VIRALS - Nur die Tote kennt die Wahrheit - Kathy Reichs - E-Book

VIRALS - Nur die Tote kennt die Wahrheit E-Book

Kathy Reichs

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7,99 €

Beschreibung

Tory Brennan ist wieder da! Höchste Spannung, Action und Abenteuer für Krimifans

Das Forschungslabor, in dem Tory Brennans Vater arbeitet, soll geschlossen werden. Tory weiß: Will sie nicht umziehen und von ihren Freunden getrennt werden, muss sie Geld beschaffen – und zwar eine beträchtliche Summe, um das Labor vor dem Aus zu retten. Wie der Zufall es will, stößt Tory in dieser Situation auf geheime Dokumente, die auf den legendären Piratenschatz der Anne Bonny hinweisen. Tory beschließt, das Unmögliche zu versuchen, und den jahrhundertealten Spuren zu folgen. Doch auch andere sind hinter dem Erbe der Piratin her. Ihre Gegner sind skrupellos, hoch gefährlich und zu allem bereit, um selbst an den Schatz zu kommen …

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Seitenzahl: 540

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Kathy Reichs

NUR DIE TOTE KENNT

DIE WAHRHEIT

Aus dem Amerikanischen

von Knut Krüger

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cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House,Neumarkter Str. 28, 81673 München

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2012

© 2011 by Kathy Reichs

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Seizure«

bei Razorbill, an imprint of Penguin Group, New York

© 2012 für die deutschsprachige Ausgabe cbj, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Amerikanischen von Knut Krüger

Lektorat: Ulrike Hauswaldt

Umschlagbild: Gettyimages/Stone/David Job

Umschlagkonzeption: Geviert GBR

st · Herstellung: AW

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-06861-5V003

www.cbj-verlag.de

Für Hannah, Madelynn, Brendan, Brittney

und Brianna, meine texanischen Kritiker

PROLOG

VOR GUN CAY, JAMAIKA – 1720

Kanonendonner in der Ferne.

Bumm! Bumm!

Letzte frustrierte Salven verhallen im vergehenden Licht.

Der Wind heult, Blitze zucken am dunkelvioletten Himmel. Donner grollt, während der Regen auf das sich aufbäumende Vorderdeck trommelt.

Nervöse Rufe schießen hin und her, während die Crew darum kämpft, das Großsegel einzuholen. Befehle. Flüche. Gebete.

Die Revenge wird von einer riesigen Welle in die Höhe gehoben, krängt hart backbord, ehe sie von einem heftigen Windstoß zur Seite gedrückt wird. Der Rumpf ächzt. Stimmen schreien panisch auf.

Ein unnatürliches Zittern geht durch das Piratenschiff, das jeden Moment zu kentern droht.

Sekunden vergehen und werden zur Ewigkeit.

Dann, was für ein Glück, sinkt die Revenge in ein Wellental und richtet sich, vor dem tosenden Sturm geschützt, langsam wieder auf.

Das Deck kommt in die Horizontale.

Schreie verwandeln sich in dunkles Gelächter– das manische Lachen derer, die schon mit einem Bein im Grab standen. Alle schlagen sich mit wahnsinnigem Grinsen auf den Rücken.

Alle bis auf eine.

Eine schmale Gestalt kauert allein auf dem Achterdeck, die Hände an der Reling. Nass bis auf die Knochen. Der Wind lässt ihre Haare tanzen, zerrt an ihrem Hemd, an Halstuch und Samtweste.

Die Frau konnte sich nicht beklagen. Der unheilvolle Sturm hatte die Revenge in Sicherheit gebracht. Ihre Augen suchten den schaukelnden Horizont ab. Hielten angespannt Ausschau nach den Segeln der Feinde. Hofften, sie nicht zu erblicken.

Dann wurde die Revenge von der nächsten Riesenwelle emporgehoben.

Da waren sie. Drei schwarze Silhouetten vor der schwelenden Wolkendecke.

Zwei davon Schaluppen, wie die Revenge. Mit denen würden sie klarkommen. Aber das dritte Schiff verhieß nichts Gutes.

Eine Fregatte.

Aus England.

Ausgestattet mit dreißig Kanonen.

Die Bullocks.

Calico Jacks Leute waren ganze Kerle. Wahre Piraten. Aber gegen ein solches Kriegsschiff konnten sie nichts ausrichten.

Die Revenge segelte um ihr Leben.

Im nächsten Moment sah die Frau jede Menge Matrosen an Bord der Schiffe, die in rasender Geschwindigkeit die Segel refften.

Langsam fielen die Schiffe zurück, drehten schließlich ab und schlugen die entgegengesetzte Richtung ein.

Die mächtige Fregatte feuerte eine letzte Breitseite ab. Eine Verzweiflungstat. Die Entfernung war bereits viel zu groß. Der heraufziehende Sturm hatte der kleinen Flotte der britischen Krone einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Die Frau lächelte. Doch ihre Erleichterung währte nur kurz und wurde von neuen Sorgen verdrängt.

Ihr Entkommen hatte einen Preis.

Das Bugspriet der Revenge zeigte direkt auf die wirbelnde Mitte des Sturms.

Anne Bonny sah, wie eine riesige Woge das Vorschiff überspülte. Jacks Crew war zwar dem Galgen entkommen, aber die See würde das letzte Wort haben.

Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Sturm herauszufordern, nachdem sie nun einmal in die britische Patrouille hineingeraten waren. Eigentlich konnte Anne Bonny es kaum glauben, dass es ihnen erneut gelungen war, der Kolonialmacht zu entrinnen.

Das dritte Mal in diesem Jahr. Das Netz zog sich zusammen.

Erst vor wenigen Wochen waren sie vom Militär von Charles Town überrascht worden, als sie vor den Bahamas ankerten. Jacks Leute waren nach durchzechter Nacht völlig verkatert aufgewacht und hatten sich nach besten Kräften gewehrt. Die Revenge wäre fast an den Klippen zerschellt und war schließlich nur um Haaresbreite entkommen.

Und jetzt forderten sie das Schicksal auf hoher See heraus.

Während ihre Hände die Reling umklammert hielten, sank Anne Bonny auf das Deck.

So müde. Der ewigen Flucht überdrüssig.

Für einen kurzen Moment fielen ihr die Lider zu. Plötzlich stand ihr das Bild von Laughing Pete vor Augen, sein Körper von einer britischen Kanonenkugel zerschmettert.

Ihre Lider flogen wieder auf.

Diesmal war die Revenge durch einen Sturm gerettet worden. Durch eine Laune des Wetters. Aber wie lange konnte ein solches Glück noch anhalten?

Der Galgen nahm einen immer größeren Platz in ihrem Bewusstsein ein.

So wenige von uns sind noch übrig.

Sie sah Gesichter, rief sich Namen ins Gedächtnis.

Stede Bonnet war auf dem Cape Fear River gefangen genommen und am White Point in Charles Town gehängt worden. Rich Whorley hatte Militärboote mit Handelsschiffen verwechselt und dafür mit dem Leben bezahlt. Charles Vane war am Gallows Point gehängt worden, kaum zehn Meilen von hier entfernt.

Selbst Blackbeard hatte das Zeitliche gesegnet, getötet in einem Kampf vor der Küste Carolinas.

Aber Jack will den Tatsachen ja nicht ins Auge blicken.

Anne Bonny sah zum Toppmast hinauf, wo die Fahne von Calico Jack im Wind flatterte. Ein weißer Totenkopf und zwei gekreuzte Entermesser auf schwarzem Grund.

Jack zufolge signalisierte die Flagge, dass er stets zum Kampf bereit war.

Der denkt, wir könnten noch ewig weiterplündern, auch wenn sie uns Schiff für Schiff nehmen.

Sie schüttelte den Kopf.

Andere Piratenkapitäne hatten die Zeichen der Zeit längst erkannt. Black Bart Roberts und Long Ben waren schon auf der Flucht. Die übrigen würden ihrem Beispiel folgen. Die Kolonialmacht weitete ihre Präsenz in der Karibik aus. Mehr Kriegsschiffe. Mehr Truppen. Mehr Kontrolle.

Das goldene Zeitalter der Piraterie neigte sich dem Ende entgegen. Jeder Narr konnte das sehen.

Unsere Lebensweise geht zu Ende. Doch mein Leben geht weiter.

Anne Bonny dachte angestrengt nach. Traf eine Entscheidung.

Sie stieß sich von der Reling ab und eilte mittschiffs. Nach Jahren auf See bewegte sie sich auch auf dem schwankenden Deck mit größter Sicherheit. Der Regen prasselte auf Kopf und Schultern, ehe sie durch eine Luke in den Schiffsbauch schlüpfte.

Kälte. Feuchtigkeit.

Zwei Piraten bewachten den vorderen Teil des Schiffs. Bei ihrem Erscheinen traten sie sofort zur Seite, um nicht ihr Missfallen zu erregen. Mit Anne Bonny legte man sich lieber nicht an. Sie brauchte auch keine Erlaubnis, um die Schatzkammer aufzusuchen.

Der dröhnende Donner ließ die Revenge bis zum Kiel erzittern. Sie drückte eine grobe Holztür auf, trat hindurch und schloss sie hinter sich. Dann war sie allein, ein seltener Luxus auf See.

An einer der Wände stapelten sich Tabak und Leinensäcke neben Öl- und riesigen Rumfässern. Auf der Backbordseite befand sich ein Tresor, der bis zum Rand mit Gold- und Silbermünzen gefüllt war.

Der Rest des Raumes enthielt die verschiedensten Gegenstände. Zwei Lederstühle. Eine spanische Ritterrüstung. Mit Rubinen besetzte Schmuckkästchen. Kisten mit englischen Musketen. Mehrere verzierte Messingleuchter.

Einem Piraten entgeht nichts, das wertvoll ist.

