kann man es nicht spitzen.«

Sie warf die kleine Flasche zu Boden.

»Nicht«, sagte der Davila. »Sie müssen alles trinken.«

»Was ist da drin?«

»Es hilft gegen Gedächtnisstörungen.« Dann bat er sie um Entschuldigung, er müsse weiter.

Das Blut schoss ihr in die Schläfen, und ihr Herz pumpte wie wild. Ihr war weh und angstvoll wie einem kleinen Kind.

»Doktor«, hörte sie sich auf einmal sagen, »stimmt es, dass Sie die Lösung bereits gefunden haben?«

»Welche Lösung?«

»Ich weiß nicht – weswegen wir alle hier sind …«

»Das Gegenmittel?«

»Ja. Die Leute sagen, dass Sie die Lösung bereits gefunden haben, aber nur denen zur Verfügung stellen, die dafür bezahlen können. Wir werden hier alle zurückgehalten, damit es so aussieht, als wäre es noch nicht entdeckt worden.« Sie wusste nicht, woher die Worte aus ihrem Mund kamen. Hatte jemand sie ihr eingegeben? »Ziehen Sie nicht die Reichen vor. Die haben uns alles eingebrockt. Wenn nur sie überleben, werden sie die gleiche Welt nochmal errichten. Ziehen Sie nicht die Reichen vor, sonst geht die Welt wieder unter.«

Davila lächelte und blickte durch die Panoramascheibe hinaus in den trockenen Wald. Zwei Helfer tauchten in der Türe auf und signalisierten ihm zu kommen.

»Was ist?« fragte er.

»Du sollst sofort wieder zurückkommen. Sie haben da etwas. Es ist unglaublich!«

Davila begab sich auf den Weg zur Türe. Die Sicherheitsleute folgten ihm.

Der junge Mann rief Schimpfworte hinterher, und das Gerücht flammte wieder auf, schon als Leiter eines großen Pharma-Labors habe Davila Menschenexperimente zu verantworten gehabt.

»Er ist in Ordnung, ohne ihn wären wir alle verloren«, meinte eine ängstliche Frau.

»Bis jetzt hat er noch niemanden von uns gerettet«, sagte der junge Mann.

»Dafür wird er zur Hölle zu fahren. Ich kenne nur Leute, die durch seine Experimente gestorben sind. Oder hat hier vielleicht einer überlebt, ohne Placebos bekommen zu haben?«

»Ich habe angefangen mit dem Meditieren«, sagte eine andere Stimme. »Damit kann es gelingen, den Schädling auszutreiben.«

Ein grauhaariger Mann hob den Kopf aus den Kissen und schüttelte ihn. »Man kriegt den Körper nicht frei davon durch irgendwelche esoterische Techniken.

»Ich hab᾽ gestern gelesen, dass sie in Indien einen Durchbruch erzielt haben: durch medizinische Experimente – nicht Meditation.«

Ein anderer hatte auch davon gehört »Aber die Geretteten sollen alle Haare verloren haben.«

»Der Versuchsleiter ist erschlagen worden. Weil er auf eigene Faust gehandelt hatte und die Formel nicht herausrücken wollte.«

Das Gespräch verlor sich in unterschiedliche Richtungen – und versammelte sich wieder um das Gerücht von der Rabenmutter. Hier auf dem Stützpunkt. Sie hatte ihrem Kind bestimmte Wirkstoffe vorenthalten, um sie selber einzunehmen. Gerechterweise sei sie daran gestorben.

»Nein«, sagte jemand auf einmal leiser, als wolle er vermeiden, dass Anna ihn hörte, »nicht die Mutter. Es war die Schwester. Und sie hat überlebt.«

Aber sie sei innerlich davon zerstört worden. Weil sie ihre Pflicht verletzt und ihren kleinen Bruder dadurch in Todesgefahr gebracht hätte.

Sie hätte überlebt, bestätigte ein anderer, sich daraufhin aber umgebracht.

»Unsinn, sie lebt. Hat nur nicht mehr alle Tassen im Schrank.«

Das Gerede verhallte im Abgrund ihres Gemütes. Anna hörte nicht mehr, was die anderen sich weiter über die Schwester und ihrem kleinen Bruder zuriefen. Die Geschichte verselbstständigte sich in ihrem Kopf, kam ihr bekannt vor. Sie wusste nur nicht woher. Hatte sie sie im Internet gelesen? Wie war das nochmal gewesen? Das Kind hatte etwas gegessen. Vor dem Testlauf – was streng verboten war, weil die Wechselwirkung des Extraktes mit Nahrung das Ergebnis verfälschen, aber auch das Leben der Testperson gefährden konnte – falls diese kein Placebo bekommen hatte. Oder bekamen Kinder nicht grundsätzlich Placebos verabreicht? War es deswegen so sinnlos gewesen, mit dem Jungen zu schimpfen?