Anne Bonny lächelte traurig. Sie würde dieses Leben vermissen.

Aber sie wollte überleben.

Entschlossen schob sie eine Kiste Parfüm und zwei Koffer mit Frauenkleidern zur Seite. Dahinter verbarg sich eine Holztruhe, die mit einem massiven Eisenschloss gesichert war.

Sie öffnete die Truhe nicht. Nicht nötig. Sie wusste, was sich darin befand.

Die gehört mir, Jack. Der Rest ist für dich.

Aber wo konnte sie die Truhe verstecken?

Anne runzelte nachdenklich die Brauen.

Dann kehrte ihr Lächeln zurück. Breiter als zuvor.

Perfekt.

Sie würde Geduld brauchen. Und Glück. Normalerweise hatte sie beides. Und würde sie damit die anderen nicht an der Nase herumführen können?

Anne lachte leise in sich hinein. Gott, sie liebte das Piratenleben.

Jack ist ein Narr. Ich muss mit Mary reden. Gleich morgen.

Hingerissen von der Kühnheit ihres Plans, trat sie den Rückweg durch den engen Gang an und stieg die Treppe zum Hauptdeck hinauf. Doch der entfesselte Sturm hätte sie beinahe wieder unter Deck getrieben.

Die Nacht war hereingebrochen, die Revenge von tiefschwarzer Finsternis umgeben.

Anne taumelte an die Reling und hielt sich dort fest. Um sie herum kämpfte die Crew mit Tauen und Segeln. Mit seltsamer Ruhe ließ sie ihren Blick über die aufgewühlte See schweifen. Sie hatte sich entschieden. Nichts konnte schiefgehen.

Zwei Sätze zuckten durch ihren Kopf.

Die Truhe gehört mir. Und gnade Gott demjenigen, der sie mir zu stehlen versucht.

Die Revenge wurde über eine unendliche Reihe sich türmender weißer Schaumkronen hinweggetrieben.

Und Anne Bonny mit ihr.

In nördliche Richtung.

TEIL1 – PLEITE

KAPITEL 1

KLICK.

Ein elektrischer Stoß ging durch mich hindurch, als hätte ich die Stromschiene der U-Bahn berührt.

Mein Blut raste wie geschmolzenes Blei durch versengte Adern.

Schmerz.

Orientierungslosigkeit.

Gefolgt von Energie. Grenzenloser Energie. Energie, die aus meinem Innersten zu kommen schien.

Schweiß schoss mir aus allen Poren.

Die Iris meiner Augen funkelte und färbte sich golden. Leuchtend gelbe Scheiben, die abgrundtiefe, tintenschwarze Pupillen umgaben. Die Welt war plötzlich gestochen scharf, bis ins kleinste Detail erfasst von den hauchfeinen Laserstrahlen meiner Augen.

Das Summen in meinen Ohren wich einer fast übersinnlichen Klarheit. Ein leises Grundrauschen füllte meinen Kopf, gefolgt von einem Pochen. Dann wurde der diffuse Klang zu einer Symphonie unterscheidbarer Meeresgeräusche.

Meine Nase erwachte, witterte Bestandteile einer Sommerbrise, identifizierte die Gerüche der Küste. Salz. Sand. Meer. Meine Nasenlöcher nahmen feinste Duftspuren wahr.

Meine Arme und Beine zitterten, durchströmt von gefangener Energie, die sich nach Freiheit sehnte. In animalischem Genuss bleckte ich unwillkürlich die Zähne.

Das Gefühl war so unglaublich, so machtvoll, dass ich freudig zu hecheln begann. Ich wünschte, ich könnte diesen Moment noch ewig auskosten. Ohne Ende. Es würde für immer so bleiben.

Ich hatte einen Schub.

Neben mir kniff Ben seine dunklen Augen zusammen und verzog das Gesicht. Sein durchtrainierter Körper bebte, jeder Muskel gespannt, während er versuchte, es mir kraft seines Willens gleichzutun. Vergeblich.

So funktioniert das nicht.

Aber ich hielt die Klappe. Wie könnte ich ihm einen Rat geben? Letztendlich verstehe ich unsere übermenschliche Kraft genauso wenig wie er. Meine Kontrolle war auch nicht besser als seine.

Jedenfalls nicht, sobald ich den Wolf in mir zum Leben erweckt hatte.

***

Wahrscheinlich fragt ihr euch jetzt, wovon ich überhaupt rede. Oder ihr habt euch schon entschieden, dass ich nicht alle Tassen im Schrank habe, und legt das Buch lieber beiseite. Das kann ich euch nicht verübeln. Vor ein paar Monaten hätte ich dasselbe getan.

Aber das war vor meiner Verwandlung. Bevor ein mikroskopisch kleiner Eindringling meine biologische Software veränderte. Bevor ich mich zu etwas entwickelte, das es so noch nie gegeben hat. Brandneu und archaisch zugleich.

Hier kommt die Kurzversion:

Vor ein paar Monaten hat ein hässliches Supervirus meine Freunde und mich angesteckt. Es war kein natürlicher Erreger. Er stammte aus einem geheimen Labor, in dem illegale Experimente durchgeführt wurden. Und der Winzling hatte es auf menschliche Träger abgesehen.

Wie ich zu dem Glück gekommen bin?

Ein skrupelloser Wissenschaftler, Dr. Marcus Karsten, hat den Erreger in die Welt gesetzt. Er war der Chef meines Vaters am Loggerhead Island Research Institute. In blinder Geldgier hat Karsten zwei Typen des Parvovirus gekreuzt, womit er versehentlich einen neuen Virenstamm schuf, an dem sich auch Menschen anstecken können. Leider haben wir uns bei einem Wolfshund namens Cooper angesteckt, Karstens Versuchstier.

Wenn ich nur daran denke…

Jedenfalls war ich tagelang krank. Wir alle waren krank. Bevor der Wahnsinn begann.

Mein Gehirn kochte über. Meine Sinne liefen Amok.

Manchmal verlor ich völlig die Kontrolle, konnte die animalischen Instinkte nicht mehr bändigen. Dann schlang ich rohes Hackfleisch herunter. Attackierte eine Rennmaus, die Gott sei Dank in ihrem Käfig saß. Bei meinen Freunden dasselbe.

Nachdem die erste Aufregung vorüber war, hatte sich unser Innerstes für immer verändert. Der bösartige Erreger hatte unsere Zellstruktur umgestaltet, unseren genetischen Code manipuliert. Canine DNA hat sich in meinen menschlichen Chromosomen häuslich eingerichtet.

Es ist nicht leicht, mit wölfischen Instinkten zu leben, die sich in deiner Doppelhelix verbergen.

Doch bringt unsere neue Physis auch gewisse… Vorteile mit sich.

Ich will ganz offen sein. Meine Freunde und ich haben Superkräfte. Übermenschliche Fähigkeiten. Verborgen, doch sehr real. Ihr habt ganz richtig gehört.

Wir sind sozusagen eine große Nummer. Oder wären es, wenn wir denn irgendjemand davon erzählen könnten, was nicht der Fall ist. Wir wollen schließlich nicht selbst zu Versuchstieren werden und in unsere Bestandteile zerlegt werden.

Wir reden von Schub, wenn wir das Gefühl beschreiben wollen. Es ist, als würde ich innerlich brennen, mein Bewusstsein windet und weitet sich, und plötzlich– wusch!– gehe ich ab wie eine Rakete. Dann sind meine Kräfte entfesselt.

Doch lerne ich immer mehr, meine Fähigkeiten zu kontrollieren. Jedenfalls bilde ich mir das ein. Hoffe es zumindest.

Verdammt, ich will einfach wissen, was es damit auf sich hat.

Die Grundzüge verstehe ich ja. Wenn ich einen Schub habe, dann schalten meine Sinne auf Turbo. Dann sehe, rieche, höre und schmecke ich besser. Sogar die Gefühle werden intensiver.

Ich werde schneller. Stärker.

Lebendiger.

Ein Viral.

So nennen wir uns selbst. Virals. Wir hielten es für angebracht, uns einen Gruppennamen zuzulegen, da wir ja nun eine Gang genetischer Mutanten sind. Das hebt die Moral. Schweißt uns zusammen.

Wir sind insgesamt fünf Virals: Ben, Hi, Shelton und ich. Und natürlich mein Wolfshund Cooper. Schließlich war er der Indexpatient.

Im Kern geht es darum, dass wir die physischen Eigenschaften von Wölfen annehmen können. Aber das klappt nicht immer auf Kommando. Und manchmal geschieht die Verwandlung auch im unpassendsten Augenblick.

Um ehrlich zu sein, wissen wir auch nicht genau, was da mit uns passiert oder wie wir das wieder in Ordnung bringen sollen. Beziehungsweise was für Überraschungen als Nächstes auf uns warten. Doch eins steht fest: Wir sind anders. Freaks. Mischwesen.

Und wir sind auf uns allein gestellt.

***

Bens Frust wuchs und wuchs. Wütend riss er sich das schwarze T-Shirt herunter und schleuderte es in den Sand, als wäre das Kleidungsstück für sein Scheitern verantwortlich. Der Schweiß drang aus allen Poren seiner tief gebräunten Haut.

Ich wandte mich ab, damit er nicht sah, dass meine Augen bereits glühten. Wollte seinen Zorn nicht noch anstacheln. Wenn Ben Blue schlecht gelaunt ist, hat keiner was zu lachen.

Hi war vor Ben in die Hocke gegangen. Ein pummeliger Junge mit gewellten braunen Haaren, rotem Hawaiihemd und grünen Bermudashorts. Nicht gerade stylish und schon gar nicht passend zusammengestellt, aber typisch Hiram Stolowitski.

Er musterte die Dünenlandschaft. Sein Schub hatte längst eingesetzt. Von allen Virals hat Hi die geringsten Schwierigkeiten, ihn auszulösen.

»Ich sehe dich, Mr Rabbit«, murmelte er vor sich hin. »Vor Wolfmann Hi kannst du dich nicht verstecken.«

»Tolle Beschäftigung«, sagte ich trocken. Wenn ich einen Schub habe, höre ich noch das leiseste Wort laut und deutlich. »Willst du deine Superkräfte nicht zu was anderem benutzen, als arme Häschen zu verspotten?«

»Der Hase hat mich provoziert.« Er ließ sein Zielobjekt nicht aus den Augen. »Weil er so verdammt süß ist!«

Ich verdrehte meine goldenen Augen. »Wir sollten lieber vernünftig trainieren.«

»Dann trainier mal deine Sehkraft, Fräulein Oberschlau.« Hi streckte den Zeigefinger aus. »Knapp fünfzig Meter von hier, dritte Düne links, steht ein breitblättriger Rohrkolben, auch Lampenputzer oder Typhia latifolia genannt. Und der Hase ist gar kein Hase, sondern ein Kaninchen, hat braun gesprenkeltes Fell und schwarze Schnurrhaare. Ein Florida-Waldkaninchen, auch Östliches Baumwollschwanzkaninchen genannt beziehungsweise Sylvilagus floridanus, wie wir Lateiner sagen.«

Neben der Durchführung wissenschaftlicher Experimente liebte Hi es besonders, mit seinem umfassenden zoologischen Wissen anzugeben. Beides offenbar ein Erbe seines Vaters, der als Labortechniker im LIRI für den Zustand der Laborgeräte zuständig ist.

Dann stieß Hi plötzlich einen theatralischen Laut aus: »Oh! Jetzt hat er sich eine Freundin angelacht.«

Wir standen an der Nordspitze von Turtle Beach, an der Westküste von Loggerhead Island. Der Wald im Inneren der Insel erhob sich zu meiner Rechten. Links von mir erstreckte sich der Atlantik, der von hier bis nach Afrika reicht.

Ich konzentrierte mich auf die Stelle, die Hi mir beschrieben hatte, eine unebene Fläche, auf der Rohrkolben und Immergrün wuchsen. Ich fasste sie ins Auge, stellte meinen Blick auf null.

Das Bild gewann an Schärfe und war plötzlich von einer überwältigenden Klarheit– jenseits dessen, was ein menschliches Auge sonst leisten kann. Ich konnte jedes Blatt und jeden einzelnen Zweig voneinander unterscheiden. Und ich sah ganz deutlich zwei schnuppernde Kaninchen im Unterholz.

Ein halbes Fußballfeld von mir entfernt.

»Dein Blick ist noch besser als meiner«, sagte ich. »Also die Schnurrhaare kann ich von hier aus nicht erkennen.«

Hi zuckte die Schultern. »Dann bin ich dir endlich mal in einer Sache überlegen. Ich höre nicht so gut wie Shelton und hab auch nicht deine Spürnase.«

Neben mir war Ben immer noch am Grunzen und am Stöhnen. Er konnte den Schub einfach nicht auslösen. Mit weiterhin geschlossenen Augen fluchte er lautstark vor sich hin. Und unflätig.

Hi, der Bens Kampf beobachtete, kratzte sich am Kinn. Warf mir einen fragenden Blick zu. Zuckte die Schultern. Dann ging er lautlos um Ben herum, stellte sich hinter ihn und trat ihm ohne Vorwarnung in den Hintern.

Der Tritt war nicht von schlechten Eltern.

Ben stürzte kopfüber in den Sand.

»Ey, was soll der Scheiß?« Er rappelte sich auf und ging mit geballten Fäusten auf Hi los. Ein gelbes Feuer loderte in seinen Augen.

»Ganz ruhig, Kumpel!« Mit erhobenen Händen wich Hi zurück. »Ich wollte dich nur ein bisschen provozieren. Ging nicht anders.«

Bis jetzt hatte Ben seine Kräfte immer nur dann entfalten können, wenn er wütend geworden war. So wie jetzt. Er hätte Hi am liebsten den Kopf abgerissen.

»Stopp!«, schrie ich verzweifelt, um im letzten Moment einen Mord zu verhindern. »Ben, du hast einen Schub! Es funktioniert!«

Ben hielt inne und bewegte die Hände. Bemerkte die Verwandlung. Er nickte Hi mit finsterer Miene zu. Hi streckte ihm seinen gehobenen Daumen entgegen und grinste von einem Ohr zum anderen.

»Wir sollten uns was Besseres überlegen, sonst bezieht noch mal jemand von euch Prügel. Ich glaube, Big Mac kann sowieso mal wieder eine Abreibung gebrauchen.« Er trat auf Hi zu.

Hi fasste ihn an den Schultern. »Jederzeit, Kumpel, tu dir keinen Zwang an.«

Im nächsten Moment drückte Ben ihn so fest an sich, dass Hi die Luft wegblieb. »Klugscheißer!«

Hi keuchte. »Sag mal, hast du sie noch alle?«

Ben lachte. Dann hob er Hi in die Höhe und stemmte ihn mühelos über seinen Kopf.

Mir fiel die Kinnlade herunter.

Hi kreiste über Bens Kopf wie die Rotorblätter eines Hubschraubers. Ein Mal. Zwei Mal. Sein Gesicht nahm eine blassgrüne Farbe an. Wie eine Limone? Wasabi? Ein irisches Kleeblatt?

»Ich kotze gleich!«, warnte ihn Hi. »Alarmstufe rot.«

Ben eilte mit ihm bis zum Wasser.

Hi flog wie eine Stoffpuppe durch die Luft und landete mit dem Gesicht zuerst in der knietiefen Brandung. Tauchte prustend und fluchend wieder auf.

Ben grinste zufrieden. »Danke, das war’s.«

»So was von undankbar.« Hi schnäuzte sich das Wasser aus der Nase und begutachtete seine triefenden Kleider. »Allerdings ziemlich beeindruckend, das muss ich zugeben. Mister Universum ist nichts dagegen.«

Hi versuchte, seinen Kontrahenten nass zu spritzen, doch Ben tänzelte johlend davon. Dann sprintete er den Turtle Beach hinunter, sprang über die Dünen und war verschwunden.

»Wow!«, stieß ich aus. »Und wie schnell er ist, viel schneller als ich, selbst mit Schub.«

Hi schlurfte an den Strand zurück. »Ich hab ihn mit Absicht gewinnen lassen. Ist gut für sein Selbstbewusstsein.«

»Stimmt.«

»So bin ich eben.«

»Ein Heiliger!«

Es tat gut, Ben wieder lachen zu sehen. Seit dem Heaton-Fall hatten wir alle nicht viel zu lachen gehabt. Der mediale Wirbelsturm war rasch abgeflaut, doch unsere Eltern gaben nicht so schnell Ruhe. Was bedeutete, dass jeder von uns Hausarrest bekam. Für den Großteil des Sommers.

Und wenn ich Hausarrest sage, meine ich Hausarrest. Die Erwachsenen wussten genau, wie sie uns am härtesten treffen konnten. Keine Besuche. Weder Fernsehen noch Telefon. Nicht mal Internet. Es war brutal. Wie das Leben in einer Höhle.

Ohne jeden Kontakt zu meinen Freunden war ich allmählich durchgedreht.

Das Virus war ein Joker, der in unseren Körpern Amok lief. Alles war möglich.

War die Krankheit ein für alle Mal verschwunden? Hatten sich unsere Kräfte stabilisiert? Wusste noch jemand von Dr. Karstens geheimen Experimenten? Von Coop? Von uns?

Mit diesen Fragen war ich wochenlang allein gewesen.

Die Isolation hatte meinen Nerven nicht gutgetan.

Ben nahm als Erster Reißaus. Den Eltern Blue lag ohnehin nicht viel an Disziplin. Meine Entlassung folgte am ersten August, nach fast zwei Monaten der Gefangenschaft.

Gute Führung? Eher konstante Niedergeschlagenheit. Ich hatte Kit mürbe gemacht.

Schließlich hat Hi letzte Woche seine Freilassung erwirkt. Was mich überraschte. Soweit ich seine Mutter, Ruth Stolowitski, kenne, war ich sicher, er würde der Letzte sein. Doch offenbar ist dies Sheltons Los, der wohl immer noch eingesperrt ist. Anscheinend vertreten die Devers gegenüber Verbrechen eine Null-Toleranz-Politik, unabhängig von den näheren Umständen.

Doch ich durfte mir keinen Fehler erlauben. Ich war frei auf Bewährung. Kit wachte mit Argusaugen über mich. Dachte er zumindest.

Nachdem Hi auf freiem Fuß war, sind wir drei jede Woche nach Loggerhead gefahren. Wir brauchten ein bisschen Praxis, ohne neugierige Blicke auf uns zu ziehen. Die Einsamkeit war ideal. Und direkt vor der Nase meines Vaters konnte ich die Insel besuchen, ohne Verdacht zu erregen.

Loggerhead wird von der Charleston University verwaltet. Nur sehr wenige Leute besitzen eine Zugangsberechtigung. Glücklicherweise arbeitet mein guter, alter Dad hier. So wie die Eltern der anderen Virals.

Kit Howard ist als Meeresbiologe am LIRI angestellt, der hauseigenen Forschungseinrichtung der Universität. Als einer der fortschrittlichsten tierärztlichen Einrichtungen auf diesem Planeten besteht das LIRI aus einem eingezäunten Gebäudekomplex, der sich in der südlichen Hälfte der kleinen Insel befindet.

Aber das ist noch nicht alles. Loggerhead Island ist ein bestens ausgestattetes Beobachtungszentrum für Primaten, weil sich dort Horden frei lebender Rhesusaffen in den Bäumen aufhalten. Außer der Forschungseinrichtung existiert kein einziges Gebäude auf der Insel.