Was ging es sie an? Das Gerede des Arztes und der anderen hatte sie nur weiter schwindelig gemacht. Um ihre Stirne lag ein eiserner Reif. Ihre Lider ruhten schwer auf den Augäpfeln, drückten sie in den Schlaf.

Er näherte sich – hechelnd – wurde zu einem Lauf – zwischen Bäumen – durch den Hochwald, der das riesige Ferienhotel umgab, in welchem die Station untergebracht war …

Dreckige Wolken flogen am Himmel über den Sandsack-Festungen der Wachmannschaften auf dem Dach. Anna presste den Kopf des Kindes in ihren Armen an den Hals, als sie durch die Bäume hinauf blickte. Sie wollte um Hilfe rufen, aber ihre Stimme versagte.

Die Wachtposten fingen an zu schießen.

Nicht doch! Seht ihr nicht, dass ich zu euch gehöre? Ich bin Teil des Experimentes! Zugelassen und beglaubigt!

Wer hatte da ihren Namen gerufen? Der attraktive Pressesprecher des Bundesinstitutes für Infektionskrankheiten, der wütend in der Garagentüre steht? »Was hast du dir bloß dabei gedacht, alle Welt dermaßen in Panik zu stürzen?«

Es war einer der Wachmänner gewesen. Er kommt sich entschuldigen, dass sie angeschossen wurde. Erkundigt sich nach dem Zustand des Jungen.

Eine Tüte Saure Pommes … sie rennt durch den Wald – ja, das fiel ihr jetzt ein … der Junge liegt da, ohne Bewusstsein … die Einweisung durch Davila in dem großen Konferenzsaal: »Wer gehen will, tut es jetzt« … die aufgereihten kleinen Papierbecher, deren Inhalt retten oder töten konnte … der Junge, ihr kleiner Bruder – was hatte er getan? Die Ärzte haben seine Kleidung vom Rücken geschnitten, der verschmiert ist von ekelhaftem, rotbraunem Schleim. Sie verschwinden im Laufschritt neben der Bahre, die zwischen ihnen rollt in das unerträgliche Licht am Ende des Flurs zum Operationssaal. Trauer umfing ihr Herz. Im Nebel um sie drängten sich die Gestalten. Sie wollten ans Licht. Und mussten zerrinnen, solange sie sie nicht erkannte. Ein Name klang ihr im Ohr. Ja, Lukas hieß er – und seine Kinderstimme klang aus weiter Ferner: »Anna, ich hab᾽ doch nichts gemacht!«

Weswegen zögerte die Frau? Warum stand sie so reglos zwischen den hohen Bäumen und blickte hinunter ins Tal? Bald würde die Nacht hereinbrechen. Ja, sie war es, Anna – Anna Lohmann, Oberschülerin, die das Unheil als erste gesehen hatte. Und sie musste sich beeilen. Bald war es zu spät.

Da jagten die Bruchstücke, in welche ihr Geist zerfallen war, jäh in die Höhe und traten, wieder zur Ruhe kommend, unverhofft in Verbindung – eins mit dem anderen – zu einem Alltag von Bildern, aus denen ihr die Vergangenheit, so wie sie bis jetzt gewesen war, furchtbar entgegentrat.

Hitze

Vor drei Monaten hatte der Frühling mit einer Ankündigungbegonnen. Alle Zeitungen hatten sie gebracht, alle Sender. Auslöser war eine Twitter-Warnung des Verbandes der Hautärzte gewesen.

Bereits der letzte Sommer hatte es in sich gehabt, über fünf Monate gedauert. Die Hälfte der Bevölkerung freute sich darüber, die andere verdammte die Hitze. Die sozialen Medien waren voller Spaßbilder zum Hashtag #(Sc)heiss gewesen. Die meisten Likes hatte ein nackter Männerfuß in Badeschlappen erhalten; hochgehoben vom Asphalt, waren seine Sohlen mit dem Boden verbunden geblieben durch dicke Fäden geschmolzenen Gummis. Ein anderes Bild zeigte nackte Partygäste in den Schürzen von Hochofenarbeitern als »passender Sommerkleidung«. In einem dritten hechelte ein Hund in einer Wanne voller Eiswürfel, aus welcher die Hälse von Bierflaschen ragten.

Alles, was Kühlung versprach – Flüsse, Bäche, Kanäle, Seen – war angesagt. Kleine Städte, die im Begriff gewesen waren, ihre zu teuer gewordenen Freibäder zu schließen, überlegten es sich nochmal.

Hitze blieb das Thema der Schlagzeilen, und im Oktober sagte der Wetterdienst voraus, es könnte nicht der letzte »Jahrtausendsommer« gewesen sein.