Man könnte also nirgends ungestörter sein als auf diesem Eiland, das sich unmittelbar vor dem Hafen von Charleston befindet. Ein perfekter Ort für ein paar Freaks wie uns.

Dies war das dritte Mal, dass wir unsere neuen Fähigkeiten erprobten, und wir stellten so langsam gewisse individuelle Unterschiede fest.

Unsere Kräfte und Möglichkeiten waren so komplex, dass wir sie nur allmählich begriffen. Vieles war mir immer noch ein Rätsel. Und tief in mir ahnte ich, dass wir erst an der Oberfläche unseres vollen Potenzials kratzten.

Eine explodierende Sandfontäne erregte meine Aufmerksamkeit.

Ich erblickte eine Gestalt, die sich in rasender Geschwindigkeit bewegte. Zoomte sie heran. Folgte ihr. Unwillkürlich spannte ich die Muskeln an, bereit, die Flucht zu ergreifen.

Dann erkannte ich ihn.

Es war Ben, der mit panischem Gesicht über den Strand jagte.

Im nächsten Moment verstand ich den Grund.

Er wurde verfolgt.

KAPITEL 2

Cooper hetzte über die Dünen, mit nassem Fell, das ihm struppig vom Körper abstand.

Wild kläffend jagte der Wolfshundwelpe Ben über den Strand.

»Du kriegst mich nicht, Coop!«, rief Ben über die Schulter, wandte sich scharf nach links und stürmte der Brandung entgegen.

Coop machte eine Vollbremsung, als Ben ins Meer eintauchte. Aufgeregt bellend sprang er hin und her.

»Komm, mein Junge!«, rief ich.

Ein letztes Jaulen in Bens Richtung, dann trottete Coop zu mir herüber und schüttelte sich hingebungsvoll. Salzwasser sprühte in alle Richtungen.

Ich wischte mir die Tropfen aus dem Gesicht. »Danke schön, kleiner Bastard!«

Coop sah aufrichtig erfreut aus. Bildete ich mir jedenfalls ein. Bei Hunden ist das schwer zu sagen.

Hi, der eh schon nass war, ging in die Knie und kraulte Coop die Ohren. »Hat dich der böse Indianer ins Wasser geworfen?«

Er spielte auf Bens Behauptung an, er stamme von den Sewee-Indianern ab, einem nordamerikanischen Indianerstamm, der vor ewigen Zeiten im Stamm der Catawba aufgegangen war. Ben hat sogar sein Boot Sewee getauft.

»Ich fühle mit dir«, fuhr Hi fort. »Mit dem Eingeborenen ist nicht gut Kirschen essen.«

Coop leckte His Gesicht ab.

»Lass gut sein, Hi. Du belastest nur die sewee-jüdischen Beziehungen«, scherzte ich.

»Okay, ich nehme alles zurück«, erwiderte Hi. »Mein Volk ist ja sozusagen auf friedliche Koexistenz spezialisiert.«

Aus dem Augenwinkel heraus nahm ich eine Bewegung wahr. Ein grauer Schatten strich zwischen den Bäumen umher. Ich schnüffelte mit meiner Supernase, in die ein ganz bestimmter Duft stieg.

Warmes Fell. Heißer Atem. Moschus.

Wolf.

»Schau mal, Coop. Deine Mum ist da.«

»Was?« His Kopf fuhr herum. »Wo?«

Drei Tiere traten aus dem Dickicht. Whisper, die Anführerin, war eine graue Wölfin. Ein prachtvolles, majestätisches Tier mit silbrigem Fell, das um die Nase herum ins Weiße spielte.

Ihr Gefährte, ein Deutscher Schäferhund, stand neben ihr. Ich nenne ihn Polo. Hinter ihnen tummelte sich Coops älterer Bruder, ein weiterer Wolfshund, den ich auf den Namen Buster getauft habe.

Für einen Moment beobachtete das Rudel die Szene, die sich am Strand abspielte. Dann stieß Whisper ein kurzes Bellen aus. Coop trabte sofort zu seiner Sippe. Die wiedervereinigte Familie verschwand umgehend zwischen den Bäumen.

»Viel Spaß!«, rief ich ihr nach.

Ich freute mich für ihn, dass er Kontakt zu seinen Verwandten hielt, doch Coop lebte jetzt mit mir zusammen. Whitney und Kit mussten sich eben daran gewöhnen. So weit, so gut.

Allerdings waren Coop und Whitney nicht gerade die besten Freunde.

Aber was soll’s. Die Ansichten der bescheuerten Freundin meines Vaters rangieren auf meiner Prioritätenliste ziemlich weit unten.

»Hast du sie gerochen?«, fragte Hi.

Ich nickte. Wenn der Wind richtig stand, nahm ich Whispers Geruch auf dreißig Meter Entfernung wahr.

»Unglaublich.« Hi zerrte sich das Shirt über den Kopf und wrang es aus. »Der Punkt geht an deine Nase.«

»Würde ich auch sagen.«

Ich legte den Kopf auf die Seite und begutachtete His teigige Körpermitte. »Geiles Sixpack!«

»Ich trainier ja auch zwei Mal im Monat. Weitere Komplimente kannst du dir übrigens sparen– macht mich nur verlegen.«

Ein heißer Tag. Absolut nichts Ungewöhnliches für Mitte August in South Carolina. Ich strich mir mit dem Handrücken über die Stirn. Mein Talent zum Schwitzen konnte sich ungehindert entfalten.

»Verdammt!« Hi zwinkerte, worauf seine Augen wieder ihre normale kastanienbraune Farbe annahmen. »Mein Schub ist weg. Blöder Ben.«

»Kannst du ihn zurückholen?«

»Ich versuch’s mal.« Sein Gesichtsausdruck wurde in sich gekehrt und konzentriert. Sein Blick ging ins Leere. Sekunden verstrichen. Eine Minute.

Hi schüttelte den Kopf. »Direkt nacheinander klappt das nicht. Nicht seit damals, als…«

Er hielt inne. Ich fragte nicht nach. Ich wusste, woran er dachte.

Das einzige Mal, dass wir zwei Schübe nacheinander hatten, war in der Villa der Claybournes gewesen. In jener Nacht, in der es mir irgendwie gelungen war, diese Fähigkeit auf die anderen Virals zu übertragen. Als ich in ihr Bewusstsein eingedrungen war.

Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe. Habe den Trick nie wiederholen können. An Versuchen hat es nicht gemangelt. Doch sosehr ich mich auch bemühte, ich konnte einfach keine Verbindung mehr zu den anderen aufnehmen. Konnte das eigentümliche Gefühl der Einheit nicht wieder herstellen– die kosmische Verbindung, die meine Gedanken übertrug und mich die ihren hören ließ.

Die engen Bande eines Wolfsrudels.

»Willst du es noch mal versuchen?«, fragte Hi. Zögernd. Ich wusste, dass ihm unsere außerordentlichen Fähigkeiten nicht geheuer waren. Was auch für Ben und Shelton galt.

»Was versuchen?« Ben gesellte sich wieder zu uns. Wasser tropfte von seinen schulterlangen schwarzen Haaren. »Redet ihr schon wieder über Telepathie?«

»Hat ja früher schon mal geklappt«, antwortete ich vorsichtig.

»Kann schon sein.« Ben runzelte die Stirn. »Aber vielleicht war das auch nur eine Begleiterscheinung unserer Krankheit.«

Nachdem sich unsere Kräfte das erste Mal gezeigt hatten, waren wir tagelang am Boden gewesen. Eine schreckliche Krankheit hatte uns gepackt und völlig ausgelaugt. Die Hauptsymptome waren nach und nach abgeklungen, doch einige seltsame Erscheinungen waren geblieben.

Würden sie jemals vollkommen verschwinden? Ich wusste es nicht.

Doch ging es immer wieder um dieselbe Sache.

»Das hatte nichts mit der Krankheit zu tun«, widersprach ich. »Ich habe eine klare Verbindung gespürt, sogar zu Coop. Wir sind miteinander verbunden.«

»Und warum kannst du es dann nicht wiederholen?« Ben hatte keine Geduld gegenüber Dingen, die er nicht verstand.

»Keine Ahnung. Lass mich’s noch mal versuchen.«

Da ich im Allgemeinen nicht auf die Erlaubnis anderer Leute warte, schloss ich die Augen und verlangsamte meine Atmung. Versuchte, tief in mein Unterbewusstsein abzutauchen.

Ich führte mir die Gesichter der Virals vor Augen: Hi, Ben, Shelton. Auch Coop. Dann ließ ich sie zu einer Einheit verschmelzen. Einer Gemeinschaft. Einem Rudel.

Etwas zuckte durch mein Gehirn. Es war wie ein leichter Stromstoß, als wäre ein Schalter umgelegt worden. Für einen kurzen Moment geriet etwas in Bewegung, stieß auf Widerstand.

Eine unsichtbare Wand trennte meine Gedanken von anderen, die sich außerhalb von mir befanden. Ich ging dieser Empfindung nach, richtete all meine Konzentration darauf. Die Barriere schien nachzugeben, sich ein wenig aufzulösen.

Ein leises Summen füllte meine Ohren und verwandelte sich in ein diffuses Murmeln, als hörte ich in weiter Ferne gedämpfte Stimmen. Im Zentrum meines Bewusstseins nahm Coop vage Gestalt an.

Doch ebenso schnell, wie das Bild sich geformt hatte, verlor es seine Konturen. Ich hörte einen dumpfen Knall, als hätte jemand ein Buch zugeschlagen. Das Bild löste sich auf und hinterließ nichts als ein schwarzes Loch.

KLACK.

Blinzeln.

Heftiges Zwinkern.

Meine Augen öffneten sich.

Ich lag der Länge nach im Sand, der Schub war verschwunden.

His Stimme drang an mein Ohr. »Hör auf damit, Tory! Du bist schon wieder in Ohnmacht gefallen.«

Ben und Hi packten mich an den Armen und zogen mich auf die Beine. Hielten mich fest, bis sie sicher waren, dass ich nicht noch einmal mein Bewusstsein verlieren würde.

»Vergiss die Telepathie, Tory.« Das Leuchten in Bens Augen erstarb. »Die macht dich nur verrückt.«

Bevor ich widersprechen konnte, drang vom anderen Ende des Strands eine Stimme zu uns herüber. Wie auf Kommando fuhren unsere Körper herum.

Wir waren nicht mehr unter uns.

KAPITEL 3

»Ihr Scherzkekse könntet nächstes Mal ruhig eine Nachricht hinterlassen!«

Shelton schlenderte entspannt auf uns zu, die Hände in den Taschen. Ein kleiner, schmächtiger Kerl mit klobiger Hornbrille, einem blauen Comic-Con-T-Shirt und einer überdimensionierten weißen Turnhose.

Nicht zu vergessen das schiefe Grinsen. Shelton wusste, dass er uns aufgeschreckt hatte.

»Wieso sollten wir für einen Käfig-Vogel eine Nachricht hinterlassen?«, fragte Hi. »Wie bist du rausgekommen?«

»Bin heute Morgen begnadigt worden.« Shelton wischte sich den Schweiß von seiner schokoladenbraunen Stirn, ein Erbe seines afroamerikanischen Vaters. Die hohen Wangenknochen und mandelförmigen Augen hatte seine japanische Mutter beigesteuert. »Hab mir gedacht, dass ihr hier seid. Und ich weiß auch, warum.«

»Tory hat’s wieder mit Gedankenübertragung versucht«, entgegnete Hi. »Am Ende lag sie mit dem Gesicht im Sand.«

Shelton verging das Grinsen. »Können wir nicht einfach so tun, als wäre nie was passiert?« Er ließ nervös einen Schlüsselring um den Zeigefinger kreisen, an dem seine legendäre Sammlung von Einbruchswerkzeugen befestigt war. Eines seiner Hobbys, von dem wir schon oft profitiert haben.

»Als wäre nie was passiert?« Ich sah ihm prüfend ins Gesicht. »Wir müssen verstehen, was passiert ist. Wie könnten wir es ignorieren? Was ist, wenn noch andere Reaktionen kommen?«

»Ich weiß, ich weiß.« Shelton hob abwehrend die Hände. »Ich dreh nur langsam durch. Zu Hause hab ich ab und zu versucht, einen Schub zu bekommen, wenn meine Eltern nicht da waren. Aber ich hab überhaupt keine Kontrolle darüber. Einmal habe ich eine tierische Erkältung bekommen, und vor zwei Tagen war ich sicher, dass das Virus mich umbringen würde.«

Ben nickte. »Wenn ich einen Schub habe, dann fühlt es sich immer ein bisschen anders an. Der ganze Zustand ist total instabil.«

»Wir kriegen das schon hin«, beschwichtigte ich mit gespielter Überzeugung. »Wahrscheinlich brauchen wir nur mehr Übung.«

»Oder eine Lobotomie!«, murmelte Hi.

»Aber wir werden ausschließlich hier experimentieren!« Bens eindringlicher Blick wanderte von Viral zu Viral. »Loggerhead ist sicher, aber wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Wir dürfen nicht riskieren, dass uns jemand dabei sieht. Verstanden?«

Alle nickten. Unsere Angst, entdeckt zu werden, war allgegenwärtig. Die Konsequenzen wären so schrecklich, dass wir sie uns lieber nicht ausmalen wollten.

»Wir können nur uns selbst vertrauen«, sagte Ben schließlich. »Vergesst das nie.«

»Die Welt wird schon nicht untergehen.« Hi klopfte Shelton auf den Rücken. »Wie hast du uns eigentlich gefunden? Durch professionelles Spurenlesen?«

»Beim LIRI bin ich Kit über den Weg gelaufen.« Shelton drehte sich zu mir um. »Dein Dad sucht nach dir. Er hat gesagt, wir sollen alle so schnell wie möglich nach Hause kommen. Irgendwas ist da im Busch.«

»Na großartig«, entgegnete Ben ironisch. »Fragt sich bloß, was uns diesmal blüht.«

»Sie haben bestimmt rausgekriegt, dass du mich und den Hund misshandelt hast«, sagte Hi. »Du siehst schweren Zeiten entgegen, Junge. Ich hoffe, die Sache war es dir wert.«

»Worauf du dich verlassen kannst.«

Ich pfiff. Im nächsten Moment brach Coop durch das Unterholz, umkreiste uns zweimal und jagte den Strand hinunter.

»Raten bringt uns auch nicht weiter«, sagte ich. »Schauen wir einfach, was Sache ist.«

Zehn Minuten später erreichten wir den Hintereingang des LIRI.

Wir traten ein und achteten darauf, das Rolltor hinter uns wieder zu schließen. Ein einziges Mal hatten wir es vergessen, worauf sich neugierige Affen die ganze Nacht an den Türschlössern zu schaffen gemacht hatten.

Ein Dutzend Gebäude aus Glas und Stahl funkelten in der Mittagssonne. Sie sind in zwei Reihen angeordnet und kehren einander ihre Vorderseiten zu. In der Mitte befindet sich eine freie Fläche. Ein asphaltierter Weg, der das Grundstück in zwei Hälften teilt, läuft auf den Haupteingang zu und erstreckt sich weiter bis zum Bootsanleger. Der gesamte Komplex ist von einem zweieinhalb Meter hohen Maschendrahtzaun umgeben.

Wir blieben vor Gebäude 1 stehen, das mit seinen vier Stockwerken das größte der Insel ist. Abgesehen vom Verwaltungstrakt birgt es die meeresbiologische Forschungsstation– das Hoheitsgebiet meines Vaters.

In meinem Kopf begann ein kleines Warnlicht zu blinken. Irgendwas war anders als sonst. Obwohl doch ein Wochentag war, machte alles einen seltsam stillen und verlassenen Eindruck.

Coops Bellen erzeugte ein hohles Echo. Ich legte ihm sanft die Hand auf den Kopf.

»Ganz ruhig, Junge.« Ich kraulte ihm die Ohren.

Kit kam aus dem Gebäude. Mit schnellen Schritten. Viel zu schnellen Schritten. Er musste im Eingangsbereich auf mich gewartet haben. Warf einen nervösen Blick auf die Uhr.

»Hier geht’s um mich«, sagte ich. »Bis später, Jungs.«

Dreifaches Nicken und Murmeln.

Kit eilte mir entgegen. Wir trafen uns auf dem Hauptplatz.

»Hallo Kleine! Na, bereit für die Heimfahrt?«

Oh, oh! Der unbeschwerte Ton hörte sich seltsam angestrengt an. Ich war auf der Hut. Warum wollte Kit unbedingt fröhlich klingen?

»Klar«, antwortete ich. »Ist irgendwas?«

»Was soll denn sein?« Kit verzog das Gesicht. »Nein, nein, entspann dich.«

Blödsinnige Antwort. Meine Besorgnis wuchs rapide.

Kit verheimlichte mir irgendwas, aber ich hütete meine Zunge.

Die Überfahrt war genauso merkwürdig. Cooper saß neben mir auf Mr Blues Shuttleboot. Sein großer Kopf ruhte in meinem Schoß. Kit war um lockeren Smalltalk bemüht.

Warum hatte er mich unbedingt treffen wollen? Als wir Morris Island erreichten, war ich in höchster Alarmbereitschaft.

Eine Bemerkung zu Christopher »Kit« Howard. Er ist mein leiblicher Vater, aber ich nenne ihn nur bei seinem Spitznamen. Sage weder Papa noch Paps oder Daddy. Wir kennen uns jetzt seit einem knappen Jahr. Und bis jetzt scheinen wir gut zueinander zu passen.

Ich bin vor neun Monaten bei ihm eingezogen, nachdem ein betrunkener Autofahrer meine Mutter getötet hat. Zu dem Schock, meine Mutter verloren zu haben, kam der sofortige Umzug zu meinem mir völlig unbekannten Vater. Ich hatte kaum Zeit, richtig zu trauern, da musste ich auch schon Hunderte von Kilometern weit reisen und meine Heimatstadt verlassen.

Hallo, Carolina– leb wohl, Massachusetts. Ach, was soll’s. Ich hatte dort ja nur mein ganzes bisheriges Leben verbracht.

Kit und ich sind immer noch damit beschäftigt, uns richtig kennenzulernen. Wir machen Fortschritte, aber der Weg ist noch weit.

»Trautes Heim!« Kit stieg aus dem Boot und machte sich unverzüglich auf den Heimweg. Ich folgte ihm verdutzt. Trautes Heim– war das sein Ernst?

Die meisten hochrangigen Mitglieder des LIRI leben auf Morris Island, in einer Wohnanlage, die sich im Besitz der Charleston University befindet. Es handelt sich um eine umgestaltete Militärbaracke aus der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs, die auf den Überresten von Fort Wagner errichtet wurde. Es ist das einzige Gebäude im Umkreis von Kilometern. Der Rest der Insel ist ein Naturschutzgebiet, das von der Charleston University verwaltet wird.

Morris Island liegt weit ab vom Schuss, ein Vorposten der Zivilisation im Nirgendwo. Ich lebe also in völliger Abgeschiedenheit. Am Anfang war es hart, doch inzwischen gefällt es mir.

»Komm rein, Coop!« Ich klopfte mit der Hand auf meinen Schenkel. »Checken wir die Nachrichtenlage. Ich schätze mal, jetzt lässt er was raus.«

Kit saß bereits in der Küche und nestelte an einer Serviette. Als unsere Blicke sich trafen, wandte er sofort den Kopf ab. Ich scheuchte Coop in sein Hundebett und nahm am Tisch Platz.