Der Winter war dann zwar ungewöhnlich schneereich gewesen. Der Frühling aber wurde schnell wieder warm. Sehr sonnig. In die gute Laune, die sich deswegen verbreitete, platzte nun die Warnung der Hautärzte: Gefahr für die Gesundheit – seit letztem Sommer hatten sich der Helle Hautkrebs vervielfacht. Es wurde dringend geraten, ihm vorzubeugen.

Die kleinen Kinder, die in der Brunnenlandschaft unter der Turmuhr des Rathauses planschten, trugen Krempenhüte und Mützchen. Anna schwenkte mit der Handycam vor ihrem Gesicht zu den Müttern, die im Schatten der wasserspeienden Figurengruppe mit Fläschchen voll Sonnenschutz lauerten. Das Wasser vor ihnen rutschte drei flache Stufen hinunter in ein knietiefes Becken. Die Kinder spielten dort um eine polierte Granitkugel, die sich in der Mitte erhob.

Die kleine Fußgängerzone vom Brunnen bis zum Süd-Tor in der alten Stadtmauer war leerer als sonst um diese Zeit am Vormittag. Der künstliche Bach in ihrer Mitte glänzte benommen im hellen Licht der Sonne. Ein einsamer Hund trottete von der Jeans-Boutique heran, um daraus zu trinken. Die Tische unter den Sonnenschirmen des Bistros lockten mit Schatten. Vor dem Straßenverkauf standen zwei Eishungrige.

Anna, die seit ihrer Zeit in den Baumhäusern der Waldbesetzer nur noch barfuß lief, trug in den letzten Tagen wieder Schuhe, gezwungenermaßen, sonst hätte sie sich die Fußsohlen verbrannt.

Die Turmuhr über dem Rathaus erklang, und das Glockenspiel legte los, der Touristenmagnet. Durch seinen Spielwerkserker rumpelten Zinnfiguren. Sie zeigten Szenen aus dem 30-jährigen Krieg.

Der Platz vor dem Bäckergeschäft, auf dem sonst immer ein halbes Dutzend Besucher stand, um sich das Spektakel anzusehen, lag menschenleer in der brütenden Hitze.

Anna ging die Hocke für einen besseren Aufnahmewinkel und filmte den Figurenreigen aus Landsknechten, Reitern und Volk. Sie zogen über wechselnde Hintergründe, welche die Schauplätze des Krieges darstellten und seine Zerstörungswut. Immer wieder brannte das Land. Die gemalten Feuer griffen um sich, bis schließlich ganze Städte in Flammen standen. Ein fernes Wimmern mischte sich unter die hämmernde Glöckchenmusik. Es kam näher, schwoll an zu einem alles durchdringenden Alarmton.

Tatütata.

Rote Tanklöschfahrzeuge rasten südlich des Marktplatzes quer über die Fußgängerzone. Sie spritzen durch das Bächlein in der Mitte, dessen künstliche Einfriedung unter den schweren Reifen zusammenbrach. Den Abschluss der hektischen Kolonne bildete ein Leiterwagen. Er jagte in dieselbe Seitengasse wie die Fahrzeuge vor ihm. Sie führte durch die Altstadt zum West-Tor, von dort weiter in die waldbedeckten Hausberge.

Die Löschfahrzeuge mussten von außerhalb kommen, sonst hätten sie sich nicht dermaßen verfahren.

Ein schlechtes Zeichen, fand Anna, und setzte die kleine Kamera ab.

Ihr Smartphone meldete sich. Sie zog es aus der Gürteltasche und schaute nach, was die Anzeigefläche verriet. Mehrmals rollte sie zurück zu einer Stelle mit Fotos, die von den aufgeregt nachschiebenden Meldungen nach oben aus dem Display gedrückt wurden.

Feuer!!! meldete die WhatsApp-Gruppe Simon sagt᾽s.

Die Hausberge standen in Flammen. Waldwirtschaft und Campingplatz wurden gerade evakuiert. Die Ponys hatte man freigelassen. An ihren geordneten Abtransport war nicht mehr zu denken gewesen.

Ich komm᾽ rein! tippte Anna.

Die Dürre hatten nun also auch ihre kleine Heimatstadt erreicht und vernichtete gerade deren Naherholungsgebiet.

Verdacht

»Soll ich einen Text dazu verfassen?« fragte Anna.

»Was denn für einen Text?« klang Leonies Stimme hinter ihrem Flachbildschirm hervor.