»Irgendwas ist doch mit dir«, sagte ich. »Na red schon!«

Kit öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Zerknitterte die Serviette. Ließ sie fallen. Legte sein Gesicht in die Hände. Rieb sich die Augen. Schaute auf. Lächelte.

»Um es gleich zu sagen, alles wird gut. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.« Seine Hand sauste durch die Luft wie ein Hackmesser. »Überhaupt keine.«

»Okay.« Jetzt machte ich mir wirklich Sorgen.

»Es könnte eventuell sein… also es besteht eine gewisse Möglichkeit, dass ich… vielleicht…«, Kit suchte nach den richtigen Worten, »…meinen Job verliere.«

»Was!?! Warum?«

»Etatkürzungen.« Kit klang deprimiert. »Die Uni macht vielleicht das ganze LIRI dicht.«

Das darf doch nicht wahr sein.

»Das LIRI dichtmachen? Warum sollten sie das tun?«

Kit seufzte. »Wo soll ich anfangen? Das Institut ist in großen Schwierigkeiten. Seit Dr. Karsten…«, unbeholfene Pause, »…nicht mehr da ist, haben wir keinen Direktor mehr. Der Druck ist brutal. Es kursieren Gerüchte, er hätte illegale Experimente durchgeführt, vielleicht sogar Bestechungsgelder angenommen.«

Ich richtete mich kerzengrade auf. Das war gefährlich nah an der Wahrheit.

»Illegale Experimente?«

»In Gebäude 6 wurde ein inoffizielles Labor entdeckt«, fuhr Kit fort. »Es war streng gesichert… vollgestopft mit teurem Equipment, doch es gab keinerlei Aufzeichnungen darüber. Wirklich sehr merkwürdig. Wir haben keine Ahnung, was Karsten dort getrieben hat.«

Das Herz schlug mir bis zum Hals. Das Parvovirus. Cooper. Unsere Krankheit.

Sollten sie je herausfinden…

Ich verschränkte die Hände unter dem Tisch, um ihr Zittern zu verbergen.

Coop nahm meine Unruhe wahr. Er stand auf und kam zu mir. Ich strich ihm geistesabwesend über den Kopf.

Kit war so sehr in seinem eigenen Trübsinn befangen, dass er meinen Zustand nicht bemerkte.

»Die öffentliche Aufregung hat ein paar Umweltverbände auf uns aufmerksam gemacht. Jetzt protestieren sie dagegen, dass wir die Affenpopulation auf Loggerhead missbrauchen.«

»Das ist doch Schwachsinn!« Für einen Augenblick vergaß ich meine eigene Not. »Von Missbrauch kann überhaupt keine Rede sein. Sie werden nicht mal gestört. Ihr beobachtet doch nur ihr Verhalten.«

»Das erklär denen mal«, entgegnete Kit. »Wir haben ihnen sogar eine Führung durch das LIRI angeboten, um ihre Bedenken zu zerstreuen. Keine Chance. An Fakten sind die überhaupt nicht interessiert. Die tun wirklich so, als würden wir die Affen in Gefangenschaft halten. Dass die Insel ihr natürlicher Lebensraum ist, wollen die gar nicht wissen.«

Kit lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Aber das alles ist zweitrangig. Der Uni fehlt anscheinend das Geld, um das LIRI am Laufen zu halten. Der Etat scheint das nicht mehr herzugeben.«

»Wir groß ist denn das Defizit?«

»Riesig. Es sind anscheinend einschneidende Kürzungen im Etat nötig, und der Betrieb des LIRI ist extrem kostenaufwendig.«

»Dann sollen sie eben was anderes dichtmachen!« Ich war außer mir. In meinem Kopf stürzte eine ganze Reihe von Dominosteinen um. Die unvermeidlichen Folgen machten mir Angst.

Erneut wich Kit meinem Blick aus. »Das ist noch nicht alles.«

Ich wartete.

»Wenn das LIRI zumacht, dann wird die Universität auch diese Wohnanlage aufgeben.« Er machte eine resignierte Handbewegung. »Dann können wir hier nicht bleiben.«

Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Ich wollte nicht hören, was als Nächstes kommen würde.

»Wir müssen umziehen.« Seine Schultern waren angespannt. »Es tut mir leid, aber es geht nicht anders. In der Gegend von Charleston gibt es keine Jobs für mich. Ich hab mich schon umgehört.«

»Umziehen?«, hauchte ich. Das Ganze schien mir so unwirklich.

Kit stand auf, durchquerte das Wohnzimmer und blickte aus dem Erkerfenster. Hinter den Palmettopalmen schwappten die Wellen sanft an den Bootsanleger. Die Ebbe hatte eingesetzt.

»Ich kann mir die Bolton nicht länger leisten, Tory. Nicht ohne mein Gehalt beim LIRI.«

Die anderen Virals und ich besuchen die Bolton Preparatory Academy, Charlestons älteste und renommierteste Privatschule. Piekfein. Und wahnsinnig teuer.

Um es den Mitarbeitern schmackhaft zu machen, so weit von der Stadt entfernt zu leben und zu arbeiten, übernimmt die Universität einen Großteil des Schulgelds für ihre Kinder.

»Aber mach dir keine Sorgen.« Kit drehte sich zu mir um und schaute mir direkt in die Augen. »Ich hab mir im Internet ein paar offene Stellen angeschaut, die vielleicht etwas für mich wären. Ich hab schon Kontakt mit einer Forschungseinrichtung in Nova Scotia aufgenommen, die einen Meeresbiologen sucht.«

»Nova Scotia?« Ich starrte ihn an, völlig entgeistert von dieser Nachricht. »Kanada? Du willst doch wohl nicht allen Ernstes nach Kanada ziehen?«

»Es ist noch nichts entschieden. Ich habe nur gedacht, dass…«

»Stopp!« Ich presste die Hände auf die Ohren. »Sag einfach gar nichts mehr.«

Das war zu viel.

Und ging zu schnell.

Ich stürmte an Kit vorbei, die Treppe hinauf, in mein Zimmer.

Knallte die Tür zu.

Sekunden nachdem mein Gesicht auf dem Kissen aufschlug, begannen die Tränen zu fließen.

KAPITEL 4

Aber mein Selbstmitleid währte nicht lange.

Ich sprang auf, fuhr meinen Mac hoch und brachte binnen Sekunden iFollow zum Laufen.

Ich brauchte die anderen Virals. Und zwar sofort.

Mit iFollow kann man sich online zu Gruppen zusammenschließen. Wenn man sich von einem Smartphone aus einloggt, denn markiert die App den Standort jedes Gruppenmitglieds auf einem Stadtplan. Außerdem bietet das Programm einen gemeinsamen Datenzugriff sowie andere nützliche Funktionen. Echt der Hammer.

Wir benutzen es immer noch, trotz allem. Notfalls müssen wir in der Lage sein, uns gegenseitig zu lokalisieren. Aufeinander achtzugeben.

Ich schaute mir den Plan an, postete eine Nachricht und schaltete auf Videokonferenz.

Wartete ab.

Shelton erschien als Erster auf meinem Bildschirm. Sein Kopf bewegte sich so ruckartig hin und her, dass mir beim Zuschauen fast übel wurde. Im Hintergrund brummte ein Motor.

Ein Blick auf das GPS bestätigte meine Vermutung. Ein roter Ring zeigte an, dass sich Shelton vor der Küste von Morris Island befand und sich langsam in nördliche Richtung bewegte. Er hatte die FaceTime-Funktion seines iPhones aktiviert.

»Hast du schon gehört?«, rief er mit panischer Stimme.

»Ja. Wo bist du?«

»Auf dem Shuttleboot.« Seine Stimme schraubte sich in immer größere Höhen. »Alle im LIRI sind gefeuert! Hat mein Vater gerade erzählt.«

»Ich weiß. Kit hat dasselbe gesagt.«

Mein letzter Hoffnungsschimmer war erloschen. Ich hatte die vage Hoffnung gehabt, dass Kit die Sache falsch verstanden oder unnötig dramatisiert haben könnte. Doch Shelton bestätigte die schreckliche Wahrheit.

»Was sollen wir jetzt machen?« Shelton zog sich am Ohrläppchen, ein nervöser Tick. »Wir müssen alle wegziehen.«

Ehe ich etwas entgegnen konnte, teilte sich mein Bildschirm in drei Teile. Hi erschien ganz links, eingerahmt von den Wänden seines Schlafzimmers. Er sah so erregt und verschwitzt aus, dass er zu seinem Computer gelaufen sein musste.

»Oh, Scheiße, ihr wisst auch schon Bescheid?«

Schweres Schnaufen.

Ich schüttelte ratlos den Kopf. Schon lange hatte ich mich nicht mehr so ohnmächtig gefühlt. Seit dem Tod meiner Mom.

»Habt ihr auch die Details mitgekriegt?«, fragte Hi.

»Welche Details?« Neue Ängste ergriffen von mir Besitz.

»Meinem Dad zufolge geht es um weit mehr als den Etat der Uni. Das betrifft den ganzen Bundesstaat. Die Regierung will sich offenbar von Grundbesitz trennen, der als nicht so wichtig erachtet wird.«

»Was soll das bedeuten?«, fragte Shelton.

»Dass Loggerhead Island vielleicht verpachtet oder verkauft wird. Die Bauindustrie ist doch schon seit Jahrzehnten scharf auf die Strände.«

»Das können sie doch nicht machen!«, rief ich aus.

»Aber klar«, entgegnete Hi. »Mein Dad hat einen Freund in Columbia angerufen, der sagt, dass der Deal bereits ausgehandelt wird.«

»Muss darüber nicht erst mal abgestimmt werden?«, fragte Shelton. »Schließlich ist Loggerhead öffentliches Eigentum.«

Hi schüttelte den Kopf. »Die Uni hat das Verfügungsrecht und der Staat ist bereits bevollmächtigt, den Verkauf in die Wege zu leiten. Das kann jederzeit über die Bühne gehen.«

»Wenn man den ganzen Wirbel bedenkt, den es in letzter Zeit gegeben hat, dann schlägt der Staat zwei Fliegen mit einer Klappe.« Ich ballte die Fäuste. »Scheiß Presse!«

»Es kommt noch schlimmer«, fuhr Hi fort. »Die haben vielleicht auch Morris Island auf der Liste.«

»Nie im Leben!« Ich konnte es nicht glauben.

»Aber denk doch mal nach«, beharrte Hi. »Morris ist noch viel interessanter als Loggerhead. Es liegt näher an Charleston, hat eine Straße und ist dreimal so groß.«

»Und da Morris ebenfalls von der Uni verwaltet wird«, folgerte Shelton, »können sie es da genauso machen. Cleverer Deal. Dreckskerle!«

»Wo jetzt unser Bunker ist, werden dann Eigentumswohnungen sein«, brummte Hi. »Damit fette Rentner aus Hoboken am Pool liegen und sich bräunen können.«

»Gottverdammte Scheiße!« Blasphemie– na und? Meine Welt– meine neue Welt, die ich mir so mühsam aufgebaut hatte– lag in Scherben.

Mein Bildschirm teilte sich in vier Rechtecke auf. Ben saß im Hobbyraum seines Vaters auf dem Sofa und machte ein finsteres Gesicht.

»Schon gehört?«, fragte Shelton.

Ben nickte kurz.

»Was wird aus Whisper und ihrem Rudel?«, fragte ich. »Oder aus den Meeresschildkröten? Auf Loggerhead leben ungefähr 500 Rhesusaffen. Was wird aus denen?«

Niemand sagte ein Wort.

Die ehrlichen Antworten wären zu schrecklich gewesen.

»Die Meeresschildkröten stehen unter Artenschutz«, sagte Hi schließlich, »aber Whisper und ihre Familie sollten natürlich gar nicht auf Loggerhead leben. Und mit den Affen lässt sich vermutlich ein Riesengeschäft machen. Die könnte man verkaufen, sogar an medizinische Forschungseinrichtungen.«

Tränen brannten hinter meinen Lidern. Ich hielt sie zurück. Heulen brachte uns auch nicht weiter.

»Meine Eltern sagen, dass wir von hier wegziehen müssen«, sagte Shelton leise. »Die sehen sich schon nach neuen Jobs um.«

»Meine auch«, sagte Hi. »Ich hasse jede Veränderung.«

Ich verdrehte die Augen. »Kit nimmt vielleicht eine Stelle in Nova Scotia an.«

»In Kanada?« Hi begann zu kichern, trotz allem. »Na, dann viel Spaß bei den Elchen.«

»Sehr komisch.« Überraschenderweise musste ich auch kichern. Jedenfalls hatte ich meine Freunde.

Noch.

»Wir werden nicht zulassen, dass sie uns auseinanderbringen.« Bens erste Worte. Auf dem Monitor sah ich, wie er mir seinen Zeigefinger entgegenstreckte. »Du hast gesagt, wir sind eine Familie. Ein Rudel.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Ein Rudel hält immer zusammen, stimmt’s?«

Ich war überrascht. Für Bens Verhältnisse war das eine flammende Rede.

»Er hat recht«, sagte Hi. »Ich kann es nicht riskieren, mir neue Freunde suchen zu müssen. Ist nicht gerade meine Stärke. Außerdem, wo finde ich schon so Freaks wie euch mit Gendefekt und Superkräften?«

»Ganz zu schweigen von der Gefahr, in der wir uns befinden«, fügte Shelton hinzu. »Wir wissen ja nicht, was eigentlich mit uns los ist und was uns noch bevorsteht. Ich weiß nicht, wie’s euch geht, aber ich komme mit diesen Schüben nicht alleine klar.«

Heftiges Nicken von Hi. »Und ich lasse mich nicht wie eine Laborratte sezieren. Ich verlass mich auf euch!«

Dann, wie auf Kommando, richteten sich alle Blicke auf den Bildschirm und starrten mich an.

Warum gerade ich? Ich war die Jüngste. Das einzige Mädchen.

Andererseits war ich vollkommen einer Meinung mit ihnen.

Wenn ich hier diejenige war, die die Führung übernehmen sollte, dann würde ich das auch tun.

Nicht mit uns!

»Wir brauchen einen Plan«, sagte ich. »Und zwar schnell.«

KAPITEL 5

Ich hatte mein Französisch-Projekt völlig aus den Augen verloren. Die Präsentation zum Jahresabschluss, die ein Drittel der Note ausmachte. Ich war überhaupt nicht vorbereitet. Jetzt stand ich also vor der Klasse, fühlte einen Anflug von Panik und musste irgendeinen Anfang finden.

Doch nicht einmal die einfachsten Wörter fielen mir ein. Als hätte ich diese Sprache nie gehört. Ich trat von einem Bein auf das andere und dachte fieberhaft nach.

Je m’appelle Tory. Parlez-vous français?

Wie hatte ich nur so nachlässig sein können? So würde ich niemals bestehen. Mein ganzes Zeugnis war im Eimer. Meine Hochschulzulassung? Alles den Bach runter.

Ein Kichern lief durch die Stuhlreihen. Grinsen. Unterdrücktes Gelächter. Verwirrt blickte ich zu Boden.

Ich trug Mums alten Badeanzug, einen heruntergekommenen Einteiler mit einer abgesteppten Applikation an der Hüfte. Unmodischer hätte ich nicht angezogen sein können. Unpassender auch nicht.

Gedemütigt versuchte ich, meine Blöße zu bedecken. Mit den Händen. Meinem Buch. Meine Wangen brannten.

Wo sind meine Kleider!?!

Meine Mitschüler trommelten johlend auf die Tische. Hiram. Shelton. Jason. Sogar Ben. Ganz hinten standen Chance Claybourne und Dr. Karsten mit finsteren Gesichtern.

Das war zu viel, ich konnte es nicht mehr ertragen. Ich rannte aus der Tür, jagte blindlings davon.

Ich bog um die Ecke und befand mich auf einmal in einem dunklen, engen Gang. Ein seltsamer Geruch ließ mich innehalten. Nach Moschus, Holzspänen, frischer Erde. Verwirrt hielt ich nach der Quelle des Geruchs Ausschau.

Die Garderobenschränke an der Wand begannen zu klappern. Türen wölbten sich nach außen und sprangen auf. Hunderte von Hühnern drängten heraus. Sie schlugen gackernd mit den Flügeln und hackten nach meinen Füßen. Der Lärm war ohrenbetäubend.

Wohin konnte ich mich flüchten? Was sollte ich tun?

Die Hühner bedrängten mich immer mehr. Ihre Knopfaugen fixierten meine Kehle.

Adrenalin wurde kübelweise ausgeschüttet. Und noch etwas anderes.

Ein roter Schleier schob sich vor meine Augen. Mein Gehirn dehnte sich aus und zog sich im nächsten Moment konzentriert zusammen. Ich zitterte unkontrolliert.

Auf meinen Armen und Beinen wuchs ein Fell. Meine Hände verwandelten sich in Pfoten.

Oh nein! Nein, nein, nein!

Aus meinen Fingernägeln wurden Krallen. Ein leises Knurren drang tief aus meiner Kehle.

Ein Wolf nahm Gestalt an.

Diesmal von Kopf bis Fuß.

Eine Hand schloss sich um meine Schulter. Erschrocken fuhr ich herum und stieß die Person weg. Sie stürzte zu Boden.

Kit starrte mich perplex an. Er trug einen Smoking, der jetzt voller Fettflecken und Federn war.

»Tory, ich hab Frühstück gemacht!«, rief er.

Ich schüttelte den Kopf, verständnislos, begann zu hecheln.

Er kann mich sehen! Kit erkennt meine wahre Gestalt!

Entsetzt heulte ich auf.

»Tory! Frühstück!«

Ich saß kerzengrade im Bett. Kits Stimme strapazierte mein Trommelfell. Ich hörte das Brutzeln von Speck und roch verbrannten Toast.

Ah.

Ein Traum. Ein grauenhafter, gottverdammter Traum. Ich hab doch nicht mal Französisch. Hablo español.

Ich rieb mir mit den Handballen die Augen, versuchte den Albtraum fortzuwischen. In Schweiß gebadet, mit vor Verspannung schmerzenden Lendenwirbeln, fühlte ich mich erschöpfter denn je.

»Tory! Jetzt komm runter!«

Ächz.

Ich warf die Decke zur Seite und stapfte ins Badezimmer. Ein bisschen Wasser ins Gesicht, Zähneputzen, Mund ausspülen, kämmen, fertig. Ich trottete die Treppe hinunter.

Schock!

Kit hatte den Tisch gedeckt. Platzdecken, Silberbesteck, Stoffservietten. Gläser mit Eiswasser und Orangensaft. Randvolle Teller mit Eiern und Speck, Würstchen, Pasteten und Maisgrütze. Kit hatte sogar einen Krug mit Milch kalt gestellt.

Hier wurde eindeutig überkompensiert.

»Hat heute jemand Geburtstag?«, fragte ich.

»Nö. Hab nur gedacht, es ist höchste Zeit, dass ich meine Tochter ordentlich ernähre. Toast ist gleich fertig. Die ersten Scheiben wollten nicht so wie ich.«

Cooper verfolgte jede von Kits Bewegungen. Hoffnungsvoll. Er schaute zu mir herüber, als ich die Küche betrat, bellte einmal kurz, bewegte sich aber nicht vom Fleck. Die verlockende menschliche Nahrung stellte meine Gegenwart deutlich in den Schatten.

»Muss wohl alles weg«, murmelte ich.

Coop ließ seine Beute in spe nicht aus den Augen.