»Für Simon. Die Einschätzung der Lage.«

»Mir wäre lieber, wenn du erst mal hilfst, die im Netz auftauchenden Meldungen zu sortieren.«

»Soll ich was kommentieren?«

»Verschlagworte sie.«

»Okay, Boss.«

Leonie blickte von ihrem Bildschirm herüber. »Die Brände sind gerade die wichtigsten Meldungen. Sie haben auf jeden Fall mit der Dürre zu tun.«

»Gibt es überhaupt jemanden, der das bezweifelt?«

»Solche Leute gibt es immer. Simon meint, wir haben noch nicht genug getan, um alle Verbindungen aufzuzeigen.«

»Aber der Kanal ist voll davon. Es gibt überhaupt keine anderen Nachrichten mehr.«

»Wie meinst du das?«

»Als ob diese Dürre das einzige Problem wäre.«

»Im Moment ist sie das«, sagte Leonie. »Stell᾽ mir alles zusammen, was du findest. Ich bewerte es dann und entscheide, was wir Simon geben.«

Anna wandte sich wieder ihrem Rechner zu und startete den Algorithmus. Noa hatte ihn programmiert, um Informationen aus dem Netz zu filtern für die Nachrichtenschwerpunkte von Simon sagt᾽s.

Der YouTube-Kanal war mal von Simon, Annas Vetter, eigentlich gestartet worden zum Ausleben lustiger Ideen, die nichts mit seinem Wirtschaftsstudium zu tun hatten. Sie bescherten ihm ein Millionenpublikum. Simon hatte daraufhin die Uni »vorübergehend« an den Nagel gehängt und in der Garage seines Elternhauses ein Studio eingerichtet zur Produktion täglich neuer Einfälle, die sein Publikum amüsierten und bei der Stange hielten.

Das Programm war mittlerweile ernster geworden. Dank Leonie, Simons neuen Freundin. Sie war ihm von Anna vorgestellt worden. Die Mädchen hatten sich in den Hausbergen kennengelernt, während Anna dort – statt Schule – bei den Waldbesetzern wohnte. Sie wollten damals die Abholzung eines geschützten Forstes für die neue Umgehungsstraße zu verhindern.

Dann wurde Annas Mutter schwer krank, und Anna musste sich um ihren kleinen Bruder sowie leider auch den Vater kümmern, der von der Lage überfordert war. Irgendwann war Leonie mit einer Kopfwunde aufgetaucht, nachdem ihr Wald-Dorf der Polizeigewalt hatte weichen müssen, und Anna hatte sie vorübergehend bei ihrem Vetter untergebracht.

Die beiden fuhren aufeinander ab zu Annas Überraschung; denn Simon war viel oberflächlicher als Leonie. Wenigstens brachte er sie zum Lachen, vielleicht konnte sie ihm deswegen nicht widerstehen.

Leonies brachliegender Aktionismus witterte bald ungeahnte Möglichkeiten zur Förderung ihrer guten Sache in dem populären YouTube-Kanal ihres neuen Freundes. Erst ab und zu, dann immer häufiger tauchten Umweltthemen zwischen Simons Klamauk auf. Vor allem bei den weiblichen Fans kam diese Zutat ausgezeichnet an. So hatte Leonie sich zur Redakteurin des »Umwelt-Fingers« von Simon sagt᾽s aufgeschwungen.

Anna war schnell eingespannt. Ihr folgten andere engagierte Schüler. Vor allem Noa, hinter dessen seidig langem Haar und mädchenhaften Zügen ein Programmierfuchs lauerte. Und konkurrenzloser Beantworter aller Fragen der Wissensschaft. Die Physik- und Mathelehrer hatten lange aufgegeben, sich mit Noa anzulegen.

Anna hatte sich interessantere Arbeit erhofft, als Leonie sie aufforderte mitzumachen. Weniger Handlagerdienste. Heute war sie in die Altstadt geschickt worden, um mit der kleinen Kamera zu dokumentieren, wie die Hitze inzwischen alle Leute von der Straße vertrieben hatte. Nicht gerade anspruchsvoll. Und jetzt überwachte sie die Verschlagwortung von Suchergebnisse, die vor ihr über den Flachbildschirm rollten. Die eigentliche Arbeit wurde dabei von Noas Programm geleistet. Nur ab und zu musste sie noch etwas ablehnen oder bestätigen.

»Leonie«, sagte sie nach einiger Zeit. »Ich hab᾽ hier was Merkwürdiges.«

»Brennt᾽s auf Helgoland?«

»Am Nordpol. - Im Ernst: hier werden pausenlos neue Bewandtnisse empfohlen.«

»Von wem?«

»Dem Programm.«

Noas Suchwerkzeug erkannte selbsttätig mögliche Schwerpunkte in dem Nachrichtenstrom, den es durchforschte, und abstrahierte daraus »Bewandtnisse«.

»Haben sie denn was mit den Waldbränden zu tun?« frage Leonie.

»Nicht unmittelbar.«

»Dann gehst du bei themenzentrierter Suche darüber hinweg.«

»Ich weiß. Ich gehe ja darüber hinweg. Aber sie tauchen immer wieder auf.«

»Wie oft ist ›immer wieder‹?«

»Fast jede Minute … «