»Der Köter weiß einen Meisterkoch zu würdigen«, bemerkte Kit und ließ ein Stück Speck auf den Boden fallen. Mit wedelndem Schwanz stürzte sich Coop darauf.

Ich schüttelte den Kopf. Das würde bestimmt nicht zum Standard werden. Aber was soll’s. Einem geschenkten Gaul… Ich ließ es mir schmecken.

Dreißig Minuten später hatte ich einen vollen Bauch und konnte mich kaum noch an meinen Albtraum erinnern.

»Ich bin den ganzen Tag bei der Arbeit«, sagte Kit, »aber ruf mich an, wenn du reden willst. Wird sich schon alles regeln.«

»Klar.«

»Ich meine es ernst.« Kit schaute mich an. »Ich habe heute Morgen eine Mail bekommen wegen einer anderen Stelle– und zwar in den USA.«

»Ist ja immerhin ein Fortschritt.«

»Liegt zwar nicht gleich um die Ecke, aber die Stelle ist viel besser als die andere. Wissenschaftlicher Berater eines großen Fischereiunternehmens. Super bezahlt.«

Meine Brauen wanderten nach oben. »Und wo?«

»Dutch Harbour, Alaska. Die Fotos im Internet sehen großartig aus. Eine herrliche Landschaft. Unberührte Natur.«

Meine Stirn knallte auf die Tischplatte. Nicht nur einmal.

Bäng, bäng, bäng.

»Da gibt es auch Wölfe«, fügte er lahm hinzu.

»Jetzt also Alaska!« Ich lehnte mich zurück.

»Stell dir nur mal das Abenteuer vor!« Kit lächelte, doch seine Augen verrieten, wie besorgt er war.

»Willst du mich verarschen? Sag einfach Ja.«

»Es ist noch nichts entschieden. Ich weiß nur, dass ihnen mein Lebenslauf gefallen hat.«

»Wie viel würde es kosten, das LIRI weiterzubetreiben?«

Ich hatte ausführlich darüber nachgedacht. Spendengelder? Sponsoren? Es musste doch Möglichkeiten geben.

Kit runzelte die Stirn. »Zehn Millionen im Jahr. Mindestens.«

Schluck.

»Können wir denn gar nichts tun? Unterschriftenaktionen? Bettelbriefe?«

Kit schüttelte den Kopf. »Der Betrag ist einfach zu hoch. Die Uni kann auf einen Schlag ihre Finanzen in den Griff kriegen und ein PR-Desaster vergessen machen. Für die ist das gar keine Frage.«

Stille. Es gab nichts mehr zu sagen.

Kit schnappte sich seine Schlüssel und ging zur Tür. Die Hand auf dem Knauf, drehte er sich noch einmal um.

»Kopf hoch, Kleine. Wir kriegen das schon hin, du wirst sehen.«

Damit war er verschwunden.

Kopf hoch– was sollte der Schwachsinn?

Coop trottete zu mir und stupste mich in die Handfläche. Ich kraulte ihm die Ohren, doch nicht einmal der Wolfshund konnte mich jetzt aufheitern.

Auf Loggerhead Island lebten so viele Tiere. Whisper, Polo und Buster. Die Rhesusaffenhorde. Eine jahrhundertealte Kolonie von Meeresschildkröten. Hunderte anderer Arten. Viele würden entwurzelt, vermutlich getötet werden. Und das alles, damit die Universität ein paar Dollar sparte.

Ich dachte an die Wissenschaftler des LIRI und all ihre Mitarbeiter. Alle würden ihren Job verlieren. Meine Freunde und ich in alle Winde verstreut werden. Unser Rudel wäre versprengt.

Genug.

Wir mussten das LIRI irgendwie am Leben erhalten. Loggerhead Island retten.

Es gab keine andere Möglichkeit.

Kit sagte, dazu wären Millionen nötig.

Und wenn schon.

Wir würden sie eben auftreiben.

Irgendwie.

KAPITEL 6

»Also, mit welcher Methode möchtet ihr von zu Hause aus einen Haufen Kohle scheffeln?«

Hi las von Karteikarten ab. Er trug ein weißes Button-Down-Hemd, eine marineblaue Ansteckkrawatte sowie eine hellbraune Freizeithose. Lässiger Chic. Er ließ seinen Blick über das Publikum schweifen, dann fuhr er mit seiner Präsentation fort.

»Wie wär’s mit Bargeld, Traumhäusern, Luxusreisen?«

Hi suchte nach interessierten Gesichtern, fand jedoch keines.

»Für den Scheiß hast du uns zusammengetrommelt?«, knurrte Shelton, bevor er sich wieder seinem Laptop zuwandte. »Ich war drauf und dran, die Homepage von Ben&Jerry’s zu hacken, als du angerufen hast. Wir hätten längst gratis Chunky Monkey in uns reinschaufeln können. Jetzt kann ich wieder von vorn anfangen.«

Nachdem ich die Küche aufgeräumt hatte, war ich mit Coop zum Bunker spaziert. Hi wollte, dass die Virals sich trafen. Mit einem mulmigen Gefühl wurde mir klar, warum.

Shelton und Ben kauerten auf dem Fensterabsatz und stellten identische Stirnfalten zur Schau. Ich saß auf dem wackligen Holzstuhl neben dem einzigen Tisch des Raumes. Coop hatte sich neben meinen Füßen zusammengerollt.

Die Einrichtung stammte nicht gerade aus einem Lifestylemagazin. Doch der mangelnde Komfort unseres Klubhauses wurde durch seine Abgeschiedenheit mehr als wettgemacht.

Zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs als Bestandteil der Verteidigungsanlagen zur See entstanden, hat unser Bunker einst die Nordspitze von Morris Island geschützt. Zwischen den Sandhügeln verborgen, kann man von hier aus die Hafeneinfahrt von Charleston im Auge behalten. Der massive Bunker aus Holz, der aus zwei Räumen besteht, ist von außen quasi unsichtbar.

Niemand erinnert sich mehr an seine Existenz. Dieser Ort ist unser sorgsam gehütetes Geheimnis.

Da Hi die beiden Zuhörer am Fenster offenbar nicht überzeugen konnte, versuchte er es mit einer Charmeoffensive bei mir.

»Und Sie, Miss? Was halten Sie davon, Ihr eigener Boss zu sein? In einem Monat mehr zu verdienen als die meisten Leute in einem Jahr?«

Mein Schnauben war Antwort genug.

Hi ließ sich nicht beirren. »Bereichern Sie unser Team bei Confederated Goods International. Auch Sie können Ihren Lebenstraum verwirklichen und…«– er machte eine rhetorische Pause und breitete seine Arme aus– »…Millionärin werden.«

Mit großer Geste öffnete er einen Aktenordner, der auf dem Tisch lag. Darin befanden sich einige ausgedruckte Fotos aus dem Internet.

Ich sah sie mir kurz an.

»Alles Yachten und Sportwagen. Was soll das?«, fragte ich.

»Total lächerlich!« Shelton klappte seinen Laptop zu und griff sich eines der Fotos heraus. »Silberhaarige Männer vor fetten Villen, die ihnen nicht gehören. Den Arm um Models gelegt, die sich nie mit ihnen abgeben würden.«

Shelton warf Ben den Ordner zu, der sich keine Mühe gab, ihn zu fangen. Die Ausdrucke segelten zu Boden.

»Nicht so stürmisch!« Hi fuhr rasch fort, indem er von einer neuen Karteikarte ablas. »Der Weg zu Glück und Erfolg ist vorgezeichnet, wenn Sie diese persönliche Zustimmungserklärung unterzeichnen!«

»Das ist doch die totale Abzocke.« Shelton nahm ein Blatt auf. »Zwanzig Seiten, und ich hab immer noch keine Ahnung, was diese Leute machen. Aber hier ist ein jpeg eines Diamantrings. Sehr überzeugend.«

»Na, ihr verkauft ihre Produkte oder so was«, erklärte Hi. »›Genauso gut wie die, die man in den Geschäften kaufen kann‹. Ich tätige eine kleine Investition und finde drei Leute, die für mich arbeiten. Dann finden diese Leute– also ihr– jeweils drei andere Leute und so weiter.«

»Das ist das Prinzip Kettenbrief, du Trottel«, sagte Ben grinsend. »Die totale Verarsche.«

Shelton schüttelte den Kopf. »Der älteste Trick der Welt.«

Hi schaute rasch seine Karteikarten durch und entschied sich für eine der letzten.

»Ich sehe, dass Sie noch ein wenig zögerlich sind, dieses neue Kapitel im Buch Ihres Lebens aufzuschlagen. Aber lassen Sie sich nicht vom Unbekannten abschrecken…«

Hi zuckte zusammen, als der Ordner nur Zentimeter über seinem Kopf dahinflog und an die Wand krachte. »Hey!«

Coop sprang sofort auf und knurrte in alle Richtungen. Ich legte ihm den Arm um den Hals, um ihn zu beruhigen.

»Na großartig!« Hi suchte seine verstreuten Papiere zusammen. »Ihr habt gerade unser gesamtes PR-Material zerstört.«

»Ups«, sagte Ben.

»Ehrlich, Hi, das ist die totale Abzocke.« Ich schnappte mir die letzten Seiten. »Diese Vom-Sofa-aus-zum-Millionär-Masche klappt doch nie.«

»Okay, okay.« Mit rotem Gesicht zog Hi seine Krawatte ab und zerrte sein Hemd aus der Hose. »Aber irgendwie müssen wir doch zu Geld kommen.«

»Wir müssen Geld verdienen«, sagte Ben, »statt es zum Fenster rauszuwerfen.«

»Und zwar jede Menge«, brummte ich, während ich Coops Rücken streichelte. »Millionen.«

Ich erzählte den anderen, was Kit beim Frühstück gesagt hatte. »Wie wär’s mit einem Banküberfall?« Hi kratzte sich am Kinn. »